Trump improvisiert nicht

Samstag, 14. Februar 2026

(zas, 14.2.26) Der argentinische Ökonom skizziert die geopolitische Logik der Herrschenden in Washington.

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Alejandro Marcó del Pont*

„Um den Frieden zu bewahren, müssen wir in der Lage sein, den Krieg zu den Bedingungen zu gewinnen, zu denen der Gegner ihn führen will.“ (Elbridge Colby)

Dieser kalte und berechnende Satz stammt nicht von Donald Trump. Er stammt von Elbridge Colby, einem Kabinettsstrategen[1], dessen Name in den Fluren des heutigen Pentagons mit derselben Ehrfurcht widerhallt, die man Kissinger in den 70er Jahren entgegenbrachte. Er fasst mit chirurgischer Präzision die Seele der Präsidentschaft Trumps zusammen. Eine millimetergenaue Operation, getarnt als chaotisches Spektakel. Die Öffentlichkeit sieht ein Pendel aus Prahlereien, scheinbar spontanen Entscheidungen und einer Aussenpolitik, die ohne Kompass navigiert. Diese Annahme ist ein monumentaler Irrtum.

Was wir hier beobachten, ist keine Improvisation, sondern – für die Kamera - die rustikale und effekthascherische Umsetzung eines geopolitischen Handbuchs, das lange vor Trumps Rückkehr ins Oval Office geschrieben wurde. Ein Buch mit dem Titel The Strategy of Denial (Die Strategie der Verhinderung), umgesetzt in den Dokumenten National Security Strategy 2025 und National Defense Strategy 2026 und entwickelt in Project 2025 der rechten Denkfabrik Heritage Foundation.  Trump ist nicht der Autor; er ist der Star-Auftragnehmer und folgt den Plänen genauestens.

Der Grundstein dieses ganzen Gebäudes ist Colby und seine zentrale These. Die Vereinigten Staaten haben nur ein einziges existenzielles Interesse: um jeden Preis zu verhindern, dass China die Vorherrschaft über Asien und damit über Eurasien erlangt. Es geht nicht darum, Demokratie zu exportieren, Herzen und Köpfe zu gewinnen oder eine liberale Ordnung zu schaffen. Es handelt sich um reine und rohe Schachbrett-Geopolitik. Wenn China die dynamischste Wirtschaftsregion der Welt dominiert, hat es den Schlüssel, um die USA von den globalen Märkten auszuschliessen.

Um dies zu verhindern, verschreibt Colby die „Strategie der Verhinderung”. Stellen wir uns vor, China beschliesst, Taiwan zu erobern. Die traditionelle Strategie der „Bestrafung” würde massive Vergeltungsmassnahmen nach der Invasion bedeuten. Die „Verhinderung” ist anders: Sie besteht darin, im Voraus so viele und so tödliche militärische Kapazitäten – U-Boote, Raketen, Drohnen-Netzwerke – zu stationieren, dass die chinesische Militärführung zu dem Schluss kommt, dass eine Invasion unmöglich ist. Die Abschreckung erfolgt durch die Unerreichbarkeit des Sieges, nicht durch die Furcht vor Vergeltungsmassnahmen.

Aber hier kommt das eigentliche Ziel zum Vorschein, das den machiavellistischen Zynismus des Plans offenbart: Die Verteidigung Taiwans dient nicht Taiwan. Sie dient Japan, den Philippinen und Australien. Colby argumentiert, dass die Glaubwürdigkeit der Sicherheitsgarantien der USA schwindet, wenn Taiwan fällt. Die pragmatischen Verbündeten würden sich auf die Seite des Gewinners, China, schlagen. Die antihegemoniale Koalition im Pazifik würde sich wie ein Stück Zucker auflösen. Daher unterliegt alles diesem Theater. Und da die Ressourcen begrenzt sind, ergibt sich das grundlegende Gebot: Asien hat absolute Priorität. Europa muss sich selbst gegen Russland verteidigen. Der Nahe Osten ist eine Ablenkung, die „gemanagt” oder neutralisiert werden muss. Die USA können nicht an zwei Fronten gegen Grossmächte kämpfen. Dies ist die erste grosse Leitlinie, die Trump in die Tat umgesetzt hat.

Und wie lässt sich diese „Ablehnung” nachhaltig erreichen? Hier kommt die zweite Säule ins Spiel: die „strategische Stabilität”, ein Begriff, der nach Kalter-Krieg-Jargon klingt und genau das ist. In der Sprache der „Nationalen Verteidigungsstrategie 2026” bedeutet dies, eine Situation zu schaffen, in der niemand einen Anreiz hat, einen ersten Atomschlag zu starten, in der aber die Androhung einer überwältigenden Reaktion so glaubwürdig ist, dass sie von jeder kleineren Aggression abschreckt. Es ist „Frieden durch Stärke”, aber nicht als leerer Slogan, sondern als mathematische Gleichung der Abschreckung. Diese Logik speist sich direkt aus Henry Kissingers „Machtgleichgewicht” und Richelieus kalter „Staatsräson”. Es gibt keinen Platz für Idealismus. Es geht um Interessen, Macht, rationale Überlegungen.

Nun erfordert der Einsatz dieser Streitkräfte eine kolossale materielle Basis. An dieser Stelle hört die Wirtschaftspolitik auf, Wirtschaft zu sein, und wird zur Kriegslogistik. Die NSS 2025 und die NDS 2026 trennen nationale Sicherheit nicht von wirtschaftlicher Vitalität – sie sind ein und dasselbe. Massive Zölle, „America First“, die Besessenheit von Reindustrialisierung und Energieunabhängigkeit sind nicht nur Slogans, um im Rust Belt Stimmen zu gewinnen. Sie sind das Fundament der Verweigerungsstrategie. Colby sagt es ganz klar. Man kann Taiwan nicht verteidigen, wenn man für Mikrochips, Batterien oder kritische Mineralien von China abhängig ist. Man kann keinen hochintensiven Krieg im Pazifik führen, wenn die eigene Marineindustrie verrostet ist und die Munitionsversorgungskette über Asien läuft. Die Wirtschaft ist, wie es in den Dokumenten heisst, „der entscheidende Anker” der Militärmacht.

Mit diesem Handbuch in der Hand – Colby für die Theorie, Heritage für den detaillierten Aktionsplan und die NSS/NDS-Dokumente für die offizielle Umsetzung – erhält jede Bewegung von Trump oder seinem Umfeld eine brutale Kohärenz. Was wie eine Laune oder ein wütender Tweet aussieht, ist oft die Umsetzung eines bestimmten Punktes aus dem Drehbuch.

Nehmen wir das „Verlassen“ Europas. Die Forderungen, dass die NATO ihre Ausgaben auf 5 % des BIP erhöht; die aggressive Rhetorik gegenüber Deutschland; der Vorschlag, dass die Ukraine verhandeln soll, sind kein Scherz. Sie sind die wörtliche Umsetzung von Colbys Auftrag: „Europa muss der erste Akteur bei seiner eigenen Verteidigung sein”. Ressourcen – Truppen, Schiffe, Flugzeuge, Aufmerksamkeit – freisetzen, um sie in den Indopazifik zu verlagern. Die „regelbasierte internationale Ordnung“, Eckpfeiler des Nachkriegsliberalismus, wird in der Nationalen Sicherheitsstrategie 2025 als „Abstraktion“ verworfen. An ihre Stelle treten bilaterale Transaktionsvereinbarungen. Du gibst mir etwas Konkretes (Stützpunkte, Geld, Ressourcen), ich gebe dir Schutz. Ein gnadenloser, purer Realismus.

Betrachten wir die westliche Hemisphäre. Die hetzerische Rhetorik über Einwanderung und Drogenhandel, der massive Truppeneinsatz an der Südgrenze, die Massnahmen gegen Kartelle in Mexiko und die Bekräftigung einer aktualisierten Monroe-Doktrin – das „Trump-Korollar“ – sind nicht nur für die heimische Öffentlichkeit bestimmt. Die „National Defense Strategy 2026” erklärt, dass diese Verteidigung im eigenen Territorium und in seinem „ Hinterhof” beginnt. Eine instabile Hemisphäre, in die ausserkontinentale Mächte (sprich: China) eindringen, ist eine unzulässige Schwachstelle, wenn man seine Aufmerksamkeit auf das Südchinesische Meer richtet. Man muss den eigenen Hinterhof militärisch und politisch sichern, um ohne Ablenkungen Macht in Richtung Asien auszuüben. Jede Abschiebung, jede Mauer, jeder Druck auf lateinamerikanische Regierungen fügt sich in diese Logik der Befestigung der kontinentalen Bastion ein.

Betrachten wir die Obsession mit dem Iran und den Versuch, sein Atomprogramm zu „neutralisieren”. Es handelt sich nicht um einen neuen Irak. Es ist die Anwendung der Regel „strategische Ablenkungen reduzieren”. Der Nahe Osten ist seit Jahrzehnten ein Sumpf, der amerikanisches Blut und Geld verschlingt. Für Colby und die Strategen der NDS 2026 ist er ein Nebenschauplatz, der zumindest zum Schweigen gebracht werden muss. Ein Iran ohne Bombe ist ein Problem weniger, aber mit Hyperschallraketen ist er keine kontrollierte Variable, die es erlaubt, Flugzeugträger und Spionagesatelliten in die Taiwanstrasse umzuleiten.

 

Und auf nationaler Ebene fügt sich das Puzzle schliesslich zusammen. Die durch das Projekt 2025 vorangetriebene Säuberung der Bürokratie, der Abbau von Umweltvorschriften, die Anweisung, die Öl- und Gasförderung zu „entfesseln“, die Investition von einer Billion Dollar in die industrielle Verteidigungsbasis (Grönland) sind keine traditionelle Parteipolitik. Sie sind die Schaffung der Kriegsmaschine, die die Strategie der Verweigerung erfordert. Eine hypergeschützte, energieautarke Wirtschaft, die in der Lage ist, Raketen und U-Boote im weltweiten Massstab zu produzieren. Die „wirtschaftliche Sicherheit”, von der die Nationale Sicherheitsstrategie 2025 spricht, ist in Wirklichkeit die industrielle Mobilisierung für eine langwierige Konfrontation.

Betrachtet man also das Gesamtbild, so verflüchtigt sich der Eindruck von Chaos. Die Erhöhung der NATO-Ausgaben auf 5 % des BIP, der Ausstieg aus Klima- und globalen Gesundheitsabkommen, die wirtschaftliche Belagerung Chinas, die Militarisierung der Grenze, die transaktionale Wende gegenüber den Verbündeten, die erzwungene Schweigsamkeit gegenüber dem Nahen Osten... jedes einzelne davon ist ein Teil eines Räderwerks, das nur einem einzigen Zweck dient: China die Vorherrschaft in Asien zu verweigern, koste es, was es wolle, in Bezug auf traditionelle Allianzen, die globale Ordnung oder die Stabilität in anderen Regionen.

Trump improvisiert nicht. Er ist der launische und streitsüchtige Vollstrecker einer zutiefst reaktionären, realistischen und kalten strategischen Vision. Eine Vision, die auf eine wertebasierte globale Führungsrolle verzichtet und stattdessen danach strebt, die Vorherrschaft durch konzentrierte Gewalt und rücksichtsloses Kalkül zu bewahren. Diese „Methode” kann einen harten, kalten und instabilen Frieden schaffen, aber auch eine zerbrochene, bewaffnete und gefährliche Welt, in der die Diplomatie Geisel der Logik des Krieges ist und in der der Spielraum für strategische Fehler auf das schwache Licht einer Hyperschallrakete reduziert wird. Das Leugnen, in dem Bestreben, einen grossen Krieg zu vermeiden, könnte die Lunte für tausend kleinere Konflikte zünden. Und in diesem Spiel besteht, wie Colby nur zu gut weiss, immer die Gefahr, dass irgendwann jemand beschliesst, den Krieg nach seinen eigenen Bedingungen zu führen.

·       https://eltabanoeconomista.wordpress.com, 8.2.26: Trump no improvisa. Del Pont, ein argentinischer Ökonom, geht auf seiner Homepage oft auf die wirtschaftliche und geopolitische Rolle Chinas ein. 



[1] A.d.Ü.: Colby ist heute Unterminister für Verteidigungspolitik.