Brasilien: Putschisten unter Talaren

Montag, 16. Mai 2016




Carta Maior, 13. Mai 2016: O golpe usou a toga
Maria Inês Nassif ist eine bekannte brasilianische Kolumnistin, die früher im Wirtschaftsblatt Valor Econômico publiziert hat und heute im Portal Carta Abierta engagiert ist. 2012 wurde sie Beraterin von Lula.In diesem Artikel beleuchtet sie Strukturen einer seit Jahren zum „kalten Putsch“ strebenden Justiz. Und sie geht darauf ein, wie eine „unerklärliche Naivität“ des PT der Reaktion in die Hände spielte.

Putschisten unter Talaren
Maria Inês Nassif

Maria Inês Nassif
Die Strategie des institutionellen Putschs unter aktiver Beteiligung des „niederen Klerus“[1] und der Justiz (dem erstinstanzlichen Richter Sérgio Moro[2] und dem Obersten Gericht, Sistema de Tribunal Federal oder STF) begann, propagandistisch begleitet von den traditionellen Medien (wie TV Globo), mit dem sogenannten Mensalão-Skandal Form anzunehmen. Ein Jahr vor den Wahlen, die Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ein zweites Mandat brachten, wurde das Land von Enthüllungen erschüttert. Danach habe der PT bei den vergangenen Gemeindewahlen Geld, das durch doppelte Buchführung von Unternehmen versteckt worden sei, zur Bezahlung von eigenen Wahlkampfschulden und solchen der Bündnispartner gebraucht. Der Schatzmeister der Partei, Delúbio Soares, hatte dafür mit Unternehmern und einer Waschanstalt, der Werbeagentur DNA von Marcos Valério, zusammengespannt.  Bis dahin hatte DNA für die [Rechtspartei] PSDB in Minas operiert. Delubio legte ein Geständnis ab. 
Preisverleihung des Mediengiganten Globo an Richter Moro (M.), März 2015.  Quelle: brasil247.com
 Anlässlich dieser Angelegenheit –doppelte Buchführung zugunsten einer Regierungspartei und Entgegennahme von Geschenken im Austausch für Gefälligkeiten – kam es zur grössten institutionellen Offensive gegen eine politische Partei in der demokratischen Periode des Landes. Die ganze traditionelle Medienmaschinerie diente dazu, mit Tatsachenüberhöhung oder Fälschung zu beweisen, dass die Regierung Lula korrupt sei und – Gipfel der Ironie! – die Alliierten korrumpiere, die Parteien PMDB, PTB, PP und PR, um so für sich parlamentarische Mehrheiten zu garantieren. Der Begriff mensalão[3] entsprang einem guten Marketing, um einen Skandal der doppelten Buchführung, in den alle Parteien involviert waren (die Waschanstalt von Marcos Valério kannte diesbezüglich keine ideologischen Grenzen), in einen speziellen PT-Korruptionsmodus zwecks Parlamentarierkauf zu transformieren. Dies, ohne dass je eine regelmässige Zahlung an verbündete Abgeordnete oder SenatorInnen bewiesen worden wäre.
Damit das Geld aus der doppelten Buchführung als Korruption taxiert werden konnte, war der Nachweis erforderlich, dass es aus öffentlichen Safes stammte. Die Staatsanwaltschaft wurde damals von Antônio Fernando de Souza geleitet. Er ist heute Rechtsanwalt des verspätet von seinem Amt als Präsident der Abgeordnetenkammer enthobenen Eduardo Cunha[4]. Er erfand eine fiktive Story über den Präsidenten des Banco do Brasil, Henrique Pizzalato, und abgezweigten Geldern des Unternehmens Visanet. Das Geld von Visanet, die zur internationalen Visa-Gruppe gehört, wurde vom höchsten Gericht des Landes in seinem Urteil zu Unrecht als aus Abzweigungen aus dem staatlichen Banco do Brasil stammend behandelt. Dieses Gericht durfte sich keinen Fehler dieses Ausmasses leisten. Pizzalato war nicht Einzelunterschrift-berechtigt. Der von Souza vorgetragene und von Richter Joaquim Barbosa vom Obersten Gericht STF akzeptierte „Beweis“ gegen Pizzalato war von drei weiteren Personen unterschrieben und wurde einem Komitee und danach der Bankleitung  vorgelegt – insgesamt mehr als zehn Personen segneten die Aktion ab. Hätte Pizzalato Geld abgezweigt, hätte er mehr als zehn Komplizen haben müssen, überdies handelte es sich um privates Geld, nicht um staatliche Mittel des Banco do Brasil.
Das Oberste Gericht STF richtete medienwirksam am Tag vor den Wahlen 2014 über den Fall und beging dabei beispielslose juristische Barbareien. Der vom STF mit der Darstellung des Falls beauftragte Richter Joaquím Barbosa wandelte die Entnahme von Geldern aus der doppelten Buchführung in einen Diebstahl von Staatsgeldern um und ordnete für die Beweise, dass die fraglichen Mittel definitiv nicht aus dem Banco do Brasil stammten, ein anderes Verfahren an. Schliesslich verhängte er die Geheimhaltung über das Verfahren. Nicht einmal die Anwälte der Verteidigung hatten Zugang zu den Beweisstücken. Sie hatten auch keinen Zugang zu den Beweisen über die Herkunft der von Marcos Valério gewaschenen Gelder, also der von einem an Regierungsentscheiden interessierten Unternehmer an Bündnisparteien weitergeleiteten Mitteln. (Regierungentscheide, die nicht zustande kamen, auch dank der Opposition des Ministers José Dirceu, der ohne Beweise verurteilt worden war.)
Mit einer öffentlichen Meinung, geformt von einer neun Jahre anhaltenden täglichen Kampagne, legitimierte der STF seinen Entscheid, die Schlussfolgerungen von Barbosa gutzuheissen, unter Verwendung des seltsamen Instruments des dominio do fato[5]. Dies lieferte den Vorwand, auf die Strasse zu hören und die von der Staatsanwaltschaft und der erstinstanzlichen Behörde in den nächsten drei Jahren der Operation Lava Jato angewandten Monstruositäten zu akzeptieren.
Der STF wandelte ein Buchführungsverbrechen ohne Beweise in ein Verbrechen der Korruption, der Bandenbildung etc. um. Von den verurteilten Beschuldigten haben einige Verbrechen begangen, aber nicht die, für die sie verurteilt worden sind; andere waren komplett unschuldig. Wenige wurden für effektiv begangene Verbrechen verurteilt. Die Agentur ADN wurde als Waschanstalt für den PT und mit ihm verbündete Parteien verurteilt, aber spät für den mensalão des PSDB verantwortlich gemacht (was alle Involvierten bis zur Verjährung auf freiem Fuss belässt, während die vom PT dafür ins Gefängnis kamen). Der Abgeordnete José Genoíno, damals Präsident des PT, wurde für ein real von der Partei getätigtes und fristgerecht zurückbezahltes Darlehen gefangen. Dirceu wurde zum nationalen Bösewicht erkoren und ohne Beweis eingekerkert und erneut unter Lava Jato eingekerkert. Und Pizzalato erleidet nach einer sensationellen Flucht Haft wegen einer zusammen mit einem zehnköpfigen Komitee autorisierten Werbekampagne des Banco do Brasil für Visa International.

Unerklärliche Naivität des PT
Seither sind die Bundesstaatsanwaltschaft und das Oberste Gericht zentrale Bestandteile der Kampagnen gegen die PT-Regierungen. Diese begannen 2005 und endeten mit dem institutionellen Putsch von 2016. Eduardo Cunha und Michel Temer würden ohne die Komplizenschaft dieser beiden Institutionen und die unerklärliche Naivität des PT nicht existieren: Dieselbe Partei, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt entschloss, mit den Waffen der traditionellen Politik zu spielen, auf der Suche nach Geld via doppelte Buchführung zwecks Finanzierung von Wahlkampagnen, begriff die Natur der Elite nicht, die sie finanzierte. Sie begriff nicht die Unmöglichkeit einer Übereinkunft mit traditioneller Politik und Institutionen mit konservativer Berufung, die ihr konservatives und korporatives Profil auch nicht ändern, wenn ihre Mitglieder mehrheitlich von PT-Regierungen gewählt werden. Der PT begriff nicht, dass er auf institutioneller Ebene mit ihren Chips spielte, in einer Politik der Klassenversöhnung in einem Rahmen, in dem die eigene Regierungspolitik die Basis für einen verschärften Klassenkampf legte. Dieser wurde offensichtlich, als der Putsch sein Gesicht zu zeigen begann.
Dieser Widerspruch war den PT-Regierungen inhärent. Präsidentin Dilma Rousseff gewann die Wahlen 2014 im zweiten Durchgang, weil sich die linken Kräfte zuvor noch hinter sie gestellt hatten. Es war eine Antwort auf die rechte Welle, die die vom STF während der Gemeindewahlen 2012 durchgeführte politische Aburteilung des mensalão ausnutzte. Ihr mediales und juristisches Gefängnisspektakel dauerte bis 2013, als schon die Kampagne für die Wiederwahl von Präsidentin Dilma in die Gänge kam. Medial wurde die Kampagne durch den Auftritt des erstinstanzlichen Richters Sérgio Moro gestärkt, der die 2013 vom STF gewährten Rechtsfreiheiten dafür nutzte, ein eigenes Politgericht zu veranstalten und den PT einzukreisen. Dafür diente das Korruptionsschema in Petrobras, das – es reicht, die mit Strafminderung belohnten Aussagen genau zu lesen – im Unternehmen verwurzelt war und in den Vorständen, die von den mit den PT-Regierungen ab 2002 verbündeten Parteien beschützt wurden, beibehalten wurde. Genau wie früher von den Regierungen des PSDB und des PMDB und der von Collor.
Die „Massaker“ erfolgen schon seit elf Jahren, stets nach äusserst ähnlichem Muster. Die Staatsanwaltschaft entdeckt irgendeinen Skandal und beginnt zu ermitteln und Beweisstücke einseitig auszulegen. Ohne Grundlage für eine Einvernahme würfelt sie in einem Presseorgan los, das von einem grossen Skandal spricht und dabei unterschlägt, dass keine Beweise existieren. Das auf eigenen Leaks basierende Medienmaterial nimmt die Bundesstaatsanwaltschaft zum Anlass , beim Richter – bei Moro, beim STF oder sonst wem – ein formelles Ermittlungsverfahren zu beantragen. Bei Moro folgt dann Gefängnis ohne gesetzliche Grundlage und Zwang zur belohnten Aussage gegen andere. Youtube  ist voll von Aufzeichnungen von Moro-Verhören, in denen er klar macht, dass der Angeklagte – meist ein betagter Mensch mit Gesundheitsproblemen – freikommt, sobald er andere belastet.  In einem politischen Lager gibt es für Moro keine Unschuldigen.  Im anderen lässt er Milde walten.
Nichts rechtfertigt, dass ein Richter eines Ausnahmetribunals in einer Demokratie mit grossen Vollmachten überlebt, über jene hinaus, die ihm die Verfassung gewährt. Moro existiert und macht, was er will, weil die Justiz parteiisch ist. Moro würde ohne einen ihm voraus gegangenen Barbosa nicht existieren. Moro würde ohne einen Richter Gilmar Mendes nicht existieren, der ungestraft das Oberste Bundesgericht (STF) und das Oberste Wahlgericht (TSE) zu Tribünen gegen die PT-Regierungen machte. Er würde ohne einen Richter Dias Toffoli nicht existieren, der zum Laufburschen von Mendes wurde; ohne die Lauheit der beiden Frauen im Obersten Gericht; ohne die konservative ideologische Ausrichtung von Teori Zavascki (die sein eigenes juristisches Unterscheidungsvermögen kontaminiert); ohne die falsche juristische Objektivität eines Celso Melo; ohne die Schlaffheit eines Edson Fachin; ohne die exzessive Ängstlichkeit eines Ricardo Lewandowski. Die Justiz verhinderte den Putsch nicht, weil sie Teil von ihm ist. Die Staatsanwaltschaft reagiert nicht auf den Putsch, weil sei zu seinen Verschwörern gehört.
Richter Gilmar Mendes und Putschpräsident Michel Temer. Quelle: Carta Maior.





[1] Bezeichnung für einen grossen, primär am persönlichen Eigennutz orientierten Haufen ParlamentarierInnen.
[3] Der Begriff suggeriert monatliche Zahlungen.
[4] Eine treibende Kraft im Putsch gegen Dilma Rousseff.
[5] „Tatherrschaft“: Untergeordnete werden von hierarchisch höher Gestellten zur Deliktbegehung gezwungen

Protest in Brasilien, Kritik an Absetzung von Rousseff in Lateinamerika

Sonntag, 15. Mai 2016

https://amerika21.de/2016/05/152617/kritik-suspendierung-rousseff

Institutioneller Putsch sorgt für Widerspruch in der Region. De-facto-Präsident Temer kündigt Massenentlassungen an und schafft Ministerien ab
Demonstration am Donnerstagabend in São Paulo gegen De-facto-Präsident Temer
Demonstration am Donnerstagabend in São Paulo gegen De-facto-Präsident Temer
Brasília. Während in Brasilien bereits Massendemonstrationen gegen De-facto-Präsident Michel Temer stattfinden, haben sich auch erste Regierungen der Region und die Union südamerikanischer Nationen (Unasur) gegen den "parlamtarisch-juristischen Putsch" geäußert.
Am Donnerstag hatte der brasilianische Senat ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff beschlossen und sie zunächst für 180 Tage suspendiert. Vizepräsident Temer übernimmt die Führung des Landes. Der Oberste Gerichtshof muss nun prüfen, ob ausreichend Beweise für ein strafbares Handeln Rousseffs vorliegen oder nicht. Für die endgültige Absetzung der Präsidentin ist dann eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Senat erforderlich.
Mit der Senatsentscheidung vom Donnerstag sei "ein grundlegender Schritt für die putschistischen Ziele" getan worden, heißt es in einer Stellungnahme der kubanischen Regierung. Die Oligarchie Brasiliens, "unterstützt von der reaktionären Presse und dem Imperialismus" wolle das politische Projekt der Arbeiterpartei rückgängig machen, die legitime Regierung stürzen und die Macht an sich reißen, die sie mit Wählerstimmen nicht gewinnen konnte. Dies sei "Teil der reaktionären Gegenoffensive des Imperialismus und der Oligarchie gegen revolutionäre und fortschrittliche Regierungen in Lateinamerika, die den Frieden und die Stabilität der Nationen gefährdet". Präsident Raúl Castro wird mit den Worten zitiert: "Die Geschichte zeigt, dass wenn die Rechte an die Regierung kommt, sie nicht zögert, die Sozialpolitiken abzubauen, die Reichen zu begünstigen, den Neoliberalismus wieder einzuführen und grausame Schocktherapien gegen die Arbeiter, Frauen und Jugendlichen anzuwenden."
Ähnlich äußerte sich Venezuelas Präsident Nicolás Maduro. Die Aggression gegen die brasilianische Regierung richte sich gegen alle fortschrittlichen Prozesse in der Region und die Integrationsbündnisse wie Unasur und Celac. Auch die Regierung von Ecuador bekräftigte ihre Unterstützung "des Volkes und der gewählten Präsidentin Brasiliens". Gegen Rousseff liege bislang keine einzige Beschuldigung wegen einer Straftat vor. Man hoffe, dass die aktuelle Situation "bald im Rahmen des Rechtsstaates und unter strikter Respektierung der demokratischen Institutionalität" überwunden werde. Boliviens Präsident Evo Morales meldete sich über Twitter zu Wort: "Wir, die einfachen Völker, verurteilen das Attentat auf die Demokratie und die ökonomische Stabilität Brasiliens und der Region".
Unasur-Generalsekretär Ernesto Samper wies den politischen Prozess gegen Rousseff im Namen des Regionalbündnisses zurück. Was in Brasilien vor sich gehe, sei eine Verschwörung gegen die Demokratie, sagte er bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Die Unasur werde die weiteren Vorgänge "eng verfolgen".
Dagegen begrüßten Wirtschaftsvertreter die Machtübernahme Temers und seines neoliberalen Kabinetts. Argentiniens Unternehmen bereiteten sich auf Veränderungen bei ihrem größten Handelspartner vor, berichtet das Portal iProfesional. Gustavo Segré, Analyst und Chef der Consultingfirma Center Group, erklärte, "das Ende der Ära Dilma" werde nicht im Senat entschieden sondern hänge davon ab, ob Temer mit seinen ersten Wirtschaftsmaßnahmen vorankomme: "Der Schlüssel der politischen Zukunft Brasiliens liegt ausschließlich in der Ökonomie. Temer muss das Vertrauen der Unternehmerschaft in diesen 180 Tagen wiederherstellen. Gelingt ihm das, beginnt damit das tatsächliche Ende der Präsidentschaft Rousseffs", betonte er.
Eine der ersten Amtshandlungen Temers bestand darin, das Regierungskabinett von 32 auf 22 Posten zu stutzen und die Entlassung von 4.000 Staatsbediensteten vorzubereiten. Mehrere Ministerien wurden abgeschafft, andere fusioniert. So löste Temer das bisherige Kultusministerium auf und gliederte es als Unterressort in das Bildungsministerium ein. "Wegen der massiven Gegenwehr von Intellektuellen und Künstlern gegen den institutionellen Putsch ist das keine Überraschung", schrieb die argentinische Tageszeitung Pagina12, deren Autor Eric Nepomuceno die Veränderungen auflistet. Die Staatssekretariate für Menschenrechte, ethnische Gleichheit und Frauen wurden aufgelöst. Diese Themen sollen fortan vom Ministerium für Justiz behandelt werden (das bis dato Ministerium für Justiz und Bürgerfragen hieß). Página12 weist darauf hin, dass der neue Justizminister, Alexandre de Moraes, bislang Anwalt des gerade wegen mutmaßlicher Korruption vom Obersten Gerichtshof abgesetzten Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Eduardo Cunha, war. Cunha ist einer der Hintermänner des institutionellen Putsches gegen Rousseff. De Moraes war bis Mitte dieser Woche zudem Beauftragter für öffentliche Sicherheit in São Paulo. "Dort war er dafür bekannt, jede Demonstration von Studierenden von der Polizei mit Kriegswaffen auflösen zu lassen", so Nepomuceno.
Temer unterzeichnet Ernennungsurkunden für seine neuen Minister
Eine ähnliche Haltung nimmt demnach der neue Minister für Nationale Sicherheit, General Sergio Westphalen Etchegoyen, ein. Als die brasilianische Wahrheitskommission ihren Abschlussbericht vorstellte und zahlreiche Staatsverbrechen während der Militärdiktatur (1964-1985) anprangerte, bezeichnete Etchegoyen das Dokument als "verantwortungslos". Ein möglicher Grund: Sein Vater, Leo Etchegoyen, ebenfalls ein General, taucht in dem Bericht auf Basis mehrerer Zeugenaussagen als Vergewaltiger und Folterer auf.
Der neue brasilianische Arbeitsminister Ronaldo Nogueira de Oliveira, ist Prediger einer evangelikalen Sekte. Als Abgeordneter hatte er einen Gesetzentwurf eingebracht, nach dem Hausangestellten während des gesetzlich garantierten Urlaubs die Tage in Rechnung gestellt werden sollten, die sie normalerweise hätten arbeiten müssen.
Bei der Verteilung der Kabinettssitze unter den neuen Regierungsparteien entfallen auf die Gruppierung von Temer, die rechtsgerichtete PMDB, sechs Minister, diese Zahl hatten sie auch unter Rousseff inne. Die nur ihrem Namen nach sozialdemokratische PSDB, die aus den letzten vier Präsidentschaftswahlkämpfen als Verliererin hervorgegangen war, kann auf einmal drei Minister entsenden. Die rechte DEM wird das Bildungsressort übernehmen. Sie entsendet einen Hinterbänkler namens Mendonça Filho, der im Laufe seiner Karriere allerdings nie mit kultur- oder bildungspolitischen Inhalten in Erscheinung getreten ist.
Die neuen Minister und der De-facto-Präsident haben indes mehrere Gemeinsamkeiten: Alle sind Männer, weiß und sehr reich. Unter ihnen befindet sich auch der Multimillionär Blairo Maggi, einer der größten Sojaanbauer der Welt. Er übernimmt das Agrarministerium. Eine weitere Charakteristik besteht darin, dass die Justiz gegen ein Drittel der Regierungsfunktionäre wegen Korruption ermittelt. Unter ihnen findet sich auch der Name des designierten Planungsministers Romero Jucá, der für einen Großteil der Investitionen und Privat-öffentliche Partnerschaften verantwortlich sein wird.
Die argentinische Zeitung weist auf eine andere interessante Parallele hin: Als die Putschisten 1964 ihr Regime errichteten, sprachen sie von einer "Regierung der nationalen Erneuerung". Seit dem gestrigen Donnerstag nun hat Brasilien eine "Regierung der nationalen Rettung". Am Ende, schreibt Página12, scheine nur eines sicher: "Vor dem Gericht der Geschichte wird sich keine dieser beiden Führungen retten können."
Unter dem Motto "Temer – niemals!" haben soziale Bewegungen für den heutigen Freitagabend erneut zu Demonstrationen aufgerufen. Sie fordern die sofortige Wiedereinsetzung der rechtmäßig gewählten Präsidentin.

Correos 184

Freitag, 13. Mai 2016



14. 4. 2016

Honduras: Halbherziger Rückzug aus einem tödlichen Projekt

Mittwoch, 11. Mai 2016

http://hondurasdelegation.blogspot.ch/2016/05/pressemitteilung-halbherziger-ruckzug.html


Montag, 9. Mai 2016

Pressemitteilung: Halbherziger Rückzug aus einem tödlichen Projekt

Die Mitverantwortung deutscher Unternehmen am Tod der honduranischen Menschenrechtsverteidigerin Berta Cáceres wird immer offensichtlicher - Voith und Siemens versuchen weiter, sich aus der Verantwortung zu ziehen

MÜNCHEN//BERLIN. (9.05.2016) Der enorme landesweite und internationale Druck auf die honduranische Regierung im Fall der  am 2.März 2016 ermordeten Menschenrechtsverteidigerin Berta Cáceres zu ermitteln, zeitigt erste Erfolge: Am 2.Mai 2016 wurden vier Tatverdächtige festgenommen, die Staatsanwaltschaft sprach von einem Verbrechen, das eindeutig mit der Arbeit von Bertá Cáceres zusammenhängt. Sie hatte sich mit der Organisation COPINH und lokalen indigenen Gemeinden seit Jahren gegen den Bau des Wasserkraftwerks „Agua Zarca“ im Westen von Honduras eingesetzt, dem eine Vielzahl weiterer Projekte folgen soll.

Medienberichten zufolge soll der Manager für Soziales und Umwelt der Kraftwerksbetreiberfirma Desarrollo Energéticos S.A. (DESA), Sergio Rodriguez den ehemaligen Vize-Sicherheitschef der DESA, Douglas Bustillo kontaktiert haben, um den Mord an Berta Cáceres zu organisieren. Bustillo, ehemals Oberleutnant der honduranischen Armee, habe Mariano Diaz, einen aktiven Major gebeten, das Szenario vorzubereiten. Diaz war bis zu seiner Verhaftung Ausbilder bei der honduranischen Militärpolizei und davor Mitglied eines militärischen Sondereinsatzkommandos. Bustillo soll dann den mutmaßlichen Auftragsmörder Edilson Duarte für die konkrete Tat angeheuert haben. Dessen Zwillingsbruder wurde wegen des Besitzes der Tatwaffe ebenfalls festgenommen. Zwei weitere Beteiligte sollen flüchtig sein.

Am 6.Mai 2016 begann die Beweisaufnahme. Beobachter*innen zufolge versucht die honduranische Justiz das Verfahren so schnell wie möglich abzuwickeln. Es wird vermutet, dass weitere Personen aus einflussreichen Kreisen des Landes in das Mordkomplott verwickelt sind. Dieser Verdacht erhärtet sich durch die beiden Mordanschläge, die auf den unabhängigen Journalisten Félix Molina am selben 2. Mai 2016 verübt wurden, die er verletzt überlebte. An jenem Tag veröffentlichte er die personellen und finanziellen Verflechtungen von angesehenen Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Militär an der Betreiberfirma DESA, wobei er auf den paramilitärischen Charakter verweist.

Angesichts der Verhaftungen sahen sich nun auch der deutsche Turbinenlieferant Voith Hydro, ein Siemens-Joint Venture, gezwungen, die Notbremse zu ziehen. Wenige Stunden nachdem Siemens-Sprecher gegenüber Vertreter*innen von COPINH, Oxfam, GegenStrömung und des Ökumenischen Büros erklärten, dass man sich noch nicht entschieden habe, ob man in der Sache seinen Einfluss auf Voith geltend machen wolle. Voith teilte am 4. Mai mit:  „Wir haben unseren Kunden DESA nach eingehender Prüfung der Situation daraufhin am gestrigen Dienstagnachmittag deutscher Zeit informiert, dass wir aufgrund des gegen aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter von DESA bestehenden Tatverdachts bis auf Weiteres alle Lieferungen für das Projekt einstellen.“ Allerdings nur vorläufig: „Abhängig vom weiteren Verlauf und den Ergebnissen der Ermittlungen werden wir entscheiden, ob die Lieferungen wieder aufgenommen werden können.“

José Asunción Martínez vom COPINH-Koordinationsrat und Teilnehmender der europäischen Delegationsreise, hält dies für inakzeptabel: „Wenn Voith und Siemens ernst nehmen würden, was wir ihnen seit Jahren sagen, würden sie sofort den Vertrag mit der DESA auflösen. Wie viele Morde sollen wir noch hinnehmen!“

Voith Hydro und Siemens als Gesellschafter der Firma hätte sich, gemäß den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, von der Vertragsunterzeichung an um die Menschenrechtsverletzungen durch das Projekt kümmern müssen, argumentiert Oxfam in einem aktuellen Dossier. (https://www.oxfam.de/system/files/factsheet_schmutzigegeschaefte.pdf) Allerdings: „Nach unseren Recherchen“, so Oxfam „ist die Duldung von gravierenden Menschenrechtsverletzungen bei Siemens und Voith kein Zufall, sondern hat Methode.“

Spätestens seit Juli 2013 wusste Voith von den Gewalttaten vor Ort:  Am 11. Juli 2013, vier Tage vor dem Mord an dem Kraftwerkgegner und COPINH-Aktivisten Tomás Garcia, schrieben HondurasDelegation und Ökumenisches Büro mit elf weiteren Organisationen an den Voith-Vorstand:
„Aufgrund des unrechtmäßigen Baubeginns, der damit verbundenen Umweltzerstörung und der fehlenden Bereitschaft des honduranischen Staates, für den Schutz und die Rechte der indigenen Bevölkerung einzutreten und den eingegangenen  Anzeigen nachzugehen, besetzen Bewohner_innen mehrerer Dörfer der Region seit dem 1. April 2013 die Zufahrtsstraße zu der Baustelle des Projektes. Seit Beginn dieser friedlichen Protestaktion gehen die Unternehmen DESA und SINOHYDRO eskalierend und aggressiv gegen den legitimen und friedlichen Protest vor. So berichten Bewohner_innen der Region von Einschüchterungen, Drohungen und körperlichen Aggressionen durch Mitarbeiter der beteiligten Unternehmen. Durch Bestechung und Korruption versuchen die Unternehmen überdies die Bevölkerung zu spalten und einen gewalttätigen Konflikt innerhalb der Gemeinden zu erzeugen. Besonders besorgniserregend ist unter anderem das Abfeuern von Schusswaffen auf dem Gelände der Unternehmen, die Anwesenheit von zivilen bewaffneten Personen im Auftrag der Unternehmen in den umliegenden Gemeinden und die Verfolgung von Dorfbewohner_innen und Menschenrechtsverteidiger_innen durch Mitarbeiter von DESA…“

Es folgten eine gezielte Kriminalisierung des Protests durch den honduranischen Staat und DESA als auch weitere Morde und Übergriffe, doch weder Siemens, noch Voith, noch das Auswärtige Amt reagierten darauf. Siemens CEO Kaeser verteidigte das Projekt „Agua Zarca“ noch im Januar 2016 ausdrücklich und lehnte zugleich jede Verantwortung des Unternehmens ab.

Alle an Agua Zarca beteiligten Firmen und Banken verletzen sowohl fundamentale Menschenrechte als auch internationales und honduranisches Recht. Die Folgen des Projektes, die Ermordeten, die vernichteten Anbauflächen und vor allem die Gewalt, die in die Region hinein getragen wurde, hat nachhaltig den sozialen Frieden in den Gemeinden, vermutlich für die nächsten Jahrzehnte, zerstört. Ein Schaden, für den die beteiligten Firmen ebenfalls aufkommen müssen!


Kontakt:

Andrea Lammers
Ökumenisches Büro für Frieden und Gerechtigkeit e.V.
elsal@oeku-buero.de
0176 – 26 0 36 292

Daniela Dreißig
HondurasDelegation – CADEHO
cadeho@riseup.net