Susan Abulhawa*
Den PalästinenserInnen im Gazastreifen, denen der Zugang zur Welt
verwehrt ist und die auf dem Festland von Stacheldraht und Elektrozäune
eingeschlossen sind, war die Mittelmeerküste einst der einzige Ort, an dem sie
die Majestät von Gottes Erde einatmen konnten.
Hierher kamen Familien, um Spass zu haben; Liebende, um ihre
Beziehungen zu vertiefen: FreundInnen, die im Sand sassen und sich einander
anvertrauten.
Die Menschen gingen dorthin, um nachzudenken und eine Welt zu
betrachten, die ihnen so wenig entgegenkam.
Wo sie tanzten, Shisha rauchten und Erinnerungen hatten.
Aber jetzt sind diese Ufer eine Qual.
Als Küstenregion ist der Boden in Gaza sandig, sogar noch weiter
im Landesinneren. Da fast 75 Prozent der Bevölkerung in behelfsmässigen Zelten
leben, gelangt der Sand in alles.
Er ist im Essen enthalten, in dem wenigen, was es gibt, ein
unwillkommener Sand in jedem Bissen. Er verklumpt ständig in den Haaren der
Menschen.
Er gelangt unter den Hidschab, den die Frauen jetzt aus Mangel an
Privatsphäre ständig tragen müssen. Die Kopfhaut juckt ständig, und immer mehr
Menschen rasieren sich den Kopf, eine besonders schmerzhafte Entscheidung für
Frauen und Mädchen, die ein weiteres Detail dieser gezielten Entwürdigung einer
ganzen Gesellschaft ist.
Die Glücklichen, die Zugang zu sauberem Wasser haben, können sich
ein paar Stunden Ruhe gönnen, bevor sich die Macht des Sandes wieder durchsetzt.
Wo es Sand gibt, gibt es auch winzige Sandkrabben, und mit der
Erwärmung des Wetters werden weitere Insekten folgen.
Eine Freundin schickte mir Fotos von etwas, das sie für einen
Hautausschlag an ihren Extremitäten hielt, in der Hoffnung, ich könnte Ärzte
für sie konsultieren. Ich erkannte sofort, dass es sich wahrscheinlich um
Insektenstiche handelte, und zwei Ärzte bestätigten meinen Verdacht.
Sie schwor, dass sie ihren Schlafplatz täglich peinlich genau
gereinigt hatte, aber die Ärzte erklärten, dass solche Wanzen zu klein sein
könnten, um sie zu sehen. Diese mikroskopisch kleinen Angreifer auf ihrer Haut zermürbten
sie ein wenig, obwohl sie bereits das Unerträgliche ertragen hatte - wahllose
Bomben und Kugeln, das Fehlen von allem, grausame Szenen von Tod und
Zerstückelung fast täglich, das ständige am Geist zerrende Summen von Drohnen,
die Verschlechterung des Zustands von Angehörigen, die nicht verfügbare
Medikamente benötigen, und die Unfähigkeit, einfach nach Hause zu gehen.
Demütigung
Es ist schmerzhaft, mitzuerleben, wie eine uralte Gesellschaft auf
die elementarsten Bedürfnisse reduziert wird. Eine Freundin, die in einer
schönen "Smart Home"-Wohnung mit modernen Annehmlichkeiten lebte,
Grundschullehrerin war und Freizeitprogramme für Kinder nach der Schule
leitete, strukturiert ihre Tage nun um zwei schreckliche Besuche auf einer Aussentoilette,
die von Hunderten von Menschen genutzt wird.
Es ist ein fauliges Loch im Boden, über dem ein Eimer steht, der
in die Haut schneidet. Sie weiss nicht, wohin es führt, aber "es lässt sich natürlich nicht
runterspülen", sagt sie.
Einige Leute verrichten ihr Geschäft ausserhalb des Lochs auf dem
schmutzigen Boden, und so muss sie manchmal in der Scheisse laufen. Das Loch
hat vier Plastikwände, aber keine Decke, was bei Regen eine zusätzliche
Demütigung bedeutet.
Der frühe Morgen ist die beste Zeit, da die Schlange dann kürzer
ist. Sie achtet darauf, wann sie isst oder trinkt, damit sie nicht zur falschen
Zeit gehen muss.
Ihre 6-jährige Tochter lernt, es so lange wie möglich auszuhalten.
Ihr älterer Sohn kann seinen Vater zur Arbeit begleiten, wo es eine
funktionierende Toilette gibt, aber er fühlt sich schuldig, wenn er sich
erleichtert, erzählt mir seine Mutter.
Ich habe ihr ein paar grundlegende Toilettenartikel mitgebracht,
und sie hat bei der Berührung der Hautlotion fast geweint.
"Ich
denke immer wieder, dass ich eines Tages aufwachen und feststellen werde, dass
das alles nur ein schlechter Traum war", sagt sie.
Schreckliche
Spur
Diesen Satz habe ich oft von verschiedenen Menschen in
verschiedenen Teilen des Gazastreifens gehört. Die Erniedrigung ihres Lebens
ist so akut und schnell, dass der Verstand die Realität kaum erfassen kann.
"Ich
hätte mir nie vorstellen können, dass dies mein Leben sein könnte", sagt
sie, hält dann inne und fügt hinzu: "Aber
ich habe kein Recht, mich zu beklagen, denn zumindest ist meine Familie noch am
Leben."
Auch das ist etwas, was ich immer wieder von Menschen in Rafah
gehört habe.
Sie fühlen sich schuldig, dass sie bis jetzt überlebt haben. Sie
fühlen sich privilegiert, weil sie etwas zu essen haben, auch wenn es ranzig
oder unzureichend ist, während ihre Freundinnen, Nachbarn und Angehörige in den
nördlichen und mittleren Gebieten langsam verhungern.
Diese Menschen sind stundenlang mit erhobenen Händen gelaufen,
wurden von israelischen Soldaten verspottet und verhöhnt, hatten Angst, nach
unten zu schauen oder sich zu bücken, um etwas aufzuheben, weil das ein Grund
für die Kugel eines Heckenschützen gewesen wäre, ein Schicksal, das viele auf
dem Weg ereilte. Fast jeder wurde von den Soldaten geplündert, die auf die Strasse
warfen, was sie nicht haben wollten.
"Meine
Kinder sahen auch tote Menschen und menschliche Körperteile am Strassenrand in
verschiedenen Verwesungszuständen. Was werden diese Bilder in ihren Köpfen
bewirken?", sagt sie.
Ihr 8-jähriger Sohn verlor seine linke Sandale (shibshib), als sie
diesen schrecklichen Weg gingen, aber er musste mit nur dem verbleibenden Pantoffel
weitergehen, denn wenn er nach unten schaute oder, schlimmer noch, sich bückte,
konnte er getötet werden.
Obwohl er während des unvorstellbaren Schreckens stoisch geblieben
war, war es der Verlust seines Schuhs, der seine Fassung zerstörte. Er weinte
immer wieder und lehnte das Shibshib seiner Mutter ab, bis ein anderer
Flüchtling, der neben ihnen ging und mit der gleichen Angst die Hände hob, ihm
ein weggeworfenes Shibshib auf der Strasse zuschieben konnte.
"Zum
Glück war es der linke Fuss, so dass er wieder ein Paar hatte, auch wenn sie
nicht zusammenpassten", sagte seine Mutter.
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Angriff
auf Würde und Lebenskultur
(zas, 24.3.24) In ihrem
Roman «Während die Welt schlief» (Heyne), der sich um Vertreibung, Hoffnung, Widerstand
und Tod von Generationen einer palästinensischen Familie von 1948 bis zum
Massaker in Jenin 2002 dreht, beschreibt Susan Abulhawa, wie der israelische Besetzungsterror
die Würde und Selbstachtung der Menschen in Palästina angreift. Was sie von
ihrem Besuch in Gaza in diesem und anderen Beiträgen auf electronicintifada.net
beschreibt, findet sich etwa auch in dem erschütternden Bericht von Mahmoud
Mustaha ‘We
scream, starve, and die alone’: Life in the ruins of Shuja’iya über die
aktuelle Lage in Gaza City. Es geht darin um ihre Preise für Grundbedarfsgüter im
Schatten des israelischen Terrors masslos erhöhende palästinensische Profiteure,
um die Gangs, die bei seltenen Hilfelieferungen ihre Waffen benutzen, um sich Mehl
und Wasser anzueignen und damit für die israelische Strategie der Zerrstörung
des sozialen Geflechts in Gaza funktional sind, bis zu dieser Stimme von Said
Sweikri (22): «Wir sind wie Tiere geworden.
Unsere Leben bedeuten nichts und niemand kümmert sich um unsere Werte in Gaza.
Wir schreien, verhungern und sterben alleine. Uns fehlen Grundbedingungen fürs
Leben: Strom, Wasser, Brennstoffe. Weiss die Welt, dass wir Tierfutter essen? Während
Stunden suchen wir Brennholz auf den Strassen und in den zerstörten Häusern. Wir
sind wieder im Steinzeitalter. Wir wachen jeden Morgen auf und suchen Wasser.
In der Nachbarschaft haben alle leere Gefässe dabei und halten während Stunden Ausschau
nach Möglichkeiten, sie zu füllen. Danach suchen wir nach einer möglichen Hilfe
oder zu einem vernünftigen Preis erschwingbaren Reis (…) Das Schlimmste ist
nicht der Krieg; leider haben wir uns an Kriege gewöhnt. Das Schlimmste sind
jene, die diese Bedingungen fürs Geldmachen ausnützen – die Händler ohne
Prinzipien.»
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Bildquelle: +972 Magazine
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Susan Abulwaha beschreibt
in ihrem Roman den Kampf um den Erhalt der palästinensischen Kultur, der
Volkstraditionen, gegen den schon damals umfassenden Angriff auf die Würde der
Menschen. Sie lässt uns erahnen, wie tief es die Seele trifft, die von den
Vorfahren gepflanzten Olivenbäume nicht mehr pflegen zu können. Da geht es auch,
aber nicht nur, um den Ernteerlös fürs Überleben, der jetzt dank der
staatlichen Siedlermiliz in der Westbank fehlt. Da geht es heute um die zerstörten
Moscheen und Kirchen, also Orten des kollektiven Besammelns. Um die
systematische Zerstörung von Spitälern und Ackerböden, von Schulen und
akademischen Einrichtungen. Das erinnert an die türkische Zerstörung der
historischen Altstadt von Amed (Diyarbakir), dem widerständigen Zentrum des
türkischen Kurdistans, im Jahr 2016.
Chaosengineering und Hunger
In Israel Seeks to Let Armed Gangs
Control Gaza, but Could Find Hamas Back in Charge
vom
22. März macht Zvi Bar’el, ein führendes Redaktionsmitglied der israelischen
Tageszeitung Ha’aretz, interessante Angaben zu Kräften hinter Gangs und
Preistreibern. Er skizziert ein komplexes Bild von schwerreichen und
miteinander in einer «Koalition der Familien» organisierten Gruppen und ihren
jeweiligen Milizen in Gaza, die sowohl mit der PLO wie mit der Hamas
widersprüchliche, aber enge Beziehungen unterhielten. So soll ein Teil dieser
Clans beim langjährigen Schmuggel von Ägypten nach Gaza eine wichtige und
lukrative Rolle gespielt haben. Diese Familien sind, vermutet Bar’el, dieselben,
die Israel für das wirtschaftliche Management des Lebens in Gaza nach dem Krieg
vorsieht. «Es ist schwierig», lesen
wir, «Grenzen zwischen den ‘Volkskomitees’
[Clanmilizen] und Gangs, die ebenfalls zu diesen Familien und Clans gehören, zu
ziehen. Nicht nur Nahrungskonvois werden ausgeraubt. Auch das Ausplündern von
Häusern, verlassen von ihren BewohnerInnen, ist zu einem lukrativen Geschäft
geworden. Ehemalige BewohnerInnen sagen, sie haben ihre Möbel und
Hausratsgegenstände zum Verkauf in improvisierten Märkten gesehen, wobei der
Verkauf von bekannten Mitgliedern prominenter Familien überwacht wurde.»
Bar’el fährt fort: «Diese Familienmilizen begleiten die
Lastwagen und vermieten Lagerhäuser und andere Einrichtungen an
Hilfsorganisationen für teures Geld, zusätzlich zu Anteilen, die sie nehmen und
den EinwohnerInnen der Gegend zu exorbitanten Preisen verkaufen. Wenn Berichte
in Israel eine Absicht erwähnen, «Geschäftsleute» zu rekrutieren, um die zivile
Hilfe zu managen, so handelt es sich um die gleichen Leute, die heute die Plünderung
organisieren. In Israel und Washington sind sie sich des schrecklichen Chaos,
das das Hilfeprojekt begleitet, bewusst (…) In Gaza sagen sie schon, dass diese
kriminellen Gangs nicht existieren könnten, wenn sie nicht israelische
Interessen bedienen. ‘Die Gangs stehlen und Israel protegiert sie’, sagt ein
Account bei X.»