Nicaragua: Ein Alltag von Misstrauen, Angst und Ungewissheit

Samstag, 29. Dezember 2018


(zas, 30.12.18) Ende letzten November nahm das US-Repräsentantenhaus opppositionslos den von CIA-kubanischen Mitgliedern eingebrachten Nica Act an, das Gesetz, das im Kern darauf abzielt, Nicaragua den Zugang zu Krediten insbesondere der Interamerikanischen und der Weltbank sowie des IWF zu versperren. In der für Nicaragua wichtigen Zentralamerikanischen Integrationsbank BCIE machen die USA zwar nicht mit, dafür geben hier ihre lateinamerikanischen und europäischen Alliierten (darunter die Schweiz) den Ton an. Es ist nicht zu erwarten, dass diese die Washingtoner Leitlinie gross missachten. Am 11. Dezember beeilte sich der US-Senat mit seinem Ja-Votum zum Wirtschaftskrieg, am 20. Dezember unterschrieb Trump das Gesetz. Formell sieht der Nica Act eine 3-monatige «Prüfphase» vor, bevor das Erwürgen beginnen soll. Real ist er wohl schon in Kraft – und zunehmend werden US- und andere internationale Finanzinstitute des Westens ihre Geschäftsbeziehungen mit Nicaragua einfrieren.
Insofern ist die US-Politik wieder dort, wo sie in den 80-er Jahren war, als sie die sandinistische «Bedrohung» ihrer national security auch mit solchen Wirtschaftsdiktaten bekämpfte. Wieweit heute andere Finanzquellen offenstehen – die Rede ist natürlich von Russland und China, aber auch von Staaten wie Indien oder Südkorea – wird sich zeigen. Was die multilateralen Kredite betrifft, die für 2019 schon gesprochen wurden und damit eigentlich ausbezahlt werden müssen, bleibt abzuwarten, ob und falls ja wie sie doch verweigert werden können, etwa unter Berufung auf den Kampf gegen die Korruption.
Vieles also wie in den 80-er Jahren, einiges aber auch anders. Und wie der folgende Text einer sandinistischen Compañera zeigt, hat sich auch im Sandinismus etwas verändert, nicht zum Guten. Ihr Text und der einer US-Solidaritätsaktivistin machen auch deutlich, wie verhärtet die Lage ist. Wir hören z. B. von beiden Seiten von verbreitet markierten Häusern von Mitgliedern der jeweils anderen Strömung, was für Angst sorgt: vor der Polizei bei den einen, vor Faschos bei den andern. Und last but not least: Kein Zufall, dass die Autorinnen beider Texte ihren Namen nicht veröffentlicht sehen wollen.
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Nicaragua: Schlechte Stimmung an der Frentebasis
                                                                                
(zas, 28.12.18) Luisa Flores ist Lehrerin und kritische Aktivistin des Frente Sandinista. Um ihren Job nicht zu gefährden, haben wir ihren Namen geändert und Aussagen, die Aufschluss über ihre Identität ermöglichen können, weggelassen.
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Luisa Flores
"Die Zerstörerin Nicaraguas ist Rosario Murillo, die Vizepräsidentin. Die Demos wegen der Rentenänderung waren okay, Daniel hat das sofort zurückgezogen, als er aus dem Ausland nach Hause kam. Aber da hatte seine Frau schon die Demonstranten aufs Übelste beschimpft, so dass sich nun viele solidarisierten; auch Sandinistas gingen auf die Strasse, nicht nur wegen den Renten, sondern weil sie genug hatten von Vetternwirtschaft, Korruption und entlohntem parteipolitischen Wohlverhalten.
Und dann kamen andere: Barrikadenbauer - die waren nicht von hier, wir kannten sie nicht; woher hatten sie Waffen? Manchmal verschwanden sie plötzlich und hatten bald andernorts eine neue Barrikade errichtet, sie waren organisiert - von wem? Sie griffen Sandinistas an, später kam die Polizei. Auf beiden Seiten gab es gleich viele Opfer.

Sandinistas wie ich haben sich zu tausenden zurückgezogen, weil wir die Prügler unserer Seite nicht ausstehen können, und auch die Lügen nicht: Unsere Bürgermeisterin hat erklärt, es gebe gar keine Probleme, alles sei normal, die Wirtschaft brumme wie anfangs Jahr, der Tourismus blühe usw., es habe nur ein paar Kriminelle, die sich Opposition nennen. Ungefähr so spricht die Murillo täglich im Radio zu den „queridos hijos nicaragüenses, queridas hijas nicaragüenses“ (also zu ihren „Kindern“).

Die Murillo hat uns mit ihrem Zentralismus schon genug geärgert. Sandinista zu sein, heisst für sie, Danielista/Murillista zu sein. Der Frente hatte hier eine gute Person für die Gemeindewahl bestimmt; die Murillo strich das und hat uns eine gehorsame Frau als Bürgermeisterin aufgezwungen. Auch die vorherigen korrupten Amtsinhaber hatte sie durchgesetzt.

Die Barrikaden sind weg, aber viele haben den Job verloren, die Studenten haben ein Semester verloren, die Exporte nahmen Schaden, die ganze Wirtschaft. Jetzt ist alles „normal“: Die Repression wird konsequenter. Mein junger Nachbar, ein Mann aus dem Barrio, hat bei der Polizei einen Handy-Diebstahl gemeldet; der Postenchef guckt auf eine Liste von (friedlichen!) Demonstranten und buchtet ihn ein. Nach 10 Tagen wird er vom neuen Postenchef freigelassen, weil nichts gegen ihn vorliegt. Der Neue wird darauf strafversetzt und degradiert.

Von oben herab werden die jungen Sandinistas und die gewöhnlichen Polizisten aufgehetzt. Canal 10 wird angegriffen, ein Journalist schwer verletzt. Ein Mann wird verhaftet, weil er am Totensonntag das Familiengrab blauweiss anstreicht (die Nationalfarben), alles sollte rotschwarz sein. Der Druck von oben: Die lokale Delegierte des Erziehungsministeriums soll nicht-linientreue Lehrer entlassen (so wie anderswo ein Gynäkologe, ein Kardiologe oder ein anderer Spezialist ihre Spitaljobs verliert). Sie weigert sich und wird ersetzt. Die verwitwete Schwiegertochter eines ortsbekannten Sandinistas verliert ihre Stelle als Lehrerin, weil sie an einer Demo gesehen wurde.

Es wird für uns auch immer schwieriger mit dem Geld. Die Regierung hat jetzt mitgeteilt, dass allen Staatsangestellten[1] 2% vom Lohn abgezogen werden (falls du über 10 000 Cordobas verdienst: 4%), weil der Staat in „crisis“ ist. Ich habe 8500 Cordobas (270 Fr.). Schlimm, besonders weil sie meinen Sohn meine Tochter nicht gratis Ingenieurin studieren lassen wollen, sondern 300$ Immatrikulationsgebühr und dann monatlich weitere 80$ von ihm ihr verlangen.

Leute, die fordern, dass die EU oder die USA eingreifen sollen, sind bescheuert. Das kommt nicht in Frage. Auch die UNO wollen wir sicher nicht. Neue Wahlen gibt es erst 2021. Vorgezogen auf März 2019, wie die „Opposition“ (aber wer ist das wirklich?) verlangt, würde  wahrscheinlich heissen, dass der Murillismo/Danielismo und damit der FSLN verliert. Das wäre das Schlimmste.

Ich weiss nicht, wie es weiter geht. Klar, ich möchte, dass die wirklichen, intelligenten Sandinistas obenauf schwingen, nicht die Kriecher, Karrieristen, Piñateros, Convergentes...
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Der Alptraum, die endlosen Lügen der Opposition zu widerlegen
Diesen Artikel hat eine US-Solidaritätsaktivistin verfasst, die seit über 20 Jahren in Nicaragua Community-Arbeit macht. Um ihre Familien vor sehr realen Risiken von Belästigungen und Einschüchterungen durch aggressive Oppositionelle in ihrem Quartier zu schützen, schreibt sie anonym.
Miguel ist ein sehr kontaktfreudiger junger Mann, der ziemlich gut Englisch spricht und auf jene, die ihn auf einer kürzlichen Solidaritätsrundreise in den USA trafen, sympathisch gewirkt hat. Ebenso wie auf jene, die ihn anlässlich von Delegationen trafen, die von der Community-Organisation organisiert waren, in der wir damals beide gearbeitet hatten. Jetzt kontaktiert er Schulen, Kirchen und Leute, die er auf jener Solidaritätsrundreise getroffen hat. Er will offenbar in den USA in Schulen über Nicaragua reden. Wer immer seinen Artikel liest oder ihn seit seiner Ankunft in den USA getroffen hat, bekommt nur die Version der PutschpromotorInnen zu hören.
Für uns ehemalige Freunde und Kolleginnen von Miguel, die die nicaraguanische Regierung unterstützen, wird die Sache noch komplizierter, weil niemand von uns mit Miguel seit unserer Rückkehr von der Solidaritätsrundreise vor drei Jahren gesprochen hat. Miguel und andere von der damaligen Gruppe waren auf Videoaufnahmen zu sehen, wie sie in einem Laden, in dem mein Stiefvater arbeitet, gestohlen haben. Die Videos wurden meinem Stiefvater vorgelegt, worauf er mich kontaktierte. Die meisten meiner Angehörigen lebten schon nicht mehr im Quartier, aber es war dennoch bedrückend. Wir sprachen mit den Betroffenen und verlangten von ihnen, dass sie alles zurückgeben. Miguel jedenfalls muss seiner Mutter eine andere Geschichte erzählt haben, denn sie beschuldigt uns jetzt, ihm Sachen weggenommen zu haben. Miguel spricht nicht mehr mit uns.
Die Familie von Miguel – sie lebt vis à vis von Margarita, einer unserer Pro-RegierungskollegInnen im Quartier, ist bekannt als pro Partido Liberal. Besonders so seine Tante und ihr Mann, die im gleichen Haus wohnen und dort ziemlich offen Marihuana dealen. Die Tante wurde dabei beobachtet, wie sie allen 200 Córdobas offerierte, wenn sie ein T-Shirt der sandinistischen Jugend anziehen und sich an der Plünderung eines lokalen Supermarkts beteiligen würden[2]. Am Tag der Plünderung standen Miguel und sein Freund Juan an der Strassenecke bei Miguels Haus. Margarita und andere standen auf der Strasse gegenüber, als sie Leute mit einer Menge gestohlener Waren vorbeirennen oder in Motorradtaxis vorbeifahren sahen. Margarita und die anderen, aber auch Miguel und Juan, begangen auszurufen: «Diebe», «unverschämt» etc. Aber wenig später hielt ein Motorradtaxi mit Tante und Onkel, vollgestopft mit geplünderter Ware, vor Miguels Haus. Die Leute riefen auch gegen sie aus, aber Miguel und Juan gingen natürlich weg.
Ein anderes Mal erhielten Margarita und andere eine nach Zufallsprinzip verschickte Whatsapp-Nachricht betreffs einer angeblichen Demo der sandinistischen Jugend. Am Tag und zum Zeitpunkt der angeblichen Demo der Juventud Sandinista verliessen der Onkel und zwei weitere Männer in Juventud-T-Shirts Miguels Haus und fuhren auf Motorrädern davon.
Miguel und Juan nahmen teil an Demos und beide verbreiteten über Facebook Hate-Botschaften und Gewaltaufrufe. Sie veröffentlichten andauernd Posts, offenbar ohne jede Angst vor der «repressiven» Regierung. Obwohl Miguel in seinem Artikel berichtet, dass er sein Haus nicht verlassen könne und die Sandinistas ihn töten wollten. Absoluter Stuss, natürlich.
Im Quartier (und, wie wir wissen, an vielen anderen Orten) sind die Häuser von bekannten Sandinistas markiert worden. Auf das Haus einer der aktivsten Sandinistas schossen Oppositionsmitglieder im Vorbeifahren. Jemand wurde am Bein verletzt, glücklicherweise niemand sonst. Ein bekannter liberaler Aktivist, Besitzer eines Internetcafés, der in den Social Media äusserst umtriebig Antiregierungposts verbreitete, wurde von der Polizei in Gewahrsam genommen. Er wurde danach unversehrt freigelassen.
Aber während er in Haft war, organisierte die katholische Kirche im Quartier eine Kampagne für seine Freilassung unter dem Motto: «Vivo lo llevaron – vivo lo queremos»[3]. Aber zur grossen Überraschung der mit einer AK-47 angegriffenen Aktivistin sagte die Kirche kein Wort zum Überfall oder der Unterstützung für ihre Familie. Sie und andere Sandinistas haben sich vergeblich darüber beschwert und sind seither ausgetreten.
Margarita bestätigt auch, dass einige der wichtigsten OrganisatorInnen an der Upoli[4] sehr aktive Mitglieder in der Quartierkirche waren. Ich denke zwar, Juan und Miguel waren nicht in die Upoli-Sache verwickelt, aber sie waren sehr aktiv in der Kirche. Juan gab Kindern jede Woche Unterricht. Beide haben auch an der privaten Universidad del Valle studiert. Und schon eine Weile vor April[5] sah ich, dass beide Antipolizei-Posts verbreiteten – die Polizei knöpfe sich grundlos Leute vor, wende Gewalt an etc. Und beide posteten Sätze wie: «Ich weiss nicht, aber Bachi gefällt mir nicht» (despektierlicher Spitzname für Präsident Ortega). Unnötig zu erwähnen, dass beide während des Indio-Maiz-Brands in den Social Media sehr aktiv waren.[6] Im Rückblick frage ich mich, ob beide zu den von der NED[7] finanzierten Jugendworkshops nicaraguanischer NGOs gehörten.
Mit Miguel und Juan, Pro-Oppositionsbekanntschaften in den USA und den Lügen der Mainstreampresse wird es zum Alptraum, auch nur schon über Berichtigungen nachzudenken. Es ist unmöglich, rauszufinden, wo man beginnen soll.
·         tortillaconsal.com, 21.12.18: The nightmare of rebutting endless opposition lies.




[1] Tatsächlich betrifft dies nur FSLN-Mitglieder. Doch das Missverständnis verweist auf ein tieferes Misstrauen, wie es sich auch im Glauben manifestierte, dass die Rentenreform von April tatsächlich eine neoliberale gewesen sei.
[2] Ende April kam es zu organisierten Plünderungen von Supermärkten zwecks Anheizen der Lage.
[3] „Lebend habt ihr ihn mitgenommen, lebend wollen wir ihn zurück» –kontinentweites Motto gegen die staatsterroristische Praxis des Verschwindenlassens.
[4] Polytechnikum. Während Wochen unter Kontrolle bewaffneter Regime-Change-Kräfte.
[5] Beginn der Unruhen.
[6] Grossfeuer im Naturreservat Indio Maíz im Süden des Landes kurz vor den April-Unruhen. DemonstrantInnen warfen damals Ortega auch mit Falschbehauptungen vor, die Brandbekämpfung zu verschleppen. Eine zentrale Desinformationsquelle war offenbar die US-finanzierte Fundación del Río, die kürzlich mit anderen NGOs zusammen verboten wurde. Hauptbegründung im Parlament: Diese NGOs hätten als Kanäle für die US-Finanzierung des Regime Change fungiert.
[7] National Endowment for Democracy. Amtliche US-Finanzierungsagentur für Organisationen im Ausland.

Nicaragua: Verbotene Organisationen und eine Stellungsnahme

Mittwoch, 19. Dezember 2018


https://amerika21.de/2018/12/219358/nicaragua-verbote-ngo
Nicaragua / Politik

Nicaragua: Neun NGO die Rechtspersönlichkeit entzogen, Besitz beschlagnahmt

Regierung wirft Nichtregierungsorganisationen vor, einen versuchten Putsch gegen Präsident Daniel Ortega aktiv unterstützt zu haben

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Cenidh-Aktivisten bei der Pressekonferenz nach dem Parlamentsbeschluss. Dritte von Links: Vilma Núñez, die langjährige Präsidentin. Sie wurde 2017 vom US-Außenministerium mit dem "Internationalen Preis für mutige Frauen" ausgezeichnet
Cenidh-Aktivisten bei der Pressekonferenz nach dem Parlamentsbeschluss. Dritte von Links: Vilma Núñez, die langjährige Präsidentin. Sie wurde 2017 vom US-Außenministerium mit dem "Internationalen Preis für mutige Frauen" ausgezeichnet
Brüssel/Managua. Die Außenbeauftragte der Europäischen Union, Federica Mogherini, hat den Entzug der Rechtspersönlichkeit von Organisationen der Zivilgesellschaft in Nicaragua als "weiteren Schritt gegen die Rechtsstaatlichkeit" kritisiert. Es liege in der Verantwortung der nicaraguanischen Behörden, eine lebendige Zivilgesellschaft und eine freie Presse zu gewährleisten und zu schützen. Nur durch Dialog, echte Reformen, freie und faire Wahlen werde eine nationale Aussöhnung möglich, heißt es weiter in ihrer Stellungnahme.
In der vergangenen Woche hatte das Parlament Nicaraguas acht Nichtregierungsorganisationen (NGO) wegen ihrer Beteiligung an dem Putschversuch gegen die Regierung von Präsident Daniel Ortega im Frühjahr und Sommer dieses Jahres ihre Rechtspersönlichkeit entzogen. Nachdem der Gesundheitsorganisation Cisas nach der Ausweisung der Direktorin Ana Quiros nach Costa Rica bereits am 29. November die Organisationsrechte entzogen worden waren, folgte in der vergangenen Woche das Prozedere für acht weitere Organisationen. Neben dem Institut für Strategische Studien und öffentliche Politik (IEEPP), dessen Direktor Félix Maradiaga wegen Terrorismus und organisierter Kriminalität angeklagt wurde, der Menschenrechtsorganisation Cenidh, die eine rechtliche Vertretung und Unterstützung von Aktivisten und ihre Familien im Zusammenhang mit dem Aufstandsversuch organisiert hatte, wurde auch der Popol Na-Stiftung der international bekannten Kritikerin Ortegas, Mónica Baltodano, und den Organisationen Hademos, Cinco, Ipade, Instituto de Liderazgo de las Segovias und der Fundación del Río die Rechtspersönlichkeit entzogen.
Laut der Erklärung der Innenministerin María Amelia Coronel hätten sie gegen das Gesetz 147 für gemeinnützige Organisationen verstoßen. Die NGO seien aktiv an dem gescheiterten Putschversuch beteiligt gewesen und hätten den Terrorismus gefördert, Hassdelikte begangen und die Zerstörung öffentlicher und privater Institutionen unterstützt. Tausende Familien seien durch die demütigende und verunglimpfende Behandlung, durch Bedrohung, Folterung und Entführung in ihren Menschenrechten und ihrer Würde verletzt worden, so das Ministerium. Laut der Entscheidung der Nationalversammlung werden alle Vermögenswerte der neun Organisationen an den Staat übertragen. Aus diesem Vermögen soll ein Fonds für die Betreuung und Wiedergutmachung für Opfer der gewaltsamen Proteste eingerichtet werden.
Pablo Abrao, der Exekutivsekretär der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) warf der Regierung von Nicaragua vor, dass mit dem Verbot von Protesten und einer Gesetzgebung, die ermögliche, NGO zu schließen, ein neuer Prozess der Verfolgung und Kriminalisierung der Opposition begonnen habe. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, forderte die Regierung Ortegaa auf, "die Verfolgung von Menschenrechtsaktivisten, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Journalisten und regierungskritischen Medien unverzüglich einzustellen".
Nach der Schließung von Cenidh protestierten auch die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler, und deutsche Unterstützer der betroffenen NGO gegen die als "willkürlich" bezeichnete Aufhebung des Rechtsstatus von Menschenrechtsorganisationen.
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https://www.oeku-buero.de/details-28/stellungnahme-des-oekumenischen-bueros-fuer-frieden-und-gerechtigkeit-zur-aktuellen-situation-in-nicaragua.html

Stellungnahme des Ökumenischen Büros für Frieden und Gerechtigkeit zur aktuellen Situation in Nicaragua

Declaración en español
München den 18.12.2018
Wir, das Ökumenische Büro für Frieden und Gerechtigkeit, sind seit den 1980er Jahren mit der nicaraguanischen Bevölkerung und (trotz einiger Kritik) auch mit der sandinistischen Revolution solidarisch verbunden.
Heute jedoch blicken wir mit Fassungslosigkeit darauf, was seit Beginn der Proteste am 18. April 2018 aus dem Land geworden ist. Wir trauern um die Opfer der Gewalt sowie um die verlorene Gelegenheit, die Konflikte in diesem Land mittels eines Dialogs friedlich beizulegen. Wir bedauern, dass unzählige Menschen im Zusammenhang mit den Protesten verhaftet wurden. Viele von ihnen werden wohl lange Jahre im Gefängnis verbringen müssen und deshalb keine Möglichkeit haben, ihr produktives Potenzial für die nicaraguanische Gesellschaft zu entwickeln.
Auch wenn wir in der Vergangenheit vor allem der Regierung die Verantwortung für diese Situation gegeben haben, wollen wir nicht verschweigen, dass auch Teile Opposition den Dialog unter Vermittlung der katholischen Kirche sabotiert haben. Auch tragen diejenigen Verantwortung, welche die Situation der in vielen Fällen friedlichen Proteste ausgenutzt haben und Zivilist*innen, Polizist*innen oder Mitglieder der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront bedroht, entführt, gefoltert oder ermordet haben.
Wir sind erschrocken über die Art und Weise, wie die Regierung im Augenblick versucht, jegliche Kritik im Land zu unterdrücken. Dass nun auch Organisationen wie das Menschenrechtszentrum CENIDH, mit dem wir seit vielen Jahren verbunden sind, sowie die Fundación del Rio in die Nähe des Terrorismus gerückt werden und ihnen ihre Rechtspersönlichkeit als gemeinnützige Organisation aberkannt wurde, ist für uns absolut nicht nachvollziehbar.
Bei aller Wut, Trauer und Fassungslosigkeit lehnen wir als solidarische Organisation aber auch jegliche äußere Intervention in die inneren Angelegenheiten Nicaraguas ab. In diesem Sinne halten wir die jüngst verhängten Sanktionen der Vereinigten Staaten für absolut inakzeptabel.
Angesichts der bedrückenden Lage fordern wir sämtliche Akteur*innen eindringlich dazu auf, ihre Taten der Vergangenheit kritisch zu hinterfragen und nach Möglichkeiten zu suchen, die Spirale von Gewalt, Gegengewalt und Repression zu durchbrechen.
Wir rufen die Regierung Nicaraguas dazu auf, das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit, friedliche Demonstrationen sowie die Menschenrechte zu respektieren sowie einen nationalen Dialog zu fördern, der alle wichtigen Sektoren der Gesellschaft mit einschließt, damit dieses Weihnachten ohne politische Gefangene gefeiert werden kann.

Gerechtigkeit und Frieden für ganz Nicaragua !




Ausser der Reihe: „Unsere Werte“ – culture démocratique

Dienstag, 18. Dezember 2018


Mantes-La-Jolie, unweit Paris gelegen. Am 6. Dezember gingen hier SchülerInnen auf die Strasse, gegen eine „Reform“ der Regierung für eine weitere Verschlechterung des Erziehungswesens für Unterklassen. Und klar, angeturnt durch die gilets jaunes.

Da die Bilder der folgenden Repression noch vielen unbekannt sind – irgendwie schafften sie es hierzulande nicht wirklich in die seriösen Medien – etwas wie Autos waren im Ort abgefackelt worden, so die Polizei, sie habe sich mit einer Übermacht gewalttätiger und bewaffneter casseurs konfrontiert gesehen und deshalb die im Video gezeigte ordentliche Prozedur umgesetzt. Es seien ihrer bloss 12 Mann gegen Horden gewalttätiger und bewaffneter casseurs gewesen. Die französischen Regimemedien betonen natürlich diese Version. Irgendwie reflektieren die Bilder dieses Machtgefälle nicht. Et puis quoi?
Immerhin, der Justizminister verspricht eine Untersuchung. Er will wissen, welches Arschloch das Video publik gemacht hat. Jemand von der Polizei, ohne Zweifel. Man hört in nächster Nähe des Aufnahmehandys einen Bullen sagen: „Voici une classe qui se tient sage“ (eine Klasse, die sich klug verhält).
Videoquelle: Le Monde.

Correos 192

Montag, 17. Dezember 2018





Correos 192 Inhaltsverzeichnis
9. November 2018
S. 3-10  Brasilien
«Wir haben die Schlacht verloren, haben uns aber für den weiteren Krieg gestärkt»
Die venezolanische Basisorganisation Corriente Revolucionaria Bolívar y Zamora befragte Edson Bagnara, Leitungsmitglied der brasilianischen Landlosenbewegung MST, zum Wahlsieg der Rechten in seinem Land. Wie andere Stimmen in Brasilien versichert auch er, dass die Linke in der letzten Zeit an Stärke wieder gewonnen habe. Hauptgrund für diese überraschende Einschätzung: Viele opportunistische Kräfte haben seit dem Putsch gegen Dilma Rousseff den PT verlassen, das Bewusstsein von der notwendigen Basisarbeit ist wieder gewachsen, die Linke ist geeinter als seit langem. Eine sich halbwegs an demokratische Usanzen haltende rechte Regierung hätte diese Tendenz nicht stoppen können. Deshalb versuchen es die Eliten mit einer rechtsradikalen Regierung, die eher bereit ist zum grossen Morden.
CRBZ befragt Edson Bagnara*
Bolsonaro, ein aufgebauter Führer für ein neues militärisches Machtprojekt
Marcelo Falak leitet die Auslandsredaktion des argentinischen Wirtschaftsblatts Ámbito Financiero. Er interviewte einen hohen brasilianischen Militär. Bolsonaro soll eine „neue Demokratie“ vorantreiben, in der die Militärs eine protagonistische Rolle spielen. Auf der Basis von politischem Konservatismus, wirtschaftlichem Liberalismus und dem Versprechen, die Linke auszuradieren. Die Leitung der Streitkräfte hatte Bolsonaro 2014 kontaktiert, um ihn aufzubauen.
Marcelo Falak*

 

«Du wirst im Gefängnis verfaulen»

Brasilien: Nach der Wahlniederlage
Die «neue Demokratie» der Militärs geniesst den Segen der Märkte. Sie kommt nicht aus einem dunklen Loch gekrochen, sondern ist eine Option in der imperialen Agenda. Schon geht die Rede von einer eventuellen NATO-Integration.
Dieter Drüssel
S. 11-12  Nicaragua
!Ay Nicaragua!
Vivanne Luisier*
Nicaragua – eine ungelöste Krise wartet auf eine politische Antwort
Kommuniqué von Schweizer Solidaritätsgruppen
S. 13-15  Nicaragua / Facebook
Facebook – eine Bedrohung unserer Nation
Auch progressive Medien sind sich nicht selten nicht zu blöd, die Story von Putins Macht zur Manipulation westlicher Wahlen für bare Münzen zu nehmen, haben doch nicht ein, sondern drei US-Geheimdienste diese Bedrohung zertifiziert – vox veritatis! Der folgende Beitrag eines orthodox-sandinistischen Autors enthält leider wenig Technologiekritik, dafür reichlich Linientreue, aber bietet den enormen Vorteil, den Blick auf die imperialistische Steuerung der Social Media in Nicaragua zu lenken.
Jorge Capelán, 28. September 2018*
Facebook weitet Kampf gegen Fake News bei Wahlen aus
Joseph Menn*
Brasilien: mit Whatsapp „die Demokratie hacken“
Redaktion RBA*
S. 16-20  Kolumbien
FARC-Mitglieder vor einer schwierigen Wahl
Jasmine Pétry*
Offener Brief an die Friedenskommission des Senats
„Es lohnt sich, das Unmögliche zu versuchen, denn um das Mögliche kümmern sich die Anderen jeden Tag.“ Zwei historische FARC-Kader zum verratenen Frieden.
Yván Márquez und Óscar Montero (El Paisa)*
Brief an die Parteileitung
Joaquín Gómez und Bertulfo Álvarez*
S. 21 Boliven
MAS gegen MES
Katu Arkonada*
S. 22-23 El Salvador
Zu den Präsidentschaftswahlen El Salvador
Ein etwas überarbeiteter Ausschnitt aus einer Einladung zu einer Wahlbeobachtungsdelegation von Anfang Oktober.
Zentralamerika-Sekretariat
Aus der Reihe tanzen?