Schweiz/Venezuela: Die Schraube anziehen

Samstag, 18. Juli 2020

(zas, 18.7.20) Am letzten 7. Juli übernahm die Schweiz von der EU-Sanktionen gegen weitere elf venezolanische FunktionärInnen. Gemäss der damit aktualisierten Verordnung über Massnahmen gegen Venezuela vom 28. März 2018 erstrecken sich die Sanktionen, die gemeinhin als Einreiseverbote oder Konfiszierung von Bankkonten der betroffenen natürlichen oder juristischen Personen gehandelt werden, auch auf «Unternehmen und Organisationen, die im Namen oder auf Anweisung der natürlichen Personen, Unternehmen und Organisationen nach Buchstabe a handeln» oder «sich im Eigentum oder unter Kontrolle» dieser Personen «befinden» (2. Abschnitt). «Buchstabe a» bezieht sich auf eine Liste (hier und hier). [i]

Es sind diese «sekundären», also nicht nur das genannte Individuum betreffenden Sanktionen, die in Venezuela, aber auch in anderen sanktionierten Ländern enorme wirtschaftliche und soziale Zerstörungen anrichten. Dies aus einem einfachen Grund. Sagt das US-Finanzministerium, die Behörde oder Institution, mit der eine sanktionierte Person verbunden ist, stehe unter ihrer Kontrolle, sind allenfalls im Ausland gelagerte Vermögenswerte der besagten Entität oder ihre Zahlungen, die über das US-Finanzsystem abgewickelt werden, automatisch beschlagnahmt. Brüssel und im Schlepptau Bern kopieren wie andere Länder fast ebenso automatisch die US-Vorgaben in ihren eigenen Sanktionserlassen. Die Finanz- und Wirtschaftsblockade wird nach US-Belieben zunehmend totalisiert oder entschärft, je nach «Betragen» des betroffenen Landes.

Weniger als einen Monat vor den neuen Sanktionen organisierte die Schweiz via DEZA für eine Reihe von UN-Organisationen und das IKRK einen Flug humanitärer Güter nach Venezuela im Zusammenhang mit der Coronaepidemie. Die alte Geschichte:  Man zeigt am Schaufenster ein Mal die «menschliche» Seite und wütet dafür andauernd off the record. Oder hätte wer davon gehört, dass das Schweizer Finanzdepartement und die Nationalbank sich im IWF gegen die Verweigerung von Covid-19-Nothilfen an Nicaragua oder Venezuela ausgesprochen hätte?

So verlogen wie die Begründung jüngster Schweizer Sanktionen gegen Nicaragua war (s. Nicaragua/Schweiz: Sanktionen und die alte Doppelmoral), ist sie es heute bei den neuen Angriffen auf Venezuela. Dabei gibt es ein Novum: Erstmals wird ein Nicht-Chavist sanktioniert. Der letzten Januar neu gewählte rechte Parlamentspräsident Luis Eduardo Parra Rivero und sein Vize fallen auch in Bern in Ungnade. Aus der Seco-Begründung: «The election took place while entry of several parliamentarians to the premises of the National Assembly was blocked by military police.» Wir erinnern uns an die Foto: Juan Guaidó, der von Trump erkorene «Präsident» Venezuelas und, bis letzten Januar, Parlamentspräsident, versucht, über eine Gitterabsperrung zu klettern, um, wie der Medienmainstream mitteilte, zur Wahlsession des Parlaments gelangen zu können. Nur: Guaidó hätte mühelos durch den für ihn und die anderen ParlamentarierInnen offenen Eingang hineinspazieren können, ein paar Meter neben der «dramatischen Szene». Aber nicht so sein Gefolgstrupp aus Ultras.

Trump ernannte Guaidó im Januar 2019 zum «legitimen Präsidenten» Venezuelas, auf der Basis der dreisten Lüge, Maduros Amtszeit sei abgelaufen und sein Interimsnachfolger sei deshalb Juan Guaidó.  In Washington setzte man auf zwei Entwicklungsachsen: 1. damit genügend nationalen und internationalen Support für die Figur zu generieren, um die Chavistas in einer Kombination von Protesten, «Grenzkonflikten» und (para-) militärischen Vorstössen primär aus Kolumbien stürzen zu können; 2. Mit Guaidós Ernennung so etwas wie rechtmässigen Zugriff auf die venezolanischen Reichtümer zu erlangen. Ersteres scheint gescheitert, von Trump zirkulieren Bemerkungen, Guaidó verliere an «Strahlkraft». Anders der zweite Punkt. Die Kombination von «legitimer Präsidentschaft» und Sanktionen benutzte das westliche Empire, um sich den im Ausland befindlichen Reichtum Venezuelas unter den Nagel zu reissen. Vor wenigen Wochen etwa verweigerte ein britisches Gericht die Herausgabe von Goldreserven im Wert von $ 1.7 Mrd., welche die venezolanischen Zentralbank bei der Bank of England deponiert hatte. Begründung: Die britische Regierung habe Guaidó als Präsident anerkannt. Lehrreich ist die Geschichte der Citgo, der Filiale des staatlichen Erdölkonzerns Pdvsa. Citgo betreibt eines der grossen Raffinerie- und Tankstellennetzes in den USA. Im Januar 2019, als Trump sagte, Guaidó sei der Boss, beschlagnahmte er mit einem Präsidialerlass auch die Citgo. Im folgenden Mai gab ein Gericht in Delaware dem kanadischen Minenmulti Crystallex grünes Licht für eine Entschädigung aus dem Verkauf von Citgo-Aktien. Chávez hatte 2008 eine Goldmine der Crystallex nationalisiert, die mit Erfolg an das Investorengericht ICSID der Weltbank für eine massiv erhöhte Entschädigung von $ 1.4 Mrd. gelangte. Vor dem gleichen Gericht in Delaware klagt ConocoPhillips für ebenfalls via Citgo-Aktien zu bezahlende $ 8.7 Mrd. Beide Unternehmen klagten, weil es Venezuela sanktionsbedingt unmöglich war, die ausgehandelten Raten zu überweisen.

Die chavistische Journalistin Anahí Arizmendi hat vor wenigen Tagen mehrere dieser Raubzüge kurz zusammengefasst. Nur einer sei hier noch gestreift: Venezuela hatte 2015 bei der Citibank Goldreserven als Garantie für einen Kredit von 1.6 Mrd. hinterlegt. Im März 2019, wenige Wochen nach Trumps umfassendem Exekutivdekret und der Ernennung Guaidos zum Präsidenten, führte Citi «einen Rückstand» der venezolanischen Ratenzahlungen als Grund dafür an, dass sie sich aus dem venezolanischen Goldreichtum entschädigte und den Rest des Goldes auf ein Konto der US-Notenbank verschob, theoretisch im Besitz der «legitimen Regierung». Die stänkert aber andauernd, dass sie nur Brosamen erhalte. Dafür hat Washington mindestens $ 600 Mio. aus dem Citgo-Fonds für den Mauerbau an der mexikanischen Grenze ausgegeben, berichtet der US-Sender Univisión.  

An den direkten Folgen der Sanktionen sind laut Aussagen im UNO-Menschenrechtsrat schon 100'000 Menschen gestorben. «Der Effekt der Sanktionen ist kontinuierlich und verstärkt sich. Es ist wie in Star Wars, wenn Darth Vader jemandes Kehle eindrückt. Das machen wir wirtschaftlich mit dem Regime.» Sagte ein gewisser John Bolton im März letztes Jahr (Sie wissen, was sie tun).

 

Aber, du verstehst, solange der US-Präsident sagt, Guaidó sei the man, ist dies Gesetz. Wer es bricht, muss bestraft werden, findet man auch in Bern. Zum Beispiel also eine Parlamentsmehrheit, die ihren neuen Präsidenten wählt (und damit die Guaidó-Diktion weiter unterhöhlt). Die Erbärmlichkeit dieser TäterInnen mit ihren Wortblasen von democracy all over the world macht ein Blick auf das Nachbarland Kolumbien nur noch bitterer. Da ist es nicht mehr so, dass wir alle zwei Tage einen Regimemord an linken AktivistInnen beklagen müssen. Heute sind es oft mehrere Morde am Tag. «Natürlich» flüstert hier kein Schwein in Bundesbern was von beschlagnahmten Konti etwa bei CS oder UBS. Zur «demokratischen Kultur» in diesem NATO-Partner s. Kolumbien: Folter an Farc-Mitgliedern und weitere Kriegsverbrechen aufgedeckt. Wie die USA in Kolumbien zur Zeit Paramilitarismus und Aufmarsch gegen Venezuela unter einen Hut bringen wollen, ist in Gerichtshof verordnet Abbruch der Operationen einer US-Elitetruppe in Kolumbien nachzulesen.



[i] Die identische Formulierung findet sich auch in «Massnahmen gegenüber Nicaragua» vom 24. Juni 2020.

El Salvador: Unterstützt medizinische Solidaritätsinitiative

Dienstag, 14. Juli 2020

Zürich, im Juli 2020

 

El Salvador: Selbstbestimmung in Zeiten der Pandemie

Ein Spendenaufruf

Die Pandemie in El Salvador verschärft sich erschreckend. Kaum ein Tag, ohne dass wir vom Tod oder von schwerer Krankheit von vertrauten und von unbekannten Compas hören. Deshalb wenden wir uns jetzt an Dich / an Sie als Stütze unserer Projekte mit der Bitte um einen Sonderbeitrag.

 

Solidarische Initiative

Ende Juni tauschten ein paar Frauen des FMLN, darunter auch Ärztinnen, Nachrichten über Compas mit Covid-Symptomen aus. Für viele von diesen ist schon der Kauf eines Schmerzmittels ein Problem. Der Beschluss wurde gefasst: Eine minimale medizinische Betreuung wird für die Compas organisiert. Gesagt, getan. Die betreuten Compas verbreiteten in ihren Kreisen die Botschaft: «Der Frente hat für uns eine Ärztebrigade organisiert.» Das ging rum wie ein Lauffeuer und wurde zum Handlungsauftrag.

Die Red Médica Solidaria, das solidarische ärztliche Netz, war geboren. Binnen Tagen hatten sich schon rund 50 ÄrztInnen gemeldet, um mitzumachen. Nachdem die Regierung die über drei Monate dauernde militarisierte Ausgangssperre hatte aufgeben müssen – eine weitere krasse Missachtung von entsprechenden Urteilen der obersten Justizorgane galt im State Department als wenig opportun  – sind Hausbesuche u. a. möglich geworden. Die «Red» ist von früh bis spät im Einsatz.

Ein ärztliches Team aus dem FMLN hatte angesichts der explodierenden Covid-19-Ansteckungsrate schon vorher eine Reihe von praktischen Regeln bei Verdacht auf Covid-Infektion über die Organisationsstrukturen in den Gemeinden und die Social Media verbreitet. Es geht dabei z. B. um Medikamente gegen Sekundärinfektionen, um die Behandlung von Wäsche von Erkrankten, um Distanzmassnahmen in oft engsten Wohnverhältnissen oder dem Umgang mit psychischen Belastungen.

Viele Reaktionen bezeugen die Erleichterung der Compas über die Solidaritätsaktion. Ältere erinnern sich an die Gesundheitsversorgung in der Guerilla.

All das vor dem Hintergrund, dass die Ansteckungswelle auch in El Salvador wie in grossen Teilen des Kontinents exponentiell wächst. Das Spitalsystem ist real schon kollabiert. Das Personal arbeitet meist mit unzureichendem Schutzmaterial, viele sind infiziert, einige sterben. Die Zustände sind dantesk (s. zum Beispiel elfaro.net: Diario de un doctor que se enfrenta a la pandemia en primera línea).

 

Perverse und zynische Regierung

Der bis auf die Knochen korrupte Clan um Präsident Nayib Bukele macht in seiner enormen Dauerhetze für seine katastrophalen «Fehlleistungen» alle ihm nicht dienstbaren Kräfte verantwortlich. Er lässt die Wände in bestehenden Spitälern neu streichen und spricht von Renovierung. Er kündet das «grösste Spital» Lateinamerikas mit Top-Standard an, statt wie z. B. in Costa Rica schnell provisorische Behandlungszentren zu errichten. Das Spital «funktioniert» Monate zu spät, prekär, zu einem minimalen Bruchteil seiner angeblichen Kapazität, allerdings nur, weil Personal und Ausrüstung aus anderen eh schon zusammenbrechenden Spitälern abgezogen worden sind. Bukele will Fachpersonal aus Guatemala und Nicaragua abwerben, obwohl es dort gebraucht wird. Eine Anfrage an das in Sachen Covid vorbildliche Kuba um die Entsendung einer Medizinbrigade verbietet Washington. Statt aufzuklären schürte Bukele psychotische Angst. Trotz des Einsperrens von Tausenden in veritablen Ansteckungslagern, brutalen Sicherheitskräften und der präsidialen Pose als Retter der Nation ist klar, dass das Virus nur von einer solidarischen, aufgeklärten, nicht drangsalierten Bevölkerung eingedämmt werden kann. Das aber kümmert das US-protegierte Regime oder seine soziale Basis im Heer der fundamentalistischen Sekten nicht.

 

Unterstützung für die Selbsthilfe!

Die Red Médica Solidaria kann das öffentliche Gesundheitswesen nicht ersetzen, auch wenn dieses immer mehr am Virus erkrankte Menschen und andere mit chronischen Krankheiten faktisch aussperrt. Sie steht für einen Versuch, mit Solidarität und Selbstorganisation auf diesem neuen Kampfterrain – Bedrohung durch die Pandemie, Angstpsychose und neuer Faschismus – zu bestehen.

Wir haben die «Red» schon mit einem kleinen Beitrag unterstützt. Alle, die darin arbeiten, machen das unentgeltlich. Geld braucht es für Medikamente, einfache Sauerstoffflaschen, taugliche Schutzmasken u. v. m. Der extreme Lockdown hat beträchtliche Teile der Bevölkerung in eine sich vertiefende Armut getrieben. Tausende von Compas brauchen jetzt Unterstützung.

Selten ist der politische Kampf derart unmittelbar mit dem physischen und psychischen Überleben verknüpft.

 

 

Spenden an:

Unterstützungsverein Zentralamerika-Sekretartiat

Zürich

PC: 80-60518-0

IBAN CH10 0900 0000 8006 0518 0

Vermerk: Pandemie El Salvador

Evo Morales zu Terroranklage: Justiz in Bolivien hat Beweise "manipuliert"

Mittwoch, 8. Juli 2020

https://amerika21.de/2020/07/241432/bolivien-evo-moarles-anklage-terrorismus
Bolivien / Politik

Evo Morales zu Terroranklage: Justiz in Bolivien hat Beweise "manipuliert"


Evo Morales
Evo Morales

La Paz. Die Staatsanwaltschaft des Departamentos La Paz in Bolivien hat den ehemaligen Präsidenten (2006-2019) Evo Morales formell des Terrorismus angeklagt und Untersuchungshaft wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung an Protesten nach dem Putsch Ende vergangenen Jahres beantragt. Morales war damals aus dem Amt gedrängt worden, nachdem Polizei und Armee sich gegen ihn gestellt hatten. Die Opposition hatte ihm zuvor Wahlbetrug vorgeworfen.

Morales bezeichnete die Anklage der Staatsanwaltschaft als "illegal" und "verfassungswidrig". Über den Kurznachrichtendienst Twitter bekräftigte er, die Anschuldigungen seien "ein weiterer Beweis für die systematische politische Verfolgung der De-facto-Regierung". Morales weiter: "Demokratie und Rechtsstaatlichkeit werden bald nach Bolivien zurückkehren."

"Die formelle Anklage gegen Herrn Juan Evo Morales Ayma wegen der Verbrechen des Terrorismus und der Finanzierung des Terrorismus ist veröffentlicht worden. [...] Wir haben beantragt, diese Person in Untersuchungshaft zu nehmen", zitierte die bolivianische Nachrichtenagentur ABI indes den Staatsanwalt des Departamentos La Paz, Marco Antonio Cossío.

Die Anklage basiert fast ausschließlich auf einer Tonaufnahme, die im November 2019 von Innenminister Arturo Murillo veröffentlicht wurde. In der Aufnahme soll ein führender Vertreter der Koka-Bauern, Faustino Yucra, im Gespräch mit Morales zu hören sein. Morales soll Yucra zur "Belagerung" und "Aushungerung" von Städten aufgefordert haben. Yucra war bereits am 8. April unter dem Vorwurf des Terrorismus und des Aufruhrs sowie der Finanzierung von Terrorismus verhaftet worden.

Die Authentizität der Aufnahme ist umstritten und Morales bestreitet, die entsprechenden Gespräche geführt zu haben. "Die Staatsanwaltschaft versucht, mich rechtswidrig mit einer manipulierten Tonaufnahme anzuklagen", schrieb Morales auf Twitter.

Die Neuwahlen in Bolivien nach dem Putsch sind vom De-facto-Regime bereits mehrfach verschoben worden. Die Vorwürfe gegen Morales wegen Wahlbetrugs, die Ende 2019 zum Putsch geführt hatten, sind inzwischen von US-Wahlexperten der Universitäten von Pennsylvania und Tulane detailliert widerlegt worden. Das De-facto-Regime in Bolivien und die US-nahe Organisation Amerikanischer Staaten, die den Putsch unterstützt hatte, reagierten mit harscher Kritik an den wissenschaftlichen Untersuchungen und den Berichten der US-Tageszeitung The New York Times.

Bolsonaros Welle

Dienstag, 30. Juni 2020

Bild: Fkraft-ew/CC BY-SA-3.0

Deutsche Welle feuert Schriftsteller J.P. Cuenca wegen dessen Kritik an Brasiliens Präsidenten. Auf Telepolis antwortet Cuenca der Sendeleitung

Mehr als 100 Erstunterzeichner aus Deutschland und Brasilien haben in einem offenen Brief an die Deutsche Welle den Rausschmiss des brasilianischen Schriftstellers João Paulo Cuenca scharf kritisiert. Zuvor sprach der Auslandssender dem 42-Jährigen ohne vorherige Rücksprache und öffentlich die Kündigung einer regelmäßigen Kolumne im portugiesischsprachigen Angebot aus, nachdem er auf seinem privaten Twitter-Account den rechtsradikalen Präsidenten des südamerikanischen Landes, Jair Bolsonaro, kritisiert hatte. Die Deutsche Welle warf Cuenca daraufhin "Hassrede und Aufstachelung zur Gewalt" vor; der so Geschasste wehrte sich ebenfalls auf Twitter.

Während die Entlassung im Bolsonaro-Lager für Begeisterung sorgte, formiert sich Widerstand gegen die Entscheidung der Sendeleitung. Der offene Brief wurde von zahlreichen Journalisten und dem Vizepräsidenten des PEN-Clubs Deutschland, Ralf Nestmeyer, unterzeichnet.

Dabei ist nicht unwahrscheinlich, dass die Verantwortlichen im Hauptsitz des Senders in Bonn erstens einer Kampagne der brasilianischen Rechtsextremisten auf dem Leim gegangen sind und zweitens den Tweet nicht verstanden haben. Denn Cuenca schrieb über den Kurznachrichtendienst: "Die Brasilianer werden erst frei sein, wenn der letzte Bolsonaro an den Gedärmen des letzten Pfarrers der Universalkirche erhängt wird."

Harter Tobak, sicher, aber eben auch die Paraphrasierung eines historischen Zitats. Anfang des 18. Jahrhunderts hatte der Franzose Jean Meslier, der sich vom katholischen Priester zum Religionskritiker gewandelt hatte und der frühen Aufklärung zugerechnet wird, das Zitat in seinem Werk "Mèmoire" angeführt: "Il serait juste que les grands de la terre et que tous les nobles fussent pendus et étranglés avec les boyaux de prêtres", also etwa: "Es wäre gerecht, dass alle Großen der Erde und alle Adligen mit den Gedärmen der Priester erhängt und erwürgt werden sollten."

Cuencas Bolsonaro-Abwandlung bezog sich - ähnlich motiviert - auf die massive Unterstützung der amtierenden brasilianischen Regierung für die Igreja Universal do Reino de Deus. Diese sektenähnliche evangelikale Massenbewegung gehört zu den wichtigsten Unterstützern der Bolsonaro-Führung - und wurde dafür unlängst mit Millionenmitteln aus der Staatskasse bedacht.

Cuencas Kritik daran grämte die Bolsonaro-Führung offenbar ebenso, wie sie sein öffentlicher Rauswurf freute. Der Kongressabgeordnete und Präsidentensohn Eduardo Bolsonaro beglückwünschte den deutschen Auslandssender auf Twitter persönlich zu der Entscheidung. Zuvor hatten Vertreter des Bolsonaro-Lagers eine massive Kampagne gegen Cuenca gestartet.

Auf den Rausschmiss und den Jubel bei Brasiliens Rechtsextremisten reagierten nun deutsche und brasilianische Wissenschaftler, Journalisten, Künstler sowie Aktivisten. Man könne darüber diskutieren, ob Cuencas Spiel mit dem historischen Zitat gelungen oder geschmacklos, schlecht formuliert oder schlecht kontextualisiert war, schreiben sie in dem offenen Brief, der Telepolis vorab vorlag: "Wenn man das Werk von João Paulo Cuenca kennt, kann dieser Satz jedoch nicht als Aufstachelung zum Hass interpretiert werden. Aus diesem Grund hat die einseitige Entscheidung der Deutschen Welle bei uns Besorgnis in Bezug auf Meinungsfreiheit und Zensur ausgelöst." Die Deutsche Welle solle ihre Entscheidung überdenken, schließlich sei Cuenca eine "unverzichtbare Stimme, um die Verbrechen gegen die Menschenrechte, antidemokratische Maßnahmen und Machtmissbrauch brasilianischer Politiker anzuprangern".

Telepolis bat Cuenca, seine Version der Geschehnisse aufzuschreiben. Hier seine Replik an die Deutsche Welle, exklusiv und erstmals auf Deutsch:


Wenn sich ein Sendechef an den Gedärmen eines Schriftstellers erhängt, hat der brasilianische Faschismus gewonnen

João Paulo Cuenca

1. Am Dienstag vorletzter Woche, am 16. Juni, las ich, dass die brasilianische Bundesregierung 30 Millionen Reais (gut 4,88 Millionen Euro) für Radio- und Fernsehsender evangelikaler Pastoren freigegeben hat, die Präsident Jair Bolsonaro unterstützen. Und bevor ich mir einen Kaffee machen ging, postete ich auf Twitter, zwischen Anführungszeichen: "Der Brasilianer wird erst dann frei sein, wenn der letzte Bolsonaro in den Gedärmen des letzten Pastors der Universalkirche erhängt wird."

Für die Zwecke der Satire habe ich eine bekannte Redewendung aus dem 18. Jahrhundert paraphrasiert, die Voltaire und Diderot, zwei Vertretern der Aufklärung, zugeschrieben wird. Eigentlich aber wurde sie von dem französischen Abt Jean Meslier (1664-1729) verfasst. Der Satz, der sich ursprünglich auf Könige und Priester berief, wurde mehrfach abgewandelt wieder aufgegriffen. Er wurde zum geflügelten Wort, das sich Anarchisten, Liberale, Anarchokapitalisten, Umweltschützer - Menschen von links und rechts - aneigneten.

Einige brasilianische Beispiele. Im Jahr 2015 veröffentlichte der linke Intellektuelle Vladmir Safatle in der Folha de São Paulo diese Variante: "Sie (die Korruption) wird erst dann enden, wenn der letzte korrupte PT-Politiker in den Gedärmen des letzten korrupten PSDP-Politikes erhängt wird."

Eine schnelle Google-Suche zeigt, dass der Hauptideologe des Bolsonarismus, der rechtsextreme Denker Olavo de Carvalho, die Konstruktion mindestens zweimal verwendet hat: "Der Kapitalismus wird erst dann überwunden sein (...), wenn der letzte Marxist an den Gedärmen des letzten 'homo oeconomicus' erhängt wurde." Und: "Die Welt wird erst dann glücklich sein, wenn der letzte Bildungsminister an den Gedärmen des letzten Funkeiro (DJ des in Favelas beliebten Rio-Funk) erhängt wird."

In Internetforen des Ubuntu-Betriebssystems gibt es eine kuriose Version: "Computer werden erst an dem Tag frei sein, an dem der letzte Windows-Nutzer in den Gedärmen des letzten Mac-Benutzers aufgehängt wird." Ebenfalls aus dem Jahr 2018 stammt der Tweet: "Brasilien wird an dem Tag ein entwickeltes Land sein, an dem der letzte YouTuber an den Gedärmen des letzten Unternehmer-Coaches erhängt wird."

Mein Favorit ist keine dieser Varianten, sondern eine Version, die im Mai 1968 in den Straßen von Paris zu lesen war: "Nachdem wir den letzten Bürokraten an den Gedärmen des letzten Soziologen erhängt haben, werden wir dann immer noch Probleme haben?"

Diejenigen, die mich verleumderisch beschuldigt haben, "die Hinrichtung des Präsidenten zu fordern", scheinen Schwierigkeiten mit dem Verständnis von zwei Dingen zu haben: erstens was eine Metapher ist, zweitens der metaphorische Aussage von Mesliers Satz: Die Kirche und der Adel (oder andere "Familien" wie sie) müssen sich im Namen des Volkes von der republikanischen Macht fernhalten.

2. Das Chaos, das meine sozialen Netzwerke rasch erfasste - eingeschlossen Drohungen von physischer Gewalt und von Gerichtsverfahren - ist das Ergebnis sozialer Mechanismen, die unter dem Bolsonarismus perfektioniert und konsolidiert wurden. Ein Ergebnis war die umgehend einsetzende und sehr erfolgreiche Diffamierungskampagne, die zu meinem Rausschmiss bei der Deutschen Welle Brasilien führte, wo ich bis dahin Kolumnen veröffentlichte.

Die Vertreter des Regierungskabinetts des Hasses und ihre (Internet-)Robots identifizieren ihre Ziele schnell und gehen umgehend zum Angriff über. Es handelt sich um einen relativ wirksamen und billigen Mechanismus der psychologischen Nötigung und Zensur. Es geht hier alleine darum, Gegenstimmen zum Schweigen zu bringen - und diesmal kann der brasilianische Neofaschismus sich auf die Komplizenschaft einer deutschen öffentlich-rechtlichen Anstalt stützen, der Deutschen Welle.

Da die redaktionellen Verantwortlichen in Bonn gebildete Erwachsene mit uneingeschränkten kognitiven Funktionen sind, die meine antifaschistischen Texte in den letzten Monaten gelesen und bearbeitet haben, glaube ich, dass sie wissen, was eine Metapher ist. Ich bot ihnen noch an, einen Text oder eine Notiz zur Klärung des Satzes zu verfassen. Aber sie kamen dem zuvor und veröffentlichten eine ungeschickte und verlogene Notiz, in der sie mich eines Verbrechens bezichtigten, das ich nicht begangen habe: Hassrede.

Daher bleibt nur ein Zweifel: Entweder haben sie dem Druck des Regierungskabinetts des Hasses in Brasilien nachgegebe, oder die Tentakel dieser Regierung reichen über das am besten ausgestattete (und am wenigsten gebildete) Außenministerium in der Geschichte des Landes bis nach Deutschland.

3. Der Lärm der faschistischen Horden, die nun die Entscheidung der Deutschen Welle feiern, zeigt auf, in welchem Maße die Botschaft falsch ist, die das Unternehmen aussendet. Noch gravierender: Sie macht Nötigung und Zensur für die Künstler und Intellektuellen, die sich gegen die Regierung stellen, zu einem Normalzustand, der für die andere Seite, die keine Wahlmöglichkeiten hat, nicht besteht.

Ganz im Gegenteil. Wie bereits erwähnt, unter anderem in Kolumnen für Deutsche Welle Brasilien, haben die Regierung Bolsonaro und ihre Unterstützer die Hassrede in Brasilien in die "neue Normalität" verwandelt. Es wäre ironisch, wenn es nicht tragisch wäre: Die gewählte Regierung, die versprach, auf Gegner zu schießen, und deren Mitglieder und Anhänger Parolen wiederholen und Nazi-Fahnen tragen, beschuldigte mich fälschlicherweise des Verbrechens, das sie täglich begeht.

Und nun hat sich die Deutsche Welle in den Chor ihrer Verleumdungskampagne eingestimmt.