Stichwahl in Brasilien auf den letzten Metern

Freitag, 23. Oktober 2026

 

Jugendproteste mobilisieren die Massen. Trotz Vorsprung Bolsonaros in Umfragen bringt die Linke neuen Schwung in den Wahlkampf

Massendemo zur Unterstützung des progressiven Präsidentschaftskandidaten Inácio Lula da Silva
Massendemo zur Unterstützung des progressiven Präsidentschaftskandidaten Inácio Lula da Silva

Die brasilianische Linke ist wieder in einem Ausmaß auf die Straße gegangen, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Von dieser Energie und davon, was sich in den kommenden Tagen daraus machen lässt, hängt ab, ob der Bolsonarismus am 25. Oktober besiegt werden kann.

Die Massendemonstrationen zur Unterstützung von Lula haben den brasilianischen Wahlkampf grundlegend verändert. Zwar haben die Ultrarechten in der Stichwahl um das Präsidentenamt weiterhin die besseren Chancen, doch der Ansturm von Millionen Menschen auf die Straßen zeigt, dass der Vorsprung des Kandidaten Flávio Bolsonaro aufzuholen ist. Diese Tage sind entscheidend.

In den letzten Tagen hat sich etwas Seltenes, Außergewöhnliches, Kolossales und Mitreißendes ereignet. Am Freitagabend, dem 9. Oktober, in Belo Horizonte, am Sonntag auf der Avenida Paulista in São Paulo und am Montag, einem Feiertag, in Copacabana, Rio de Janeiro, strömten Hunderttausende Menschen verschiedener Generationen auf die Straßen.

Mit ihrer aktiven Beteiligung, ihren Plakaten und unermüdlichen Sprechchören waren die Studierenden, Erwachsenen und Senioren bei diesen Demonstrationen ein eindrucksvoller Beweis für ihre Kampfbereitschaft. Die brasilianische Linke hat in den letzten 35 Jahren, also einer ganzen Generation, nichts Großartigeres auf die Beine gestellt.

Was diese Demonstrationen laut und deutlich verkündeten, war, dass man diese Wahlen nicht kampflos verlieren werde. Die soziale Basis der brasilianischen Linken kleidete sich in Rot und trat öffentlich in Erscheinung, um dem Land zu zeigen, dass sie nicht aufgibt. Am ehesten vergleichbar waren die Tage im Juni 2013, wenngleich diese Mobilisierungen von politischen Einschränkungen und sozialen Widersprüchen geprägt waren, die letztlich zur historischen Katastrophe von 2015 und 2016 beitrugen, als die Rechte die Initiative zurückgewann und es schaffte, Dilma Rousseff ihres Amtes zu entheben.

Die Demonstrationen der letzten Tage waren so beeindruckend, dass sie die extreme Rechte in die Defensive drängten und Flávio Bolsonaro dazu zwangen, die Abstimmung über die Abschaffung des 6×1-Arbeitsmodells zu unterstützen, einer Regelung, die sechs Arbeitstage pro Ruhetag vorschreibt und deren Abschaffung zu einem wichtigen Anliegen der brasilianischen Arbeiterbewegung geworden ist (amerika21 berichtete).

Viele junge Menschen, die zum ersten Mal gemeinsam mit der Linken auf die Straße gingen, entdeckten die Freude daran, ein kollektives politisches Projekt miteinander zu teilen. Viele Erfahrene wiederum erinnerten sich an die Wirkung der großen Demonstrationen von "Diretas Já" (Direktwahlen jetzt), der Kampagne für direkte Präsidentschaftswahlen, die das Ende der Militärdiktatur in den 1980er Jahren begleitete, sowie an die Bewegung "Fuera Collor" (Collor raus), die 1992 die Amtsenthebung von Präsident Fernando Collor de Mello vorantrieb.

Die Millionen Menschen, die sich trotz ihrer Besorgnis angesichts der Gefahr mit solcher Kraft mobilisiert haben, wissen, dass sie Gründe haben, bis zum Schluss zu kämpfen, und glauben, dass ein Sieg noch möglich ist. Es ist dieser Wille, der bis zur Stichwahl am Sonntag, dem 25. Oktober, alles verändern kann.

Von der Jugendrebellion zur Massenmobilisierung

Es bestand die Möglichkeit, dass die Jugenddemonstrationen, die in der Nacht zum Montag, dem 5. Oktober, begannen, der Funke zur Entzündung der sozialen Basis der Linken sein könnten. Sie entstanden spontan und aus eigener Initiative. Keine der Gewerkschaften, Volksbewegungen oder politischen Organisationen der Linken hatte dazu aufgerufen. Sie entstanden von unten, als Reaktion auf die Ergebnisse des ersten Wahlgangs, in dem Flávio Bolsonaro einen Vorsprung vor Lula errungen hat.

Es war möglich, aber niemand konnte sich dessen sicher sein. Nicht selten spielen studentische "Aufstände" eine Vorreiterrolle in der Gesellschaft, verlieren dann aber an Schwung, bevor die breiten Massen auf den Plan treten. Diesmal war das nicht der Fall. Das Gefühl der Dringlichkeit angesichts der Gefahr brachte Millionen von Menschen in Bewegung.

Am Dienstag, dem 6. Oktober, rief die Nationale Studentenvereinigung (UNE) morgens zu einer landesweiten Aktion auf. Das Erwachen der neuen Generationen erfasste das ganze Land, und bereits am Abend desselben Tages besetzten Studierende der Presbyterianischen Mackenzie-Universität, einer privaten Hochschule in São Paulo, an der reaktionäre Kräfte eine lange Tradition haben, die Maria-Antônia-Straße, nachdem ihnen die Abhaltung einer Versammlung untersagt worden war. Der Ort ist wegen der Zusammenstöße zwischen linken Studierenden und rechten Gruppen während der Militärdiktatur im Jahr 1968 symbolträchtig.

Ab dem darauffolgenden Mittwoch erschütterte eine Jugendlawine das ganze Land. Doch das Spektakulärste kam erst danach, als die Mobilisierungen einen qualitativen Sprung machten. Arbeiter, Frauenorganisationen, LGBT-Gruppen, Black-Power-Bewegungen, Umweltschützer und Künstler traten auf den Plan, und alles nahm eine neue Dimension an.

Darauf zu setzen, dass der Funke der Studierendenbewegung große Massendemonstrationen entfachen könnte, erwies sich als die beste Taktik. Die Leitung von Lulas Wahlkampf erkannte, dass es notwendig war, die jungen Führungskräfte, die zu Bundesabgeordneten gewählt worden waren, an die Spitze zu bringen, und dass es entscheidend war, Lula über die sozialen Netzwerke wieder in direkten Kontakt mit der Bevölkerung zu bringen.

Die Reaktion des Wahlkampfs von Lula kam allerdings mit einer gewissen Verzögerung auf den Aufruf der Straße, wenn auch noch rechtzeitig, um die Dynamik des Widerstands zu nutzen und Lulas Anwesenheit in São Paulo sicherzustellen. Es war ein Fehler, seine Teilnahme in Rio de Janeiro am darauffolgenden Montag nicht zu gewährleisten.

Doch diese Unentschlossenheit schmälert nicht die Tatsache, dass die Kampagne einen beeindruckenden Sieg errungen hat. Wir erleben derzeit einen fieberhaften, linken Aktivismus in den sozialen Netzwerken. Diese Kraft, die die Straßen und die Netzwerke erobert hat, darf nicht verschwendet werden. Die letzten zehn Tage vor der Stichwahl könnten so viel wert sein wie ganze Jahre.

Die autoritäre Gefahr und die Verantwortung der Linken

Am Wochenende kam es zu einer beispiellosen Krise im Obersten Wahlgericht (TSE), der für die Überwachung der brasilianischen Wahlen zuständigen Behörde. Der Konflikt begann, als Kassio Nunes Marques, Präsident des TSE und ursprünglich von Jair Bolsonaro für den Obersten Bundesgerichtshof (STF) ernannter Richter, die Sperrung des WhatsApp-Kanals "Ejército de Lula" (Die Armee Lulas) anordnete, der vom Bundesabgeordneten André Janones verwaltet und zur Mobilisierung von Millionen von Anhängern des Präsidenten genutzt wurde.

Die Entscheidung erging nach einer Beschwerde des Wahlkampfteams von Flávio Bolsonaro, das dem WhatsApp-Kanal vorwarf, Falschmeldungen zu verbreiten. Die Beschwerde enthielt jedoch keine Beweise dafür, dass die beanstandeten Inhalte über diesen Kanal verbreitet worden waren. Der Generalwahlbeauftragte Ricardo Villas Bôas Cueva hob die Sperre auf, doch Nunes Marques ordnete erneut an, den Kanal zu sperren. Diese Abfolge widersprüchlicher Entscheidungen führte zu einem schweren Streit innerhalb des TSE selbst.

Ein solcher Machtmissbrauch zeigt, wie weit die autoritäre Gefahr bereits vor der Stichwahl reicht, und lässt erahnen, was auf uns zukommen könnte. Nunes Marques selbst weigerte sich, eine Untersuchung zu den mutmaßlichen Einmischungen von Donald Trump und den Manipulationen durch die großen Technologiekonzerne im Wahlprozess zu genehmigen.

Nicht weniger wichtig ist zudem die Haltung der liberalen Kreise der brasilianischen Bourgeoisie, die sich angesichts der Gefahr eines Sieges der Bolsonaristen dafür entschieden haben, sich herauszuhalten. Die großen kommerziellen Medien haben die Bedeutung der gigantischen Massenmobilisierungen zur Unterstützung Lulas heruntergespielt. Diese Gleichgültigkeit ist jedoch keine journalistische Neutralität, sondern ein politisches Kalkül mit Blick auf den Ausgang der Wahl: Man will eine Konfrontation mit dem Bolsonarismus vermeiden, um sich vor möglichen Repressalien zu schützen, sollte Flávio Bolsonaro an die Macht kommen.

Niemand mit auch nur einem Mindestmaß an Urteilsvermögen kann ignorieren, dass die Grundfesten der demokratischen Ordnung im Falle einer Niederlage Lulas und der Machtübernahme einer radikal ultrarechten Strömung unter der Führung einer faschistoiden Gruppierung bedroht wären. Aus diesen Ereignissen können wir nur dramatische Schlussfolgerungen ziehen. Die Linke trägt die Verantwortung, alle seit dem Ende der Diktatur errungenen wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften, einschließlich der demokratischen, zu verteidigen. Die herrschende Klasse, selbst jene Sektoren, die keine Bolsonaristen sind, hat sich angesichts der drohenden Katastrophe ergeben.

Wie sich die Lage letztendlich entwickeln wird, kann niemand vorhersagen. Doch auch wenn es sehr schwierig ist, hat sich gezeigt, dass es möglich ist, den Kurs der reaktionären Welle umzukehren. In diesen Tagen wird die Rolle der Wahlkampfleitung von Lula entscheidend sein. Es bleibt keine Zeit, Fehleinschätzungen zu korrigieren.

Der Schuldenerlass für einzelne Kleinstunternehmer, also kleine Selbstständige, die von einer vereinfachten Steuerregelung profitieren, war eine kluge Notmaßnahme. Nun gilt es auch, die neuen Vorwürfe über die Verbindungen des Unternehmers Daniel Vorcaro, einer zentralen Figur im Finanzskandal1 um die Banco Master, zu Persönlichkeiten des Bolsonarismus wie Nunes Marques zu nutzen.

Doch die größte Herausforderung bleibt bestehen. Es gilt, ehrlich und selbstkritisch ein mutiges Reformprogramm zu präsentieren: mehr Reformen, mehr Zukunft, mehr Hoffnung. Der Wahlkampf muss konsequent die katastrophalen Folgen eines Sieges der Bolsonaro-Anhänger anprangern, um die Ablehnung der extremen Rechten unter den Unentschlossenen zu verstärken.

Es gilt, alles geduldig zu erklären, im Fernsehen, in den sozialen Netzwerken und in alltäglichen Gesprächen. Dabei braucht es Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Zweifel und das Zögern dieser Bevölkerungsgruppen. Gleichzeitig muss eine mutige Wahlkampfstrategie die Mobilisierung durch große Massendemonstrationen aufrechterhalten. Ohne solche Initiativen wird es schwierig sein, die Wahlenthaltung in Lulas Wählerbasis zu verringern, die für den Wahlausgang entscheidend ist.

Das Unvorhersehbare quält uns, aber wir müssen bis zum Schluss kämpfen.

  • 1. Daniel Vorcaro, Gründer der Banco Master, steht im Zentrum eines Skandals wegen des mutmaßlichen Betrugs, der Geldwäsche und der Einflussnahme auf Justiz und Medien. Die Bank wurde Ende 2025 zwangsliquidiert. Gegen Flávio Bolsonaro wird im Zusammenhang mit finanziellen Verbindungen zu Vorcaro wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Korruption ermittelt.

Guatemala unter Schock nach Mord an Korruptionsermittler

Sonntag, 18. Oktober 2026

Artikel aus a21 und angehängt Link zu Video, aufgrund dessen wahrscheinlich der Mord erolgte.

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Große Anteilnahme nach dem Mord an Francisco Foppa
Große Anteilnahme nach dem Mord an Francisco Foppa
 Quelle:Ecos de la Oscuridad

Guatemala-Stadt. Am Samstagmorgen ist der Jurist und politische Aktivist Juan Francisco Solórzano Foppa in Guatemala-Stadt erschossen worden. Die Tat ereignete sich auf einem Sportplatz in der Zone 5 der Hauptstadt. Neben Foppa kam eine zweite Person ums Leben, die als Gustavo Adolfo Aguilar Gamarro, ein hauptamtlicher Mitarbeiter der Judo-Föderation in Guatemala, identifiziert wurde. Nach Presseangaben hatten insgesamt vier Täter bis zu 40 Schüsse auf die beiden Opfer abgegeben und flüchteten anschließend auf Motorrädern.

Nach Polizeiangaben wurden zwei mögliche Täter zehn Minuten nach der Tat verhaftet, bei ihnen wurden Schusswaffen sichergestellt. Es soll sich um die beiden Brüder Rigoberto C. und Daniel C. handeln. Rigoberto C. hatte nach Presseangaben von 2017 bis 2019 bei der Armee gedient und war auf eigenen Wunsch ausgeschieden. Beide bestreiten, mit der Tat irgendwas zu tun zu haben. 

Der Jurist Foppa arbeitete zwölf Jahre bei der Staatsanwaltschaft. Unter anderem war er mit Ermittlungen im Fall La Línea betraut. Der Korruptionsskandal hatte Guatemala 2015 erschüttert und zu monatelangen Massenprotesten geführt. Später wurde unter anderem der ehemalige rechtsgerichtete Staatspräsident Otto Pérez Molina in diesem Korruptionsverfahren zu 16 Jahren Haft verurteilt. 2016 bis 2018 leitete Foppa die Steuerbehörde SAT und ging auch hier gegen Korruption innerhalb der Institution vor. 

2023 übernahm Foppa die Verteidigung des Journalisten José Rubén Zamora, der ebenfalls Korruption aufdeckte. Im Zuge seiner Verteidigung, auf dem Höhepunkt der willkürlichen Verhaftungen von Journalisten und Juristen, wurde Foppa selbst im April 2023 wegen "Behinderung der Strafverfolgung" verhaftet. Er saß bis Juni 2023 im Gefängnis und wurde zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt, die in eine Geldstrafe umgewandelt wurde. Rubén Zamora hatte damals wegen der Repression gegen seine Verteidiger diese gebeten, das Mandat niederzulegen, und sich selbst verteidigt.

Foppa (rechts im Bild) nach der Einschreibung seiner Kandidatur zum Bürgermeisteramt im Frühjahr 2023. Danach folgten Kriminalisierung und Haft
Foppa (rechts im Bild) nach der Einschreibung seiner Kandidatur zum Bürgermeisteramt im Frühjahr 2023. Danach folgten Kriminalisierung und Haft

Foppas Verhaftung behinderte damals auch seine politischen Aktivitäten. Der Aktivist, der der linken Partei und ehemaligen Guerillaorganisation URNG (Vereinigte Nationale Revolutionäre Guatemalas) nahestand, hatte bei den Wahlen im Juni 2023 für ein linkes Wahlbündnis der Parteien URNG, Winaq und Semilla für das Bürgermeisteramt in Guatemala-Stadt kandidieren wollen und hatte nach Umfragen gute Chancen auf einen Wahlsieg gehabt. Im Zuge der Kriminalisierung linker Kräfte wurde er aber von der Kandidatur ausgeschlossen. Schon 2019 hatte Foppa für das Bürgerkomitee Mi Barrio (Mein Stadtteil) als Bürgermeister kandidieren wollen, auch damals folgte auf die geplante Kandidatur Ausschluss, Kriminalisierung und 2021 eine kurze Haftstrafe. 


Foppa begrüßt seine Mutter, Silvia Solórzano Foppa, während des Prozesses gegen ihn 2021
Foppa begrüßt seine Mutter, Silvia Solórzano Foppa, während des Prozesses gegen ihn 2021

Zuletzt hatte Foppa wieder als Rechtsanwalt gearbeitet und sich sowohl juristisch als auch mit öffentlichen Videos der Bekämpfung der organisierten Kriminalität gewidmet. Immer wieder standen dabei Verbindungen des mutmaßlichen Führers der Bande Barrio 18, Aldo Ochoa, mit der Politikerin Sandra Torres im Fokus von Foppa. Torres, die 2023 bei der Stichwahl gegen den Sozialdemokraten Bernardo Arévalo unterlag, war bis Oktober 2025 Generalsekretärin der Partei UNE, der aktuell größten Oppositionspartei in Guatemala, und wird voraussichtlich 2027 erneut für das Präsidentenamt kandidieren.

In seinem letzten öffentlichen Video am Donnerstag war Foppa auf den Vorfall im Landkreis Huité Ende September eingegangen. Bei einer Militäroperation gegen mutmaßliche Drogenhändler waren acht unbewaffnete Zivilisten ums Leben gekommen, unter ihnen ein zehnjähriges Mädchen und ein 14-jähriger Junge. Der Vorfall hatte in Guatemala Empörung hervorgerufen, Arévalo hatte die Beteiligung der Armee eingeräumt. Foppa hatte in dem Video gesagt, nach seinen Recherchen seien neben den guatemaltekischen Soldaten auch Agenten des US-Geheimdienstes CIA an der Operation beteiligt gewesen.

Die URNG sprach in einer Erklärung den Angehörigen des "Genossen Foppa" ihr Beileid aus und forderte vollständige Aufklärung. Die linke Partei rief "soziale Organisationen und demokratische Kräfte" dazu auf, "öffentlich und friedlich" Gerechtigkeit zu fordern. Zahlreiche weitere Organisationen wie die Landarbeitervereinigungen Codeca, CUC und CCDA und der im Exil lebende ehemalige Menschenrechtsobman Jordán Rodas verurteilten den Mord und forderten Aufklärung.

Der Mord ereignete sich in einer Phase im Land, in der durch die Neubesetzung der Generalstaatsanwaltschaft und der Gerichte des Landes Hoffnung auf eine langsame Rückkehr zu rechtsstaatlichen Verhältnissen aufkam. In den Jahren seit 2014 hatten die Kreise um den sogenannten Pakt der Korrupten die Justizorgane systematisch unterwandert. Im Land wird jetzt spekuliert, inwieweit dieser Machtverlust und die Angst vor Aufklärung vergangener Verbrechen mit dem Mord im Zusammenhang stehen könnten. 

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 https://www.instagram.com/reel/DeigzZ7FX5a/?obrf=eDNobXI4YTk1YTF1

 

«Remigration» und Herrschaft

Donnerstag, 15. Oktober 2026

 

(zas, 15.11.26) Nur ein kleiner Kommentar zur tobenden Hatz auf MigrantInnen: Den Begriff Remigration vermeidet der Mainstream in Politik und Medien, da er doch zu offensichtlich Gemeinsames der Antiasylpolitik mit den Faschos evozieren würde. Nicht so im Agency Strategic Plan Fiscal Years 2026-2030 des State Departments.  


Das Papier skizziert auf wenigen Seiten die beschlossene Unterordnung der Welt unter die USA für die kommenden vier Jahre. Darin (schon im Vorwort des Aussenministers) wird «Remigration» wiederholt als ein Ziel der Washingtoner Politik verwendet.

Das passt zum Rest des Papers.

Hauptermittler im Fall Cerimedo in Bolivien festgenommen

Sonntag, 11. Oktober 2026

 https://amerika21.de/2026/10/291019/politische-krise-bolivien

Mariaca vermutet politische Motive hinter seiner Festnahme. Ihm droht Auslieferung in die USA. Auch Vizepräsident Boliviens befürchtet Repression


Jamaika holt kubanische Gesundheitskräfte zurück

https://amerika21.de/2026/10/291028/jamaika-kuba-gesundheitskraefte 

Kuba / Jamaika / Politik / Soziales
Kubanisches ärztliches Fachpersonal in Barbados als Antwort auf COVID-19
Kubanisches ärztliches Fachpersonal in Barbados als Antwort auf COVID-19

Havanna/Kingston. Jamaika hat 157 kubanische Gesundheitsfachkräfte erneut angestellt und damit trotz Drucks der USA die Zahl der Kubaner im öffentlichen Gesundheitssystem des Landes auf 200 erhöht. Das hat Gesundheitsminister Christopher Tufton am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Kingston mitgeteilt. Die Rückkehrer sind demnach bereits im Einsatz.

Die 157 Ärzte und Pflegekräfte kommen zu den 43 kubanischen Fachkräften hinzu, die nach dem Ende des Regierungsabkommens in Jamaika geblieben waren. Ihnen hatte Kingston angeboten, auf Grundlage individueller Verträge weiterzuarbeiten.

"Wir haben ihnen im Grunde ein Angebot gemacht. Wir haben gesagt, wir können die Vereinbarung nicht fortführen wie bisher, aber wenn ihr zurückkehrt und es eure Entscheidung ist, würden wir euch direkt unter Vertrag nehmen", sagte Tufton laut Jamaica Observer. "Wir sind also nah an dem Stand, auf dem wir waren." Den Fachkräften, die diese Option gewählt hätten, dankte er: "Das System braucht sie."

Zum Zeitpunkt des Bruchs lag die Zahl der kubanischen Fachkräfte nach Angaben der Zeitung bei 277. Die größte Gruppe von 69 Fachkräften wurde der Gesundheitsbehörde der Region Südost zugeteilt. 28 arbeiten in der Region West, 26 in der Region Süd und 25 am Universitätsklinikum der Westindischen Inseln (UHWI). Neun sind im Gesundheitsministerium und in der Behörde der Region Nordost tätig.

Das bisherige Kooperationsabkommen war im Februar 2023 ausgelaufen. Die kubanischen Fachkräfte arbeiteten dennoch weiter, während über einen Nachfolgevertrag verhandelt wurde. Im März dieses Jahres kündigte Jamaika an, die Zusammenarbeit auf Regierungsebene zu beenden. Kubas Regierung warf Jamaika daraufhin vor, dem Druck der USA nachgegeben zu haben.

US-Außenminister Marco Rubio hat im Rahmen seiner Strategie des "maximalen Drucks" gegen Kuba seit Jahresbeginn auf ein Ende der bilateralen Verträge hingewirkt und medizinische Einrichtungen in Kuba sanktioniert. Rubio sprach auch direkt mit mehreren Regierungen, um diese zu drängen, die medizinische Kooperation mit Kuba aufzugeben, und drohte mit Sanktionen. Im Falle Jamaikas fand auch ein direktes Gespräch zwischen Rubio und Premierminister Andrew Holness statt.



Guatemala: Staatliche Gewalt, antikolonialer Befreiungskampf und gewaltfreier Widerstand

Mittwoch, 30. September 2026

 

Ein Gespräch mit Nora Leiva Narciso und Marco Antonio Figueroa, die beide in der URNG-Guerilla gekämpft hatten, zu Geschichte und Aktualität Widerstands.

Edith Bitschnau, Anita Escher*

(Ein Überblick über die jüngere Geschichte, eine Erläuterung zu den im Gespräch erwähnten 48 Kantonen und eine Angabe zu einem Mittel der Kolonialverwaltung im Krieg folgen am Schluss des Interviews.)

 

Nora Leiva und Marco Antonio Figueroa

Nach dem Militärputsch 1954 gegen den gewählten Präsidenten Jacobo Arbenz begann eine Phase autoritärer Militärregimes in Guatemala. Die CIA spielte dabei eine entscheidende Rolle. Es wurden nicht nur Söldner bewaffnet, psychologische Kriegsführung angewendet und die Armee gespalten, sondern teils flogen auch US-Piloten Angriffe auf Guatemala-Stadt. Insbesondere die von Arbenz eingeführte Landreform bedrohte die wirtschaftlichen Interessen der US-amerikanischen United Fruit Company (heute Chiquita). Nach dem Putsch 1954 wurde die Agrarreform wieder rückgängig gemacht und die indigene, gewerkschaftliche und studentische Bewegung jahrzehntelang brutal verfolgt. Die Macht lag in den Händen militärischer und wirtschaftlicher Eliten, die eng mit US-Interessen verbunden waren. Der Staat setzte systematisch Terror als Herrschaftsmittel ein, darunter Verschleppungen, aussergerichtliche Hinrichtungen und Folter. Vor diesem Hintergrund kamen die sozialen Bewegungen in den 1960er-Jahren zu dem Schluss, dass der bewaffnete Kampf der einzige Weg war, um grundlegende strukturelle Veränderungen herbeizuführen. Die Guerrillaorganisationen kämpften während 36 Jahren gegen die Militärdiktaturen in Guatemala und den Genozid, der sich gegen die indigenen Maya-Völker richtete.

 

Widerspruch: Könnt Ihr Euch kurz vorstellen?

Nora Leiva: Mein Name ist Nora Leiva, ich bin Guatemaltekin und seit jeher politisch links orientiert.

Marco Antonio Figueroa: Mein Name ist Marco Antonio Figueroa. Wie Nora schloss ich mich zu Beginn der 1980er-Jahre dem politischen Kampf und dem bewaffneten Konflikt an. Wir waren direkt an den Ereignissen der 1980er- und 1990er-Jahre, die schliesslich zur Unterzeichnung der Friedensabkommen führten. Unsere gesamte Erfahrung entstand im Kontext der Guerillabewegung und war für uns von prägender Bedeutung.

Heute sind wir Mitglieder der Guatemaltekischen Vereinigung von Menschen mit Behinderungen (Asociacion Guatemalteca de Personas con Discapacidad por Causa del Conflicto, AGPD). Wir beide leben mit einer Behinderung als Folge des bewaffneten Konflikts.

 

Widerspruch: Wie lässt sich erklären, dass nach den Präsidentschaftswahlen 2023 so viele Menschen auf die Strasse gegangen sind?

MAF: Der Regierungswechsel in Guatemala wurde staatlichen Instanzen zu behindert. Allen voran nutzte die Staatsanwaltschaft ihre Macht, um Vorwände zu konstruieren und nicht nur den Amtsantritt des gewählten Präsidenten Bernardo Arévalo zu blockieren, sondern den gesamten Übergangsprozess zu sabotieren.

Bereits vor den Wahlen wurde ein polarisierendes Narrativ aufgebaut, sodass die Wahl von vielen als Entscheidung zwischen einem Bruch mit Korruption und Straflosigkeit einerseits und der Fortsetzung bestehender Machtverhältnisse andererseits wahrgenommen wurde. Entsprechend entschieden sich viele Wähler:innen bewusst für jene Kräfte, die einen entschiedenen Kampf gegen Korruption versprachen. Nach der Wahl blockierten jedoch gerade jene staatlichen Institutionen, die als Teil dieses bestehenden korrupten Systems galten, darunter die Staatsanwaltschaft, der Oberste Gerichtshof und das Verfassungsgericht, aktiv den Regierungswechsel.

Diese institutionelle Blockade war der Auslöser für eine breite gesellschaftliche Mobilisierung. Besonders der Aufruf der indigenen Organisation «48 Kantone von Totonicapán», ein Verfahren gegen die Generalstaatsanwältin einzuleiten, gab den Protesten eine klare politische Richtung. In der Folge entstand eine landesweite Bewegung, in der sich Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen für die Verteidigung des demokratischen Übergangs und einen ordnungsgemässen Regierungswechsel engagierten.

 

WSP: Warum gingen die ersten Initiativen von den 48 Kantonen aus, und weshalb folgten ihnen so viele unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, gerade in einem postelektoralen Kontext?

NL: Die 48 Kantone sind eine historisch anerkannte indigene Autorität mit rechtlicher Autonomie und klarer Organisation. Sie geniessen grosse Legitimität. Ihr Aufruf richtete sich gegen Korruption und gegen das, was in Guatemala als «Pakt der Korrupten» bezeichnet wird.

Indem die 48 Kantone diese Problematik klar benannten, gelang es ihnen, breite Teile der Gesellschaft zu erreichen. Schritt für Schritt schlossen sich immer mehr Gruppen an: bäuerliche Gemeinden, indigene Organisationen, Arbeiter:innen, religiöse Gruppen, Studierende. Das setzte die Institutionen unter Druck, den Übergangsprozess nach den Wahlen 2023 schliesslich zuzulassen.

 MAF: Wir verstehen die Mobilisierung der Menschen nach dem Wahlausgang 2023 im Zusammenhang der politischen Entwicklung nach den Friedensabkommen (1996) in Guatemala. Die Friedensabkommen waren einst eine Phase der Hoffnung: Politische Beteiligung schien möglich, ohne Repression befürchten zu müssen. Doch die darauffolgenden Regierungen sabotierten das das systematisch. Unter Präsident Giammattei wurden mit einem Federstrich zentrale Institutionen abgeschafft, die zur Umsetzung der Friedensabkommen geschaffen worden waren. Die historische Erinnerung an demokratische Reformprozesse – wie unter den beiden Präsidenten Juan José Arévalo und Jacobo Árbenz – und deren gewaltsame Beendigung durch den von den USA unterstützten Putsch von 1954 verstärkten damals das Gefühl, dass erneut eine Hoffnung zerstört wurde.

NL: Die postelektorale Bewegung war spontan und entstand als unmittelbare Reaktion auf die offensichtliche Straflosigkeit, mit der die Staatsanwaltschaft handelte. Je deutlicher wurde, dass illegale und widersprüchliche Massnahmen eingesetzt wurden, um das Wahlergebnis rückgängig zu machen, desto mehr wuchs der Widerstand. Die Mobilisierung entwickelte sich schrittweise, parallel zur Eskalation dieser institutionellen Willkür.

MAF: Die Reaktion kam aus der gesamten Bevölkerung. Als die 48 Kantone mit einer entschiedenen Haltung auftraten, schlossen sich indigene Gemeinschaften aus anderen Regionen an, ebenso wie viele Menschen aus den Städten. Diese breite Solidarität war beeindruckend.

 

 WSP: Wofür und mit welchen Mitteln kämpft die Bevölkerung heute? Sind es eher lokale oder regionale Kämpfe? Und wie ist die Beteiligung junger Menschen?

MAF: Um das zu verstehen, muss man auf das Jahr 2015 zurückblicken. Damals gab es eine landesweite Mobilisierung gegen die Regierung von Otto Pérez Molina, die schliesslich zu deren Rücktritt führte. Doch diese Bewegung wurde gezielt durch das Eingreifen der US-Botschaft und der guatemaltekischen Wirtschaftselite (CACIF) neutralisiert. Sie beteiligten sich an den Demonstrationen nicht, um zu unterstützen, sondern um die Bewegung zu kontrollieren und eine Radikalisierung zu verhindern. Was ihnen gelang. Die Folgen sind bis heute spürbar: Statt einer geeinten sozialen Bewegung gibt es fragmentierte, lokale Kämpfe. Besonders im ländlichen Raum ist der Widerstand stärker als in den Städten. Diese Spaltung ist ein strategischer Erfolg der damaligen Interventionen.

In diesem Kontext entstand die politische Bewegung Semilla (Saat), die heutige Regierungspartei. Viele Menschen wählten sie, weil sie sich gegen Korruption positionierte.

NL: Es gibt weiterhin territoriale Kämpfe, vor allem gegen Bergbauprojekte und für den Schutz des Wassers. Die entsprechenden Lizenzen wurden lediglich ausgesetzt, nicht aufgehoben. Es besteht die Sorge, dass sie künftig wieder aktiviert werden.

 

WSP: Wie ist die Beteiligung von Jugendlichen und Frauen?

NL: Jugendliche beteiligen sich, oft beeinflusst durch ältere Generationen, die frühere Repression erlebt und überlebt haben. Auffällig ist die starke Präsenz von Frauen bei Demonstrationen, in Versammlungen und in lokalen Organisationen. In vielen Regionen sind sie die treibende Kraft.

MAF: Die Beteiligung junger Menschen könnte grösser sein. Viele sind politisch entfremdet, was das Ergebnis einer langfristigen Strategie ist, soziale Bewegungen zu schwächen. Es braucht bewusste Bildungs- und Sensibilisierungsprozesse, um sie wieder einzubeziehen. Heute engagieren sich Jugendliche in ländlichen Regionen stärker als jene in urbanen.

 

WSP: In ländlichen Gebieten gibt es trotz der traumatischen Geschichte der Repression weiterhin intensive Kämpfe, oft mit Polizei- und Militäreinsätzen. Wie erklärt Ihr diese Widerstandskraft?

NF: Noch immer ordnen Richter gewaltsame Räumungen an, besonders in Regionen wie Izabal und Cobán. Gemeinschaften werden vertrieben, obwohl sie dort seit Jahrzehnten oder Generationen leben. Historisch bedingte Ungerechtigkeiten bei der Eintragung von Landtiteln haben dazu geführt, dass viele Gemeinden ihr Land rechtlich verloren haben, obwohl sie legitime Ansprüche hatten. Diese Konflikte bestehen bis heute.

MAF: So wurde und wird Gemeindeland systematisch enteignet. Mit juristischer Beratung verschaffen sich Einzelne Eigentumstitel, während die betroffenen Gemeinschaften kaum Zugang zu rechtlicher Unterstützung haben. Auf dieser Grundlage erfolgen dann die Räumungen.

 

WSP: Welche Rolle spielte die internationale Einmischung im bewaffneten Konflikt und im Genozid in Guatemala?

MAF: Die internationale Einmischung war massiv und direkt. Vor allem die USA spielten seit dem Putsch von 1954 eine zentrale Rolle. Sie unterstützten militärische Diktaturen in ganz Lateinamerika ideologisch, politisch und militärisch, insbesondere durch Ausbildung in der «School of the Americas». Ziel war die Sicherung ihrer geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen.

Als die Repression in Guatemala so extrem wurde, dass auch US-Bürger:innen betroffen waren, stellten die USA die direkte Waffenlieferung offiziell ein, setzten diese jedoch indirekt über Israel fort. Israel lieferte Waffen, militärische Beratung, Geheimdiensttechnologie und unterstützte den Aufbau militärischer Infrastruktur (z. B. der Luftwaffe oder Munitionsfabriken).

Auch die Schweiz (unter anderem mit Pilatus-Flugzeugen) sowie Militärdiktaturen aus Chile, Argentinien und Uruguay waren beteiligt, insbesondere durch die Weitergabe von Geheimdienst- und Repressionsmethoden, vor allem für den urbanen Raum.

Die massive Repression in Guatemala richtete sich jedoch gezielt gegen die indigene Bevölkerung, die als soziales und politisches Rückgrat des Widerstands galt.

 

WSP: Wie erklärt Ihr die anhaltende Widerstandskraft indigener Gemeinden trotz jahrzehntelanger Repression?

MAF: Indigene und bäuerliche Gemeinschaften waren die Hauptopfer des Krieges. Bereits während des Konflikts organisierten sie sich in den 1980er- Jahren innerhalb Guatemalas in Gemeinden des Widerstands. Die Friedensabkommen stärkten sie politisch erstmals durch rechtliche Anerkennung, nachdem sie zuvor jahrhundertelang unterdrückt worden waren. Diese Anerkennung, kombiniert mit historischen Erfahrungen von Kolonisierung, Repression und Enteignung, führte schrittweise zu politischem Bewusstsein, Selbstorganisation und Widerstand.

NL: Der Widerstand ist im Zusammenhang mit dem antikolonialen Kampf zu verstehen und beruht auf Unterwerfungs- und Ausbeutungserfahrung, Identität, Sprache, Kultur und kollektiven Werten wie Respekt, Solidarität und Gemeinschaft. Diese kulturelle Kontinuität gibt Kraft, auch wenn politische Kämpfe oft fragmentiert bleiben.

 

WSP: Unterstützen indigene Organisationen Präsident Bernardo Arévalo noch?

NL: Nein. Zwar waren indigene Organisationen – insbesondere die 48 Kantone von Totonicapán – entscheidend dafür, dass der demokratische Regierungswechsel überhaupt möglich wurde. Doch die neue Regierung hat zentrale Forderungen nicht erfüllt:

·       Zugang zu Gesundheitsversorgung

·       kulturell angepasste Bildung

·       Arbeitsmöglichkeiten ohne Diskriminierung

·       Infrastruktur für abgelegene Gemeinden

Besonders ausschlaggebend war die Inhaftierung indigener Führungspersönlichkeiten, darunter ein ehemaliger Vertreter der 48 Kantone. Präsident Arévalo äusserte lediglich Kritik, unternahm jedoch nichts Konkretes. Das führte zum endgültigen Bruch mit der indigenen Bewegung.

 

WSP: Wie bewertet Ihr die Friedensabkommen?

MAF: Die Friedensabkommen beendeten 1996 den bewaffneten Konflikt, nicht weil die Guerilla besiegt worden war, sondern um die Fortsetzung der massiven Repression gegen die Zivilbevölkerung, den Genozid, aufzuhalten. Die Friedensabkommen schufen erstmals Räume für Meinungsfreiheit, politische Beteiligung und soziale Forderungen.

Krieg gegen die Mayas

 Aus einer politischen Perspektive war das Hauptproblem der Nachkriegszeit nicht der Inhalt der Friedensabkommen, sondern die systematische Sabotage durch nachfolgende Regierungen, beginnend mit Álvaro Arzú, der die Abkommen dazu nutzte, um staatliche Institutionen zu privatisieren und wirtschaftliche Macht zu konzentrieren.

NL: Es handelt sich um eine Reihe von Abkommen, insgesamt zwölf, darunter spezifische zu Menschenrechten, indigener Bevölkerung, sozioökonomischer Entwicklung und ziviler Kontrolle. Sie sind bis heute geltendes Recht, werden aber nicht umgesetzt. Internationale Gelder, die zur Umsetzung der Abkommen gedacht waren, verschwanden grösstenteils in privaten Taschen.

 

WSP: Würdet Ihr wieder zu den Waffen greifen?

MAF: Ja – unter denselben Bedingungen. Heute nicht mehr, aus Altersgründen, aber damals war es eine notwendige Entscheidung.

NL: Wenn ich wieder 19 wäre: ja.

 

WSP: Kommen wir auf die staatliche Gewalt, den antikolonialen Kampf und die Frage des Widerstands zu sprechen. Welche Klasseninteressen hatte und hat die guatemaltekische Bourgeoisie?

MAF: In Guatemala handelt es sich nicht um eine breite Bourgeoisie, sondern um eine Oligarchie, bestehend aus weniger als einem Dutzend Familien. Diese Familien kontrollieren seit der Kolonialzeit den Grossteil von Land, Kapital, Industrie, Handel und Finanzwesen. Ihr Reichtum basiert historisch auf der Enteignung der indigenen Bevölkerung, durch rechtliche Tricks oder offene Gewalt. Die zentralen Interessen der guatemaltekischen Oligarchie sind die Ausweitung ihres Eigentums, der Erhalt ihrer politischen Macht durch die Kontrolle der staatlichen Institutionen und die Sicherung von Profiten in Bereichen wie Zement, Alkohol, Bergbau, Palmöl, Energie und Finanzsektor. Viele dieser Familien leben nicht dauerhaft in Guatemala, sondern in Europa oder den USA, häufig mit doppelter Staatsbürgerschaft, um sich der juristischen Verantwortung zu entziehen. In Guatemala agieren ihre Rechtsvertreter.

Die Oligarchie ist rechtsextrem, autoritär und wertkonservativ. Während des bewaffneten Konflikts fungierte das Militär faktisch als private Schutztruppe ihrer wirtschaftlichen Interessen. Daraus entwickelte sich ein zentraler Teil der staatlichen Gewalt. Ein wesentliches Merkmal ist ihre Fähigkeit zur Kontrolle über Medien, Justiz, Parlament und politische Parteien. Gesetze werden systematisch zu ihren Gunsten gestaltet, etwa äusserst niedrige Abgaben für Bergbaukonzerne.

NL: Die evangelikalen Kirchen spielen eine zentrale Rolle bei der Machterhaltung der Oligarchie. Sie wurden insbesondere seit den 1980er-Jahren ausgebaut. Viele wurden direkt oder indirekt durch US-amerikanische Kirchen gefördert. Ein zentrales Narrativ dieser Kirchen ist der Antikommunismus:
Soziale Kämpfe, Umweltproteste oder indigene Selbstorganisation werden von diesen Sekten bis heute als «kommunistisch» diffamiert. Das dient der ideologischen Kontrolle, Entpolitisierung und Legitimation von Gewalt. Der ehemalige Präsident und Kriegsverbrecher, Efrain Ríos Montt, war Teil einer evangelikalen Sekte. Ein Grossteil der
Täter des Genozids – Folterer, Mörder, Vergewaltiger – fand dort Schutz. Die religiöse Lehre der «Vergebung» ermöglichte es ihnen, ihre Verbrechen moralisch zu relativieren. Diese Kirchen oder Sekten fungierten als Zufluchtsorte für Täter.

 

WSP: Wer waren die Folterer, und wie leben sie heute?

MAF: Nur wenige Täter wurden jemals verurteilt, viele davon inzwischen freigelassen. Selbst bei erdrückender Beweislage werden Urteile aufgehoben.

Mitglieder von Todesschwadronen, Geheimgefängnissen und Foltereinheiten wurden nie identifiziert oder juristisch zur Rechenschaft gezogen. Viele leben unbehelligt in Guatemala, andere emigrierten, meist in die USA oder nach Europa. Einige gründeten private Sicherheitsfirmen, andere wurden sogar Abgeordnete und geniessen politische Immunität. Moralisch belastet fühlen sie sich nicht – ihre religiöse Zugehörigkeit habe ihnen «Vergebung» verschafft.

NL: Wichtige Archive wie das Polizeiarchiv oder Militärregister wurden zufällig entdeckt, weil sie nicht rechtzeitig zerstört wurden. Diese Dokumente belegen detailliert die Entführungen, Folter, geheime Hinrichtungen und Massengräber. Sie zeigen das Ausmass der Repression und widerlegen systematisch die staatliche Version.

 

WSP: Was bedeutet Gerechtigkeit für Überlebende von Folter und Genozid?

MAF: Aus unserer Sicht umfasst Gerechtigkeit:

·       materielle Entschädigung

·       Anerkennung der Opfer durch offizielle Register

·       Suche nach Verschwundenen, Identifizierung mittels DNA

·       Rückgabe der sterblichen Überreste an die Familien

·       Erinnerungsarbeit: lokale Gedenkstätten, Museen

·       historische Bildung, damit sich die Verbrechen nicht wiederholen

Die meisten Angehörigen der Folteropfer verlangen vor allem Wahrheit:
Wo wurden ihre Familienmitglieder ermordet? Wo sind sie begraben?

NL: Der Genozid in Guatemala wurde juristisch im Verfahren gegen Efraín Ríos Montt anerkannt.
Die Richterin erklärte ihn für schuldig. Obwohl das Urteil später politisch sabotiert wurde, gilt die Anerkennung des Genozids als
historischer Meilenstein in Guatemala und Zentralamerika.

 

WSP: Wie manifestiert sich heute die Klassen- und rassistische Gewalt?

MAF: Aktuelle Formen der Gewalt sind der strukturelle Rassismus gegen die indigene Bevölkerung, ihre systematische soziale Ausgrenzung, die Kriminalisierung sozialer Bewegungen, die Justiz als Repressionsinstrument («Lawfare»), aber auch der fehlende Zugang zu Gesundheit, Bildung und sozialer Infrastruktur sind Formen der strukturellen Gewalt.

Aus unserer Perspektive sehen wir auch die Ausbreitung des organisierten Verbrechens und der Narco-Ökonomie als Teil der strukturellen Gewalt.

NL: Die Ursachen, die historisch zum bewaffneten Konflikt führten, wie Landkonzentration, Armut, institutioneller Rassismus, Straflosigkeit und die Macht der Oligarchie, bestehen fort. Das Militär war ein Werkzeug, die Hauptprofiteure waren und sind die wirtschaftlichen Eliten.

Die Überlebenden von Folter und Genozid sowie ihre Familien fordern Gerechtigkeit. Wir ehemaligen Freiheitskämpfer:innen und Kriegsverletzte sind uns der Kontinuität von Klassen- und rassistischer Gewalt in der Gegenwart bewusst.

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Angaben

zur jüngeren Geschichte:

1960–1996: Der bewaffnete Konflikt forderte fast 200’000 Tote oder Vermisste und führte zur Vertreibung von über 1.5 Millionen Menschen. Eine zentrale Figur des staatlichen Terrors war Efraín Ríos Montt, ein guatemaltekischer General und Militärdiktator, der 1982–1983 durch einen Putsch an die Macht kam. Während seiner kurzen, aber extrem gewaltsamen Herrschaft erreichte der Bürgerkrieg seinen brutalsten Höhepunkt. Internationale und nationale Untersuchungen stuften die verübten Verbrechen des Staates als Völkermord an der Maya-Bevölkerung ein. Ríos Montt starb 2018, ohne rechtskräftig verurteilt worden zu sein.

1994–1996: Das Friedensabkommen vom 29. Dezember 1996 beendete offiziell den bewaffneten Konflikt.

Die Kommission zur historischen Aufklärung (CEH) untersuchte die Gewalt während des Bürgerkrieges. Ergebnis: Rund 93 Prozent der Menschenrechtsverletzungen waren staatlichen Kräften zuzurechnen, die den Völkermord an der indigenen Maya-Bevölkerung und der politischen Opposition verübten.

2020-2024: Unter der Präsidentschaft von Alejandro Giammattei wurden zentrale Elemente des Friedensprozesses wie Menschenrechte, historische Aufarbeitung, indigene Rechte, Justizreformen und Demilitarisierung wurden blockiert. Institutionen und Akteur:innen, die sich mit Kriegsverbrechen, Korruption und Straflosigkeit befassten, wurden kriminalisiert oder ins Exil gedrängt. Gleichzeitig gewann das Militär wieder an Einfluss.

Seit dem 14. Januar 2024 regiert Bernardo Arévalo von der reformorientierten Partei Movimiento Semilla an, die aus der Antikorruptionsbewegung hervorging. Semilla steht für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und soziale Reformen und versteht sich als Gegenpol zu den autoritären und korrupten Machtstrukturen des Landes. Die politische Elite des Landes versuchte seinen Amtsantritt zu verhindern und versucht weiterhin, einen Regime Change herbeizuführen.

 

zu den 48 Kantonen:

 

Die Entstehung der 48 Kantone von Totonicapan geht auf den antikolonialen, indigenen Widerstand von Atanasio Tzul zurück, einem k’iche’-Anführer aus Totonicapán, der 1820 einen der bedeutendsten indigenen Aufstände der späten Kolonialzeit anführte, ein Jahr vor der Unabhängigkeit Guatemalas.

Die 48 Kantone von Totonicapán sind eine indigene Organisations- und Selbstverwaltungsform in Guatemala. Sie bestehen bis heute aus 48 Gemeinschaften (Cantones) im westlichen Departament von Totonicapán, überwiegend K’iche’-Maya. Jede Gemeinschaft hat einen eigenen alcalde comunal (kommunitären Bürger:innenmeister), gemeinsam bilden sie den Rat der 48 Kantone. Diese Form lokaler Autorität ist historisch tief verwurzelt und wird als eine der ältesten kommunalen Selbstverwaltungsstrukturen des Landes gesehen, mit Traditionen, die bis in die Kolonialzeit zurückreichen (und darüber hinaus). Sie ist entscheidend, um den kommunitären Widerstand und die historische Kontinuität in Guatemala zu verstehen.

 

 

zur Kolonialverwaltung im Krieg:

Im Rahmen des Gegenaufstandes während des Bürgerkrieges zwang das Militär (1982-1986) vor allem indigene Gemeinden zur Umsiedlung in Modelldörfer, sogenannte Entwicklungszentren («Polos de desarrollo»). Ganze Dorfgemeinschaften wurden in kontrollierte Siedlungen gebracht, die faktisch Konzentrationslagern glichen. Bewegungsfreiheit war stark eingeschränkt, Identitätsdokumente wurden eingeführt, und wer sich nicht unterwarf, wurde verfolgt oder verschwand.

Durch diese Zwangsumsiedlungen wurden die Menschen von ihrem Land getrennt. Die zurückgelassenen Flächen wurden später militärisch oder juristisch enteignet und an Grossgrundbesitzer übertragen (1986-1996), ein Mechanismus, der bis heute nachwirkt.

 

* Gekürzt aus Widerspruch-Heft 85, Mai 2026: «Gesichter der Gewalt. Legitimität westlicher Herrschaftsordnungen», Mai 2026. Originaltitel: «Staatliche Gewalt, antikolonialer Befreiungskampf und