USA/Migration: Stimmen gegen den Faschismus

Sonntag, 14. Juli 2019



(zas, 13.7.19) Während Monaten waren es migrantische und solidarische Organisationen, die die systematische Politik des «Leute-fertig-machen» in den US-MigrantInnenknästen thematisierten. Jetzt haben sie eine öffentliche Debatte durchsetzen können, trotzdem droht vorerst ein weiterer Ausbau des Polizeistaats.
Am 1. Juli veröffentlichte NBC einen Artikel über einen gleich mit veröffentlichten Bericht des Generalinspektorats des Department of Homeland Security (DHS) über menschenverachtende Bedingungen in einem MigrantInnengefängnis bei El Paso an der texanisch-mexikanischen Grenze. Das Generalinspektorat (eine nominell unabhängige Kontrollinstanz in den US-Ministerien) habe, so NBC, festgestellt, «dass für 756 MigrantInnen nur 4 Duschen zur Verfügung standen, dass mehr als die Hälfte der MigrantInnen im Freien waren und die MigrantInnen im Innern in mehr als fünffach überbelegten Zellen» lebten. Und weiter: «In einer für maximal 35 Insassen vorgesehenen Zelle waren 134 erwachsene Männer mit einem Waschbecken und einem WC. Die Zelle war so voll, dass die Männer sich nicht zum Schlafen hinlegen konnten. Die Temperaturen in der Zelle erreichten mehr als 80 ° Fahrenheit (27 ° Celsius).» 

Das Generalinspektorat berichtete von Ausbrüchen von Grippe, Windpocken und Krätze in dieser «Einrichtung». Geld für Nahrung war Mangelware. Insgesamt sei die Lage, so der Inspektoratsbericht, derart kritisch, dass die Agenten von Customs and Border Protection (CBP, Zoll- und Grenzschutzbehörde), die Gefangenenzonen nur noch bewaffnet beträten, was früher nicht der Fall gewesen sei. NBC vermerkte: «Diese spezifische El Paso-Einrichtung (…) hatte Babynahrung für Kinder, aber keine weichen Schlafmatten für sie.»
Am 1. Juli erlangte eine Gruppe Abgeordneter im RepräsentantInnenhaus, Mitglieder des progressiven und des hispanischen Flügels der Demokratischen Partei, Zutritt zu der oben erwähnten “Einrichtung” in El Paso und am 2. Juli zu einer weiteren in Clint, ebenfalls in Texas. Videos zeigen aufgewühlte Kongressabgeordnete nach Verlassen der Gefängnisse der Border Patrol, des operativen Arms der CBP. The Intercept schreibt zur Visite in El Paso: “Die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez wehrte sich gegen Versuche von CBP-Offiziellen, sie am Sprechen mit MigrantInnen zu hindern.” Ocasio-Cortez in einem Tweet: “Nachdem ich mir den Zutritt in eine Zelle mit Frauen zwang und mit ihnen redete, beschrieb eine ihre Behandlung durch die Agenten als ‘psychologischen Krieg’- sie werden zu irgendwelchen Uhrzeiten grundlos geweckt, Huren genannt etc. Sagt, was das mit ‘fehlender Finanzierung’ zu tun hat?” Die Zelle wies eine unterkühlte Temperatur auf. Weiter berichtet Intercept: “Ocasio-Cortez sagte der Presse, die Bedingungen in der Einrichtung seien inakzeptabel und verurteilte das Verhalten der Offiziellen vor Ort. Die festgenommenen Frauen erhielten keinen Zugang zu fliessendem Wasser. Ihnen wurde ‘von CBP-Offiziellen’, so Ocasio-Cortez, ‘gesagt, sie sollen Wasser aus der Toilette trinken.’”
Die Bemerkung zur «fehlenden Finanzierung» bezieht sich auf die Antwortschablone der Administration Trump, wonach “einzelne Missstände” in den MigrantInnenknästen mangelnder Kongressfinanzierung geschuldet sei.
Gleich nach der Abgeordnetenvisite liess CBP verlauten, die Beamten hätten sich von Ocasio-Cortez bedroht gefühlt, als Antwort darauf, dass die Frau nach der Knastvisite sagte: “Ich fühlte mich nicht sicher vor den Beamten” in Clint (id.). Andere Mitglieder der Gruppe bestätigten den Sachverhalt, z. B. Joe Kennedy III. Der fügte noch an: “CBP war sehr Anti-Kongressaufsicht. Sie versuchten zu bestimmen, was wir zu sehen bekommen, unsere Handys einzuziehen, Foto- und Videoaufnahmen zu verhindern. Die Stimmung war geladen und unkooperativ.” Es spricht Bände, dass es nötig war, ein Handy an der Kontrolle vorbei zu schmuggeln, Verdienst des Abgeordneten Joaquín Castro vom Hispanic Caucus.
In Clint trabte ein rechtsextremer Trump-Haufen zur Pressekonferenz der ParlamentarierInnen nach der Visite an und schrie übelste sexistische und rassistische Parolen gegen die meist hispanischen Abgeordneten (als etwa die US-palästinensische Repräsentantin Rashida Tlaib sprach: «Iss Schweinefleisch», oder, noch klüger: «We don’t care about sharia law. We care about Jesus Christ» (s. etwa dieses Kurzvideo).
Das Investigativportal ProPublica hatte am 1. Juli einen Bericht über eine geheime rechtsradikale Facebook-Gruppe mit rund 9500 aktiven oder ehemaligen Mitgliedern der Border Patrol (gesamter Personalbestand dieser Behörde: rund 20'000) veröffentlicht. Darin ging es auch um die gerade bevorstehende Knastvisite der Abgeordneten, was die Machos (Border Patrol ist fast men only) zu Karikaturen animierte, etwa zu Oralsex einer unterwürfigen Ocasio-Cortez mit Trump. Die CBP-Führung hatte laut Politico seit drei Jahren Zugang zu dieser Gruppe, Kaderpersonal beteiligte sich aktiv darin. Viele Posts triefen vor Hass auf MigrantInnen (populär etwa der Vorschlag, im Grenzfluss Rio Grande Krokodile auszusetzen). «Trinkt aus der Toilette» oder eben die latente Bedrohung selbst von Kongressmitgliedern ergeben sich schlüssig aus dem in Facebook zelebrierten Mind.
Wenn das CBP-Personal Kongressmitglieder so angeht, wie wohl erst seine Gefahrenen? Diese Frage stellte sich auch die Kongressfrau Madeleine Dean: «Die Wachen begegneten uns feindlich, aber das ist nichts im Vergleich zur Behandlung der Gefangenen. Sie werden konstant missbraucht und verbal ohne Anlass belästigt…».
Zum ebenfalls von der Gruppe kontrollierten Gefängnis in Clint (Texas) berichtete Democracy Now am 2. Juli:
Associated Press veröffentlichte ein Video, in dem ein 12-jährigers Mädchen mit einer Anwältin über ihre Erlebnisse und die seiner 6-jährigen Schwester in der «Kindergefängnis» genannten Border Patrol-Einrichtung in Clint (Texas) spricht. Die beiden Mädchen wurden bei ihrer Ankunft in den USA im Mai von ihrer Tante getrennt. Hier ein Auszug aus dem Video:
12-jähriges Mädchen: «Sie gaben uns wenig zu essen. Einige Kinder konnten nicht baden. Sie haben sie nicht gewaschen. Sie haben uns schlecht behandelt. Sie waren gemein zu uns.»
Alison Griffith: «Und wo habt ihr geschlafen? In einem Bett?»
12-jähriges Mädchen: «Sie schliefen auf dem Boden.»
Alison Griffith: «Gaben sie euch Decken oder nicht?»
12-jähriges Mädchen: «Sie gaben uns nur eine Decke.»
Alison Griffith: «Und das reichte gegen die Kälte?»
12-jähriges Mädchen: «Nein. Einige Kinder waren krank. Sie sagten, sie würden sie ins Spital bringen, aber das haben sie nicht gemacht.»
Das Mädchen berichtete der Anwältin auch, dass Kinder weinend nach ihren Eltern und anderen Angehörigen riefen, von denen sie getrennt wurden.
Selbst in einem Artikel der New York Times vom 9. Juli, in dem primär gutmütige Agenten der Border Patrol zu Wort kommen, schimmert etwas vom Knasthorror durch. Etwa wenn anlässlich einer Medienbesichtigungstour in Clint, die ohne jeglichen Kontakt mit den Gefangenen stattfindet, folgende Beobachtung den Weg in das Blatt findet: «Kleinkinder konnten in einigen Zellen beobachtet werden, für die ältere Kinder sorgten … Drei Mitglieder des Clint-Personals berichteten, sie hätten unbegleitete, nur drei Jahre alte Kinder in der Einrichtung gehabt, und AnwältInnen, die kürzlich im Rahmen eines Rechtsverfahrens wegen Kinderrechten die Einrichtung besucht haben, sagten, sie hätten sogar 5 Monate alte Kinder gesehen … Eine der AnwältInnen, Warren Binford, Leiterin des Clinical Law Program an der Willamette University in Oregon, sagte, sie habe in all den Jahren ihrer Besuche in Gefängnissen und Heimen nie so schlimme Zustände gesehen – 351 Kinder, gepfercht in was sie als Umgebung wie ein Gefängnis beschrieb. Sie hatte Einblick in das Register genommen und war schockiert, mehr als 100 sehr junge Kinder darin zu finden: ‘Mein Gott, ich realisierte, das waren Babies.’» Die Times vermerkt auch: «Aufsichtspersonal in blauen T-Shirts gehen in der Anlage herum; sie sind von einem Privatunternehmen zwecks Aufsicht über die gefangenen Kinder angeworben worden.»
Der mit einem Gerichtsurteil ermöglichte AnwältInnen-Besuch in Yuma (Arizona) zeitigte weitere Ergebnisse. Die Washington Post berichtete am 10. Juli über die Aussage einer 15-jährigen Honduranerin über ihre Totalentblössung durch einen lachenden Beamten vor weiteren Wärtern und gefangenen MigrantInnen. Der Artikel gibt mehrere Aussagen gefangener Jugendlicher und Kinder über schikanöse Behandlung und verletzende Beschimpfungen wieder («Strichjunge»; Entzug der Matratzen als Strafe für Klagen über Essen und Wasser oder wegen Nichtigkeiten, Schläge, Drohung mit 25 Jahren Gefängnis, falls sie über ihre Behandlung berichteten etc.). In einem Gefängnis in McAllen (Texas) durfte eine gefangene jugendliche Person sich während drei Wochen nicht waschen, ein 12-jähriges Mädchen bezeichnete die Wärter als «gemein und angst-machend» und erzählte, dass diese die Kinder manchmal in den Bauch schlugen.
Eindrücklich das Zeugnis von Nanette Barragán, einer Kongressabgeordneten, die ebenfalls an der Inspektion in El Paso und Clint teilgenommen hatte. Zur Erfahrung in letzterem Gefängnis sagte sie: «Als wir dorthin kamen, machte man uns klar: ‘Sie dürfen nicht mit den Kindern reden. Es darf kein Gespräch geben.’ Wie wir in die Zone mit den Gefängniszellen kamen, gab es da eine Tür aus Plexiglas oder sowas, das ziemlich tief ging. Da rannte ein kleiner Junge, so drei oder 4 Jahre alt, zum Plexiglas, worauf einige von niederkauerten, um auf Augenhöhe des Knirps zu sein. Er langte ans Plexiglas, um zu versuchen, uns zu berühren, um zu grüssen, um mit uns zu kommunizieren. Man konnte sehen, dass er nach seinem Papá fragte. Es brach dir das Herz. Und wir durften nicht in diese Zellen gehen und mit den Kindern reden.»

Es gäbe noch viel zu sagen. Etwa, dass die schlimmen Zustände in El Paso, die die ParlamentarierInnen gesehen hatten, schon eine massive Verbesserung des Status darstellten, als Folge der angekündigten Visite. In einem Interview in Mother Jones gibt Alexandria Ocasio-Cortez Aussagen von Gefangenen wieder, wonach am Tag vor dem Besuch rund 300 andere Gefangene in Bussen in die benachbarte mexikanische Stadt Ciudad Juárez deportiert worden waren, eine hochgefährliche Stadt, erst recht für mittellose Menschen. Sie tweetete auch eine Antwort auf die Leier der US-Regierung und ihrer Supporters, wonach die dramatische Knastlage aufgrund des massiven «Ansturms illegaler MigrantInnen» ausgelöst worden sei: «Ein Refrain sagt, die Überbelegung in den CBP-Konzentrationslagern sei eine Folge davon, dass die migrantischen Unterkünfte (humane Orte, wo die Familien zusammen sein können) voll seien. Also gingen wir in so einen Schutzraum. Sie sagten, das stimme überhaupt nicht. Nur 150 von 500 Plätzen waren belegt.»
Dass Ocasio-Cortez wiederholt von Konzentrationslagern sprach, brachte ihr viel Schelte ein. Der Skandal sollten nicht die Zustände sein, sondern der Begriff dafür. Im o. e. Interview in Mother Jones sagte Ocasio-Cortez dazu auch: «Wir begannen diese langsame, chronische Entmenschlichung über die Jahre zu sehen, wenn Leute sagen: ‘Oh, [aber] Obama tat dies [auch]. Ich verteidige nicht die Politik Obamas. Auch er hatte keine gute Migrationspolitik und schuf in mancher Hinsicht die Grundlagen.»
Andere sehen das auch so. Zum Beispiel die #JewsAgainstICE, eine in vielen Orten der USA aktiv im Kampf gegen ICE, die Migrationsbehörde im Landesinneren, engagierte linke Organisation aus den jüdischen Communities.

Motto an dieser Blockadeaktion vor einem ICE-Gebäude am 30. Juni: «Never again means never again for anyone.» 35 AktivistInnen wurden verhaftet. Video hier.
So sieht das beispielsweise auch Tsuru for Solidarity, eine Organisation japanisch-stämmiger US-BürgerInnen (oder ihrer Kinder), die während des 2. Weltkriegs in von ihnen strikt Konzentrationslager genannten Militäranlagen gefangen waren (120'000 JapanerInnen und US-BürgerInnen). Democracy Now berichtete am 28. Juni über eine beeindruckende Protestaktion ehemaliger in diesen Lagern Gefangener oder ihrer Nachkommen. Eines der KZs befand sich damals in der Armeebase Fort Sill in Oklahoma. Heute will Trump da ein Langzeitgefängnis für 1400 Kinder von MigrantInnen bauen lassen.


Michael Ishii von Tsuru for Solidarity berichtet im Interview auch: «Es gibt einen Kontext, und wir sind sozusagen Teil dieses historischen Musters von Zwangsumsiedlung, Inhaftierung, unbeschränkter Inhaftierung und Familientrennung. Da gab es die Apache Nation, die 1894 als Kriegsgefangene aus dem Südwesten nach Fort Sill umgesiedelt wurde. Geronimo und seine Bande waren darunter. Geronimo starb hier 1909. Dann wurden während des 2. Weltkriegs Japanese Americans hierher gebracht.» Die Idee war also, dass einige der heute noch lebenden LagerinsassInnen vor dem Fort eine Protesterklärung gegen das neue Lager verlesen, unterstützt von anderen Tsuru-Mobilisierten. Das wurde verboten. Tsuru hatte dazu landesweit in japanese american Communities aufgerufen. Ishii: «Sie kommen also an und wir haben Freitag nachts dieses Gruppengespräch. Satsuki Ina, eine Überlebende, und ich erklärten ihnen das Szenario. Wir sagten: ‘Wenn ihr morgen bei Fort Sill auftaucht und wir kommen mit, dann gibt es die sehr reale Möglichkeit, dass ihr verhaftet werdet.’ Und alle diese alten Menschen schauten uns an und sagten bloss in dieser gefassten, ruhigen Art: ‘Nun, dann machen wir es’... Und, weisst du, das sind so 89 Jahre alte Ladies.»
Tsuru bedeutet Kranich. Michael Ishii erklärte: Wer in der japanischen Tradition tausend Kraniche faltet, kann einen Genesungswunsch äussern. Nach den Atomangriffen auf Hiroshima und Nagasaki begann ein radioaktiv verstrahltes kleines Mädchen tausend Kraniche zu falten, starb aber vorher. «Danach begannen Kinder in ganz Japan und später aus anderen Weltgegenden in ihrem Andenken Kraniche nach Hiroshima zu schicken. Und als wir im März in Texas vor dem Dilley-Gefängnis protestierten, riefen wir das Tsuru for Solidarity-Projekt aus. Wir sagten unserer Community im ganzen Land: 'Faltet Kraniche, die die 120'000 Menschen unserer Community repräsentieren, ihre Stimmen, damit wir jetzt aufstehen und sagen: 'Wir können keine Kinder in Haftanstalten einsperren.' Wir riefen zu 10'000 Kranichen auf und erhielten 30'000 zugeschickt.» Diese waren beim Dilleys-Gefängnis und jetzt bei Fort Sill dabei.
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(1) Die paar linken Abgeordneten der Demokratischen Partei werden vom Parteiestablishment zusehends aggressiver bekämpft. Vor wenigen Tagen nahm die überwiegende Mehrheit der DemokratInnen im RepräsentantInnenhaus für einen republikanischen Antrag auf eine $ 4.5-Milliardenspritze für Trump zwecks Lösung der migrantischen «Kinderkrise» an. Die vier Frauen, die dagegen stimmten (die üblichen «squad» genannten Verdächtigen) hatten das Umfallen ihrer Parteileitung zugunsten eines «humanitären» Antrags ohne bindende Vorgaben und Überprüfungsmechanismen kritisiert. (Real soll damit wohl z. B. der Bau neuer Kinderknäste finanziert werden.) Seither giftelt Nancy Pelosi, die demokratische Vorsitzende des RepräsentantInnenhauses, in den Medien offen gegen die vier (u. a. Ocasio-Cortez, Rashida Tlaib).

Correos 194. Juni 2019

Dienstag, 9. Juli 2019


Correos 194
17. Juni 2019

oder die inzelnen Beiträge:


Venezuela/Schweiz

Nicaragua
Ein Reisebericht
Vivianne Luisier

Gérald Fioretta

Der Reisebericht eines  Mitarbeiters des Ökumenischen Büros für Frieden und Gerechtigkeit in München.
Samuel Weber


Venezuela
Dieter Drüssel


Was macht den Sozialismus, was macht die Kommune aus? «Einander helfen», sagt der Sprecher der Comuna Socialista Altos de Lídice in Caracas.
Federico Simonetti befragt Gsus García

Die Kommunen sind chavistisch – aber was haben sie mit Staat und Regierung zu tun?
Federico Fuentes

Pasqualina Curcio

Dieter Drüssel

Argentinien
Cristina Kirchner kandidiert aus Gründen der Regierbarkeit bei den Präsidentschaftswahlen trotz ihrer Popularität nur als Vizepräsidentin. Die Feministin Marta Dillon schrieb ihr dazu einen Brief.
Marta Dillon
Brasilien
War es ein «Unfall», dass Jair Bolsonaro am 1. Januar an die Regierung kam? «Kein Unfall», sagt Miguel Enrique Stedile, 41, Mitglied der der Nationalen Koordination der Landlosenbewegung MST, sondern Ergebnis einer Strategie des Grosskapitals. Der Historiker ist Mitglied des für die Schulung der Bewegung verantwortlichen Kollektivs. Er kam im Rahmen einer Europarundreise auf Einladung der NGO É-Changer in die Schweiz. Das MST hat in den 35 Jahren seiner Existenz 350’000 Familien den Zugang zu Land verschafft. 100’000 weitere kämpfen darum.
Sergio Ferrari


El Salvador

Eine leider nach wie vor aktuelle Darstellung der Lage vor der krassen Wahlniederlage des FMLN und des klaren Siegs einer schillernden Figur..
Dieter Drüssel

“Was ich hier sehe, habe ich gehofft, nie in meinem Leben sehen zu müssen.» Die Worte eines Compañero in einem Wahllokal. Sie gelten auch für Entwicklungen seither.
Dieter Drüssel

UN-Menschenrechtsbericht zu Venezuela in der Kritik

Montag, 8. Juli 2019

 

Beiträge von Menschenrechtsgruppen aus Venezuela ignoriert. Regierung bemängelt "selektive und voreingenommene Sichtweise"

Logo des Büros des Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen
Logo des Büros des Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen
Caracas/Genf. Die Regierung von Venezuela hat die Ergebnisse des Berichtes in Frage gestellt, den die UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet vergangene Woche über die Lage in dem südamerikanischen Land vorgelegt hat. Menschenrechtsgruppen und Aktivisten aus Venezuela kritisieren, dass die von ihnen vorgelegten Informationen nicht berücksichtigt wurden.
Bachelet stellte den Bericht am vergangenen Freitag dem Menschenrechtsrat in Genf vor. Der Text besagt unter anderem, dass die venezolanischen Spezialeinheiten FAES und die Kriminalpolizei CICPC "für zahlreiche außergerichtliche Hinrichtungen" und andere Praktiken verantwortlich gewesen sind, die dazu dienten, "Angst zu verbreiten und soziale Kontrolle zu erlangen".
Der Bericht des Büros des Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen (United Nations High Commissioner for Human Rights, OHCHR), so die Bezeichnung von Bachelets Behörde, weist zudem auf Korruption und die Verschlechterung der öffentlichen Dienstleistungen sowie auf Schwierigkeiten beim Zugang der Bevölkerung zu Nahrungsmitteln und Gesundheitsversorgung hin und äußert gleichzeitig "die Sorge", dass die venezolanische Migration weiter zunehmen wird.
Das UN-Menschenrechtsorgan spricht abschließend eine Reihe von Empfehlungen aus, darunter die Aufforderung an die Regierung, schwere Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen, die FAES aufzulösen und die Einrichtung eines ständigen OHCHR-Länderbüros zu ermöglichen.
In einer Stellungnahme weist die Regierung von Präsident Nicolás Maduro auf die ihrer Auffassung nach "selektive und offen voreingenommene" Darstellung der Menschenrechtssituation in Venezuela hin und fordert "Korrekturen von 70 Fehlern" in dem Bericht. "Die verzerrte Sichtweise des Berichts ist das Ergebnis der erheblichen Mängel in der dahinter stehenden Vorgehensweise", heißt es in der Erklärung. Kritikpunkte sind unter anderem, dass von den 558 UN-Befragungen 460 nicht in Venezuela durchgeführt und Informationen der Regierung nicht berücksichtigt worden seien.
Zudem spiele der Bericht die Folgen der US-Sanktionen herunter und ignoriere Untersuchungen zu diesem Thema. So finde eine aktuelle Studie des Washingtoner Center for Economic and Policy Research keine Erwähnung, die zu der Einschätzung kommt, dass seit 2017 mindestens 40.000 Menschen an den Folgen der Zwangsmaßnahmen der USA gestorben sind.
Das US-Finanzministerium hat seit dem Jahr 2015 mehrfach Sanktionen gegen Regierungsfunktionäre und verschiedene Bereiche der Wirtschaft verhängt sowie venezolanische Vermögenswerte im Ausland eingefroren. Besonders betroffen ist die Erdölindustrie, die Haupteinnahmequelle des Landes. Ein im Januar verhängtes Embargo hindert Venezuela daran, Rohöl in die USA zu exportieren und Verdünnungsmittel zu importieren, die für die Kraftstoffherstellung und Raffinierung von schwerem Rohöl zu exportfähigen Qualitäten benötigt werden.
Die Sanktionen haben auch zu einem drastischen Rückgang von Importen geführt, da sie die Deviseneinnahmen der Regierung reduzieren, den Zugang zu den Finanzmärkten einschränken und Handelsgeschäfte behindern. Laut dem Chefökonom von Torino Capital, Francisco Rodríguez, sanken die Importe im April auf nur 303 Millionen US-Dollar, was einem Rückgang von 64 Prozent gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt und einem Rückgang von 93,2 Prozent gegenüber 2012 entspricht.
Obwohl das OHCHR anerkennt, dass die US-Sanktionen "die Wirtschaftskrise verschärfen", enthält der Bericht keine Empfehlung zur Aufhebung der Strafmaßnahmen.
Bachelet hielt sich kürzlich zu einem dreitägigen Beusch in Caracas auf, wo sie mit Vertretern der Regierung und der Opposition zusammentraf. Sie sprach außerdem mit Mitgliedern von Menschenrechsorganisationen und Aktivistengruppen.
Einige von ihnen zeigten sich nun enttäuscht darüber, dass ihre Stimmen nicht in den Bericht aufgenommen wurden. Das Komitee der Guarimba-Opfer vertritt Personen, die bei gewaltsamen Protesten der Opposition von 2014 bis 2017 verletzt oder getötet wurden. "Bachelets Bericht macht die Opfer unsichtbar und beschützt die Verantwortlichen für die Gewalt, die dem Land so großen Schaden zugefügt hat", heißt es in einer Stellungnahme des Komitees. Fundalatin, die Lateinamerikanische Stiftung für Menschenrechte und soziale Entwicklung in Venezuela, beklagt, die Informationen von zwölf Nichtregierungsorganisationen seien ignoriert worden. Bachelet seien unter anderem 123 dokumentierte Fälle von Menschen übergeben worden, die von Anhängern der Opposition "gelyncht, geköpft und ermordet wurden". Diese finden im Bericht der Hochkommissarin keine Erwähnung. Auch werde die US-Blockade nicht verurteilt. Der Bericht führe zudem die Fortschritte im Bereich sozialer Rechte im Land nicht auf.
Auch der US-amerikanische Völkerrechtler Alfred de Zayas kritisierte den Bericht als "grundsätzlich fehlerhaft und enttäuschend" und bezeichnetet ihn als eine "verpasste Gelegenheit". Zayas war von 2012 bis 2018 UN-Sonderberichterstatter für die Förderung einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung und besuchte in dieser Funktion auch Venezuela.
"Es ist unprofessionell, dass die UN-Mitarbeiter die Beiträge von [Menschenrechtsorganisationen] Fundalatin, Grupo Sures, dem Red Nacional de Derechos Humanos und die konkreten Antworten der Regierung ignorieren oder nicht angemessen gewichten", schrieb de Zayas und beklagte gleichzeitig die geringe Aufmerksamkeit, die den gegen Venezuela verhängten Sanktionen im Bericht geschenkt wurde.

U.S. Sanctions Block Medicine from Venezuela, Killing Thousands

Mittwoch, 3. Juli 2019

https://therealnews.com/stories/u-s-sanctions-block-medicine-from-venezuela-killing-thousands
Ein eindrückliches 6-Minuten-Video Wie Massenmord heute funktioniert.

[rojavaagenda] # Newsletter Nr. 5 # Veranstaltung "10 Monate Rojava

Montag, 1. Juli 2019

Von: rojka@riseup.net
Datum: 27 Jun 2019 20:14:18 +0200 (CEST)
An: rojavaagenda@lists.riseup.net
Betreff: [rojavaagenda] # Newsletter Nr. 5 # Veranstaltung "10 Monate Rojava"
Liebe Freund_innen
In verschiedenen Städten wird es die Veranstaltungen geben, bei denen einer von unserem RojavaKomitee über seine Erfahrungen aus Rojava berichten wird.
Morgen Freitag in Zürich 19h, RAF (Kochareal), Flüelastrasse 54
Checkt auf rojavaagenda.noblogs.org weitere Orte folgen

Schwerpunkte Juni
1 Wahlergebnisse, Analyse
2 Feldbrände als neue Kriegstaktik
3 Operationen in Europa gegen die Kurden

1 Bei den Neuwahlen in Istanbul am 23.6. erfuhr die AKP eine weitere Niederlage. Hier eine Analyse:

2 Als neue Kriegstaktik werden von dem türkischen Milität und IS-Schläferzellen Zehntausende Hektaren Weizenfelder angezünden:

3 In Deutschland intensiviert sich die Kriminalisierung der Kurden weiter:

Verschiedenes
- Empfehlenswertes Video zum vergangenen Hungerstreik:
- Newsletter von der Internationalistischen Commune von Rojava und Make Rojava Green Again:

Veranstaltungen
- Film-Premiere
Am 13. Juli wird der Kurzfilm *De Töfflibueb vo Qamischlo*. Ein dokumentarischer Film über die Revolution in Rojava (25min./deutsch). 
Komm am Samstagnachmitag 13.7. ins Kino Xenix in Zürich. Bring deine Freund*innen mit. *um 14Uhr* im Kino Xenix, Zürich.
Solidarisch,
RojavaKomiteeZürich
rojavaagenda.noblogs.org


Video: 
200 Tage erfolgreicher Hungerstreik - und keinen interessiert es.
https://youtu.be/7L77ke9245Q

Südmexiko-Newsletter Juni – Juli 2019

CHIAPAS
EZLN beklagt „Politik des Terrors“ in Mexiko
Innerhalb von vier Wochen sind im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero vier Nahua-Indigene, Umweltaktivisten und Mitglieder des Indigenen Regierungsrats (CIG) und des Nationalen Indigenen Kongresses (CNI) ermordet worden.

Communiqué des CNI-CIG und der EZLN angesichts der ungezügelten Gewalt gegen die Pueblos Originarios

Kongress der Agrarökologie in Mexiko setzt auf Kleinbauern und Nachhaltigkeit
Mitte Mai ist in San Cristóbal de las Casas der erste Mexikanische Kongress zur Agrarökologie zu Ende gegangen. Sechs Tage lang hatten Wissenschaftler, kleinbäuerliche Produzenten und Aktivisten aus dem In- und Ausland über Möglichkeiten, Praktiken und Herausforderungen für eine Zukunft der Landwirtschaft nach traditionellem kleinbäuerlichen Vorbild und im Sinne der Ernährungssouveränität diskutiert. Mehr als 300 Vorträge auf 50 thematischen Panels brachten laut Aussage der Veranstalter in etwa 1.000 Teilnehmende in Austausch und Dialog.

Soziale Teilhabe und staatliche Verantwortung
Überlegungen zur zapatistischen Gesundheitsversorgung von Joel Heredia Cuevas, Koordinator von SADEC, Palenque/Chiapas, aus dem Bulletin von medico international. Im November war er u.a auch in Zürich anwesend.


OAXACA
3 Jahre Nochixtlán: Keine Gerechtigkeit, und Wunden, die nicht heilen
Am 19. Juni 2016 wurden in Nochixtlán Demonstranten von Polizei- und Armeeeinheiten angegriffen, die schon länger gegen die Schulreform protestierten. Dabei wurden 8 Personen getötet, Dutzende Personen verwundet und andere festgenommen und verhört. Auch 27 Personen wurden festgenommen, die gerade dabei waren, einen Verwandten zu beerdigen. Doch seither ist nichts geschehen, um den Ereignissen auf den Grund zu gehen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Am 19. Juni 2019 sind nun Tausende auf die Strasse gegangen und haben u.a. die Verhaftung des Ex-Präsidenten Peña Nieto gefordert.


Kurzvideo auf Spanisch: A 3 años del masacre de Nochixtlán (3 Min):



GUERRERO
Erneut Morde an Umweltaktivisten – Eugenio Máximo Hilario
Anfangs Juni ist erneut ein Nahua-Indigener, Aktivist und Mitglied der selbstorganisierten Gemeindepolizei im mexikanischen Bundesstaat Guerrero ermordet worden. Eine bewaffnete Gruppe schoss auf Eugenio Máximo Hilario, als er im Auto unterwegs war.

Communiqué des indigenen und populären Rates von Guerrero (CIPOG-EZ) gegen die Belagerung narco-paramilitärischer Gruppen und die Versäumnisse der Regierung
Der CIPOG-EZ bekräftigt die Allianzen zum indigenen Kongress (CNI), den Zapatistas, solidarischen Gruppen, den «ehrlichen Medien» und weiteren Akteuren und ruft dazu auf, ihren Widerstand zu unterstützen. Der Rat fordert die Narco-Paramilitärs auf, den Krieg zu beenden und belangt die Regierungen der verschiedenen Ebenen für ihre Versäumnisse, welche den indigenen Völkern Elend gebracht hat und Tote fordert. Zudem verlangt der CIPOG-EZ Respekt gegenüber ihrer Erde und den gemeinschaftlichen Ländereien, Respekt gegenüber ihrer Autonomie, den Organisationsstrukturen und den autonomen Räten.



MEDIEN UNTER BESCHUSS
Erneut Journalistin in Mexiko ermordet
Die Reporterin Norma Sarabia wurde Medienberichten zufolge in der Stadt Huimanguillo im Bundesstaat Tabasco erschossen. Es ist in diesem Jahr bereits der sechste Journalistenmord in Mexiko.


MEXIKO - MIGRANTEN
Keine US-Strafzölle zum Preis der Militarisierung der Südgrenze
Mexiko atmet auf: Am gestrigen Freitagabend, 20 Uhr Ortszeit, gab der mexikanische Außenminister Marcelo Ebrard auf seinem Twitter-Account bekannt, dass doch noch ein Abkommen mit der US-Administration erreicht wurde. Nach einer Woche intensiver Gespräche in Washington konnte somit die Drohung Donald Trumps, ab dem kommenden Montag Strafzölle auf alle Produkte aus dem Nachbarland zu verhängen, in letzter Minute abgewendet werden.

Neue restriktive Massnahmen gegen Migrantinnen
Mexiko geht mit neuen restriktiven Maßnahmen gegen Migrant*innen aus Mittelamerika vor. Das Innenministerium hat die Busunternehmen des Landes in einem Brief darauf hingewiesen, dass diese vor der Reise die Papiere ihrer Passagiere prüfen müssten. Dazu seien sie durch das Migrationsgesetz verpflichtet. Der Brief wurde zwar schon im April verschickt, der Druck auf die Firmen aber seit Anfang Juni erhöht. Am 7. Juni hat Mexiko in den USA eine „Migrationsvereinbarung“ unterzeichnet, um von US-Präsident Trump angekündigte Strafzölle abzuwehren.

Massenverhaftete in Mexiko: Geflüchtete im Untergrund ohne medizinische Versorgung
Razzien und Massenverhaftungen von Migrantengruppen an der Südgrenze Mexikos nehmen zu. Sie drängen Menschen dazu, unsichere Fluchtwege zu wählen, treiben sie in die Arme krimineller Netzwerke und hindern sie am Zugang zu medizinischer Versorgung. In der vergangenen Woche haben die Teams von „Ärzte ohne Grenzen“ in Coatzacoalcos und Tenosique Massenverhaftungen von Migranten miterlebt. Eine Razzia in Coatzacoalcos fand statt, als die Mitarbeitenden Geflüchtete gerade medizinisch und psychologisch betreuten und Hygienesets verteilten.

Mexiko verstärkt Grenzkontrollen
400 Beamte der mexikanischen Bundespolizei wurden an die Südgrenze nach Guatemala verlegt, um dort gemeinsam mit der Nationalen Migrationsbehörde INM die Grenzkontrollen zu verstärken. Die Regierung gab den Befehl, nachdem eine weitere Karawane von Migrant*innen aus Zentralamerika die mexikanische Grenze überschritten hatte, während sich deren Anzahl in der Grenzstadt Tapachula, Chiapas, verringert hat. Dort wurden viele Menschen festgenommen und abgeschoben.


MEXIKO
Spionage im Drogenkrieg - Wie Mexikos Kartelle ganze Städte überwachen
Mexikanische Drogenkartelle haben sich mit Überwachungstechnologie hochgerüstet. Mit Videokameras, Spionagesoftware und Drohnen spähen sie Rivalen und Sicherheitskräfte aus - und beschäftigen eigene Teams von IT-Experten.



HINWEISE UND VERANSTALTUNGEN
 
5.Juli Klimastreik Winterthur, 12.30 – 17 Uhr, Stadtpark Winterthur
Mehr Infos zu Klimastreiks und -demos: https://climatestrike.ch/events/

Sa & So 6. & 7. Juli, Kick für Toleranz. Tag & Nacht Reitplatz Töss
Soli-Fritten/Samosa-Bude vom Infoladen Rabia am 11. antirassistischen Grümpi «KICK FÜR TOLERANZ». Kommt vorbei, tschuttet, esst & trinkt!


Do, 22. August: Dokfilm über soziale Aufstände und Straffreiheit in Guerrero: „Guerrero“ (2017) von Ludovic Bonleux. Organisiert von PBI, aki, Alpeneggstrasse 5, Bern. Apéro ab 18 Uhr, Film ab 19 Uhr.Spanisch mit dt. Untertiteln, 114 min.

22.-25. August, FEMWO, antikapitalist queer feminist weekend, Grenchen. Anmelden bis 31. Juli. Mehr Infos: www.femwo.ch

USA/weltweit: Bahn frei für Repression

Die Jagd auf Julian Assange markiert eine Zeitenwende: Journalisten werden auch im »liberalen« Westen zum Feind erklärt. Mit allen Konsequenzen

Jürgen Heiser

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In den USA löste eine Kongressabgeordnete der Demokratischen Partei gerade »einen Feuersturm der Kritik aus«, wie das Onlinemagazin Counterpunch berichtete. Alexandria Ocasio-Cortez hatte Anfang voriger Woche US-Haftanstalten für sogenannte illegale Einwanderer als »Konzentrationslager« bezeichnet. Richtete sich die folgende Kritik etwa gegen die Migrationspolitik der Regierung? Nein, weit gefehlt! Im Fadenkreuz stand Ocasio-Cortez, die es gewagt hatte, Dinge beim Namen zu nennen, und sich obendrein weigert, ihr Mandat niederzulegen, wie es ihre Gegner fordern.
Diese Vorgänge sind bezeichnend für die sich nicht nur in den USA verschärfende Verfolgung von allen, die öffentlich die gesellschaftlichen Verhältnisse kritisieren. Verfemt und verfolgt wird, wer in Medien berichtet, was Realität ist und Dokumente über kriminelle Machenschaften von Behörden und Unternehmen veröffentlicht. Im Brennpunkt dieser weltweiten Auseinandersetzung steht weiterhin der Wikileaks-Gründer Julian Assange.
Nach seinem siebenjährigen Exil in der ecuadorianischen Botschaft in London hält ihn die britische Justiz aus fadenscheinigen Gründen weiter in Haft. Erst im Februar 2020 soll darüber verhandelt werden, ob der Whistleblower an die USA ausgeliefert wird. Dort halten Staatsanwälte eine Anklage mit 18 Vorwürfen parat, darunter 17 angebliche Verstöße gegen das US-Spionagegesetz. Allein die Tatsache, dass Wikileaks Dokumente über Kriegsverbrechen der USA in Irak und Afghanistan publizierte, die die Whistleblowerin Chelsea Manning der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte, soll aus Assange einen Spion machen. Dafür drohen ihm nach Angaben der Ankläger bis zu 175 Jahre Haft.
Würde die US-Justiz seiner habhaft werden, wäre der Australier der erste Journalist, der wegen der Veröffentlichung von Fakten nach diesem Gesetz aus der Zeit des Ersten Weltkriegs vor Gericht gestellt wird. Assange erklärte deshalb kürzlich, sein Leben stünde »auf dem Spiel«, wenn das Vereinigte Königreich einem Auslieferungsersuchen der USA stattgeben würde.
Inzwischen haben sogar bürgerliche Zeitungen erkannt, dass es künftig auch ihnen an den Kragen gehen könnte. Darunter auch der britische Guardian und die New York Times (NYT), die zwar Wikileaks-Dokumente für ihre Zwecke nutzten, sich aber gleichzeitig nicht scheuten, »Fake News« über Assange zu kolportieren und ihm den Status als Journalist abzusprechen. Eine veränderte Haltung zeigen aktuelle Äußerungen von James Goo da le, dem ehemaligen Chefsyndikus der NYT. Sollte die US-Regierung mit ihrer Verfolgung von Assange Erfolg haben, bedeute dies, »dass der Prozess des Sammelns von Fakten zur Berichterstattung in der Presse unter Strafe gestellt wird«, warnte Goodale.
Im Interview mit dem US-Nachrichtensender Democracy Now schaute der Jurist kürzlich auf ganz andere Zeiten zurück. Denn 1971 hatte er die Redakteure seines Blattes ermuntert, die »Pentagon Papers« des Whistleblowers Daniel Ellsberg über den Vietnamkrieg zu veröffentlichen. Ellsberg und die Zeitung blieben damals straflos. Was jedoch jetzt gegen Assange laufe, so Goodale, bedeute, dass jeder, der heute Gleiches tue, »ins Gefängnis kommt«. Deshalb sei der »Fall Assange« aus journalistischer Sicht »von außerordentlicher Bedeutung«.
Der australische Journalist und Dokumentarfilmer John Pilger brachte die Verfolgung seines Kollegen als »Krieg gegen Assange« auf den Punkt. In einem von der investigativen US-Onlineplattform Consortium News am 14. Juni veröffentlichten Radiointerview kommentierte Pilger die einleitende Bemerkung seiner Interviewpartner Dennis J. Bernstein und Randy Credico, die Verfolgung von Assange sei »der Beginn des Endes der modernen investigativen Berichterstattung, wie wir sie kennen«, mit der Feststellung, das geschehe gerade überall auf der Welt. »Und zwar gerade in dem Teil der Welt, der sich selbst als der »aufgeklärte« ansehe. Dieser »globale Krieg gegen den Journalismus« ziele auf »Whistle­blower und Journalisten, die die Wahrheit sagen«, aber insgesamt »auf Andersdenkende«. Bemerkenswert sei die Geschwindigkeit, mit der sich das entwickle. Seit Assange am 11. April 2019 von der Polizei aus der ecuadorianischen Botschaft geschleppt wurde, sei die Polizei in den USA, in Australien und sehr spektakulär in Lateinamerika gegen Journalisten vorgegangen«, so Pilger. Das alles geschehe jetzt, »als hätte jemand grünes Licht gegeben«.
Der Präzedenzfall Assange sei »anders als alles, was wir erlebt haben«. Die USA wollten ihn nicht nur wegen der Enthüllungen in die Hände bekommen, sondern »weil er seine Quelle schützt«. Und die ursprünglich zu 35 Jahren Haft verurteilte Chelsea Manning sei jetzt wieder in Beugehaft genommen worden, »weil sie sich als Quelle geweigert hat, Lügen über Assange zu erzählen und ihn der Verschwörung zu beschuldigen«. Beider Handeln sei beispielhaft, und die Behörden befürchteten, »dass es da draußen noch einige Chelseas gibt«, auch wenn die vielleicht »nicht ganz so mutig wie Chelsea« seien, deren Enthüllungen »das gesamte System der Kriegführung« der USA geschwächt habe. Pilger schloss sein Plädoyer für Assange mit den Worten, er sei einem »unvorstellbaren Druck ausgesetzt«. Deshalb brauche er jede Unterstützung und Solidarität. »Mehr noch, er hat sie verdient!«
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