Nicaragua «Jetzt müssen die Militanten einbezogen werden»

Donnerstag, 30. August 2018



Ein am 3. August in der Schweiz realisiertes Interview mit M. V., Aktivist des FSLN seit den 80er Jahren, 2014 politischer Sekretär seines Quartiers in der nördlichen Stadt Matagalpa. In wenigen Sätzen ein Reichtum von Informationen über die Dynamik der Ereignisse; über die, die vorher mit der Linken regierten und jetzt mit der Rechten regieren wollten; und über das, was im Frente anstehen sollte. Eine Stimme der Militanten.

Gérald Fioretta und Vivianne Luisier

Was geschah in Matagalpa in den ersten zwei Wochen der Unruhen?
Es gab eine grosse Verwirrung, denn wir wussten nicht, wer der Feind ist. Nicaragua war ein tolles Land! Dann kam das Rentendekret. Aber schon vorher gab es das Problem des interozeanischen Kanals und des Brandes im Reservat Indio Maíz.
Die ersten Tage waren die Demos klein und friedlich. Dann kam es zu versuchten und tatsächlichen Plünderungen. Danach zu den tranques (Barrikaden). Es gab welche im Süden von Matagalpa. Es gab ein paar Einfälle in Quartiere wie Palo Alto oder Guanuca (Anm. d. Red.: traditionell revolutionäre Stadtteile), aber dort kam es sofort zur Selbstverteidigung.

Und in der Stadt selbst gab es auch Barrikaden?
Viele haben den Kampf am Anfang gut gefunden, aber als sie die Zerstörungen und die Toten gesehen haben, haben sie gesagt: «Das wollen wir nicht». Sie wussten nicht, wie das alles einordnen, woher die Schläge kamen.
Zuerst hat es drei Tote gegeben. Da braucht es eine Untersuchung oder was, aber die Presse hat sofort gesagt, das sei die sandinistische Polizei gewesen. Nach und nach sahen wir, dass diese Bewegung nichts mit sozialen Forderungen zu tun hatte, sondern mit Vandalismus. Vom Sozialen ging es ins Politische.
An den tranques waren von Matagalpa insgesamt etwa 120 Leute aktiv. Sie schrien, dass Daniel abhauen müsse und die Sandinistas auch. Als der PLC und der MRS (Anm. d. Ü.: klassische Rechte bzw. nach weit rechts abgewanderte Frente-Abspaltung] sich offen in die Sache einbringen wollten, haben die Studenten anfangs gesagt, sie wollten keine politische Partei. Denn die Studenten waren zu Beginn alle zusammen, die von den Privatunis und die von der (staatlichen) UNAN. Während einer Demo begann vor der Kirche San José das Schiessen, bald war das Ziel, Sandinistas zu töten.

Wie lief die Selbstverteidigung in Palo Alto und Guanuca?
Nachts hatten wir Angst: Wir sahen Vermummte auf Pick-ups, die bewaffnet durch die Gegend rasten. Da dachten wir, dass wir uns in den Quartieren selber verteidigen müssen. Es gab Sitzungen «für die Verteidigung des Lebens», denn es hat immer mehr Tote und Zerstörungen gegeben. Die Geschäfte wurden schon von Schutzdiensten bewacht, aber wir (Anm. d. Red.: die sandinistischen Aktiven) haben die Leute zur Selbstverteidigung aufgerufen.
In Palo Alto stellten Männer, Frauen und Kinder die vigilancia revolucionaria (die revolutionäre Wache). Wir haben grosse Töpfe Kaffee für die Nacht vorbereitet, wie früher. Denn die azul y blanco («blauweissen», Nationalfarbe) wollten das nagelneue Gesundheitszentrum und den CDI (die Krippe), wo täglich 250 Kinder sind, zerstören. Sie wollten alles schleissen.
Das Regionalspital wurde von etwa 60 Ex-Mitglieder der Bande von La Chispa (Armutsquartier neben dem Regionalspital) geschützt. Die Armee bewachte die Sozialversicherung, die Bibliothek, das Einwohneramt. Das Bürgermeisteramt und das Lokal des FSLN bewachten die compañeros, aber ohne die Leitung … Zwei Male wollten die «azul y blanco» den Frente angreifen, aber es gelang ihnen nicht.

Und jetzt, Anfang August, wie geht es in Matagalpa?
Alles ist gefilmt. Sie sind blöd, sie haben sich gefilmt, weil sie dachten, dass sie alles rasch umstürzen würden. Und jetzt sind diese Filme Beweismittel gegen sie und das bringt sie ins Gefängnis. Diejenigen, die die tranques finanziert haben, werden gejagt werden. Sie dachten, sie gewännen und würden so weiter befehlen: Nachdem sie mit der Linken befehlt haben, dachten sie, mit der Rechten weiter zu befehlen.
Auf den 19. Juli (Anm. d. Ü.: Jahrestag der sandinistischen Revolution) waren alle tranques aufgelöst. Aber jetzt gilt es, die tranques in den Institutionen zu säubern, das ist eine andere Sache! Was geschah, war ein Hinterhalt, etwas Subtiles, Unvorhergesehenes.
Aber der Comandante bleibt: Er wird nicht einfach so gehen. Es war immerhin er, der in der ersten Linie der Revolution gestanden ist. Aber ab jetzt müssen iom Gegenzug die Militanten des FSLN mehr einbezogen werden. Wenn wir mit Leuten oder einem Ereignis nicht einverstanden sind, müssen wir das sagen können.
Wir hatten die guardia somocista, den servicio militar (Armeedienst in den 80er Jahren), 17 Jahre neoliberale Regierungen, das war alles Leiden und jetzt noch das. Was wir jetzt erlebt haben, war fast noch schlimmer als der Krieg 1979.
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(GF, VL) Auf die Frage «Ist jetzt endlich Ruhe eingekehrt?», war die telefonische Antwort vom 20. August nicht erfreulich. Ja, die Lage ist ruhiger, aber sie ist zerbrechlich, wie der Mord an einem in Matagalpa bekannten Sandinista, Lenín Mendiola, zeigt. Lenín war nicht am Demonstrieren. Die Angst geht weiter um und am Abend schliessen sich die Leute bei sich zuhause ein. Und gleichzeitig fangen die Entlassungen im staatlichen Bereich an und werden gefährliche Ressentiments schaffen.