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Sanktionen
verschlimmern die Folgen des Erdbebens in Venezuela erheblich
von Mark Weisbrot
(11. Juli 2026) Nach aktuellen Regierungsangaben sind bei dem doppelten
Erdbeben vom 24. Juni in Venezuela mehr als 3’800 Menschen ums Leben gekommen;
16’700 wurden verletzt. Für Tausende Überlebende ist eine medizinische Notlage
entstanden, und 17’800 sind obdachlos.
Es gibt herzzerreissende Berichte von Menschen, die versuchen,
Überlebende mit blossen Händen aus den Trümmern zu bergen. Dutzende Kinder mussten
Amputationen erleiden, weil sie nicht rechtzeitig erreicht werden konnten.
In einer Zeit wie dieser sollten die VenezolanerInnen und die
internationale Gemeinschaft nicht dafür kämpfen müssen, dass die Sanktionen
aufgehoben werden, die die Wirtschaft des Landes zerstört haben und dessen
Wiederaufbau behindern, und auch nicht dafür, dass das Land Zugang zu den
Vermögenswerten im Wert von mehreren Milliarden Dollar erhält, die ihm
zustehen. Doch genau das tun wir, weil die Rolle der Sanktionen und der
eingefrorenen Vermögenswerte in der Öffentlichkeit viel zu wenig Beachtung
gefunden hat.
Von 2012 bis 2020 erlebte Venezuela den wohl schwersten wirtschaftlichen
Einbruch, der jemals in einer Depression ohne Krieg verzeichnet wurde. Daten
des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigen einen Rückgang des BIP um 74
Prozent in diesem Zeitraum. Das entspricht einem Einkommensverlust, der etwa
dreimal so hoch ist wie der, den die Menschen hier in den Vereinigten Staaten
während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre erlitten haben.
Dies war keine Naturkatastrophe wie ein Erdbeben, sondern eine von
Menschen verursachte Katastrophe. Daten des IWF zeigen, dass 88 Prozent dieses
Verlusts infolge der ab 2015 verhängten US-Wirtschaftssanktionen entstanden
sind. Die Zerstörung beschleunigte sich durch die ab 2017 verhängten Trump-Sanktionen,
die das Land von den meisten internationalen Finanzmärkten und anschliessend
von der überwiegenden Mehrheit seiner Deviseneinnahmen abschnitten. Diese
Schocks hätten fast jedes Land in eine schwere Krise gestürzt, und genau das
ist auch geschehen – was der Welt vor Augen führte, wie Sanktionen eine
Wirtschaft tatsächlich zerstören können.
Infolgedessen befand sich Venezuela bereits vor den Erdbeben in einer
humanitären Krise. Nach Angaben der Europäischen Kommission benötigten vor Juni
2026 7,9 Millionen Menschen (bei einer Gesamtbevölkerung von 28,5 Millionen)
humanitäre Hilfe. Vierzig Prozent der VenezolanerInnen waren von mässiger bis
schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen, und etwa 56 Prozent der Bevölkerung
lebten in extremer Armut. Sechsundachtzig Prozent waren auf verunreinigte
Wasserquellen angewiesen.
Fast die Hälfte der ÄrztInnen Venezuelas sowie viele Fachkräfte im
Gesundheitswesen und andere qualifizierte Arbeitskräfte – darunter 200’000 Lehrpersonen
– verliessen das Land, als die Wirtschaft zusammenbrach.
Eine Studie, die ich gemeinsam mit Francisco Rodríguez und Silvio Rendón
verfasst habe und deren Ergebnisse im vergangenen Juli in „The Lancet Global
Health“ veröffentlicht wurden, schätzt, dass umfassende einseitige Sanktionen
wie diese – von denen die überwiegende Mehrheit von den Vereinigten Staaten
verhängt wird – jährlich zusätzlich 564’000 Todesfälle verursachen. Dies ist
vergleichbar mit den Todesopfern, die weltweit durch bewaffnete Konflikte zu
beklagen sind. Schätzungen zufolge entfiel ein Grossteil dieser Todesfälle auf
Kinder unter fünf Jahren.
Die Sterblichkeitsrate unter den VenezolanerInnen stieg während der
gesamten Wirtschaftskrise Venezuelas an, wobei es in den Jahren des durch
Sanktionen bedingten wirtschaftlichen Zusammenbruchs (2015–20) zu mehr als 100’000
zusätzlichen Todesfällen kam.
Venezuela verfügt über wichtige Ressourcen, auf die es keinen Zugriff
erhält. Die Vereinigten Staaten und Europa sperren dem Land den Zugang zu mehr
als 11 Milliarden US-Dollar, die Venezuela rechtmässig zustehen. Etwa 4
Milliarden US-Dollar liegen bei der Bank of England; sie wurden dort von der
venezolanischen Zentralbank im Rahmen einer von den Vereinigten Staaten
angeführten Initiative zum Regimewechsel im Jahr 2019 eingefroren. Natürlich
hat Grossbritannien kein Recht, diese Vermögenswerte, die Venezuela gehören, zu
beschlagnahmen und zurückzuhalten.
Etwa 4,5 Milliarden US-Dollar liegen beim IWF in Form von
internationalen Vermögenswerten (sogenannten Sonderziehungsrechten) vor; dies
ist Venezuelas Anteil an einer Zuteilung, die den Mitgliedsländern im Jahr 2021
gewährt wurde. Der Zugriff darauf wurde im Rahmen des Drucks auf einen
Regimewechsel gesperrt, doch die Vereinigten Staaten haben den Präsidenten
Venezuelas im Januar abgesetzt und seitdem die derzeitige Regierung Venezuelas
anerkannt. Der IWF folgte diesem Beispiel. Es ist jedoch unklar, wie viel von
diesen Vermögenswerten Caracas nutzen kann und wann. Die VenezolanerInnen
benötigen dieses Geld – und auch das Gold, das Grossbritannien verwahrt –
sofort, um Leben zu retten, die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern und
den Wiederaufbau voranzutreiben.
Es gibt noch einige Milliarden Dollar mehr, die von der Trump-Regierung
einbehalten werden, obwohl eine Präsidialverordnung besagt, dass diese Gelder
„Eigentum der Regierung Venezuelas darstellen“. Dabei handelt es sich um
Barmittel aus dem Verkauf von venezolanischem Öl, über die die Trump-Regierung
die Kontrolle übernommen hat.
Die Vereinten Nationen schätzen mittlerweile, dass der Wiederaufbau
Venezuelas nach dem Erdbeben etwa 37 Milliarden US-Dollar kosten wird – eine
für dieses Land enorme Summe, die 33 Prozent des aktuellen BIP entspricht.
ÖkonomInnen und andere WissenschaftlerInnen haben die Aufhebung der
„anhaltenden Wirtschafts- und Finanzsanktionen sowie des Einfrierens von
Vermögenswerten“ gegen Venezuela und – im Rahmen eines Schuldenerlasses – die
Beseitigung der „drückenden Schuldenlast“ gefordert.
Ein Ende der Wirtschaftssanktionen ist notwendig. Das
US-Finanzministerium hat eine viermonatige Genehmigung für Erdbebenhilfe
erteilt, doch das reicht bei weitem nicht aus. Die Zentralbank in Caracas
unterliegt weiterhin Sanktionen, und diese werden den Wiederaufbau nach dem
Erdbeben auch weiterhin behindern.
Es ist zudem gut dokumentiert, dass wichtige Finanztransaktionen und
sogar Hilfsmassnahmen aufgrund der sogenannten „Overcompliance“ verhindert
werden können. Banken, Finanzinstitute und andere Unternehmen vermeiden
Transaktionen aufgrund realer und vermeintlicher Risiken durch Sanktionen,
einschliesslich der Unklarheiten in den US-Verordnungen, die diese Sanktionen
genehmigen.
Die grösste lebensrettende Massnahme in der nahen Zukunft des von
Erdbeben heimgesuchten Venezuela wird darin bestehen, die wichtigsten Akteure
der Welt – die Vereinigten Staaten zusammen mit ihren europäischen Partnern –
dazu zu bewegen, den Zugang zu den Vermögenswerten Venezuelas in Milliardenhöhe
nicht länger zu blockieren. Und zu verhindern, dass durch Wirtschaftssanktionen
weiterer Schaden und weitere Todesopfer verursacht werden.
Denn so funktionieren diese Sanktionen tatsächlich. Sie zielen auf die
Zivilbevölkerung ab und bestrafen sie, um ein politisches Ziel zu erreichen.
Einst relativ selten, sind sie laut dem US-Finanzministerium mittlerweile zu
einem „Mittel der ersten Wahl“ geworden – wahrscheinlich, weil die daraus
resultierenden Todesopfer meist unsichtbar bleiben.
Doch jedes Jahr erkennen immer mehr Menschen, darunter auch
Kongressabgeordnete, die wirtschaftliche Gewalt, die kollektive Bestrafung und
die tödlichen menschlichen Folgen dieser Sanktionen und wehren sich dagegen. Je
bekannter die Rechtswidrigkeit und die menschlichen Opfer dieser Sanktionen
werden, desto mehr wird die US-Regierung gezwungen sein, sie aufzugeben.
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More than 3,800 people have died in Venezuela’s June 24 double earthquake, with 16,700 injured, according to current government reports. A medical crisis has emerged for thousands of survivors, and 17,800 are homeless.
There are heart-wrenching reports of people trying to dig survivors out of the rubble with their hands, with dozens of children suffering amputations because they could not be reached in time.
At a time like this, Venezuelans and the international
community shouldn’t have to fight for an end to the sanctions that have
destroyed the nation’s economy and that hobble its recovery, nor for the
country to have access to the billions of dollars worth of assets that
belong to it. But we do, because the role of sanctions and frozen assets
has received far too little public attention.
From 2012 to 2020, Venezuela suffered what is likely the most severe
economic contraction in a depression that has occurred without a war.
Data from the International Monetary Fund (IMF) show a 74 percent
decline in its GDP during that time. This is a loss of income about
three times larger than what people here in the United States experienced during the Great Depression of the 1930s.
This was not a natural disaster like the earthquake, but a
man-made one. IMF data show that 88 percent of this loss took place
following US economic sanctions that began in 2015. The destruction
accelerated with the Trump sanctions, starting in 2017, that cut the
country off from most international finance and then from the vast
majority of its foreign exchange earnings. These shocks would have
pushed almost any country into a severe crisis, and that’s exactly what
happened, demonstrating to the world how sanctions really could destroy
an economy.
As a result, Venezuela was already facing a humanitarian crisis
before the earthquakes hit. According to data from the European
Commission, before June 2026 there were 7.9 million people (of a population of 28.5 million)
who were in need of humanitarian assistance. Forty percent of
Venezuelans were facing moderate to severe food insecurity, and about 56
percent of the population was in extreme poverty. Eighty-six percent
were dependent on contaminated water sources.
Nearly half
of Venezuela’s doctors, and many health professionals and other skilled
workers — including 200,000 teachers — left the country as the economy
fell apart.
A study I coauthored with Francisco Rodríguez and Silvio Rendón, with results published last July in The Lancet Global Health,
estimated that broad unilateral sanctions like these — the vast
majority of which are imposed by the United States — cause an additional
564,000 deaths annually. This is comparable to the lives lost worldwide due to armed conflict. A majority of these deaths were estimated to be among children under 5 years old.
The death rate among Venezuelans grew throughout Venezuela’s depression, with more than 100,000 additional deaths during the years (2015–20) of the economic collapse that had sanctions.
Venezuela has crucial resources that it is not being allowed to
access. The United States and Europe are blocking the nation from more
than $11 billion dollars that Venezuela should legally have. About $4
billion is sitting
at the Bank of England; it was frozen there from Venezuela’s Central
Bank as part of a regime change effort in 2019 led by the United States.
Of course the UK has no right to seize and hold these assets that
belong to Venezuela.
About $4.5 billion is at the IMF in the form of international assets (called Special Drawing Rights),
Venezuela’s share of an allocation made to member countries in 2021.
Access was blocked as part of pressure for a regime change, but the
United States removed the president of Venezuela in January and has
since recognized the current government of Venezuela. The IMF followed.
But it is not clear how much of these assets Caracas will be able to
use, and when. Venezuelans need this money — and also the gold that the
UK is holding — right now in order to save lives, avoid the spread of
disease, and rebuild.
There are some billions of dollars more that are being held by the Trump administration, despite an executive order stating
that these funds “constitute property of the Government of Venezuela.”
This is cash from the sale of Venezuela’s oil, over which the Trump
administration has taken control.
The United Nations now estimates that the post-earthquake reconstruction of Venezuela will cost about $37 billion, which is an enormous sum for this country, 33 percent of current GDP. Economists and other scholars have called
for the lifting of Venezuela’s “ongoing economic and financial
sanctions, asset freezes” and, via a debt jubilee, “onerous debt
burdens.”
An end to the economic sanctions is needed. The US Treasury has
issued a license for four months that allows for earthquake relief, but
that is not nearly enough. The Central Bank in Caracas is still under sanctions and these will continue to interfere with the post-earthquake recovery.
It is also well-documented that important financial transactions and even relief work can be prevented because of what is called “overcompliance.”
Banks, financial institutions, and other companies avoid transactions
because of real and perceived risk from sanctions, including the ambiguity of the US executive orders that authorize them.
The largest life-saving action in the near future of
post-earthquake Venezuela will come from getting the biggest players in
the world — the United States along with its European partners — to stop
blocking access to Venezuela’s billions of dollars of assets. And to
stop causing further damage and loss of life through economic sanctions.
That is how these sanctions actually work. They target and
punish the civilian population in pursuit of a political goal. Once
relatively rare, they have become a “tool of first resort,” according to the US Treasury — probably because the resulting fatalities are mostly unseen.
But more people each year, including members of Congress, are recognizing the economic violence, collective punishment, and lethal human consequences of these sanctions and are pushing back.
As the illegality and human toll of these sanctions become more widely
known, the US government will be increasingly forced to abandon them.
Mark Weisbrot is co-director of the Center for Economic and Policy Research and the author of “Failed: What the ‘Experts’ Got Wrong About the Global Economy.”