Brasilien: "Die Einheit herstellen, um Bolsonaro zu besiegen"

Dienstag, 16. August 2022

 

Interview mit Guilherme Boulos, einem der Koordinatoren der Wohnungslosenbewegung und Mitglied der PSOL
"Gemeinsam für Brasilien": Veranstaltung mit Lula da Silva in Teresina im Bundesstaat Piauí
"Gemeinsam für Brasilien": Veranstaltung mit Lula da Silva in Teresina im Bundesstaat Piauí

Wie sehen Sie die Perspektiven für die Wahlen und wohin könnten die ständigen Putschdrohungen Bolsonaros führen?

Ich bin überzeugt, dass wir gewinnen werden, sei es in der ersten oder in der zweiten Runde, weil die Ablehnung von Bolsonaro enorm ist und Lula die Hoffnung von Millionen von Brasilianerinnen und Brasilianern repräsentiert, diesen Albtraum zu beenden.

Aber Bolsonaro ist verzweifelt, weil er weiß, dass es nicht nur darum geht, die Wahlen zu verlieren: Es besteht das Risiko, dass er ins Gefängnis kommt, dass er für seine Verbrechen bezahlen muss. Deshalb spielt er alle seine Karten aus, um den Wahlprozess zu sabotieren, schürt Gewalt, redet von Wahlbetrug und droht mit einem Putsch. Über die Abstimmung hinaus wird eine große demokratische Mobilisierung nötig sein. Die politische Gewalt wird eskalieren: Der Bolsonarismus ist immer noch stark, er ist eine wütende Minderheit. Sie werden versuchen, eine Situation der Angst und des sozialen Chaos zu schaffen, weil sie wissen, dass sie sehr wahrscheinlich besiegt werden. Wir müssen uns also mobilisieren, eine Massendemonstrationen auf der Straße für die Demokratie und zur Verteidigung des Wahlprozesses machen und mit großem Vorsprung gewinnen, um den Bolsonarismus zu neutralisieren und seinen Putschismus in die Schranken zu weisen.

Welche Sektoren würden ihn unterstützen, falls er die Ergebnisse nicht anerkennt und ein Abenteuer in der Art von [Donald] Trump startet?

Bolsonaro kann vor allem die Milizen mobilisieren, diese bewaffneten Gruppen, die mit der Staatspolizei verbunden sind und die auch Marielle Franco1 ermordet haben. Aber die Justiz, ein wichtiger Teil der Legislative, und ich glaube, auch die Streitkräfte werden sich nicht auf ein solches Abenteuer mit dem Risiko, international isoliert zu werden, einlassen.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist, dass er keine Unterstützung von [US-Präsident Joe] Biden hätte.

Klar. In Lateinamerika hat es noch nie einen Staatsstreich ohne die Unterstützung der USA gegeben. Biden und die Demokraten werden in zwei Jahren gegen Trump antreten. Ich glaube nicht, dass sie ein Interesse daran haben, einen Mann wie Bolsonaro, der offen mit Trump verbündet ist, in einer Putschaktion zu stärken.

Und was macht die traditionelle Rechte, der es nicht gelungen ist, einen eigenen Kandidaten aufzustellen?

Sie haben versucht, einen dritten Weg zu ermöglichen, mit João Doria, mit Sergio Moro und jetzt mit Simone Tebet, aber es ist ihnen nicht gelungen. Sie sind gespalten, ein Teil sieht Lula nicht ganz negativ, ein anderer ist auf der Seite Bolsonaros. Aber sie werden in diesem Prozess keine wesentliche Rolle spielen und sich auch nicht auf ein Putsch-Abenteuer einlassen.

Wenn Lula gewinnt, wird er in einem ganz anderen Kontext ankommen als bei seinem Amtsantritt 2003, mit den Folgen des Bolsonarismus und einer kritischen globalen Wirtschaftslage. Was werden die größten Herausforderungen sein, die dringendsten zu lösenden Probleme?

Eine Regierung Lula wäre vor allem eine Regierung des Wiederaufbaus des Landes. Brasilien ist zerstört, mit dem schlechtesten Investitionsniveau der letzten 50 Jahre, in einer verheerenden Situation nach der Pandemie, nach vier Jahren Bolsonaro, nach acht Jahren einer perversen neoliberalen Agenda. Zuerst müssen also einige ultraliberale Maßnahmen von [Michel] Temer und Bolsonaro zurückgenommen werden, wie die Arbeitsreform oder die Obergrenze für Sozialausgaben. Auch müssen ein Notfallplan für öffentliche Arbeiten zur Schaffung von Arbeitsplätzen, ein großes Wohnungsbauprogramm und ein Krisenplan zur Bekämpfung des Hungers auf den Weg gebracht werden. Brasilien ist der drittgrößte Lebensmittelexporteur der Welt und wir haben 33 Millionen Menschen, die hungern.

Welche Rolle würde die PSOL innerhalb der Regierung spielen und Sie im Besonderen mit der herausragenden Stellung, die Sie sicherlich im Kongress haben werden?

Es wird enormen Druck von der Rechten, dem Finanzmarkt und der Agrarindustrie auf eine mögliche Regierung Lula geben, um ihre Agenda aufrechtzuerhalten. Unsere Aufgabe wird es sein, den Gegendruck für eine Änderung der Agenda auszuüben. Eine Position, die nach links drängt, von unten, von den sozialen Bewegungen aus, und die populare Agenda für den Wandel in den Mittelpunkt stellt, im Kongress und auf den Straßen.

Was ist, wenn Lula nicht in der Lage ist oder es nicht wagt, diese Sektoren zu konfrontieren?

Ich denke, dass Lula, nachdem er acht Jahre regiert hat und bei einer Zustimmungsrate von über 80 Prozent, und nach allem, was er durchgemacht hat ‒ den Staatsstreich, die illegale Haft ‒ sein Bestes geben wird, um nicht zu enttäuschen und die Erwartungen zu erfüllen. Aber das alles hängt nicht nur von Lula ab, es hängt von unserer Fähigkeit zur Organisierung und Mobilisierung ab. Wir werden uns den Teilen der politischen Rechten und des großen Finanzkapitals entgegenstellen, die versuchen werden, das Regierungsprogramm zu durchkreuzen. Das wird 2023 die Auseinandersetzung sein.

Sehen Sie Lula also eher als kühn denn als moderat?

Er hat mir gesagt: Es macht nur Sinn, wieder Präsident zu werden, wenn es darum geht, mehr zu tun. Er hätte seine politische Karriere beenden können als der beste Präsident, den das Land hatte, der dann zu Unrecht inhaftiert und von allen Anklagen freigesprochen worden ist. Wenn er jetzt mit 76 Jahren noch einmal kandidiert, glaube ich nicht, dass er das tut, um eine mittelmäßige Regierung zu bilden.

Wie sehen Sie das lateinamerikanische Szenario und diese zweite progressive Welle? Glauben Sie, dass Lula, sobald es ihm gelingt, die Brände zu löschen und die dringendsten lokalen Probleme zu lösen, in der Lage sein wird, die Führungsrolle einzunehmen, die es derzeit in der Region nicht gibt?

Die regionale neoliberale Rechte erleidet eine Niederlage nach der anderen, der Zyklus der Rechten schließt sich, aber es ist noch sehr früh, um eine Diagnose für diese zweite progressive Welle zu stellen. Die Regierung Petro hat gerade erst begonnen, die chilenische ist erst ein paar Monate alt, Bolivien ist nach einem Staatsstreich zurückgekehrt, in Peru gibt es viel Instabilität... Wenn Lula gewinnt, glaube ich, dass wir in ein oder zwei Jahren ein regionales Panorama haben werden, das es uns erlaubt zu sagen, ob diese zweite Welle gemäßigter ist oder ob sie weiter vorankommen kann als die erste. Ich glaube, dass Lula diese Führungsrolle übernehmen kann, aufgrund der Rolle Brasiliens, der Größe seiner Wirtschaft, seiner strategischen Lage auf dem Kontinent und auch aufgrund der Stärke, die Lula hat, mit den verschiedenen Ländern zu sprechen. Aber ich denke, dass dies nicht sofort geschehen wird. Wie Sie sagen, muss er erst einmal "das Haus in Ordnung bringen", und dann können wir, glaube ich, einen stärkeren Integrationsprozess in Angriff nehmen.

In großen Teilen der Volksbewegungen in Lateinamerika finden Debatten über das Vorstoßen in die Institutionen statt, mit unterschiedlichen Ergebnissen und Gewichtungen. Wie sehen Sie das und wie konnte in Brasilien Einigkeit über die Kandidatur Lulas erzielt werden?

Einheit kann durch Liebe oder durch Schmerz erreicht werden, und hier tun wir es durch den Schmerz, als eine Frage des Überlebens: Bolsonaro zu besiegen ist fast eine Frage von Leben und Tod; er repräsentiert nicht nur eine neoliberale Rechte, sondern auch eine autoritäre, faschistische Ultrarechte. Es ist also eine Frage der historischen Verantwortung, die Einheit herzustellen, um Bolsonaro zu besiegen. Ich glaube, dass einer der Hauptfehler des ersten lateinamerikanischen progressiven Zyklus darin bestand, den sozialen Bewegungen nicht die Rolle der Protagonisten einzuräumen, und dass die Bewegungen ruhig, angepasst blieben. Sie sollten keine Druckmittel sein, sie können ein anderes Regierungsmodell möglich machen. Die Macht der Straße zu haben ist ein wichtiges Instrument, um die Agenda voranzubringen und das Kräfteverhältnis zu verändern.

Welche weiteren Lektionen, die in dieser Phase zu berücksichtigen sind, hinterließ der erste progressive Zyklus ?

Ich denke, dass die Frage der Staatsführung und der Ausweitung der popularen Partizipation eine grundlegende Lektion ist. Einige strukturelle Fragen, wie das brutale Monopol bei den Kommunikationsmedien oder die Änderung der Steuerlogik, sodass die Reichen mehr zahlen. Und die Vorstellung umkehren, dass wir, wenn es keine Mehrheit im Kongress gibt, die Kräfteverhältnisse akzeptieren müssen, ohne dafür zu kämpfen, sie zu ändern. Einige der Begrenzungen im ersten Zyklus, was den Kampf gegen die Ungleichheit und die Privilegien angeht, rühren daher, dass nicht auf einen Prozess der stärkeren Mobilisierung gesetzt wurde, um diese Veränderungen zu ermöglichen.

Guilherme Boulos ist derzeit Koordinator von Lula da Silvas Wahlkampagne in São Paulo und erster Kandidat der PSOL für das Abgeordnetenamt in diesem Bundesstaat. Das Interview führte Gerardo Szalkowicz, Herausgeber unseres Partnerportals Noticias de América Latina y el Caribe (Nodal)

  • 1. Die Schwarze PSOL-Stadträtin Marielle Franco wurde im März 2018 zusammen mit ihrem Fahrer Anderson Gomes in ihrem Auto im Zentrum von Rio de Janeiro erschossen. Unter anderem hatte sie stets die Verbrechen der Milizen in Rio de Janeiro angeprangert

Infomanagement für den Krieg, gegen die Hungernden

Mittwoch, 27. Juli 2022

 

(27.7.22) Also, das war so: «Russischer Weizen unterliegt keinen Sanktionen, er könnte eigentlich frei gehandelt werden. Westliche Firmen wie Banken, Versicherer und manche Händler üben allerdings Zurückhaltung. Geld mit russischem Weizen zu machen, kann das Image einer Firma beschädigen» (NZZ, 18.7.22: Exportieren oder untergehen). Zudem drohe die Gefahr, unwissentlich von Russland in der Ukraine gestohlenen Weizen zu verhökern, da gäbe es dann Sanktionen. Die «Zurückhaltung» deutscht Renate Dillmann in der Jungen Welt mit einem Zitat eines russischen Diplomaten so aus: «Wir sprechen über ein Verbot der Einfahrt ausländischer Schiffe in russische Häfen, die Einfahrt und Wartung russischer Schiffe in ausländischen Häfen, eine Rückkehr zur Schifffahrtsversicherung, kostenlose Banküberweisungen.» Auch wenn russischen Äusserungen zum Ukrainemassaker das gleiche Vertrauen wie Aussagen westlichen Personals entgegengebracht werden kann, klang das angesichts des üblichen westlichen Lügendrehs bei den Sanktionen (s. Das Biest ist los) plausibel:  Russisches Getreide ist nicht sanktioniert, nur das, was mit seinem Handel zu tun hat.

Und so klingt das jetzt: «Der EU-Ministerrat hat in einem Erlass Ende letzter Woche erstmals schriftlich und explizit festgehalten, wonach landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel von den gegen Russland beschlossenen Sanktionen ausgenommen sind. Damit räumte Brüssel eine Unsicherheit aus dem Weg, die den Handel mit russischem Getreide seit fünf Monaten weitgehend zum Erliegen gebracht hatte. Zwar galt es von Anfang an als Konsens, dass Agrarrohstoffe von den Sanktionen gegen Russland ausgenommen seien. Trotzdem wollte kein Rohstoffhändler und kein in den Handel involviertes Finanzinstitut das Risiko eingehen, mit Getreide aus Russland zu handeln. Zu gross schien die Gefahr, aufgrund der vagen Formulierung in den entsprechenden Bestimmungen als Sanktionsbrecher gebrandmarkt und gebüsst zu werden (…) Noch vor der EU hatten die USA für Klarheit gesorgt: Vor zehn Tagen hielt das amerikanische Finanzdepartement in einem Merkblatt explizit fest, dass der internationale Handel mit russischen Agrarrohstoffen – und auch mit russischen Düngemitteln – erlaubt sei. Dasselbe gelte für Versicherungen, die den Transport und die Verschiffung der Ware finanziell absicherten» (NZZ, 27.7.22: Genfer Handel mit russischem Getreide).

Kurz: Es ging immer nur um einen putativen Reputationsschaden. Um diesem zu begegnen, haben Washington und Brüssel nach ein paar Monaten indignierten Ignorierens russischer Darstellungen jetzt die Sache geklärt. Aus der NZZ vom 25. Juli erfahren wir, dass sich die fünf im Genfer Raum domizilierten Nahrungsmitteldealer, die den globalen Markt der Agrarrohstoffe zu 80 Prozent beherrschen (ADM, Bunge, Luis Dreyfus, Cargill und Cofco), über ihren Schweizer Interessenverband (STSA) in Sachen «Klärung» «stark engagiert» hatten. Business first.

Haben EU-Chefin Ursula von der Leyen, haben die hegemonialen Medien also monatelang gelogen, wenn sie Moskau des zynischen Spiels mit dem Hunger auf der Welt bezichtigt haben? Nur auf ihre gewohnte Weise. So ist durchaus plausibel, dass die russische Armee in der Ukraine Getreide stiehlt. Das entspräche der von Putin Anfang Juni unter Verweis auf Peter den Grossen verkündeten Doktrin der «Heimführung» der Ukraine. So wie es umgekehrt der NATO-Politik in Kiew entspricht, von der wir in einem empörten Artikel zum russischen Agrardiebstahl in der Ukraine nebenbei Folgendes mitbekommen: Auf der Krim «liegt die Landwirtschaft (…) praktisch brach, da die Ukraine nach der Annexion durch Russland den wichtigen Kanal blockiert hat, der das Gebiet mit Wasser versorgte» (NZZ, 14.7.22: Wie Russland ukrainisches Getreide stiehlt…). Dieses «Detail» verdiente seine Erwähnung dem Umstand, dass es zu untermauen galt, dass Russland die Türkei vermutlich mit gestohlenem Getreide und nicht etwa mit auf der Krim produzierten beliefert habe.

Die aktuelle Hungersnot hat, das ist eigentlich bekannt, nicht mit Mangel an Esswaren, sondern mit ihrer von Monopol- und Spekulationsgewinnen gespiesenen enormen Verteuerung. Zu den Herren des Hungers gehören auch die oben erwähnten Genfer 5. Die Basis dafür ist die seit Jahrzehnten von westlichen Institutionen wie IWF oder Weltbank durchgesetzte Zurichtung grosser Teile der Welt auf die agrarpolitischen Interessen der dominanten Sektoren in den Metropolen.

Ein Wort noch zu NZZ, New York Times und ähnlichen Medien: Sie beherrschen die Kunst, bei ihrer Verbreitung von Dauerlügen auch eigentlich kritische Momente so einzustreuen, dass sie im Dauergebrüll praktisch untergehen. Wie jetzt die «Präzisierungen» zum Sanktionsregime oder das Beispiel mit der Wasserblockierung für die Landwirtschaft in der Krim. Ein enormes Verbrechen eigentlich. Notiert von denen, die fürs Geschäfte- und Politikmachen ein paar dienliche Hinweise verlangen. Für Viele weggespült mit der permanenten Kriegspropaganda.

Was stoppt diese Hungerpolitik? Mit Bestimmtheit nicht das Drehen an der Sanktionsschraube. Entscheidend sind Dynamiken wie in Sri Lanka und vielen anderen Ländern, auch in Lateinamerika (aktuell Ecuador, Argentinien, Panama). Nur eine globale Revolte des Basta ya kann die Hungernden schützen. Der Kampf geht weiter.

Parlament von Venezuela verabschiedet Gesetz über Sonderwirtschaftszonen

Montag, 4. Juli 2022

https://amerika21.de/2022/07/258912/venezuela-gesetz-sonderwirtschaftszonen

 


Anmerkung

Donnerstag, 23. Juni 2022

zum Interview «Das Getreide ist da, die Preisspekulation verursacht die Krise». Der Begriff der in der Sowjetunion «kollektivierten» und seit 2014 privatisierten Ländereien in der Ukraine: Angesichts des stalinistischen Hungermassakers an der ukrainischen Landbevölkerung ist der Terminus «kollektiviert» irreführend. Dieser Auszug aus dem aufwühlenden Roman «Alles fliesst» des sowjetischen Schriftstellers Wassili Grossmann macht das deutlich und sollte uns gleichzeitig vor idiotisierten Schwarz/Weiss-Malereien auch heute schützen.

Mordfall Berta Cáceres in Honduras: "Ein erster Schritt in Richtung Gerechtigkeit"

 https://amerika21.de/2022/06/258714/honduras-strafmass-mordfall-caceres

 

Keine Höchststrafe für Mittäter des Mordes an Cáceres. COPINH kritisiert Gericht und fordert Ermittlungen gegen Auftraggeber des Verbrechens
"Jacobo Atala - Mörder von Berta Caceres - Wann wird er verhaftet?"

Tegucigalpa. 22 Jahre und sechs Monate Gefängnis für den ehemaligen Geschäftsführer des honduranischen Energieunternehmens Desarrollos Energéticos SA (Desa), David Castillo, lautet der Urteilsspruch der ersten Strafkammer des Obersten Gerichtshofes in Tegucigalpa am Montag.

Castillo, Ingenieur und ehemaliges Mitglied des militärischen Geheimdienstes, wurde vor fast einem Jahr als Mittäter des Mordes im März 2016 an der bekannten Aktivistin für indigene Rechte, Berta Cáceres, verurteilt. Die Festlegung und Verkündung des Strafmaßes war jedoch immer wieder verzögert worden (amerika21 berichtete).

Victor Fernández, Anwalt der Nebenklage, würdigte das Urteil als "kleinen Sieg" und ersten Schritt auf einem langen Weg zur Gerechtigkeit. Das juristisch mögliche Strafmaß habe zwischen 20 und 25 Jahren betragen, das Gericht habe einen Mittelweg gewählt.

Castillo, der sich seit knapp viereinhalb Jahren in Haft befindet, muss zwei Drittel seiner Strafe verbüßen, er kann also in gut zehn Jahren freikommen.

Der von Berta Cáceres mitgegründete Zivile Rat der indigenen und Volksorganisationen von Honduras (COPINH) zeigte sich unzufrieden mit dem Urteil: Es erfülle die Erwartungen der indigenen Lenca-Gemeinden an ein gerechtes Urteil nicht, heißt es in einer ersten Pressemitteilung. Der Rat beklagt zudem, dass die Staatsanwaltschaft immer noch nicht gegen die Hinterleute des Verbrechens ermittelt und fordert vom Staat weiter umfassende Maßnahmen in Richtung Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Garantien dafür, dass sich ein derartiges Verbrechen nicht wiederholen könne.

Miriam Miranda, Koordinatorin der afroindigenen Garífuna-Organisation Ofraneh und langjährige Weggefährtin von Berta Cáceres, äußerte sich gegenüber amerika21 erbost und entsetzt über das Strafmaß.

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Copinh-Mitglieder am Montag vor dem Gerichtsgebäude
Copinh-Mitglieder am Montag vor dem Gerichtsgebäude

Bertha Zúniga, Tochter von Berta Cáceres und Nachfolgerin als Vorsitzende des COPINH, betonte bei einer Pressekonferenz am Montag, dass nach über sechs Jahren zähen Ringens mit der Justiz ein Etappenziel erreicht und die Möglichkeit für einen noch weit schweren Kampf eröffnet sei: die strafrechtliche Verfolgung der Auftraggeber des Mordes an Berta Cáceres wegen ihres Widerstandes gegen das Wasserkraftwerk Agua Zarca.

Der Prozess gegen David Castillo hatte zahlreiche Hinweise auf die mutmaßliche Verwicklung der Miteigentümer des Unternehmens Desa aus der einflussreichen Unternehmerfamilie Atala Zablah und von Desa-Finanzchef Daniel Atala Midence ergeben. Da das ausführliche schriftliche Urteil nicht verlesen, sondern den Prozessbeteiligten auf mitgebrachte USB-Sticks überspielt wurde, ist noch nicht klar, wie die Würdigung der Beweise und des Kontextes genau ausfällt. Die äußerst knappe Urteilsbegründung, die vorgetragen wurde, benennt zwei Chatgruppen, an denen Vorstandsmitglieder der Desa beteiligt waren, und in denen der Mordplan gegen Berta Cáceres mit Castillo besprochen wurde. Die Akten zu dem Fall bleiben weiter unter Verschluss, um weitere Ermittlungen möglich zu machen, so das Gericht.

Organisationen des Internationalen Forums für Menschenrechte in Honduras betonten, dass zu den notwendigen Garantien für die indigenen Lenca-Gemeinden in Honduras auch die Aufhebung der Konzession für das Wasserkraftwerk Agua Zarca gehöre. Deren illegales und von Betrug und Unterschlagung geprägtes Zustandekommen wird derzeit in einem parallelen Prozess gegen Castillo und weitere Angeklagte verhandelt (amerika21 berichtete)

COPINH versucht weiter, auch die an dem Projekt beteiligten Banken in die Verantwortung zu nehmen und demonstrierte am Montag nicht nur vor dem Gerichtsgebäude, sondern auch vor der Zentralamerikanischen Bank für Wirtschaftsintegration.

«Das Getreide ist da, die Preisspekulation verursacht die Krise»

Mittwoch, 22. Juni 2022

 

Ukrainekrise. Interview mit Frédéric Mousseau, französischer Wirtschaftswissenschaftler und politischer Direktor des Oakland-Instituts: "Es gibt keine drohende Verknappung, sondern heftige Spekulationen auf den Terminmärkten, die auf Preissteigerungen und künftige Hungersnöte wetten, um die Gewinne zu maximieren".

Luca Celada*

Frédéric Mousseau koordiniert für das Oakland-Institut, eine fortschrittliche Wirtschaftsbeobachtungsstelle Forschungsarbeiten zu Land, Landwirtschaft und Ernährungssicherheit. Schon zuvor Berater von NGOs wie Ärzte ohne Grenzen und Oxfam, befasst er sich insbesondere mit landwirtschaftlichen Investitionen, Preisschwankungen und der weltweiten Nahrungsmittelkrise.

LC: Sie haben den Aufstieg der multinationalen Unternehmen im ukrainischen Agrarsektor als "beispiellos" bezeichnet.

FM: Für die jüngere Geschichte würde ich das so sehen, vor allem bei den Privatisierungs- und Landreformbestrebungen. Es gibt keinen Präzedenzfall für einen derartigen Vorstoss westlicher Länder und Institutionen zur Durchsetzung einer solchen Privatisierung.

In einem Ihrer Berichte vergleichen Sie die Beziehungen der Ukraine zum Westen mit denen von Ländern wie Sambia, Myanmar und Brasilien. Ein klassisches Beispiel für den postkolonialen Neoliberalismus?

Dies verdeutlicht, dass internationale Institutionen, Regierungen und westliche Privatinteressen die Privatisierung in einer Reihe von Ländern weltweit gefördert haben. Die Ukraine ist ein Paradebeispiel dafür, wie Wirtschaftshilfe die Durchsetzung wünschenswerter Reformen ölt. Aber die Ukraine ist auch ein einzigartiger Fall wegen ihrer Nähe zu Europa und der Menge an Land, das zuvor durch das sowjetische System kollektiviert wurde und somit für die Privatisierung zur Verfügung steht.

Spielten die Interessen der Agrarindustrie eine wichtige Rolle in dem Konflikt, der als Kampf zwischen Demokratie und autoritärer Korruption beschrieben wird?

Nicht nur diese. Es war klar, dass ebenso wichtige Interessen an natürlichen und mineralischen Ressourcen und ein ähnlicher Vorstoss zur Privatisierung des Banken- und Rentensektors auf dem Spiel standen. Jedenfalls waren die grossen westlichen Konglomerate stark motiviert, Quoten dieser nationalen Wirtschaftssektoren zu erwerben.

Diese Interessen spielten bereits in den 1990er Jahren

Sobald die Ukraine Anfang der 1990er Jahre ihre Unabhängigkeit erlangte, drängte der Internationale Währungsfonds auf die Privatisierung von öffentlichem Land. Die grossen Finanzinstitute boten den ersten ukrainischen Regierungen "Hilfe" bei der Erstellung von Urkunden und Landtiteln an. Und es war ebenso offensichtlich, dass die Privatisierungsprozesse viel mehr bestimmten und engen Oligarchien als dem ukrainischen Volk zugutekamen. Aus diesem Grund wurde seinerzeit ein Moratorium für den Landerwerb verhängt, das bis zum vergangenen Jahr in Kraft blieb.

Und schon damals zeichneten sich zwei Projekte für wirtschaftliche Einflussnahme ab, gegensätzliche Unterstützungspläne Russlands und des Westens.

So war es. Im Jahr 2014 wurden zwei konkurrierende Angebote für Wirtschaftshilfe unterbreitet, zwei "Umschläge", ein russischer und ein westlicher. Nach dem Maidan-Aufstand würde sich das westliche Paket durchsetzen.

Sie dokumentieren, wie der IWF und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung eine intensive Kampagne zur Privatisierung des Landes führten.

Die Hilfszusage der europäischen Seite war von Anfang an bestimmte Bedingungen geknüpft, vor allem an die Aufhebung des Moratoriums (für den Verkauf von Land an Ausländer, Anm. LC), eine Forderung, die von Anfang an jedes Hilfsangebot begleitete. Das war eine unabdingbare Voraussetzung.

Welche konkreten Auswirkungen wird die Aufhebung des Moratoriums haben?

Es gibt zwar immer noch Grenzen für den Erwerb von Grundstücken durch Ausländer, aber dies ist ein wichtiger Schritt in Richtung Privatisierung und Konsolidierung des Grundbesitzes. Das Gesetz sieht zwar Beschränkungen für ausländisches Eigentum vor, erlaubt aber gleichzeitig internationalen Banken, sich an ukrainischen Unternehmen zu beteiligen oder in lokale Unternehmen zu investieren - ein Mechanismus, der es allen ermöglicht, in diesen Sektor zu investieren. Grossen amerikanischen Investmentfonds wie z.B. BlackRock steht die Tür offen, über ukrainische Unternehmen in das aufstrebende Agrobusiness zu investieren, dass sie offiziell nicht als ausländische Besitzer erscheinen. Das Land bietet die Chance auf eine hohe Investitionsrendite. Darüber hinaus ist die Reform so angelegt, dass sie Grossgrundbesitzer und die industrielle Landwirtschaft begünstigt und die weniger produktiven Kleinbauern zunehmend verdrängt - eine Dynamik, die der IWF ausdrücklich befürwortet.

Stimmt es also, dass es amerikanische multinationale Unternehmen gibt, die grosse Anteile an ukrainischem Land halten?

Ja, aber der alleinige Blick auf den Grundbesitz kann irreführend sein. Unternehmen wie Monsanto, Cargill, Archer Daniels Midland und Dupont brauchen kein Land zu besitzen. Ihr Modell konzentriert sich auf den Betrieb von Zuchtanlagen, Düngemittelanlagen, kommerzieller Infrastruktur und Exportterminals. Sie profitieren von der Industrialisierung des Agrarsektors und der Liberalisierung des Handels (neben Silos und Mühlen betreibt z. B. Archer Daniels Midland einen Getreideterminal im Hafen von Odessa, Anm. LC).

Sehen Sie in anderen postsowjetischen Republiken eine ähnliche Dynamik?

Für andere Länder liegen uns keine spezifischen Daten vor. Angesichts der Grösse der Ukraine und der Qualität ihrer Infrastruktur würde ich jedoch sagen, dass dieses Land (abgesehen vielleicht von Russland selbst) das grösste potenzielle Eroberungsfeld für das private Agrobusiness darstellt.

Kann man davon ausgehen, dass ein Ziel der russischen Aggression darin besteht, dieser Dynamik entgegenzuwirken?

Ich habe keine Lust, Vermutungen über russische Ziele anzustellen. Unsere Berichte belegen lediglich, dass seit Jahren ein Kampf um die Kontrolle der ukrainischen Ressourcen geführt wird. Natürlich wird in den offiziellen Versionen die Demokratie oder umgekehrt die historische kulturelle Verbundenheit der Ukraine mit Russland betont, aber es ist klar, dass es enorme wirtschaftliche Interessen gibt. Es scheint auch nicht so, dass der Krieg die westliche Strategie in dieser Hinsicht verändert hat.

Gegenwärtig macht die Blockade der Schwarzmeerhäfen wegen der möglichen Auswirkungen auf die Märkte und eine weltweite Nahrungsmittelkrise Sorgen.

Wir werden in Kürze eine Studie zu diesem Thema veröffentlichen. Die FAO erklärte Anfang Mai, dass die weltweiten Getreidevorräte relativ stabil sind.[i] Die Weltbank bestätigt, dass die Getreidevorräte nahe an historischen Rekorden liegen und dass drei Viertel der russischen und ukrainischen Ernten bereits vor Beginn des Krieges geliefert wurden. Wir können sagen, dass keine Verknappung droht, sondern dass auf den Terminmärkten heftig spekuliert wird, um auf steigende Preise und künftige Hungersnöte zu wetten und die Gewinne zu maximieren. So wurde beispielsweise viel über die Entscheidung Indiens, die Weizenexporte zu stoppen, gesprochen, die von den USA wegen des daraus resultierenden Drucks auf die Weltmarktpreise stark kritisiert wurde. Aber wenn man genau hinsieht, entfallen auf Indien nur 2 % der weltweiten Ausfuhren (10 Millionen Tonnen werden bis 2022/23 erwartet).

Im Vergleich dazu bewegen die USA derzeit 160 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr, was 35 % des Welthandels entspricht. Die Kritik an Indien hat weniger mit einer tatsächlichen Nahrungsmittelkrise zu tun als mit der Aufrechterhaltung eines globalen Marktes, der im Interesse der Agrarriesen und ihrer Investoren liegt. Natürlich gibt es eine Ernährungskrise mit Millionen oder Hunderten von Millionen Menschen auf der ganzen Welt, die sich in einem Zustand der Unsicherheit befinden, keinen Zugang zu angemessenen Nahrungsmitteln haben oder von Wohlfahrtsnetzen abhängig sind, aber diese Situation besteht unabhängig vom Krieg. Es gibt eine Nahrungsmittelkrise, aber es ist eine Krise ohne tatsächliche Nahrungsmittelknappheit.