Ein Gespräch mit Nora Leiva Narciso und Marco Antonio Figueroa, die beide in der URNG-Guerilla gekämpft hatten, zu Geschichte und Aktualität Widerstands.
Edith Bitschnau, Anita Escher*
(Ein Überblick über die jüngere Geschichte, eine Erläuterung zu den im Gespräch erwähnten 48 Kantonen und eine Angabe zu einem Mittel der Kolonialverwaltung im Krieg folgen am Schluss des Interviews.)

Nora Leiva und Marco Antonio Figueroa
Nach dem Militärputsch 1954 gegen den gewählten Präsidenten Jacobo Arbenz begann eine Phase autoritärer Militärregimes in Guatemala. Die CIA spielte dabei eine entscheidende Rolle. Es wurden nicht nur Söldner bewaffnet, psychologische Kriegsführung angewendet und die Armee gespalten, sondern teils flogen auch US-Piloten Angriffe auf Guatemala-Stadt. Insbesondere die von Arbenz eingeführte Landreform bedrohte die wirtschaftlichen Interessen der US-amerikanischen United Fruit Company (heute Chiquita). Nach dem Putsch 1954 wurde die Agrarreform wieder rückgängig gemacht und die indigene, gewerkschaftliche und studentische Bewegung jahrzehntelang brutal verfolgt. Die Macht lag in den Händen militärischer und wirtschaftlicher Eliten, die eng mit US-Interessen verbunden waren. Der Staat setzte systematisch Terror als Herrschaftsmittel ein, darunter Verschleppungen, aussergerichtliche Hinrichtungen und Folter. Vor diesem Hintergrund kamen die sozialen Bewegungen in den 1960er-Jahren zu dem Schluss, dass der bewaffnete Kampf der einzige Weg war, um grundlegende strukturelle Veränderungen herbeizuführen. Die Guerrillaorganisationen kämpften während 36 Jahren gegen die Militärdiktaturen in Guatemala und den Genozid, der sich gegen die indigenen Maya-Völker richtete.
Widerspruch: Könnt Ihr Euch kurz vorstellen?
Nora Leiva: Mein Name ist Nora Leiva, ich bin Guatemaltekin und seit jeher politisch links orientiert.
Marco Antonio Figueroa: Mein Name ist Marco Antonio Figueroa. Wie Nora schloss ich mich zu Beginn der 1980er-Jahre dem politischen Kampf und dem bewaffneten Konflikt an. Wir waren direkt an den Ereignissen der 1980er- und 1990er-Jahre, die schliesslich zur Unterzeichnung der Friedensabkommen führten. Unsere gesamte Erfahrung entstand im Kontext der Guerillabewegung und war für uns von prägender Bedeutung.
Heute sind wir Mitglieder der Guatemaltekischen Vereinigung von Menschen mit Behinderungen (Asociacion Guatemalteca de Personas con Discapacidad por Causa del Conflicto, AGPD). Wir beide leben mit einer Behinderung als Folge des bewaffneten Konflikts.
Widerspruch: Wie lässt sich erklären, dass nach den Präsidentschaftswahlen 2023 so viele Menschen auf die Strasse gegangen sind?
MAF: Der Regierungswechsel in Guatemala wurde staatlichen Instanzen zu behindert. Allen voran nutzte die Staatsanwaltschaft ihre Macht, um Vorwände zu konstruieren und nicht nur den Amtsantritt des gewählten Präsidenten Bernardo Arévalo zu blockieren, sondern den gesamten Übergangsprozess zu sabotieren.
Bereits vor den Wahlen wurde ein polarisierendes Narrativ aufgebaut, sodass die Wahl von vielen als Entscheidung zwischen einem Bruch mit Korruption und Straflosigkeit einerseits und der Fortsetzung bestehender Machtverhältnisse andererseits wahrgenommen wurde. Entsprechend entschieden sich viele Wähler:innen bewusst für jene Kräfte, die einen entschiedenen Kampf gegen Korruption versprachen. Nach der Wahl blockierten jedoch gerade jene staatlichen Institutionen, die als Teil dieses bestehenden korrupten Systems galten, darunter die Staatsanwaltschaft, der Oberste Gerichtshof und das Verfassungsgericht, aktiv den Regierungswechsel.
Diese institutionelle Blockade war der Auslöser für eine breite gesellschaftliche Mobilisierung. Besonders der Aufruf der indigenen Organisation «48 Kantone von Totonicapán», ein Verfahren gegen die Generalstaatsanwältin einzuleiten, gab den Protesten eine klare politische Richtung. In der Folge entstand eine landesweite Bewegung, in der sich Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen für die Verteidigung des demokratischen Übergangs und einen ordnungsgemässen Regierungswechsel engagierten.
WSP: Warum gingen die ersten Initiativen von den 48 Kantonen aus, und weshalb folgten ihnen so viele unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, gerade in einem postelektoralen Kontext?
NL: Die 48 Kantone sind eine historisch anerkannte indigene Autorität mit rechtlicher Autonomie und klarer Organisation. Sie geniessen grosse Legitimität. Ihr Aufruf richtete sich gegen Korruption und gegen das, was in Guatemala als «Pakt der Korrupten» bezeichnet wird.
Indem die 48 Kantone diese Problematik klar benannten, gelang es ihnen, breite Teile der Gesellschaft zu erreichen. Schritt für Schritt schlossen sich immer mehr Gruppen an: bäuerliche Gemeinden, indigene Organisationen, Arbeiter:innen, religiöse Gruppen, Studierende. Das setzte die Institutionen unter Druck, den Übergangsprozess nach den Wahlen 2023 schliesslich zuzulassen.
MAF: Wir verstehen die Mobilisierung der Menschen nach dem Wahlausgang 2023 im Zusammenhang der politischen Entwicklung nach den Friedensabkommen (1996) in Guatemala. Die Friedensabkommen waren einst eine Phase der Hoffnung: Politische Beteiligung schien möglich, ohne Repression befürchten zu müssen. Doch die darauffolgenden Regierungen sabotierten das das systematisch. Unter Präsident Giammattei wurden mit einem Federstrich zentrale Institutionen abgeschafft, die zur Umsetzung der Friedensabkommen geschaffen worden waren. Die historische Erinnerung an demokratische Reformprozesse – wie unter den beiden Präsidenten Juan José Arévalo und Jacobo Árbenz – und deren gewaltsame Beendigung durch den von den USA unterstützten Putsch von 1954 verstärkten damals das Gefühl, dass erneut eine Hoffnung zerstört wurde.
NL: Die postelektorale Bewegung war spontan und entstand als unmittelbare Reaktion auf die offensichtliche Straflosigkeit, mit der die Staatsanwaltschaft handelte. Je deutlicher wurde, dass illegale und widersprüchliche Massnahmen eingesetzt wurden, um das Wahlergebnis rückgängig zu machen, desto mehr wuchs der Widerstand. Die Mobilisierung entwickelte sich schrittweise, parallel zur Eskalation dieser institutionellen Willkür.
MAF: Die Reaktion kam aus der gesamten Bevölkerung. Als die 48 Kantone mit einer entschiedenen Haltung auftraten, schlossen sich indigene Gemeinschaften aus anderen Regionen an, ebenso wie viele Menschen aus den Städten. Diese breite Solidarität war beeindruckend.
WSP: Wofür und mit welchen Mitteln kämpft die Bevölkerung heute? Sind es eher lokale oder regionale Kämpfe? Und wie ist die Beteiligung junger Menschen?
MAF: Um das zu verstehen, muss man auf das Jahr 2015 zurückblicken. Damals gab es eine landesweite Mobilisierung gegen die Regierung von Otto Pérez Molina, die schliesslich zu deren Rücktritt führte. Doch diese Bewegung wurde gezielt durch das Eingreifen der US-Botschaft und der guatemaltekischen Wirtschaftselite (CACIF) neutralisiert. Sie beteiligten sich an den Demonstrationen nicht, um zu unterstützen, sondern um die Bewegung zu kontrollieren und eine Radikalisierung zu verhindern. Was ihnen gelang. Die Folgen sind bis heute spürbar: Statt einer geeinten sozialen Bewegung gibt es fragmentierte, lokale Kämpfe. Besonders im ländlichen Raum ist der Widerstand stärker als in den Städten. Diese Spaltung ist ein strategischer Erfolg der damaligen Interventionen.
In diesem Kontext entstand die politische Bewegung Semilla (Saat), die heutige Regierungspartei. Viele Menschen wählten sie, weil sie sich gegen Korruption positionierte.
NL: Es gibt weiterhin territoriale Kämpfe, vor allem gegen Bergbauprojekte und für den Schutz des Wassers. Die entsprechenden Lizenzen wurden lediglich ausgesetzt, nicht aufgehoben. Es besteht die Sorge, dass sie künftig wieder aktiviert werden.
WSP: Wie ist die Beteiligung von Jugendlichen und Frauen?
NL: Jugendliche beteiligen sich, oft beeinflusst durch ältere Generationen, die frühere Repression erlebt und überlebt haben. Auffällig ist die starke Präsenz von Frauen bei Demonstrationen, in Versammlungen und in lokalen Organisationen. In vielen Regionen sind sie die treibende Kraft.
MAF: Die Beteiligung junger Menschen könnte grösser sein. Viele sind politisch entfremdet, was das Ergebnis einer langfristigen Strategie ist, soziale Bewegungen zu schwächen. Es braucht bewusste Bildungs- und Sensibilisierungsprozesse, um sie wieder einzubeziehen. Heute engagieren sich Jugendliche in ländlichen Regionen stärker als jene in urbanen.
WSP: In ländlichen Gebieten gibt es trotz der traumatischen Geschichte der Repression weiterhin intensive Kämpfe, oft mit Polizei- und Militäreinsätzen. Wie erklärt Ihr diese Widerstandskraft?
NF: Noch immer ordnen Richter gewaltsame Räumungen an, besonders in Regionen wie Izabal und Cobán. Gemeinschaften werden vertrieben, obwohl sie dort seit Jahrzehnten oder Generationen leben. Historisch bedingte Ungerechtigkeiten bei der Eintragung von Landtiteln haben dazu geführt, dass viele Gemeinden ihr Land rechtlich verloren haben, obwohl sie legitime Ansprüche hatten. Diese Konflikte bestehen bis heute.
MAF: So wurde und wird Gemeindeland systematisch enteignet. Mit juristischer Beratung verschaffen sich Einzelne Eigentumstitel, während die betroffenen Gemeinschaften kaum Zugang zu rechtlicher Unterstützung haben. Auf dieser Grundlage erfolgen dann die Räumungen.
WSP: Welche Rolle spielte die internationale Einmischung im bewaffneten Konflikt und im Genozid in Guatemala?
MAF: Die internationale Einmischung war massiv und direkt. Vor allem die USA spielten seit dem Putsch von 1954 eine zentrale Rolle. Sie unterstützten militärische Diktaturen in ganz Lateinamerika ideologisch, politisch und militärisch, insbesondere durch Ausbildung in der «School of the Americas». Ziel war die Sicherung ihrer geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen.
Als die Repression in Guatemala so extrem wurde, dass auch US-Bürger:innen betroffen waren, stellten die USA die direkte Waffenlieferung offiziell ein, setzten diese jedoch indirekt über Israel fort. Israel lieferte Waffen, militärische Beratung, Geheimdiensttechnologie und unterstützte den Aufbau militärischer Infrastruktur (z. B. der Luftwaffe oder Munitionsfabriken).
Auch die Schweiz (unter anderem mit Pilatus-Flugzeugen) sowie Militärdiktaturen aus Chile, Argentinien und Uruguay waren beteiligt, insbesondere durch die Weitergabe von Geheimdienst- und Repressionsmethoden, vor allem für den urbanen Raum.
Die massive Repression in Guatemala richtete sich jedoch gezielt gegen die indigene Bevölkerung, die als soziales und politisches Rückgrat des Widerstands galt.
WSP: Wie erklärt Ihr die anhaltende Widerstandskraft indigener Gemeinden trotz jahrzehntelanger Repression?
MAF: Indigene und bäuerliche Gemeinschaften waren die Hauptopfer des Krieges. Bereits während des Konflikts organisierten sie sich in den 1980er- Jahren innerhalb Guatemalas in Gemeinden des Widerstands. Die Friedensabkommen stärkten sie politisch erstmals durch rechtliche Anerkennung, nachdem sie zuvor jahrhundertelang unterdrückt worden waren. Diese Anerkennung, kombiniert mit historischen Erfahrungen von Kolonisierung, Repression und Enteignung, führte schrittweise zu politischem Bewusstsein, Selbstorganisation und Widerstand.
NL: Der Widerstand ist im Zusammenhang mit dem antikolonialen Kampf zu verstehen und beruht auf Unterwerfungs- und Ausbeutungserfahrung, Identität, Sprache, Kultur und kollektiven Werten wie Respekt, Solidarität und Gemeinschaft. Diese kulturelle Kontinuität gibt Kraft, auch wenn politische Kämpfe oft fragmentiert bleiben.
WSP: Unterstützen indigene Organisationen Präsident Bernardo Arévalo noch?
NL: Nein. Zwar waren indigene Organisationen – insbesondere die 48 Kantone von Totonicapán – entscheidend dafür, dass der demokratische Regierungswechsel überhaupt möglich wurde. Doch die neue Regierung hat zentrale Forderungen nicht erfüllt:
· Zugang zu Gesundheitsversorgung
· kulturell angepasste Bildung
· Arbeitsmöglichkeiten ohne Diskriminierung
· Infrastruktur für abgelegene Gemeinden
Besonders ausschlaggebend war die Inhaftierung indigener Führungspersönlichkeiten, darunter ein ehemaliger Vertreter der 48 Kantone. Präsident Arévalo äusserte lediglich Kritik, unternahm jedoch nichts Konkretes. Das führte zum endgültigen Bruch mit der indigenen Bewegung.
WSP: Wie bewertet Ihr die Friedensabkommen?
MAF: Die Friedensabkommen beendeten 1996 den bewaffneten Konflikt, nicht weil die Guerilla besiegt worden war, sondern um die Fortsetzung der massiven Repression gegen die Zivilbevölkerung, den Genozid, aufzuhalten. Die Friedensabkommen schufen erstmals Räume für Meinungsfreiheit, politische Beteiligung und soziale Forderungen.

Krieg gegen die Mayas
Aus einer politischen Perspektive
war das Hauptproblem der Nachkriegszeit nicht der Inhalt der Friedensabkommen,
sondern die systematische
Sabotage durch
nachfolgende Regierungen, beginnend mit Álvaro Arzú, der die Abkommen dazu
nutzte, um staatliche Institutionen zu privatisieren und wirtschaftliche Macht
zu konzentrieren.
NL: Es handelt sich um eine Reihe von Abkommen, insgesamt zwölf, darunter spezifische zu Menschenrechten, indigener Bevölkerung, sozioökonomischer Entwicklung und ziviler Kontrolle. Sie sind bis heute geltendes Recht, werden aber nicht umgesetzt. Internationale Gelder, die zur Umsetzung der Abkommen gedacht waren, verschwanden grösstenteils in privaten Taschen.
WSP: Würdet Ihr wieder zu den Waffen greifen?
MAF: Ja – unter denselben Bedingungen. Heute nicht mehr, aus Altersgründen, aber damals war es eine notwendige Entscheidung.
NL: Wenn ich wieder 19 wäre: ja.
WSP: Kommen wir auf die staatliche Gewalt, den antikolonialen Kampf und die Frage des Widerstands zu sprechen. Welche Klasseninteressen hatte und hat die guatemaltekische Bourgeoisie?
MAF: In Guatemala handelt es sich nicht um eine breite Bourgeoisie, sondern um eine Oligarchie, bestehend aus weniger als einem Dutzend Familien. Diese Familien kontrollieren seit der Kolonialzeit den Grossteil von Land, Kapital, Industrie, Handel und Finanzwesen. Ihr Reichtum basiert historisch auf der Enteignung der indigenen Bevölkerung, durch rechtliche Tricks oder offene Gewalt. Die zentralen Interessen der guatemaltekischen Oligarchie sind die Ausweitung ihres Eigentums, der Erhalt ihrer politischen Macht durch die Kontrolle der staatlichen Institutionen und die Sicherung von Profiten in Bereichen wie Zement, Alkohol, Bergbau, Palmöl, Energie und Finanzsektor. Viele dieser Familien leben nicht dauerhaft in Guatemala, sondern in Europa oder den USA, häufig mit doppelter Staatsbürgerschaft, um sich der juristischen Verantwortung zu entziehen. In Guatemala agieren ihre Rechtsvertreter.
Die Oligarchie ist rechtsextrem, autoritär und wertkonservativ. Während des bewaffneten Konflikts fungierte das Militär faktisch als private Schutztruppe ihrer wirtschaftlichen Interessen. Daraus entwickelte sich ein zentraler Teil der staatlichen Gewalt. Ein wesentliches Merkmal ist ihre Fähigkeit zur Kontrolle über Medien, Justiz, Parlament und politische Parteien. Gesetze werden systematisch zu ihren Gunsten gestaltet, etwa äusserst niedrige Abgaben für Bergbaukonzerne.
NL: Die evangelikalen Kirchen
spielen eine zentrale Rolle bei der Machterhaltung der
Oligarchie. Sie wurden insbesondere seit den 1980er-Jahren ausgebaut. Viele
wurden direkt oder indirekt durch US-amerikanische
Kirchen gefördert. Ein zentrales Narrativ
dieser Kirchen ist der Antikommunismus:
Soziale Kämpfe, Umweltproteste oder indigene Selbstorganisation werden von
diesen Sekten bis heute als «kommunistisch» diffamiert. Das dient der
ideologischen Kontrolle, Entpolitisierung und Legitimation von Gewalt. Der
ehemalige Präsident und Kriegsverbrecher, Efrain Ríos Montt, war Teil einer
evangelikalen Sekte. Ein Grossteil der Täter
des Genozids – Folterer,
Mörder, Vergewaltiger – fand dort Schutz. Die religiöse Lehre der «Vergebung»
ermöglichte es ihnen, ihre Verbrechen moralisch zu relativieren. Diese Kirchen
oder Sekten fungierten als Zufluchtsorte für
Täter.
WSP: Wer waren die Folterer, und wie leben sie heute?
MAF: Nur wenige Täter wurden jemals verurteilt, viele davon inzwischen freigelassen. Selbst bei erdrückender Beweislage werden Urteile aufgehoben.
Mitglieder von Todesschwadronen, Geheimgefängnissen und Foltereinheiten wurden nie identifiziert oder juristisch zur Rechenschaft gezogen. Viele leben unbehelligt in Guatemala, andere emigrierten, meist in die USA oder nach Europa. Einige gründeten private Sicherheitsfirmen, andere wurden sogar Abgeordnete und geniessen politische Immunität. Moralisch belastet fühlen sie sich nicht – ihre religiöse Zugehörigkeit habe ihnen «Vergebung» verschafft.
NL: Wichtige Archive wie das Polizeiarchiv oder Militärregister wurden zufällig entdeckt, weil sie nicht rechtzeitig zerstört wurden. Diese Dokumente belegen detailliert die Entführungen, Folter, geheime Hinrichtungen und Massengräber. Sie zeigen das Ausmass der Repression und widerlegen systematisch die staatliche Version.
WSP: Was bedeutet Gerechtigkeit für Überlebende von Folter und Genozid?
MAF: Aus unserer Sicht umfasst Gerechtigkeit:
· materielle Entschädigung
· Anerkennung der Opfer durch offizielle Register
· Suche nach Verschwundenen, Identifizierung mittels DNA
· Rückgabe der sterblichen Überreste an die Familien
· Erinnerungsarbeit: lokale Gedenkstätten, Museen
· historische Bildung, damit sich die Verbrechen nicht wiederholen
Die meisten Angehörigen der
Folteropfer verlangen vor allem Wahrheit:
Wo wurden ihre Familienmitglieder ermordet? Wo sind sie begraben?
NL: Der Genozid in Guatemala wurde juristisch im Verfahren
gegen Efraín Ríos Montt anerkannt.
Die Richterin erklärte ihn für schuldig. Obwohl das Urteil später politisch
sabotiert wurde, gilt die Anerkennung des Genozids als historischer
Meilenstein in Guatemala und Zentralamerika.
WSP: Wie manifestiert sich heute die Klassen- und rassistische Gewalt?
MAF: Aktuelle Formen der Gewalt sind der strukturelle Rassismus gegen die indigene Bevölkerung, ihre systematische soziale Ausgrenzung, die Kriminalisierung sozialer Bewegungen, die Justiz als Repressionsinstrument («Lawfare»), aber auch der fehlende Zugang zu Gesundheit, Bildung und sozialer Infrastruktur sind Formen der strukturellen Gewalt.
Aus unserer Perspektive sehen wir auch die Ausbreitung des organisierten Verbrechens und der Narco-Ökonomie als Teil der strukturellen Gewalt.
NL: Die Ursachen, die historisch zum bewaffneten Konflikt führten, wie Landkonzentration, Armut, institutioneller Rassismus, Straflosigkeit und die Macht der Oligarchie, bestehen fort. Das Militär war ein Werkzeug, die Hauptprofiteure waren und sind die wirtschaftlichen Eliten.
Die Überlebenden von Folter und Genozid sowie ihre Familien fordern Gerechtigkeit. Wir ehemaligen Freiheitskämpfer:innen und Kriegsverletzte sind uns der Kontinuität von Klassen- und rassistischer Gewalt in der Gegenwart bewusst.
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Angaben
zur jüngeren Geschichte:
1960–1996: Der bewaffnete Konflikt forderte fast 200’000 Tote oder Vermisste und führte zur Vertreibung von über 1.5 Millionen Menschen. Eine zentrale Figur des staatlichen Terrors war Efraín Ríos Montt, ein guatemaltekischer General und Militärdiktator, der 1982–1983 durch einen Putsch an die Macht kam. Während seiner kurzen, aber extrem gewaltsamen Herrschaft erreichte der Bürgerkrieg seinen brutalsten Höhepunkt. Internationale und nationale Untersuchungen stuften die verübten Verbrechen des Staates als Völkermord an der Maya-Bevölkerung ein. Ríos Montt starb 2018, ohne rechtskräftig verurteilt worden zu sein.
1994–1996: Das Friedensabkommen vom 29. Dezember 1996 beendete offiziell den bewaffneten Konflikt.
Die Kommission zur historischen Aufklärung (CEH) untersuchte die Gewalt während des Bürgerkrieges. Ergebnis: Rund 93 Prozent der Menschenrechtsverletzungen waren staatlichen Kräften zuzurechnen, die den Völkermord an der indigenen Maya-Bevölkerung und der politischen Opposition verübten.
2020-2024: Unter der Präsidentschaft von Alejandro Giammattei wurden zentrale Elemente des Friedensprozesses wie Menschenrechte, historische Aufarbeitung, indigene Rechte, Justizreformen und Demilitarisierung wurden blockiert. Institutionen und Akteur:innen, die sich mit Kriegsverbrechen, Korruption und Straflosigkeit befassten, wurden kriminalisiert oder ins Exil gedrängt. Gleichzeitig gewann das Militär wieder an Einfluss.
Seit dem 14. Januar 2024 regiert Bernardo Arévalo von der reformorientierten Partei Movimiento Semilla an, die aus der Antikorruptionsbewegung hervorging. Semilla steht für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und soziale Reformen und versteht sich als Gegenpol zu den autoritären und korrupten Machtstrukturen des Landes. Die politische Elite des Landes versuchte seinen Amtsantritt zu verhindern und versucht weiterhin, einen Regime Change herbeizuführen.
zu den 48 Kantonen:
Die Entstehung der 48 Kantone von Totonicapan geht auf den antikolonialen, indigenen Widerstand von Atanasio Tzul zurück, einem k’iche’-Anführer aus Totonicapán, der 1820 einen der bedeutendsten indigenen Aufstände der späten Kolonialzeit anführte, ein Jahr vor der Unabhängigkeit Guatemalas.
Die 48 Kantone von Totonicapán sind eine indigene Organisations- und Selbstverwaltungsform in Guatemala. Sie bestehen bis heute aus 48 Gemeinschaften (Cantones) im westlichen Departament von Totonicapán, überwiegend K’iche’-Maya. Jede Gemeinschaft hat einen eigenen alcalde comunal (kommunitären Bürger:innenmeister), gemeinsam bilden sie den Rat der 48 Kantone. Diese Form lokaler Autorität ist historisch tief verwurzelt und wird als eine der ältesten kommunalen Selbstverwaltungsstrukturen des Landes gesehen, mit Traditionen, die bis in die Kolonialzeit zurückreichen (und darüber hinaus). Sie ist entscheidend, um den kommunitären Widerstand und die historische Kontinuität in Guatemala zu verstehen.
zur Kolonialverwaltung im Krieg:
Im Rahmen des Gegenaufstandes während des Bürgerkrieges zwang das Militär (1982-1986) vor allem indigene Gemeinden zur Umsiedlung in Modelldörfer, sogenannte Entwicklungszentren («Polos de desarrollo»). Ganze Dorfgemeinschaften wurden in kontrollierte Siedlungen gebracht, die faktisch Konzentrationslagern glichen. Bewegungsfreiheit war stark eingeschränkt, Identitätsdokumente wurden eingeführt, und wer sich nicht unterwarf, wurde verfolgt oder verschwand.
Durch diese Zwangsumsiedlungen wurden die Menschen von ihrem Land getrennt. Die zurückgelassenen Flächen wurden später militärisch oder juristisch enteignet und an Grossgrundbesitzer übertragen (1986-1996), ein Mechanismus, der bis heute nachwirkt.
* Gekürzt aus Widerspruch-Heft 85, Mai 2026: «Gesichter der Gewalt. Legitimität westlicher Herrschaftsordnungen», Mai 2026. Originaltitel: «Staatliche Gewalt, antikolonialer Befreiungskampf und

