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»Die USA haben uns nicht geholfen«

Dienstag, 31. Oktober 2017

https://www.jungewelt.de/artikel/320718.die-usa-haben-uns-nicht-geholfen.html
Aus: Ausgabe vom 28.10.2017, Seite 2 / Ausland

Hurrikan »Maria« verheerte Puerto Rico, die Situation ist weiter dramatisch. Viele Bewohner haben nicht mal Zugang zu sauberem Wasser. Gespräch mit Oscar López Rivera

Interview: Roland Zschächner
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Der Unabhängigkeitskämpfer Oscar Lópe Rivera bei der »Puerto Rican Day Parade« in New York (11. Juni)
Oscar López Rivera setzt sich seit Jahrzehnten für die Unabhängigkeit Puerto Ricos von den USA ein. Er war 35 Jahre eine politischer Gefangener in den USA
In Puerto Rico hat der Hurrikan »Maria« Ende September schwere Zerstörungen angerichtet. Seitdem ist gut ein Monat vergangen. Wie ist derzeit die Situation im Land? Die Verhältnisse sind schrecklich. Das Leben vieler Puertoricaner ist in Gefahr, denn das Wasser ist verschmutzt. In ihm treiben tote Ratten und andere Tierkadaver, dazu noch Fäkalien. Viele Menschen haben noch immer keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser; es könnte sogar eine Epidemie ausbrechen. Auch nachdem der Hurrikan vorbeigezogen war, hörte es lange nicht auf zu regnen. In der Folge ist in vielen Orten die Stromversorgung noch immer nicht wiederhergestellt, die Kommunikation zwischen den Landesteilen ist gestört oder zumindest erschwert.
Hat Puerto Rico humanitäre Hilfe erhalten?
Nicht von den USA, auch wenn offiziell anderes verlautbart wird. Die US-Katastrophenschutzbehörde ist in Puerto Rico eingetroffen. Doch ihre einzige Maßnahme war es, alle Hilfsgüter zu beschlagnahmen, die unser Land erreichen. Die Behörde erklärte, dass das notwendig sei. Die Güter müssten gesammelt und dann gezielt verteilt werden. Doch darüber reden sie nur, bei der Bevölkerung kommt nichts an.
Ich habe selbst gesehen, wie Doktoren Hilfsgruppen organisierten und wie die Bevölkerung versuchte, Schutt wegzuräumen. Es sind die Opfer der Katastrophe, die nun alles wieder aufbauen. Doch ihnen fehlt das dafür nötige Material, ihnen fehlt es an Nahrung und sauberem Wasser.
Welche Rolle spielt es dabei, dass Puerto Rico noch immer eine Kolonie der USA ist?
Konferenz Rosa-Luxemburg-Stiftung
Eine große. Der Kolonialismus hat es uns unmöglich gemacht, Puerto Rico eigenständig zu entwickeln. Am deutlichsten zeigt sich das an der schwachen Wirtschaft unseres Landes. Wir durften nie einen eigenen Binnenmarkt herausbilden. Dafür kommen US-Firmen in unser Land, bemächtigen sich der Arbeitskraft unserer Bevölkerung und entziehen dem Land das Geld, das dann zurück in die USA fließt. Wir sehen das jeden Tag.
Ein Beispiel: Will ein ausländischer Investor ein Projekt in Puerto Rico aufziehen, so wird er dazu noch mit Fördermitteln ermutigt. Möchte sich hingegen ein Puertoricaner ein Haus kaufen, so muss er hohe Steuern zahlen. Und so ist es bei allen anderen Dingen des täglichen Gebrauchs.
Sie erwähnten bereits, dass die Wirtschaft Ihres Landes unter der Situation leidet. Welche weiteren Auswirkungen hat der Kolonialstatus Puerto Ricos?
Die Bevölkerungszahl schwindet seit Jahren. Mittlerweile leben fünf Millionen Puertoricaner außerhalb des Landes, gegenüber nur 3,4 Millionen, die dort wohnen. Tausende sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die wirtschaftliche Situation lässt ihnen keine andere Wahl. Gerade für junge Menschen gibt es einfach keine Stellen. Die einzige Möglichkeit, die ihnen bleibt, ist das Auswandern. Auch daran sieht man: Der Kolonialismus ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit – wir sind dessen Opfer.
Wie kann sich Puerto Rico dagegen zur Wehr setzen?
Wir rufen die internationale Gemeinschaft dazu auf, sich in der Generalversammlung der Vereinten Nationen unseres Falls anzunehmen – und den Kolonialismus endlich zu beenden. Wir wollen in Würde leben und nicht länger von einer fremden Macht beherrscht werden. Die UNO muss eingreifen und die USA dazu zwingen, uns als eigenständige Nation anzuerkennen. Wir können Puerto Rico allein entwickeln, dafür brauchen wir nicht die USA und erst recht nicht eine US-Regierung, die uns ihren Willen aufzwingt.
Hat die Präsidentschaft Donald Trumps die Situation beeinflusst?
Die Lage ist noch schlimmer geworden. Trump repräsentiert die schlimmsten Eigenschaften einer US-Regierung. Er ist ein Rassist, eine Person, die keinen Respekt gegenüber anderen Menschen zeigt. Nur sich selbst schätzt er – und das Kapital. Diese Regierung stellt eine Gefahr für die ganze Welt dar, keine Nation sollte dem tatenlos zusehen.
Können Sie etwas genauer werden?
Trump quetscht Puerto Rico weiter aus. Aktuell schlägt er vor, unserem Land einen Kredit über vier Milliarden US-Dollar zu gewähren. Aber wir sind bereits mit mehr als 70 Milliarden Dollar verschuldet. Dieses Darlehen würde keine Hilfe für uns bedeuten. Es würde nur die drückende Last, die auf Puerto Rico liegt, noch schwerer machen.

Puerto Rico: „Die Welt wird nicht erfahren, was hier passiert“

Mittwoch, 25. Oktober 2017

(zas, 25.10.17) Kurznachricht auf Democracy Now vom 20. Oktober: „Einen Monat nachdem der Hurrikan Maria als ein Kategorie-4-Sturm Puerto Rico heimsuchte, haben ungefähr 3 [von 3.4] Millionen BewohnerInnen noch immer keinen Strom und mehr als ein Million immer noch kein sauberes Trinkwasser. Die offizielle Todeszahl lautet jetzt 48. Mindestens 113 Menschen werden noch vermisst. Auf der ganzen Insel sagen BewohnerInnen, dass sie Augenentzündungen und Magen-Darm-Krankheiten wegen kontaminiertem Wasser haben. Am Donnerstag sagte Präsident Trump, seine Administration verdiene die Bestnote 10 für ihre Reaktion auf die aktuelle humanitäre Krise in Puerto Rico.“
Einen Tag vor diesem Eigenlob brachte Democracy Now ein Interview mit der Community- und Hip-Hop-Aktivistin Rosa Clemente, die in Puerto Rico gerade mit anderen Medienarbeitenden ein unabhängiges Rechercheprojekt gestartet hatte. In der Einleitung zu Ausschnitten aus einer Videodok von Clemente sagte die Interviewerin Amy Goodman: Einen Monat nach Maria  „haben verzweifelte AnwohnerInnen begonnen, Wasser aus der Dorado Groundwater Contamination Site, einer Sondermülldeponie, zu pumpen. [Die US-Umweltbehörde] EPA warnt, dass das Wasser Chemikalien enthalte, die die Leber schädigen und das Krebsrisiko erhöhen.“ Als sie in der Sondermülldeponie filmten, sagte Clemente, „ kam ein Veteran zu uns und sagte: ‘Schaut, zieht eure Strümpfe hoch. Das sind Chemikalien.‘ Er sagte, er sei in Afghanistan und Irak gewesen und habe nie derart viel Inkompetenz von der Spitze bis runter zu den Gemeinden gesehen.“
Auf der Wassersuche. Quelle: Vox

Clemente weiter: „Schau, die Menschen in Puerto Rico sterben. Sie wollen ein Puerto Rico ohne Puerto-RicanerInnen. Von kontaminiertem Wasser zu Müttern, die keine Milch geben können, zu Babys, die zerstampfte Bananen essen müssen, weil keine Babynahrung erhältlich ist, zu Menschen, die von 3 h früh bis ein Uhr nachmittags für zwei Pack Eis Schlange stehen – das sind massive Menschenrechtsverletzungen. Dies ist ein Kolonialproblem. Und nach dem, was wir gesehen haben, ist die Regierung von Puerto Rico kollabiert. Und wir konnten mit einem Hyundai und einem Kia an Orte fahren, von denen die Armee sagt, sie könne sie nicht erreichen, nach Aguadilla, Moca, Utuado. Die Leute haben nicht ein Zehntel davon gesehen, was in all diesen Orten passiert.“
Die Compañera filmte in Puerto Rico auch Freiwillige der American Nurses United (KrankenpflegerInnen), von der eine sagte: „Wie sage ich einer Mutter, dass sie ihrer Zweijährigen, die Dauerdurchfall hat, kein Wasser geben soll, weil das die Kleine krank macht? Ich habe nichts, was ich anbieten könnte. Niemand kommt dorthin. Sie lebt auf dem Berg.“ 
Zu den Krankenschwestern meint Clemente: „Sie fürchteten einen Choleraausbruch, Leptospirose von all den Ratten, toten Tieren, im Wasser. Und sie teilten uns mit, dass die USS Confort [Spitalschiff der Navy], die dort  liegt, 3000 PatientInnen aufnehmen kann und zurzeit deren 16 hat. Eine persönliche Erfahrung: Meine Tante war im Spital in Bayamón. Sie liessen mich für zehn Minuten mit einem Schutzanzug zu ihr. Und die Schwester sagte: ‚Sogar wenn du eine möglicherweise tödliche Infektion hast, können wir nicht operieren, weil wir kein Wasser haben.‘ Die Leute müssen evakuiert werden, und die Condor liegt da einfach vor Anker mit weniger als 20 Leuten von 3000.“ (Nach dem Wirbelsturm Katrina 2005 ankerte das 600-Betten-Spitalschiff Bastian der Navy vor der Küste von New Orleans, untätig. Es wurde schliesslich abgezogen.)  
Blanca Matos pflegt ihre Mutter, die zum Essen eines strombetriebenen Schlauchs bedarf. Es hat keinen Strom. Quelle: Vox.
In der gleichen Sendung wurde ein Aufruf der Bürgermeisterin von San Juan, Carmen Yulín Cruz, an die puerto-ricanische Diaspora in den USA eingespielt: „Wenn man über 50 ist, darf man ein wenig emotional werden. Deshalb werde ich das so sagen, wie ich es sagen kann. An all die jungen Leute da draussen, an die Diaspora: Coño, no nos dejen solos. Usen su voz para que sean el eco de nuestras voces (Verdammt, lasst uns nicht allein. Erhebt eure Stimme, damit sie das Echo unserer Stimmen sei). Ohne euch sind wir geliefert. Die Welt wird nicht erfahren, was hier passiert, wegen der Verrenkungen eines Mannes, der nichts anderes kann, als seinen Hass herum zu tweeten. Aber wir dürfen das nicht zulassen. Also liegt es an uns, aber auch an euch, denn schliesslich sind wir eine Nation. Eine Nation.“ Rosa Clemente sagte zur Bürgermeisterin: „Carmen Yulín Cruz ist die De-facto-Leaderin von Puerto Rico geworden. Sie ist die Stimme der BürgermeisterInnen, die bis heute keine Walkie-Talkies erhalten haben.“ (S. auch „Etwas sehen, das einem Völkermord gleichkommt“.)
Ende September war in der Los Angeles Times zu lesen: „Ungefähr hundert Leute starben nach Angaben des lokalen Bestattungsdirektors in den drei Tagen nach dem Sturm in der Lajas-Region, doppelt so viel wie normal: ‚Wir wissen nicht, ob sie nicht genügend Medikamente oder Sauerstoff hatten – alle waren ohne Strom.‘“ (Das IT-Medienunternehmen Vox berichtete am 11. Oktober aufgrund einer Recherche via Google News  von möglichen 450 Sturmtoten, während die Regierung damals von 45 Toten ausging.)
Am 11. Oktober berichtete der Guardian dieses: „Offizielle der Federal Emergency Management Agency (FEMA) sagen, dass die Regierung und ihre Partner nur 200'000 Mahlzeiten pro Tag verteilen, um die Bedürfnisse von mehr als 2 Millionen Menschen abzudecken. Es fehlen pro Tag zwischen 1.8 Mio. und 5.8 Mio. Mahlzeiten. ‘Uns fehlen 1.8 Mio. Mahlzeiten’, sagte ein hoher FEMA-Offizieller.”
Am 24. September 2017 berichtete die New York Times: „Binnen Stunden löschte Wirbelsturm Maria 80 % der Ernteerträge aus.“
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Yarimar Bonilla ist Karibikspezialistin an der Rutgers University (New Jersey). In einem Beitrag in der Washington Post vom 22. September 2017 erinnert sie sich an ein Interview mit einer Fondsmanagerin in Puerto Rico vom letzten Sommer, die „das wirtschaftliche Klima extrem optimistisch“ einschätzte. Sie hatte, einen Zahlungsausfall der Insel vorwegnehmend, die Kundengelder in lukrative US-Aktien geleitet. Denn seit der Wahl von Trump seien die Kurse am Steigen. Die Finanzmanagerin machte in diesem Kontext noch folgende Aussage: „Das Einzige, was wir jetzt brauchen, ist ein Wirbelsturm.“ Bonilla erklärt: „Sie bezog sich darauf, dass solche Naturkatstrophen Bundesgelder mitbringen und sich oft als Segen für die Bauindustrie erweisen.“ Sie habe ihr, Bonilla, geraten, Aktien von Home Depot (grösstes US-Baumarktunternehmen) zu kaufen.

Die Stromversorgung liegt nach Maria wörtlich am Boden. Kein Wunder, das staatliche Elektrizitätswerk PREPA hatte zwar jahrelang Schulden gemacht, aber das Geld nicht in die Infrastruktur investiert. Die PREPA wurde auch bewusst heruntergewirtschaftet, um die „Notwendigkeit“ ihrer Privatisierung zu unterstreichen. Wie segensreich eine solche wäre, zeigt folgende Begebenheit, wie sie Berta Joubert-Ceci in Mundo Obrero, einem Blatt einer Linksgruppe in den USA, erwähnt: „Nach dem Sturm herrschte der Schaden wegen umgestürzter Leitungsmasten und niedergerissenen Kabeln vor. Aber das ist nicht alles. Der Mangel an Material im Inventar entblösste den gescheiterten Plan des US-Unternehmens AlixPartners, eines Plans, für den PREPA $ 45 Mio. zahlte. Er sah vor, das Elektrizitätswerk zu „restrukturieren“, so dass sie ihren Anteil von $ 9 Mrd. an den Staatschulden zahlen könne. Das bedeutete, ein Minimum an Inventar – von Brennstoff bis zu den Masten – um die Ausgaben zu drücken (…) Jetzt, nach dem Sturm, hat Gouverneur Ricardo Rosselló unter der Leitung des Army Corps of Engineers (ACE), das Puerto Rico zwecks Wiederherstellung des Energiesektors aufgezwungen wurde, eine Reihe US-Unternehmen unter Vertrag genommen, um PREPA gegen den Widerstand der Stromarbeitergewerkschaft UTIER zu privatisieren.“
AlixPartners: ursprünglich auf Unternehmenssanierungen spezialisierte Consulting-Bude im Besitz der Private-Equity-Firma CVC Capital Partners. ACE: Ingenieurabteilung der US-Armee, berüchtigt u. a. wegen ihrer Komplizenschaft bei milliardenschweren korrupten Aufträgen für führende US-Unternehmen wie Halliburton beim  „Wiederaufbau“ des Iraks nach seiner Besetzung. ACE hatte die mörderischen Dämme in New Orleans gebaut, die nach Katrina 2005 brachen. Für ihren „Wiederaufbau“ bedachte ACE, genauso wie FEMA,  die gleichen Multis – Bechtel, Halliburton, Fluor etc. – mit Grossaufträgen, die schon in Afghanistan und Irak abgesahnt hatten (Quelle: Vorwärts, 16.9.05).
Laut Berta Joubert-Ceci, die sich auf die Aussagen des ehemaligen UTIER-Präsidenten Ricardo Santos stützt, weigert sich die Regierung, die wichtige Palo Seco-Stromanlage in der Nähe der Hauptstadt San Juan wieder hochzufahren, um so die Bevölkerung für die Privatisierungspläne zu gewinnen. Santos zufolge ist die Anlage aber betriebsbereit. Doch Gouverneur Rosselló habe einen Vertrag mit Western Solutions angekündigt, wonach das Unternehmen einen Dieselgenerator installieren und für sechs Monate für $ 35 Mio. vermieten werde, um die Palo-Seco-Region mit 50 Megawatt zu versorgen. Palo Seco könne dagegen dreimal so viel Strom für wesentlich weniger Geld liefern. Laut Bloomberg vom 19. Oktober installiert das Unternehmen APR zwei Mietgeneratoren in „einer San-Juan-Anlage“. ACE gab am 16. Oktober bekannt, einen $ 240-Milliionen-Auftrag für die Reparatur des Stromnetzes an die von Irak und New Orleans her berüchtigte texanische Fluor Corporation vergeben zu haben.
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Das Pentagon-Medium DoD News am 16. Oktober 2017: „‚Als ich vor zwei Wochen hierher kam, hatten wir 25 Helikopter und 4‘500 Truppen‘, sagte der General [Jeffrey S. Buchanan] in einem Telefoninterview von der Insel. ‚Jetzt haben wir 68 Helikopter und 14‘300 Truppen.‘“
Das puerto-ricanische Recherchierteam des Centro de Periodismo Investigativo (CPI) veröffentlichte am 10. Oktober 2017 einen Artikel von Joel Cintrón Arbaseti über private Sicherheitsunternehmen, die jetzt auf der Insel aktiv wurden. Da wäre Ranger America, die mit FEMA zusammenarbeitet und etwa für Detailhändler, Supermärkte und die Regierung arbeitet. Academi, so der neue Name für Blackwater, die mit dem Pentagon- und US-Geheimdiensten verflochtene Söldnerorganisation, die in Irak massakrierte und in Katrina-New-Orleans gegen die Armutsbevölkerung operierte, „ist bereit [nach Puerto Rico] zu gehen“, wie Paul Donahue von der Academi-Besitzerin Constellis dem CPI bestätigte. Man warte nur noch auf das Regierungs-Okay für den Geschäftsvorschlag von Academi. Diese ist schon auf den Karibikinseln Dominica und Saint Martin aktiv. Eine weitere US-Sicherheitsfirma, die Whitestone Group, sucht für den Inseleinsatz „pensionierte Offizielle mit Waffenbewilligung für sofortige Reaktionen in Puerto Rico“ für einen Wochenlohn von $2400 plus Unterkunft und Ernährung. Auch Whitestone war schon in New Orleans aktiv gewesen. Der Journalist beschreibt das martialische Auftreten schwerbewaffneter und vermummter Mitglieder solcher Sicherheitsunternehmen rund um die Shopping Mall Ciudadela in San Juan.[1]
Oberst James DeLapp vom Army Corps of Engineers ist mit der Reparatur des Stomnetzes befasst und erinnert sich: “Wir hatten eine sehr ähnliche Situation nach der Eröffnung des Irakkrieges. Das erinnert sehr an jene Sorte von Effort“ zur Behebung der Schäden.

Private Sicherheit: in der Ciudadela, auf der Strasse, maskiert. Quelle: CPI.

Im oben erwähnten Interview erzählte Rosa Clemente auch von ihrem Besuch in der Stadt Utuado: Dort „gingen wir zum FEMA-Center [Notstandsbehörde der USA]. Sie waren nicht darauf aus zu sagen, wo es lag. Es gibt keinen Wegweiser dorthin. Ein National Guard wies uns off the record den Weg: ‘Da lang, dann da.‘ Wir gelangten dorthin. Es gab etwa 40‘000 Essensportionen, die nicht an die Leute verteilt worden sind. Aber es gab eine völlige militärische Besetzung der Stadt. Wir fragten die Leute: ‚Warum? Was meint ihr?‘ Sie sagten: ‚Es gibt Kupfer. Es gibt möglicherweise Uran in den Minen. Deswegen wollen sie diese Stadt nehmen, wisst ihr, diesen Teil der Insel.‘“  
Die oben erwähnte Berta Joubert-Ceci berichtete in einem weiteren Artikel von den Hilfesendungen aus der Diaspora nach Puerto Rico: „Aber einmal dort angekommen, macht sich FEMA verantwortlich für die Sendungen und erschwert ihre Verteilung. Tausende von Containern bleiben in den Häfen liegen.“ FEMA macht die Strassenverhältnisse und arbeitsfaule puerto-ricanische Camioneure für den Missstand verantwortlich. Doch die Fahrer beklagen sich, dass sie keine Arbeitsaufträge erhalten, obwohl sie, um kostbares Benzin zu sparen, tage- und nächtelang vor den Häfen ausgeharrt haben.




[1] DAS CPI hat auf seiner Homepage wichtige Artikel (spanisch und englisch) über die Eigentümer der puerto-ricanischen Schuldenpapiere veröffentlicht. Vorallem riesige Hedgefonds und die Banken Santander und UBS. UBS verlangt von Puerto Rico eine Zahlung von $ 1.2 Mrd. im Zusammenhang mit Gemeindeanleihen, die sie, als sie ihren Schrottcharakter erkannte, aus dem eigenen Portfolio abstiess – primär an RentnerInnen, die ihr bisschen Erspartes dabei verloren, weil sie sich von der UBS zum Kauf dieser „bombensicheren“ Papiere hatten überreden lassen. Die UBS ist für diese von ihre „sichere Landung“ genannte Operation schon mit $ 1.1 Mrd. gebüsst worden und gewärtigt eine weitere Bussmilliarde. Mehr dazu in einem späteren Beitrag. 

Puerto Rico: „Etwas sehen, das einem Völkermord gleichkommt“

Donnerstag, 5. Oktober 2017



(zas, 5.10.17) Donald Trump widmete den Menschen auf Puerto Rico dieser Tage nicht nur eine Siegestrophäe eines Sportanlasses, sondern warf ihnen anlässlich seiner Stippvisite letzten Dienstag Klopapier als Geschenk zu. 
Einer in der "Tiermanege". Das entsetzliche Video auf https://www.telesurtv.net/news/Trump-lanza-papel-higienico-a-damnificados-en-Puerto-Rico--20171004-0010.html
Sein Besuch fand zwei Wochen nach den enormen Zerstörungen des Wirbelsturms Maria auf der Insel statt. Zuvor war ihm zur extrem dramatischen Lage auf der Insel nur eingefallen, was für einen great job er und seine Leute dort erledigten. Davon bekamen die Leute auf Puerto Rico nichts mit. Schon vor dem Sturm waren 5000 National Guards dort stationiert, danach hat das Weisse Haus nochmals tausende dorthin geschickt, wie die Washington Post berichtet. Allein sie konnten angeblich die im Hafen lagernden Hilfsgüter wegen der zerstörten Transportinfrastruktur nicht an die Sturmopfer liefern. Auf US-Pages wie Democracy Now und counterpunch.org  tauchen dafür vermehrt Berichte auf, wie die Leute sich selber organisieren und Nothilfe leisten – in einer tatsächlich katastrophalen Lage. Während also die US-Militärs nicht fähig waren, Hilfe zu bringen, leisten sie anderes: „So wie Militäruniformen zuzunehmen und wegen dieses Notstands sichtbarer werden, beginnt ein beunruhigendes Bild des puerto-ricanischen Volkes aufzutauchen. Hilfsanstrengungen für eine von der Bundesregierung als ersetzbar angesehene Bevölkerung werden aufgeschoben (…) Die Situation zwingt die Menschen von Puerto Rico auf die Knie, ausgeliefert der zwiespältigen US-Hilfe, während andere humanitäre Hilfe abgeblockt wird (…) Das Leben von Tausenden, die man immer noch nicht erreichen konnte, wird in Gefahr gebracht. Das Endziel dieser Bundeshilfe ist unbekannt. Ihre wachsende Militarisierung (…) ist beunruhigend“ (aus der Erklärung zahlreicher Intellektueller in Puerto Rico und den USA The Cruelest Storm: A Statement for Puerto Rico).
Die Aktivistin und Anwältin Xiomara Caro Díaz vom Centro de Democracia Popular in Puerto Rico berichtete vor drei Tagen in Democracy Now: „Was die Militärs im Moment tun, ist Puerto Rico besetzen. Sie erschweren die Hilfe vor Ort. Wir haben sogar die Geschichte von einem Compañero in Utuado gehört, der nach San Juan kam und uns berichtete, wie BürgerInnenbrigaden halfen, die Strasse zu putzen eine einen Übergang über den Fluss zu bauen. Da kamen Polizei und lokale Armee zu ihm und sagten, Stopp! das sei nicht ihre Rolle. Jetzt hat die Armee in Puerto Rico also ein Rolle der Gewalt und nicht der Erleichterung inne.“  Falls die Armee nach einem Trump-Besuch dann plötzlich Essen verteile, entspräche dies einem PR-Manöver.  
Puerto Rico war trotz der enormen Sturmschäden absolut sekundär für die US-Regierung. Anders als etwa die kurz zuvor wesentlich schwächer von den Wirbelstürmen Harvey und Irma getroffenen Regionen von Houston und Miami. (Die Insel-Puerto-RicanerInnen haben kein Recht der Beteiligung an US-Wahlen.) Am 26. September verschickte Trump drei Tweets (1, 2, 3): „Texas & Florida gedeihen bestens, aber Puerto Rico, das schon unter einer kaputten Infrastruktur & massiven Schuld litt, ist in grossen Schwierigkeiten … Ein Grossteil der Insel wurde zerstört, mit Milliarden von Dollars, der Wall Street und den Banken geschuldet, um die man sich traurigerweise kümmern muss. Nahrung, Wasser und Medizinisches sind Topprioritäten – und gestalten sich gut“.
Ins gleich Horn stiess am 28. September auch die amtierende Department of Homeland Security-Chefin Elaine Duke:  Die US-„Hilfe“ „ist wirklich eine good-news story, was unsere Kapazität, die Leute zu erreichen, betrifft“ (s. CNN).
CNN schaltete darauf Carmen Yulín Cruz, die Bürgermeisterin der puerto-ricanischen Hauptstadt San Juan, zu. Ihre Antwort: „Verdammt, das ist keine good-news story, das ist eine Sterbens-Story, eine Story von Leben oder Tod.“ In einer aufwühlenden Erklärung vor TV-Kameras vom 29. September (Video s. den oben zitierten Post-Artikel) doppelte sie nach: „We are dying here“. Eine Botschaft, die sie wiederholte. Der US-Katastrophenbehörde FEMA habe sie ganze Ordner von Unterlagen übermittelt, doch FEMA habe noch an diesem Morgen das Toupé gehabt, sie zu fragen: „Was sind Ihre Prioritäten, Bürgermeisterin?“ Zu dieser Art „Hilfe“ meinte Cruz: „Ihr bringt uns mit Ineffizienz und Bürokratie um.“ Und: „Wenn wir die Nahrungsmittel und das Wasser nicht zu den Leuten bringen können, werden wir etwas sehen, das einem Völkermord gleichkommt.“ Die Frau sagte auch: „Wir sind eine einzige Nation. Wir mögen klein sein, aber gross in der Würde.“  In ihrem Rufen nach Hilfe meinte sie, Leben zu retten sei ein Grundprinzip der „United States of North America“. Die Welt könne sehen, „wie wir nicht als Zweitklass-BürgerInnen behandelt werden, sondern als Tiere, die weggeworfen werden können. Genug ist genug!“
Bürgermeisterin Yulin Cruz und ein Sturmopfer. Quelle: Washington Post.

Der Bürgermeisterin, die sich nach Berichten aus Puerto Rico täglich für die unmittelbaren Belange der EinwohnerInnen von San Juan einsetzt, attestierte Trump postwendend per Twitter „schlechte Führungsqualitäten“. Sie sei wie „andere in Puerto Rico unfähig, ihre Arbeiter zum Helfen zu bewegen. Sie wollen, dass alles für sie getan werde, wo dies ein Community-Effort sein sollte“ (1,2).
Und dann die erbärmliche, verletzende Show mit dem Schmeissen von Toilettenpapier unter die Anwesenden. Natürlich wäre sowas einem Obama oder einem Clinton nicht „passiert“. Doch Rassismus und Häme gegenüber Unterklassen und von Unglück Getroffenen ist Bestandteil der US-Politik gegen Puerto Rico. Im letzten Correos haben wir zwei Artikel dazu gebracht, ein Interview mit dem nach 35 Jahren Knast frei gekommenen Unabhängigkeitskämpfer Oscar López Rivera und einen Hintergrundartikel über die Geschichte kolonialer Gewalt, auch der aktuellen finanztechnischen, zwecks Entvölkerung der Insel. Remember: „… werden wir etwas sehen, das einem Völkermord gleichkommt.“ Für eine Einschätzung der katastrophenkapitalistischen Vernutzung der Sturmschäden in Puerto Rico (und wohl auch anderswo) ist es bei unserem aktuellen Infostand noch zu früh. Nicht aber für die Einsicht, dass dieser Angriff läuft.

Puerto Rico: Der Sturm als "Chance"

Mittwoch, 20. September 2017



(zas, 20.9.17) Zurzeit tobt der Wirbelsturm Maria über Puerto Rico. Die Berichte sind bestürzend: das ganze Stromnetz zerstört, mutmasslich riesige andere Schäden - Abner Gómez, Chef der Notfallbehörde FEMA auf Puerto Rico im Wall Street Journal online: „Wir werden unsere Insel zerstört sehen … Die Auswirkungen sind unkalkulierbar“ – über Tote, Verletzte, Obdachlose noch keine Angaben.
 
Quelle: CNN.
In vielen Berichten wird unterstrichen: Das ganze Stromnetz ist out. Mutmassungen gehen von vielen Monaten der Wiederherstellung aus (vorausgesetzt, es gibt nicht noch weitere Stürme und Maria verursacht nicht noch viel mehr Schaden in Puerto Rio).
In Heft 188 des Correos, das dieser Tage erscheint, beschreibt ein Artikel die Geschichte von Kämpfen und die neuen Varianten der Kolonialherrschaft in Puerto Rico. Darin geht es auch um den staatlichen Stromkonzern Prepa und seine Schuldenwirtschaft. Der letztes Jahr von Obama eingesetzte koloniale Budgetkontrollausschuss, der Parlament und Gouverneur weitgehend zu seinen Exekutivorganen macht, hatte letzten Juni einen Vergleich zwischen Gläubigern und der verschuldeten Prepa mit der Begründung verworfen, der Konzern könne nur mit einer Privatisierung wieder auf die Beine kommen.
Vor einer Woche brachte The Intercept den Artikel „Hurricane Irma Unleashes the Forces of Privatization in Puerto Rico“ über die Vernutzung von Hurrikan Irma, der vor zwei Wochen in Puerto Rico gewütet hatte, für die Privatisierung essentieller Teile von Prepa (Stromerzeugung, nicht aber Verteilung, da die absolut unerlässliche Erneuerung des total maroden Stromnetzes dem bankrotten Staat überlassen werden soll, der die „Spar“-Angriffe nochmals verschärfen soll). Gouverneur Rosselló, auch er ein Promoter der Prepa-Privatisierung, hatte wenige Tage vor Irma in der New York Times gesagt, der Sturm „kann eine Gelegenheit oder eine weitere Belastung werden“.  Intercept berichtete von intensivierten Privatisierungsgesprächen des Prepa-Managements. Das Portal schreibt weiter: „In Radiointerviews nach dem Sturm [Irma] denunzierte ein Vertreter der Stromgewerkschaft Utier die Unternehmensführung, weil sie 170 disponible Arbeiter nicht zu Reparaturarbeiten entsandt hatte, und beschuldigte sie, die Reparaturen zu verzögern, um Stimmung für den Verkauf des Konzerns zu machen. In den vergangenen Monaten äusserte die Gewerkschaft ähnliche Anschuldigungen, wonach Prepa die Performance absichtlich herabsetzte, um die Privatisierungspumpe anzukurbeln. In den Social media zirkulierten auch Gerüchte, dass die düsteren Warnungen von Prepa vor Sturm-bezogenen Ausfällen Signale der neuen, im Rahmen eines Abkommens mit Prepa-Gläubigern installierten, Unternehmensführung an Privatisierer darstellten, dass das System an einem Wendepunkt angelangt sei.“  (Die alte Führung hatte sich gegen eine Privatisierung gestellt.)
Katastrophenkapitalismus – mit neuem Feuer im Zeichen des Klimawandels!