Ein Gespräch mit Nora Leiva Narciso und Marco Antonio Figueroa, die beide
in der URNG-Guerilla gekämpft hatten, zu Geschichte und Aktualität Widerstands.
Edith Bitschnau, Anita Escher*
(Ein Überblick über die jüngere
Geschichte, eine Erläuterung zu den im Gespräch erwähnten 48 Kantonen und eine
Angabe zu einem Mittel der Kolonialverwaltung im Krieg folgen am Schluss des
Interviews.)
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| Nora Leiva und Marco Antonio Figueroa |
Nach dem Militärputsch 1954 gegen den gewählten Präsidenten Jacobo Arbenz begann eine Phase autoritärer
Militärregimes in Guatemala. Die CIA spielte dabei eine entscheidende Rolle. Es
wurden nicht nur Söldner bewaffnet, psychologische Kriegsführung angewendet und
die Armee gespalten, sondern teils flogen auch US-Piloten Angriffe auf Guatemala-Stadt. Insbesondere die
von Arbenz eingeführte Landreform bedrohte die wirtschaftlichen Interessen der
US-amerikanischen United Fruit Company (heute Chiquita). Nach dem Putsch 1954 wurde
die Agrarreform wieder rückgängig gemacht und die indigene, gewerkschaftliche
und studentische Bewegung jahrzehntelang brutal verfolgt. Die Macht lag in den
Händen militärischer und wirtschaftlicher Eliten, die eng mit US-Interessen
verbunden waren. Der Staat setzte systematisch Terror als Herrschaftsmittel
ein, darunter Verschleppungen,
aussergerichtliche Hinrichtungen und Folter. Vor diesem Hintergrund kamen
die sozialen Bewegungen in den 1960er-Jahren zu dem Schluss, dass der bewaffnete Kampf der einzige Weg war, um
grundlegende strukturelle Veränderungen herbeizuführen. Die
Guerrillaorganisationen kämpften während 36 Jahren gegen die Militärdiktaturen
in Guatemala und den Genozid, der sich gegen die indigenen Maya-Völker
richtete.
Widerspruch: Könnt Ihr Euch kurz
vorstellen?
Nora Leiva: Mein Name ist Nora Leiva, ich bin Guatemaltekin und seit jeher
politisch links orientiert.
Marco Antonio Figueroa: Mein Name ist Marco Antonio Figueroa. Wie Nora schloss ich mich zu Beginn der
1980er-Jahre dem politischen Kampf und dem bewaffneten Konflikt an. Wir waren
direkt an den Ereignissen der 1980er- und 1990er-Jahre, die schliesslich zur
Unterzeichnung der Friedensabkommen führten. Unsere gesamte Erfahrung entstand
im Kontext der Guerillabewegung und war für uns von prägender Bedeutung.
Heute sind wir Mitglieder der Guatemaltekischen Vereinigung
von Menschen mit Behinderungen (Asociacion Guatemalteca de Personas con
Discapacidad por Causa del Conflicto, AGPD). Wir beide leben mit einer
Behinderung als Folge des bewaffneten Konflikts.
Widerspruch: Wie lässt sich erklären, dass nach den Präsidentschaftswahlen 2023 so viele
Menschen auf die Strasse gegangen sind?
MAF: Der
Regierungswechsel in Guatemala wurde staatlichen Instanzen zu behindert. Allen
voran nutzte die Staatsanwaltschaft ihre Macht, um Vorwände zu konstruieren und
nicht nur den Amtsantritt des gewählten Präsidenten Bernardo Arévalo zu
blockieren, sondern den gesamten Übergangsprozess zu sabotieren.
Bereits vor den Wahlen wurde ein
polarisierendes Narrativ aufgebaut, sodass die Wahl von vielen als Entscheidung
zwischen einem Bruch mit Korruption und Straflosigkeit einerseits und der
Fortsetzung bestehender Machtverhältnisse andererseits wahrgenommen wurde.
Entsprechend entschieden sich viele Wähler:innen bewusst für jene Kräfte, die
einen entschiedenen Kampf gegen Korruption versprachen. Nach der Wahl
blockierten jedoch gerade jene staatlichen Institutionen, die als Teil dieses
bestehenden korrupten Systems galten, darunter die Staatsanwaltschaft, der
Oberste Gerichtshof und das Verfassungsgericht, aktiv den Regierungswechsel.
Diese institutionelle Blockade war der
Auslöser für eine breite gesellschaftliche Mobilisierung. Besonders der Aufruf
der indigenen Organisation «48 Kantone von Totonicapán», ein Verfahren gegen
die Generalstaatsanwältin einzuleiten, gab den Protesten eine klare politische
Richtung. In der Folge entstand eine landesweite Bewegung, in der sich Menschen
aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen für die Verteidigung des
demokratischen Übergangs und einen ordnungsgemässen Regierungswechsel engagierten.
WSP: Warum gingen die ersten Initiativen von den 48 Kantonen aus, und weshalb folgten ihnen so viele
unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, gerade in einem postelektoralen
Kontext?
NL: Die 48 Kantone
sind eine historisch anerkannte indigene Autorität mit rechtlicher Autonomie
und klarer Organisation. Sie geniessen grosse Legitimität. Ihr Aufruf richtete
sich gegen Korruption und gegen das, was in Guatemala als «Pakt der Korrupten»
bezeichnet wird.
Indem die 48 Kantone diese Problematik klar
benannten, gelang es ihnen, breite Teile der Gesellschaft zu erreichen. Schritt
für Schritt schlossen sich immer mehr Gruppen an: bäuerliche Gemeinden,
indigene Organisationen, Arbeiter:innen, religiöse Gruppen, Studierende. Das setzte
die Institutionen unter Druck, den Übergangsprozess nach den Wahlen 2023
schliesslich zuzulassen.
MAF: Wir verstehen die
Mobilisierung der Menschen nach dem Wahlausgang 2023 im Zusammenhang der
politischen Entwicklung nach den Friedensabkommen (1996) in Guatemala. Die
Friedensabkommen waren einst eine Phase der Hoffnung: Politische Beteiligung
schien möglich, ohne Repression befürchten zu müssen. Doch die darauffolgenden
Regierungen sabotierten das das systematisch. Unter Präsident Giammattei wurden
mit einem Federstrich zentrale Institutionen abgeschafft, die zur Umsetzung der
Friedensabkommen geschaffen worden waren. Die historische Erinnerung an
demokratische Reformprozesse – wie unter den beiden Präsidenten Juan José
Arévalo und Jacobo Árbenz – und deren gewaltsame Beendigung durch den von den
USA unterstützten Putsch von 1954 verstärkten damals das Gefühl, dass erneut
eine Hoffnung zerstört wurde.
NL: Die
postelektorale Bewegung war spontan und entstand als unmittelbare Reaktion auf
die offensichtliche Straflosigkeit, mit der die Staatsanwaltschaft handelte. Je
deutlicher wurde, dass illegale und widersprüchliche Massnahmen eingesetzt
wurden, um das Wahlergebnis rückgängig zu machen, desto mehr wuchs der
Widerstand. Die Mobilisierung entwickelte sich schrittweise, parallel zur
Eskalation dieser institutionellen Willkür.
MAF: Die Reaktion kam
aus der gesamten Bevölkerung. Als die 48 Kantone mit einer entschiedenen
Haltung auftraten, schlossen sich indigene Gemeinschaften aus anderen Regionen
an, ebenso wie viele Menschen aus den Städten. Diese breite Solidarität war
beeindruckend.
WSP: Wofür und mit welchen Mitteln kämpft die Bevölkerung heute? Sind es eher
lokale oder regionale Kämpfe? Und wie ist die Beteiligung junger Menschen?
MAF: Um das zu
verstehen, muss man auf das Jahr 2015 zurückblicken. Damals gab es eine
landesweite Mobilisierung gegen die Regierung von Otto Pérez Molina, die
schliesslich zu deren Rücktritt führte. Doch diese Bewegung wurde gezielt durch
das Eingreifen der US-Botschaft und der guatemaltekischen Wirtschaftselite
(CACIF) neutralisiert. Sie beteiligten sich an den Demonstrationen nicht, um zu
unterstützen, sondern um die Bewegung zu kontrollieren und eine Radikalisierung
zu verhindern. Was ihnen gelang. Die Folgen sind bis heute spürbar: Statt einer
geeinten sozialen Bewegung gibt es fragmentierte, lokale Kämpfe. Besonders im
ländlichen Raum ist der Widerstand stärker als in den Städten. Diese Spaltung
ist ein strategischer Erfolg der damaligen Interventionen.
In diesem Kontext entstand die politische
Bewegung Semilla (Saat), die heutige Regierungspartei. Viele Menschen wählten
sie, weil sie sich gegen Korruption positionierte.
NL: Es gibt weiterhin
territoriale Kämpfe, vor allem gegen Bergbauprojekte und für den Schutz des
Wassers. Die entsprechenden Lizenzen wurden lediglich ausgesetzt, nicht
aufgehoben. Es besteht die Sorge, dass sie künftig wieder aktiviert werden.
WSP: Wie ist die Beteiligung von Jugendlichen und Frauen?
NL: Jugendliche
beteiligen sich, oft beeinflusst durch ältere Generationen, die frühere
Repression erlebt und überlebt haben. Auffällig ist die starke Präsenz von
Frauen bei Demonstrationen, in Versammlungen und in lokalen Organisationen. In
vielen Regionen sind sie die treibende Kraft.
MAF: Die Beteiligung
junger Menschen könnte grösser sein. Viele sind politisch entfremdet, was das
Ergebnis einer langfristigen Strategie ist, soziale Bewegungen zu schwächen. Es
braucht bewusste Bildungs- und Sensibilisierungsprozesse, um sie wieder einzubeziehen.
Heute engagieren sich Jugendliche in ländlichen Regionen stärker als jene in
urbanen.
WSP: In ländlichen Gebieten gibt es trotz der traumatischen Geschichte der
Repression weiterhin intensive Kämpfe, oft mit Polizei- und Militäreinsätzen.
Wie erklärt Ihr diese Widerstandskraft?
NF: Noch immer ordnen
Richter gewaltsame Räumungen an, besonders in Regionen wie Izabal und Cobán.
Gemeinschaften werden vertrieben, obwohl sie dort seit Jahrzehnten oder
Generationen leben. Historisch bedingte Ungerechtigkeiten bei der Eintragung
von Landtiteln haben dazu geführt, dass viele Gemeinden ihr Land rechtlich
verloren haben, obwohl sie legitime Ansprüche hatten. Diese Konflikte bestehen
bis heute.
MAF: So wurde und wird
Gemeindeland systematisch enteignet. Mit juristischer Beratung verschaffen sich
Einzelne Eigentumstitel, während die betroffenen Gemeinschaften kaum Zugang zu
rechtlicher Unterstützung haben. Auf dieser Grundlage erfolgen dann die Räumungen.
WSP: Welche Rolle spielte die
internationale Einmischung im bewaffneten Konflikt und im Genozid in Guatemala?
MAF: Die internationale Einmischung
war massiv und direkt. Vor allem die USA spielten seit dem Putsch von 1954 eine
zentrale Rolle. Sie unterstützten militärische Diktaturen in ganz Lateinamerika
ideologisch, politisch und militärisch, insbesondere durch Ausbildung in der
«School of the Americas». Ziel war die Sicherung ihrer geopolitischen und
wirtschaftlichen Interessen.
Als die Repression in Guatemala
so extrem wurde, dass auch US-Bürger:innen betroffen waren, stellten die USA
die direkte Waffenlieferung offiziell ein, setzten diese jedoch indirekt über Israel fort. Israel lieferte Waffen,
militärische Beratung, Geheimdiensttechnologie und unterstützte den Aufbau
militärischer Infrastruktur (z. B. der Luftwaffe oder Munitionsfabriken).
Auch die Schweiz (unter anderem mit
Pilatus-Flugzeugen) sowie Militärdiktaturen aus Chile, Argentinien und Uruguay waren beteiligt, insbesondere
durch die Weitergabe von Geheimdienst- und Repressionsmethoden, vor allem für
den urbanen Raum.
Die massive Repression in
Guatemala richtete sich jedoch gezielt gegen die indigene Bevölkerung, die als soziales und
politisches Rückgrat des Widerstands galt.
WSP: Wie erklärt Ihr die anhaltende Widerstandskraft indigener
Gemeinden trotz jahrzehntelanger Repression?
MAF: Indigene und bäuerliche
Gemeinschaften waren die Hauptopfer des Krieges. Bereits während des Konflikts
organisierten sie sich in den 1980er- Jahren innerhalb Guatemalas in Gemeinden des Widerstands. Die Friedensabkommen stärkten
sie politisch erstmals durch rechtliche Anerkennung, nachdem sie zuvor
jahrhundertelang unterdrückt worden waren. Diese Anerkennung, kombiniert mit
historischen Erfahrungen von Kolonisierung, Repression und Enteignung, führte
schrittweise zu politischem Bewusstsein, Selbstorganisation und Widerstand.
NL: Der Widerstand ist im
Zusammenhang mit dem antikolonialen Kampf zu verstehen und beruht auf
Unterwerfungs- und Ausbeutungserfahrung, Identität, Sprache, Kultur und
kollektiven Werten wie Respekt, Solidarität und Gemeinschaft. Diese kulturelle
Kontinuität gibt Kraft, auch wenn politische Kämpfe oft fragmentiert bleiben.
WSP: Unterstützen indigene
Organisationen Präsident Bernardo Arévalo noch?
NL: Nein. Zwar waren indigene
Organisationen – insbesondere die 48 Kantone von Totonicapán – entscheidend dafür, dass der
demokratische Regierungswechsel überhaupt möglich wurde. Doch die neue
Regierung hat zentrale Forderungen nicht erfüllt:
·
Zugang zu
Gesundheitsversorgung
·
kulturell
angepasste Bildung
·
Arbeitsmöglichkeiten
ohne Diskriminierung
·
Infrastruktur
für abgelegene Gemeinden
Besonders ausschlaggebend war die
Inhaftierung
indigener Führungspersönlichkeiten, darunter ein ehemaliger Vertreter der 48 Kantone. Präsident
Arévalo äusserte lediglich Kritik, unternahm jedoch nichts Konkretes. Das
führte zum endgültigen Bruch mit der indigenen Bewegung.
WSP: Wie bewertet Ihr die Friedensabkommen?
MAF: Die Friedensabkommen beendeten
1996 den bewaffneten Konflikt, nicht weil die Guerilla besiegt worden war,
sondern um die Fortsetzung der massiven Repression gegen die Zivilbevölkerung,
den Genozid, aufzuhalten. Die Friedensabkommen schufen erstmals Räume für
Meinungsfreiheit, politische Beteiligung und soziale Forderungen.
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| Krieg gegen die Mayas |
Aus einer politischen Perspektive
war das Hauptproblem der Nachkriegszeit nicht der Inhalt der Friedensabkommen,
sondern die systematische
Sabotage durch
nachfolgende Regierungen, beginnend mit Álvaro Arzú, der die Abkommen dazu
nutzte, um staatliche Institutionen zu privatisieren und wirtschaftliche Macht
zu konzentrieren.
NL: Es handelt sich um eine Reihe
von Abkommen, insgesamt zwölf, darunter spezifische zu Menschenrechten,
indigener Bevölkerung, sozioökonomischer Entwicklung und ziviler Kontrolle. Sie
sind bis heute geltendes Recht, werden aber nicht umgesetzt. Internationale
Gelder, die zur Umsetzung der Abkommen gedacht waren, verschwanden
grösstenteils in privaten Taschen.
WSP: Würdet
Ihr wieder zu den Waffen greifen?
MAF: Ja – unter denselben
Bedingungen. Heute nicht mehr, aus Altersgründen, aber damals war es eine
notwendige Entscheidung.
NL: Wenn ich wieder 19 wäre: ja.
WSP: Kommen wir auf die staatliche
Gewalt, den antikolonialen Kampf und die Frage des Widerstands zu sprechen.
Welche Klasseninteressen hatte und hat die guatemaltekische Bourgeoisie?
MAF: In Guatemala handelt es sich
nicht um eine breite Bourgeoisie, sondern um eine Oligarchie, bestehend aus weniger als einem
Dutzend Familien. Diese Familien kontrollieren seit der Kolonialzeit den
Grossteil von Land, Kapital, Industrie, Handel
und Finanzwesen. Ihr
Reichtum basiert historisch auf der Enteignung der indigenen Bevölkerung, durch rechtliche Tricks oder
offene Gewalt. Die zentralen Interessen der guatemaltekischen Oligarchie sind
die Ausweitung ihres Eigentums, der Erhalt ihrer politischen Macht durch die
Kontrolle der staatlichen Institutionen und die Sicherung von Profiten in
Bereichen wie Zement, Alkohol, Bergbau, Palmöl, Energie und Finanzsektor. Viele
dieser Familien leben nicht dauerhaft in Guatemala, sondern in Europa oder den USA, häufig mit doppelter Staatsbürgerschaft, um sich der
juristischen Verantwortung zu entziehen. In Guatemala agieren ihre
Rechtsvertreter.
Die Oligarchie ist rechtsextrem, autoritär und wertkonservativ. Während des
bewaffneten Konflikts fungierte das Militär faktisch als private Schutztruppe ihrer wirtschaftlichen Interessen. Daraus entwickelte sich ein
zentraler Teil der staatlichen Gewalt. Ein wesentliches Merkmal ist ihre
Fähigkeit zur Kontrolle über Medien, Justiz,
Parlament und politische Parteien. Gesetze werden systematisch zu ihren Gunsten gestaltet, etwa
äusserst niedrige Abgaben für Bergbaukonzerne.
NL: Die evangelikalen Kirchen
spielen eine zentrale Rolle bei der Machterhaltung der
Oligarchie. Sie wurden insbesondere seit den 1980er-Jahren ausgebaut. Viele
wurden direkt oder indirekt durch US-amerikanische
Kirchen gefördert. Ein zentrales Narrativ
dieser Kirchen ist der Antikommunismus:
Soziale Kämpfe, Umweltproteste oder indigene Selbstorganisation werden von
diesen Sekten bis heute als «kommunistisch» diffamiert. Das dient der
ideologischen Kontrolle, Entpolitisierung und Legitimation von Gewalt. Der
ehemalige Präsident und Kriegsverbrecher, Efrain Ríos Montt, war Teil einer
evangelikalen Sekte. Ein Grossteil der Täter
des Genozids – Folterer,
Mörder, Vergewaltiger – fand dort Schutz. Die religiöse Lehre der «Vergebung»
ermöglichte es ihnen, ihre Verbrechen moralisch zu relativieren. Diese Kirchen
oder Sekten fungierten als Zufluchtsorte für
Täter.
WSP: Wer waren die Folterer, und wie leben sie heute?
MAF: Nur wenige Täter wurden jemals
verurteilt, viele davon inzwischen freigelassen. Selbst bei erdrückender
Beweislage werden Urteile aufgehoben.
Mitglieder von Todesschwadronen,
Geheimgefängnissen und Foltereinheiten wurden nie identifiziert oder juristisch zur Rechenschaft gezogen. Viele leben unbehelligt in
Guatemala, andere emigrierten, meist in die USA oder nach Europa. Einige
gründeten private Sicherheitsfirmen, andere wurden sogar Abgeordnete
und geniessen politische Immunität. Moralisch belastet fühlen sie sich nicht –
ihre religiöse Zugehörigkeit habe ihnen «Vergebung» verschafft.
NL: Wichtige Archive wie das Polizeiarchiv oder Militärregister wurden zufällig entdeckt, weil sie nicht rechtzeitig zerstört wurden. Diese Dokumente
belegen detailliert die Entführungen, Folter, geheime Hinrichtungen und
Massengräber. Sie zeigen das Ausmass der Repression und widerlegen systematisch
die staatliche Version.
WSP: Was bedeutet
Gerechtigkeit für Überlebende von Folter und Genozid?
MAF: Aus unserer Sicht umfasst
Gerechtigkeit:
·
materielle
Entschädigung
·
Anerkennung der Opfer durch offizielle Register
·
Suche nach
Verschwundenen,
Identifizierung mittels DNA
·
Rückgabe der
sterblichen Überreste an die Familien
·
Erinnerungsarbeit: lokale Gedenkstätten, Museen
·
historische Bildung, damit sich die Verbrechen nicht
wiederholen
Die meisten Angehörigen der
Folteropfer verlangen vor allem Wahrheit:
Wo wurden ihre Familienmitglieder ermordet? Wo sind sie begraben?
NL: Der Genozid in Guatemala wurde juristisch im Verfahren
gegen Efraín Ríos Montt anerkannt.
Die Richterin erklärte ihn für schuldig. Obwohl das Urteil später politisch
sabotiert wurde, gilt die Anerkennung des Genozids als historischer
Meilenstein in Guatemala und Zentralamerika.
WSP: Wie manifestiert
sich heute die Klassen- und rassistische Gewalt?
MAF: Aktuelle Formen der Gewalt sind der strukturelle Rassismus gegen die
indigene Bevölkerung, ihre systematische soziale Ausgrenzung, die
Kriminalisierung sozialer Bewegungen, die Justiz als
Repressionsinstrument («Lawfare»), aber auch der fehlende Zugang zu
Gesundheit, Bildung und sozialer Infrastruktur sind Formen der strukturellen
Gewalt.
Aus unserer Perspektive sehen wir
auch die Ausbreitung des organisierten Verbrechens und der Narco-Ökonomie als
Teil der strukturellen Gewalt.
NL: Die Ursachen, die historisch zum bewaffneten Konflikt führten, wie
Landkonzentration, Armut, institutioneller Rassismus, Straflosigkeit und die
Macht der Oligarchie, bestehen fort. Das Militär war ein Werkzeug, die
Hauptprofiteure waren und sind die wirtschaftlichen Eliten.
Die Überlebenden von Folter und Genozid sowie ihre
Familien fordern Gerechtigkeit. Wir ehemaligen Freiheitskämpfer:innen und
Kriegsverletzte sind uns der Kontinuität von Klassen- und rassistischer Gewalt
in der Gegenwart bewusst.
________________
Angaben
zur jüngeren Geschichte:
1960–1996:
Der bewaffnete Konflikt forderte fast 200’000 Tote oder Vermisste und führte zur Vertreibung von über 1.5 Millionen Menschen. Eine zentrale Figur des
staatlichen Terrors war Efraín Ríos Montt, ein guatemaltekischer General und
Militärdiktator, der 1982–1983 durch einen Putsch an die Macht kam. Während
seiner kurzen, aber extrem gewaltsamen Herrschaft erreichte der Bürgerkrieg
seinen brutalsten Höhepunkt. Internationale und nationale Untersuchungen
stuften die verübten Verbrechen des Staates als Völkermord an der
Maya-Bevölkerung ein. Ríos Montt starb 2018, ohne rechtskräftig verurteilt
worden zu sein.
1994–1996:
Das Friedensabkommen vom 29.
Dezember 1996 beendete offiziell den bewaffneten Konflikt.
Die Kommission
zur historischen Aufklärung (CEH) untersuchte die Gewalt während des
Bürgerkrieges. Ergebnis: Rund 93 Prozent der Menschenrechtsverletzungen waren staatlichen
Kräften zuzurechnen, die den Völkermord an der indigenen
Maya-Bevölkerung und der politischen Opposition verübten.
2020-2024: Unter der
Präsidentschaft von Alejandro Giammattei wurden
zentrale Elemente des
Friedensprozesses wie Menschenrechte, historische Aufarbeitung, indigene
Rechte, Justizreformen und Demilitarisierung wurden blockiert. Institutionen
und Akteur:innen, die sich mit Kriegsverbrechen, Korruption und Straflosigkeit
befassten, wurden kriminalisiert oder ins Exil gedrängt. Gleichzeitig gewann
das Militär wieder an Einfluss.
Seit dem 14. Januar 2024 regiert Bernardo Arévalo von der
reformorientierten Partei Movimiento Semilla an, die aus der Antikorruptionsbewegung
hervorging. Semilla steht für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und soziale
Reformen
und versteht sich als Gegenpol zu den autoritären und korrupten Machtstrukturen
des Landes. Die
politische Elite des Landes versuchte seinen Amtsantritt zu verhindern und
versucht weiterhin, einen Regime
Change herbeizuführen.
zu den 48 Kantonen:
Die Entstehung der 48
Kantone von Totonicapan geht auf den antikolonialen, indigenen Widerstand von Atanasio Tzul
zurück, einem k’iche’-Anführer aus Totonicapán, der 1820 einen der
bedeutendsten indigenen Aufstände der späten Kolonialzeit anführte, ein
Jahr vor der Unabhängigkeit Guatemalas.
Die 48 Kantone von Totonicapán sind eine indigene Organisations- und
Selbstverwaltungsform in Guatemala. Sie bestehen bis heute aus 48
Gemeinschaften (Cantones) im westlichen Departament von Totonicapán,
überwiegend K’iche’-Maya. Jede Gemeinschaft hat einen eigenen alcalde
comunal (kommunitären Bürger:innenmeister), gemeinsam bilden sie den Rat
der 48 Kantone. Diese Form lokaler Autorität ist historisch tief
verwurzelt und wird als eine der ältesten kommunalen
Selbstverwaltungsstrukturen des Landes gesehen, mit Traditionen, die bis in die
Kolonialzeit zurückreichen (und darüber hinaus). Sie ist entscheidend, um den
kommunitären Widerstand und die historische Kontinuität in Guatemala
zu verstehen.
zur Kolonialverwaltung
im Krieg:
Im
Rahmen des Gegenaufstandes während des Bürgerkrieges zwang das Militär
(1982-1986) vor allem indigene Gemeinden zur Umsiedlung in Modelldörfer,
sogenannte Entwicklungszentren («Polos de desarrollo»). Ganze
Dorfgemeinschaften wurden in kontrollierte Siedlungen gebracht, die faktisch Konzentrationslagern glichen.
Bewegungsfreiheit war stark eingeschränkt, Identitätsdokumente wurden
eingeführt, und wer sich nicht unterwarf, wurde verfolgt oder verschwand.
Durch diese Zwangsumsiedlungen
wurden die Menschen von ihrem Land getrennt. Die zurückgelassenen Flächen
wurden später militärisch oder juristisch enteignet und an Grossgrundbesitzer übertragen
(1986-1996), ein Mechanismus, der bis heute nachwirkt.
* Gekürzt aus
Widerspruch-Heft 85, Mai 2026: «Gesichter der Gewalt. Legitimität westlicher
Herrschaftsordnungen», Mai 2026. Originaltitel: «Staatliche Gewalt, antikolonialer Befreiungskampf und