Progressives Argentinien setzt auf Weiterregieren

Montag, 23. Oktober 2023

Zwei gegensätzliche Modelle

Sergio Ferrari

Die Volkssektoren des südamerikanischen Landes atmen auf und bereiten sich auf die Stichwahl vom 19. November vor. Der erfolgreiche erste Wahlgang am Sonntag, den 22. Oktober, hat ein politisches Panorama geklärt, das durch die Vorwahlen vom 13. August letzten Jahres getrübt worden war.

Am 22. Oktober erhielt die Unión por la Patria unter der Führung von Sergio Massa, dem derzeitigen Wirtschaftsminister, fast 37 % der Stimmen und lag damit sieben Punkte vor dem Kandidaten Javier Milei von La Libertad Avanza. Damit hat er das ungünstige Ergebnis der progressiven Union bei den Vorwahlen im August letzten Jahres weitgehend wettgemacht. Beide Kandidaten werden im zweiten Wahlgang am 19. November gegeneinander antreten, wenn über den nächsten Präsidenten des Landes für den Zeitraum 2023-2027 entschieden wird.

 

Zwei völlig gegensätzliche Projekte

An diesem Tag stehen zwei sehr unterschiedliche Projekte für die Nation auf dem Spiel. Die Unión por la Patria, die sich im Wesentlichen aus dem Peronismu, sozialistischen Gruppen und sozialen Bewegungen zusammensetzt, strebt die Stärkung des Staates und die Förderung der öffentlichen Sozialpolitik an; die Neuverhandlung mit, aber auch die Beendigung der Abhängigkeit vom Internationalen Währungsfonds; die Wiederaufnahme des Banners der sozialen Gerechtigkeit; die Aufrechterhaltung der vom Kirchnerismus seit 2003 geförderten Arbeit der historischen Erinnerung, der Wahrheit und der Gerechtigkeit und die Förderung einer integrativen lateinamerikanischen Einheit  lateinamerikanischen Integration (im Wesentlichen im Bündnis mit Lula da Silvas Brasilien).

Javier Milei, der im Wahlkampf die Unterstützung der extremen Rechten der spanischen Vox und von Bolsonaro aus Brasilien erhielt, kündigt als Regierungsprogramm den Abbau des Staates, die totale Liberalisierung der Wirtschaft, die Privatisierung der öffentlichen Unternehmen, die Dollarisierung des Landes sowie eine Stärkung der internationalen Allianzen ausschliesslich mit den Vereinigten Staaten und Israel an. In seinem negationistischen Diskurs gibt es keine Brutalität der Militärdiktatur (1976-1983), bloss "Exzesse einiger einzelner Militärs". Er hält fremdenfeindliche, homophobe und pro-imperialistische Fahnen hoch, ohne sich um die regionale Integration Lateinamerikas zu kümmern.

 

Eckdaten der Wahl

Am 22. Oktober erhielt Sergio Massa im ersten Wahlgang 36,68 % der Stimmen, während Javier Milei 29,98 % der Stimmen erhielt. Weit abgeschlagen liegt die Kandidatin Patricia Bullrich von der pro-Macrista Juntos por el Cambio (neoliberale Rechte) mit 23,83%. Juan Schiaretti, Kandidat eines anderen peronistischen Sektors aus dem Landesinneren, erhielt 6,78 %, während Myriam Bregman von der ursprünglich trotzkistischen Linken 2,70 % erhielt. Nur die beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen werden an der Wahl am 19. November teilnehmen. 78 % der registrierten WählerInnen gingen an die Urnen, was eine niedrige Wahlbeteiligung in der Geschichte Argentiniens darstellt.

Zudem wird der Peronismus nach der Teilerneuerung der Abgeordneten- und Senatskammern weiterhin die erste Minderheit in beiden Kammern bilden; im Senat werden ihm nur zwei Stimmen zur absoluten Mehrheit fehlen.

Ein weiterer Höhepunkt dieser Wahlen bildet der überwältigende Sieg von Axel Kicillof in der Provinz Buenos Aires, wo er Gouverneur bleiben wird, ein Amt, das er seit 2019 innehat. Kicillof war mit 45 % der Stimmen in seinem Bezirk der Schlüsselfaktor für das Comeback und das erfolgreiche Ergebnis der Unión por la Patria. In Buenos Aires leben 38 % der Gesamtbevölkerung Argentiniens, es ist die wichtigste Provinz in Bezug auf die Produktion und stellt 37 % der WählerInnen des Landes. Die Leistung des 52-jährigen peronistischen Führers - der gegenüber dem Ergebnis der Vorwahlen vom letzten August fast 10 Punkte hinzugewonnen hat - ist ein wesentlicher Pfeiler des nationalen Erfolgs von Sergio Massa.

Axel Kicillof

Erste Schlussfolgerungen

Aus den Ergebnissen vom 22. Oktober lassen sich drei Schlüsselelemente ableiten. Erstens: Obwohl der Sieg nicht sicher ist, hat die Union für die Wahlen im November Rückenwind. Um zu gewinnen, wird sie noch mehr Zugeständnisse an die Mitte-Rechts-Sektoren machen müssen, um so die "nationale Einheit" zu erweitern, 50 % der Stimmen zu erhalten und so den Sieg des Negationisten Javier Milei zu verhindern.

Dieser neue Einheitsvorschlag, den Massa am Abend des 22. Oktober vorstellte, sieht vor, dass die nächste Regierung im Falle eines Wahlsieges "konditioniert" und mit einem mit wichtigen Teilen der Bourgeoisie ausgehandelten Programm antreten wird. Nicht sehr anders als was vor einem Jahr die ArbeiterInnenpartei mit Lula und seinem Bündnis Brasilien der Hoffnung machen musste, um einen knappen Sieg über Jair Bolsonaro zu erringen.

Die Trennlinie dieses neuen, erweiterten Bündnisses zum rechten Sektor scheint, wie Massa wiederholt vorweggenommen hat, die Haltung der argentinischen Regierung zum IWF darzustellen Massa will die Schulden begleichen und dafür sorgen, dass sich der IWF aus Argentinien zurückzieht. Damit folgt er der Linie, die Néstor Kirchner Anfang der 2000er Jahre verfolgte, als er Präsident des Landes war. Ein Mechanismus, der funktionierte, bis Mauricio Macri dem IWF erneut die Tür öffnete, indem er nur wenige Tage vor seiner Wahlniederlage 2019 die monströsen 45 Milliarden Dollar Schulden aufnahm.

Zweitens ist der fortschrittlichste Sektor des Peronismus mit Axel Kicillof an der Spitze massiv gestärkt worden (in Buenos Aires, aber mit Signalwirkung für das ganze Land). Kicillof verkörpert die Erneuerung des nationalen und volkstümlichen Raums und kann die überragende Kontinuität der Figur von Cristina de Kirchner weiter gewährleisten. 

Dies ist vielleicht das wichtigste Zeichen dieser politisch-elektoralen Wende. Ein "junger" Sektor konsolidiert seine Position an der Spitze des kohärentesten und kämpferischsten Projekts des nationalen und populären Raums, das in der Unión por la Patria vertreten ist.

Das dritte Element, das politisch nicht weniger bedeutsam ist, ist das konjunkturelle Verschwinden des "Macrismo" von der politischen Bühne, da Juntos por el Cambio mit knapp 23% der Wählerschaft zersplittern und ernsthafte interne Spaltungen erleiden könnte, die sich bereits abzeichneten und die nur durch ein gutes Wahlergebnis hätten verhindert werden können. Der Macrismo, ein neoliberales Projekt mit dramatischen Folgen für die Volkssektoren, regierte Argentinien zwischen 2015 und 2019 und strebte danach, die Kontrolle über den Staat wiederzuerlangen.

Obwohl im Hinblick auf die zweite Wahlrunde am 19. November noch alles offen ist, haben die Volkssektoren Argentiniens, einschliesslich der zahlreichen sozialen Bewegungen, am 22. Oktober an der Wahlurne ihre Stimme zurückgewonnen. Sie haben eine fast dramatische Situation überwunden, die sogar darauf hindeutete, dass ein pro-diktatorischer Negationist wie Javier Milei im ersten Wahlgang Präsident Argentiniens werden könnte.

Ein Fall von Völkermord aus dem Lehrbuch

Sonntag, 22. Oktober 2023

    

 Israel hat deutlich gemacht, was es in Gaza tut. Warum hört die Welt nicht zu?

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(zas, 22. 10. 23) Einige werden diesen Text schon gesehen haben. Aber inmitten des Einheitsdiskurses in der euroatlantischen Macht- und Medienblase sind solche Stimmen wertvoll. Zudem: Das Leiden der einen löscht nie jenes der andern aus – weder in Gaza noch in Südisrael.

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Raz Segal*

(Oktober 13, 2023) Am Freitag wies Israel die belagerte Bevölkerung in der nördlichen Hälfte des Gazastreifens an, in den Süden zu evakuieren, und warnte, dass es seine Angriffe auf die obere Hälfte des Streifens bald verstärken würde. Mehr als eine Million Menschen, darunter die Hälfte der Kinder, versuchen nun verzweifelt, vor den anhaltenden Luftangriffen in eine ummauerte Enklave zu fliehen, wo es nirgends sicher ist. Die palästinensische Journalistin Ruwaida Kamal Amer schrieb heute aus Gaza: "Flüchtlinge aus dem Norden kommen bereits in Khan Younis an, wo die Raketen nie aufhören und uns die Lebensmittel, das Wasser und der Strom ausgehen." Die UNO hat davor gewarnt, dass die Flucht der Menschen aus dem nördlichen Teil des Gazastreifens in den Süden "verheerende humanitäre Folgen" nach sich ziehen und "eine bereits bestehende Tragödie in eine katastrophale Situation verwandeln" wird. In der letzten Woche hat die israelische Gewalt gegen den Gazastreifen mehr als 1’800 Palästinenser getötet, Tausende verletzt und mehr als 400’000 Menschen innerhalb des Streifens vertrieben. Und dennoch versprach der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu heute, dass das, was wir gesehen haben, "nur der Anfang" sei.

Flüchtlingslager Jabalia bei Gaza.

Israels Kampagne zur Vertreibung der BewohnerInnen des Gazastreifens - und möglicherweise zu ihrer vollständigen Ausweisung nach Ägypten - ist ein weiteres Kapitel der Nakba, bei der schätzungsweise 750’000 Palästinenser während des Krieges von 1948, der zur Gründung des Staates Israel führte, aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Der Angriff auf den Gazastreifen kann aber auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden: als ein Lehrbuchfall von Völkermord, der sich vor unseren Augen abspielt. Ich sage dies als Völkermordforscher, der viele Jahre lang über die israelische Massengewalt gegen Palästinenser geschrieben hat. Ich habe über den Siedlerkolonialismus und die jüdische Vorherrschaft in Israel geschrieben, über die Verzerrung des Holocaust, um die israelische Rüstungsindustrie anzukurbeln, über Antisemitismusvorwürfe als Waffe zur Rechtfertigung israelischer Gewalt gegen PalästinenserInnen und über das rassistische Regime der israelischen Apartheid. Jetzt, nach dem Angriff der Hamas am Samstag und dem Massenmord an mehr als 1’000 israelischen ZivilistInnen, ist das Schlimmste vom Schlimmsten eingetreten.

Nach internationalem Recht ist das Verbrechen des Völkermords definiert durch "die Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu vernichten", wie es in der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords vom Dezember 1948 heisst. Bei seinem mörderischen Angriff auf Gaza hat Israel diese Absicht lautstark verkündet. Der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant erklärte am 9. Oktober unmissverständlich: "Wir verhängen eine vollständige Belagerung über Gaza. Kein Strom, keine Lebensmittel, kein Wasser, kein Treibstoff. Alles ist geschlossen. Wir kämpfen gegen menschliche Tiere, und wir werden entsprechend handeln." Führende westliche Politiker verstärkten diese rassistische Rhetorik, indem sie den Massenmord der Hamas an israelischen Zivilisten - ein Kriegsverbrechen nach internationalem Recht, das in Israel und in der ganzen Welt zu Recht Entsetzen und Schock auslöste - als einen "Akt des schieren Bösen" bezeichneten, wie US-Präsident Joe Biden sagte, oder als einen Schritt, der ein "uraltes Übel" widerspiegelt, wie es die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen ausdrückte. Diese entmenschlichende Sprache dient eindeutig dazu, die weitreichende Zerstörung palästinensischen Lebens zu rechtfertigen; die Behauptung des "Bösen" verwischt in ihrer Absolutheit die Unterscheidung zwischen militanten Hamas-Kämpfern und der Zivilbevölkerung des Gazastreifens und verdeckt den breiteren Kontext von Kolonisierung und Besatzung.

In der UN-Völkermordkonvention sind fünf Handlungen aufgeführt, die unter ihre Definition fallen. Israel begeht derzeit drei dieser Handlungen in Gaza: "1. die Tötung von Mitgliedern der Gruppe. 2. Verursachen schwerer körperlicher oder geistiger Schäden bei Mitgliedern der Gruppe. 3. Vorsätzliche Zufügung von Lebensbedingungen, die darauf abzielen, die Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören". Die israelische Luftwaffe hat nach eigenen Angaben bisher mehr als 6’000 Bomben auf den Gazastreifen abgeworfen, der eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt ist - fast so viele Bomben, wie die USA in den rekordverdächtigen Jahren ihres Krieges auf ganz Afghanistan abgeworfen haben. Human Rights Watch hat bestätigt, dass unter den eingesetzten Waffen auch Phosphorbomben waren, die Körper und Gebäude in Brand setzen und Flammen erzeugen, die auch bei Kontakt mit Wasser nicht verlöschen. Dies zeigt deutlich, was Gallant mit "entsprechend handeln" meint: nicht auf einzelne Hamas-Kämpfer zielen, wie Israel behauptet, sondern tödliche Gewalt gegen die PalästinenserInnen in Gaza "als solche" entfesseln, in der Sprache der UN-Völkermordkonvention. Israel hat ausserdem seine 16-jährige Belagerung des Gazastreifens - die längste in der modernen Geschichte - unter eindeutiger Verletzung des humanitären Völkerrechts zu einer "vollständigen Belagerung", wie Gallant es ausdrückt, verschärft. Diese Wendung deutet explizit auf einen Plan hin, die Belagerung zu ihrem endgültigen Ziel der systematischen Zerstörung der PalästinenserInnen und der palästinensischen Gesellschaft in Gaza zu bringen, indem sie getötet, ausgehungert, von der Wasserversorgung abgeschnitten und ihre Krankenhäuser bombardiert werden.

Im Spital nach einer Bombaridierung. Bild: New York Times.

Nicht nur die israelische Führung bedient sich solcher Worte. Ein Interviewpartner des pro-Netanjahu-Kanals 14 forderte Israel auf, "Gaza in Dresden zu verwandeln". Kanal 12, der meistgesehene Nachrichtensender Israels, veröffentlichte einen Bericht über linksgerichtete Israelis, die dazu aufriefen, "auf dem zu tanzen, was einmal Gaza war". Inzwischen sind völkermörderische Verben – den Gazastreifen auslöschen und plattmachen - in den sozialen Medien Israels allgegenwärtig. In Tel Aviv wurde ein Banner mit der Aufschrift «Null Gazaner" an einer Brücke gesehen.

Der völkermörderische Angriff Israels auf den Gazastreifen ist in der Tat ziemlich eindeutig, offen und schamlos. Die Täter von Völkermord drücken ihre Absichten normalerweise nicht so deutlich aus, obwohl es Ausnahmen gibt. Im frühen 20. Jahrhundert verübten die deutschen Kolonialherren beispielsweise einen Völkermord als Reaktion auf einen Aufstand der indigenen Herero und Nama in Südwestafrika. Im Jahr 1904 erliess der deutsche Militärbefehlshaber, General Lothar von Trotha, einen "Ausrottungsbefehl", der mit einem "Rassenkrieg" begründet wurde. Bis 1908 hatten die deutschen Behörden 10’000 Nama ermordet und ihr erklärtes Ziel der "Vernichtung der Herero" erreicht, indem sie 65’000 Herero, 80 % der Bevölkerung, töteten. Gallants Befehle vom 9. Oktober waren nicht weniger eindeutig. Israels Ziel ist es, die PalästinenserInnen in Gaza zu vernichten. Und wir, die wir auf der ganzen Welt zusehen, werden unserer Verantwortung nicht gerecht, sie daran zu hindern.

Berichtigung: In einer früheren Version dieses Artikels hiess es, Israel habe in dieser Woche mehr Bomben auf den Gazastreifen abgeworfen als die USA in jedem einzelnen Jahr ihres Krieges in Afghanistan. Tatsächlich haben die USA sowohl 2018 als auch 2019 mehr als 7.000 Bomben auf Afghanistan abgeworfen; zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte Israel in weniger als einer Woche schätzungsweise 6.000 Bomben auf Gaza abgeworfen.

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·        *    jewishcurrents.org, 13. 10. 23: A Textbook Case of Genocide. Der Autor hat an israelischen Universitäten geforscht und       arbeitet heute im Holocaust Resource Center der Stockton University in New Jersey, USA.

More Than 1,000 Gazan Children Are Dead. How Can We Even Begin to Mourn?

Mittwoch, 18. Oktober 2023

More Than 1,000 Gazan Children Are Dead. How Can We Even Begin to Mourn?

In my career as a Gazan American physician, I’ve delivered 1,000 babies. Israel has killed that many children in a week.

A Palestinian woman carries an injured child to a hospital in Khan Yunis on October 16, 2023.

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My husband and I are 100 percent Palestinian from Gaza. We live in diaspora in the United States with my 5-month-old daughter. My husband’s entire immediate family is in Gaza. They live in the now-devastated Rimal neighborhood and are among the hundreds of thousands internally displaced in Gaza within the past seven days. This displacement is both due to airstrikes flattening more than 1,300 residential structures in Gaza, and due to the evacuation order issued October 13 to over 1 million people to flee the north for the south of Gaza.

keep reading: https://truthout.org/articles/more-than-1000-gazan-children-are-dead-how-can-we-even-begin-to-mourn/ 


«Noch und noch wurden wir vor der verheerenden Gewalt gewarnt…»

Montag, 16. Oktober 2023

 (zas, 16. 10. 23) Er sagte es in seiner Stellungsnahme (Even as US Jews Mourn Israeli Dead, We Must All Decry US-Backed Genocide in Gaza) vor einigen Tagen voller Schmerz und höflich, der Rabbi Brant Rosen der antizionistischen Tzedek-Synagoge in Chicago. Er gibt wieder, wie ihn der Hamas-Horror vom 7. Okt aufgewühlt hat. Wie auch er und so manche andere jüdische FriedensaktivistInnen dafür kämpfen, trotz enormer Emotionen den Blick auf die Hintergründe nicht zu verlieren:

«Tatsächlich schlagen PalästinenserInnen und ihre Verbündeten seit langem Alarm, dass Israel PalästinenserInnen ungestraft einem brutal gewalttätigen Apartheid-System unterwirft - und dass das, falls die internationale Gemeinschaft nicht interveniert, zu schwerwiegenden Konsequenzen führen würde. Noch und noch wurden wir vor der verheerenden Gewalt gewarnt, die unweigerlich eintreten werde, falls Israel nicht zur Rechenschaft gezogen würde. Wie das der palästinensische Historiker Rashid Kalid kürzlich formulierte, 'ein ganzes Volk, das unter dieser Art von unglaublicher Unterdrückung lebt, in einem Dampfkochtopf. Es musste explodieren.'»

«Beim Versuch, den Kontext dieser kürzlichen Gewalt zu verstehen, ist es absolut zwingend, zu sehen, wo das Ganze anfing – und wie ich das sehe, gerieten die meisten Medienanalysen der letzten Tage traurig auf Abwege. Beliebig vielen Experten zufolge begann der aktuelle Gewaltausbruch sei es mit dem Israel-Saudi-Deal, sei es mit der rechtsextremen Politik der Administration Netanyahu. Natürlich lässt sich argumentieren, einer dieser Gründe habe den Auslöser abgegeben; doch ich war tief enttäuscht, um nicht zu sagen überrascht, dass sehr wenige dieser Analysen in diesem Zusammenhang die Nakba überhaupt haben.»

«Natürlich war die Nakba ein Akt der Gewalt und des Unheils, der seit 1948 bis zum heutigen Tag in dem Land zwischen Fluss und Meer nachhallt. Einfach ausgedrückt, hat Israel in den letzten 75 Jahren die Palästinenser gewaltsam enteignet, um Platz für einen mehrheitlich jüdischen Staat zu schaffen. Und ebenso lange wehrt sich das palästinensische Volk gegen seine Enteignung - ja, oft mit Gewalt.»

Rosen erläutert, wie diese Gewalt oft mit Gaza verbunden ist, das

«in mancher Hinsicht Epizentrum der Nakba ist – und des Widerstands der palästinensischen Bevölkerung dagegen (…) Die Geschichte des Gazastreifens begann nicht mit der israelischen Blockade oder dem politischen Aufstieg der Hamas. Was wir heute als ‘Gazastreifen’ bezeichnen, wurde 1949 künstlich geschaffen, als es zum Auffangbecken für eine Flut von ethnisch gesäuberten palästinensischen Flüchtlingen aus den Städten und Dörfern in der Küstenebene und im unteren Galiläa. Vor der Nakba zählte die Bevölkerung dieser kleinen Region 60 bis 80'000 Einwohner. Am Ende der Feindseligkeiten drängten sich mindestens 200'000 Flüchtlinge in diesem 140 Quadratmeilen grossen Streifen Land.»

Bombenopfer suchen Hilfe in einem Spital in Gaza. New York Times, 15.10.23

«Nach der Gründung des Staates Israel wurden viele der ursprünglichen Siedlungen und Kibbuzim an der Grenze zum Gazastreifen als militärische Aussenposten gegründet, von denen die meisten auf oder in der Nähe von zerstörten palästinensischen Dörfern errichtet wurden. Bei den Orten, die am vergangenen Samstag am stärksten von den Massakern betroffen waren (darunter der Kibbuz Kfar Aza, Re'im und Sderot), handelte es sich um Siedlungen, die ursprünglich aus Gründen der ‘nationalen Sicherheit’ Israels an diesen Orten errichtet worden waren.»

Einer dieser heute wieder betroffenen Orte ist das Kibbuz Nahal Oz, wo 1956 Roi Rotenberg von eingedrungenen Palästinensern erschossen wurde. Bei dessen Beerdigung hielt General Moshe Dayan, später Verteidigungsminister Israels, eine Rede und sagte:

«Besudelt heute nicht die Mörder mit Anschuldigungen. Wer sind wir, dass wir ihren gewaltigen Hass auf uns beklagen sollten? Seit acht Jahren sitzen sie in Flüchtlingslagern im Gazastreifen, und vor ihren Augen nehmen wir das Land und die Dörfer, in denen sie und ihre Väter wohnten, für uns in Besitz.... Das wissen wir: Damit die Hoffnung, uns zu vernichten, stirbt, müssen wir bewaffnet und bereit sein, morgens und abends. Wir sind eine Generation der Siedler, und ohne Stahlhelm und Kanonenrohr können wir keinen Baum pflanzen und kein Haus bauen. Unsere Kinder werden nicht überleben, wenn wir keine Schutzräume bauen, und ohne einen Stacheldrahtzaun und ein Maschinengewehr können wir keine Strasse pflastern und kein Wasser kanalisieren. Die Millionen von Juden, die vernichtet wurden, weil sie kein Land hatten, blicken aus der Asche der israelitischen Geschichte auf uns und befehlen uns, ein Land für unsere Nation in Besitz zu nehmen und aufzubauen.»

Moshe Dayan, so der Rabbi weiter, führte damals das Trauma des Holocausts zur Rechtfertigung an. Das gehe heute weiter. Rosen zitiert den Satz des israelischen Staatspräsidenten Isaac Herzog ‘Seit dem Holocaust wurden nie so viele Juden an einem einzigen Tag getötet’ und fährt fort «Aber gleichzeitig ist diese Holocaust-Rhetorik wegen der von einer weit rechtsstehenden Regierung aufgepeitschten Wut, die PalästinenserInnen mit einer unverhüllt genozidalen Sprache dämonisiert, tief bestürzend.»