Stichwahl in Brasilien auf den letzten Metern

Freitag, 23. Oktober 2026

 

Jugendproteste mobilisieren die Massen. Trotz Vorsprung Bolsonaros in Umfragen bringt die Linke neuen Schwung in den Wahlkampf

Massendemo zur Unterstützung des progressiven Präsidentschaftskandidaten Inácio Lula da Silva
Massendemo zur Unterstützung des progressiven Präsidentschaftskandidaten Inácio Lula da Silva

Die brasilianische Linke ist wieder in einem Ausmaß auf die Straße gegangen, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Von dieser Energie und davon, was sich in den kommenden Tagen daraus machen lässt, hängt ab, ob der Bolsonarismus am 25. Oktober besiegt werden kann.

Die Massendemonstrationen zur Unterstützung von Lula haben den brasilianischen Wahlkampf grundlegend verändert. Zwar haben die Ultrarechten in der Stichwahl um das Präsidentenamt weiterhin die besseren Chancen, doch der Ansturm von Millionen Menschen auf die Straßen zeigt, dass der Vorsprung des Kandidaten Flávio Bolsonaro aufzuholen ist. Diese Tage sind entscheidend.

In den letzten Tagen hat sich etwas Seltenes, Außergewöhnliches, Kolossales und Mitreißendes ereignet. Am Freitagabend, dem 9. Oktober, in Belo Horizonte, am Sonntag auf der Avenida Paulista in São Paulo und am Montag, einem Feiertag, in Copacabana, Rio de Janeiro, strömten Hunderttausende Menschen verschiedener Generationen auf die Straßen.

Mit ihrer aktiven Beteiligung, ihren Plakaten und unermüdlichen Sprechchören waren die Studierenden, Erwachsenen und Senioren bei diesen Demonstrationen ein eindrucksvoller Beweis für ihre Kampfbereitschaft. Die brasilianische Linke hat in den letzten 35 Jahren, also einer ganzen Generation, nichts Großartigeres auf die Beine gestellt.

Was diese Demonstrationen laut und deutlich verkündeten, war, dass man diese Wahlen nicht kampflos verlieren werde. Die soziale Basis der brasilianischen Linken kleidete sich in Rot und trat öffentlich in Erscheinung, um dem Land zu zeigen, dass sie nicht aufgibt. Am ehesten vergleichbar waren die Tage im Juni 2013, wenngleich diese Mobilisierungen von politischen Einschränkungen und sozialen Widersprüchen geprägt waren, die letztlich zur historischen Katastrophe von 2015 und 2016 beitrugen, als die Rechte die Initiative zurückgewann und es schaffte, Dilma Rousseff ihres Amtes zu entheben.

Die Demonstrationen der letzten Tage waren so beeindruckend, dass sie die extreme Rechte in die Defensive drängten und Flávio Bolsonaro dazu zwangen, die Abstimmung über die Abschaffung des 6×1-Arbeitsmodells zu unterstützen, einer Regelung, die sechs Arbeitstage pro Ruhetag vorschreibt und deren Abschaffung zu einem wichtigen Anliegen der brasilianischen Arbeiterbewegung geworden ist (amerika21 berichtete).

Viele junge Menschen, die zum ersten Mal gemeinsam mit der Linken auf die Straße gingen, entdeckten die Freude daran, ein kollektives politisches Projekt miteinander zu teilen. Viele Erfahrene wiederum erinnerten sich an die Wirkung der großen Demonstrationen von "Diretas Já" (Direktwahlen jetzt), der Kampagne für direkte Präsidentschaftswahlen, die das Ende der Militärdiktatur in den 1980er Jahren begleitete, sowie an die Bewegung "Fuera Collor" (Collor raus), die 1992 die Amtsenthebung von Präsident Fernando Collor de Mello vorantrieb.

Die Millionen Menschen, die sich trotz ihrer Besorgnis angesichts der Gefahr mit solcher Kraft mobilisiert haben, wissen, dass sie Gründe haben, bis zum Schluss zu kämpfen, und glauben, dass ein Sieg noch möglich ist. Es ist dieser Wille, der bis zur Stichwahl am Sonntag, dem 25. Oktober, alles verändern kann.

Von der Jugendrebellion zur Massenmobilisierung

Es bestand die Möglichkeit, dass die Jugenddemonstrationen, die in der Nacht zum Montag, dem 5. Oktober, begannen, der Funke zur Entzündung der sozialen Basis der Linken sein könnten. Sie entstanden spontan und aus eigener Initiative. Keine der Gewerkschaften, Volksbewegungen oder politischen Organisationen der Linken hatte dazu aufgerufen. Sie entstanden von unten, als Reaktion auf die Ergebnisse des ersten Wahlgangs, in dem Flávio Bolsonaro einen Vorsprung vor Lula errungen hat.

Es war möglich, aber niemand konnte sich dessen sicher sein. Nicht selten spielen studentische "Aufstände" eine Vorreiterrolle in der Gesellschaft, verlieren dann aber an Schwung, bevor die breiten Massen auf den Plan treten. Diesmal war das nicht der Fall. Das Gefühl der Dringlichkeit angesichts der Gefahr brachte Millionen von Menschen in Bewegung.

Am Dienstag, dem 6. Oktober, rief die Nationale Studentenvereinigung (UNE) morgens zu einer landesweiten Aktion auf. Das Erwachen der neuen Generationen erfasste das ganze Land, und bereits am Abend desselben Tages besetzten Studierende der Presbyterianischen Mackenzie-Universität, einer privaten Hochschule in São Paulo, an der reaktionäre Kräfte eine lange Tradition haben, die Maria-Antônia-Straße, nachdem ihnen die Abhaltung einer Versammlung untersagt worden war. Der Ort ist wegen der Zusammenstöße zwischen linken Studierenden und rechten Gruppen während der Militärdiktatur im Jahr 1968 symbolträchtig.

Ab dem darauffolgenden Mittwoch erschütterte eine Jugendlawine das ganze Land. Doch das Spektakulärste kam erst danach, als die Mobilisierungen einen qualitativen Sprung machten. Arbeiter, Frauenorganisationen, LGBT-Gruppen, Black-Power-Bewegungen, Umweltschützer und Künstler traten auf den Plan, und alles nahm eine neue Dimension an.

Darauf zu setzen, dass der Funke der Studierendenbewegung große Massendemonstrationen entfachen könnte, erwies sich als die beste Taktik. Die Leitung von Lulas Wahlkampf erkannte, dass es notwendig war, die jungen Führungskräfte, die zu Bundesabgeordneten gewählt worden waren, an die Spitze zu bringen, und dass es entscheidend war, Lula über die sozialen Netzwerke wieder in direkten Kontakt mit der Bevölkerung zu bringen.

Die Reaktion des Wahlkampfs von Lula kam allerdings mit einer gewissen Verzögerung auf den Aufruf der Straße, wenn auch noch rechtzeitig, um die Dynamik des Widerstands zu nutzen und Lulas Anwesenheit in São Paulo sicherzustellen. Es war ein Fehler, seine Teilnahme in Rio de Janeiro am darauffolgenden Montag nicht zu gewährleisten.

Doch diese Unentschlossenheit schmälert nicht die Tatsache, dass die Kampagne einen beeindruckenden Sieg errungen hat. Wir erleben derzeit einen fieberhaften, linken Aktivismus in den sozialen Netzwerken. Diese Kraft, die die Straßen und die Netzwerke erobert hat, darf nicht verschwendet werden. Die letzten zehn Tage vor der Stichwahl könnten so viel wert sein wie ganze Jahre.

Die autoritäre Gefahr und die Verantwortung der Linken

Am Wochenende kam es zu einer beispiellosen Krise im Obersten Wahlgericht (TSE), der für die Überwachung der brasilianischen Wahlen zuständigen Behörde. Der Konflikt begann, als Kassio Nunes Marques, Präsident des TSE und ursprünglich von Jair Bolsonaro für den Obersten Bundesgerichtshof (STF) ernannter Richter, die Sperrung des WhatsApp-Kanals "Ejército de Lula" (Die Armee Lulas) anordnete, der vom Bundesabgeordneten André Janones verwaltet und zur Mobilisierung von Millionen von Anhängern des Präsidenten genutzt wurde.

Die Entscheidung erging nach einer Beschwerde des Wahlkampfteams von Flávio Bolsonaro, das dem WhatsApp-Kanal vorwarf, Falschmeldungen zu verbreiten. Die Beschwerde enthielt jedoch keine Beweise dafür, dass die beanstandeten Inhalte über diesen Kanal verbreitet worden waren. Der Generalwahlbeauftragte Ricardo Villas Bôas Cueva hob die Sperre auf, doch Nunes Marques ordnete erneut an, den Kanal zu sperren. Diese Abfolge widersprüchlicher Entscheidungen führte zu einem schweren Streit innerhalb des TSE selbst.

Ein solcher Machtmissbrauch zeigt, wie weit die autoritäre Gefahr bereits vor der Stichwahl reicht, und lässt erahnen, was auf uns zukommen könnte. Nunes Marques selbst weigerte sich, eine Untersuchung zu den mutmaßlichen Einmischungen von Donald Trump und den Manipulationen durch die großen Technologiekonzerne im Wahlprozess zu genehmigen.

Nicht weniger wichtig ist zudem die Haltung der liberalen Kreise der brasilianischen Bourgeoisie, die sich angesichts der Gefahr eines Sieges der Bolsonaristen dafür entschieden haben, sich herauszuhalten. Die großen kommerziellen Medien haben die Bedeutung der gigantischen Massenmobilisierungen zur Unterstützung Lulas heruntergespielt. Diese Gleichgültigkeit ist jedoch keine journalistische Neutralität, sondern ein politisches Kalkül mit Blick auf den Ausgang der Wahl: Man will eine Konfrontation mit dem Bolsonarismus vermeiden, um sich vor möglichen Repressalien zu schützen, sollte Flávio Bolsonaro an die Macht kommen.

Niemand mit auch nur einem Mindestmaß an Urteilsvermögen kann ignorieren, dass die Grundfesten der demokratischen Ordnung im Falle einer Niederlage Lulas und der Machtübernahme einer radikal ultrarechten Strömung unter der Führung einer faschistoiden Gruppierung bedroht wären. Aus diesen Ereignissen können wir nur dramatische Schlussfolgerungen ziehen. Die Linke trägt die Verantwortung, alle seit dem Ende der Diktatur errungenen wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften, einschließlich der demokratischen, zu verteidigen. Die herrschende Klasse, selbst jene Sektoren, die keine Bolsonaristen sind, hat sich angesichts der drohenden Katastrophe ergeben.

Wie sich die Lage letztendlich entwickeln wird, kann niemand vorhersagen. Doch auch wenn es sehr schwierig ist, hat sich gezeigt, dass es möglich ist, den Kurs der reaktionären Welle umzukehren. In diesen Tagen wird die Rolle der Wahlkampfleitung von Lula entscheidend sein. Es bleibt keine Zeit, Fehleinschätzungen zu korrigieren.

Der Schuldenerlass für einzelne Kleinstunternehmer, also kleine Selbstständige, die von einer vereinfachten Steuerregelung profitieren, war eine kluge Notmaßnahme. Nun gilt es auch, die neuen Vorwürfe über die Verbindungen des Unternehmers Daniel Vorcaro, einer zentralen Figur im Finanzskandal1 um die Banco Master, zu Persönlichkeiten des Bolsonarismus wie Nunes Marques zu nutzen.

Doch die größte Herausforderung bleibt bestehen. Es gilt, ehrlich und selbstkritisch ein mutiges Reformprogramm zu präsentieren: mehr Reformen, mehr Zukunft, mehr Hoffnung. Der Wahlkampf muss konsequent die katastrophalen Folgen eines Sieges der Bolsonaro-Anhänger anprangern, um die Ablehnung der extremen Rechten unter den Unentschlossenen zu verstärken.

Es gilt, alles geduldig zu erklären, im Fernsehen, in den sozialen Netzwerken und in alltäglichen Gesprächen. Dabei braucht es Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Zweifel und das Zögern dieser Bevölkerungsgruppen. Gleichzeitig muss eine mutige Wahlkampfstrategie die Mobilisierung durch große Massendemonstrationen aufrechterhalten. Ohne solche Initiativen wird es schwierig sein, die Wahlenthaltung in Lulas Wählerbasis zu verringern, die für den Wahlausgang entscheidend ist.

Das Unvorhersehbare quält uns, aber wir müssen bis zum Schluss kämpfen.

  • 1. Daniel Vorcaro, Gründer der Banco Master, steht im Zentrum eines Skandals wegen des mutmaßlichen Betrugs, der Geldwäsche und der Einflussnahme auf Justiz und Medien. Die Bank wurde Ende 2025 zwangsliquidiert. Gegen Flávio Bolsonaro wird im Zusammenhang mit finanziellen Verbindungen zu Vorcaro wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Korruption ermittelt.