[rojavaagenda] Newsletter Nr. 15: Solidarität in Zeiten von Corona

Montag, 6. April 2020

6.4.20
Liebe Freund_innen und Genoss_innen
Bevor wir zu den Informationen zu Rojava kommen, diese Meldung: Am 3.
April ist Helin Bölek, Sängerin der Grup Yorum an den Folgen ihres
Hungerstreiks gegen die Gewalt und Ignoranz des türkischen Staates
gestorben.
In Gedenken an Helin Bölek: https://www.youtube.com/watch?v=a87NO2ip5I8
und
https://anfdeutsch.com/aktuelles/hungerstreikende-helin-boelek-gestorben-18290
und
https://anfdeutsch.com/aktuelles/festnahmen-vor-beerdigung-von-helin-boelek-18311
Auch in unserem Newsletter zu Rojava ist Corona ein Thema. Aber es geht
uns nicht um Kurven oder Zahlen, sondern eher um Gedanken darüber, was
aktuell im Namen des Virus alles passiert und durchgesetzt wird. Wenn
die NZZ sich darüber freut, dass ein Virus schafft, was all der Polizei-
und Armeegewalt der letzten Monate/Jahre nicht erreicht hat, nämlich
leere (Protest)-Plätze und ruhige Strassen, dann muss uns das
misstrauisch machen. Klar ist, dass Corona ein Virus ist, der eine
grippeartige Erkrankung auslösen kann und zudem bei alten und
vorbelasteten Menschen schwere Komplikationen haben kann. Die Betonung
liegt hier auf kann. Von den auf Corona positiv getesteten Personen
erkranken ca. 15% und auch davon nur ein kleiner Teil schwer. Es ist
gut, das im Kopf zu behalten, wenn wir uns gegen Massnahmen wehren, die
verhindern sollen, dass wir nicht nur gegen die Weiterführung des
Krieges gegen Rojava wehren, sondern auch gegen die Abschottung der
Schweiz und Europa gegen aussen. Wir wollen keine nach innen gerichtetes
grosses Wir das aus Nabelschau (bzw. Kurvenschau) und abgeschotteten
Grenzen besteht. Corona dient in vielen Ländern dazu, kämpferische und
antikapitalistische Bewegungen einzudämmen und rechte Regimes nutzen die
Gunst der Stunde (s. Österreich/Polen). Für uns muss das heissen:
Bleiben wir unterwegs – sorgfältig miteinander – und lassen wir uns das
Recht nicht nehmen, uns für offene Grenzen und gegen die
Kriegsprofiteure einzusetzen.
Siehe auch den Beitrag von Women Defend Rojava Zürich:
https://rojavaagenda.noblogs.org/post/2020/04/06/krieg-und-krise-warum-staaten-in-corona-zeiten-kriegsrhetorik-verwenden-und-weshalb-das-gefaehrlich-ist/#more-2123
Denn Krieg wird weitergeführt und es wird weiter daran verdient:
Auch wenn von verschiedener Seite dazu aufgerufen wird, auf Krieg zu
verzichten, für die Türkei heisst es nur, jetzt erst recht:
https://anfdeutsch.com/rojava-syrien/qsd-kommandant-tuerkische-armee-nutzt-corona-krise-aus-18304
und
https://anfdeutsch.com/kurdistan/pausenlose-repression-in-der-tuerkei-trotz-pandemie-18125
Zudem erinnert auch die kurdische Frauenbewegung daran, dass
Ausgangssperren für Frauen gefährlich sein können:
https://anfdeutsch.com/frauen/corona-trifft-frauen-und-kinder-am-haertesten-18327
Was der IS nicht geschafft hat, soll nun Corona vollbringen: So hoffen
sowohl Erdogan wie auch Barzani darauf, dass die Erkrankung durch das
Coronavirus möglichst viele Kurdinnen und Kurden, die für den
demokratischen Konföderalismus stehen, sterben werden. So verhindern sie
nicht nur den Transport von medizinischem Material und Personal nach
Rojava, sondern blockieren sogar die Wasserversorgung in Rojava und im
Flüchtlingslager Maxmur:
https://anfdeutsch.com/kurdistan/mexmur-embargo-ideale-bedingungen-fuer-corona-katastrophe-18113
Aber wie es in diesem Interview klar wird, ist eine kommunale,
antikapitalistische Art der Krisenbewältigung nicht nur menschlicher,
sondern auch besser. Interview mit Felix Anton, der als Freiwilliger
seit 2 Jahren in der demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien lebt:
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134786.corona-in-rojava-keine-einzige-testmoeglichkeit.html
Und dem Versuch, alle Hilfe zu verhindern, stellen die Menschen ihr
Wissen und ihr Können entgegen:
https://anfdeutsch.com/rojava-syrien/selbstproduzierte-beatmungsgeraete-in-rojava-18284
Da nun einige mehr Zeit zum Lesen haben hier zwei Artikel von A. Öcalan
zu Kriese und Gesundheit:
https://anfdeutsch.com/hintergrund/Oecalan-bildungs-und-gesundheitsprobleme-der-gesellschaft-17980
und
https://anfdeutsch.com/hintergrund/abdullah-Oecalan-chaosartige-krankheiten-breiten-sich-aus-18039
Ausserdem empfehlen die neueste Ausgabe vom Kurdistan Report wärmsten:
http://www.kurdistan-report.de/
Das wär’s für den Moment. Stärkt euer Immunsystem indem ihr beweglich,
widerständig und solidarisch bleibt und euch nicht einsperren und in die
Isolation treiben lässt.
Mit solidarischen und kämpferischen Grüssen
Rojava Komitee Zürich
rojavaagenda.noblogs.org
Telegram-Kanal: t.me/rojavaagenda
Twitter: @AgendaRojka
#riseup4rojava

Für einen angesehenen argentinischen Virologen, «verdient es das Coronavirus nicht, dass die Welt in einem totalen Stillstand steht».

Freitag, 3. April 2020


(zas, 1.4.20) Kernaussagen im Interview des argentinische Mediums Infobae mit dem franco-argentinischen Virologen Pablo Goldschmidt: Die WHO übernahm falsche Berechnungen zum Ausmass der Epidemie und setzte sie international durch; verschiedene Todesursachen werden jetzt unter Covid-19 summiert; das Virus ist nicht das Hauptproblem, sondern das marode Gesundheitssystem und schliesslich: In der Lombardei sterben viele an Asbestlunge, die mit einem viralen Infekt nicht mehr umgehen kann.
Zur Relativierung seiner in diesem Interview vertretenen Thesen gibt es allerdings einen sehr gewichtigen Faktor, den Goldschmidt nur indirekt  (m Zusammenhang mit der Verlässlichkeit der angaben über Ansteckungs- und Sterblichkeitsparameter) streift: die sog. Herdenimmunität, der Fakt, dass weltweit grosse Bevölkerungsteile eine Immunität gegen Grippeviren entwickelt haben, aber noch nicht gegen Covid-19. Jedenfalls bleiben Aussagen wie jene über zweifelhafte Berechnungsmethoden der WHO, wenn sie denn bestätigt werden, oder den Connect mit Asbestose in der Lombardei von Belang.
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Von Hugo Martin, 28. März 2020*

«Wir sind alle eingeschlossen. Es gibt in Nizza Drohnen, die den Leuten aus der Luft Bussen verteilen. Man muss Hanna Arendt lesen, um zu sehen, wie die Anfänge des Totalitarismus waren. Wenn jemand das Volk in Angst versetzt, macht er mit ihm, was er will…»

 Wie einer, der gegen den Strom schwimmt, führt Doktor Paul Goldschmidt (vor 65 Jahren in unserem Land geboren, seit 40 Jahren in Frankreich lebend) einen Kampf gegen die Virenpanik. Dafür steht sein Buch «La gente y los microbios» («Die Leute und die Mikroben»), in dem er die von der Grippe H1N1 und SARS bewirkte Psychose thematisiert. Jetzt legt sich dieser Virologe, der seine Zeit in Monaco verbringt, mit den Kalkülen an, welche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Coronavirus machte. Das Virus hat schon 595'953 Personen infiziert und 27'333 getötet, auch wenn Goldschmidt dies relativiert.
«Wir sind alle eingeschlossen. Es gibt in Nizza Drohnen, die den Leuten aus der Luft Bussen verteilen. Man muss Hanna Arendt lesen, um zu sehen, wie die Anfänge des Totalitarismus waren. Wenn jemand das Volk in Angst versetzt, macht er mit ihm, was er will…», versichert er. Weist man ihn daraufhin, dass er altershalber zur Risikogruppe gehört, nimmt er das hin: «Aber sicher … wir haben alle ein Risiko. Aber es gibt 80-Jährige, denen es fantastisch geht.»

Warum sagen Sie, es gebe eine unbegründete Paranoia in Sachen Coronavirus?
Schauen Sie, dieser Typus von Krankheiten verdient es nicht, dass der Planet in einem totalen Stillstand steht, ausser es gäbe realistische Voraussagen.

Und die gibt es nicht?
Im Imperial College in London, das eine ausgezeichnete Abteilung für Epidemiologie und mathematische Voraussagen hat, gibt es einen Professor, (Neil) Ferguson, der das Modell der Epidemiologie-Kurven, die abflachen oder nicht, erschuf. Das wurde auf Rat der WHO hin für alle politischen Regierungsentscheide benutzt, ohne dass die Gleichungen diskutiert oder in Frage gestellt worden wären. Ich habe diese von Anfang an analysiert und gesehen, dass es da etwas Merkwürdiges gab. Sie gingen für mich nicht auf. Vorgestern sagte dieser Herr Ferguson, dass seine Projektion bezüglich der Anzahl der Toten massiv verringert werden müsse – dieses Wort hat er auf Englisch gebraucht.

Was bedeutet das?
Zum Beispiel hat er mit seinem Modell - das jetzt die ganze Welt ohne auch nur eine Frage zu stellen benutzt – 2.2 Millionen Todesfälle projiziert. Und 500'000 für das Vereinigte Königsreich, wenn die Massnahmen zum Abflachen der Kurve und was das alle bedeutet nicht ergriffen würden. Jetzt sagt er, nein, die Projektionen scheinen nicht genau zu sein. Das Gleiche geschah bei H1N1.  Sie sagen jetzt viel weniger Tote voraus, solange die Massnahmen wie die von den Regierungen beschlossenen Schliessungen eingehalten würden. Die Schätzungen liegen jetzt viel tiefer.

Aber die Blockade…
Die Blockaden[1] gehen weiter, sagt er. Aber die Blockade zur Abflachung der Kurve wurde in Funktion der ersten Berechnungen gemacht, die einen höheren Übertragungs- und Sterblichkeitskoeffizienten beinhalteten. Aber jetzt sagt er, das sei nicht mehr so wie vorher, der Koeffizient sei in der Grössenordnung von 3 oder 2.5, wie die Grippewerte. Und am Mittwoch sagte er, aufgrund seiner revidierten Schätzungen und der von der britischen Regierung ergriffenen Massnahmen werden ungefähr 20'000 Personen wegen des Virus sterben … oder wegen dadurch angeregter anderer, mit dem Virus assoziierter Leiden.

Was für Leiden?
Infarkte, Erkrankungen der Hirnblutgefässe …. Wenn Sie ins Spital gehen und an einem Infarkt sterben, wird es heissen, Sie starben am Virus. Das Problem ist, dass jetzt alles vermischt wird. Eine Person, die wegen eines Selbstmordversuches kommt und dann eine Pille wegen einer Erkältung eingenommen hat, starb am Virus. Eine Person mit einer schlecht verlaufenen Herzkreislauferkrankung starb, wenn sie erkältet war, am Virus, nicht am Schlaganfall. Ferguson sagt, die Zahlen müssten korrigiert werden, weil man nur das[2] betrachte. Natürlich gibt es in Oxford einen anderen Epidemiologen, der sich verwundert zeigt, dass die internationalen Organisationen das Modell des Imperial College derart bedingungslos übernommen haben. Sie benutzen ein anderes Projektionsmodell und sagen, das Virus habe sich mindestens einen Monat lang unsichtbar und unkontrolliert verbreitet, bevor ein Verdacht aufgekommen sei. Und werde die Bevölkerung getestet, werde vermutlich die Hälfte infiziert sein, womit die Sterblichkeitsrate und damit das Risiko viel tiefer liege. Trifft das zu, wird einer von 1000 Infizierten hospitalisiert, da 86 % keine ernsthaften Symptome aufweisen. Dies erschien gestern in England.

Was bedeutet dies für das Gesundheitssystem?
Von 100 Personen, die zur Untersuchung gehen, haben 86 ein Grippesyndrom. Der Arzt wird ihnen in diesem Fall eine Blutprobe entnehmen und vier Parameter kennen wollen, die ihm das Labor in 30 oder 60 Minuten liefern kann. Dann wird man wissen, ob die Person viral infiziert ist. Nicht, ob sie Coronavirus hat. Sie hat ein Virus. Influenza, Adenovirus, sonst eines. Es braucht Labors, die Dimere, reaktive C-Proteine, Blutkörperzählung machen können … Sind die Dimerenpositive hoch, wird die Lunge einen bleibenden Schaden haben. Und es werden Leberenzyme gemacht und Ionogramme verlangt, um nach dem Kalium zu schauen. Bei positiven Anzeigen hat die Person ein Virus, ein Coronavirus oder ein anderes. Sind diese Parameter nicht verändert, wird die Person nachhause geschickt und erhält eine Grippebehandlung. Verstehen Sie? Bis da braucht es keine Panik, wir reden von 85 % der Fälle. Das war so in Korea, China, überall. 

Was passiert mit den anderen 15 %, die positiv auf Vireninfektion angeben?
Das kann schwerwiegend sein. Um das zu bestimmen, braucht es einen PCR-Test, der nicht in allen Städten, Provinzen oder Labors zur Verfügung steht. Ein solcher Test kostet zwischen 30 und 40 Dollars und es braucht Material und sehr gut ausgebildetes Personal. Ich war im Dezember in Argentinien und hielt einen Vortrag über selbstgemachte und nicht teure Molekularbiologietests. Aber um die zu entwickeln, braucht es mindestens zwei Monate. Man muss die koreanischen kaufen, weil es bei den chinesischen im Moment ein ziemliches Problem gibt. Aber auch beim besten koreanischen Test gibt es eine Fehlerquote bei den Negativresultaten von 20 %.

Und wenn das Resultat Coronavirus Covid-19 ist?
Wenn sie einen viralen Infekt haben und sagen, «ich habe Fieber (während zwei Tagen über 38.5), ich bin müde, huste, ich habe Atemnot» und aus einem sehr seltsamen Grund verlieren Sie Geschmack- und Geruchsinn, bleibt nur eine Lungenresonanz oder -tomographie. Es gibt nichts anderes. Röntgen gibt nicht immer gute Resultate. Findet der Radiolog einen mit Lungenentzündung wegen Coronavirus kompatiblen Infekt, muss die Person in die Intensivstation. Aber dies betrifft höchstens 5 Prozent der Leute.  Wenn Sie aber keinen Tomographen oder Resonador haben, was machen Sie? Hier beginnt das Problem.

Gibt es in diesem Fall keine Lösung?
Was die Koreaner machen und wofür die Franzosen jetzt die Urheberschaft reklamieren, ist die Verabreichung eines Antibiotikums wie Amoxicillin mit Clavulansäure und Hydroxychloroquin. 

Das Hydroxychloroquin nützt?
Das einzige, was man jetzt geben kann. Es gibt keine klaren Belege, aber es ist besser als nichts. Eine Behandlung wie bei jeder Lungenentzündung. Mit dem Unterschied der Zugabe von Hydroxychloroquin [in bestimmten Fällen und unter ärztlicher Beobachtung]. Jedenfalls muss man diese Leute internieren. Und hier stellt sich die grosse Frage.  

Welche?
Die Person muss in Intensivtherapie sein mit ausgebildetem Personal. Gibt es in allen Ländern und Städten für Intensivtherapie ausgebildetes Personal? Gibt es genügend Leute, die wissen, wie ein Laryngoskop eingeführt wird, um die Leute zu intubieren? Gibt es Pflege- und ärztliches Personal, die für eine solche Situation auszubilden der Staat gesorgt hat? Die Antwort ist «Nein». Und es fehlt auch an Beatmungsgeräten. Deutschland hat sechs Mal mehr davon und zehn Mal weniger Tote wegen der gleichen Krankheit als Italien. In Europa gibt es 80'000 Therapiebetten mit ausgebildetem Personal, also im Schnitt 12 auf 100'000 EinwohnerInnen, in den USA 28 auf 100'000, in Deutschland 29, in Portugal 4.2, in Spanien 10.3. Aber dort ist das Problem, dass 78 % der eingesetzten Pflegenden für medizinisch-chirurgische Therapie und Herz-/Kreislauferkrankungen ausgebildet sind, aber der Stadt bildete keine LungenspezialistInnen für eine solche Situation aus. Ist also nur das Virus verantwortlich?

Und Italien, das Land, von dem es heisst, es habe alles schlecht gemacht?
Italiens Problem ist sehr viel schwerwiegender und bedarf einer speziellen Analyse. Dort ist die Sterblichkeit viel höher, und die Leute singen die Hymne, aber ignorieren, dass man seit 25 Jahren Betten schliesst und keine Plätze für ÄrztInnen schafft. Und noch weniger für ÄrztInnen für Intensivtherapie in den Spitälern. Dies besagt: Es handelt sich nur um das Virus. Es gibt 75'000 Leute mit positiver Diagnose und 7'400 Todesfälle, 9 % der positiv Diagnostizierten. Etwas bedeutet das.

Sie sagen, man soll nicht paranoid sein. In Ordnung. Aber in China mussten sie Spitäler aus dem Boden stampfen, das ist anders als bei einer normalen Grippe, etwas ist passiert…
Ja, schauen Sie. Alle, die husten, kommen in Intensivpflege. Letztes Jahr waren in den USA 460'000 Personen mit Lungenentzündung in Behandlung. Dieses Jahr bin ich nicht sicher, dass es 100'000 sein werden. Aber das ist falsch. Die Leute gehen wegen irgendwas ins Spital. Und das Pflege- und ärztliche Personal wurde nicht ausgebildet, denn das war bis vor drei Monaten unwichtig. Die PatientInnen bekommen Sauerstoffmasken und die Alten … im Süden von Rom starben in einem Altersheim an einem Morgen 11 Menschen. Hat sie das Virus getötet? Vielleicht hatten sie Corona. Aber was wäre geschehen, hätte man sie sachgemäss behandelt? Es gab nicht einmal Verfahrensregeln!  In China lag die Sterblichkeit zuerst bei 9 %, jetzt bei 1 %. In Italien liegt sie bei 9 %, aber sie sinkt jetzt, denn sie lernen wie vorgehen. Dass sie lernen, heisst, sie wurden nicht ausgebildet, es gab keine Infrastruktur. Es gibt die patriotische Stimmung, die Leute gehen ans Fenster, aber die ÄrztInnen sind keine HeroInnen, sondern ArbeiterInnen, die sich voll einsetzen, aber nicht ausgebildet sind. Sie werden mit dramatischen Situationen konfrontiert, aber viele wissen nicht, was sie machen sollen. Erst jetzt lernt man das. Sie sagen, die Leichen häufen sich, aber in Spanien gab es letztes Jahr die gleiche Anzahl Tote.

Aber Tote aus welchem Grund?
Wegen Herzinfarkt oder Lungenentzündung. Aber jetzt werden alle unter Covid-19 resümiert. Aber letztes Jahr wurden nicht allen Gestorbenen Nasenproben entnommen.

Sie wollen sagen, dass die, die man Covid-19-Tote nennt, nicht daran gestorben sind?
 Ein Teil starb an Covid-19, aber ein Teil starb auch letztes Jahr an Atemwegviren. Bestimmt gab es welche, denn die Influenza tötete letztes Jahr sehr viele Menschen in Spanien und Italien. Aber sie starben an Lungenentzündung, ohne weiter etikettiert zu werden. Nun, wir haben den Mangel an Beatmungsgeräten, Ausbildung und ärztlichem und Pflegepersonal, das in Italien jeden Tag aufschreit, weil keine neuen Stellen in den Spitälern geschaffen werden, schon analysiert. Praktisch gab es in den kleinen Städten keine Intensivpflege. Dies ist eine Ursache. Aber das geht noch tiefer, wenn man die Todesursachen in der Lombardei, wo es am meisten Tote gab, genau anschaut. Was ich jetzt sage, hat niemand publiziert.

Was denn?
In Italien, in der Lombardei, sind die Todesfälle wegen Mesotheliom am häufigsten. Alle Faserfabriken, die Asbest benutzten, waren dort. Bis zu seinem Verbot 1992 gab es Asbest auf den Dächern und im Isoliermaterial der Fabriken. In den Wänden war Asbest; dieser lässt kleine Kristalle los, die in die Lunge gelangen, die vernarben kann oder auch nicht. Das Mesotheliom ist der durch Asbest oder Asbestose erzeugte Lungenkrebs. In Autopsien in der Lombardei in den letzten 10 Jahren waren 85 % der Mesotheliom-Fälle auf Arbeitsexposition zurückzuführen. Bösartige Tumore in der Lunge oder im Bauchfell. Bis 1992 verbot das niemand. Die Lombardei hat 10 Millionen EinwohnerInnen und hat am meisten Arbeitskräfte in der Asbestindustrie; sie ist weltweit die Gegend mit der grössten Asbestose-Dichte. Zudem bleibt Asbest an den Kleidern haften, an den Fasern. Die Kleider der Haute Couture der Lombardei fertigen Schneiderinnen an. Können Sie glauben, dass es zwischen 2000 und 2012 4442 bösartige Mesotheliome gab (2850 bei Männern, 1592 bei Frauen), also invasiven, durch Asbestexposition hervorgerufenen Lungenkrebs. Und die Zahl nimmt zu. Dieses Jahr gab es 3.6 % mehr als die letzten Jahre bei Männern und 3.3 % mehr bei Frauen über 65. Bis 2030 werden es 20'000 Fälle mehr sein.

Was ist die Beziehung zum Coronavirus?
Dass sich in dieser von Mangel an Mitteln und Beatmungsgeräten und von der Schliessung von Bettstationen geplagten Region die Betagten mit Lungenkrebs oder chronischen Verletzungen befinden, was bewirkt, dass sich eine virale Ansteckung in einen tödlichen Infekt wandelt. Eine von einer Mineralfaser angegriffene Lunge reagiert anders als eine gesunde. Es ist kein Zufall, dass dort, wo die Asbestfabriken waren, mehr Menschen als anderswo sterben.

Aber Covid-19 tötet mehr als eine gewöhnliche Grippe …
Alle viralen Infekte können tödlich sein. Der Unterschied ist, dass mit dem aktuellen eine Panik erzeugt wird, mit den anderen nicht. Letztes Jahr starben viele Menschen an Grippe, und der Planet wurde kam nicht zum Stillstand. Was also passiert jetzt?

Ich frage Sie: Was passiert?
Ich weiss nicht …

Aber was denken Sie, eine Verschwörung?
Nein, diese würde schnell entdeckt. Letztes Jahr hatten in den USA 36 Millionen Leute die Grippe. 370'000 wurden hospitalisiert und 22'000 starben. Ist das klar? Und niemand schloss deswegen einen Flughafen. In Frankreich gibt es 33'000 Fälle, aber als 23'000 alte Menschen in den Altersheimen an einer Hitzewelle starben, kam das Land auch nicht zum Stillstand. Da gibt es etwas sehr Merkwürdiges.

Deshalb insistiere ich: Was sehen Sie?
Einen schwerwiegenden Fehler der WHO-ExpertInnen, was ich von Beginn weg denunziert habe. Wissen Sie, was Pandemie meint? Das meint nicht eine schwere oder ernste Krankheit, sondern, dass in vielen Ländern eine bestimmte Krankheit auftritt. Jedes Jahr gibt es Erkältungspandemien, und niemand schliesst nichts. Muss all das nicht relativiert werden?

Aber, Doktor, Covid-19 ist sehr ansteckend…
Ja, wie eine Erkältung, an der die Menschen in den Altersheimen sterben. Bisher wurden sie nicht gezählt, in diesem Fall schon. Es gab letztes Jahr weltweit mehr als eine halbe Million Lungenentzündungen. In Afrika kann eine Million Menschen Meningitis einfangen, die über den Speichel übertragen wird, und die Flugzeuge fliegen hin und her. Und niemand kümmert es. 135'000 Menschen werden in Lateinamerika Tuberkulose bekommen, und niemand schlägt Alarm. Für mich bedeutet, wenn jemand viel Lärm wie um den Corona macht   es wird ein grosses Theater gespielt. Vom ersten Tag an, als die Berechnungen nicht aufgingen, wie beim Auftauchen der H1N1-Grippe.

Und was würden Sie tun?
Ich habe nicht die Autorität, um zu sagen, was ich machen würde, aber ich stelle einen Mangel an Ausbildung und Material fest. Zuerst würde ich also das Personal auf das vorbereiten, was kommt. In drei Wochen, wenn es die Anzeichen der Krankheit sieht, wird dieses Personal die neue Massnahme anstossen. Schauen Sie nach Deutschland. Die Todesrate dort ist zehn Mal tiefer, weil sie SpezialistInnen für Pneumologie und Lungenintensivbetreuung haben. Nun, lass uns Kurse in Argentinien machen, auf der ganzen Welt.  Man darf ÄrztInnen nicht unvorbereitet auf eine Person loslassen, die nicht atmen kann. Wenn die Leute ausgebildet sind, wird sich zeigen, dass man diese 5 % schwerer Fälle in den Spitälern betreuen kann. Der Rest wird dann von selber fallen.

Muss man die Quarantäne aufheben?
Wenn das System bereit ist, mit ausgebildetem Personal, Medikamenten, Infrastruktur, dann macht sie keinen Sinn mehr. In der jetzigen Lage lässt sich nichts über die Quarantäne sagen, weil wir nicht wissen, wie viele Leute infiziert werden und ob die Intensivstationen und das Personal ausreichen für die 5 Prozent von ihnen. Die Quarantäne ist nicht wegen des Virus, sondern wegen des Risikos, nicht die Anzahl Leute in kritischer Situation betreuen zu können. Ich kann sie nicht beurteilen, weil objektive Zahlen fehlen. Die Stilllegungen können auch gut sein, weil sie die WHO in Zugzwang brachten, und einmal eingeleitet, lässt sich das nicht aufhalten. Aber man müsste einen Vergleich mit den Zahlen der Toten von letztem Jahr anstellen können. Wir haben 690 Positive[3] …. Wie viele wurden getestet, 30 Millionen oder 1'000? Es starben 17, ich möchte wissen, wie viele letztes Jahr in Argentinien in Altersheimen oder zuhause an Lungenentzündung wegen Pneumokokken oder Hämophilen[4] starben.

Wie beurteilen sie also, was die Regierung macht?
Das Gesagte vorausgesetzt, scheint mir, die Regierung handle sehr gut und vorsichtig. Aber die internationalen Autoritäten beeinflussen ihr Handeln mit den Zahlen der WHO-ExpertInnen und ihren mathematischen Berechnungen. Aber da spielt keine schlechte Absicht eine Rolle, sondern Inkompetenz. Da gibt es keine Drahtzieher.

Aber Sie denken nicht das Gleiche von der WHO?
Keineswegs.
___________
Zum Autor :
Laut Angaben von COFyBCF, dem Colegio Oficial de Farmacéuticos y Bioquímiquos de la Capital Federal (Argentinien), von letztem Dezember ist Goldschmidt ein anerkannter, auf Tropenkrankheiten spezialisierter Virologe mit Forschungsarbeiten bei der Diagnostikentwicklung. In der WHO hat er u. a. Proejekte gegen Blindheit angestossen. Gegen Tracoma, eine Armutserkrankung, die 80 Millionen blind macht, hat er ein Behandlungspatent entwickelt und gegen 600'000 kostenfreie Behandlungsdosen für Menschen in Afrika verkauft. Gastvorlesungen an zahlreichen Universitäten in Europa, Afrika und Asien. Eine andere Quelle zitiert Goldschmidt so im Zusammenhang mit seinem Engagement in Afrika: «Man kennt sie als vergessene oder unbeachtete Krankheiten, aber in Wirklichkeit sind es vergessene Personen und Völker.


[1] A. d. Ü.: bloqueos, gemeint wohl die lockdowns.
[2] A. d. Ü.: Gemeint wohl das Virus.
[3] A. d. Ü.: Die folgenden Zahlen beziehen sich auf Argentinien. 
[4] A. d. Ü.: Zwei Bakteriensorten.

Zerstörer vor Caracas



Washington baut Militärpräsenz in der Karibik aus und droht Venezuela. Maduro weist Aggression zurück
Volker Hermsdorf
Die USA haben damit begonnen, ihre Militärpräsenz in der Karibik auszubauen. Der verstärkte Truppenaufmarsch erfolge, um gegen Drogenkartelle vorzugehen, die versuchten, die Coronaviruspandemie auszunutzen, teilte die US-Regierung mit. Zugleich wolle Washington auch verhindern, dass Drogengelder »zur Finanzierung des Regimes von Nicolás Maduro in Venezuela beitragen«, hieß es.
»Wir setzen Zerstörer und andere Kriegsschiffe, Flugzeuge und Hubschrauber ein, was unsere militärischen Fähigkeiten in der Region verdoppelt«, erklärte US-Präsident Donald Trump am Mittwoch (Ortszeit) im Weißen Haus. US-Verteidigungsminister Mark Esper kündigte an, dass zusätzliche Streitkräfte in den östlichen Pazifik, vor allem aber in die Karibik und an die venezolanische Küste entsendet werden. Die dortigen Operationen werden vom Südkommando der US-Streitkräfte (Southcom) koordiniert, zu dessen Aufgaben auch die Kontrolle von Medien- und Internetaktivitäten gehört.
Southcom-Befehlshaber Admiral Craig Faller hatte bereits am 11. März verstärkte Militäreinsätze »zur Befriedung der Situation in Venezuela« angekündigt. Nachdem Washington am Donnerstag vergangener Woche ein Kopfgeld auf Maduro und andere venezolanische Politiker wegen deren angeblicher Verwicklung in Drogengeschäfte ausgesetzt hatte, hätten die »Antidrogenoperationen« jetzt an Dringlichkeit gewonnen, meldete Associated Press (AP) unter Berufung auf Quellen im Weißen Haus. »Wir werden maximalen Druck ausüben, um den Aktivitäten des Maduro-Regimes entgegenzuwirken«, bestätigte Trumps Nationaler Sicherheitsberater, Robert O’Brien, die AP-Information. Kurz darauf drohte der repu­blikanische Senator von Florida und Vorsitzende des Senatsausschusses für Angelegenheiten der westlichen Hemisphäre, Marco Rubio: »Diese Aktion sollte für den Diktator Nicolás Maduro und die Mitglieder seines Regimes Anlass zu ernster Besorgnis sein.«
Venezuelas gewählter Präsident bezeichnete die Erklärungen aus den USA als »Aggression und Einmischung in die inneren Angelegenheiten« seines Landes. Die militärische Bedrohung sei eine Schandtat und Ausdruck des »verzweifelten Versuchs, die Aufmerksamkeit von der tragischen humanitären Krise in den USA durch den unberechenbaren Umgang der Trump-Regierung mit der Coronakrise abzulenken«, sagte Maduro in einem Telefoninterview bei der Fernsehsendung »Con El Mazo Dando«.
Der Staatschef äußerte sich auch zu einem Zwischenfall, bei dem ein unter portugiesischer Flagge fahrendes Kreuzfahrtschiff am Montag vor der Insel La Tortuga ein venezolanisches Marineschiff gerammt und versenkt hatte. Die »MS Resolute« der bereits im Januar in Konkurs gegangenen kanadischen Gesellschaft »One Ocean« hatte nach der Kollision den Hafen von Willemstad in Curaçao angelaufen, ohne die 44 Schiffbrüchigen von Bord des gesunkenen Marinebootes zu retten.
Maduro wies am Mittwoch darauf hin, dass es den Behörden in Curaçao bislang nicht gestattet worden sei, die »MS Resolute« zu inspizieren und die 160 Personen an Bord zu identifizieren. Dies bekräftige seinen Verdacht, dass auf dem Schiff Söldner transportiert worden seien, um Militärstützpunkte in Venezuela anzugreifen, erklärte der Präsident. Verteidigungsminister Vladimir Padrino López hatte bereits nach dem Vorfall eine verstärkte Überwachung der Küsten angeordnet, um die Hoheitsgewässer des Landes vor Eindringlingen zu schützen.