«Lasst uns geduldig warten», schrieb der Oberst

Montag, 5. Februar 2024

(zas, 4.2.24) Vor rund zwei Monaten berichteten Medien kurz über die «Späherinnen», junge, in Armeeaussenposten an der Gaza-Grenze stationierte israelische Soldatinnen, deren Aufgabe darin besteht, stundenlang die Aufnahmen von auf die palästinensische Seite der Grenze gerichteten Armeebeobachtungskameras auf irgendwelche ungewöhnlichen Vorgänge zu mustern. Wir erfuhren kurz, dass die Späherinnen vergeblich vor beunruhigenden Vorgängen gewarnt hatten.

Etwas mehr berichtete die Haaretz im Artikel «Israel’s Deadly Complacency Wasn’t Just an Intelligence Failure» vom 11. November 2023. Dessen Autor ist Uri Bar-Joseph, Unidozent, Geheimdienstspezialist und Mitglieder von «Breaking the Silence», der oppositionellen Organisation ehemaliger israelischer Militärangehöriger. Beigetragen zum «Geheimdienstversagen» habe, dass die Hamas wegen der Abhörgefahr elektronische Datenübermittlungen vermieden habe, «verstärkt durch den unbegreiflichen Entscheid vor ca. einem Jahr, auf das Abhören unverschlüsselter persönlicher Walkie-Talkies, die Hamas-Aktivisten regelmässig benutzen, zu verzichten». Hinzu komme die Bestrebung Netanyahus, die Hamas in Gaza ungenügend zu bekämpfen, da sie faktisch eine Zweistaatenlösung verhindere, kombiniert mit der «Politik der Zurückhaltung» der Hamas, «auch mit dem Ziel, Israel in Selbstzufriedenheit einzulullen».

 

«Schwer zu glauben»

Aber der Angriff habe eine aufwendige Vorbereitung gebrauch. So habe sie laut der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim vier Jahre gedauert. Hamas-Kämpfer hatten am 7. Oktober Dokumente und genaue Angriffspläne auf Kibbutzim und Militärposten dabei, die eine präzise Planung und Kommandostruktur aufzeigen. Bar-Joseph schreibt: «All das musste hunderten von Hamas-Mitgliedern bekannt gewesen sein. Es ist schwer zu glauben, dass die hochqualifizierten Beobachtungsinstanzen des Shin Bet und der Militärgeheimdienst im Gazastreifen davon nichts mitbekommen haben.» Vermutlich seien aber entsprechende Erkenntnisse «im Konzept, die Hamas sei abgeschreckt, gefiltert worden (…) Allerdings waren Hinweise, dass dieses Konzept nicht gelte, teilweise für alle sichtbar. Die CNN berichtete am 12. Oktober, dass Hamas-Kämpfer vor dem Angriff wiederholt offen geübt haben. Der Sender strahlte ein Video von Dezember 2022 aus, in dem Hamas-Männer zu sehen sind, wie sie für die Einnahme einer Community üben und dafür ein Modell in voller Grösse nahe des nördlichen Erez-Grenzübergangs zu Gaza benutzten. Ähnliche lebensgrosse Modelle wurden auch im Zentrum und Süden von Gaza gebaut. Die CNN brachte weitere Clips, die den Einsatz motorisierter Gleitschirmspringer beim Angriff aus der Luft zeigen.»   

 

«Hirngespinste»

Der Autor fährt weiter:

«Menachem Gida und 26 seiner Freunde, die in den Gemeinden der Region leben und eine WhatsApp-Gruppe mit dem Namen Field Security Operational Monitor gegründet haben, hörten über Jahre hinweg den Funkverkehr der Hamas ab. Immer wieder hörten sie, wie die Kampftruppen der Organisation das Durchbrechen des Zauns übten und vom Meer her ankamen, um Kibbuzim wie Zikim, Netiv Ha'asara und Nir Oz zu erobern, Geiseln zu nehmen und alles zu zerstören, was ihnen im Weg stand. Die Gruppe begriff die Bedeutung der täglichen Übungen als Vorbereitung auf echte Operationen und gab alle Informationen an die IDF weiter. Die Armeeangehörigen, mit denen sie in Kontakt standen, waren weniger beunruhigt – ‘Hirngespinste’ nannten sie das Gerede über die Vorbereitungen zur Einnahme von Gebieten in Israel. Schliesslich schränkte die Armee im April letzten Jahres die Möglichkeiten der Gruppe ein, den Funkverkehr der Hamas zu überwachen. Trotzdem stellte die Gruppe eine Intensivierung des Trainings fest, und diese Information wurde einige Tage vor dem Anschlag von Kan 11, dem öffentlich-rechtlichen Sender, gemeldet.» Ein Kan 11-Journalist berichtete am 3. Oktober auf X: «Die Organisation Islamischer Dschihad hat eine laute Übung ganz in der Nähe der Grenze gestartet, einschliesslich Raketenabschüsse, Einbruch in Israel und Entführung von Soldaten. Dedi Peled, ein Einwohner von Netiv Ha'Asara: ‘Das war deutlich näher als früher (…), es gibt Explosionen. Es ist nicht wie bei früheren Übungen.’»

 

Die Späherinnen wussten Bescheid

Solche Entwicklungen hatten auch die Späherinnen registriert. So etwa Yael Rothenberg, die ihrem Vorgesetzten berichtete, Hamas-Männer mit Landkarten gesehen zu haben, «die Schritte abzählten, dort was gruben». Ähnlich, so Bar-Joseph, «wurde in den Berichten der Späherinnen am Suezkanal genau 50 Jahre zuvor auf ägyptische Offiziere verwiesen, die auf der anderen Seite des Kanals mit Karten standen und den Angriff[1] planten. Damals wies das MI die Bedeutung der Berichte zurück und behauptete, es handele sich um ägyptische Übungen; diesmal behaupteten sie, die von den Späherinnen entdeckten Grabungen seien Farmarbeit». Der Schreiber resümiert: «Den Späherinnen war klar, dass ein Überfall unmittelbar bevorstand; sie diskutierten untereinander, wo und in welchem Sektor er stattfinden würde.» Doch auch diese Warnungen zerschellten an der «Gewissheit, dass Hamas abgeschreckt» sei und damit die Warnungen gegenstandslos seien. Deshalb sei auch von der  Wiederaufnahme von Flügen der Spionageballonen über Gaza abgesehen worden.

Eine Späherin. Bild: Haaretz

Auf eine andere Erklärung als die der Fehleinschätzung des Kampfwillens der Hamas kommt Yaniv Kubonich in «The Women Soldiers Who Warned of a Pending Hamas Attack – and Were Ignored» (Haaretz, 20. 11. 23) zurück – den Sexismus. Zu Beginn erfahren wir, dass die Späherin Mai (Pseudonym), die den 7. Oktober in einer grenznahen Armeebase in einem Operationsraum, «bewaffnet mit einem Handy», überlebt hatte[2], am 10. Oktober einen Anruf der Armeepersonalstelle erhielt: Wenn sie nicht auf ihren Posten zurückkehre, gelte dies als unentschuldigte Abwesenheit und ziehe Gefängnis bis zu 10 Jahren nach sich. Wie andere ihrer traumatisierten Kolleginnen, von denen einige in Behandlung sind, reagierte sie nicht. Nach weiteren Drohungen Mitte November kehrten einige in die Base Nahal Oz zurück. Eine Späherin dazu: "Es ist wichtig, klarzustellen, dass wir nur wegen unserer Freundinnen zurückkehren, die ermordet oder entführt wurden, und nicht wegen all derer, die uns dort im Stich gelassen haben.» Die Späherinnen seien nicht sonderlich überrascht, da ihre detaillierten Berichte zu Hamas-Vorbereitungen in «einem IDF-Ohr rein- und im anderen wieder raus» gegangen seien (…) Die Späherinnen glauben, dass die Hamas eigentlich ziemlich nachlässig war: Sie hat nicht versucht, etwas zu verbergen, und ihre Aktionen waren offenkundig. Doch während dieser Zeit weigerten sich hochrangige Offiziere in der Gaza-Division und im Südkommando der IDF, auf ihre Warnungen zu hören.» Eine von ihnen erklärte: «Es besteht kein Zweifel, dass die Dinge anders aussehen würden, wenn Männer an den Bildschirmen gesessen hätten».

Der Artikel beschreibt weitere Momente von konkreten, aber vergeblichen Warnungen der Späherinnen, wie etwa jene, die Ilana erwähnt: «In den letzten zwei Monaten begannen sie, jeden Tag Drohnen einzusetzen, das kam immer näher an die Grenze, manchmal weniger als 300 Meter. Und anderthalb Monate vor dem Krieg sahen wir, dass sie eine exakte Replik eines bewaffneten Beobachungsposten wie des unseren errichtet hatten. Sie begannen dort, mit Drohnen den Angriff darauf zu üben (…) Wir schrien unsere Kommandanten an, dass sie uns ernster nehmen müssen, dass sich dort etwas Schlimmes anbahnt. Wir verstanden, dass sie einen Angriff auf uns übten.» Der Journalist weiter: «Und am Schwarzen Samstag, als sie sahen, wie die Drohnen eine Beobachtungstation nach der anderen in die Luft jagten, wussten die Späherinnen Bescheid: ‘Vom ersten Moment des Angriffs an wussten wir: Genau das hatten sie in den letzten anderthalb Monaten trainiert’.» Die Späherinnen hatten auch observiert, wie Hamas die Schwächen der Überwachungskameras systematisch erfasste oder auf ihrem Trainingsgelände «ein genaues Modell der Grenzgegend» aufgebaut hatte: «Sie planten wirklich alles bis ins letzte Detail. Wer heute sagt, es war unvermeidbar oder unvorhersehbar, lügt.» Eine Späherin von der Nahal Oz-Base war am 7. Oktober zuhause und sagt: «Sobald ich schnallte, dass eine grosse Infiltration am Laufen war, sagte ich meiner Familie: ‘Das ist ein Hamas-Angriff, sie werden Soldaten kidnappen und in Wohngegenden angreifen’. Ich sagte ihnen sogar, dass sie auf jeden Fall mit Gleitschirmen kämen. Sie schauten mich an, als wäre ich verrückt. Ich fing an zu schreien, dass wir wussten, dass sich was tue, aber niemand hörte auf uns.»

 

Die Führung kannte den Hamas-Plan

Die israelischen Armee- und Geheimdienstführungen hatten schon über ein Jahr Kenntnis vom Hamas-Angriffsplan. Das wissen wir dank des New York Times-Artikels Israel Knew Hamas Attack Plan More than a Year Ago vom 30. 11. 24.

Der Artikel beginnt so:

«Aus Dokumenten, E-Mails und Interviews geht hervor, dass israelische Beamte den Schlachtplan der Hamas für den Terroranschlag vom 7. Oktober mehr als ein Jahr vor der Tat erhielten. Doch israelische Militär- und Geheimdienstbeamte taten den Plan als ambitiös ab und hielten seine Ausführung für zu schwierig für die Hamas. Das etwa 40-seitige Dokument, das von den israelischen Behörden mit dem Codenamen ‘Jericho Wall’ versehen wurde, skizzierte Punkt für Punkt genau die Art der verheerenden Invasion, die zum Tod von etwa 1’200 Menschen führte. Das übersetzte Dokument, das von der New York Times eingesehen wurde, nannte kein Datum für den Angriff, sondern beschrieb einen methodischen Angriff, der darauf abzielte, die Befestigungen um den Gazastreifen zu überwältigen, israelische Städte einzunehmen und wichtige Militärstützpunkte zu stürmen, darunter ein Divisionshauptquartier. Die Hamas folgte dem Plan mit schockierender Präzision. Das Dokument sah einen Raketenbeschuss zu Beginn des Angriffs vor, Drohnen, die die Sicherheitskameras und automatischen Maschinengewehre entlang der Grenze ausschalten sollten, und Bewaffnete, die in Massen mit Gleitschirmen, auf Motorrädern und zu Fuss nach Israel eindringen sollten - all das geschah am 7. Oktober.»

«Im Juli, nur drei Monate vor den Anschlägen, warnte eine erfahrene Analystin der Einheit 8200, des auf elektronische Spionage spezialisierten israelischen Armeedienstes, dass die Hamas eine intensive, eintägige Trainingsübung durchgeführt hatte, die dem Plan zu ähneln schien. Aber ein Oberst in der Gaza-Division wies ihre Bedenken zurück, wie aus verschlüsselten E-Mails hervorgeht, die die Times einsehen konnte.  ‘Ich weise entschieden zurück, dass das Szenario imaginär ist’, schrieb die Analystin in dem E-Mail-Verkehr. Die Hamas-Übung entspreche voll und ganz ‘dem Inhalt der Jericho-Mauer’, so die Analystin. ‘Es ist ein Plan, der darauf abzielt, einen Krieg zu beginnen’, fügte sie hinzu. ‘Es handelt sich nicht nur um einen Überfall auf ein Dorf’.»

Die Times weiter: «Offizielle Stellen räumen ein, dass Israel die Angriffe hätte abschwächen oder möglicherweise sogar verhindern können, wenn das Militär diese Warnungen ernst genommen und erhebliche Verstärkungen in den Süden umgeleitet hätte, wo die Hamas angriff (…) Das Dokument über die Mauer von Jericho legt eine jahrelange Kaskade von Fehltritten offen (…) All diesen Fehlern lag ein einziger, fatal falscher Glaube zugrunde, dass die Hamas nicht in der Lage sei, anzugreifen, und es auch nicht wagen würde, dies zu tun.»

«Das israelische Militär und der israelische Sicherheitsdienst, der für die Terrorismusbekämpfung in Gaza zuständig ist, lehnten eine Stellungnahme ab. Die Beamten wollten nicht sagen, wie sie in den Besitz des Dokuments über die Jericho-Mauer kamen, aber es war eine von mehreren Versionen von Angriffsplänen, die im Laufe der Jahre gesammelt wurden. In einem Memorandum des Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 2016, das die Times einsehen konnte, heisst es beispielsweise: ‘Die Hamas beabsichtigt, die nächste Konfrontation auf israelisches Gebiet zu verlegen.’ Ein solcher Angriff würde höchstwahrscheinlich eine Geiselnahme und ‘die Besetzung einer israelischen Gemeinde (oder vielleicht sogar mehrerer Gemeinden)’ beinhalten, heisst es in dem Memo.»

Also: Die Sicherheitsapparate hatten seit über einem Jahr eine detaillierte Hamas-Blaupause für den Angriff; es gab die immer und immer wiederkehrenden, auch in Geheimdienstkreisen bekannten Warnungen der Späherinnen, ihre Kameraaufnahmen und die sehr präsente Erinnerung an die Missachtung der Späherinnen im Yom Kippur-Krieg von 1973; das Beharren einer erfahrenen Analystin auf der drohenden Gefahr; «wachsende Beweise» (Times), die den Ernst dieser Warnungen unterstrichen; das Memo des Verteidigungsministeriums von 2016, das vor einem Grossangriff auf israelischem Gebiet warnte – aber warum deswegen unruhig werden? Denn, so die Times weiter:

«Die Kühnheit des Plans, so die Offiziellen, machte es leicht, ihn zu unterschätzen. Alle Militärs schreiben Pläne, die sie nie umsetzen, und israelische Beamte schätzten, dass die Hamas, selbst wenn sie einmarschieren würde, nur ein paar Dutzend Soldaten aufbieten könnte und nicht die Hunderte, die schließlich angriffen.» Ach so! Irren ist menschlich. Aber warum lesen wir drei Abschnitte weiter, ein Memo des Verteidigungsministeriums von September 2016 schätze, dass die Hamas «komplexe Waffen, GPS-Störsender [am 7. Oktober ebenfalls eingesetzt] und Drohnen erworben» hatte und ihre Kampftruppen «27'000 Leute» ausgeweitet hatte? 27'000 –ein paar Dutzend...

Die erwähnte Analystin beschrieb in ihrem Juli-Memo zuhanden anderer Geheimdienstleute, wie die laufenden Trainings (etwa für die Einnahme eines Kibbutz und einer Armeestellung) dem Script des Jericho Wall-Plans entsprächen. «Der Oberst in der Gaza-Division applaudierte, aber sagte, das Training sei Teil eines ‘total imaginären» Szenarios, kein Hinweis auf eine Fähigkeit der Hamas, dieses auch durchzuziehen.»

«’Kurz, lasst uns geduldig warten’, schrieb der Oberst.»

 

War es also die toxische Mischung aus technorassistischer Überheblichkeit – «die Schlucker dort haben keine Chance gegen unsere Hightechmauer» und «Hamas verkriecht sich vor uns» - mit Sexismus, die zum Verhängnis wurde? Das kann sein, doch strapaziert es die Glaubensbereitschaft, wie das Uri Bar-Joseph oben angetönt hat. Israel als sicherheitspolitische Schlafkappe? Ausgerechnet? Zuweilen wird auch ein Konkurrenzkampf zwischen Regierung und Sicherheitsapparaten ins Spiel gebracht: Netanyahu habe die Streitkräfte zur Passivität verdonnert, oder andersrum, diese hätten jenen nicht informiert.

Was wäre eine andere Interpretation? Die Tendenz, (die möglicherweise aus dem Ruder lief): «Lass die Hamas wüten und nachher holen wir Gaza zurück». Letztlich also eine mörderische (kaum ein Hinderungsgrund), aber sehr riskante Verschwörung. Wissen wir das? Nein. Es kann andere Erklärungsstränge geben, oder einen Mix verschiedener Ursachen, Haltungen. Die These der durch Sexismus noch gesteigerten Unfähigkeit Arroganz als Ursprung allen Übels aber wirkt sehr unglaubwürdig. Zu viele Elemente widersprechen ihr. Einige werden in den zitierten Artikeln erwähnt. Zwar haben, wie Kubonich in «The Women Soldiers» erwähnt, Shin Bet und und MI am Vorabend des Schwarzen Samstags aufgrund von Warnungen einige «Antiterror»-Einheiten in den Süden des Landes verlegt, aber, die Armee hat, von Kubonich nicht erwähnt, just dann starke Einheiten in die Westbank abgezogen hatte. Das wurde nie bestritten.

Der pensionierte, aus einem Kibbuz evakuierte Lehrer Ron Besin kritisierte letzten Samstag an einer der Kundgebungen für die Rückkehr der Geiseln laut Haaretz die Regierung wegen «Abwesenheit der Streitkräfte an der Gaza-Grenze während des Angriffs des 7. Oktobers» und sagte: «Du hast den Notfallgruppen die Waffen genommen. Du hast die Siedler und den [rechtsextremen Parlamentarier] Zvi Succut geschützt, die mit Dauerprovokationen der Palästinenser beschäftigt waren, und du hast die Beobachter an der Gaza-Grenze missachtet, deren Job ist, uns zu beschützen.»

Alles, alles nur Pfusch? Fragen, vielleicht falsche, halbrichtige, richtige. Aber sie zu stellen ist sicher weniger falsch als sie nicht zu stellen. Sie sind wichtig im Kontext, denen in die Quere zu kommen, die auch hier den Massenmord dort unterstützen. Mit Dauerhetze, Waffenlieferungen und, gerade besonders beliebt, mit Nichtzahlungen an die UNRWA.



[1] Yom Kippur-Krieg.

[2] Einem Haaretz-Artikel zufolge haben sich Späherinnen im Operationsraum unter den Leichen gefallener SoldatInnen versteckt. 15 starben, 8 wurden als Geiseln genommen.

11’500 Kinder in Gaza getötet. Grauen dieses Ausmasses ist unerklärlich

Sonntag, 4. Februar 2024

Gideon Levy*

Zweihundertsechzig Namen von Babys, die 0 Jahre alt waren; Namen von Babys, die weder ihren ersten Geburtstag feiern konnten, noch jemals etwas anderes feiern werden. Hier sind einige ihrer Namen: Abdul Jawad Hussu, Abdul Khaleq Baba, Abdul Rahim Awad, Abdul Rauf al-Fara, Murad Abu Saifan, Nabil al-Eidi, Najwa Radwan, Nisreen al-Najar, Oday al-Sultan, Zayd al-Bahbani, Zeyn al-Jarusha, Zayne Shatat. Welche Träume hatten ihre Eltern für sie? Dann gibt es Hunderte von Namen von ein- und zweijährigen Kindern, Kleinkindern im Alter von drei oder vier Jahren, Kindern, die fünf, sechs, sieben oder acht Jahre alt waren, bis hin zu Jugendlichen, die 17 Jahre alt waren, als sie starben.

Tausende von Namen, einer nach dem anderen, von den 11’500 Kindern, die in den letzten vier Monaten von den israelischen Streitkräften in Gaza getötet wurden. Die Liste fliesst wie der Abspann eines langen Films, mit einer traurigen Melodie im Hintergrund. Der Sender Al-Jazeera veröffentlichte[i] am Wochenende die Liste der ihm bekannten Namen, die nach Angaben des Hamas-Gesundheitsministeriums die Hälfte der 11’500 getöteten Kinder ausmacht. Alle 15 Minuten wird ein Kind getötet, also eines von 100 Kindern in Gaza.

Um sie herum blieben die Kinder, die den Tod ihrer Lieben miterlebt hatten, die Eltern, die ihre Babys begraben hatten, die Menschen, die ihre Leichen aus dem Feuer und den Trümmern geborgen hatten, Tausende von verkrüppelten Kindern und Zehntausende, die für immer unter Schock stehen. Nach Angaben der UNO haben 10.000 Kinder beide Elternteile in diesem Krieg verloren, einem Krieg, in dem jede Stunde zwei Mütter sterben.

Keine Erklärung, keine Rechtfertigung oder Entschuldigung kann dieses Grauen je vertuschen. Am besten wäre es, wenn die israelische Propagandamaschine es gar nicht erst versuchen würde. Keine Geschichten von "die Hamas ist für alles verantwortlich" und keine Ausreden, dass sich die Hamas unter der Zivilbevölkerung versteckt. Für das Grauen dieses Ausmasses gibt es keine andere Erklärung als die Existenz einer Armee und einer Regierung, die sich nicht an Recht und Moral halten.

Denk an diese Babys, die in ihren Krippen und Windeln starben, an die Kinder, die vergeblich versuchten, um ihr Leben zu rennen. Schliesse für einen Moment die Augen und stell dir die 10’000 winzigen Körper vor, die nebeneinander liegen; öffne sie und sehe die Massengräber, die überfüllten Notaufnahmen mit Krankenwagen, die immer mehr Kinder ausspucken, von denen man nicht weiss, ob sie tot oder lebendig sind.

Es geschieht, auch jetzt, nur eine Stunde Fahrt von Tel Aviv entfernt. Es geschieht, ohne dass in Israel darüber berichtet wird, ohne dass es eine öffentliche Debatte über den gewaltsamen Amoklauf gibt, den sich Israel dieses Mal in Gaza erlaubt hat, mehr als je zuvor. Es geschieht auch, ohne dass jemand in Israel darüber nachdenkt, was aus diesem Massenmord entstehen wird, was Israel davon haben könnte und welchen Preis es dafür zahlen wird. Lasst uns in Ruhe, wir töten Kinder.

Die Klischees sind abgedroschen und pathetisch: "Sie haben angefangen", "wir haben keine Wahl", "was sollen wir tun?" "Die IDF tun alles, was sie können, um die Tötung unschuldiger Menschen zu vermeiden." Die Wahrheit ist, dass Israel sich nicht kümmert, es interessiert sich nicht einmal dafür. Schliesslich lieben die Palästinenser ihre Kinder nicht, und in jedem Fall wären sie nur zu Terroristen herangewachsen.

In der Zwischenzeit löscht Israel Generationen im Gazastreifen aus, und seine Soldaten töten Kinder in einer Zahl, die mit dem grausamsten aller Kriege konkurriert. Dies wird und kann nicht vergessen werden. Wie kann ein Volk jemals diejenigen vergessen, die seine Kinder auf eine solche Weise getötet haben? Wie können Menschen mit Gewissen auf der ganzen Welt zu einem solchen Massenmord an Kindern schweigen? Die Tatsache, dass Israel nicht intern über diese Frage nachdenkt, keine Tränen vergiesst und kein Gewissen zeigt, sondern einfach nur mehr von diesem Krieg will, bis ein "Endsieg" erreicht ist, bindet die Welt nicht. Die Welt sieht es und ist schockiert.

Die Wahrheit ist, dass es unmöglich ist, zu schweigen. Selbst Israel, das so sehr in seiner Trauer und seiner Sorge um das Schicksal der Geiseln versunken ist, kann nicht ignorieren, was im Gazastreifen geschieht; Israel, das am 7. Oktober selber Schreckliches erlebt hat. Es dauert sieben Minuten, um die Liste der Tausenden von toten Kindern zu zeigen, die genauso schnell vergeht wie ihr erbärmliches Leben. Am Ende kann man nicht mehr schweigen; es sind sieben Minuten, die dir die Luft abschnüren und dich erschüttert und tief beschämt zurücklassen.

* haaretz.com, 4.2.24: 11,500 Children Have Been Killed in Gaza. Horror of This Scale Has No Explanation

Westliche Kollektivbestrafung Gazas – Finanzstopp für die UNRWA

 Amira Hass*

Der Verdacht, dass 12 UNRWA-Mitarbeiter an den Massakern vom 7. Oktober beteiligt waren, führte dazu, dass 15 westliche Länder alle Bewohner:innen des Gazastreifens bestraften, des derzeit schlimmsten humanitären Katastrophengebiets der Welt. Aufgrund der von Israel vorgelegten Beweise, die diesen Verdacht untermauern, kündigten die Vereinigten Staaten, gefolgt von Japan und europäischen Ländern, umgehend die Aussetzung ihrer Beiträge zum UNRWA an.

Das UNO-Hilfswerk versorgt fast 6 Millionen palästinensische Flüchtlinge in drei Ländern und den seit 1967 von Israel besetzten Gebieten, darunter Ostjerusalem. Das UNRWA steht schon seit vielen Jahren im Fadenkreuz Israels, so dass das Land den Schritt natürlich begrüsste - als ob das Verschwinden des Hilfswerks der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge die Verbindung der Palästinenser:innen zu ihrer verlorenen Heimat auslöschen würde.

Ab nächstem Monat werden rund 30.000 UNRWA-Mitarbeiter kein Gehalt mehr erhalten, und die Bildungs- und Gesundheitsdienste, die das Hilfswerk Hunderttausenden von Menschen zur Verfügung stellt, werden stark beeinträchtigt werden. Da diese wichtigen Mittel fehlen, werden die UNRWA-Mitarbeiter in der bombardierten und blutenden Enklave Gaza nach und nach ihre Notdienste einstellen.

Sie werden nicht mehr in der Lage sein, die lebenswichtigsten Operationen durchzuführen, die sie unter Gefährdung ihrer eigenen Sicherheit auf sich genommen haben, um das Elend der Menschen heute etwas zu lindern: Treibstoff zu den Krankenhäusern und zu den Teilen des Wasser- und Abwassersystems im Gazastreifen zu transportieren, die noch nicht durch den Krieg zerstört wurden, damit die Trinkwasserversorgung nicht völlig zusammenbricht und die Abwässer nicht noch mehr Strassen überfluten; sich um die grundlegendsten hygienischen Bedingungen in den UNRWA-Schulen zu kümmern, die mit Hunderttausenden von Binnenflüchtlingen aus dem Gazastreifen überfüllt sind; die Kranken in den Kliniken zu behandeln - einschliesslich derer, die sich durch die Überbelegung und das verschmutzte Wasser infiziert haben - und Hunderttausende von hungrigen und durstigen Menschen mit Grundnahrungspaketen und Wasserflaschen zu versorgen.

Keine Hilfsorganisation ist in der Lage, das UNRWA, das über jahrelange Erfahrung in der Betreuung der Flüchtlingsbevölkerung des Gazastreifens verfügt, in nur wenigen Wochen zu ersetzen. Als Reaktion auf die Vorwürfe entliess das UN-Hilfswerk neun seiner Mitarbeiter, während ein Mitarbeiter Berichten zufolge getötet wurde und zwei vermisst werden. Ausserdem wurden zwei Untersuchungsausschüsse eingesetzt, von denen einer dem UNRWA und der zweite dem UN-Hauptquartier in New York seine Ergebnisse vorlegen wird. Aber diese Schritte haben die Länder der aufgeklärten Welt nicht zufrieden gestellt.

Ihre Entscheidung für eine kollektive Bestrafung wird den Hunger, die Unterernährung, den Durst und die Krankheiten, die den Gazastreifen heimsuchen, noch verschlimmern. Die rasche Ankündigung dieser Staaten zeigt die Missachtung der einstweiligen Verfügung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag vom letzten Monat, nachdem dieser Israel aufgefordert hatte, alle in seiner Macht stehenden Massnahmen zu ergreifen, um einen Völkermord zu verhindern, wozu auch die Sicherstellung der humanitären Hilfe für den Gazastreifen gehört - eine Aufgabe, bei der das UNRWA eine zentrale Rolle spielt.

Fünfzehn Länder, angeführt von den USA und Deutschland, signalisieren, dass sie die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen weniger ernst nehmen als die Verdachtsmomente, die durch die Beweise gegen 12 Mitarbeiter der Agentur aufgeworfen wurden, und dass die Verringerung oder das Aufhalten dieser Massenkatastrophe weniger dringend ist als die Befriedigung ihres Verbündeten, Israel. Eines Verbündetern, der seit Jahrzehnten eine Politik der Siedlungen und der Zwangsumsiedlung von Palästinenser:innen voranreibt, die diese anderen Länder auf dem Papier ebenfalls ablehnen. Sie wissen von Berichten über israelische Soldaten und Zivilisten, die unbewaffnete Palästinenser getötet haben, und von der Tatsache, dass die Täter in den meisten Fällen nicht bestraft werden. Hochrangige Kabinettsmitglieder ihres israelischen Verbündeten haben sich offen für das Verbrechen der Vertreibung der Palästinenser aus dem Gazastreifen ausgesprochen.

Der Kontrast zur schlaffen Verurteilung all dessen durch die 15 Länder - wenn sie es überhaupt getan haben - verstärkt daher nur die Schande ihrer Entscheidung, Israel bei seinem Rache- und Zerstörungsfeldzug gegen alle Bewohner des Gazastreifens zu unterstützen.

Bild: Haaretz, 4.2.24

 

 

·       haaretz.com, 4.2.24: When the West Collectively Punishes Gaza by Suspending Funding to UNRWA