(zas, 4.1.13) Eine Begebenheit, die sich am 11. Dezember 2012 zutrug,
verdient es, auch hier gewürdigt zu werden. Der britische Bankriese HSBC
erhielt von den US-Justizbehörden eine Busse von über $1.9 Mrd. Es handelte
sich um die höchste bisher ausgesprochene Busse, was in den Medien auch gross hervor
gestrichen wurde. So gross, dass meist der Grund der Busse etwas in den
Hintergrund trat. Natürlich sind weder das Bestaunen der Busse noch das Kleinschreiben
ihrer Gründe berechtigt.
Am 17. Juli 2012 veröffentlichte das
Permanent Subcommittee on
Investigations des US-Senats unter der Leitung von Carl Levin den Bericht „
U.S.
Vulnerabilities to Money Laundering, Drugs, and Terrorist Financing: HSBC Case
History“. Gleich auf den ersten Seiten ein netter Hammer: Die
HSBC-Niederlassungen haben es
„unterlassen, jährliche Banküberweisungen von
$60 Billionen zu überprüfen, von Kunden in Ländern, die von der HBUS
[US-Filiale der HSBC] als geringeres Risiko [für Geldwäscherei] klassifiziert
werden“ (S. 8). Och. $60 Billionen. (Doch, du hast richtig gelesen, auf
Amerikanisch
trillions),
ungefähr
die globale jährliche Wirtschaftsleistung. Aus Ländern mit „geringerem Risiko“
wie etwa Mexiko...
Dem Bericht zufolge hat die HSBC Gelder von mexikanischen Drogenkartellen
gewaschen; Geschäfte mit der saudischen Al Rajhi-Bank getätigt, die nach
Unterlagen der Senats-Subkommission und der von ihr konsultierten
US-Geheimdienste zum engen Finanzkreis der al-Kaida gehört; Umgehungsgeschäfte
für mit US-Sanktionen belegte Regierungen wie jenen von Kuba, Iran und dem
Sudan organisiert; russischen Mafiosi ihre schmutzigen Traveller Checks
gewaschen (eine halbe Million pro Tag) u.v.m. Systematisch, wie der Bericht
nachzeichnet, hat die HSBC dafür die gesetzlich bindenden Vorschriften gegen
Geldwäscherei ausser Kraft gesetzt.
Wie geht so was? Easy. Erst brauchst du eine Korrespondenzbank in den USA,
damit du dort Geld aus deinen Finanzinstituten in anderen Ländern waschen
kannst. Eine Korrespondenzbank in den USA ermöglicht dem ausländischen
Geldinstitut (im konkreten Fall oft den HBSC-Niederlassungen in anderen
Ländern) u. a., den Dollar-Zahlungsverkehr abzuwickeln, Wertpapiere in Dollars
einzulösen oder US-Banknoten in die oder aus den USA zu verschieben. Dafür hat
die HSBC ihre US-Niederlassung, die HBUS. Und dann, streue das institutionelle Wissen
um kriminelle Aktivitäten so auf deine verschiedenen Niederlassungen und
Abteilungen, dass daraus ein offizielles Unwissen wird. Vier Beispiele dazu:
1. Sigue Corporation
Die mexikanische HSBC-Filiale, die HBMX, zählte zu ihren Kunden die US-amerikanische
Sigue Corporation, darauf spezialisiert, Geld aus den USA nach Mexiko und
Lateinamerika zu überweisen. Diese Sigue schloss mit den US-Justizorganen im
Januar 2008 ein sogenanntes
deferred prosecution agreement ab (DPA,
Abkommen über ausgesetzte Strafverfolgung). Ein wunderbares Werkzeug der
US-Justiz, dieses DPA. Es kommt seit Jahren unweigerlich zum Einsatz, wenn eine
grössere Bank wegen Drogengeldwaschen oder anderen kriminellen Aktivitäten
Probleme bekommt. Der Deal besteht in einem Geständnis der Bank, nicht genug
gegen das Geldwaschen unternommen zu haben, dem Versprechen, sich in Zukunft zu
bessern und einer Busse statt eines Verfahrens – mit einer Probezeit von ein
paar Jahren. Sigue hatte allein von 2003 bis 2005
„Dutzende von Millionen
von verdächtigen Finanztransaktionen zugelassen“, auch von Fonds, die von
„Undercover-Mitgliedern
von US-Strafverfolgungsbehörden als Drogenhandelserlöse bezeichnet worden
waren“, zitiert die Subkommission aus dem DPA (S. 86). Well,
„Sigue gab
ihr Versagen bei der angemessenen Kontrolle ihrer Agenten zu“, werden wir
im folgenden Satz aufgeklärt.
Sigue hatte ein Konto bei ihrer mexikanischen Filiale HBMX und überwies über
deren Konto bei der HBUS allein von Januar bis Dezember 2007 $485 Mio. nach
Mexiko. HBMX führte 2008 nach einem Emailverkehr zwischen ihr und der Londoner
Zentrale ihre Geschäftsbeziehungen mit Sigue fort (trotz Berichten über die Narcogelder
der Sigue in spezialisierten Medien). HBUS begann erst nach einer Intervention
der US-Bankenaufsicht OCC (Office of the Comptroller of the Currency) ihre Sigue-Beziehungen
„abzuklären“, da sie, wie die Senats-Subkommission einfühlsam mitteilt,
„vom
Informationsaustausch zwischen HSBC Group [in London] und HBMX nichts wusste“
(S. 88). 2010 stellte das OCC, fest, dass HBUS weiter mit Sigue geschäftete. Diese
und andere Narcoverstrickungen der HBSC
„zeigen“, so die Subkommission,
„ein
Fehlen regelmässiger Informationsvermittlung und koordinierter Massnahmen gegen
die Geldwäscherei zwischen HBUS und HBMX, um gemeinsame Probleme der Bekämpfung
der Geldwäscherei anzugehen“ (S. 91).
2. Puebla-Wechselstube
HBMX/HBUS hatten auch eine Geschäftsverbindung mit der ominösen Wechselstube
Puebla, die im Fall der Wells Fargo/Wachovia-Bank als Finanzorgan des
Sinaloa-Kartells bekannt wurde. Wachovia/Wells Fargo hatte $378.4 Mrd. von
Puebla ohne die minimalsten gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen gegen
Geldwäscherei bezogen, in vier Jahren bis 2007. Der Betrag entsprach fast einem
Drittel des mexikanischen BIP von 2007. Wachovia, die durchgehend eine
beachtliche kriminelle Energie an den Tag gelegt hatte, war selbstredend in den
Genuss der PDA-Behandlung gekommen (
Wall
Street: too big to fail im Drogenhandel, Correos 163, September 2010). Ihr Puebla-Konto
war im Mai 2007 beschlagnahmt worden. HBMX aber schloss ihr eigenes Puebla-Konto
erst, als im November 2007 die mexikanische Staatsanwaltschaft mit seiner
Beschlagnahmung drohte. Die Zeit nutzten HBMX und Puebla, um noch $7.5 Mio. aus
dem Wachovia-Konto der Puebla ins Trockene zu bringen. Zwar hatte HBUS ihr
Puebla-Konto noch im Mai 2007, gleich nach dem Auffliegen der Wachovia-Deals,
suspendiert, unterliess es aber, wie sich Jack Lang, HBUS-Chef für
Geldwäschereifragen, ausdrückte, HBMX von der
„DEA-Beschlagnahmung oder der
Wachovia-Schliessung der Puebla-Konti“ oder der Suspendierung des
HBUS-Puebla-Kontos zu informieren (Senatsbericht, S. 82). Was also konnte HBMX
dafür, dass das Sinaloa-Kartell ihre Dienste noch für ein paar Monate in
Anspruch nahm?
3. Cayman Islands
Im Steuerparadies der Cayman Islands betrieb HBMX eine Briefkastenfirma mit
zehntausenden von Dollarkonten, die sie über ihr Korrespondenzkonto bei der
HBUS abwickelte. Von 15 Prozent der KontoinhaberInnen hatte HBMX gleich gar
keine Identifzierungsangaben. Während Jahren drückten sich HBMX und die
Londoner Zentrale um die Implementierung von Antigeldwasch-Praktiken, die ein
reformiertes mexikanisches Gesetz für Offshore-Konti vorschrieb. Dies
ermöglichte z.B. den Kauf von Narco-Flugzeugen bei der Cabello Air Fright Inc.,
domiziliert natürlich in Miami (auch dies eine Parallele zum Wachovia-Fall).
„Die
Dokumente und andere vom Subkomitee geprüfte Unterlagen enthalten bis vor
kurzem keinen Hinweis darauf, dass HBMX je HBUS über ihren Cayman-Zweig oder
die über die Korrespondenzkonti der HBMX bei der HBUS abgewickelten
Cayman-Konti in US-Dollars informiert hätte“ (S. 92). Sehr zum Frommen etwa
jener Steuerflüchtlinge, die ihr Geld via Cayman Islands vor „repressivem“
Staatszugriff schützten. Waren Leaming, Vizechef der HSBC Group Compliance,
hatte dafür volles Verständnis:
„Da das mexikanische Steuersystem relativ
abschreckend ist (weltweites Einkommen), existiert eine grosse Nachfrage nach
Offshore-Produkten“ (S. 94). Der Seelentherapeut steuerte diese Weisheit im
Kontext der Vermeidung der Anpassung der Cayman-Konti an das mexikanische
Gesetz bei.
4. Unbewusste Banknoten
HBUS brillierte im Banknoten-Business, in dem sie, eng mit der US-Notenbank
Fed verbunden, physische Dollarnoten von ausländischen Finanzinstituten
akzeptierte oder diese damit versorgte. Pro Jahr waren das $300 Mrd. So
transportierte HBMX in den Jahren 2007 und 2008 mit $7 Mrd. mehr Dollarnoten in
die USA (zur HBUS) als jede andere Bank in Mexiko, obwohl sie lang nicht die
grösste war. Glücklicherweise hatte HBUS 2007 Mexiko als Land mit „geringem Risiko“
für Geldwäscherei eingestuft und so den Notenfluss erleichtert. Die erste
diesbezügliche Warnung des mexikanischen Staates an die HBMX erfolgte laut dem Senats-Subkomitee
schon im Februar 2007. In drei Jahren (2006-2009) akzeptierte HBUS Cash im Wert
von $15 Mrd. von anderen HSBC-Filialen, ohne die einschlägigen Bestimmungen
gegen die Geldwäscherei zu beachten.
Denn
irgendwie hat das mit dem Infoaustausch wieder (nicht) geklappt:
„Die
Dokumente zeigen, dass sich sowohl HBMX wie auch HBUS der Dollarflut nicht
bewusst waren, die HBMX via HBUS in die United States einführte, teilweise,
weil HBUS für eine Dreijahresperiode von Mitte 2006 bis Mitte 2009 aufgehört
hatte, die Banknoten-Konti [Cash-Konti] der HSBC-Filialen zu überprüfen … Als
2008 mexikanische und US-Regulatoren anfingen, Druck auf sowohl HBMX wie auch
HBUS auszuüben, damit diese den riesigen US-Dollarstrom aus Mexiko erklären
sollten und auch, ob darunter auch illegale Drogeneinnahmen wären, waren beide
Banken überrascht“ (S. 105).
Wie gesagt, Beispiele für die Herstellung organisierten Unwissens. Im
Senatbericht wimmelt es davon.
Das Paukenschläglein
Dann also, am 11. Dezember 2012, das, was die einschlägigen Medien als
Paukenschlag des US-Justizministeriums darstellten: das
deferred prosecution
agreement mit der HSBC. Der Chef der Kriminalabteilung des Ministeriums,
Lanny A. Breuer,
sagte
an diesem Tag:
„Von 2006 bis 2010 wuschen das Sinaloa-Kartell von Mexiko,
das Valle-Kartell von Kolumbien und andere Drogenhändler mindestens $881 Mio. Einnahmen
aus dem illegalen Drogenhandel via die HSBC Bank USA. Diese Händler mussten
sich dafür keine grosse Mühe geben. Sie pflegten manchmal an einem einzelnen
Tag Hunderttausende von Dollars in Cash auf ein einzelnes Konto einzuzahlen und
benutzten dafür Schachteln, die exakt auf die Grösse der Schalterfenster in den
Niederlassungen von HSBC Mexiko zugeschnitten waren. Insgesamt verfehlte es
HSBC Bank USA, $670 Mrd. Transfers von HSBC Mexiko zwischen 2006 und 2009 zu
prüfen“.
 |
| Justiz in A(u)ktion |
Im
Kommuniqué
des Justizministeriums vom selben Tag ist vor allem davon die Rede, wie
toll die Justiz funktioniere. Man sucht hier wie im Statement von Breuer
vergebens nach Angaben wie jener über die $60 Billionen „ungeprüfter“ HSBC-Banküberweisungen
im Jahr oder nach einem Wort zu den HSBC-Deals mit den mutmasslichen al
Kaida-Financiers. Platz darf dafür die Umgehung der US-Sanktionen gegen
unbotmässige Regierungen einnehmen. Für Breuers Stellvertreterin Loretta Lynch
„macht
das historische Abkommen von heute, das die grösste je in einer Geldwäscherei-Untersuchung
Busse ausspricht, klar, dass alle UnternehmensbürgerInnen, unabhängig von ihrer
Grösse, für ihre Aktionen zur Rechenschaft gezogen werden müssen“. (Das mit
den „UnternehmesbürgerInnen“ bezieht sich auf die noble Sichtweise der
US-Justiz, wonach Unternehmen über die gleichen individuellen Rechte verfügen
wie die BürgerInnen. Deshalb darf ihr Meinungsäusserungsrecht etwa nicht mit
Limiten auf ihre geheimen Wahlkampfspenden beeinträchtigt werden.)
Queens-Bezirksstaatsanwalt Richard A. Brown verstieg sich zur Behauptung:
„Kein
Unternehmen sollte sich als zu gross dafür halten, den Folgen aus der Beihilfe
an internationale Drogenkartelle zu entgehen.“
Da wiehern die Hühner. Das Abkommen über die für eine Probezeit von 5 Jahren
„ausgesetzte“ Strafverfolgung beinhaltet genau das Gegenteil. Niemand vom Kader
ist auch nur für eine Minute eingesperrt worden, kein einziges Privatkonto der
Verantwortlichen wird beschlagnahmt, die HSBC als solche wird nicht angerührt.
Aber halt, da ist doch diese gigantische Busse/Beschlagnahmung, die „unsere“ JournalistInnen
in ehrfürchtiges Staunen versetzt! Sie beträgt leicht mehr als einen
durchschnittlichen Monatsgewinn des HSBC-Jahresgewinns von 2011 in der Höhe von
$21.9 Mrd. Und dürfte nur einen kleinen Bruchteils der HSBC-Gewinne aus ihren
illegalen Geschäftspraktiken darstellen. Die „New York Times“ bemerkte im Editorial
vom 11. Dezember (
Too
big to indict) dazu:
„Aber auch grosse Finanzvergleiche sind klein im
Vergleich zur Grösse wichtiger internationaler Banken. Wichtiger noch, sobald
juristische Konsequenzen als off limits gelten, werden Bussen und
Beschlagnahmungen nur zu weiteren Unternehmenskosten, ein auf dem Weg zum
Gewinn einzuberechnender Risikofaktor.“
Diese besseren Abschreibungsgebühren sind explizit darauf angelegt, dass sie
nicht wehtun. Der „Guardian“
berichtete
am 11. Dezember 2012, an der Pressekonferenz des US-Justizministeriums sei Assistenz-Justizminister
Breuer mit der Frage bedrängt worden, warum die HSBC-Verantwortlichen straffrei
ausgingen.
Das Department habe, so
zitiert das Blatt Breuer,
„kollaterale Schäden“ einer allfälligen Strafverfolgung oder
eines
Lizenzstopps für HSBC beachten
müssen.
„Hier und heute müssen wir einbeziehen, dass Unschuldige sehr grosse
Folgen tragen, wenn man eine Entscheidung trifft … Ich denke, niemand sagt,
HSBC war der Drahtzieher beim Schema“, meinte Breuer, sondern ihre
„unglaublich
laxen“ Überprüfungen seien zu beanstanden. Die alte Erpressungsformel
too
big to fail, ergänzt mit dem
too big to jail, wie das die NYT in
ihrem Editorial sagte. (Aus dem Bericht der Senats-Subkommission lässt sich im
Übrigen ersehen, wie die HSBC
ihre
„unglaublich laxen“ Kontrollmethoden gegen alle Anfechtungen von innerhalb und
ausserhalb ihrer Reihen über die Jahre aufrecht gehalten hat.)
Seltsame Welt
„Eine Anklage wegen Geldwäscherei oder ein Schuldbekenntnis würde
faktisch das Todesurteil für die Bank darstellen. So etwas könnte die Bank von
gewissen Investoren wie Pensionsfonds abschneiden und sie letztlich die
Operationslizenz in den USA kosten, sagten RegierungsfunktionärInnen“. So
die NYT in einem
Artikel
vom 10.12.12. Wir wissen jetzt, was es mit Breuers „Unschuldigen“ auf sich hat.
Selbst in seiner per DPA „abgemildeter“ Form sträuben sich in Washington bei
der Vorstellung dieses Horrorszenarios die Haare. Der gleiche NYT-Artikel weiss
denn auch über die Vorgeschichte des DPA:
„Laut zur Sache befragten
Funktionären haben Funktionäre des Finanzministeriums und Regulatoren der
Federal Reserve und des Office of the
Comptroller of the Currency trotz des vom Justizministerium vorgeschlagenen
Kompromiss auf mögliche Probleme mit einer aggressiven Vorgehensweise
hingewiesen. Die Regulatoren haben, vom US-Justizdepartment um ihre Meinung
gefragt, warnend auf Auswirkungen in der breiten wirtschaft hingewiesen.“
Straffreiheit ist nicht genug, besser wäre, man hätte nie etwas gesagt. Nur
in diesem internen Diskussionszusammenhang macht eine doch unglaubliche Passage
im Communiqué des Justizministeriums Sinn. Sie besagt, die HSBC sei
„einverstanden
ist, die Boni-Konmpensation für ihre wichtigsten Kader während der
5-Jahresperiode des DPA teilweise aufzuschieben.“ Man erbleicht vor Justitia: fünf Jahre lang
einen Teilaufschub! Es ist eine Art Freud’scher Fehler des Ministeriums, der uns
einen Blick auf die eigenartige, reale Welt zwischen
big bank und
imperialer Regierung ermöglicht.
60-100'000 Tote im US-„Drogenkrieg“ in Mexiko, die unzähligen Ermordeten im
globalen Krieg gegen den „fundamentalistischen Terrorismus“ – ein Klacks, wenn
droht, dass Pensionsfonds nicht mehr in die Bank investieren. Im Operationsmodus
der Terrorökonomie (und ihrer Justiz) würde ein solcher Wettbewerbsnachteil als
Wirtschaftskrise auf „Unschuldige“ abgewälzt.
Der falsche Staatsanwalt
Zu wenig beachtet wird ein Bericht, auf den mich ein HSBC-Artikel von
Tom
Burghardt gebracht hat. In
U.S.
probe of HSBC tangled up in bureaucracy, infighting vom 26.9.12 schreiben
die Reuters-Jornalisten Carrick Mollenkamp und Brett Wood, wie in 2010
Staatsanwalt William Ihlenfeld, Staatsanwalt in West Virginia, ein Verfahren
gegen HSBC wegen 175 fällen von Geldwäscherei einleiten wollte. Ausgangspunkt
dieser Untersuchung war laut Reuters „
der Gebrauch von HSBC-Konti durch
einen Arzt, um an einen Medicare-Betrug gekoppelte $3 Mio. zu transferieren (…)
Aber als die Behörden genauer hinschauten, erkannten sie, dass dieser Fall
bloss ‚die Spitze des Eisbergs’ war, wie Ihlenfeld schrieb.“ Der Bericht,
der das Ganze in Begriffen von Zuständigkeitsgerangel verschiedener Zweige der
Strafverfolgungsbehörden beschreibt, enthält trotz dieser möglichen
Entsorgungstaktik interessante Hinweise auf die „Arbeitsweise“ anderer,
direkter mit dem Justizministerium koordinierter Untersuchungsorgane wie der
Staatsanwaltschaft von New York City. Reuters:
„In einer scharfen Bemerkung an
die Adresse der Brooklyn-Untersuchungsorgane schrieb Ihlenfeld, dass sie nicht
realisiert hatten, dass HSBC ein Verarbeitungszentrum für grosse
Cash-Lieferungen ein paar Schritt entfernt von ihren Büros betrieb, bis sie von
den KollegInnen aus West-Virginia bei einem Vermittlungsgespräch darauf
hingewiesen wurden“.
Während Ihlenfeld seit mindestens Dezember 2008 am Fall dran war,
„schrieb
der Top-Staatsanwalt von Brooklyn am 24. März 2010, dass ihre Untersuchung
‚soeben beginne’. Anyway, Ihlenfeld wurde aus den Untersuchungen, die Lanny
Breuer auf sein Team konzentrierte, rausgeworfen. Seine Anklage gegen HBSC
wegen Geldwäscherei wurde nie erhoben.
al Kaida-Connection?
Der Senatsbericht hatte neben der Narco-Connection und den
Umgehungsgeschäften von US-Sanktionen einen weiteren Schwerpunkt: das
Banknoten-Geschäft der HSBC mit der saudischen al Rajhi-Bank und zwei
Finanzinstituten in Bangladesh, die zum inneren Kreis der al Kaida-Finanzzirkel
gehören sollen. Die USA hatten das saudische Institut kurz nach 9/11 auf eine
schwarze Liste gestellt. HSBC hatte dieses Business trotz auch interner
Warnungen vor möglicher al Kaida-Verwicklung jahrelang am Laufen gehalten.
Interessanterweise verliert das Justizministerium darüber kein Wort, sicher
nicht in seinen Communiqués und Stellungsnahmen, vermutlich auch nicht im DPA selbst.
Das ist nicht ganz klar, da davon nur
ein
Teil ins Netz gestellt wurde. Etwas überraschend für eine Administration,
die sonst nicht müde wird, den islamistischen Teufel an die Wand zu malen bzw.
als Anlass für immer mehr Kriege in verschiedenen Kontinenten zu nehmen. Ich
hoffe, demnächst eine kompetente Analyse zu diesem Bereich lesen zu können.
Offene Fragen
Der federführende Mann im Justizdepartment, Lanny A. Breuer, begründete sein
„sanftes“ Vorgehen bzgl. HSBC mit der Aussage:
„HSBC war ein wichtiger
Player“ beim Drogengeldwaschen,
„aber sie sind nicht das Sinaloa-Kartell“
(
Guardian,
11.12.12). Das ist richtig. Beide sind Teil des realen Narco-Netzwerkes.
Natürlich sind die Verschwörungsvorstellungen vom Hintermann in der
Bankzentrale oder im Geheimdienst, der den globalen Drogendeal leitet, falsch.
Und natürlich sind Bankzentralen, Geheimdienste und Kartelle aufs Engste
miteinander verbunden. Sie funktionieren kapitalrational, mörderisch,
kriegstreibend. Diese Logiken wären ins Zentrum der Debatte zu stellen, anhand
der konkreten Dynamik des Staatsterrorismus und der an paramilitärische
Warlordsformationen erinnernden Kartelle in vielen Ländern z.B. Lateinamerikas
und der Karibik.
 |
| Bank, Kartell - what's the difference? |
Ein interessanter Umstand anlässlich der Abwicklung der HSBC-„Affaire“ ist,
dass die prinzipielle Straffreiheit für
global players, wie sie die
Serienverfertigung von DPAs darstellt, auf soviel Unmut stösst, dass sie an
Pressekonferenzen des Justizministeriums oder in der „New York Times“ geäussert
wird. Ob dies am
business as usual etwas ändern wird, ob ein
verfeinertes Management für derartige „delikate“ Bereiche eingeführt werden
muss, ist offen.
PS 1:
Zur Gründungsgeschichte von HSBC bringt
Wikileaks
einen Hinweis auf den ersten Opiumkrieg des britischen Empire gegen China:
„Nachdem
die Briten Hongkong im Gefolge des Ersten Opiumkriegs als Kolonie etabliert
hatten, verspürten lokale Händler [gemeint des Empire] das Bedürfnis, nach
einer Bank, um den wachsenden Handel zwischen China und Europa (zu dessen Waren
auch das Opium zählte) zu finanzieren. Sie gründeten die Hongkong and Shanghai
Banking Corporation (1865).“ Anlass für die beiden als Opiumkriege bekannt
gewordenen britischen Kolonialisierungsoffensiven gegen China war das Vorgehen
der dortigen Behörden gegen die aus Europa eingeschleppte „Mode“, Opium mit
Tabak zu konsumieren. Der Freihandel ging vor:
Aufgrund der Massenimporte von Seide und Tee bedurfte die britische
Handelsbilanz dringend der Defizitneutralisierung durch den von der East Indian
Company kontrollierten Handel von Opium nach China. Ein Angestellter der
Company hatte früher schon ein Standardwerk für den Freihandel geschrieben:
„Der Reichtum der Nationen“. Er hiess Adam Smith.
So wie die HSCB als Bank für den
Opiumhandel der East Indian Company fungierte, so dürfte sie bis heute der
wirtschaftsheoretischen Fundierung auch des Drogenfreihandels verpflichtet
sein.
PS 2:
Der CEO der HSBC von 2003 bis 2006 hiess Stephen Green. Danach war er
VR-Präsident. Heute ist er Handelsminister der Regierung Cameron.
Korrektur-Nachtrag:
Das Justizministerium hat, anders als oben dargelegt, in seinem DPA eine Gesamtsumme der elektronischen Geldüberweisungen ohne Kontrollmechanismen der HSBC angegeben. Im Statement
of Facts, dem Anhang A des ansonsten nicht ins Netz gestellten PDA, gibt HSBC Folgendes zu: „Unterlassung, über $200 Billionen elektronischer Überweisungen von
2006 bis 2009, adäquat zu kontrollieren“ (S. 4).