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Aus:
Ausgabe vom 28.10.2017, Seite 2 / Ausland
Hurrikan »Maria« verheerte Puerto Rico, die Situation ist weiter
dramatisch. Viele Bewohner haben nicht mal Zugang zu sauberem Wasser.
Gespräch mit Oscar López Rivera
Interview: Roland Zschächner
Der Unabhängigkeitskämpfer Oscar Lópe Rivera bei der »Puerto Rican Day Parade« in New York (11. Juni)
Foto: Seth Wenig/AP/dpa
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Oscar López Rivera setzt
sich seit Jahrzehnten für die Unabhängigkeit Puerto Ricos von den USA
ein. Er war 35 Jahre eine politischer Gefangener in den USA
In
Puerto Rico hat der Hurrikan »Maria« Ende September schwere
Zerstörungen angerichtet. Seitdem ist gut ein Monat vergangen. Wie ist
derzeit die Situation im Land? Die Verhältnisse sind
schrecklich. Das Leben vieler Puertoricaner ist in Gefahr, denn das
Wasser ist verschmutzt. In ihm treiben tote Ratten und andere
Tierkadaver, dazu noch Fäkalien. Viele Menschen haben noch immer keinen
Zugang zu sauberem Trinkwasser; es könnte sogar eine Epidemie
ausbrechen. Auch nachdem der Hurrikan vorbeigezogen war, hörte es lange
nicht auf zu regnen. In der Folge ist in vielen Orten die
Stromversorgung noch immer nicht wiederhergestellt, die Kommunikation
zwischen den Landesteilen ist gestört oder zumindest erschwert.
Hat Puerto Rico humanitäre Hilfe erhalten?
Nicht
von den USA, auch wenn offiziell anderes verlautbart wird. Die
US-Katastrophenschutzbehörde ist in Puerto Rico eingetroffen. Doch ihre
einzige Maßnahme war es, alle Hilfsgüter zu beschlagnahmen, die unser
Land erreichen. Die Behörde erklärte, dass das notwendig sei. Die Güter
müssten gesammelt und dann gezielt verteilt werden. Doch darüber reden
sie nur, bei der Bevölkerung kommt nichts an.
Ich habe selbst
gesehen, wie Doktoren Hilfsgruppen organisierten und wie die Bevölkerung
versuchte, Schutt wegzuräumen. Es sind die Opfer der Katastrophe, die
nun alles wieder aufbauen. Doch ihnen fehlt das dafür nötige Material,
ihnen fehlt es an Nahrung und sauberem Wasser.
Welche Rolle spielt es dabei, dass Puerto Rico noch immer eine Kolonie der USA ist?
Eine große. Der Kolonialismus hat es uns unmöglich gemacht, Puerto
Rico eigenständig zu entwickeln. Am deutlichsten zeigt sich das an der
schwachen Wirtschaft unseres Landes. Wir durften nie einen eigenen
Binnenmarkt herausbilden. Dafür kommen US-Firmen in unser Land,
bemächtigen sich der Arbeitskraft unserer Bevölkerung und entziehen dem
Land das Geld, das dann zurück in die USA fließt. Wir sehen das jeden
Tag.
Ein Beispiel: Will ein ausländischer Investor ein Projekt in
Puerto Rico aufziehen, so wird er dazu noch mit Fördermitteln ermutigt.
Möchte sich hingegen ein Puertoricaner ein Haus kaufen, so muss er hohe
Steuern zahlen. Und so ist es bei allen anderen Dingen des täglichen
Gebrauchs.
Sie erwähnten bereits, dass die Wirtschaft
Ihres Landes unter der Situation leidet. Welche weiteren Auswirkungen
hat der Kolonialstatus Puerto Ricos?
Die
Bevölkerungszahl schwindet seit Jahren. Mittlerweile leben fünf
Millionen Puertoricaner außerhalb des Landes, gegenüber nur 3,4
Millionen, die dort wohnen. Tausende sind gezwungen, ihre Heimat zu
verlassen. Die wirtschaftliche Situation lässt ihnen keine andere Wahl.
Gerade für junge Menschen gibt es einfach keine Stellen. Die einzige
Möglichkeit, die ihnen bleibt, ist das Auswandern. Auch daran sieht man:
Der Kolonialismus ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit – wir
sind dessen Opfer.
Wie kann sich Puerto Rico dagegen zur Wehr setzen?
Wir
rufen die internationale Gemeinschaft dazu auf, sich in der
Generalversammlung der Vereinten Nationen unseres Falls anzunehmen – und
den Kolonialismus endlich zu beenden. Wir wollen in Würde leben und
nicht länger von einer fremden Macht beherrscht werden. Die UNO muss
eingreifen und die USA dazu zwingen, uns als eigenständige Nation
anzuerkennen. Wir können Puerto Rico allein entwickeln, dafür brauchen
wir nicht die USA und erst recht nicht eine US-Regierung, die uns ihren
Willen aufzwingt.
Hat die Präsidentschaft Donald Trumps die Situation beeinflusst?
Die
Lage ist noch schlimmer geworden. Trump repräsentiert die schlimmsten
Eigenschaften einer US-Regierung. Er ist ein Rassist, eine Person, die
keinen Respekt gegenüber anderen Menschen zeigt. Nur sich selbst schätzt
er – und das Kapital. Diese Regierung stellt eine Gefahr für die ganze
Welt dar, keine Nation sollte dem tatenlos zusehen.
Können Sie etwas genauer werden?
Trump
quetscht Puerto Rico weiter aus. Aktuell schlägt er vor, unserem Land
einen Kredit über vier Milliarden US-Dollar zu gewähren. Aber wir sind
bereits mit mehr als 70 Milliarden Dollar verschuldet. Dieses Darlehen
würde keine Hilfe für uns bedeuten. Es würde nur die drückende Last, die
auf Puerto Rico liegt, noch schwerer machen.