USA: Galopp in Richtung Faschismus

Freitag, 16. Januar 2026

 

(zas, 15.1.26) Gestern wurde in Minnesota ein Bundesbeamter von einem illegal eingewanderten Venezolaner, den er kontrollieren wollte, und zwei Dazustossenden so massiv bedroht, dass ihm nur noch blieb, dem Venezolaner ins Bein zu schiessen. Sowohl Opfer wie Schütze seien hospitalisiert. So die Version des DHS (Department of Homeland Security). Anschliessend trafen laut New York Times etwa 200 Leute am Ort der Schussabgabe ein. Sie verlangten die Verhaftung des Täters. Videos zeigen, wie bewaffnete Bullen DemonstantInnen angreifen.


 

Auf Trumps Geheiss machten 2000 ICE-Agenten Terror in den Unterklassenzonen von Minnesota. Am 7. Januar erschoss dort ein ICE-Bulle die 37-jährige Renée Good, die eine ICE-Operation gegen MigrantInnen observierte. Offiziell zur Selbstverteidigung, real und dokumentiert war es Mord. Vizepräsident JD Vance erklärte, die Nation sei dem Täter, der eine «absolute Immunität» geniesse, zum Dank für seinen Einsatz verpflichtet. Trump log erst, Renée Good habe den Mann überfahren wollen, und nannte später eine andere Todesursache: «Die Frau und ihre Freundin waren sehr respektlos gegenüber den Gesetzeskräften.»

Dass die Behörden von Minnesota (dem. Partei) eine eigene Untersuchung des Mordes durchführen wollten, sorgte für Ärger im Weissen Haus. DHS-Chefin Kristi Noem kündigte am 11. Januar die Entsendung eines weiteren DHS-Kontingents nach Minnesota. Trump prophezeite: «Fürchte dich nicht, grosses Volk von Minnesota, der Tag der Abrechnung und der Vergeltung kommt».

Andere sehen das prosaischer. Elliot Payne, Chef des Stadtparlaments, der selber von ICE-Typen rumgestossen wurde, als er eine ihrer Untaten beobachtete, sagte, oft bedrohe ICE die Leute mit ihren Waffen und erklärte: «Dies ist eine militärische Besetzung und sie fühlt sich an wie eine militärische Besetzung.»

ICE zählt heute doppelt so viel Personal wie zuvor. Vor allem dank Leuten aus der rechtsextremen Szene. In The Intercept wird das so geschildert:

«Zwei Tage, nachdem ICE-Agent Jonathan Ross Renée Good in einer kontroversen Operation in Minnesota erschossen hatte, platzierte DHS auf seinem offiziellen Instagram-Account die Rekrutierungsbotschaft ‘We’ll Have Our Home Again’, der ein gleichnamiger Song der Gruppe Pine Tree Riots angehängt ist. Der in neonazistischen Kreisen populäre Song enthält Zeilen über die Rückeroberung ‘unserer Heimat’ mit ‘Blut oder Schweiss’ – eine Sprache, die häufig in Aufrufen weisser NationalistInnen zum Rassenkrieg verwendet wird.»


 

Ein weiterer Intercept-Artikel vom 14. Januar zitiert ICE-Agenten, die klar machen, dass Mord und Schussabgabe Teil einer Strategie sind:

«Bei vielen Konfrontationen in Region von Minneapolis sprachen Agenten wiederholt von Zivilpersonen, die ihre Lektion lernen – offenbar in Bezug auf den Einsatz tödlicher Gewalt durch Ross. In einem Video auf Reddit ist ein maskierter ICE-Agent zu hören, wie er einen Autofahrer anschreit: ’Geh nach Hause zu deinen Kids (…) Hör verdammt auf, uns zu folgen’. Phil Maddox, ein Anwohner, erzählte The Intercept, dass er das Video am Sonntagmorgen während einer kurzen Fahrt durch seine Nachbarschaft aufgenommen habe, um die Bundesbeamten in der Gegend im Auge zu behalten. Nachdem er kurz einem zivilen Auto gefolgt war, sagte er, ein anderes Auto habe ihn in eine Gasse gedrängt, und er sei von Agenten umzingelt gewesen, darunter mindestens einer, der seine Waffe gezogen hatte. Im weiteren Verlauf des Videos schwenkt Maddox die Kamera seines Handys und zeigt einen weiteren Agenten, der mit gezogener Pistole an der Beifahrertür steht. Der erste Agent stampft zurück zum Auto und fährt mit seiner Tirade fort, indem er Maddox sagt, dass ihm das Ergebnis nicht gefallen werde, wenn er den Agenten folge. ‘Hast du nichts aus dem gelernt, was gerade passiert ist?’, fragt der ICE-Agent.»

Im Video ist auch zu hören, wie der schreiende ICE-Agent noch anhängt: «Dies ist deine letzte Warnung».

In einem Video auf Tiktok (mittlerweile gelöscht), erfahren wir, wie ein Bundesagent zwei Leuten sagt: «’Ihr lernt verdammt noch mal nichts – was ist denn in den letzten Tagen passiert?“’ Zwei andere Beamte tasten unterdessen die Insassen eines Autos ab. Sekunden später nähert sich der Beamte einer Frau, die aus einem zweiten Fahrzeug filmt, und gibt ihr eine ähnliche Warnung. ‘Hör mal, habt ihr nichts aus den letzten Tagen gelernt?’».

Auch Stephen Miller, offiziell Vizestabschef im Weissen Haus, weiss auf DHS-Medien die Straffreiheit zu loben. An die Täter gerichtet: «Ihr habt Immunität bei Ausübung eurer Pflichten, und niemand, ob Stadt-Official, State-Official, illegaler Einwanderer, linker Agitator oder einheimischer Terrorist kann euch davon abhalten, euren gesetzlichen Verpflichtungen nachzukommen.»

Trump droht jetzt mit dem Aufstandsgesetz, also der Entsendung der Armee, sollte nicht «Ruhe» einkehren. Dank einem Artikel in commondreams.org können wir von einem Minnesota-Anwohner lernen, der sagt: «Das ist verrückt! Was zum Teufel ist hier los, Mann, das ist doch Wahnsinn... Was mich wirklich anpisst, ist, dass sie Leute festnehmen, ihnen Handschellen anlegen und sie dann auch noch zusammenschlagen! Sie sagen, es seien Eingewanderte - nur Eingewanderte? Es sind verdammt noch mal alle! Ich habe Freunde, die festgenommen wurden, und die sind nur von der Arbeit nach Hause gefahren!“

Melanie D’Arrigo, Leiterin der Campaign for New York Health, erklärt: “Das Aufstandsgesetz war schon immer der Plan, und Minneapolis ist der Testfall. Sie schickten die ICE, um schwarze und braune Gemeinschaften zu terrorisieren und anzugreifen, um eine Reaktion zu provozieren, die den Einsatz des Militärs im Inland in blauen Städten rechtfertigen würde. Hier ging es nie um Einwanderung.»

 

Solidarität mit Aleppo, ZH 8.1.26

Mittwoch, 7. Januar 2026

 


 

Venezuela/USA: Underdog gegen Herrenmenschen

 

(zas, 7.1.26) Gestern zitierte die New York Times Aussagen von Stephen Miller in einem Interview mit Jake Tapper von der CNN so: «Wir leben in einer Welt, in der wir beliebig über internationale Nettigkeiten und all das reden können; aber wir leben in einer Welt, in der realen Welt. Jake, die von Stärke regiert wird, die von Kraft regiert wird, die von Macht regiert wird (…) Das sind die eisernen Gesetze seit Beginn der Zeit.»

 Miller ist Trumps Homeland Security-Berater. Er ist ein glühender Rassist und Rechtsradikaler und vermutlich einer der Leute im Trumpismus, die eifrig die Nazi-Machtergreifung studiert haben.

Er steht nicht allein.

Die Redaktion des, wie sein Name sagt, stockreaktionären Wall Street Journal hat das vorgestern in einem Editorial formuliert, dass «das Recht unter den Nationen regiert», sei eine Illusion. Am ehesten tat es das nach dem Ende «des Kalten Kriegs, als die USA global dominierten und eine Koalition für die Durchsetzung internationaler Normen im ersten Golfkrieg und im Balkan zusammentrommelte».

Kapiert? Regelbasierte Ordnung für den Krieg. Jetzt entfesselt, ohne bremsende Schminke von Menschen – oder Völkerecht (und so).

Miller spannte laut US-Medien in Sachen Venezuela eng mit Kriegstreiber Marco Rubio zusammen. Noch liegen viele Elemente der letzten Ereignisse in Venezuela im Dunkeln. Die Entführung von Nicolas Maduro und Cilia Flores, die ungestrafte Bombardierung von Teilen der Hauptstadt eines unvergleichlich schwächeren Landes, die Drohungen gegen die amtierende Präsidentin Venezuelas oder den Kolumbianer Petro etc. machen aber klar: Für Washington ist die Machtfrage zentral.

Medien wie der NZZ fallen Anpassungen an das neue Kommando leicht. Doch auch jene Mainstreammedien, die sich etwas schwer tun mit Trump, spielen mit. Denn der Trumpismus verkörpert sozusagen im Reinformat, was die (nicht nur) westliche Politik seit langem ausmacht. Bei Venezuela: die Mär vom «brutalen Diktator», «das reiche Land, von Maduros Misswirtschaft ins Elend gestossen» etc. «Chavistische Misswirtschaft» - der Begriff verdeckt als Joker die imperialistische Verelendung per Sanktionen. Die werden höchst selten als nebensächlicher Begleitfaktor der Misswirtschaft erwähnt. Nur als Beispiel für ihre mörderische Ausrichtung: Während der Covid-Epidemie war die Auszahlung von IWF- und anderen Fonds an Venezuela für Medikamente und Nahrungsmittel verboten. Das erwähnte der Mainstream gelegentlich en passant … tough, aber warum hat der Diktator kein Erbarmen mit seinem Volk? Mittäterschaft. Ah – da gibt es die Millionen, die vor Not und Diktatur aus Venezuela flüchteten. Warum flüchteten sie erst unter dem extremistischen US-Sanktionsregime? Und fallen fast alle anderen Flüchtlinge in der Sprache von EU/Schweiz nicht unter die Flüchtlingskonvention?

Letzten Montag wurden Nicolas Maduro und Cilia Flores dem Richter in New York zwecks Anhörung der Anklage vorgeführt. Tags darauf berichtete die New York Times über ein Detail in der Anklage: Das im globalen Drogendeal doch so enorm wichtige Cártel de los Soles (Sonnenkartell) war stillschweigend aus der Anklageschrift verschwunden, die 2020 unter Trump verfasst worden war. Besagtes Kartell übte, da ja von Maduro geleitet, eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Mainstreammedien aus, obwohl sie alle wissen mussten, dass es nicht existiert. Dem Weissen Haus war klar, dass der aktuell für den Fall «zuständige» Richter (den es mit einem Gericht in Florida ersetzen will), diesen Propagandazauber als solchen disqualifizieren würde. Blöd etwa für die Lateinamerika-Strategen in der NZZ, die wie andere investigative TitanInnen eben noch diese heilige Schrift zwecks Rechtfertigung des Regime Change gebraucht hatte.

Natürlich wissen alle, auch in der NZZ, trotz ihrer «Aufrechten», die das Gegenteil verbreiten, dass es Trump nicht um die Bekämpfung des Drogenmassakers geht. Zu offensichtlich die Spuren von Regime Change und Öl. Nur schon Trumps Begnadigung von Juan Orlando Hernández, dem früheren Präsidenten von Honduras und Capo des dortigen Kartells, der ja bloss die Lieferung von 400 Tonnen Kokain in die USA abgesichert hatte, die Begnadigung von Ross Ulbricht kurz nach Trumps Amtsantritt, der im Darknet innovativ eine Kryptobörse für den millionenschweren Handel mit Fentanyl und Kokain gegründet hatte, sollten ja weitergehende Fragen auslösen. Tun sie aber kaum je. Lieber wird Propaganda wiedergekäut, im Fall Venezuelas also das Ding mit der Diktatur, mit der Misswirtschaft etc.

Wichtiger als Drogen sind Öl, Ausschaltung geopolitischer Konkurrenz und – vor allem - Bestrafung der Ahnung, dass eine andere Welt möglich ist. Stattdessen haben wir ein kindisches Fanen für die Machtausübung vom 3. Januar. Mithecheln. Was und wie genau da geschehen ist, wissen wir noch nicht. Es gibt viele offene Fragen, die von den medialen Berichten vor allem zugeschüttet werden.

 

Im Westen nichts Neues

Alessandro Volpi, Ökonom und Historiker an der Universität von Pisa, hat eine These für die Machtdemonstration des Weissen Hauses, die über den simplen Fakt, dass die USA das venezolanische Öl besitzen wollen, hinausgeht. Er stellt folgenden Zusammenhang her: Ein US-Zugriff auf  die weltweit bisher grössten Ölvorkommen Venezuelas plus andere Vermögenswerte des Landes könnte eine Summe von bis zu $ 16 Billionen betreffen, rund die Hälfte der US-Verschuldung. Zusammen mit den Trumpschen Zöllen würde das die US-Verschuldung wieder managebar machen, was wiederum den Dollar als globale Reservewährung und Instrument der globalen Dominanz revitalisieren würde. Dieses Interpretationsmuster lässt sich natürlich über die Angriffe auf Venezuela hinaus auf Lateinamerika generell und andere Teile der Welt (auch Grönland?) anwenden. Also Macht, Zwang und Krieg als Mittel der Weltherrschaft, wie das schon die Nazis offen sagten. Das wäre die Antwort eines taumelnden Imperiums, um seinen Fall zu verhindern. Machtrunkenheit als Flucht vor dem «Untergang».

 


Die Ahnung von einem anderen Leben

Die aktuelle Machtrunkenheit der Widerlichen übersieht, dass es in Venezuela noch etwa anderes als ihre eigene Grösse gibt. Klar, vom Glanz der Chávez-Jahre ist einiges weg. Korruption, Businesslogik auch in chavistischen Segmenten, npermanente Angriffe, die Träume verhärte und so ein Stück weit abschaffen, all das ist real. Epurr si muove – die Erde bewegt sich doch. Die Stärke, die Kraft, die Leidenschaft, die Unbedingtheit, die wir in Videos von grossen Demos dieser Tage in Caracas erkennen und von der Gewährsleute im Land berichten, ist tief beeindruckend. Wir wissen nicht, wie wohl die Meisten in Venezuela, wie heute die politischen Mehrheitsverhältnisse in der Bevölkerung sind. Wir können auch nur andeutungsweise die Fragen erahnen, die sich heute aufdrängen. Wie weiter? Wie den Krieg der Übermacht sabotieren? Widerstand bis zum Tod von Vielen? Oder mit Nachgeben die Bevölkerung dem Monster opfern?

Wir sehen dankend den Mut vieler Menschen in Venezuela. Die Machtbesoffenen sind dafür blind. Wir wissen, dass nicht aller Tage Abend ist. Auch wenn uns die Ereignisse in Venezuela bestürzen, auch wenn wir wissen, wie bedroht jetzt Kuba, weitere Bevölkerungen und generell alle von der «Weltherrschaft» abweichenden Kräfte sind. Die Ahnung von einem anderen Leben ist nicht tot.

Trump mag noch nicht in Venezuela einmarschieren, aber er macht Schlimmeres

Samstag, 27. Dezember 2025


Michelle Ellner*

(26.12.25) Die lauteste Frage, die derzeit in Washington gestellt wird, ist, ob Donald Trump in Venezuela einmarschieren wird. Die leisere und weitaus gefährlichere Realität sieht jedoch so aus: Er wird es wahrscheinlich nicht tun. Nicht, weil ihm das Leben der VenezolanerInnen am Herzen läge, sondern weil er eine Strategie gefunden hat, die kostengünstiger, im eigenen Land politisch weniger riskant und verheerender ist: Wirtschaftskrieg.

Venezuela hat bereits Jahre des Wirtschaftskriegs überstanden. Trotz zwei Jahrzehnten umfassender US-Sanktionen, die darauf abzielen, die Wirtschaft des Landes zu strangulieren, hat Venezuela Wege gefunden, sich anzupassen: Öl wird über alternative Märkte gehandelt, Gemeinden haben Überlebensstrategien entwickelt, die Menschen haben mit Kreativität und Widerstandsfähigkeit Mangel und Not ertragen. Genau diese Widerstandsfähigkeit versucht die Trump-Regierung zu brechen.

Anstatt eine militärische Invasion zu starten, die öffentliche Gegenreaktionen und eine genaue Prüfung durch den Kongress hervorrufen würde, setzt Trump auf etwas Heimtückischeres: die totale wirtschaftliche Erstickung. Durch die Verschärfung der Beschränkungen für venezolanische Ölexporte, die wichtigste Einnahmequelle des Landes, treibt die Trump-Regierung das Land bewusst in einen vollständigen humanitären Zusammenbruch.

In den letzten Monaten deuten die Massnahmen der USA in der Karibik, darunter das Kapern von Öltankern mit Bezug zu Venezuela, auf eine Verlagerung von finanziellem Druck hin zu illegaler Seemacht hin. Diese Operationen zielen zunehmend darauf ab, Venezuela daran zu hindern, seine eigenen Ressourcen durch internationale Gewässer zu transportieren. Öltanker wurden aufgehalten, beschlagnahmt, mit sekundären Sanktionen bedroht oder unter Zwang zu Umwegen gezwungen. Das Ziel ist eine Strangulierung.

Dies ist nach internationalem Recht illegal.

Die Freiheit der Schifffahrt auf hoher See ist ein Grundpfeiler des internationalen Seerechts, der in der Seerechtskonvention der Vereinten Nationen verankert ist. Die einseitige Aufbringung ziviler Handelsschiffe ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats verstösst gegen den Grundsatz der souveränen Gleichheit und der Nichteinmischung. Die extraterritoriale Durchsetzung von US-Sanktionen, mit denen Drittländer und private Akteure für den rechtmässigen Handel mit Venezuela bestraft werden, hat keine Rechtsgrundlage. Es handelt sich schlicht und einfach um Nötigung. Noch wichtiger ist, dass damit eine kollektive Bestrafung beabsichtigt ist.

Indem sie Venezuela daran hindert, Öl zu exportieren, dessen Einnahmen für Lebensmittelimporte, Medikamente, Strom und öffentliche Dienstleistungen verwendet werden, schafft die Trump-Administration bewusst Bedingungen für Massenentbehrungen. Nach dem humanitären Völkerrecht sind kollektive Bestrafungen verboten, gerade weil sie ZivilistInnen als Mittel zur Erreichung politischer Ziele ins Visier nehmen. Und wenn dies so weitergeht, werden wir schreckliche Bilder sehen: leere Regale, unterernährte Kinder, überlastete Krankenhäuser, Menschen, die nach Nahrung suchen. Szenen, die an diejenigen aus Gaza erinnern, wo Belagerung und Hunger als Kriegswaffen zur Normalität geworden sind.

Die Massnahmen der USA werden zweifellos Millionen VenezolanerInnen dazu veranlassen, aus ihrem Land zu fliehen. Aber Trump verschliesst ihnen die US-Grenzen, versperrt Asylrouten und kriminalisiert Migration. Wenn Menschen hungern, wenn Volkswirtschaften zusammenbrechen, wenn das tägliche Leben unerträglich wird, dann ziehen die Menschen weg. Wenn man VenezolanerInnen die Einreise in die Vereinigten Staaten verwehrt und gleichzeitig systematisch die Lebensbedingungen zerstört, die ihnen das Überleben in ihrer Heimat ermöglichen, bedeutet dies, dass Nachbarländer wie Kolumbien, Brasilien und Chile die menschlichen Kosten der Entscheidungen Washingtons tragen sollen. Auf diese Weise lagert das Imperium den Schaden aus. Aber diese Länder haben ihre eigenen wirtschaftlichen Probleme, und die Massenvertreibung von VenezolanerInnen wird die gesamte Region destabilisieren.

Venezuela ist ein Testfall. Was derzeit ausgefeilt wird – wirtschaftliche Belagerung ohne formellen Krieg, maritime Zwangsmassnahmen ohne erklärte Blockade, Hunger ohne Bomben – ist eine Blaupause. Jedes Land, das sich weigert, den politischen und wirtschaftlichen Forderungen Washingtons nachzukommen, sollte wachsam sein. So wird Regimewechsel im 21. Jahrhundert aussehen.

Und so kann Trump dem US-Kongress versichern, dass er nicht „in den Krieg“ mit Venezuela zieht. Das muss er auch nicht. Wirtschaftliche Strangulierung verursacht keine unmittelbaren politischen Kosten wie eine militärische Intervention, auch wenn sie langsame, weitreichende Verwüstungen anrichtet. Keine Leichensäcke kehren auf US-amerikanischen Boden heim, keine Wehrpflicht, keine im Fernsehen übertragenen Bombardierungskampagnen. Nur eine stetige Erosion des Lebens anderswo.

Trumps Kalkül ist brutal einfach: Die VenezolanerInnen so unglücklich machen, dass sie sich erheben und Maduro stürzen. Das ist dieselbe Kalkulation, die seit sechs Jahrzehnten hinter der US-Politik gegenüber Kuba steht – und sie ist gescheitert. Wirtschaftliche Strangulierung bringt keine Demokratie, sondern Leid. Und selbst wenn es durch einen unglücklichen Zufall gelänge, die Regierung zu stürzen, wäre das wahrscheinliche Ergebnis nicht Freiheit, sondern Chaos – möglicherweise ein langwieriger Bürgerkrieg, der das Land und die Region für Jahrzehnte verwüsten könnte.

Die Menschen in Venezuela feiern Weihnachten und Neujahr gemeinsam am Tisch, wo sie sorgfältig zubereitete Hallacas, Pan de jamón und Dulce de Leche essen. Sie erzählen sich Geschichten, tanzen zu Gaitas und stossen mit Ponche Crema an.

Gemeinsam hallacas machen

 Aber wenn diese wirtschaftliche Belagerung weitergeht, wenn das venezolanische Öl vollständig abgeschnitten wird, wenn dem Land die Mittel zur Selbstversorgung verweigert werden, wenn der Hunger vollenden darf, wozu Bomben politisch nicht mehr tauglich sind, dann könnte dieses Weihnachtsfest als eines der letzten in Erinnerung bleiben, das die VenezolanerInnen in etwas feiern konnten, das einem normalen Leben ähnelt - zumindest in naher Zukunft.

Umfragen zeigen übereinstimmend, dass fast 70 Prozent der Menschen in den Vereinigten Staaten eine militärische Intervention in Venezuela ablehnen. Krieg wird als das begriffen, was er ist: gewalttätig, zerstörerisch, inakzeptabel. Sanktionen werden jedoch anders wahrgenommen. Viele Menschen glauben, dass sie eine harmlose Alternative sind, eine Möglichkeit, „Druck” auszuüben, ohne Blut zu vergiessen.

Diese Annahme ist gefährlich falsch. Laut einer umfassenden Studie in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet erhöhen Sanktionen die Sterblichkeit in einem Ausmass, das mit bewaffneten Konflikten vergleichbar ist, wobei Kinder und ältere Menschen als Erste betroffen sind. Sanktionen verhindern kein Leid für die Zivilbevölkerung – sie verursachen es systematisch.


 

Wenn wir Krieg ablehnen, weil er Menschen tötet, müssen wir auch Sanktionen ablehnen, die dasselbe tun, nur leiser, langsamer und mit weitaus weniger Rechenschaftspflicht. Wenn wir nicht mit derselben Dringlichkeit gegen Wirtschaftskriege vorgehen wie gegen Bombenangriffe und Invasionen, werden Sanktionen die bevorzugte Waffe bleiben: politisch bequem, aber ebenso tödlich.

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(zas) In der Zeit vor den US-Sanktionen jammerten die Mainstreammedien während Jahren, dass sich die Armen in Venezuela von Chávez’ Almosen kaufen liessen. Zuvor gab es jahrzehntelang kein Jammern, als wirtschaftliche Vernunft herrschte und das Geld nicht wie unter Chávez der Bevölkerung, sondern der Wall Street zugutekam. 2015 verhängte Barack Obama Sanktionen gegen das Land (da eine «Bedrohung der national security»). Nachfolger Trump verschärfte sie mit Erfolg: Von 2017 bis 2018 forderten sie das Leben von 40'000 Menschen in Venezuela. Weitere Sanktionen vergrösserten laut UNO-Berichten die Übersterblichkeit um mehr als 100 Prozent. Der Mainstream antwortete in jenen Jahren wie gewohnt sensibel: empört über die «chavistische Misswirtschaft», die Millionen von Menschen in Armut und Flucht treibe. Die o. e. Lancet-Studie schätzt für den Zeitraum von 1971 bis 2021, dass in 152 Ländern jährlich mehr als 560'000 Menschen als Resultat von US-Sanktionen starben – ungefähr so viele wie an militärischen Kriegshandlungen.

 

*         https://codepink.substack.com: Trump might not invade Venezuela yet, but what he is doing is worse. Die in Venezuela geborene Autorin koordiniert die Lateinamerika-Kampagne der US-Antikriegsorganisation Codepink. Wenn Figuren wie Trump oder Pete Segeth im Restaurant dinieren wollen, riskieren sie, wie in der letzten Zeit aus Solidarität mit Venezuela vorgekommen, daselbst von