Venezuela: Sanktionen verschlimmern die Folgen des Erdbebens erheblich

Dienstag, 14. Juli 2026

 

Englische Originalversion (mit Links) unten

Sanktionen verschlimmern die Folgen des Erdbebens in Venezuela erheblich

von Mark Weisbrot


 

(11. Juli 2026) Nach aktuellen Regierungsangaben sind bei dem doppelten Erdbeben vom 24. Juni in Venezuela mehr als 3’800 Menschen ums Leben gekommen; 16’700 wurden verletzt. Für Tausende Überlebende ist eine medizinische Notlage entstanden, und 17’800 sind obdachlos.

Es gibt herzzerreissende Berichte von Menschen, die versuchen, Überlebende mit blossen Händen aus den Trümmern zu bergen. Dutzende Kinder mussten Amputationen erleiden, weil sie nicht rechtzeitig erreicht werden konnten.

In einer Zeit wie dieser sollten die VenezolanerInnen und die internationale Gemeinschaft nicht dafür kämpfen müssen, dass die Sanktionen aufgehoben werden, die die Wirtschaft des Landes zerstört haben und dessen Wiederaufbau behindern, und auch nicht dafür, dass das Land Zugang zu den Vermögenswerten im Wert von mehreren Milliarden Dollar erhält, die ihm zustehen. Doch genau das tun wir, weil die Rolle der Sanktionen und der eingefrorenen Vermögenswerte in der Öffentlichkeit viel zu wenig Beachtung gefunden hat.

Von 2012 bis 2020 erlebte Venezuela den wohl schwersten wirtschaftlichen Einbruch, der jemals in einer Depression ohne Krieg verzeichnet wurde. Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigen einen Rückgang des BIP um 74 Prozent in diesem Zeitraum. Das entspricht einem Einkommensverlust, der etwa dreimal so hoch ist wie der, den die Menschen hier in den Vereinigten Staaten während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre erlitten haben.

Dies war keine Naturkatastrophe wie ein Erdbeben, sondern eine von Menschen verursachte Katastrophe. Daten des IWF zeigen, dass 88 Prozent dieses Verlusts infolge der ab 2015 verhängten US-Wirtschaftssanktionen entstanden sind. Die Zerstörung beschleunigte sich durch die ab 2017 verhängten Trump-Sanktionen, die das Land von den meisten internationalen Finanzmärkten und anschliessend von der überwiegenden Mehrheit seiner Deviseneinnahmen abschnitten. Diese Schocks hätten fast jedes Land in eine schwere Krise gestürzt, und genau das ist auch geschehen – was der Welt vor Augen führte, wie Sanktionen eine Wirtschaft tatsächlich zerstören können.

Infolgedessen befand sich Venezuela bereits vor den Erdbeben in einer humanitären Krise. Nach Angaben der Europäischen Kommission benötigten vor Juni 2026 7,9 Millionen Menschen (bei einer Gesamtbevölkerung von 28,5 Millionen) humanitäre Hilfe. Vierzig Prozent der VenezolanerInnen waren von mässiger bis schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen, und etwa 56 Prozent der Bevölkerung lebten in extremer Armut. Sechsundachtzig Prozent waren auf verunreinigte Wasserquellen angewiesen.

Fast die Hälfte der ÄrztInnen Venezuelas sowie viele Fachkräfte im Gesundheitswesen und andere qualifizierte Arbeitskräfte – darunter 200’000 Lehrpersonen – verliessen das Land, als die Wirtschaft zusammenbrach.

Eine Studie, die ich gemeinsam mit Francisco Rodríguez und Silvio Rendón verfasst habe und deren Ergebnisse im vergangenen Juli in „The Lancet Global Health“ veröffentlicht wurden, schätzt, dass umfassende einseitige Sanktionen wie diese – von denen die überwiegende Mehrheit von den Vereinigten Staaten verhängt wird – jährlich zusätzlich 564’000 Todesfälle verursachen. Dies ist vergleichbar mit den Todesopfern, die weltweit durch bewaffnete Konflikte zu beklagen sind. Schätzungen zufolge entfiel ein Grossteil dieser Todesfälle auf Kinder unter fünf Jahren.

Die Sterblichkeitsrate unter den VenezolanerInnen stieg während der gesamten Wirtschaftskrise Venezuelas an, wobei es in den Jahren des durch Sanktionen bedingten wirtschaftlichen Zusammenbruchs (2015–20) zu mehr als 100’000 zusätzlichen Todesfällen kam.

Venezuela verfügt über wichtige Ressourcen, auf die es keinen Zugriff erhält. Die Vereinigten Staaten und Europa sperren dem Land den Zugang zu mehr als 11 Milliarden US-Dollar, die Venezuela rechtmässig zustehen. Etwa 4 Milliarden US-Dollar liegen bei der Bank of England; sie wurden dort von der venezolanischen Zentralbank im Rahmen einer von den Vereinigten Staaten angeführten Initiative zum Regimewechsel im Jahr 2019 eingefroren. Natürlich hat Grossbritannien kein Recht, diese Vermögenswerte, die Venezuela gehören, zu beschlagnahmen und zurückzuhalten.

Etwa 4,5 Milliarden US-Dollar liegen beim IWF in Form von internationalen Vermögenswerten (sogenannten Sonderziehungsrechten) vor; dies ist Venezuelas Anteil an einer Zuteilung, die den Mitgliedsländern im Jahr 2021 gewährt wurde. Der Zugriff darauf wurde im Rahmen des Drucks auf einen Regimewechsel gesperrt, doch die Vereinigten Staaten haben den Präsidenten Venezuelas im Januar abgesetzt und seitdem die derzeitige Regierung Venezuelas anerkannt. Der IWF folgte diesem Beispiel. Es ist jedoch unklar, wie viel von diesen Vermögenswerten Caracas nutzen kann und wann. Die VenezolanerInnen benötigen dieses Geld – und auch das Gold, das Grossbritannien verwahrt – sofort, um Leben zu retten, die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern und den Wiederaufbau voranzutreiben.

Es gibt noch einige Milliarden Dollar mehr, die von der Trump-Regierung einbehalten werden, obwohl eine Präsidialverordnung besagt, dass diese Gelder „Eigentum der Regierung Venezuelas darstellen“. Dabei handelt es sich um Barmittel aus dem Verkauf von venezolanischem Öl, über die die Trump-Regierung die Kontrolle übernommen hat.

Die Vereinten Nationen schätzen mittlerweile, dass der Wiederaufbau Venezuelas nach dem Erdbeben etwa 37 Milliarden US-Dollar kosten wird – eine für dieses Land enorme Summe, die 33 Prozent des aktuellen BIP entspricht. ÖkonomInnen und andere WissenschaftlerInnen haben die Aufhebung der „anhaltenden Wirtschafts- und Finanzsanktionen sowie des Einfrierens von Vermögenswerten“ gegen Venezuela und – im Rahmen eines Schuldenerlasses – die Beseitigung der „drückenden Schuldenlast“ gefordert.

Ein Ende der Wirtschaftssanktionen ist notwendig. Das US-Finanzministerium hat eine viermonatige Genehmigung für Erdbebenhilfe erteilt, doch das reicht bei weitem nicht aus. Die Zentralbank in Caracas unterliegt weiterhin Sanktionen, und diese werden den Wiederaufbau nach dem Erdbeben auch weiterhin behindern.

Es ist zudem gut dokumentiert, dass wichtige Finanztransaktionen und sogar Hilfsmassnahmen aufgrund der sogenannten „Overcompliance“ verhindert werden können. Banken, Finanzinstitute und andere Unternehmen vermeiden Transaktionen aufgrund realer und vermeintlicher Risiken durch Sanktionen, einschliesslich der Unklarheiten in den US-Verordnungen, die diese Sanktionen genehmigen.

Die grösste lebensrettende Massnahme in der nahen Zukunft des von Erdbeben heimgesuchten Venezuela wird darin bestehen, die wichtigsten Akteure der Welt – die Vereinigten Staaten zusammen mit ihren europäischen Partnern – dazu zu bewegen, den Zugang zu den Vermögenswerten Venezuelas in Milliardenhöhe nicht länger zu blockieren. Und zu verhindern, dass durch Wirtschaftssanktionen weiterer Schaden und weitere Todesopfer verursacht werden.

Denn so funktionieren diese Sanktionen tatsächlich. Sie zielen auf die Zivilbevölkerung ab und bestrafen sie, um ein politisches Ziel zu erreichen. Einst relativ selten, sind sie laut dem US-Finanzministerium mittlerweile zu einem „Mittel der ersten Wahl“ geworden – wahrscheinlich, weil die daraus resultierenden Todesopfer meist unsichtbar bleiben.

Doch jedes Jahr erkennen immer mehr Menschen, darunter auch Kongressabgeordnete, die wirtschaftliche Gewalt, die kollektive Bestrafung und die tödlichen menschlichen Folgen dieser Sanktionen und wehren sich dagegen. Je bekannter die Rechtswidrigkeit und die menschlichen Opfer dieser Sanktionen werden, desto mehr wird die US-Regierung gezwungen sein, sie aufzugeben.

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(Los Angeles Times) Sanctions Are Making Venezuela’s Earthquake Toll So Much Worse

By Mark Weisbrot

More than 3,800 people have died in Venezuela’s June 24 double earthquake, with 16,700 injured, according to current government reports. A medical crisis has emerged for thousands of survivors, and 17,800 are homeless.

There are heart-wrenching reports of people trying to dig survivors out of the rubble with their hands, with dozens of children suffering amputations because they could not be reached in time.

At a time like this, Venezuelans and the international community shouldn’t have to fight for an end to the sanctions that have destroyed the nation’s economy and that hobble its recovery, nor for the country to have access to the billions of dollars worth of assets that belong to it. But we do, because the role of sanctions and frozen assets has received far too little public attention.

From 2012 to 2020, Venezuela suffered what is likely the most severe economic contraction in a depression that has occurred without a war. Data from the International Monetary Fund (IMF) show a 74 percent decline in its GDP during that time. This is a loss of income about three times larger than what people here in the United States experienced during the Great Depression of the 1930s.

This was not a natural disaster like the earthquake, but a man-made one. IMF data show that 88 percent of this loss took place following US economic sanctions that began in 2015. The destruction accelerated with the Trump sanctions, starting in 2017, that cut the country off from most international finance and then from the vast majority of its foreign exchange earnings. These shocks would have pushed almost any country into a severe crisis, and that’s exactly what happened, demonstrating to the world how sanctions really could destroy an economy.

As a result, Venezuela was already facing a humanitarian crisis before the earthquakes hit. According to data from the European Commission, before June 2026 there were 7.9 million people (of a population of 28.5 million) who were in need of humanitarian assistance. Forty percent of Venezuelans were facing moderate to severe food insecurity, and about 56 percent of the population was in extreme poverty. Eighty-six percent were dependent on contaminated water sources.

Nearly half of Venezuela’s doctors, and many health professionals and other skilled workers — including 200,000 teachers — left the country as the economy fell apart.

A study I coauthored with Francisco Rodríguez and Silvio Rendón, with results published last July in The Lancet Global Health, estimated that broad unilateral sanctions like these — the vast majority of which are imposed by the United States — cause an additional 564,000 deaths annually. This is comparable to the lives lost worldwide due to armed conflict. A majority of these deaths were estimated to be among children under 5 years old.

The death rate among Venezuelans grew throughout Venezuela’s depression, with more than 100,000 additional deaths during the years (2015–20) of the economic collapse that had sanctions.

Venezuela has crucial resources that it is not being allowed to access. The United States and Europe are blocking the nation from more than $11 billion dollars that Venezuela should legally have. About $4 billion is sitting at the Bank of England; it was frozen there from Venezuela’s Central Bank as part of a regime change effort in 2019 led by the United States. Of course the UK has no right to seize and hold these assets that belong to Venezuela.

About $4.5 billion is at the IMF in the form of international assets (called Special Drawing Rights), Venezuela’s share of an allocation made to member countries in 2021. Access was blocked as part of pressure for a regime change, but the United States removed the president of Venezuela in January and has since recognized the current government of Venezuela. The IMF followed. But it is not clear how much of these assets Caracas will be able to use, and when. Venezuelans need this money — and also the gold that the UK is holding — right now in order to save lives, avoid the spread of disease, and rebuild.

There are some billions of dollars more that are being held by the Trump administration, despite an executive order stating that these funds “constitute property of the Government of Venezuela.” This is cash from the sale of Venezuela’s oil, over which the Trump administration has taken control.

The United Nations now estimates that the post-earthquake reconstruction of Venezuela will cost about $37 billion, which is an enormous sum for this country, 33 percent of current GDP. Economists and other scholars have called for the lifting of Venezuela’s “ongoing economic and financial sanctions, asset freezes” and, via a debt jubilee, “onerous debt burdens.”

An end to the economic sanctions is needed. The US Treasury has issued a license for four months that allows for earthquake relief, but that is not nearly enough. The Central Bank in Caracas is still under sanctions and these will continue to interfere with the post-earthquake recovery.

It is also well-documented that important financial transactions and even relief work can be prevented because of what is called “overcompliance.” Banks, financial institutions, and other companies avoid transactions because of real and perceived risk from sanctions, including the ambiguity of the US executive orders that authorize them.

The largest life-saving action in the near future of post-earthquake Venezuela will come from getting the biggest players in the world — the United States along with its European partners — to stop blocking access to Venezuela’s billions of dollars of assets. And to stop causing further damage and loss of life through economic sanctions.

That is how these sanctions actually work. They target and punish the civilian population in pursuit of a political goal. Once relatively rare, they have become a “tool of first resort,” according to the US Treasury — probably because the resulting fatalities are mostly unseen.

But more people each year, including members of Congress, are recognizing the economic violence, collective punishment, and lethal human consequences of these sanctions and are pushing back. As the illegality and human toll of these sanctions become more widely known, the US government will be increasingly forced to abandon them.

Mark Weisbrot is co-director of the Center for Economic and Policy Research and the author of “Failed: What the ‘Experts’ Got Wrong About the Global Economy.”

 

 

 

 

 

 

 

Venezuela: Die Ruinen und die Erbärmlichen

Donnerstag, 9. Juli 2026

 (zas, 9.7.26) Zuerst eine auf Instagram publizierte Einschätzung von Óscar Schémel, Leiter des venezolanischen Meinungsforschungs- und Analyseunternehmens Hinterlaces, zur schrillen westlichen Desinformationswelle nach den Erdbeben vom 24. Juni:

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Oscar Schémel, Hinterlaces, 30 Juni 2026

Zurzeit treiben Laboratorien des psychosozialen Kriegs im Kontext einer Naturkatastrophe eine Desinformations- und Neurotisierungskampagne voran; sie basiert auf der gezielten Ausnutzung des kollektiven Traumas, um die psychosoziale Stabilität einer Bevölkerung zu brechen und die institutionelle Ordnung zu delegitimieren.

Es geht nicht nur um die Verbreitung von Fake News, sondern um eine Strategie des «psychologischen Kriegs», die auf eine Änderung der Wahrnehmung der Realität abzielt. In der Sozialpsychologie und in Informationsoperationen dient die Neurotisierung dem Prozess zur Herstellung von generalisierten Angstzuständen, Schutzlosigkeit, Verdächtigung und Verletzbarkeit der Bevölkerung.

Die Naturkatastrophe allein generiert ein Trauma (Verlust von Leben und Heim sowie Unsicherheit).

Die Desinformationskampagne nimmt diesen realen Schmerz und vergrössert ihn künstlich.

Ihr Ziel ist nicht, über ein Problem zu informieren, sondern eine negative Gefühlsstimmung (Frust, Wut, Unsicherheit) zu festigen, um den Bürger in einen Zustand der permanenten emotionalen Krise zu bringen.

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Nach den Erdbeben vom 24. Juni heizten die Mainstream-Medien im globalen Westen eine «humanitär» gekleidete Kampagne mit dem Ziel an, die chavistische Regierung zu delegitimieren. Sie benutzen dafür eine oft gemachte Erfahrung rund um den Globus: In Fällen höchster Not wie Umweltkatastrophen oder Kriegshorror stehen die Menschen zusammen. Ob in Gaza oder La Guaira (verwüstete Stadt nahe von Caracas): notfalls gräbt man mit blossen Händen nach Verschütteten. Du siehst es oft: Noch vor der Ambulanz sind die Nachbarn da, um zu helfen. Und leider nur zu oft stimmt : «Nur das Volk rettet das Volk.» (Wenn Regierungen wie die von Cuba mit Präventionsmassnahmen unzählige Menschenleben retten, findet sich dazu kaum je ein kleiner Hinweis in den westlichen Medien.)

Bestimmt sind heute Menschen, möglicherweise auch viele, in Venezuela über die Regierung ehrlich erbittert: Warum hat sie ihre Liebsten nicht sofort zu retten versucht, keine schweren Maschinen hergebracht, «nichts» gemacht? Sie werden zitiert. Viele andere Betroffene, die ebenfalls die spontane Solidarität der Menschen betonen, aber sich positiv oder auch nur nicht ablehnend zur Regierung äussern, finden dagegen kein Gehör.

Das Leiden der Leute legitimiert keine Propagandaapparate. Klar, viele Fragen zu den Geschehnissen sind noch unbeantwortet. Auch so ist die Linie im medialen Dauerhecheln klar erkennbar. Sie geht, bewusst oder wie gewohnt verdrängt, auf eine tiefe Empörung zurück, die vor bald 30 Jahren begann. Als nämlich in Venezuela die Botschaft von der Befreiung von imperialer Herrschaft und von einem Sozialismus des 21. Jahrhunderts aufkam.

Deshalb verwundert heute der mediale Einheitsbrei nicht. Er geht so: Die Regierung tut kaum was zur Linderung der Not; die Uniformierten stehen im Weg und vertreiben sich die Zeit mit Selfies; die Regierung militarisiert La Guaira, um freiwillige HelferInnen fern zu halten; sie sperrt den Luftraum, um die ausländische Hilfe nicht reinzulassen; einzig die (tatsächlich wertvollen) internationalen Hilfeteams und die Freiwilligen retten Menschen; die Repression nimmt zu; wird der Volksunmut die Regierung zu Fall bringen? Und nie fehlt: Die Folgen der Beben demaskieren Korruption und Misswirtschaft des Chavismus.



CH-Medien im Einsatz

Vor etlichen Tagen in der SRF-Tageschau: Es ging wie anderswo auch um eine angebliche Protestaktion von leidgeprüften AnwohnerInnen, als Delcy Rodríguez in eine hart getroffene Nachbarschaft in Caracas kam. Als Beleg für den Volksunmut dienten Aufnahmen der Präsidentin im besorgten Gespräch mit anderen Leuten, während der Journalist von ihrer schlechten Erfahrung berichtete. Kein Bild des angeblichen Protests.

Am nächsten Tag versichert eine Journalistin in Radio SRF: Die Soldaten stehen faul rum, einzig Privatpersonen versuchen zu helfen, schweres Gerät ist nirgends zu finden. Sie hatte recherchiert: Die Regierung hat einem südspanischen Rettungsteam die Einreise verweigert.

Am 28. Juni half der Sonntagsblick, die Ereignisse einzuordnen: «Zwar gehörte das ressourcenreiche Land bis vor zwei Jahrzehnten zu den wohlhabenden Staaten in Lateinamerika, doch die Misswirtschaft des sozialistischen Regimes hat Venezuela ruiniert.» Und weiter: In der Hauptstadt Caracas kam es am Freitagabend zu ersten Protesten gegen die Regierung, wie die Tageszeitung «El Nacional» schreibt. Der Grund: Die Behörden begrenzten die Registrierung von Freiwilligen, die die Sucharbeiten unterstützen wollen. Ebenfalls am Freitagabend schränkten die Behörden den Zugang zu La Guaira ein. Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez schickte am Freitag ausserdem 14’000 Soldaten in die Region. Kritische Stimmen sehen darin eine Vorbereitung des Regimes auf mögliche Aufstände.»

Sind alle mit dieser Botschaft zirkulierende Videos so wahrscheinlich gefakt wie das verlinkte des Rechtsblattes El Nacional? Du siehst darin Männer in Uniform, die von angeblich erbosten Einwohnern, vor allem einem als agent provocateur auftretenden Mann, angeflucht werden, sie sollten sich mal nützlich machen. Militärs also, die nach westlicher Darstellung eigentlich nichts anderes können als Drogen handeln und Leute umlegen. Versuch das mal bei einer Berner oder Zürcher Polizei.

Am 29. Juni verkündete SRF-Korrespondentin Teresa Delgado von der SRF: Aus La Guaira gibt es «Videobilder, die Konfrontationen zwischen Bevölkerung und Militärs zeigen. Der Zugang wurde teilweise stark kontrolliert, was bei der Bevölkerung für Unmut sorgte, besonders bei denen, die selber nach ihren verschütteten Angehörigen suchen wollten. Sie stören sich auch daran, dass die venezolanischen Soldaten vor allem herumzustehen und zu kontrollieren scheinen und nicht tatkräftig mit anpacken.»

Das fand am 1. Juli auch NZZ-Korrespondent Alexander Busch. Ein «internationaler Helfer» sagte ihm angeblich, «das Militär und das Sicherheitspersonal des venezolanischen Staates ‘stehen absolut nutzlos herum.’» Und «der venezolanische Staat spiele bei der Katastrophenhilfe fast keine Rolle, sagt ein Beteiligter, der anonym bleiben will».



Tatsächlich aber ...

Zu ein paar erwähnten Behauptungen:

La Guaira: Viele Leute eilten nach den Beben herbei, um in La Guaira zu helfen. Am Abend des 25. Juli flutete ein Video die Social Media mit der Warnung «amerikanischer Katastrophenämter» vor einem unmittelbar bevorstehenden Tsunami. Angst brach aus, Chaos, alle versuchten, durch den einzigen Tunnel raus aus der Küstenstadt La Guaira zu flüchten. Es gab bald kein Durchkommen mehr aus oder nach La Guaira. US-Behörden und die Regierung von Venezuela hatten die Meldung dementiert, doch das Laborvideo (s. Schémel oben) hatte schon gewirkt. Ein Helfer sagte, am nächsten Morgen sei La Guaira «entleert» gewesen. Deshalb ordnete die Regierung am nächsten Tag die «Militarisierung» in La Guaira an. Hilfe gelangte wieder in die Stadt. Von all dem kein Wort im Mainstream. 

La Guaira

 

Natürlich waren grosse Hilfskontingente von staatlichen Diensten von Beginn weg in La Guaira und in den anderen Katastrophengebieten im Einsatz. So die Regierungsinformationen und oft damit übereinstimmende Mitteilungen von Vertrauenspersonen im freiwilligen Einsatz. Eine Compañera, angesprochen auf Konflikte zwischen Bevölkerung und Sicherheitskräften, musste am Telefon lachen. Sie wusste davon aus den Social Media, aber nicht aus ihrer Erfahrung in La Guaira. Heisst das, dass es keine Wut- und Verzweiflungsausbrüche wegen mangelnder Hilfe gegeben hat? Natürlich nicht. Aber kaum entlang des propagierten Erklärungsschemas.

«Die unnütze Regierung»: Ein chaotisches Szenario bei der versuchten Rettung von Verschütteten wäre katastrophal gewesen. Wie Fachleute für Risikoeinschätzungen (Stabilität von Gebäuden, medizinische Notmassnahmen etc.) koordinieren? Wie verhindern, dass unerfahrene Engagierte in zusammenstürzenden Häusern (es gab ungefähr tausend Nachbeben) umkommen? Wie in Chaos und Verkehrsstau den Transport von Überlebenden ins Spital organisieren? Wie Notbehandlung von Verletzten garantieren? Wie die Obdachlosen (bis dato fast 18'000) unterbringen? Wie die bisher rund 10'000 Tonnen Nahrungsmittel und über 8 Millionen Liter Wasser einigermassen gerecht zuteilen?

Von der ersten Nacht an hat die Regierung Tausende Feuerwehr-, Zivilschutz-, Polizei-, Sanitäts- oder Armeemitgliedern in die Katastrophenzone geschickt (bis dato rund 29'500) und ihren Einsatz mit Fachkräften, Freiwilligen (über 28'000) und den ausländischen Rettungskräften koordiniert. In Rekordzeit richtete sie laut täglichen Angaben provisorische Auffanglager ein, bis dato 87, mit Kapazität für über 17'000 BewohnerInnen, alle mit Betten, garantierter Nahrungs- und Essensversorgung, medizinischer und psychologischer Betreuung. Fast 87'000 Familien wurden betreut, fast 26'000 PatientInnen behandelt.

Hilfe «verweigert». Die oben erwähnte Desinfo in Radio SRF vom Einreiseverbot eines spanischen Rettungsteams hatte die Journalistin nicht erfunden. Sie plapperte einfach nach, was in den rechten Echokammern gerade en vogue war. Warum also sollte sie nachfragen? Dann hätte sie bloss mitbekommen, dass das südspanische Team USAR 3 (Urban Search and Rescue) aus La Nucia ihre «Info» schon dementiert und darum gebeten hatte, in Zukunft seine eigenen Kommunikationskanäle zu konsultieren. Noch absurder waren die eine Weile zirkulierenden Meldungen, wonach die Regierung den Zugang der UNO-Rettungsequipen in Katastrophengebiete sabotiere. Am 2. Juli sagte Gianluca Rampolla, UNO-Koordinator in Venezuela: «Es gibt keine Zugangsbeschränkungen.» Zu den oft als verlogen bezeichneten Regierungsangaben zu Todesfällen meinte er: «Wir sind im Krisenzentrum und haben volles Vertrauen darauf, dass diese Zahlen genau sind». In Sachen Kritik an langsamen Rettungsoperationen verwies er auf die Unmöglichkeit, bei einer Katastrophe dieser Grösse überall gleichzeitig intervenieren zu können.



US-Militärpräsenz, Wiederaufbau

Washington hat Hilfeteams geschickt, vor allem aber Militärs. Laut den Mitteilungen des Southcom befinden sich aktuell etwa 2000 US-SoldatInnen allein in Venezuela. Laufend scheinen Truppen, Drohnen u. a. hinzuzukommen. kommen weitere Schiffe, Drohnen etc. hinzu. Von US-Rettungseinsätzen war selten zu hören, aber das Southcom nimmt in in Anspruch, Wichtiges zur Logistik der Hilfeoperationen beizutragen. So verfüge etwa das Navy-Schiff Fort Lauderdale im Hafen von La Guaira etwa über eine Bettenstation für medizinische Betreuung oder ein Gerät für die Abfertigung besonders schwerer Hilfslieferungen. Southcom-Kommandant Francis Donovan sagte: «Wir nutzen einige der gleichen Ressourcen, die wir auch zur Überwachung hemisphärischer Bedrohungen einsetzen würden, um nun sicherzustellen, dass die Strassen befahrbar sind und um zu wissen, wo sich die beschädigten Gebäude befinden» (Reuters, 1. Juli).

Wiederholt betont das Southcom, dass es sowohl im beschädigten internationalen Flughafen Simón Bolívar wie auch im Hafen von La Guaira Systeme für die Kontrolle der Luft- bzw. Schifffahrt einsetze. Die Regierung von Delcy Rodríguez hat Interpretationen, wonach die US-Armee damit den Flughafen kontrolliere, dementiert. Die offenbar wachsende Militärpräsenz der USA reicht natürlich nicht für eine Besetzung des Landes aus, dient aber zweifellos dazu, Vorgänge im Land in einem neuen Ausmass zu erfassen und zu beeinflussen. Das könnte sich im Kontext des anrollenden Wiederaufbaus auszahlen, denn da stehen sich zwei Konzepte gegenüber: Eines orientiert sich primär an den Bedürfnissen der Bevölkerung – als Beispiel sei nur die begonnene Untersuchung auf Benutzbarkeit aller Gebäude zuerst in den Erdbebenzonen, danach auch geplant für das ganze von Erdbeben bedrohte Land, genannt. Ein entgegengesetztes Konzept ist jenes des katastrophenkapitalistischen Aufbaus wie nach Wirbelstürmen in Zentralamerika oder nach der Invasion des Iraks. Da wird sich zeigen, ob der chavistische Versuch, mit der Tolerierung einer wachsenden US-Einflussnahme im Kontext des «flexiblen Realismus» - weniger regime change, mehr regime management -, um noch Schlimmeres zu vermeiden, Früchte tragen wird oder die Erdbebenhilfe (vergleichbar wie in Haiti 2010) die Besetzung definitiv dem US-Kommando zum Durchbruch hilft.

Die Ruinen und die Miserablen

Als die Erde in Venezuela bebte, sah der Imperialismus eine Chance dort, wo es nur Trümmer gab. Nach  Tausenden von Totenofferiert jetzt die gleiche Hand, die die Sanktionen verhängte, einen spaten, der ein Gewehr versteckt.


«Sanktionen» morden

Welches Medium verzichtet heute auf die Mitteilung, dass die Regierung zwar nicht an der Tektonik schuld sei, aber an deren Auswirkungen (Misswirtschaft!).

2015 wehrte sich Barack Obama mit Sanktionen gegen den «nationalen Notstand (…) wegen einer aussergewöhnlichen Bedrohung für die nationale Sicherheit»» durch Venezuela. Im August 2017 verschärfte Donald Trump das Sanktionsregime massiv, primär gegen die venezolanische Ölwirtschaft, aus der 96 Prozent der Exporteinnahmen stammten und damit der Grossteil des Staatshaushaltes und der Finanzierung der beeindruckenden sozialen Verbesserungen. In den 12 Monaten danach kam es zu einer von den Spitälern dokumentierten Übersterblichkeit von 40'000 Todesfällen. Als einzige erkennbare Ursache dafür machten Jeffrey Sachs, früher im Westen verehrt als neoliberaler Einpeitscher in Jeltzins Russland, und Mark Weisbrot vom progressiven Washingtoner Thinktank Center for Economic and Policy Studies (CEPR) die US-Sanktionen aus. Auf Januar 2019 eskalierte Trump das Wirtschaftskriegschema nochmals dramatisch. Nicht nur der Handel von US-Unternehmen mit venezolanischem Öl war verboten, sondern weltweit drohten «sekundäre» Sanktionen (insbesondere Rausschmiss aus dem internationalen Finanzsystem) allen unbotmässigen Regierungen und Unternehmen. Laut CEPR-Schätzungen kostete dieses, von Biden weitgehend beibehaltene Regime, mutmasslich das Leben von Hunderttausenden – wie stets in vergleichbaren Fällen zuvorderst von Kindern und Alten.

Die Auswirkungen des Wirtschaftskriegs waren dramatisch. Das Budget stürzte in den Keller; Betriebe gingen ein, Spitäler brachen zusammen; eine surreale Inflationsspirale dominierte den Alltag. Deutliche Hauptursache: Die Sanktionen. Laut IWF schrumpfte das BIP in 8 Jahren um 74 % (noch mehr als in den USA der great depression von 1929 bis 1939). Der Aussenhandel wurde auch für die privaten Nicht-Öl-Unternehmen weitgehend unmöglich, da die Zentralbank, über die der Staat und die Privaten ihren internationalen Zahlungsverkehr abwickelten, per Sanktionen vom internationalen Finanznetz abgeschnitten war. Die Unternehmen konnten zwar über zuvor im Ausland deponierte Devisen verfügen, aber keine Gewinne ins Land transferieren. Die venezolanische Währung verlor damit immer rasanter an Wert gegenüber dem Dollar. Ein wichtiger Grund für die Hyperinflation.

Ab wann explodierte die venezolanische Emigration? Ab 2017. No see, no hear im Mainstream. Dafür flossen Krokodilstränen für die Flüchtlinge vor Unterdrückung und Elend. Nicht für die dem Ertrinken im Mittelmeer oder dem Verdursten im Sahel Preisgegebenen.

Bis heute hat sich am US-Sanktionstreiben gegen die Menschen in Venezuela so gut wie nichts geändert. Deshalb sind auch venezolanische Staatsguthaben im Ausland weiter Raubgut. Da wären die ca. $ 5 Milliarden an Goldreserven in der britischen Zentralbank, die $ 1 Milliarde im portugiesischen Banco Novo, die $ 5 Milliarden IWF-Sonderziehungsrechte, die Venezuela zustehen und die der IWF auch während der Covid-Pandemie nicht herausgerückt hat. Würde dieses Staatsgeld heute in der neuen Not der Regierung zur Verfügung stehen, wäre ihre Aufgabe schon einiges leichter.

Pero no!

Die EU hat sich den US-Sanktionen gegen Venezuela angeschlossen, die Schweiz schloss sich jenen der EU an. Seit 2018 (die ersten 40'000 Opfer der Sanktionen starben in jener Zeit) sperrt die Schweiz fast Fr. 700 Millionen.


Und die Zukunft?

Die Rechte (der faschistische und der andere Flügel zusammen) hat in Venezuela eine unbestreitbare Stärke. Viele Menschen waren von den brutalen Lebensbedingungen ausgelaugt und konnten vielleicht in den letzten Jahren wieder etwas Hoffnung schöpfen. Die Erdbeben werden vielleicht alte Zustände der Hoffnungslosigkeit wachrufen. Kombiniert mit den schweren ökonomischen Folgen (erste Schätzungen gehen von einem Wirtschaftseinbruch von 10 Prozent aus) und der am Grundmisstrauen gegen jede Regierung da oben anknüpfenden Neurotisierungskampagne können viele dazu bringen, ein US-Protektorat im Land bei vermeintlich stabilen Lebensbedingungen als bessere Lösung zu akzeptieren. Umgekehrt kann gerade die offenbar sinnvolle und ruhige Art der chavistischen Hilfe Viele neu motivieren.