Wie löscht man eine Zivilisation aus?

Montag, 20. April 2026

Álvaro García Linera*

Am 7. April verurteile Präsident Trump den Iran auf seinem sozialen Netzwerk Truth: „Heute Nacht wird eine ganze Zivilisation verschwinden.“

Das Erschreckende ist nicht nur die Absicht eines Präsidenten einer Atommacht, sich darauf vorzubereiten, eine ganze „Zivilisation“ auszulöschen, sondern auch das Schweigen und die morbide Faszination, mit der diese monströse Erklärung von der weltweit vorherrschenden „öffentlichen Meinung“ aufgenommen wurde.

Nur wenige waren entsetzt über die öffentliche und offizielle Drohung, Millionen von Menschen – Kinder, Erwachsene, Alte – zu ermorden und ihre Kultur, ihre Geschichte, ihre Religiosität, ihre Wirtschaft, ihre Geografie, ihre Institutionen und ihre Nachkommen zu zerstören - all das macht eine „Zivilisation“ aus. Einige beeilten sich zu prüfen, wie sehr dieses Ultimatum den internationalen Preis für Öl und Gas in ihren Ländern beeinflusst hatte. Andere switchten am Handy gleichgültig zu einem lustigeren Video, während eine grosse Anzahl von Psychopathen an der Macht den Countdown startete, um die verbleibende Zeit bis zum neuen Spektakel zu zählen: zu sehen, wie Trump episch zurückrudert, oder live das apokalyptische Aussterben einer Nation von 90 Millionen Menschen mitanzusehen. Ihnen war es egal, ob das eine oder das andere eintrat.

Wenn sich jemand fragt, wie es möglich war, dass 1944 in Auschwitz eine Zivilisation verbrannt wurde, während sich die deutsche Mittelschicht an der Ostseeküste im warmen Sommer vergnügte, reicht es, die gleichgültige Gelassenheit der heutigen Regierenden der meisten Länder der Welt und ihrer gelehrten VertreterInnen beim Völkermord in Gaza oder bei den schrillen Einschüchterungen des US-Präsidenten zu betrachten.

Der Vergleich ist nicht weit hergeholt. 1943 skizzierte der Oberbefehlshaber der SS, Himmler, in einer Rede in Polen die Vorgehensweise bei der „Vernichtung des jüdischen Volkes“ (yadvashem.org). Ersetzt das Wort „Volk“ durch „Zivilisation“, und ihr erhaltet dieselbe völkermörderische Aussage, wie sie heute zum Iran getätigt wird. Mit dem Unterschied, dass Himmler darauf hinwies, dass darüber „in der Öffentlichkeit nicht gesprochen“ werde. Heute hingegen geschieht dies über alle Medienkanäle.

Diese Verschiebung der Grenze des öffentlich Normalisierten, was nach den moralischen Massstäben der WählerInnen gleichgültig oder lächerlich ist, ist auffällig. Das hat nicht nur mit den persönlichen Eigenschaften der Präsidenten zu tun, die die performative Kraft der offiziellen Sprache monopolisieren. Es ist auch eine gesellschaftliche Veranlagung zum Undenkbaren und zum Abscheulichen, wie sie für Zeiten typisch ist, in denen das vorherrschende Glaubenssystem zusammenbricht und ein neues noch fehlt.

Doch wie kam es, dass Präsident Trump von der Planung der Enthauptung der Führer eines souveränen Landes dazu überging, die mögliche Auslöschung einer Nation anzukündigen? Man kann sagen, dass Trump und sein Kabinett in weniger als einem Monat drei Staatskonzepte durchliefen, die alle scheiterten, als es darum ging, sie für ihre Erwartungen zu instrumentalisieren.

Das erste, das dem monarchischen Absolutismus nahe kommt, identifiziert die Regierungsform eines Landes mit der Person des Herrschers. In diesem Fall bedeutet die Enthauptung des Herrschers den Verlust des politischen Zusammenhalts der Gesellschaft, wodurch diese zu einem Konglomerat aus besiegten und dem externen Herrscher unterwürfigen Menschen wird, der die Macht besitzt, über Leben oder Tod jedes anderen Menschen im Land zu entscheiden. Daher war die Tötung des obersten iranischen Führers – Ali Khamenei – das Hauptziel des US-Bombardements auf den Iran.

Der Erfolg dieses Ziels war spektakulär. Trump kündigte am 28. Februar Militäroperationen an, und am 1. März wurde der Tod des iranischen Führers bestätigt. Doch entgegen allen Erwartungen stürzte die Regierung nicht, und das iranische Volk strömte auch nicht jubelnd auf die Strassen und schwenkte US-Flaggen. Man ging davon aus, dass die Regierung nach dem Tod des Führers gelähmt sein würde und die iranische Gesellschaft, die noch Wochen zuvor wegen der Inflation und des Zusammenbruchs der wirtschaftlichen Einnahmen gegen die Regierung protestiert hatte, den Tod des Herrschers feiern würde. Doch nichts davon geschah. Die iranische Gesellschaft versank in allgemeiner Trauer.

Nachdem die absolutistische Auslegung der Regierungsgewalt gescheitert war, ging man unverzüglich zu einer weberianischen Staatsauffassung über. Der zufolge ist der Staat das Monopol der Zwangsausübung, weshalb die Beseitigung dieses Monopols von aussen als Mittel dargestellt wurde, um jede Art von Regierung zu Fall zu bringen und sogar die repressive Maschinerie zu vernichten, die die IranerInnen angeblich daran „hindert“, die „Befreiung“ durch die USA zu feiern.

So zerstörten in den folgenden Tagen Flugzeuge und Raketen der USA und Israels die Luftwaffe, die Marineflotte und die Kommandostellen der iranischen Armee. Zudem ermordeten sie die politischen und militärischen Führer der Islamischen Revolutionsgarde, des Generalstabs, der Milizen sowie mehrere Minister. Doch auch so stürzte die islamische Regierung nicht, kapitulierte nicht und schon gar nicht verschwand sie.

Im Gegenteil: Mit einer überraschenden dezentralen und in die  Bevölkerung geleiteten Logik, wie sie für Guerillakriege typisch ist – nur dass nun Drohnen, Schnellboote und RPGs zum Einsatz kommen –, haben die IranerInnen die hochentwickelten Luftabwehrbatterien der USA und Israels im Nahen Osten neutralisiert. Sie haben die 13 US-Militärstützpunkte am Persischen Golf beschädigt und zu einer Evakuierung gezwungen, wodurch die dort stationierten 40’000 Soldaten nun in zivilen Hotels oder auf Stützpunkten in Deutschland und Italien arbeiten müssen (Wall Street Journal, 8. April).

Dieser Denkfehler ist der Trump-Regierung teuer zu stehen gekommen. Die Financial Times schätzt die Kosten Ende März auf rund $ 30 Milliarden, ohne dass es gelungen ist, das „Regime“ zu stürzen und die Strasse von Hormus unter Kontrolle zu bringen. Hinzu kommt der Anstieg des Ölpreises, der das Wachstum der Weltwirtschaft bremsen wird. Und im Inland der skandalöse Anstieg des Benzinpreises um 30 %, der bei den Zwischenwahlen im November sicherlich seinen politischen Preis fordern wird.

All diese Misserfolge haben das Urteilsvermögen der Trump-Regierung noch weiter getrübt und sie nun dazu veranlasst, eine rassistische Machtkonzeption auszuprobieren. In Anlehnung an Huntington – für den der Staat nur ein Vehikel einer höheren Einheit namens „Zivilisation“ ist, die sich aus Religion, gemeinsamer Geschichte, Bräuchen, Selbstidentifikation und Sprache zusammensetzt – und deren Überlegenheit gegenüber anderen an der „Anwendung organisierter Gewalt“ gemessen wird (Kampf der Kulturen, S. 58), kamen sie zu dem Schluss, dass man, um dem iranischen „Regime“ ein Ende zu setzen, die iranische „Zivilisation“ zerstören müsse. Und genau das haben sie angekündigt

Doch wie lässt sich die Kultur, die Geschichte, die Lebensweise, die Institutionen und die Religion von 90 Millionen Menschen „über Nacht“ auslöschen? Die traditionellen Formen des Kolonialismus, der Indoktrination und der Akkulturation, benötigen Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Sie in Konzentrationslagern zu töten, würde Jahre dauern. Eine Zivilisation über Nacht verschwinden zu lassen, erfordert zwangsläufig eine atomare „Endlösung“. Das ist die unterschwellige Drohung.

Schliesslich kündigte Trump am selben 7. April einen zweiwöchigen Waffenstillstand an. Die Aktien an der Wall Street stiegen wieder, Armageddon wurde in die Schublade gesteckt und die globale Toleranz gegenüber der Barbarei versteckte sich hinter einem heuchlerischen Schweigen. Doch wie schon 1943 hat sich die Welt des „Normalen“ noch weiter in Richtung Abgrund bewegt.

Man sagt, Trump, seine Worte und Taten seien nicht von Dauer und zeugten vom Niedergang eines Imperiums und der alten Weltordnung. Ja, aber sie müssen auch als das furchterregende Beben des Beginns einer neuen Weltordnung gesehen werden. Wie Hegel uns erinnert, schreitet die Geschichte stets stolpernd auf der falschen Seite der egoistischen Leidenschaften und Begierden voran. Deshalb ist Trump die Verkörperung der Schwellenzeit schlechthin.

·       Página/12, 19.4.26: ¿Cómo se extermina una civilización?