El Salvador: Selbstputsch

Mittwoch, 5. Mai 2021

 

(zas, 4.5.21) An diesem 1. Mai führte der regierende Clan um Präsident Nayib Bukele einen Selbstputsch mit unabsehbaren Folgen aus. An diesem Tag traten die letzten Februar gewählten ParlamentarierInnen (und Gemeinderegierungen) ihr Amt an. Die satte 2/-3-Mehrheit des Bukele-Lagers brauchte mit Support aus den beiden Rechtsparteien PCN und PDC genau eine Stunde, um die Verfassungskammer des Obersten Gerichts und den Generalstaatsanwalt abzusetzen und mit bedingungslos Bukele-genehmen Figuren zu ersetzen. Die Kammer habe, so das Argument, die Pandemiemassnahmen des Präsidenten sabotiert, der abgesetzte Generalstaatsanwalt Raúl Melara sei ein Mann von ARENA, der früher dominanten Rechtspartei. Das Vorgehen bedeutet eine weitere krasse Verletzung der Verfassung (das Parlament kann danach Mitglieder des Obersten Gerichts nur unter definierten kriminellen Umständen und nach gebührender Anhörung absetzen. Neue Mitglieder kann es aus einer Liste wählen, die vom Magistratur-Rat und den Anwaltskammern nach internen Wahlen erstellt wird.) 

 

Kritik und Geopolitik

Die Regierungsclique hat dafür den Support von Armee und Polizei, einem signifikanten Teil der Bevölkerung und von oligarchischen Kapitalgruppen. Am Sonntag gab es eine erste Protestkundgebung mit ein paar hundert vor allem jungen Leuten, insbesondere aus den feministischen und LGBTI-Strömungen. 

2. Mai-

 Eine lange Reihe von inländischen NGOs, Thinktanks, Berufsgremien, Academia-Strukturen, Menschenrechtsorganisationen u. a. stellten sich gegen den institutionellen Putsch. Aus dem westlichen Ausland hagelt es Kritik: US-Vizepräsidentin Kamala Harris, ihr Aussenminister Antony Blinken, EU-Aussenvertreter Josep Borrell, Amnesty, Human Rights Watch, die UNO-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet, selbst der putschfreundliche OAS-Generalsekretär Luis Almagro und viele andere kritisieren die Verletzung der Gewaltenteilung. Bob Menendez, Vorsitzender des Foreign Relations Committe des US-Senats, und Patrick Leahy, Chef des zentralen Senate Appropiations Committee (Mittelverteilung), kamen zur Sache: «Wir raten der Administration Biden dringend, sich mit dem IWF zu verständigen und klarzustellen, dass US-Finanzhilfe für die Bukele-Regierung vom Respekt der Demokratie, der richterlichen Unabhängigkeit und der Gesetzestreue abhängen sollte.»

Das bezieht sich auf die laufenden Verhandlungen der Regierung mit dem IWF für einen Kredit um $ 1.3 – 1.5 Milliarden, um nur schon die Budgetlücke für dieses Jahr zu füllen. Die Zinsen für Staatanleihen stiegen wegen der jetzigen Unsicherheit in Sachen IWF-Kredit von rund 6 auf schätzungsweise 12 Prozent. Ohne eine solche, vom IWF an drakonische asoziale Bedingungen geknüpfte Finanzspritze riskiert der regierende Clan eine massive Verschärfung der eh schon schlimmen Wirtschaftslage mit der Perspektive eines rapiden Popularitätsverlusts. Falls allerdings China, das sich auf reine, allerdings kaum weniger harte Business- Bedingungen zu konzentrieren pflegt, einspringen würde, wäre Bukele dieses Problem vorerst los. Beim Massenbezug der letzten Zeit von chinesischen Covid-19-Impfstoffen gefiel es dem Trumpianer in Casa Presidencial, mit dem Image des Antiimperialisten zu kokettieren, genau so wie er sich seine Aspiration auf den Spitzenplatz in der Oligarchie als antioligarchische Linie verkaufen will.

Diese geopolitische Variante ist vorerst allerdings rein spekulativ. Jedenfalls gibt es nicht viele andere Erklärungsvarianten für die Forschheit Bukeles beim Abschmettern internationaler Kritik an seinem Putsch, wie er sie am 2. Mai auf Twitter manifestierte: «An unsere Freunde in der internationalen Gemeinschaft: (…) Mit allem Respekt: Wir putzen unser Haus … und dafür seid ihr nicht zuständig». Natürlich setzt er darauf, die Durststrecke bis zu den Midterm-Wahlen 2022 in den USA einigermassen unbeschädigt zu überstehen, um danach mit einem Biden als lame duck und der Hoffnung auf ein Comeback Trumps ohne relevante Behinderungen herrschen zu können. Doch auch dafür braucht er jetzt Finanzhilfe. Wir werden sehen, wieweit die IWF-Keule aus dem Senat blosse Drohkulisse ist. Bukele setzt offensichtlich darauf, dass für die USA die Eindämmung der Migration aus Zentralamerika prioritär ist, und sie diese nicht mit einer verschärften Wirtschaftskrise ankurbeln wollen.

 

Machtbesoffenheit

Nach dem Wahlsieg des regierenden Clans letzten Februar war klar, dass der Clan sein Regime massiv verschärfen werde. Kostprobe: Am 30. April gab der kürzlich ernannte Justizminister Gustavo Villatoro bekannt, die Migrationskontrolle angewiesen zu haben, auch mit Hilfe ausländischer Behörden die Reisebewegungen aller bisheriger BürgermeisterInnen und Abgeordneten zu verfolgen, um sie wegen Korruption belangen zu können. Da redete ein Mitglied einer Regierung, die die Polizei schon eingesetzt hat, um Untersuchungen ihrer Korruption zu unterbinden. Für die Massnahme bräuchte es von Rechts wegen eine straf- oder zivilrechtliche Untersuchung, keine Generalanschuldigung. Villatoro leitete unter den ARENA-Regierungen Ende der 90-er/Anfang der 00-er Jahre die von US-Personal kontrollierte Sonderabteilung gegen organisierte Kriminalität der Generalstaatsanwaltschaft; unter der Kleptokratenregierung von Tony Saca war er Chef der Zollbehörde und hat dabei vermutlich den Drogenimport protegiert. 2019 installierte ihn Bukele wieder auf diesem Posten, danach wurde er Chef der Bankenaufsichtsbehörde und jetzt obliegt ihm die lawfare, Krieg per Justiz. Der Mann war mit dem 2006 umgekommenen ARENA-Sicherheitschef Adolfo Torres befreundet gewesen, der dokumentiert im Drogendeal aktiv war und in San Salvador versucht hatte, den FMLN mit «schmutzigen Tricks» zu bekämpfen.

Selbstredend braucht auch Bukele keine Gesetze. Die Justiz rechnete kürzlich dem wegen Korruption verurteilten Ex-Präsidenten Tony Saca zwei Jahre Untersuchungshaft an seine Gefängnisstrafe an, was eine bedingte Entlassung in näherer Zukunft ermöglichen könnte. Am 30. April drohte Bukele: «Die Richter, die versuchen ihn [Saca] freizulassen, werden wegen Amtsmissbrauch verurteilt und eingesperrt werden.» Der Präsident als oberster Richter des Landes. Zu seinem engsten Umkreis gehören ironischerweise eine Reihe der wichtigsten Operateure von Tony Saca, darunter auch der jetzige Justizminister. Saca hatte in kleinerem Ausmass das versucht, was Bukele seit Tag 1 seiner Präsidentschaft macht: mit Staatsknete Oligarch werden.

Die fünf in die Kammer Gehievten stammen aus dem Bukele-Lager und haben sich mit Dingen hervorgetan wie als Richterin der US-kolumbianisch-salvadorianischen Fluggesellschaft Steuerbefreiung zu gewähren (Elsy Dueñas), in früheren Generalstaatsanwaltschaften manipulierte Korruptionsanklagen zu erheben (Nahum García), die Geheimhaltung aller Dokumente zum Massaker von El Mozote zu vertreten (Pérez Chacón) und anderes. Auch der neue Generalstaatsanwalt Rodolfo Delgado gehört zur Familie. Wie sein Chef, der Justizminister, war er in der US-dirigierten Sonderabteilung der Generalstaatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität aktiv oder verteidigte den Polizeichef Arriaza vor einer Parlamentskommission zur Untersuchung von dessen Sabotage von Korruption im Pandemiezusammenhang. Letzten November will er als «Berater» der Staatsbank Banco Hipotecario Beweise für Veruntreuung von staatlichen Geldern durch den FMLN-Staatspräsidenten Salvador Sánchez Cerén (2014-2019) gefunden haben. Am 3. Mai gab er eine Pressekonferenz (nur vor Bukele-Medien, Courant normal bei der Regierung). Er machte dabei schon ohne Worte deutlich, woher der Wind jetzt weht: Umgeben von den führenden Polizeioffizieren (viele aus den alten Armeekräften, mehrere 2009 von der externen Polizeiinspektorin Zaira Navas wegen mutmasslicher Komplizenschaft mit Drogendealern u. a. suspendiert, danach aber von der rechten Justiz wieder in ihre Positionen zurückgeholt) betonte er, dass nun das «Binom» Polizei/Staatsanwaltschaft vom gleichen geist beseelt seien (also keine Untersuchungen mehr wie jene an der Vorwahl-Ermordung zweier FMLN-Mitglieder auf offener Strasse durch Beamte des Sicherheitsapparates, die von der Polizei sabotiert werden «mussten»).

 

Das "Binom" an der Pressekonferenz. Foto: La Prensa Gráfica.

Erpressung

Als Am 2. Mai hatte die Verfassungskammer ihren Sturz als verfassungswidrig abgelehnt. Doch schon am folgenden Tag tauchte das erste Kündigungsschreiben eines der Weggeputzten auf. Vor dem Haus des bisherigen, eventuell untergetauchten Kammerpräsidenten wurde die Polizei stationiert. Jetzt haben alle Mitglieder der alten Kammer und der Generalstaatsanwalt mit beinahe identischen Formulierungen ihre Kündigungsschreiben in den Social Media veröffentlicht. Sie wiesen die erhobenen Anschuldigungen zurück, führten aber (neben der Unmöglichkeit, unter den gegebenen Bedingungen ihres Amtes zu walten) familiäre Gründe als Motiv für die Kündigung an. Einer der Kammermitglieder detaillierte dies mit dem Verweis, den Behörden sei die schwere Krankheit seiner (hospitalisierten) Tochter bekannt. Das erinnert an die Rücktrittswelle führender RegierungsfunktionärInnen in Bolivien nach dem Putsch 2019, die so ihre bedrohten Angehörigen retteten. Das mag in diesem Fall anders sein. Aber in den letzten Monaten dokumentierten einige Medien (vor allem El Faro), wie exilierte venezolanische PutschistInnen aus der Entourage von Juan Guaidó in Bukeles «Pandemiebekämpfung», also militarisiertem Notstand, oder bei der Organisation und Planung des letzten Wahlkampfes mit seinen krassen Gesetzesverletzungen und umfassenden Stimmenkäufen entscheidende Rollen innehatten. Wir haben es wahrscheinlich mit einem von Washington (insbesondere dem Trumpschen) organisierten Politsöldnertum zu tun.

 

Abschaffung der Friedensabkommen

Was bedeutet die neue Putschphase? Zum Beispiel dies: Verabschiedung beliebig variierter verfassungsfeindlicher Gesetze, null Habeas Corpus für politisch Verfolgte (Sicherheitsminister Villatoro kündigte schon eine umfassende «Revision» des Strafgesetzes und der Strafprozessordnung an). Ohnehin wohl nur eine Frage der kurzen Zeit ist die «Säuberung» weiterer staatlicher Instanzen von ungehorsamen FunktionärInnen (Rechnungshof, Menschenrecht-Ombudsstelle, Wahlbehörde, Gerichte u. v. m.). Lawfare im grossen Stil gegen oppositionelle Führungsfiguren vor allem, aber nicht nur, des FMLN.

Gestern gab der für den FMLN gewählte Bürgermeister von Guaymango seinen Übertritt ins Bukele-Lager bekannt. Der Typ führte als Begründung an, nur so könne die Gemeindeverwaltung etwas für die BürgermeisterInnen tun. Kontext: Anfang April hatte Bukele auch im Zeichen einer faktischen Austeritätspolitik angekündigt, den Gemeindefonds Fodes von 10 Prozent der Steuereinnahmen auf 6 Prozent zu kürzen, wobei davon über 2/3 nur für von der Zentralregierung bewilligte Vorhaben ausgegeben werden dürfen. Ade Gemeindeautonomie, wie sie seit Ende des Bürgerkriegs langsam durchgesetzt werden konnte. (Während 10 Monaten hatte sich die Regierung geweigert, den Gemeinden auch nur einen Cent abzudrücken, was vor allem kleinere Kommunen lahmlegte. Dafür will sie jetzt die «kriminelle» Verschuldung oppositioneller Gemeindeverwaltungen «untersuchen»).

Ein dramatischer Aspekt des institutionellen Putsches ist die offene Rückkehr zu Verhältnissen der 70-er und 80-er Jahre. Damals urteilte das Oberste Gericht unfehlbar im Sinn der Militärdiktatur. Die UNO-Wahrheitskommission hielt nach dem Bürgerkrieg nicht vergebens fest, dass es dafür verantwortlich war, dass von den 6000 zum Verschwinden gebrachten linken AktivistInnen keine Spur in den Unterlagen des Justizsystems zu finden war. Jetzt ist Oberste das Gericht wieder Teil der Exekutive. Verfahren wie die Untersuchung des Massakers von El Mozote (1000 Ermordete 1981 in einer ländlichen Gegend) werden bald der Vergangenheit angehören oder pervers manipuliert sein.

Bukele bezeichnet die Friedensabkommen von 1992 seit langem als Deal zwischen zwei Mafias zur Unterdrückung des Volkes, das zu befreien seine Mission sei. Als der Vertreter des venezolanischen Putschismus in Washington, Julio Borges, zwecks guten Wetters in der Administration Biden zu den aktuellen Vorgängen meinte, Diktatur sei Diktatur, weder links noch rechts, konterte Bukele, Borges sei wie Maduro, und: «In El Salvador kostete uns die Befreiung vom Regime 30 Jahre. Wir werden jetzt nicht nachgeben.» Befreiung … von den Friedensabkommen.

 

Zum Widerstand

Zurzeit zirkulieren neue Aufrufe zu Protesten auf der Strasse (auch einer eines breiten 1. Mai-Bündnisses von sozialen Organisationen aus dem FMLN-Umfeld). Möglich, dass da eine neue Bewegung entsteht. Getragen von Leuten, deren politische Sozialisierung in der zehnjährigen Regierungszeit des FMLN erfolgt war, mit wenig Repressionserfahrung, aber frischem Mut. Viele im Land scheinen die Notwendigkeit eines breiten antifaschistischen Bündnisses zu befürworten. Gegen die kommende Repressionswelle wird es einen langen Atem brauchen. Umso schmerzhafter, dass im FMLN eine Businessfraktion, die sich eines marxistisch-leninistischen Vokabulars bedient, bisher auf eine «Versöhnung» mit Bukele gesetzt hat, der so gezwungen werden solle, die Kosten der Krise auf die Oligarchie, nicht das Volk, abzuwälzen. Doch diese in den formellen Strukturen derzeit dominierenden Apparatschiks sind nicht der FMLN. Das sind viel mehr jene, die sich an den Mobilisierungen beteiligen, die sich gegen Entlassungen im Staatsapparat wehren, die in den Dörfern den Widerstand gegen eine langsam wieder wie früher operierende Soldateska versuchen, genau so wie gegen die erdrückende Bedrohung durch die Maras, ein weiteres Faustpfand in der Hand des Regimes. Vorerst gilt: kleine Brötchen backen. An die Proteste gehen, mit den Nachbarn diskutieren. Der neue Faschismus, so sagen viele Compas, fällt, wenn die Leute dank zäher Kommunikation die Augen öffnen. 

2. Mai: "Ein Faschist löscht unser Gedächtnis nicht aus"

 

El Salvador: Massaker von El Mozote, Präsenz eines US-Militärs, Einsatz von Napalm

Freitag, 30. April 2021

 

(zas) 11. bis 13. Dezember 1981: Die salvadorianische Armee ermordete in diesen Tagen in der Gegend rund um das Dorf El Mozote im Osten des Landes nachgewiesenermassen fast 1000 Menschen, 477 weniger als 12 Jahre alt. Es war das grösste Einzelmassaker des 20. Jahrhunderts in Lateinamerika. International machten das als erste zwei JournalistInnen, Alma Guillermoprieto von der Washington Post und Raymond Bonner von der New York Times, bekannt. Die entsetzten Berichte der damaligen Guerilla des FMLN zuvor waren schlicht ignoriert worden. Bonner und Guillermoprieto sollte es lang nicht besser gehen. Washington leugnete das Massaker während Jahren. Dafür erhöhte es wenige Tage nach dem Gemetzel die Militärhilfe massiv. Begründung: Die Menschenrechtslage im Land habe sich beträchtlich verbessert. Zu Washingtons Hauptnegationisten gehörte mit Elliot Abrams der damals für Menschenrechte zuständige Funktionär im State Department. Unter Trump koordinierte er das stille Massaker per Sanktionen und Blockade in Venezuela. 

2017: Übergabe von Leichenresten an überlebende Angehörige. Foto: Revista Factum.

Adams wusste es damals besser, wie die Stanford-Dozentin Terry Karl am letzten 27. April  in einer Anhörung vor dem couragierten Richter Jorge Guzmán, der den Fall neu aufrollt, darlegte. Die Frau forscht seit den 80-er Jahren zu Menschenrechtsverbrechen in El Salvador und gilt international als ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet. 1982 hatte sich der Chef von Americas Watch (die danach zu Human Rights Watch wurde), Aryeh Neier, mit Elliot Abrams unterhalten. Dabei ging es nicht nur um die Frage des Massakers, sondern um die Anwesenheit des US-Militärberaters Bruce Hazenwood dabei, wie dieser selbst der dank der Friedensabkommen von 1992 entstandenen UNO-Wahrheitskommission berichtete. Karl hat das ihr zugängliche Interview der Kommission mit Hazenwood dem Gericht präsentiert. Der US-Aufstandsbekämpfer war mit dem salvadorianischen Oberst Domingo Monterrosa nach El Mozote geflogen. Monterrosa befehligte das Elitebatallon Atlacatl, das gerade in den USA ausgebildet worden war und in El Mozote an vorderster Stelle wütete. (Die Guerilla konnte den berüchtigten Oberst ein paar Jahre später in einer spektakulären Aktion hinrichten.) Aryeh Neier von Americas Watch hatte Terry Karl von einem Gespräch 1982 mit Abrams berichtet, bei dem dieser die Aussage des Times-Journalisten Ray Bonner bestritt, Hazenwood sei bei der Folterung von Gefangen zugegen gewesen, aber angefügt hatte: «Ich wünschte, ich könnte das Gleiche zu El Mozote sagen.» Hazenwood war auch vorgängig über die geplante Ermordung 1982 des vierköpfigen holländischen Medienteams unter Koos Koster informiert worden, und zwar von Reyes Mena, dem mit dem Mord beauftragten Obersten. Der niederländische TV-Sender Zembla hatte dies im September 2018 auf der Basis bislang geheimer Dokumente der Wahrheitskommission publik gemacht. «Natürlich» hatte der US-Militärberater nichts unternommen, um den Mord zu verhindern.

Am 28. April ging die Anhörung von Terry Karl weiter. Sie situierte das Massaker von El Mozote in der Strategie der Armee-Hardliner, für die dieses grösste ihrer Massaker – «der schlimmste Moment im Krieg» (Karl) - nur den Höhepunkt einer Strategie der Vernichtung der zivilen Basis der Aufständischen darstellte. In El Mozote setzte die Armee, so Terry Karl, auch vier Napalmbomben ein. Den jetzt mitangeklagten damaligen Chef der Luftwaffe, Juan Rafael Bustillo, hatte ein Untersuchungsbericht des US-Kongresses laut der New York Times vom 9. Oktober 1984 so zitiert: «Bevor die USA uns zu helfen begannen» - mit der Lieferung von A-37-Militärflugzeugen, die zielgenaues Bombardieren mit traditionellen Bomben ermöglichten - «mussten wir Napalm benutzen. Wir hatten es einige Jahre zuvor von Israel gekauft.»

Für einen der von Karl genannten verantwortlichen Mordoffiziere des Elitebataillons Atlacatl, Oberst Mauricio Duque Lozano, hatte 2019 ein anderer Oberst, Rolando Brizuela, ein Alibi geliefert: Duque habe wegen einer Verletzung gar nicht am Mozote-Massaker teilnehmen können. Staatspräsident Nayib Bukele hatte Brizuela kürzlich zum Chef der Finanzaufsicht (Superintendencia del Sistema Financiero) ernannt. Kein Widerspruch zu Bukeles anhaltender Weigerung, Richter Guzmán Armeearchive zu El Mozote auszuhändigen.

Karl hatte in der Anhörung auch mehrere Informationen vorgetragen, die den Versuch von Angeklagten, das Massaker als Folge «durchgebrannter Sicherungen» des Atlacatls-Chefs Monterrosa und nicht als vom Obersten Armeekommando abgesegnete Operation darzustellen, widerlegten. Dazu gehören etwa die Information, dass rund ein Drittel des damaligen Armeebestandes direkt beteiligt war oder dass die honduranische Armee zeitgleich die nahen Grenzen abriegelten.

Nach der Anhörung: Terry Karl und die beiden Überlenden Pantaleona López und Rosario López. Foto: El Faro.

Ob das Gerichtsverfahren abgeschlossen werden kann, ist offen. Die Verteidigung der Militärs hat zwei Ablehnungsverfahren gegen Guzmán wegen «Befangenheit» eröffnet. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich im derzeitigen, durch Bukeles Sieg in den Parlamentswahlen von letztem Februar noch zugespitzten Klima des Autoritarismus, eine Berufungskammer fände, die dem stattgäbe.

An der Anhörung war auch ein Vertreter der US-Botschaft, Jonathan Lloyd, präsent. Laut El Faro meinte er: «Die USA unterstützen das Gerichtsverfahren zum Fall des Massakers von El Mozote.» Wie fest, zeigt der Umstand, dass ihm die Anwesenheit eines US-Militärberaters beim Massaker kein Kommentar wert war.

[rojavaagenda] Newsletter Nr. 26: Zweite Runde Rojava-Lesestoffaktion

Dienstag, 27. April 2021

 

Liebe Freund*innen und Genoss*innen

Hände weg von Shengal!
Seit Monaten schwelt der Konflikt rund um die Frage der Autonomie des
Shengals im Nordirak / Bashur. Nachdem der Islamische Staat die dort
lebenden Jesid_innen 2014 angriff, flohen die Peshmerga-Milizen des
Barsani-Clans. Einheiten der PKK organisierten den Widerstand und die
Selbstverteidigung der Region, daraus entwickelten sich schliesslich die
autonomen Selbstverteidigungseinheiten YBS, die sich bis heute dem
Zugriff des Barsani-Clans entziehen. Weder die irakische
Zentralregierung noch die nordirakische Autonomieregierung in Erbil
sieht dies gerne, weil diese Einheiten Teil eines allgemeineren
Selbstverwaltungsprojekts – à la Rojava – sind. Sie haben darum (mit
Unterstützung der USA und der Türkei) in den vergangenen Monaten den
Druck erhöht, damit diese Einheiten aufgelöst werden. Wir empfehlen dazu
die Informationen der Riseup4Rojava-Kampagne
(https://twitter.com/RISEUP4R0JAVA/status/1384163122110341136) sowie
jene auf Firatnews
(https://anfdeutsch.com/aktuelles/frauen-blockieren-irakische-armee-in-Sengal-25759).

Yasasin 1. Mayis! Biji 1 Gulan! Es lebe der 1. Mai!
Der 1. Mai – internationaler Kampftag der Ausgebeuteten und
Unterdrückten – naht und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. In
der Türkei versucht das herrschende AKP-MHP-Regime, alle Mobilisierungen
der emanzipatorischen Kräfte an diesem Tag zu verhindern. Doch die linke
Bewegung macht dieses Spielchen nicht mit und ruft weiterhin
selbstbestimmt dazu auf, sich an diesem Tag die Strasse zu nehmen: Gegen
den Faschismus des Regimes, für eine Perspektive jenseits des
islamistisch-nationalistischen Irrsinns. Es zirkulieren dazu Aufrufe von
Gewerkschaften, Parteien und anderen Zusammenschlüssen für Istanbul
(https://anfdeutsch.com/aktuelles/fur-unsere-arbeit-und-freiheit-am-1-mai-auf-die-strasse-25572)
oder Ankara
(https://anfdeutsch.com/aktuelles/festnahmen-wegen-plakaten-zum-1-mai-in-ankara-25675),
eine treibende Kraft dahinter ist das neue Bündnis Birleşik Mücadele
Güçleri - Vereinigte Widerstandskräfte, in welchem sich verschiedene
legale Strukturen innerhalb der Türkei beteiligen
(https://anfdeutsch.com/aktuelles/vereinigte-widerstandskrafte-die-kampfe-verbinden-24327).

Heraus zum 1. Mai also – auch in Zürich
(https://barrikade.info/article/4422), Basel
(https://barrikade.info/event/1489), Bern
(https://barrikade.info/event/1490) oder Winterthur
(https://barrikade.info/event/1495)!

Übrigens: Morgen Samstag (24. April) gibt es auf dem besetzten Kochareal
in Zürich ein Politprogramm zum 1. Mai mit Dockers aus Genua, die
imperialistische Waffentransporte für den saudischen Krieg im Jemen
sabotierten, und Genoss_innen aus der Klimabewegung, der Pflegearbeit
und der proletarischen Jugend, die von linken Initiativen in
Covid-Zeiten erzählen. Dort wird es einen Rojava-Büchertisch geben, mit
allerlei Agitprop-Materialien zu Rojava. Mehr Infos dazu hier:
https://barrikade.info/article/4421.

Zweite Runde Rojava-Lesestoffaktion!
Der Sommer naht und die eine oder der andere wird Zeit finden (oder sich
schaffen), um sich vertiefter mit Rojava oder der Geschichte der
kurdischen Freiheitsbewegung auseinanderzusetzen. Wir organisieren dazu
eine zweite Runde der Rojava-Lesestoffaktion: Am 30. April, dem Vorabend
des 1. Mai, könnt ihr zwischen 19 und 21 Uhr im Infoladen Kasama
(Militärstrasse 87A, 8004 Zürich) vorbeikommen und Bücher, Broschüren,
Kleber und Plakate zu diesem Komplex abholen kommen!

An Lager haben wir zum Beispiel…
… Die Autobiographie von Sakine Cansiz: Mein ganzes Leben war ein Kampf
(Band 1-3, jeweils 23 CHF).
… Das Grundlagenwerk von Abdullah Öcalan: Jenseits von Staat, Macht und
Krieg (23 CHF)
NEUERSCHEINUNG - Peter Schaber’s Einführung in die politische
Philosophie Öcalan’s: Die Überwindung der kapitalistischen Moderne (20
CHF)
NEUERSCHEINUNG Beide Bände von Widerstand und gelebte Utopien:
Frauenguerilla, Frauenbefreiung und Demokratischer Konföderalismus in
Kurdistan (2015; 30 CHF) + Wir wissen, was wir wollen. Frauenrevolution
in Nord-und Ostsyrien (2021; 23 CHF).
NEUERSCHEINUNG, Bestseller-Roman – Von Ronya Othman: Die Sommer
… Verschiedenstes von Anja Flach, darunter Jiyaneke Din (19 CHF) und
Frauen in der kurdischen Guerilla.
… und viel, viel mehr… Kommt vorbei, schaut’s euch an, bleibt auf einen
Schwatz und schaut euch um!

Wenn ihr wollt, könnt ihr uns vorgängig per Mail (rojka@riseup.net) oder
Telegram/Whatsapp (077 991 29 42) schreiben, was wir euch auf die Seite
legen sollten.

Empfiehlt den Newsletter!
Um die 150 Menschen erhalten regelmässig seit mehr als zwei Jahren den
Newsletter des Rojava-Komitee Zürich. Wir finden das super und hören
immer wieder, dass er hilfreich ist, um sich einen zusammenfassenden und
fokussierten Überblick über die aktuelle Lage und anstehende Aktivitäten
zu verschaffen. Wir würden das sehr gerne weiter ausbauen – und bitten
euch deshalb darum, den Newsletter jeweils an Interessierte
weiterzuleiten! Diese können auch gleich – wenn sie denn wollen – sich
für den Newsletter ohne viel Aufwand einschreiben. Es reicht ein leeres
Mail an rojavaagenda-subscribe@lists.riseup.net und sie erhalten fortan
den Newsletter direkt in ihrer Mailbox.

Einführungsvideo zu Rojava mit Kerem Schamberger
Ende März haben wir mit Freund_innen der hiesigen Klimabewegung eine
Videoveranstaltung mit Kerem Schamberger (Mitautor von ‘Die Kurden: Ein
Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion’) organisiert. Der
Zusammenschnitt dieser Veranstaltung (rund 35 Minuten) ist nun verfügbar
unter https://youtu.be/UZ5lHLcPTBA und liefert eine grundlegende
Einführung in die Geschichte und Gegenwart Rojavas.

Sehit namirin: Sinan Dersim
Gerade eben wurde bekannt, dass Heval Sinan Dersim im vergangenen
Oktober durch einen Luftschlag der türkischen Armee getötet wurde. In
einer ausführlichen Erklärung dazu würdigen die Genoss_innen der
Volksverteidigungseinheiten seine lange Geschichte des Kampfes an
verschiedensten Orten und Fronten:
https://anfdeutsch.com/aktuelles/npg-gibt-tod-von-sinan-dersim-bekannt-25775
Hervorheben möchten wir nur einige dieser Stationen – die frühe
Organisierung in den Reihen der kurdischen Jugend, die Mitgliedschaft im
Exekutivrat der KCK, danach die politische Arbeit in Europa, die
militärische Arbeit nach der Rückkehr nach Kurdistan und die
Bündnisarbeit im Rahmen der HBDH (das Bündnis revolutionärer illegaler
Parteien), wo er Mitglied des Exekutivrats war.

Mit solidarischen und kämpferischen Grüssen
Rojava Komitee Zürich
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