Die USA und das Risiko einer Einmischung in die Wahlen in Kolumbien

Montag, 26. Januar 2026

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Kolumbien / USA

Die USA und das Risiko einer Einmischung in die Wahlen in Kolumbien

Interview mit dem progressiven Präsidentschaftskandidat Iván Cepeda

Präsidentschaftskandidat der progressiven Partei Pacto Histórico für die Wahlen im Mai 2026 in Kolumbien
Präsidentschaftskandidat der progressiven Partei Pacto Histórico für die Wahlen im Mai 2026 in Kolumbien

Der kolumbianische linke Präsidentschaftskandidat Iván Cepeda spricht mit Jacobin über die Errungenschaften von Gustavo Petro, den Angriff der USA gegen Venezuela und die gefährlichen Interventionen der Regierung Trump in Lateinamerika.

Iván Cepeda ist Senator des Pacto Histórico (des Historischen Pakts), des linken Bündnisses hinter dem Wahlsieg des kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro, sowie Kandidat dieses Bündnisses, der Petro bei den Präsidentschaftswahlen im Mai und Juni 2026 nachfolgen soll. Cepeda ist ein Menschenrechtsaktivist, der auf eine lange politische Laufbahn zurückblickt. Zu verschiedenen Zeiten engagierte er sich in der Kommunistischen Partei, der Patriotischen Union, der Demokratischen Allianz M-19 – der Partei, der auch Petro angehörte und die nach der Demobilisierung der Guerilla M-19 im Jahr 1990 entstand – sowie später im Polo Democrático, der heute zusammen mit anderen Kräften im Pacto Histórico zusammengeschlossen ist.

Cepeda ist bekannt für seine Rolle in verschiedenen Friedensprozessen mit der inzwischen aufgelösten Guerillagruppe der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) und mit der Nationalen Befreiungsarmee (ELN), einer Guerillagruppe, die nach mehreren gescheiterten Verhandlungsversuchen weiterhin aktiv ist. Sein Vater, Manuel Cepeda, war Kongressabgeordneter der Unión Patriótica – einer aus einem Friedensprozess mit den Farc hervorgegangenen Partei – und wurde 1994 von Paramilitärs im Rahmen einer Kampagne zur Auslöschung der Anführer dieser Partei ermordet, wofür der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte den kolumbianischen Staat verurteilte. Nach der Ermordung seines Vaters initiierte Cepeda die Nationale Opferbewegung mit dem Ziel, Gerechtigkeit für die Menschen zu erreichen, die von staatlichen Akteuren und paramilitärischen Gruppen ermordet wurden.

Cepeda war auch an dem Gerichtsverfahren beteiligt, das zur ersten Verurteilung des ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe wegen Zeugenmanipulation in einem Fall im Zusammenhang mit seinen mutmaßlichen Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen führte. Obwohl der Ausgang des Verfahrens noch ungewiss ist, entwickelte es sich zum bekanntesten Prozess der jüngeren Geschichte Kolumbiens und schwächte Uribe, der weiterhin die zentrale Figur der kolumbianischen Rechten ist.

Kaum eine Woche ist seit dem Angriff der Vereinigten Staaten gegen Venezuela und der Entführung von Nicolás Maduro auf Befehl von Donald Trump vergangen, der zudem den kolumbianischen Präsidenten wiederholt bedroht hat. Im Gegensatz zu Petro, der für seinen hyperbolischen Stil und seine frenetische Nutzung sozialer Netzwerke bekannt ist, reagiert Cepeda mit einem entschiedenen, aber maßvollen Ton.

Jacobin sprach mit Cepeda in Madrid, während seiner Reise, bei der er mit dem spanischen Regierungsoberhaupt Pedro Sánchez zusammentraf und Gespräche mit der zahlreichen kolumbianischen Diaspora im Land führte.

Wie schätzt Du den Angriff der Vereinigten Staaten auf Venezuela und die Drohungen Donald Trumps gegen Kolumbien und andere Länder der Region ein?

Ich sehe darin keine zufälligen oder isolierten Ereignisse. Sie alle sind Teil der neuen US-Doktrin für die westliche Hemisphäre, die in der im Dezember veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie klar dargelegt wurde. In einem Abschnitt mit dem Titel "Das Trump-Korollar zur Monroe-Doktrin" wird klar festgestellt, dass die Vereinigten Staaten das Recht haben, die Hegemonie über die gesamte westliche Hemisphäre auszuüben, um ihre strategischen Ziele zu verfolgen und politische, wirtschaftliche sowie militärische Kontrolle über die Region auszuüben.

Darin wird klar dargelegt, wie vorzugehen ist: Regierungen sind entweder als Freunde oder, wenn sie sich den strategischen Interessen der USA widersetzen, als Feinde einzustufen. Folglich werden sie erpresst und unter Druck gesetzt, wenn sie sich nicht an die Vorgaben Washingtons halten. Oder sie werden direkt gestürzt oder beseitigt, wie wir es in Venezuela gesehen haben und wie wir es nun auch in Kolumbien zu sehen beginnen. Es handelt sich dabei nicht um zufällige Aktionen, die separat analysiert werden sollten, sondern um einen Teil einer globalen Vision der internationalen neofaschistischen Ultrarechten.

Glaubst Du, dass Trumps Drohungen gegen Präsident Gustavo Petro ernst zu nehmen sind?

Man muss sie uneingeschränkt ernst nehmen. Ich weiß nicht, ob sie auf eine direkte Intervention hindeuten, aber sie weisen zweifellos auf eine feindselige Haltung Trumps und der US-Regierung gegenüber unserer Regierung sowie auf die Absicht hin, das Vorankommen des Progressismus in Kolumbien zu verhindern. Präsident Petro wurde in die "Clinton-Liste" aufgenommen, in der Personen aufgeführt werden, die die USA als Drogenhändler oder als Eigentümer von Vermögenswerten mit Bezug zum Drogenhandel einstufen. Das ist eine offen feindselige Handlung, die ohne jegliche öffentliche Begründung vorgenommen wurde. Es ist das erste Mal, dass eine solche Maßnahme gegen einen Präsidenten Kolumbiens ergriffen wurde.

Wir haben auch Bombardierungen an unseren Küsten gesehen sowie die Aberkennung des US-Status Kolumbiens als Land, das den Drogenhandel bekämpft, nachdem es enorme Anstrengungen gegen dieses Übel unternommen hatte. Alles deutet darauf hin, dass ein Weg eingeschlagen wird, der nicht nur die Handlungsfähigkeit der Regierung Petro zunehmend erschwert, sondern auch die Möglichkeit, dass ich gewählt werde, vereitelt.

Wird es eine direkte Intervention der Vereinigten Staaten bei den bevorstehenden Wahlen geben?

Ja, denn wenn eine ausländische Macht während einer Wahlperiode Meinungen gegen eine Regierung äußert und behauptet, diese sei kriminellen Organisationen wohlwollend eingestellt und könne sich nachteilig auf die Region auswirken, dann verfolgt sie damit einen bestimmten Zweck. Persönlichkeiten aus dem Umfeld von Präsident Trump, darunter Kongressabgeordnete und Mitglieder der Regierung, haben sich in diesem Sinne geäußert.

Und abgesehen von den Äußerungen: Glaubst Du, dass es während des diesjährigen Wahlkampfs sowie der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Kolumbien zu einer direkteren Einmischung der US-Regierung kommen könnte?

Wir werden sehen. Es besteht eine reale Gefahr. Es gibt Präzedenzfälle.

Löst das Telefongespräch zwischen Petro und Trump vom 8. Januar die Situation oder bedeutet es nur eine Pause?

Es ist zu begrüßen, wenn das Ziel darin besteht, die Feindseligkeit zu verringern. Aber zweifellos lässt sich die Situation nicht einfach mit Telefonaten lösen. Es gibt offensichtliche Fakten: Vor der Küste Kolumbiens liegt ein riesiger Flugzeugträger, eine in der Vergangenheit nie dagewesene militärische Präsenz, und der Präsident steht auf einer Liste von Drogenhändlern. Die Telefonate sind zwar zu begrüßen, aber diese Fakten bleiben bestehen.

Im Jahr 2025 führte Trump feindselige Aktionen gegen mehrere lateinamerikanische Länder durch. Es gelang jedoch keiner regionalen Organisation – wie der Celac oder der Unasur –, sich auf eine gemeinsame Position zu einigen. Könnte nach dem Angriff auf Venezuela eine größere Einheit in der Region erreicht werden, selbst mit konservativen Regierungen?

Mehr als ein einzelnes Ereignis muss man den politischen und historischen Moment verstehen, in dem wir uns befinden, sowie die klare Ausrichtung, die die US-Regierung eingeschlagen hat. Ohne den Überblick verfällt man in reaktives oder adaptives Verhalten. Die Ereignisse folgen Schlag auf Schlag, und es werden chaotische Erklärungen abgegeben. Jeder Schlag ist härter als der vorherige, aber es wird reagiert, als ob es noch möglich wäre, diese Tendenz umzukehren.

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Wir müssen mit einer strategischen Sichtweise handeln, die über einzelne Ereignisse hinausgeht. Wir müssen eine strategische Position definieren. Wir sind ein souveräner Kontinent. Wir sind unabhängige Länder. Unsere seit langem bestehenden Vereinigungsprozesse müssen gestärkt werden. Wir sind eine Zone des Friedens. Und wir akzeptieren keine Einmischung von außen. So müssen sich Regierungen und Völker ausrichten.

Die Linke wurde bei den jüngsten Wahlen in Chile, Honduras, Argentinien und Bolivien geschlagen, in mehreren Fällen durch die Ultrarechten. Wie erklärst Du dir den raschen Aufstieg der extremen Rechten in Lateinamerika in den letzten Jahren?

Jeder Fall müsste einzeln analysiert werden. Ich glaube nicht, dass man allgemeine Erklärungen geben kann, ohne die spezifischen Bedingungen zu berücksichtigen. Der Einfluss der Regierung Trump ist jedoch erheblich. Miami und Florida entwickelten sich zu einer Drehscheibe der internationalen Politik, von dem aus die Bemühungen der hemisphärischen Ultrarechten koordiniert wurden. Dahinter stehen mächtige Wirtschaftskonzerne, die zu allen möglichen Methoden greifen. Im Gegensatz zur Politik der Linken sind schmutzige Methoden in der Politik der Ultrarechten an der Tagesordnung. Diese strategische Offensive auf dem Kontinent spielt eine Schlüsselrolle. In einigen Ländern gibt es auch eine Stärkung der Linken und in allen Ländern soziale Mobilisierungen.

Wie hat die kolumbianische Rechte auf Trumps Drohungen reagiert?

Die Ultrarechte steht auf der Seite Trumps und der reaktionärsten Kreise der USA – angefangen bei ihrem wichtigsten Vertreter Álvaro Uribe. Jeden Tag treten sie in den Medien auf, um für eine Intervention der USA in Kolumbien zu werben.

Könnte euch diese Haltung bei den Wahlen nicht schaden?

Zweifellos. Es kann eine gewisse Unterstützung aus bestimmten Kreisen, denen es an Würde mangelt, für diese Positionierung geben, aber es besteht im Lande ein Gefühl von Souveranität und Respekt für unsere Nation. Das hat, glaube ich, Wirkung auf die Wahlen.

Die Linke kam vor vier Jahren in Kolumbien mit einem ambitionierten Programm sozialer Reformen erstmals an die Macht. Wie fällt deine Bilanz der Regierung von Gustavo Petro aus?

Es ist die erste Regierung, die soziale Veränderungen herbeigeführt hat, auch wenn nicht alle angestrebten Ziele erreicht wurden und dies nicht ohne Fehler, Leerstellen und Irrtümer geschah (zum Beispiel musste sie die Korruption erleiden, ein gravierendes Problem, das beseitigt werden muss und für das Bedingungen geschaffen werden müssen, damit es sich unter einer linken Regierung nicht wiederholt). Es gibt klare soziale Errungenschaften, die durch statistische Daten, internationale Organisationen sowie durch den Aufbau einer äußerst breiten sozialen Unterstützungsbasis belegt sind.

Es war die erste Regierung, die eine ernsthafte Agrarreform voranbrachte, indem sie eine beispiellose Menge Land verteilte und Eigentumstitel für bäuerliche, afrostämmige und indigene Gemeinschaften formalisierte. Sie leitete territoriale Veränderungen ein, holte mehr als zwei Millionen Menschen aus der Armut, erhöhte den Mindestlohn deutlich und setzte Arbeits- und Rentenreformen durch. Es ist die erste Regierung, die eine Steuerreform auf der Grundlage des Prinzips der Progressivität verwirklichte: Wer mehr hat, muss mehr zahlen. Es gibt eine lange Liste sozialer Errungenschaften, die sich im gesellschaftlichen Rückhalt für die Regierung und meine Kandidatur widerspiegeln.

Welche sind die wichtigsten noch offenen Aufgaben der kolumbianischen Linken?

Wir müssen uns auf konkrete soziale Reformen konzentrieren und diese vertiefen, damit sie unumkehrbar werden. Um viele Kolumbianer aus der Armut zu holen, ist es notwendig, die soziale Ungleichheit mit tiefgreifenden Veränderungsmaßnahmen und Reformen der Sozialprogramme anzugehen. Dem werde ich mich widmen. Der beste Weg, das zu erreichen, ist die Priorisierung und Stärkung einer relativ kleinen Anzahl von Initiativen.

Petro hat sich zum Ziel gesetzt, den "totalen Frieden" zu erreichen, doch der interne Konflikt in Kolumbien dauert weiterhin an. Wenn Du zum Präsidenten gewählt würdest, was würdest Du tun, um das Land zu befrieden?

Wir müssen uns den Problemen in den vom Konflikt betroffenen Gebieten widmen. Ohne grundlegende soziale Veränderungen in diesen Gebieten, wie den Zugang zu Wasser, Strom und Kommunikationswegen, ist es sehr schwierig, dass die bäuerliche Ökonomie und die Landwirtschaft floriert. Ohne diese Veränderungen bleibt die gesamte Region anfällig für die wirtschaftliche Kontrolle durch die Ausbeutung von Bodenschätzen, den illegalen Goldabbau und den Drogenhandel. Unter diesen Bedingungen, in denen die Wirtschaft mit blutigen Prozessen der Ausbeutung von Ressourcen und Menschen verbunden ist, findet der Konflikt einen viel günstigeren Nährboden, um sich weiter zu verschärfen.

Ohne diese Veränderungen bleibt die gesamte Region anfällig für die wirtschaftliche Kontrolle durch die Ausbeutung von Bodenschätzen, den illegalen Goldabbau und den Drogenhandel. Unter diesen Bedingungen, in denen die Wirtschaft mit blutigen Prozessen der Ausbeutung von Ressourcen und Menschen verbunden ist, findet der Konflikt einen viel günstigeren Nährboden, um sich weiter zu verschärfen.

Gustavo Petro gewann die Wahlen 2022 nach einer starken antineoliberalen sozialen Bewegung. Welche Rolle spielten die sozialen Bewegungen in der Regierung Petro und welche Rolle werden sie im Wahlkampf der Linken spielen?

Aus meiner Sicht kommt ihnen eine zentrale, führende und unverzichtbare Rolle zu. Es kann keine neue progressive Regierung geben, die nicht eng und organisch mit den sozialen Bewegungen verbunden ist. Sie sind diejenigen, mit denen regiert werden muss.

Wie macht man das in der Praxis?

Man muss sorgfältig und aufmerksam vorgehen und diesem Thema den Vorrang als etwas Wesentliches einräumen. Es bedarf einer ständigen Präsenz, eines kontinuierlichen Dialogs sowie der Bereitschaft, zuzuhören und sich [mit den sozialen Bewegungen] auszutauschen. Es handelt sich dabei nicht um einen Dialog ohne Widersprüche oder Meinungsverschiedenheiten, aber er muss unter Berücksichtigung dessen geführt werden, was sie [die Mitglieder der sozialen Bewegungen] denken, wie sie gekämpft haben und wie sie ihre Programme und Bestrebungen aufrechterhalten haben.

Von ewigem Raunen im Silicon Valley

Samstag, 24. Januar 2026

(zas, 24.1.26) Am 7. Januar ermordete ein ICE-Agent kaltblütig die 37-jährige Renee Good in  Minneapolis. Der fascho-katholische Vizepräsident JD Vance lobte den Killer. 6 führende FunktionärInnen des Minneapolis-Büros der Generalstaatsanwaltschaft traten zurück, da sie sie sich nicht für eine Untersuchung allfälliger Linksverbindungen von Renee Good und ihrer Partnerin Becca Good statt des Mordes hergeben wollten. Gestern wurde der Rücktritt der Supervisorin des FBI-Büros in Minneapolis, Tracee Mergen, bekannt, der ihre Vorgesetzten eine Untersuchung des Mörders, nicht der Ermordeten, verboten.

Heute nun veröffentlicht die New York Times, dass an sich geschützte Daten einer zehnjährigen National Institute of Health-Studie über die Gehirnentwicklung von über 20'000 Kindern in die Hände von rassistischen «Forschern» gefallen war. Sie versuchten damit in einer Reihe von Papieren, ihre von der Fachwelt als unwissenschaftlich zurückgewiesene These zu untermauern, dass schwarze Kinder weniger intelligent als alle anderen und besonders als weisse seien.

Einige dieser Papiere von «Randforschern», wie die NYT schreibt, von KI-Bots wie ChatGPT oder Grok in Antworten auf Fragen nach Rasse und Intelligenz zitiert werden. (Was nebenbei ein Licht auf die Intelligenz der KI und wohl auch von Fragenden wirft.)

Vorwärts in die Cybermoderne des Silicon Valleys. Sie existierte schon vor 100 Jahren in der zivilisierten Welt von Deutschland, Schweiz, USA etc. etc.

USA: Galopp in Richtung Faschismus

Freitag, 16. Januar 2026

 

(zas, 15.1.26) Gestern wurde in Minnesota ein Bundesbeamter von einem illegal eingewanderten Venezolaner, den er kontrollieren wollte, und zwei Dazustossenden so massiv bedroht, dass ihm nur noch blieb, dem Venezolaner ins Bein zu schiessen. Sowohl Opfer wie Schütze seien hospitalisiert. So die Version des DHS (Department of Homeland Security). Anschliessend trafen laut New York Times etwa 200 Leute am Ort der Schussabgabe ein. Sie verlangten die Verhaftung des Täters. Videos zeigen, wie bewaffnete Bullen DemonstantInnen angreifen.


 

Auf Trumps Geheiss machten 2000 ICE-Agenten Terror in den Unterklassenzonen von Minnesota. Am 7. Januar erschoss dort ein ICE-Bulle die 37-jährige Renée Good, die eine ICE-Operation gegen MigrantInnen observierte. Offiziell zur Selbstverteidigung, real und dokumentiert war es Mord. Vizepräsident JD Vance erklärte, die Nation sei dem Täter, der eine «absolute Immunität» geniesse, zum Dank für seinen Einsatz verpflichtet. Trump log erst, Renée Good habe den Mann überfahren wollen, und nannte später eine andere Todesursache: «Die Frau und ihre Freundin waren sehr respektlos gegenüber den Gesetzeskräften.»

Dass die Behörden von Minnesota (dem. Partei) eine eigene Untersuchung des Mordes durchführen wollten, sorgte für Ärger im Weissen Haus. DHS-Chefin Kristi Noem kündigte am 11. Januar die Entsendung eines weiteren DHS-Kontingents nach Minnesota. Trump prophezeite: «Fürchte dich nicht, grosses Volk von Minnesota, der Tag der Abrechnung und der Vergeltung kommt».

Andere sehen das prosaischer. Elliot Payne, Chef des Stadtparlaments, der selber von ICE-Typen rumgestossen wurde, als er eine ihrer Untaten beobachtete, sagte, oft bedrohe ICE die Leute mit ihren Waffen und erklärte: «Dies ist eine militärische Besetzung und sie fühlt sich an wie eine militärische Besetzung.»

ICE zählt heute doppelt so viel Personal wie zuvor. Vor allem dank Leuten aus der rechtsextremen Szene. In The Intercept wird das so geschildert:

«Zwei Tage, nachdem ICE-Agent Jonathan Ross Renée Good in einer kontroversen Operation in Minnesota erschossen hatte, platzierte DHS auf seinem offiziellen Instagram-Account die Rekrutierungsbotschaft ‘We’ll Have Our Home Again’, der ein gleichnamiger Song der Gruppe Pine Tree Riots angehängt ist. Der in neonazistischen Kreisen populäre Song enthält Zeilen über die Rückeroberung ‘unserer Heimat’ mit ‘Blut oder Schweiss’ – eine Sprache, die häufig in Aufrufen weisser NationalistInnen zum Rassenkrieg verwendet wird.»


 

Ein weiterer Intercept-Artikel vom 14. Januar zitiert ICE-Agenten, die klar machen, dass Mord und Schussabgabe Teil einer Strategie sind:

«Bei vielen Konfrontationen in Region von Minneapolis sprachen Agenten wiederholt von Zivilpersonen, die ihre Lektion lernen – offenbar in Bezug auf den Einsatz tödlicher Gewalt durch Ross. In einem Video auf Reddit ist ein maskierter ICE-Agent zu hören, wie er einen Autofahrer anschreit: ’Geh nach Hause zu deinen Kids (…) Hör verdammt auf, uns zu folgen’. Phil Maddox, ein Anwohner, erzählte The Intercept, dass er das Video am Sonntagmorgen während einer kurzen Fahrt durch seine Nachbarschaft aufgenommen habe, um die Bundesbeamten in der Gegend im Auge zu behalten. Nachdem er kurz einem zivilen Auto gefolgt war, sagte er, ein anderes Auto habe ihn in eine Gasse gedrängt, und er sei von Agenten umzingelt gewesen, darunter mindestens einer, der seine Waffe gezogen hatte. Im weiteren Verlauf des Videos schwenkt Maddox die Kamera seines Handys und zeigt einen weiteren Agenten, der mit gezogener Pistole an der Beifahrertür steht. Der erste Agent stampft zurück zum Auto und fährt mit seiner Tirade fort, indem er Maddox sagt, dass ihm das Ergebnis nicht gefallen werde, wenn er den Agenten folge. ‘Hast du nichts aus dem gelernt, was gerade passiert ist?’, fragt der ICE-Agent.»

Im Video ist auch zu hören, wie der schreiende ICE-Agent noch anhängt: «Dies ist deine letzte Warnung».

In einem Video auf Tiktok (mittlerweile gelöscht), erfahren wir, wie ein Bundesagent zwei Leuten sagt: «’Ihr lernt verdammt noch mal nichts – was ist denn in den letzten Tagen passiert?“’ Zwei andere Beamte tasten unterdessen die Insassen eines Autos ab. Sekunden später nähert sich der Beamte einer Frau, die aus einem zweiten Fahrzeug filmt, und gibt ihr eine ähnliche Warnung. ‘Hör mal, habt ihr nichts aus den letzten Tagen gelernt?’».

Auch Stephen Miller, offiziell Vizestabschef im Weissen Haus, weiss auf DHS-Medien die Straffreiheit zu loben. An die Täter gerichtet: «Ihr habt Immunität bei Ausübung eurer Pflichten, und niemand, ob Stadt-Official, State-Official, illegaler Einwanderer, linker Agitator oder einheimischer Terrorist kann euch davon abhalten, euren gesetzlichen Verpflichtungen nachzukommen.»

Trump droht jetzt mit dem Aufstandsgesetz, also der Entsendung der Armee, sollte nicht «Ruhe» einkehren. Dank einem Artikel in commondreams.org können wir von einem Minnesota-Anwohner lernen, der sagt: «Das ist verrückt! Was zum Teufel ist hier los, Mann, das ist doch Wahnsinn... Was mich wirklich anpisst, ist, dass sie Leute festnehmen, ihnen Handschellen anlegen und sie dann auch noch zusammenschlagen! Sie sagen, es seien Eingewanderte - nur Eingewanderte? Es sind verdammt noch mal alle! Ich habe Freunde, die festgenommen wurden, und die sind nur von der Arbeit nach Hause gefahren!“

Melanie D’Arrigo, Leiterin der Campaign for New York Health, erklärt: “Das Aufstandsgesetz war schon immer der Plan, und Minneapolis ist der Testfall. Sie schickten die ICE, um schwarze und braune Gemeinschaften zu terrorisieren und anzugreifen, um eine Reaktion zu provozieren, die den Einsatz des Militärs im Inland in blauen Städten rechtfertigen würde. Hier ging es nie um Einwanderung.»

 

Solidarität mit Aleppo, ZH 8.1.26

Mittwoch, 7. Januar 2026

 


 

Venezuela/USA: Underdog gegen Herrenmenschen

 

(zas, 7.1.26) Gestern zitierte die New York Times Aussagen von Stephen Miller in einem Interview mit Jake Tapper von der CNN so: «Wir leben in einer Welt, in der wir beliebig über internationale Nettigkeiten und all das reden können; aber wir leben in einer Welt, in der realen Welt. Jake, die von Stärke regiert wird, die von Kraft regiert wird, die von Macht regiert wird (…) Das sind die eisernen Gesetze seit Beginn der Zeit.»

 Miller ist Trumps Homeland Security-Berater. Er ist ein glühender Rassist und Rechtsradikaler und vermutlich einer der Leute im Trumpismus, die eifrig die Nazi-Machtergreifung studiert haben.

Er steht nicht allein.

Die Redaktion des, wie sein Name sagt, stockreaktionären Wall Street Journal hat das vorgestern in einem Editorial formuliert, dass «das Recht unter den Nationen regiert», sei eine Illusion. Am ehesten tat es das nach dem Ende «des Kalten Kriegs, als die USA global dominierten und eine Koalition für die Durchsetzung internationaler Normen im ersten Golfkrieg und im Balkan zusammentrommelte».

Kapiert? Regelbasierte Ordnung für den Krieg. Jetzt entfesselt, ohne bremsende Schminke von Menschen – oder Völkerecht (und so).

Miller spannte laut US-Medien in Sachen Venezuela eng mit Kriegstreiber Marco Rubio zusammen. Noch liegen viele Elemente der letzten Ereignisse in Venezuela im Dunkeln. Die Entführung von Nicolas Maduro und Cilia Flores, die ungestrafte Bombardierung von Teilen der Hauptstadt eines unvergleichlich schwächeren Landes, die Drohungen gegen die amtierende Präsidentin Venezuelas oder den Kolumbianer Petro etc. machen aber klar: Für Washington ist die Machtfrage zentral.

Medien wie der NZZ fallen Anpassungen an das neue Kommando leicht. Doch auch jene Mainstreammedien, die sich etwas schwer tun mit Trump, spielen mit. Denn der Trumpismus verkörpert sozusagen im Reinformat, was die (nicht nur) westliche Politik seit langem ausmacht. Bei Venezuela: die Mär vom «brutalen Diktator», «das reiche Land, von Maduros Misswirtschaft ins Elend gestossen» etc. «Chavistische Misswirtschaft» - der Begriff verdeckt als Joker die imperialistische Verelendung per Sanktionen. Die werden höchst selten als nebensächlicher Begleitfaktor der Misswirtschaft erwähnt. Nur als Beispiel für ihre mörderische Ausrichtung: Während der Covid-Epidemie war die Auszahlung von IWF- und anderen Fonds an Venezuela für Medikamente und Nahrungsmittel verboten. Das erwähnte der Mainstream gelegentlich en passant … tough, aber warum hat der Diktator kein Erbarmen mit seinem Volk? Mittäterschaft. Ah – da gibt es die Millionen, die vor Not und Diktatur aus Venezuela flüchteten. Warum flüchteten sie erst unter dem extremistischen US-Sanktionsregime? Und fallen fast alle anderen Flüchtlinge in der Sprache von EU/Schweiz nicht unter die Flüchtlingskonvention?

Letzten Montag wurden Nicolas Maduro und Cilia Flores dem Richter in New York zwecks Anhörung der Anklage vorgeführt. Tags darauf berichtete die New York Times über ein Detail in der Anklage: Das im globalen Drogendeal doch so enorm wichtige Cártel de los Soles (Sonnenkartell) war stillschweigend aus der Anklageschrift verschwunden, die 2020 unter Trump verfasst worden war. Besagtes Kartell übte, da ja von Maduro geleitet, eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Mainstreammedien aus, obwohl sie alle wissen mussten, dass es nicht existiert. Dem Weissen Haus war klar, dass der aktuell für den Fall «zuständige» Richter (den es mit einem Gericht in Florida ersetzen will), diesen Propagandazauber als solchen disqualifizieren würde. Blöd etwa für die Lateinamerika-Strategen in der NZZ, die wie andere investigative TitanInnen eben noch diese heilige Schrift zwecks Rechtfertigung des Regime Change gebraucht hatte.

Natürlich wissen alle, auch in der NZZ, trotz ihrer «Aufrechten», die das Gegenteil verbreiten, dass es Trump nicht um die Bekämpfung des Drogenmassakers geht. Zu offensichtlich die Spuren von Regime Change und Öl. Nur schon Trumps Begnadigung von Juan Orlando Hernández, dem früheren Präsidenten von Honduras und Capo des dortigen Kartells, der ja bloss die Lieferung von 400 Tonnen Kokain in die USA abgesichert hatte, die Begnadigung von Ross Ulbricht kurz nach Trumps Amtsantritt, der im Darknet innovativ eine Kryptobörse für den millionenschweren Handel mit Fentanyl und Kokain gegründet hatte, sollten ja weitergehende Fragen auslösen. Tun sie aber kaum je. Lieber wird Propaganda wiedergekäut, im Fall Venezuelas also das Ding mit der Diktatur, mit der Misswirtschaft etc.

Wichtiger als Drogen sind Öl, Ausschaltung geopolitischer Konkurrenz und – vor allem - Bestrafung der Ahnung, dass eine andere Welt möglich ist. Stattdessen haben wir ein kindisches Fanen für die Machtausübung vom 3. Januar. Mithecheln. Was und wie genau da geschehen ist, wissen wir noch nicht. Es gibt viele offene Fragen, die von den medialen Berichten vor allem zugeschüttet werden.

 

Im Westen nichts Neues

Alessandro Volpi, Ökonom und Historiker an der Universität von Pisa, hat eine These für die Machtdemonstration des Weissen Hauses, die über den simplen Fakt, dass die USA das venezolanische Öl besitzen wollen, hinausgeht. Er stellt folgenden Zusammenhang her: Ein US-Zugriff auf  die weltweit bisher grössten Ölvorkommen Venezuelas plus andere Vermögenswerte des Landes könnte eine Summe von bis zu $ 16 Billionen betreffen, rund die Hälfte der US-Verschuldung. Zusammen mit den Trumpschen Zöllen würde das die US-Verschuldung wieder managebar machen, was wiederum den Dollar als globale Reservewährung und Instrument der globalen Dominanz revitalisieren würde. Dieses Interpretationsmuster lässt sich natürlich über die Angriffe auf Venezuela hinaus auf Lateinamerika generell und andere Teile der Welt (auch Grönland?) anwenden. Also Macht, Zwang und Krieg als Mittel der Weltherrschaft, wie das schon die Nazis offen sagten. Das wäre die Antwort eines taumelnden Imperiums, um seinen Fall zu verhindern. Machtrunkenheit als Flucht vor dem «Untergang».

 


Die Ahnung von einem anderen Leben

Die aktuelle Machtrunkenheit der Widerlichen übersieht, dass es in Venezuela noch etwa anderes als ihre eigene Grösse gibt. Klar, vom Glanz der Chávez-Jahre ist einiges weg. Korruption, Businesslogik auch in chavistischen Segmenten, npermanente Angriffe, die Träume verhärte und so ein Stück weit abschaffen, all das ist real. Epurr si muove – die Erde bewegt sich doch. Die Stärke, die Kraft, die Leidenschaft, die Unbedingtheit, die wir in Videos von grossen Demos dieser Tage in Caracas erkennen und von der Gewährsleute im Land berichten, ist tief beeindruckend. Wir wissen nicht, wie wohl die Meisten in Venezuela, wie heute die politischen Mehrheitsverhältnisse in der Bevölkerung sind. Wir können auch nur andeutungsweise die Fragen erahnen, die sich heute aufdrängen. Wie weiter? Wie den Krieg der Übermacht sabotieren? Widerstand bis zum Tod von Vielen? Oder mit Nachgeben die Bevölkerung dem Monster opfern?

Wir sehen dankend den Mut vieler Menschen in Venezuela. Die Machtbesoffenen sind dafür blind. Wir wissen, dass nicht aller Tage Abend ist. Auch wenn uns die Ereignisse in Venezuela bestürzen, auch wenn wir wissen, wie bedroht jetzt Kuba, weitere Bevölkerungen und generell alle von der «Weltherrschaft» abweichenden Kräfte sind. Die Ahnung von einem anderen Leben ist nicht tot.