Diese Leichenhalle namens Ecuador

Samstag, 13. Juni 2026

 

Santiago Rosero*

(8.6.26) So viel in so kurzer Zeit. Es unterscheidet sich nicht einmal von gestern oder morgen, und doch kann sich jeder Tag noch schlimmer anfühlen. Ein 20-jähriger Supermarktangestellter wird von einer Gruppe von Kriminellen ermordet, die den Laden überfallen und 200 Dollar rauben.

Die Leichen von acht jungen Männern, die vor Tagen verschwunden waren, werden in Jutesäcken am Strassenrand gefunden. Sie hatten keine Vorstrafen. Ihre Angehörigen sagen, sie seien Bauern gewesen. Die Autopsien zeigen, dass sie Schüsse in den Kopf erhalten haben.

Die Gefängnisse Ecuadors sind Schauplatz eines Massakers. Das belegen die Zahlen und Fotos, die in der Reportage „Encerrados para morir“ (Eingesperrt, um zu sterben) der mutigen Journalistin Karol E. Noroña zusammengetragen wurden. Die Recherche berichtet, dass im Jahr 2025 1200 inhaftierte Menschen starben: drei pro Tag, einer alle sieben Stunden. Viele dieser Todesfälle wurden den Angehörigen nicht einmal gemeldet. Da sie keine Nachrichten mehr von den Inhaftierten erhielten, begannen sie, auf Friedhöfen nach ihnen zu suchen und taten alles in ihrer Macht Stehende, um die Leichen zu bergen und so zu verhindern, dass sie in Massengräbern landeten.

Das zu tun, was man kann, bedeutet immer, sehr wenig zu tun, denn es reicht ohnehin nicht aus. Es ist eine Mutter, die auf der Strasse um Geld betteln muss, um täglich 10, 30, 50 Dollar aufzubringen, damit die Banden, die die Verpflegung in den Gefängnissen kontrollieren, entscheiden, ob sie ihrem Sohn etwas zu essen geben – einem ausgemergelten, sterbenden Menschen, wie alle Häftlinge, die man auf den Fotos sieht. Nichts reicht aus, der Sohn stirbt unter anderem an chronischer Unterernährung. Hunger ist eine Waffe der Vernichtung. Ein ehemaliger Gefängnisdirektor glaubt zudem, dass es eine Strategie ist, damit diese fast leblosen Körper bei einem Ausbruch von Gewalt oder Krankheit keine Kraft mehr haben, sich zu verteidigen, und schliesslich sterben.

Tatsächlich breitet sich die Krankheit aus und verrichtet ihr Unwesen. Die Tuberkulosefälle haben sich in den letzten zwei Jahren, also seit der Ausrufung des internen bewaffneten Konflikts, vervierfacht. „Tuberkulose wird als ‚Krankheit der Armut‘ bezeichnet. Was den Bazillus – der in unserem Körper symptomfrei schlummern könnte – aktiviert, sind chronische Unterernährung, beengte Wohnverhältnisse und ein geschwächtes Immunsystem. Das heisst, das Fehlen sozialer Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben. In diesem Sinne sind Gefängnisse der denkbar schlechteste Kontext“, sagt eine Expertin des Gesundheitsministeriums.

Im Jahr 2021, dem bisher kritischsten Jahr in Bezug auf Gewalt in Haftanstalten – einem Jahr der Aufstände und Massaker, die in den sozialen Netzwerken verbreitet wurden –, gab es 497 Todesfälle. Heute fordern Hunger und Krankheit mehr Todesopfer. Alle Quellen der Untersuchung deuten darauf hin, dass der Hauptverantwortliche für den Anstieg der Todesfälle der SNAI[i] ist, also der Staat. Im Namen dieses Staates entschuldigt sich der Befehlshaber der Streitkräfte öffentlich für die Ermordung der vier Kinder aus den Malvinas durch Militärangehörige. Eineinhalb Jahre, nachdem Josué Arroyo, Ismael Arroyo, Steven Medina und Nehemías Arboleda gefoltert, ermordet, verbrannt und begraben wurden und nachdem Minister der Regierung von Daniel Noboa eine Verleumdungskampagne gestartet hatten, um die Kinder als Kriminelle darzustellen, blieb dem Staat nichts anderes übrig, als die Anordnung des Verfassungsgerichts zu befolgen und sich zu entschuldigen. Oder besser gesagt: um Vergebung zu bitten, denn in rechtlicher und politischer Hinsicht fungiert die Entschuldigung meist als institutionelle Anerkennung des verursachten Unrechts, während die Vergebung eine Schuld einräumt und öffentlich die Verantwortung für einen nachgewiesenen Schaden übernimmt. Wenn es nichts mehr zu bieten gibt, entscheidet sich die Möglichkeit der Wiedergutmachung in diesen Feinheiten der bürokratischen Sprache. Die Minister, die die Kinder, ihre Familien und ihr soziales Umfeld diffamiert und sogar Richter, Journalisten und AktivistInnen bedroht haben, die Gerechtigkeit in diesem Fall forderten, haben kein Wort gesagt. Noch weniger hat sich der Präsident der Republik geäussert. Trotzdem haben die Eltern der Kinder das Wenige akzeptiert, das der Staat ihnen geben wollte. „Ich vergebe ihnen von ganzem Herzen. Ich kann sie nicht verurteilen, denn der Einzige, der urteilen darf, heisst Gott“, sagte Ismael Arroyo, der Vater von Ismael und Josué. „Ich nehme die öffentliche Entschuldigung an, denn ich bin nicht Gott, um zu urteilen. Nur Gott kann diese Männer richten, die unseren Kindern das angetan haben“, sagte Silvana Lajones, Mutter von Steven.

Es ist offensichtlich, dass diese durch politische Normen festgelegte Konvention, dieser aus Pflichtgefühl vorgetragene dialektische Kunstgriff, unzureichend ist, aber es ist anzunehmen, dass die Väter und Mütter, gestützt auf ihren christlichen Glauben, es akzeptieren können, weil es der einzige Weg ist, ihr Herz zu heilen und das Leben zu ertragen. Ein implizites Konzept in einer Tragödie, die Vergebung braucht, ist das Gemeinschaftsgefühl.

Der ecuadorianische Staat hat den Eltern der Opfer nie etwas Derartiges gewährt, und dennoch ist es ihnen gelungen, dies den übrigen Angehörigen anzubieten, die weiterhin nach ihren Verschwundenen suchen. „Ich wünsche mir, dass sich so etwas bei keinem anderen Kind wiederholt. An die Mädchen, deren Angehörige verschwunden sind: Ich bin bei euch“, sagte Johana Arboleda, die Mutter von Nehemías. In dieser Situation fataler Unvollständigkeit warten sie weiterhin auf das Wichtigste: die Wahrheit.

Die französisch-iranische Künstlerin Marjane Satrapi ist gestorben. „Aus Traurigkeit“, sagten ihre Angehörigen. Trotz des Ansehens und der Bewunderung, die sie genoss, kämpfte die Autorin der monumentalen Graphic Novel „Persepolis“ mit einem inneren Feuer, das sie schliesslich verzehrte. In dieser Leichenhalle namens Ecuador, apathisch und erstickt von so viel gewaltsamem Tod, scheint ein Tod aus Traurigkeit eine literarische Freiheit zu sein. Doch das ist weit davon entfernt, ein fiktionales Mittel zu sein, denn vielleicht ist die Apathie, die wir empfinden, an sich schon ein Tod aus Traurigkeit. Wir leben mit einem inneren Feuer, das unseren Geist verzehrt. Vielleicht fehlt nur noch, dass der Körper stirbt.



[i] (A.d.Ü.) Betreuungsdienst für Gefangene, seit 2025 Teil des Innenministeriums.

Kubademo 27.6.26, Bern, 14 h,Münsterplatz

Freitag, 12. Juni 2026

 


Zu den Wahlen In Kolumbien

Dienstag, 9. Juni 2026

 

(zas, 9.6.26) In der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen vom 31. Mai lag der ultrarechte Abelardo de la Espriella nach der elektronischen Schnellauszählung von praktisch 100 % der Stimmen mit 43.74 % (10'361'413 Stimmen) vor Iván Cepeda vom linken Pacto Histórico (40.9 % oder 9'688'245 Stimmen). Paloma Valencia erhielt weniger als 7 %. De la Esperiella mimte den «Aussenseiter» à la Bukele oder Milei, Valencia ist eine traditionelle Rechtsextremistin aus dem Lager des Ex-Präsidenten Uribe. Andere KandidatInnen blieben abgehängt. Am 21. Juni kommt es zur Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten.

Schon bei der letzten Präsidentschaftswahl, die Gustavo Petro gewann, trat das Netz von Grosskapital, Medienmacht und Paramilitarismus nach demselben Schema wie jetzt an: mit einem offiziellen Kandidaten der uribistischen Strömung (wie heute Valencia) und einem tobenden «Aussenseiter», der die Stimmen machte. Allgemein kommentierten internationale Medien das starke Abschneiden von de la Espriella als «Überraschung», lag doch der Menschenrechtler Cepeda laut dem Gros der Umfragen während Monaten gleichauf mit Valencia und de la Espriella zusammen. Die mexikanische Journalistin Daniela Pastrana schrieb am 29. Mai dazu: «Cepeda lag während des ganzen Prozesses an der Spitze der WählerInnenpräferenzen.  Am letzten Wochende tauchten überraschend eine Reihe in den Social Media verbreiteter Umfragen auf, die ihm ein ‘technisches Patt’ mit dem Uribista Abelardo de la Espriella gaben.»  

Pastrana zitiert dazu die Journalistin Diana Carolina Alfonso: “Diese Veränderung kann nicht als einzelnes Phänomen betrachtet  werden; sie ist Teil einer Operation, um künstlich einen Konsens über eine knappe Wahl herzustellen und von vornherein das Vertrauen in einen möglichen progressiven Sieg zu untergraben. Die Sorge gilt nicht nur den Messwerten selbst, sondern auch dem Netzwerk, das dahintersteht: Bot-Kampagnen, Social-Media-Krieg und Medien, die über genügend politische und unternehmerische Rückendeckung verfügen, um Narrative zu legitimieren, die die Demokratie untergraben.» Pastrana betont: «Die digitalen Kampagnen sind nicht einfach Übertreibungen in den Social Media, sondern Dispositive für eine politische Intervention … Am meisten schaden nicht die zirkulierenden Lügen an sich, sondern die Zustimmung, auf die sie treffen, wenn Medien mit unternehmerischer Macht sie in homogene Editorials umwandeln. Diese Aufwertung verwandelt eine Social-media-Operation in gesunden Menschenverstand.» In den rechten Primärwahlen hinkte de la Espriella weit hinter Valencia her. Aber die Social Media positionierten ihn als einzige «Chance» gegen Cepeda – und damit als Nummer 1 der Rechten.

 

Operation Jupiter

Pastrana geht auch auf den am 26. Mai von Señal Investigativa, einer Allianz des kolumbianschen Rechercheteams der Revista Raya und des Investigativorgans der öffentlichen Senderanstalten, veröffentlichten Bericht Proyecto Júpiter: una estrategia de manipulación electoral ein. Im Lead schreiben die AutorInnen: «Das Projekt Jupiter hat die emotionale Manipulation der Wähler nicht erfunden: Es hat sie für den kolumbianischen Wahlkampf 2026 modernisiert. Die Señal Investigativa vorliegenden Folien und Audioaufnahmen zeigen eine Strategie, die auf Angst, Empörung und Unsicherheit basiert, mit Zielgruppensegmentierung, undurchsichtigen Unternehmenspraktiken und möglichen digitalen Ausweitungen. Die Methode erinnert an die Taktiken von Cambridge Analytica».

Das Projekt Jupiter hat zwei Achsen, eine digitale und eine traditionelle, die unternehmerische Erpressung. Es ist den Unterlagen zufolge eine Jaime Bermúdez, dem früheren Kommunikationsberater von Álvaro Uribe, zugeschriebene Politik der Wahlbeeinflussung. Wir lesen etwa: «Was in Kolumbien geschieht, ist nichts Neues; es handelt sich um eine lokale und aktualisierte Version der Taktiken der emotionalen Manipulation, der Mikrosegmentierung und der digitalen Undurchsichtigkeit, die mit dem Fall Cambridge Analytica in Verbindung stehen.»

Cambridge Analytica - das US-britische Unternehmen, finanziert vom rechtsradikalen Hedgefund-Boss Robert Mercer, mitgegründet von dessen Propagandisten Steve Bannon, hatte relevanten Anteil u.a. an Trumps Wahlsieg 2016 und an der Brexitabstimmung. Vor allem nach dem Brexit wurde die Vorgehensweise des Unternehmens berüchtigt, das sogenannte Microtargeting, also die möglichst genau an beliebig diverse, aber intern möglichst homogene EmpfängerInnenkreise angepasste Propaganda. Damals noch illegal, wurden die primär über Facebook und andere Social Media erfassten Daten, Vorlieben, Ängste, Emotionen usw. von Millionen von Wahlberechtigten gesammelt und für eine möglichst gezielte Wahlpropaganda verwendet. Du erhältst dann das gleiche SMS oder den gleichen Instagram-Video wie alle anderen Erfassten mit ähnlichen Persönlichkeitsstrukturen wie du. Sagen wir, du und ich sind Feiglinge und hassen für unser andauerndes Verarschtwerden nicht die Mächtigen, sondern die MigrantInnen. Dann bekommen wir und viele gleich Geartete, ohne voneinander zu wissen, Warnungen zur drohenden migrantischen Machtübernahme im Fall einer Niederlage der rechten Kandidatur. Sind wir aber, wie etwa unsere Likes nahelegen, auf solche Hetzte kaum ansprechbar, erhalten wir keinen Aufruf zur Wahl des nächsten rechtsradikalen Politikers, sondern den Tipp, dass dessen Konkurrenz halt auch Dreck am Stecken hat, somit unwählbar ist. Das war, sehr vereinfacht, die Methodik der damaligen Cambridge Analytica. Mit der mittlerweile enormen Handy-Durchdringung in Nord und Süd und der u. a. dank KI zu «chirurgischer Präzision» (Pastrana) verschärften Mikrosegmentierung steht finanzstarken Mächten hier ein enorm wirksames Manipulationsinstrument zur Verfügung.

Microtargeting beinhaltet, nur die Zielpersonen bekommen die Werbung. Deshalb zitiert der Bericht Bermúdez mit der an einem Treffen in der Infrastruktur-Handelskammer in Cali gemachten Aussage: «Sie können sagen, ‘ich habe nichts gesehen’, und das ist möglich, denn es gibt keine Anzeigetafel, oder Sie sind vielleicht nicht unter den privilegierten Sektoren.» Er meinte deswegen: «Jupiter existiert nicht.»

Neu ist das Prinzip Microtargeting in Kolumbien keineswegs. So sagte laut dem Bericht von Señal Investigativa die ehemalige Leiterin von Cambridge Analytica, Britanny Kaiser, bei drei Wahlkampagnen im Jahr 2015 mitgemischt zu haben.

Jupiter passt genau zur digitalen Kampfoption gegen die progressiven Regierungen von Kolumbien, Mexiko und Brasilien, welche mitauszuführen Trump Juan Orlando Hernández, die alte Liaison zwischen kolumbianischen und mexikanischen Kartellen, beauftragt hatte (s. Hondurasgate: Fake News und Krieg).

 

Traditionelle Erpressung (Glencore): Am erwähnten Treffen in Cali führte Bermúdez aus, , dass für fast 2 Milliarden USD 17 Millionen KolumbianerInnen «privilegiert», also emotional bearbeitet wurden (und es bis zur Stichwahl weitere $ 260'000 brauche). Das Geld kommt weitgehend aus dem Privatsektor, so der Bericht, begleitet von einer strikten Vorgabe: «Es werden keine Namen von Unternehmen erwähnt.»

Zur digitalen Achse (inklusive Influencers auf Youtube etc.) kommt auch die vom Kapital betriebene mit den Arbeitsplätzen. Die Revista Raya bringt etwa folgendes Beispiel: In einer Klage vor dem Arbeitsministerium  berichteten Gewerkschaften der weltgrössten Kohlenmine im Tagbau, El Cerrejón, die Minenbesitzerin Glencore habe die Belegschaft gezwungen, an einer betriebsinternen Wahlveranstaltung zugunsten von de la Espriella  teilzunehmen. In Abteilungen trugen Arbeiter T-Shirts zugunsten des Ultrakandidaten mit Sprüchen wie «no patees la lonchera» (sinngemäss: schlag deinen Broterwerb nicht kaputt). Revista Raya berichtete von weiteren Beispielen für diesen Aspekt des Projekts Jupiter. Diese Praxis gehört nicht zufällig zum Set der Wahldemokratie, hier und dort.

 

Profis des technische Betrugs

Wahlbetrug, jahrzehnntelang von paramilitärischem Terror begleitet, gehört in Kolumbien zum Geschäft der Mächtigen. Eine wichtige Achse dabei ist die elektronische Auszählung der Stimmen. Seit den Jahren der Herrschaft Uribes wird dies von einem privaten, vom Unternehmen Greg & Sons der Gebrüder Bautista geleiteten Konsortium gemacht. Und seit etlichen Jahren ergibt die von RichterInnen nach der elektronischen Auszählung durchgeführte Wahlzettelauszählung jeweils beträchtliche Stimmenverlagerung von den rechten Kandidaturen auf progressivere. Mitglieder des Konsortiums wurden wegen Wahlfälschung schon mehrfach gebüsst, der Consejo de Estado, das oberste Verwaltungsgericht des Landes, befahl Greg & Sons 2018, den Programmcode seiner Auszählungssoftware offenzulegen. Das Unternehmen foutierte sich darum. Ebenso der Chef der mit der Durchführung der Wahlen beauftragte Registradura Nacional, berüchtigt als ultrareaktionär und bis auf die Knochen korrupt, ebenso. Er erteilte dem Konsortium erneut den Auftrag zur elektronischen Auszählung. Was konnten da die Warnungen eines Petro vor Wahlbetrug angesichts des Umstandes, dass rechte Ex-Präsidenten wie Pastrana oder Santos an Greg & Sons beteiligt sind? (Ein Mitglied des «bewährten» Konsortiums, ADS Grupo, besorgte letzten November in Honduras den «Wahlsieg» der Pro-Trump-Partei um Juan Olrando Hernández.)

 

Merkwürdiges im progressiven Lager

Schon am 1. Juni gab Gustavo Petro bekannt, das Resultat der elektronischen Auszählung nicht zu akzeptieren und auf die manuelle Auszählung der Stimmen zu warten. Am 2. Juni präzisierte er in den Social Media: die Software von Greg & Sons sei am 26. Mai, also nach gesetzlichem Schluss der Wahlvorbereitung, zweimal verändert worden; zum einen sei die Zahl der Wahlberechtigten um fast 900'000 auf über 42.3 Millionen und jene der Wahllokale um 696 auf 14'438 gestiegen. Er veröffentlichte dazu eine Liste mit genauen Angaben. Die rechten Medien in Kolumbien spotten über die Sache: Petro habe vergessen, dass Wahlberechtigte und Wahllokale auch in den USA existierten. . Natürlich weiss Petro um die Wahlbeteiligung im Ausland. Doch gleichentags versicherte der linke Kandidat und gestandene Menschenrechtskämpfer Iván Cepeda, laut seinen Unterlagen sei es zu keiner Mauschelei gekommen. Er nahm das einen Tag später zurück, doch das Signal scheint eindeutig: Von seiner Seite werden keine Einwände kommen, wenn die richterliche Auszählung der Stimmen mehr oder weniger zum gleichen Ergebnis wie das Betrugskonsortium kommen sollte. Wollte Cepeda so «nicht-konfliktiv» zentristische WählerInnen (~1.5 Millionen) um ihre Stimme bei der Stichwahl angehen?

 

Iván Cepeda sah keinen Wahlbetrug. Links die Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, die popluläre indigene Senatrin Aída Cuilcué.

Ein Faschist

De la Espriella ist der typische Politgangster aus dem Film. In Miami – er ist auch US-Bürger – hatte er jahrelang als Anwalt Drogencapos/Paramilitärs z. B. in Auslieferungsverfahren verteidigt; vor 14 Jahren liess er die Unterschriften des damaligen ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa und anderer Regierungsmitglieder unter einer Erklärung, dass sie angeblich auf die Auslieferung eines in Kolumbien sitzenden Drogenhändlers verzichteten, fälschen. Die Staatsanwaltschaft liess den Mann freudig frei, Das Oberste Gericht ordnete zwar  eine Untersuchung von de la Espriella an, aber das animierte die rechte Generalstaatsanwaltschaft bis heute nicht zur Tat. In Kolumbien verteidigte er während Jahren die paramiliärische Organisation AUC usw. usf. Und betörend, er will das Staatsbudget um 40 % senken – «Aussenseiter mit Kettensäge». Eben wurde ein Aufruf Carlos Lehders zur Wahl des Para-Kandidaten öffentlich. Lehder hatte mit Pablo Escobar zusammen das Kartell von Medellín gegründet und sass deswegen lange Jahre in den USA. Nun …, Ronald Reagan, den Trump als tollen Präsidenten lobt, hatte während des Kriegs gegen die sandinistische Revolution die Contrasöldner mit Geld des Medellín-Kartells finanziert.

 

Der Testfall

Natürlich beeilte sich Trump, seine Unterstützung des Kartellanwalts gegen den «linksradikalen Marxisten» rum zu posaunen. Roger Stone, von Trump 1.0 begnadigt, seit langem ein rechtsradikales Schwergewicht in den US-Machtzirkeln, teilte mit, was Sache ist: «Diese Wahl geht weit über Kolumbien hinaus. Sie ist eine Hemisphärentest, ob sich Lateinamerika weiter zu ideologischen Experimenten treiben lässt (…) oder einen Führer mit der persönlichen Kraft, das im Ansatz zu stoppen, wählt.»  

Weshalb wohl hat das mexikanische Parlament vor wenigen Tagen gegen die Stimmen der Rechten ein Gesetz verabschiedet, wonach Wahlen mit massiver Einmischung aus dem Ausland für ungültig erklärt werden können? Ein Versuch einer Antwort. In Brasilien, wo Trump vor kurzem zwei kriminelle Organisationen zu «Ausländischen Terroristischen Organisationen» erklärt, wo Washington sich also das «Recht» gibt, massiv einzugreifen, wird im Oktober zu einer ähnlichen Schicksalswahl zwischen Fortbestand von etwas sozialer Menschlichkeit oder drohender faschistischer Vernichtung kommen.

 

Schlussbemerkung

Mit den Möglichkeiten der Erpressung von Bevölkerungen, der Psychotisierung grosser Segmente durch enorm gefährliche Manipulationstechniken  (auch in Sachen Wahlen), mit wo nötig offener Terrorisierung durch para/staatliche Repressionskommandos, mit der auch hier wütenden Propagierung jeden Drekcs, jeder Lüge als gottgegebene Selbstverständlichkeit, lässt sich klassischer oder modernisierter Wahlbetrug als Teil des Ganzen situieren. Das Microtargeting u. ä. Techniken der Beherrschung sind tatsächlich enorm bedrohend.

Eppur si muove.

Seit Wochen eskalieren in Bolivien Bewegungen auf den Strassen gegen die Kahlschlagpolitik des Pro-MAGA-Präsidenten. Der strebt deshalb Armeemassaker an. In Chile sinkt die Popularität des Nazi-Freundes im Präsidentenpalast, die Kämpfe nehmen zu. In Uruguay sind kürzlich enorm viele Menschen für die Weiterführung des gesellschaftlichen Kampfs der während der Militärdiktatur zum Verschwinden Gebrachten auf die Strasse gegangen. In Cuba stehen so viele Menschen trotz unmenschlicher Blockadenot für eine selbstbestimmte Zukunft ein. Klar, es gibt auch viele andere Beispiele. Aber das Siegesnarrativ der Herrschenden, wonach in Lateinamerika der Volkstrend nach rechts geht, ist so sicher falsch. Eher sieht es wie gerade in Peru oder eben Kolumbien nach einer grossen Spaltung in den Bevölkerungen aus, trotz offiziellen Siegen, Terror und kybernetischer Einflüsterung. In Kolumbien mobilisieren jetzt die alten Verfolgten, die Schwarzen, Indigenen, BäuerInnen, die Feministinnen, Homosexuellen für Cepeda.

La lucha sigue.