Auf dem Boden des Genozids: Sand, Scheisse, verwesendes Fleisch und seltsame Hausschuhe

Sonntag, 24. März 2024

Susan Abulhawa*

Den PalästinenserInnen im Gazastreifen, denen der Zugang zur Welt verwehrt ist und die auf dem Festland von Stacheldraht und Elektrozäune eingeschlossen sind, war die Mittelmeerküste einst der einzige Ort, an dem sie die Majestät von Gottes Erde einatmen konnten.

Hierher kamen Familien, um Spass zu haben; Liebende, um ihre Beziehungen zu vertiefen: FreundInnen, die im Sand sassen und sich einander anvertrauten.

Die Menschen gingen dorthin, um nachzudenken und eine Welt zu betrachten, die ihnen so wenig entgegenkam.

Wo sie tanzten, Shisha rauchten und Erinnerungen hatten.

Aber jetzt sind diese Ufer eine Qual.

Als Küstenregion ist der Boden in Gaza sandig, sogar noch weiter im Landesinneren. Da fast 75 Prozent der Bevölkerung in behelfsmässigen Zelten leben, gelangt der Sand in alles.

Er ist im Essen enthalten, in dem wenigen, was es gibt, ein unwillkommener Sand in jedem Bissen. Er verklumpt ständig in den Haaren der Menschen.

Er gelangt unter den Hidschab, den die Frauen jetzt aus Mangel an Privatsphäre ständig tragen müssen. Die Kopfhaut juckt ständig, und immer mehr Menschen rasieren sich den Kopf, eine besonders schmerzhafte Entscheidung für Frauen und Mädchen, die ein weiteres Detail dieser gezielten Entwürdigung einer ganzen Gesellschaft ist.

Die Glücklichen, die Zugang zu sauberem Wasser haben, können sich ein paar Stunden Ruhe gönnen, bevor sich die Macht des Sandes wieder durchsetzt.

Wo es Sand gibt, gibt es auch winzige Sandkrabben, und mit der Erwärmung des Wetters werden weitere Insekten folgen.

Eine Freundin schickte mir Fotos von etwas, das sie für einen Hautausschlag an ihren Extremitäten hielt, in der Hoffnung, ich könnte Ärzte für sie konsultieren. Ich erkannte sofort, dass es sich wahrscheinlich um Insektenstiche handelte, und zwei Ärzte bestätigten meinen Verdacht.

Sie schwor, dass sie ihren Schlafplatz täglich peinlich genau gereinigt hatte, aber die Ärzte erklärten, dass solche Wanzen zu klein sein könnten, um sie zu sehen. Diese mikroskopisch kleinen Angreifer auf ihrer Haut zermürbten sie ein wenig, obwohl sie bereits das Unerträgliche ertragen hatte - wahllose Bomben und Kugeln, das Fehlen von allem, grausame Szenen von Tod und Zerstückelung fast täglich, das ständige am Geist zerrende Summen von Drohnen, die Verschlechterung des Zustands von Angehörigen, die nicht verfügbare Medikamente benötigen, und die Unfähigkeit, einfach nach Hause zu gehen.

Demütigung

Es ist schmerzhaft, mitzuerleben, wie eine uralte Gesellschaft auf die elementarsten Bedürfnisse reduziert wird. Eine Freundin, die in einer schönen "Smart Home"-Wohnung mit modernen Annehmlichkeiten lebte, Grundschullehrerin war und Freizeitprogramme für Kinder nach der Schule leitete, strukturiert ihre Tage nun um zwei schreckliche Besuche auf einer Aussentoilette, die von Hunderten von Menschen genutzt wird.

Es ist ein fauliges Loch im Boden, über dem ein Eimer steht, der in die Haut schneidet. Sie weiss nicht, wohin es führt, aber "es lässt sich natürlich nicht runterspülen", sagt sie.

Einige Leute verrichten ihr Geschäft ausserhalb des Lochs auf dem schmutzigen Boden, und so muss sie manchmal in der Scheisse laufen. Das Loch hat vier Plastikwände, aber keine Decke, was bei Regen eine zusätzliche Demütigung bedeutet.

Der frühe Morgen ist die beste Zeit, da die Schlange dann kürzer ist. Sie achtet darauf, wann sie isst oder trinkt, damit sie nicht zur falschen Zeit gehen muss.

Ihre 6-jährige Tochter lernt, es so lange wie möglich auszuhalten. Ihr älterer Sohn kann seinen Vater zur Arbeit begleiten, wo es eine funktionierende Toilette gibt, aber er fühlt sich schuldig, wenn er sich erleichtert, erzählt mir seine Mutter.

Ich habe ihr ein paar grundlegende Toilettenartikel mitgebracht, und sie hat bei der Berührung der Hautlotion fast geweint.

"Ich denke immer wieder, dass ich eines Tages aufwachen und feststellen werde, dass das alles nur ein schlechter Traum war", sagt sie.

 

Schreckliche Spur

Diesen Satz habe ich oft von verschiedenen Menschen in verschiedenen Teilen des Gazastreifens gehört. Die Erniedrigung ihres Lebens ist so akut und schnell, dass der Verstand die Realität kaum erfassen kann.

"Ich hätte mir nie vorstellen können, dass dies mein Leben sein könnte", sagt sie, hält dann inne und fügt hinzu: "Aber ich habe kein Recht, mich zu beklagen, denn zumindest ist meine Familie noch am Leben."

Auch das ist etwas, was ich immer wieder von Menschen in Rafah gehört habe.

Sie fühlen sich schuldig, dass sie bis jetzt überlebt haben. Sie fühlen sich privilegiert, weil sie etwas zu essen haben, auch wenn es ranzig oder unzureichend ist, während ihre Freundinnen, Nachbarn und Angehörige in den nördlichen und mittleren Gebieten langsam verhungern.

Diese Menschen sind stundenlang mit erhobenen Händen gelaufen, wurden von israelischen Soldaten verspottet und verhöhnt, hatten Angst, nach unten zu schauen oder sich zu bücken, um etwas aufzuheben, weil das ein Grund für die Kugel eines Heckenschützen gewesen wäre, ein Schicksal, das viele auf dem Weg ereilte. Fast jeder wurde von den Soldaten geplündert, die auf die Strasse warfen, was sie nicht haben wollten.

"Meine Kinder sahen auch tote Menschen und menschliche Körperteile am Strassenrand in verschiedenen Verwesungszuständen. Was werden diese Bilder in ihren Köpfen bewirken?", sagt sie.

Ihr 8-jähriger Sohn verlor seine linke Sandale (shibshib), als sie diesen schrecklichen Weg gingen, aber er musste mit nur dem verbleibenden Pantoffel weitergehen, denn wenn er nach unten schaute oder, schlimmer noch, sich bückte, konnte er getötet werden.

Obwohl er während des unvorstellbaren Schreckens stoisch geblieben war, war es der Verlust seines Schuhs, der seine Fassung zerstörte. Er weinte immer wieder und lehnte das Shibshib seiner Mutter ab, bis ein anderer Flüchtling, der neben ihnen ging und mit der gleichen Angst die Hände hob, ihm ein weggeworfenes Shibshib auf der Strasse zuschieben konnte.

"Zum Glück war es der linke Fuss, so dass er wieder ein Paar hatte, auch wenn sie nicht zusammenpassten", sagte seine Mutter.

·        8. 3. 24: On the floors of genocide: sand, shit, decomposing flesh and odd slippers. Susan Abulhawa ist Schriftstellerin und Aktivistin. Sie besuchte Gaza Ende Februar, Anfang März.

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Angriff auf Würde und Lebenskultur

(zas, 24.3.24) In ihrem Roman «Während die Welt schlief» (Heyne), der sich um Vertreibung, Hoffnung, Widerstand und Tod von Generationen einer palästinensischen Familie von 1948 bis zum Massaker in Jenin 2002 dreht, beschreibt Susan Abulhawa, wie der israelische Besetzungsterror die Würde und Selbstachtung der Menschen in Palästina angreift. Was sie von ihrem Besuch in Gaza in diesem und anderen Beiträgen auf electronicintifada.net beschreibt, findet sich etwa auch in dem erschütternden Bericht von Mahmoud Mustaha ‘We scream, starve, and die alone’: Life in the ruins of Shuja’iya über die aktuelle Lage in Gaza City. Es geht darin um ihre Preise für Grundbedarfsgüter im Schatten des israelischen Terrors masslos erhöhende palästinensische Profiteure, um die Gangs, die bei seltenen Hilfelieferungen ihre Waffen benutzen, um sich Mehl und Wasser anzueignen und damit für die israelische Strategie der Zerrstörung des sozialen Geflechts in Gaza funktional sind, bis zu dieser Stimme von Said Sweikri (22): «Wir sind wie Tiere geworden. Unsere Leben bedeuten nichts und niemand kümmert sich um unsere Werte in Gaza. Wir schreien, verhungern und sterben alleine. Uns fehlen Grundbedingungen fürs Leben: Strom, Wasser, Brennstoffe. Weiss die Welt, dass wir Tierfutter essen? Während Stunden suchen wir Brennholz auf den Strassen und in den zerstörten Häusern. Wir sind wieder im Steinzeitalter. Wir wachen jeden Morgen auf und suchen Wasser. In der Nachbarschaft haben alle leere Gefässe dabei und halten während Stunden Ausschau nach Möglichkeiten, sie zu füllen. Danach suchen wir nach einer möglichen Hilfe oder zu einem vernünftigen Preis erschwingbaren Reis (…) Das Schlimmste ist nicht der Krieg; leider haben wir uns an Kriege gewöhnt. Das Schlimmste sind jene, die diese Bedingungen fürs Geldmachen ausnützen – die Händler ohne Prinzipien.»

Bildquelle: +972 Magazine

Susan Abulwaha beschreibt in ihrem Roman den Kampf um den Erhalt der palästinensischen Kultur, der Volkstraditionen, gegen den schon damals umfassenden Angriff auf die Würde der Menschen. Sie lässt uns erahnen, wie tief es die Seele trifft, die von den Vorfahren gepflanzten Olivenbäume nicht mehr pflegen zu können. Da geht es auch, aber nicht nur, um den Ernteerlös fürs Überleben, der jetzt dank der staatlichen Siedlermiliz in der Westbank fehlt. Da geht es heute um die zerstörten Moscheen und Kirchen, also Orten des kollektiven Besammelns. Um die systematische Zerstörung von Spitälern und Ackerböden, von Schulen und akademischen Einrichtungen. Das erinnert an die türkische Zerstörung der historischen Altstadt von Amed (Diyarbakir), dem widerständigen Zentrum des türkischen Kurdistans, im Jahr 2016.

 

 

Chaosengineering und Hunger  

In Israel Seeks to Let Armed Gangs Control Gaza, but Could Find Hamas Back in Charge vom 22. März macht Zvi Bar’el, ein führendes Redaktionsmitglied der israelischen Tageszeitung Ha’aretz, interessante Angaben zu Kräften hinter Gangs und Preistreibern. Er skizziert ein komplexes Bild von schwerreichen und miteinander in einer «Koalition der Familien» organisierten Gruppen und ihren jeweiligen Milizen in Gaza, die sowohl mit der PLO wie mit der Hamas widersprüchliche, aber enge Beziehungen unterhielten. So soll ein Teil dieser Clans beim langjährigen Schmuggel von Ägypten nach Gaza eine wichtige und lukrative Rolle gespielt haben. Diese Familien sind, vermutet Bar’el, dieselben, die Israel für das wirtschaftliche Management des Lebens in Gaza nach dem Krieg vorsieht. «Es ist schwierig», lesen wir, «Grenzen zwischen den ‘Volkskomitees’ [Clanmilizen] und Gangs, die ebenfalls zu diesen Familien und Clans gehören, zu ziehen. Nicht nur Nahrungskonvois werden ausgeraubt. Auch das Ausplündern von Häusern, verlassen von ihren BewohnerInnen, ist zu einem lukrativen Geschäft geworden. Ehemalige BewohnerInnen sagen, sie haben ihre Möbel und Hausratsgegenstände zum Verkauf in improvisierten Märkten gesehen, wobei der Verkauf von bekannten Mitgliedern prominenter Familien überwacht wurde.»

Bar’el fährt fort: «Diese Familienmilizen begleiten die Lastwagen und vermieten Lagerhäuser und andere Einrichtungen an Hilfsorganisationen für teures Geld, zusätzlich zu Anteilen, die sie nehmen und den EinwohnerInnen der Gegend zu exorbitanten Preisen verkaufen. Wenn Berichte in Israel eine Absicht erwähnen, «Geschäftsleute» zu rekrutieren, um die zivile Hilfe zu managen, so handelt es sich um die gleichen Leute, die heute die Plünderung organisieren. In Israel und Washington sind sie sich des schrecklichen Chaos, das das Hilfeprojekt begleitet, bewusst (…) In Gaza sagen sie schon, dass diese kriminellen Gangs nicht existieren könnten, wenn sie nicht israelische Interessen bedienen. ‘Die Gangs stehlen und Israel protegiert sie’, sagt ein Account bei X.»