Direkt nach dem
Angriff Russlands auf die Ukraine vor einem knappen Jahr haben Teile der
deutschen und europäischen Linken Kontakte zu ukrainischen Genoss:innen
aufgenommen. Diese Vernetzung zielte zunächst auf die solidarische
Unterstützung vor Ort, Linke leisteten praktische Hilfe. Das ist
wichtig, ebenso wie der Austausch. Genoss:innen die Möglichkeit zu
geben, ihre Erfahrungen in unserem Milieu zu verbreiten, ist auch Teil
unseres Selbstverständnisses.
Problematisch wird es, wenn auf diese Weise eine linke
Kriegsunterstützung legitimiert wird. Indem eine eigenständige Analyse
durch den Verweis auf die Betroffenheit der ukrainischen Genoss:innen
ersetzt wird, erscheint die eigene Position (etwa die Befürwortung von
Waffenlieferungen) durch eine moralisch unanfechtbare Instanz verbürgt.
Das ist eine gegenwärtig verbreitete und durchaus bedenkliche Tendenz:
Unmittelbare Betroffenheit gilt als Quelle besonderer Urteilsfähigkeit,
zumeist einhergehend mit Kritik an der angeblichen bequemen Arroganz der
Nicht-Betroffenen. Doch selbstverständlich müssen auch Aussagen von
betroffenen Genoss:innen in den Rahmen einer allgemeinen Analyse
gestellt und hinterfragt werden.
Schwierig ist in diesem Fall aber nicht nur solche fehlende
Reflexion, sondern ebenso, dass die einseitige Auswahl der
Gesprächspartner:innen dazu beiträgt, eine Geschlossenheit „der“
ukrainischen Linken zu suggerieren: Sicherlich sind die Zustimmungswerte
innerhalb der Ukraine zu diesem Krieg hoch, aber die Positionierung von
antiautoritären Linken ist gar nicht so einheitlich, wie hierzulande
oft suggeriert wird. Wir können und möchten hier nicht über genaue
Zahlen und Zustimmungswerte spekulieren, aber klar ist, dass es durchaus
Genoss:innen gibt, die sich nicht kritiklos hinter ihrer Regierung und
Militärführung versammeln und es nicht als ihre Aufgabe ansehen, mit ihr
in den Krieg zu ziehen; die die Generalmobilmachung und das Vorgehen
gegen Deserteure kritisieren und die an den militärischen Zielen
Selenskyjs zweifeln.
Nicht um eine umfassende Analyse des Kriegsgeschehens und
seiner Hintergründe zu ersetzen, sondern um eine solche kritische Stimme
auch im deutschsprachigen Raum vernehmbar zu machen, haben wir ein
Gespräch mit einem Genossen geführt, der sich nicht in die Gemeinschaft
der nationalen Kriegseuphoriker einreiht, sondern klar bei einer
sozialrevolutionären Perspektive bleibt. Er hatte sich zunächst vor
seiner Einberufung versteckt, ist mittlerweile geflohen und im Exil. Das
Gespräch haben wir per Telefon im Oktober 2022 geführt.
Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft
***
Freundinnen: Du hast schon frühzeitig sehr klar Position dagegen bezogen, für die Ukraine in den Krieg zu ziehen. In einem Interview vom Frühjahr 2022
meintest du: „Wir sollten Massendesertionen und Meuterei auf beiden
Seiten unterstützen, da dies der einzige realistische Weg ist, über die
rein individuelle Wehrdienstverweigerung hinauszugehen und so die
Einberufung zu stoppen. Wir sollten dem von der Ukraine konstruierten
Bild eines erfolgreichen Feldzugs entgegentreten: Dieser Krieg ist nicht
zu gewinnen und jede Minute, in der das geleugnet wird, tötet mehr und
mehr Menschen.“ Nach den militärischen Erfolgen der Ukraine im September
2022 haben wir in den letzten Wochen eine weitere Eskalation erlebt.
Bis in die Linke hinein gibt es viele Stimmen, die weiterhin hoffen,
dass die Ukraine den Krieg gewinnen kann und Putins Regime dann
zusammenbrechen wird. Hältst du an deiner
sozialrevolutionär-defätistischen Position noch immer fest? Und wenn ja,
warum?
Andrew: Auf jeden Fall halte ich an meiner Position fest. Und
gegenüber diesem neuen Optimismus habe ich Vorbehalte, vor allem zwei.
Erstens denke ich nicht, dass die groß angelegte russische Invasion
etwas völlig Neues darstellt, und die Erwartung, dass die in letzter
Zeit verhängten Maßnahmen später wieder aufgehoben werden, halte ich für
naiv. Wenn man sich die letzten acht Jahre in der Ukraine anschaut,
dann war der Ausnahmezustand die Regel. Seit 2014 wird der Konflikt im
Donbass genutzt, um jede Art von Dissens, von Aufbegehren und Kritik am
ukrainischen Staat zum Schweigen zu bringen. Selbst Linke haben Proteste
gegen die steigenden Lebenshaltungskosten als „prorussisch“
etikettiert. Der Tenor lautete, dass man in der jetzigen Situation
bestimmte Opfer für die strahlende Zukunft eines europäischen Wohlstands
bringen muss. Den Organisator:innen und Teilnehmer:innn solcher
Proteste wurde unterstellt, dass sie russische Interessen fördern. Diese
Anschuldigungen kamen von rechten Nationalist:innen und diversen Nazis,
die solche Hetzkampagnen oft zusammen orchestriert haben.
Allein die Feststellung, dass es in der Ukraine Nazis gibt,
wurde als potenziell schädlich für die nationale Sache gewertet. Vielen
Anarchist:innen war es wichtiger, ein vorteilhaftes Bild des eigenen
Staates zu zeichnen und so den Beitritt zur Europäischen Union zu
beschleunigen, denn damit verbinden sie die Hoffnung, dass sich die
Situation in der Ukraine verbessert. Aus meiner Sicht war der russische
Einmarsch im Februar kein völliger Bruch mit dem, was ohnehin schon
lief. Er hat lediglich dazu geführt, dass es immer üblicher wird,
kurzerhand alles, was einem nicht gefällt, als „prorussisch“ zu
bezeichnen, und die beschriebenen Dynamiken verstärkt. Ich halte es für
ziemlich naiv zu meinen, dass die Zentralisierung der Macht, die mit der
drastischen Einschränkung von Arbeiter:innenrechten stattgefunden hat,
rückgängig gemacht wird, sobald wieder stabile politische Verhältnisse
herrschen. Dass die ukrainische Regierung einfach so auf den rechtlichen
Rahmen verzichtet, den sie seit Kriegsbeginn zur Unterdrückung von
Protesten und zivilgesellschaftlicher Mitsprache geschaffen hat, und in
dem jeder, der von der offiziellen Linie abweicht, als Putin-Agent oder
was auch immer gebrandmarkt werden kann – das scheint mir schwer
vorstellbar.
Mein zweiter Vorbehalt gegenüber dem neuen Optimismus hat mit
der Frage zu tun, was genau in diesem Krieg eigentlich ausgefochten
wird. Ich bin kein Militärstratege oder -experte, aber selbst die
größten Optimisten, was die neueren Entwicklungen betrifft – Selenskyj,
seine Generäle, verschiedene Nationalisten – haben kein klar definiertes
Ziel, das als Sieg zählen würde. Das ist durchaus nachvollziehbar, denn
wie ein solcher Sieg aussehen sollte, lässt sich überhaupt nicht sagen.
Geht es darum, die Grenzen wiederherzustellen, wie sie bis Februar 2022
verliefen? In dem Fall könnte Russland die Ukraine von der anderen
Seite aus weiter bombardieren, selbst aus der Oblast Belgorod. Geht es
darum, die Krim zurückzuerobern oder zu „befreien“? Das dürfte sehr
schwierig werden, denn die schmale Landbrücke, die die Halbinsel mit dem
Festland verbindet, dient seit Jahrhunderten als eine Art natürliche
militärische Befestigung. Der Versuch, ein solches geografisches
Hindernis zu überwinden oder eine Stadt wie Mariupol einzunehmen, würde
zig Tausende, vielleicht sogar Hunderttausende von Soldaten das Leben
kosten, wenn er halbwegs erfolgreich sein soll. Von den zivilen Opfern
ganz zu schweigen. Wenn wir über solche Kriegsspiel-Szenarien reden,
vergessen wir oft, dass die ukrainische Armee nicht aus Freiwilligen
besteht, sondern fast ausschließlich aus Wehrpflichtigen. Für eine
derartige Offensive müsste der Staat noch mehr Soldaten mobilisieren,
also seine bisherigen Beschränkungen bei der Einberufung aufheben. Die
ukrainische Regierung weigert sich zuzugeben, wie viele Menschen jede
Woche, jeden Monat in diesem Fleischwolf ums Leben kommen. Als jemand,
der selbst in diesem Land mit geschlossenen Grenzen gelebt hat und
gerade noch fliehen konnte, habe ich mitbekommen, wie ganz
unterschiedliche Leute versuchen, da rauszukommen oder sich irgendwie
der Einberufung zu entziehen. Dass es eine massenhafte Bereitschaft
gäbe, für diesen völlig unklaren, undefinierten Sieg zu sterben, ist
daher ein falsches Bild, dem ich widersprechen möchte.
Auch wenn du ein paar Monate nach Beginn des russischen
Einmarschs geflohen bist, hast du ja wahrscheinlich noch Kontakte in die
Ukraine und kannst viel besser einschätzen als wir, wie die Situation
vor Ort ist. Wie würdest du die Stimmung nach mehr als sechs Monaten
Krieg beschreiben? Hat sich da zuletzt etwas verschoben? In Deutschland
wird immer das Bild einer ungebrochenen Moral gezeichnet, es gibt
Berichte, wie sich Tausende freiwillig zum Militär melden. Hat diese
Kriegsbegeisterung inzwischen nachgelassen? Welche Klassensegmente
unterstützen den Krieg, und aus welchen Gründen – ist das reiner
Nationalismus, Angst vor dem russischen Regime oder vielleicht auch eine
Frage von finanziellen Anreizen, meint: Leute aus den ärmeren Schichten
kämpfen im Donbass, weil sie dafür einen relativ „guten“ Lohn bekommen
oder zumindest nicht arbeitslos sind? Viele Linke hier meinten, dass
sich Leute melden, um Kiew zu verteidigen. Sitzen die inzwischen an der
Front im Donbass im Panzer? Und über welche Klassenlagen sprechen wir
hier?
Es ist extrem schwierig, ein vollständiges Bild der Situation
zu bekommen, deshalb beschränke ich mich auf ein paar Aspekte. Die
Realität hat jedenfalls sehr wenig mit dem zu tun, was die ukrainischen
und noch stärker die westlichen Medien behaupten. Die Kriegsbegeisterung
hat in den letzten Monaten definitiv abgenommen. Etwa seit März hat es
keine massenhaften Wellen von Kriegsfreiwilligen mehr gegeben. Allgemein
gilt: Je mehr jemand selbst oder über Verwandte vom Militär mitbekommt,
umso weniger nationalistisch ist er. Wer die Demütigungen beim
militärischen Drill erlebt hat oder die miserable Ausrüstung der
Soldaten, wer die Horrorgeschichten über die Offiziere kennt, über ihre
mangelhafte Ausbildung und die irrwitzigen Befehle, kaum bewaffnet in
wenigen Tagen eine Stadt einzunehmen, der wird die optimistischen
Geschichten über die zügige Rückeroberung „unserer verlorenen Gebiete“,
die Selenskyj uns tagtäglich eintrichtert, eher nicht glauben…
Ja, was du gerade meintest, stimmt: Anfangs haben sich viele
Leute freiwillig für die Territorialen Verteidigungseinheiten gemeldet,
das sind im Grunde lokale Milizen. Aber bei denen, die dann in den Süden
des Landes geschickt wurden, an die Front im Donbass – bei denen hat
die Kriegsbegeisterung schnell nachgelassen. Die hatten bislang an den
Zufahrtsstraßen nach Kiew Ausweise kontrolliert, Patrouille geschoben,
an den Checkpoints gestanden, und jetzt sind sie plötzlich an der Front,
kaum ausgebildet und minimal bewaffnet. Auch wenn der ein oder andere
vielleicht Panzer fahren durfte, sofern ihnen überhaupt Panzer zur
Verfügung gestellt wurden.
Die Kriegsbegeisterung hat also definitiv nachgelassen. Und
natürlich ist es eine Klassenfrage, wie man von den Realitäten des
Krieges betroffen ist. Die Wahrscheinlichkeit einer Einberufung ist viel
höher, wenn man nicht das nötige Bestechungsgeld hat. Vor dem Krieg
konnte man sich vielleicht mit Tausend Dollar bei den zuständigen
Militäroffizieren freikaufen; heute kostet es wahrscheinlich deutlich
mehr. Und wer das Geld früher nicht hatte, der wird es jetzt wohl auch
nicht haben.
Es ist auch wahrscheinlicher, eingezogen zu werden, wenn du die
Schule abgebrochen hast oder nie studiert hast. Außerdem kommst du an
der Einberufungsbehörde nicht vorbei, wenn du Papiere für eine
offizielle Beschäftigung brauchst. Wenn du nicht zum Militär willst,
bleibst du also schneller im informellen Sektor und in der Armut hängen;
du hast dadurch einfach weniger Optionen.
Was noch erwähnt werden sollte, ist, dass ukrainische
Universitäten etwas proletarischer sind als westliche. Es gibt immer
noch einige Überbleibsel des sowjetischen Systems, als Bildung vom Staat
bezahlt wurde und entweder günstig oder komplett umsonst war. Aber fast
jede Universität in der Ukraine verlangt, dass du einen militärischen
Vorbereitungskurs absolviert hast, so dass registriert ist, dass du
bereits Erfahrung mit Waffen hast.
Für soziale Kämpfe oder Klassenkämpfe in der Ukraine gibt es
zurzeit leider keine besonders sichtbaren Beispiele. Aber es gibt viel
Widerstand, der natürlich nicht für Schlagzeilen sorgt oder in der New York Times auftaucht. Leider ist er fast immer isoliert.
Viele Ukrainer versuchen sich individuell vor den
Militärbehörden und der Polizei zu verstecken, um einer Einberufung zu
entgehen. Manche versuchen mit dubiosen Papieren über die Grenze zu
kommen, andere zahlen dafür, als Pfleger*innen für behinderte Menschen
registriert zu werden, da man so das Land verlassen darf. Wieder andere
versuchen mit ärztlichen Attesten das Land zu verlassen oder bewerben
sich an ausländischen Universitäten, was jedoch in den letzten Wochen
für illegal erklärt wurde.
Aber kollektive Aktionen waren nicht sehr erfolgreich. Nach dem
Einmarsch im Februar wurde der Ausnahmezustand verhängt, seitdem hat
die Polizei sämtliche Proteste, die nicht komplett friedlich oder auf
Regierungslinie waren, unterdrückt. Außerdem verteilen sie
Einberufungsbefehle an Männer auf der Straße, um Demonstrationen zu
unterdrücken. Wenn du männlich bist und bei einer Demo aufkreuzt, drückt
dir ein Polizist einfach einen Einberufungsbefehl in die Hand. Du bist
dann verpflichtet, am nächsten Tag oder in der nächsten Woche bei der
Einberufungsbehörde zu erscheinen. Dadurch nehmen natürlich weniger
Menschen an Straßenprotesten teil. In letzter Zeit sind deshalb in
erster Linie Frauen auf die Straße gegangen, vor allem um internationale
Aufmerksamkeit zu erreichen, aber das waren auch nie mehr als hundert
Leute.
Was Arbeitskämpfe betrifft, hat es in den letzten Monaten eine
massive Einschränkung von Rechten gegeben. Und es ist nicht so, dass es
in der Ukraine vorher eine aktive Arbeiterbewegung gegeben hätte. Es gab
nur einige Arbeitsniederlegungen und Streiks samt Demonstrationen vor
allem von Bergarbeitern in den wenigen verbliebenen Industriegebieten in
der Ukraine rund um Lwiw or Krywyj Rih. Aber selbst die werden nur als
Verteidigung des Staates gegen die korrupten Oligarchen angesehen. Also
kein Grund für viel Hoffnung.
Der Krieg in der Ukraine wird ja oft als
Stellvertreterkrieg zwischen der NATO und Russland interpretiert. Aber
müssen wir nicht zur Kenntnis nehmen, dass in Russland eine aggressive
revanchistische Ideologie vorherrscht, nach der die Ukraine ein
künstliches Gebilde ohne eigene Kultur ist, das keine Souveränität
verdient? Einige Publikationen fordern sogar eine „ De-Ukrainisierung“,
also die Auslöschung der kulturellen Identität des Landes. Was sagst du
zu der Forderung, in diesem Konflikt Partei für eine Seite zu ergreifen?
Wenn man von einem interimperialistischen Konflikt ausgeht, bezieht man
natürlich eine strikt neutrale Position. Aber ist das nicht zynisch,
wischt man damit nicht das Selbstverteidigungsrecht der ukrainischen
Bevölkerung gegen einen russischen Angriffskrieg einfach weg?
Um deine letzte Frage zu beantworten: Der Vorwurf der
„Neutralität“ – dass man den Ukrainer:innen ihr Recht auf
Selbstverteidigung abspricht – hat in meinen Augen nichts mit radikaler
Politik tun. Er kommt meistens von Leuten, die lieber leere
Solidaritätsparolen anstimmen, anstatt darüber nachzudenken, was es für
eine wirklich emanzipatorische Bewegung braucht. Das sind hohle Parolen,
weil es keine starke linksradikale oder auch nur linke Bewegung mehr
gibt, am allerwenigsten in Russland und der Ukraine. Unsere Aufgabe
sollte es sein, zu überlegen, worin die Bedingungen für unsere Befreiung
bestehen und welche Klassensegmente überhaupt noch etwas durchsetzen
könnten.
Fragen wie: „Verlangst du als revolutionärer Defätist von den
Ukrainern, in den sicheren Tod zu gehen?“ erscheinen mir ähnlich dumm
und irreführend wie die Erwiderung darauf: „Verlangst von mir, dass ich
aufhöre, Kommunist zu sein, und die Errungenschaften der europäischen
Zivilisation aufgebe?“ Beide Fragen verweisen auf das Problem der
Klassenzusammensetzung. Eine bisher ungelöste Aufgabe, die nur
historisch gelöst werden kann. Aber unsere Aufgabe als Kommunist:innen
ist es nicht, die Vorstellung vom Kommunismus als dumm oder utopisch zu
verwerfen, sondern – im Gegenteil – derartige Vorwürfe als haltlos zu
entlarven.
Revolutionärer Defätismus heißt nicht, dass man die ukrainische
Bevölkerung dazu auffordert, die Waffen niederzulegen und sich zu
ergeben. Sondern es geht darum zu erkennen, welche Art von Widerstand
die russisch-nationalistische genozidale Maschinerie zerstören kann.
Dazu zählen sicherlich Kriegsdienstverweigerer und Streikende in der
Ukraine, Russland und dem Donbas. Es spielt keine Rolle, ob solche
Aktionen gegen den Krieg bewusst oder unbewusst ausgeführt werden, denn
in jedem Fall tragen sie dazu bei, ein Klima der Unzufriedenheit mit der
aktuellen Situation zu schaffen. Die Aufrechterhaltung von
Privateigentum bedeutet, dass Bereiche wie Transport, Logistik,
Lebensmittel, Heizung ohne fossile Brennstoffe nicht funktionieren, und
die Kriegsmaschinerie erzeugt auf russischer wie ukrainischer Seite
immenses Leid für die Zivilbevölkerung hinter den Frontlinien.
Die Besonderheiten dieses Kriegs zwingen uns dazu, bestimmte
Positionen und alte Strategien zu überdenken. Beide kriegsführende
Nationen haben aktuell mehr Polizei- als Streitkräfte oder ungefähr
genauso viele, wenn man die nicht direkt am Krieg beteiligten Beamten
der Nationalgarde wie etwa den Grenzschutz mitzählt. Die meisten sorgen
hinter den Frontlinien dafür, dass sich alle dem vermeintlich
natürlichen Patriotismus fügen. Um dem durch die endlose
Kapitalakkumulation erzeugten Leiden ein Ende zu bereiten, müssten die
Polizeikräfte bezwungen und unterwandert werden, anstatt sich nur
Scharmützel mit ihnen auf der Straße zu liefern.
Das wirft eine Menge Fragen darüber auf, wie konventionelle
Kriege heute geführt werden, die von Finanzströmen und der unsicheren
Zufuhr von fossilen Brennstoffen und Waffen abhängig sind. Ich kann mir
nur schwer eine emanzipatorische Bewegung vorstellen, die nicht die
unterschiedlichen Kriegsschauplätze, die Frontlinien und die Heimatfront
mit einbezieht. Man muss die Illusionen bekämpfen, die durch Kriege oft
erzeugt werden. Eine Organisation, die den Status Quo in der Ukraine in
Frage stellen will, muss sich Gedanken darüber machen, wie sie sich
ausweiten und gegen die Polizei und die verschiedenen Nationalisten
verteidigen kann. Als Kommunist:innen sollten wir davon ausgehen, dass
sich nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Russland eine soziale
Bewegung entwickeln kann, die die Kriegsmaschinerie zum Erliegen bringt.
Besonders jetzt, da ein größerer Teil der russischen Armee aus
Wehrpflichtigen bestehen wird.
Wir müssen über Staatsgrenzen hinaus schauen, denn was sich in
der Ukraine an sozialer Bewegung entwickeln könnte, hängt nicht nur von
den Bedingungen vor Ort ab; der ukrainische Staatshaushalt ist zurzeit
auf monatliche Kredite und Anleihen angewiesen. Eine Bewegung könnte
auch irgendwo in der ‚Dritten Welt‘ anfangen und sich dann auf Europa,
Russland und die Ukraine auswirken. Bewegungen könnten sich gleichzeitig
entwickeln und gegenseitig beflügeln. Und das könnte vielleicht
letztlich dazu führen, dass die Soldat:innen an der Front ihre Waffen
niederlegen und sich verbünden.