Brasilien: Pensionskassen und Landraub

Mittwoch, 15. Februar 2017




(zas, 15.2.17) Am 6. und 7. Februar veröffentlichte das Linksportal Brasil de Fato zwei Artikel von Lilian Campelo zu einer massiven Form von spekulativem Landraub in Brasilien durch grosse transnationale Pensionskassen (Terras na região do Cerrado viram alvo de especuladores, im Folgenden BdF 1, und Fundos de pensão estrangeiros grilam terras na região do Cerrado, BdF 2). Die Artikel stützen sich auf den Bericht A Empresa Radar S/A e a Especulaçãocom Terras no Brasil der Rede Social Justiça e Direitos Humanos (ein auf Landrechtsfragen spezialisiertes brasilianisches Netzwerk), auf den sich Grain (Genetic Resources Action International) in Foreign pension funds and land grabbing in Brazil bezieht.
Ort des gigantischen Verbrechens sind grosse Agrarzonen in den Bundesstaaten Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahía im Cerrado, einem immensen Savannengebiet. 73 Millionen Ha Landwirtschaftsböden, eine Fläche grösser als Deutschland, sind dort schon in den Fängen des Agrobusiness. Die Biodiversität im Cerrado ist von enormer Vielfalt, vergleichbar jener der Amazonía – noch! „Studien der Bundesuniversität von Goiás zeigen, dass jährlich 22‘000 Quadratkilometer des Cerrado abgeholzt werden, vorallem wegen für die agroindustriellen Plantagen von Soja, Baumwolle und anderen Exportprodukten. Mehr als die Hälfte ist schon zerstört; bei diesem Rhythmus wird der Cerrado bis 2030 komplett der Vergangenheit angehören“ (Grain, Box 3). 
Im Cerrado.

Grossnutzniesserin der Zerstörung ist die TIAA-CREF, die grösste US-Pensionskasse für Lehrpersonal und Angestellte der Unterhaltungsindustrie, „die global bedeutendste institutionelle Investorin in Landwirtschaftsböden“ (Grain). Die Kapitalgruppe hatte nach dem Ausbruch der Finanzkrise 2007 pp. Ackerland als sicheren Spekulationswert erkannt. So kauft sie zusammen mit angeschlossenen PKs aus Kanada und Schweden in Brasilien riesige Gebiete auf, um sie meist nach einigen Jahren an Agrobusinessgruppen zu verschachern  oder sie manchmal selber für Monokulturen (vorallem Soja und Zuckerrohr) zu vernutzen. Die Kassen „sehen langfristige Gewinne aus dem steigenden Preis von Ackerland und dem Cashflow, der in der Zwischenzeit über Landpachten, Verkauf von Exportartikeln, Viehherden oder Fleischproduktion hereinkommt (…) [Sie sehen die Landpreise] parallel zur Inflation (und wichtig, den Löhnen) steigen, aber nicht zu anderen commodities in ihrem Portfolio“ (Grain).  
Lilian Campero zitiert die Amazonasspezialistin Marcela Vecchione von der Universidade Federal do Pará, die auf weitere für die Transnationalen attraktive Eigenschaften des Cerrado hinweist, etwa die Wasservorkommen und die Perspektiven von Transportinfrastruktur für die export crops zu Wasser und auf der Schiene. Vecchione macht hier eine „Bedrohung der Wasserquellen“ (BdF 1) aus.
Den Cerrado bedroht ein Erschliessungsplan für die Intensivierung der Monokulturen. Matopiba, so heisst der Plan, hatte 2015 unter Präsidentin Dilma Rousseff an Schwung und Attraktivität für die Finanzgruppen gewonnen. Rousseff war zu Beginn ihrer zweiten Regierungsperiode nichts Besseres eingefallen, als Ende 2014 mit Kátia Abreu eine frühere Chefin des nationalen AgrounternehmerInnenverbands CNA zu ihrer Agrarministerin zu ernennen. Abreu trug in Anerkennung ihrer offensiven Abholzpraxis als führende Grossgrundbesitzerin im Land den Übernamen „Chefin der Motorsäge“.
Und welch Überraschung: Die Transnationalen operieren mit schmutzigen Tricks. Der US-Pensionsfonds TIAA-CREF und die verbündeten Pensionskassen aus Kanada und Schweden brechen locker das brasilianische Gesetz. So hatte der Generalstaatsanwalt 2010 ein schon bestehendes Gesetz zur Beschränkung von ausländischen Bodenbesitz im Grossausmass neu interpretiert. Jetzt galt es auch für von ausländischen Personen kontrollierte brasilianische Unternehmen. No problem. TIAA-CREF gründete das Joint Venture Tellus mit dem brasilianischen Zuckergiganten Cosan, an dem dieses 51 % der Anteile hält. Detail:  Tellus, nominal brasilianisch kontrolliert, operiert mit spezifischen Krediten des US-Fonds in Form von Schuldverschreibungen, die, so Grain, „die Filialen von TIAA-CREF zu praktisch allen Gewinne berechtigt und die jederzeit in Aktien umgewandelt werden können. Der einzige wichtige Unterschied besteht darin, dass diese Schuldverschreibungen es TIAA-CREF und ihren Geschäftspartnern ermöglichen, ihre Kontrolle der von Tellus gekauften Ländereien zu verheimlichen und die legalen Beschränkungen für ausländischen Landbesitz zu umgehen.“
Der „Fortschritt“ weiss sich auch anderswie zu helfen, zum Beispiel mit Grundbuchfälschungen. Meisterschaft auf diesem Gebiet legt etwa Euclides de Carli mit seinem Grupo de Carli an den Tag. Grain schreibt: „Manoel Ribeiro, ein Abgeordneter im Staat Maranhão, beschuldigt de Carli, illegal 1 Million Ha Land in Brasilien ergattert zu haben, darunter 13 Landbetriebe in Maranhão. Er beschuldigt de Carli weiter, Bewaffnete für die Räumung von Landgütern einzusetzen und die Ermordung eines verkaufsunwilligen Bauern angeordnet zu haben. Andere Untersuchungen zeigen, wie De Carli und andere LandaneignerInnen regelmässig Unterlagen fälschen, um Land in der Gegend in ihren Besitz zu bringen.“
Mauricio Correia von der AnwältInnenvereinigung der Landlosen in Bahía (AATR) hält fest: „Die Ausweitung der landwirtschaftlichen Anbaufläche erfolgt nicht auf legale Weise“ (BdF 2). Vor  lokalen Notaren werden, erfahren wir weiter, kleine Besitztümer von ein paar Ha registriert, etwa solche, die von an Landbesitz nicht mehr Interessierten ErbInnen verkauft werden. In einem zweiten Schritt werden mehrere dieser Landtitel, für beispielsweise insgesamt 100 Ha, zu einem einzigen Titel zusammengefasst, bloss dass der dann auf 10‘000 Ha lautet. Oder Land wird legalisiert und in der Praxis ein anderes, nicht erfasstes, für das Agrobusiness eingezäunt. Nach Correia verweist etwa der Dekan des Geographischen Instituts der Universität von São Paulo darauf, dass 80 % dieser Ländereien im Gebiet des Plans Matopiba unter „leerstehend“ (terra devoluta) figurieren, also ohne bisherigen privaten oder staatlichen Besitzer und ungenutzt.
De Carli, berüchtigter „grösster Grundbuchfälscher der Region“ (BdF 2), weiss den Begriff leerstehend zu schätzen. Die Rede Social Justiça e Direitos Humanos konnte nachweisen, dass de Carli Tellus, also den Pensionsfonds, zwei Grossländereien im Matopiba verkauft hat. Nota bene: Die Grundbuchämter weigerten sich, wie Grain beschreibt, selbst dem vom Putschregime aufgelösten Ministerium für Landreform (INCRA) Angaben zu Eigentumsverhältnissen zu machen. Den Rechercheteams der Rede verweigern die Fonds ebenfalls jegliche Angaben. In den Fällen der zwei erwähnten Ländereien gelang der Besitznachweis nur dank kniffliger Detailrecherchen der Rede. Doch ihre Teams vor Ort  erhielten von der Landpastorale und Landlosenorganisationen klare Aussagen zu weiteren De-Carli/Pensionsfonds-Landtransfers.
Selbstverständlich ist der Begriff von der „leerstehenden“ terra devoluta nur eine lokale Variante der alten Koloniallüge vom „jungfräulichen Land“. Es geht im vorliegenden Fall um die sogenannten Chapadas, Hochplateaus. Unten ackern die oft indigenen oder afrobrasilianischen Gemeinschaften, oben entspringen die Flüsse und finden die Gemeinschaften seit je Brennholz, Heilkräuter, Futter, Wasser… „ungenutztes“ Land also, leicht zu privatisieren, zu dem der Zugang versperrt wird. Grain schreibt: 
Chapada.


Ohne die Ressourcen der Chapadas (…) waren viele KleinbäuerInnen gezwungen, ihre Heime zu verlassen, um Arbeit in den Städten, in den gefährlichen lokalen Diamantenminen oder in den Zuckerrohrplantagen der zentral-südlichen Region zu suchen. Die neuen Sojafarmen schaffen nur gering bezahlte Arbeitsplätze während der ersten Vorbereitung des Lands. Aber danach gibt es angesichts der intensiv mechanisierten Produktionsweise nur sehr wenige Jobs.
Die Situation wird noch schlimmer, da sich das Phänomen des Landraubs jetzt in das Tiefland verlagert, wo die bäuerlichen, indigenen und afrobrasilianischen (Quilombola) Comunidades ihre Gärten und Äcker haben und ihre Tiere für den Eigenkonsum halten. Das Tiefland versorgt sie auch mit Wasser und Fischen.
Wir organisierten im Juli 2015 Feldbesuche bei den Comunidades im Tieflandumfeld der Tellus-Farm Ludmilla in Santa Filomena, Piauí. Die Ansässigen berichteten uns, dass die Landräuber Gewalt anwenden, um sie von ihrem Land zu vertreiben, das sie anschliessend dem Agrobusiness verkaufen.  Den BewohnerInnen der Comunidad Sete Lagoas etwa wurde ein Teil ihres Landes von einem Landräuber eingezäunt. Sie können die jetzt von privaten Sicherheitskräften bewachte Zone nicht mehr betreten. Mitglieder der  Cabeceira do Angelim, einer anderen Comunidad, die in der Chapada da Fortaleza an die Ludmilla-Farm angrenzt, erzählten uns, dass sie erst von Landräubern von ihrem Land auf der Chapada und anschliessend von einem Teil ihres Landes im Tiefland vertrieben worden waren.
Quelle: Der Bericht der Rede.

Wir besuchten auch Gemeinschaften im nahe gelegenen Alto Parnaíba, an der Grenze der Santa Filomena im Staat Maranhão, wo die Marimbondo-Farm von Tellus liegt. Gemeindemitglieder erläuterten, wie die Ausweitung des Agrobusiness ihnen den Zugang zu Wasser im Tiefland, wo sie leben und bauern, versperrt hat. Dieses Gebiet wird von Flüssen bewässert, die in der Savanne der Chapadas entspringen. Aber die durch die ausgeweitete Sojaproduktion verursachte Abholzung in der Chapada zerstörte die Wälder und Nassgebiete; in der Folge vertrockneten die Flüsse.
Die Gemeinschaften, die wir trafen, litten auch unter der Verschmutzung der im industriellen Anbau benutzten Agrogifte. Die in den Farmen versprühten Pestizide vergiften am Schluss ihr Trinkwasser und die Fische, die sie essen. (…) Die Industriefarmen pflegen ihre Agrochemikalien vom Flugzeug aus zu sprühen. Diese Chemikalien enden deshalb oft auf in den Wohngebieten und Ländereien der lokalen Bevölkerung, deren Gesundheit und Ernten sie in Mitleidenschaft ziehen. Mitglieder der Comunidades, mit denen wir sprachen, sehen einen direkten Zusammenhang zwischen der Zunahme von Krebserkrankungen in den Gemeinschaften und der Belastung durch Agrochemikalien der Industriefarmen in der Zone. Sie konstatieren auch eine Zunahme der Fälle von Atmungsproblemen und Hautkrankheiten.

Natürlich rühmen sich TIAA-CREF und die anderen Pensionskassen grössten Engagements für die corporate social responsability.

El Salvador: „Die mit den grössten Schulden nehmen den Mund voll mit Phrasen von Transparenz“

Montag, 6. Februar 2017



Daniel Trujillo*
(2.2.17) Der Vizefinanzminister enthüllte keine Namen der grössten Steuerschuldner, aber versicherte, dass es jene sind, die öffentlich und wiederholt nach Korruptionsbekämpfung und Transparenz rufen. Der Vizeminister Alejandro Rivera sagte: „Ich kann sagen, dass die, die in diesem Land am meisten Steuerschulden haben, jene sind, die oft den Mund voll nehmen mit Phrasen gegen die Korruption und zugunsten von Transparenz.“
Der Vizeminister meinte, das Finanzministerium habe eine Liste, aus der hervorgehe, dass die grössten Unternehmen im Land die grössten Steuerschulden haben. Das Steuergesetz verbiete die Veröffentlichung dieser Liste.
 
Alejandro Rivera
____
(zas) Hintergrund: Die Rechte führt mithilfe der grossen Medien, des Obersten Gerichts und der Generalstaatsanwaltschaft eine Dauerkampagne gegen angebliche Korruption in der linken FMLN-Regierung. Gleichzeitig blockiert die führende Rechtspartei ARENA, die im Parlament bei entscheidenden Finanzierungsfragen über eine Sperrminorität verfügt im Verbund mit der Verfassungskammer des Obersten Gerichts viele Einkunftsmöglichkeiten der Regierung wie etwa moderat progressive Steuerreformen oder eine schärfere Bekämpfung der Steuerkriminalität. Ziel ist aus wahltaktischen oder offener putschistischen Motiven heraus die regierende FMLN-Linke als regierungsunfähig hinzustellen. Diese seit über zwei Jahren anhaltend umgesetzte Sabotagepolitik zeigt durchaus Wirkung. So ist das aufgrund einer Ende der 90er Jahre durchgeführten Privatisierung nach chilenischem Vorbild das Rentensystem derart marode, dass die Regierung längst einspringen musste, aber dies absehbar aufgrund der Finanzknappheit nicht mehr lange wird machen können. Während die grossen Medien und rechten Institutionen permanent das Bild einer sich in Unfähigkeit verstrickenden Regierung zeichnen,  führt der FMLN systematisch Kampagnen durch, in denen an den Wochenende AktivistInnen die Leute bei sich zuhause aufsuchen, um ihnen die Lage im Land zu erklären.

Imperium/Petrobras: Korruption und ihr Nutzen

Freitag, 3. Februar 2017



 (zas, 3.2.17) Comperj – der Begriff dürfte ausserhalb Brasiliens wenig bekannt sein, und doch liefert er da und dort ein Motiv für eine nicht mehr so stille mediale Freude über den „Aufschwung“ in Brasilien. Comperj steht für Complexo Petroquímico do Rio de Janeiro. Eine der weltweit relevantesten Grossinvestitionen, ein gigantisches, 2006 vom damaligen Präsident Lula lanciertes Projekt der staatlich kontrollierten brasilianischen Ölgesellschaft Petrobras. Brasilien lag damals im Bereich von Grossingenieurbauten global mit an der Spitze. Bei den Megaprojekten im Land und oft in Lateinamerika spielten nicht-brasilianische Unternehmen keine oder bloss eine untergeordnete Rolle.
Tempi passati.
Bei neuen Megaprojekten sind brasilianische Multis nicht mehr dabei. Comperj ist zwischenzeitlich sistiert worden. Vor gut zwei Wochen hatte Petrobras die Liste der an einem neuen Grossprojekt von Naturgas im Comperj veröffentlicht. Das Projekt ist zentral für die Verarbeitung des bei der Förderung der enormen Ölreserven des pré-sal vor der Küste Brasiliens anfallenden Naturgases. An 30 Unternehmen gingen die Aufträge, nicht eines ist brasilianisch.
Der Grund: die neue, putschistische Petrobras-Leitung hatte sämtliche für das Projekt in Frage kommenden einheimischen Unternehmen als „ungeeignet“ von der Ausschreibung ausgeschlossen. Begründung: Die Justiz ermittle gegen sie in der sog. Petrobras-Korruptionsaffaire (s. Efeito da Lava Jato: grande obra no Brasil só para estrangeiros).
Comperj.
Sergio Gabrielli war von 2005 bis 2012 Präsident von Petrobras. Am letzten 31. Januar veröffentlichte Brasil de Fato ein Interview mit ihm (Engenharia brasileira está desmontada). Er geht darin auf die sog. Antikorruptionskampagne ein, die den Putsch gegen die gewählte Regierung von Dilma Rousseff vorbereitete und ölte. Gabrielli sagt:

Fundamental versuchte die Rechte die Idee im Land zu etablieren, dass wir in einem Riesensumpf lebten, in einem Land der allgemeinen Korruption, und dass Petrobras ein völlig korruptes Unternehmen sei. Aber wenn sich die Leute von der Schaumschlägerei abwenden und sich an den schon zu Tage geförderten Tatsachen orientieren,  sehen sie, dass die Zahl betroffener Personen in Petrobras relativ klein ist. Es sind wenige Direktoren involviert, drei, um genau zu sein, und sehr wenige Filialleiter. Petrobras hatte damals 80‘000 Angestellte, es ist also nicht statthaft, das Unternehmen insgesamt als korrupt zu taxieren.
Petrobras hat alle Verträge, die Paulo Roberto Costa, Pedro Barusco, Renato Duque und Nestor Cerveró abschlossen, einbeziehend, errechnet, dass die Korruption bei diesen Verträgen 3 Prozent ausmachte. Das macht einen absolut gigantischen Betrag von 6 Mrd. Reais aus (etwa CHF 1.8. Mrd.). Nun, Petrobras fakturiert jährlich 380 Mrd. Reais (ca. CHF 119 Mrd.). Die 6 Mrd. Reais eigneten sich diese Individuen im Laufe von 15 Jahren an, einen im Vergleich zum Geschäftsvolumen von Petrobras relativ geringen Betrag. 
Aber in der von den grossen Medien erzeugten Wahrnehmung scheint alles in Petrobras korrupt. Dies bezweckte, die Korruption zu einem nationalen politischen Programm zu machen.
Sergio Gabrielli


Auf die Frage nach der o. e. Auftragsvergabe in Comperj meinte Gabrielli:

Petrobras war das Zentrum einer Industriepolitik, die sich um die Achse der Nutzung eines grossen entdeckten Reichtums drehte, des pré-sal.  Tatsächlich versuchte Petrobras das Problem der Investitionen in die Ölausbeutung so zu gestalten, dass die in verschiedenen Ländern auftretende sog. Holländische Krankheit vermieden werde. Sie tritt auf, wenn die Ölbewirtschaftung rasant wächst, aber nichts darum herum. Wie wurde das angestellt?  Die national ausgerichtete Grundidee war, dass alles, was in Brasilien produziert werden könnte, auch in Brasilien produziert wird. Dies bedeutete, die Produktionskapazität der Werften, der Schifffahrts-, mechanischen, Rohrleitungs-, Kompressoren- oder Unterwasserindustrien auszubauen. Die würde eine Auswirkung auf die brasilianische Industrie zeitigen und Arbeitsplätze und Einkommen erhöhen. Mit Lava Jato [Petrobras-Strafuntersuchung], der kurzfristigen Krise von Petrobras und dem, was vom Ölpreis bleibt, ist das passé.

In einem weiteren Artikel von Brasil de Fato (26.1.17, Comperj: Petroleiros rebatem argumentos da Petrobras para escolha de estrangeiras) analysiert Victor Marchesini, Leiter von Senge-RJ, der Gewerkschaft der Ingenieure von Rio de Janeiro, die Auftragsvergabe an ausländische Unternehmen so:

„Auch wenn die Arbeiter im Land sind, bedeutet [die Vergabe] praktisch, dass das qualifizierteste Corps im Hauptsitz bleibt. Die innovativsten Projekte, die Forschungszentren und die Entwicklung neuer Technologien verbleiben im Mutterhaus. In Brasilien bleibt die Auftragsabwicklung, für uns gibt es die am wenigsten qualifizierten Dienstleistungen.

Der Artikel fährt so fort: „Zeitungen und Nachrichtenportale veröffentlichten Materialien, die darauf hinwiesen, dass mehr als 20 der 30 von Petrobras beauftragten Unternehmen in Korruptionsskandale verwickelt sind.“ Und zitiert dann weiter Marchesini: 

Die von Lava Jato nachgewiesene Korruption wurde zum politischen Vehikel, um die nationalen Unternehmen auszubooten und die ausländischen reinzuholen. Wir sehen also, dass das Grundlegende der Ereignisse der letzten Monate in Brasilien nicht die Korruption ist, es gibt Interessen, die nach oben verweisen.

 „Der Leiter von Senge“, so die Artikelautorin Mariana Pitasse, „bezieht sich [mit dieser letzten Aussage] auf die von der Bundesjustiz verhängte einstweilige Verfügung, dass die 23 in der Untersuchung genannten Unternehmen von Petrobras-Verträgen ausgeschlossen bleiben. Für Marcelo Nunes von der Gewerkschaft Sindipetro-NF, waren die Auswirkungen der Präferenz für ausländische Unternehmen schon vor der Wiederaufnahme der Arbeiten im Comperj spürbar:“

Ich arbeite seit 14 Jahren in Petrobras und kann sagen, dass es in den Jahren der Regierung Lula, als wir angefangen hatten, Plattformen im Land herzustellen, zu einem grossen Unterschied in der Produktionsweise des Unternehmens gekommen ist. Wir konnten Knowhow und Techniken entwickeln. Heute haben wir wieder Produkte made in China oder Korea. Wir bleiben aussen vor.

_____
Sie wussten von nichts
Am 1. Dezember 2014  veröffentlichte das Portal Correio de Cidania ein Interview mit dem Ingenieur Fernando Siqueiro, Exponent einer Gruppe kritischer Petrobras-AktionärInnen, aus dem wir Auszüge im Correos 180 (Februar 2015) brachten:

Was Besorgnis erregt, ist, dass obwohl die Korruption ein generalisierter, metastasierender Krebs ist, Petrobras im Kreuzfeuer der Kritik steht, nicht als das Opfer, das der Konzern ist, sondern als Herd der Korruption. Dies aus dem Interesse heraus, Petrobras so zu schwächen, dass sie nicht die einzige Operateurin des pré-sal sei, was die zwei Hauptbereiche der in der globalen Erdölproduktion grassierenden Korruption beeinträchtigen würde: die Überdimensionierung der Produktionskosten, entschädigt mit Öl, und die betrügerische Messung der Produktion. (…) Viele naive BrasilianerInnen (…) wissen nicht, dass die globalen Privatkonzerne, die einzigen, die Petrobras kaufen könnten, die korruptesten und die am meisten korrumpierenden Unternehmen der Welt sind.
(…)
Seit ca. 10 Jahren prüft die US-Revisionsgesellschaft PricewaterhouseCoopers die Bücher von Petrobras. Sie hat dafür Zugang zu allen Unterlagen des Unternehmens. Seit 5 Jahren ist PwC auch zuständig für die strategische Planung von Petrobras. Sie unterschrieb auch die Bilanz der ersten beiden Trimester dieses Jahres. Wie sollen wir da akzeptieren, dass PwC sich jetzt weigert, die neue Bilanz zu unterschreiben, um sich von aller Schuld frei zu waschen? … Das Unternehmen Boston Group ist verantwortlich für die Taktische Operative Planung von Petrobras und hat ebenfalls Zugang zu allen Daten. Wie soll es die Unregelmässigkeiten nicht entdeckt haben? Und was soll der Vorteil von Petrobras sein, diese Funktion an ein ausländisches Unternehmen ausgehändigt zu haben? Für die USA ist es optimal: Zugang zum Innersten von Petrobras. Im Integrierten Datenzentrum von Petrobras arbeiten US-Unternehmen (die Hälfte von allen) und drei weitere besorgen die Datenverschlüsselung. Die Software für die Verarbeitung der Explorations- und Förderungsdaten gehört Halliburton. US-Unternehmen sind in allen Schlüsselpositionen von Petrobras. So wird deren Verwaltung nicht nur privatisiert, sondern auch entnationalisiert. Das kann Absicht sein, um das Unternehmen zu demontieren.

_____
Gegen Megaprojekte laufen rund um den Globus Betroffene teilweise verzweifelt Sturm. Es geht nicht darum, diese im Namen der nationalen Wirtschaftssouveränität schön zu reden. Umgekehrt ist eine „puristische“ Haltung, wonach Hans sowieso was Heiri, eine der politischen Bestimmung im nationalen Rahmen unterworfene Entwicklung auf jeden Fall das Gleiche wie die Dominanz von Multis sei, bestenfalls Ausdruck von Dummheit. Dank der oben erwähnten industriellen Entwicklung haben die PT-Regierungen 40 Millionen Menschen aus der Armut befreit – das wird heute zurück gerollt. Die heute anklingende vorsichtig-freudige Erregung über die wirtschaftliche „Gesundung“ in Brasilien ist kein Zufall.