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 ZAS - Correos de las Américas

Argentinien (und Schweiz): Die Strategie der Kanaillen

Donnerstag, 2. Januar 2025

 

(zas, 2.1.25) Es ist verdienstvoll, dass Medien auch Wundersames mitteilen. Wie weihnachtlich der NZZ-Korrespondent Alexander Busch zu Argentinien: «Die Armutsrate ist in den vergangenen drei Monaten gesunken. Ende des Jahres könnte sie sogar unter dem Niveau liegen, auf dem sie sich vor einem Jahr befand, als Javier Milei die Regierung übernahm (...) Unabhängige Wissenschaftler bestätigen inzwischen die Verbesserung der Armutssituation. So hat nach Einschätzung des Observatoriums für soziale Schuld der Katholischen Universität (UCA) die rückläufige Inflation die Lebensmittelpreise gesenkt. Gleichzeitig (…) Für Milei sind das überraschend gute Nachrichten. Denn sein radikales Sparprogramm, mit dem er das Haushaltsdefizit des Staates in einen Überschuss verwandelte und damit die Inflation stark senkte, wird heftig kritisiert. Viele machten die Kürzungen für wachsende Armut und die zeitweise schwere Rezession verantwortlich.»

Kein «überraschendes» Wunder, sondern Lüge.

Ihre unmittelbare Quelle ist das erwähnte Ministerium für Humankapital (nur schon der Begriff transportiert den Angriff auf die unten).  Die zum Ministerium gehörende Statistikbehörde verwendet bewusst einen falschen KonsumentInnenspreisindex und damit eine verlogene Inflationsberechnung. Der Index basiert zum Beispiel auf Ergebnissen der Haushaltserhebung von 2004-05. «Ein mehr als veraltetes Foto, das nicht auch nur annähernd zeigt, wie die Familien ihr Geld ausgeben», kommentierte am 8. Dezember Leandro Renou in der Zeitung Página/12. Ein neuer Preisindex ist zwar erarbeitet, bleibt aber ungenutzt. Wir erfahren: «Technisches Personal des IWF war im September in Argentinien (…) untersuchte den neuen Index und verlangte dessen Veröffentlichung so schnell als möglich.» Der Fonds will für seine Raubzüge eine einheitliche Methodologie.

"Der Lohn ist tot". An einer Demo gegen die Politik der Verarmung.

 Falscher Zahlenzauber

«So schnell als möglich» heisst für Milei und seinen Wirtschaftsminister Luis Caputo: wohl in den ersten Monaten des neuen Jahres. Denn der neue Index würde ein weniger geschöntes Bild von Armut und Inflation ergeben. Dem jetzt gebrauchten Index zufolge machen auf der Basis der Haushaltsbefragung 2004 die Essenskosten 26.9 % der Haushaltsausgaben aus, diejenigen für Wohnen und staatlich regulierte Dienstleistungen 9.44 %. Der neue Index beziffert die gleichen Ausgaben auf der Basis neuerer Erhebungen anders: 22.7 % für Nahrung, 14.5 % für Dienstleistungen (Strom, Wasser, Gas, Transport, Internet). Detail: Milei kürzte die Subventionen bei den staatlichen Tarifen in seinem Regierungsjahr dramatisch. Nochmals Renou: «Heute verschlingen die Dienstleistungen bis zur Hälfte des Haushaltsausgaben; deshalb sagen die Leute auf der Strasse weiterhin, dass das Geld nicht reicht, auch nicht bei einem sich entschleunigenden Index.» Gleichzeitig nahmen die Nahrungspreise in den letzten Monaten ab, weil sie so teuer wurden, dass sie «niemand mehr kaufen konnte».

Renou weiter: «Mit der Verschiebung des neuen Warenkorbes spielte man statistisch mit dem geringeren Anstieg der Nahrungsmittel, um die grösseren von der Regierung autorisierten Erhöhungen bei Tarifen, privaten Krankenkassen, Privatschulen, Mauten, Strom, Gas, Transport und Wasser zu kompensieren. Im Wirtschaftsministerium verbergen sie nicht, was sich in den Zahlen zeigt. Jedes Mal, wenn die Regierung sah, dass die Nahrung – die Rubrik, die heute einen Gutteil des Konsumentenpreisindex ausmacht – tief war, wurden Tariferhöhungen bewilligt.»

Warum benutzt das Regime den realistischeren Index erst nächstes Jahr? Dann stehen Parlamentswahlen an. Die Preisindexangaben des ersten Semesters werden erst danach veröffentlicht.  Sie werden die Inflationszunahme nicht von den jetzt gehandelten Daten aus berechnen, sondern «logisch» ab 1. Januar mit seinen dann upgedateten Startangaben. So wird der Kaufkraftverlust deutlich geringer ausfallen. 


 «Wissenschaftliches», Geheucheltes und ein relevanter Hinweis

Es kommen weitere Elemente des Lügenkonstrukts hinzu (nochmals Busch): «Gleichzeitig erhöhte die Regierung die Sozialausgaben für die Ärmsten und für Kinder und schaltete vor allem Mittler wie Kooperativen, Suppenküchen und politische Organisationen aus. Statt dass wie zuvor 50 Prozent der Hilfe über Vermittler verteilt würden, erreichten nun 93,5 Prozent der Sozialhilfe direkt die Bedürftigen, erklärte» das Ministerium für Humankapital. Diese «Erhöhung der Sozialausgaben», von der es auch die «unabhängigen Wissenschaftler» der Katholischen Universität haben, bezieht sich auf das Programm AUH (Kindergeldzulagen für arme Haushalte) und der damit verbundenen Tarjeta Alimentar (Essenskarte). Letztere verlor 2024 zwar 14.3 % an Wert, die AUH aber stieg um 43 %, wie das Angaben der OPC, der Parlamentarischen Budgetstelle, wiedergebende Rechtsblatt La Nación schreibt. Nur: Die AUH machte laut OPC 7 % der Gesamtausgaben für Sozialprogramme aus. Und diese fielen im gleichen Zeitraum insgesamt um 45.6 %. Diese massiven Kürzungen bezeichnet die OPC zusammen mit den Mileis Rentenreduktion als Hauptdrivers für den gepriesenen Budgetüberschuss. Dieser geht in die Schuldenzahlung an IWF und private Raubritter.

Die Katholische Universität UCA gilt je nachdem, wer von ihr sich gerade äussert, mal als progressiv, mal als reaktionär. Ihre Armutsstudie stand unter Leitung von Agustín Salvia, der bislang offenbar nicht als gekauft taxiert werden musste. Nebenbei äusserte Salvia denn auch Distanz zu seiner Hauptbotschaft. Dazu das schwer rechte Medium Infobae: Salvia erklärte zu seiner «Lageverbesserung», «dass man diese wegen der neuen Zusammensetzung der fixen Ausgaben der Haushalte, die sich aus der Teuerung von Dienstleistungen in den Sektoren Kommunikation, Transport, Kochgas und Strom ergibt, möglicherweise weder am Geldbeutel spürt noch an einer Zunahme des Konsums ersieht.» Er meinte, «dass die Dimension der wirtschaftlichen Veränderung eine gravierendere soziale Situation hätte erzeugen können, aber dass die Kapitalreserven oder früheren Ressourcen dämpfend gewirkt haben». Ein Hinweis etwa darauf, dass das Regime auch die letzten Dollarreserven unter der Matratze in Richtung Schuldenrückzahlungskonti der Zentralbank «lockt», z. B. über die von Milei ermöglichte Wohnungsmiete in Dollars[1]. Als wäre damit die Armutsbedrohung zurückgegangen. Natürlich wusste Salvia, dass die Hauptbotschaft der Studie, nicht seine Relativierungen, das mediale Rennen in Argentinien machen würde. Und dies trotz seines Befundes von massiv wachsender Kinderarmut (wo es doch sonst eigentlich aufwärts geht…). Klassische Heuchelei. 


Relevanter ein Hinweis des wie gewohnt kritischen Ökonomen und Journalisten Alfredo Zaiat in Las fake económicas del 2024. Er schreibt: «Die am schlechtesten gestellten sozialen Gruppen (…) hatten Einbussen bei Essen in Suppenküchen, Medikamenten und bei der Transportsubvention. Letzteres stellte einen schweren Schlag im Budget der Leute dar (…) Für Nutzer des [staatlich regulierten] Verbundtickets von U-Bahnen, Bussen und Zügen kostet ein Kurzstreckenticket von bisher 52.96 Pesos neu 370 Pesos. Mit anderen Worten, die indirekten monetären Einkünfte stürzten ab, was eine rigorosere Bewertung der monetären Bemessungslinie von Armut und extremer Armut erfordert. Eine Lohnerholung, die einem Sektor erlaubt, die Armutsgrenze zu übertreffen, registriert den Verlust indirekter Einkommen (Nahrung, Medikamente, Subventionen) nicht. Das stellt ein Stadium generalisierter Verarmung unabhängig von dem, was Statistiken sagen, dar.»

Erstaunlicherweise hält Zaiat dennoch einen Rückgang der Armut für möglich, bloss nicht in dem vom Regime propagierten Ausmass. Dies besonders wegen des Sozialprogramms AUH, trotz der harten, auf offiziellen Zahlen beruhenden parlamentarischen Widerlegung dieser These.

«Das soziale Geflecht zerstören»

Eine Bemerkung noch zu dieser perversen NZZ-Schreibe: Die Regierung «erhöhte die Regierung die Sozialausgaben für die Ärmsten und für Kinder und schaltete vor allem Mittler wie Kooperativen, Suppenküchen und politische Organisationen aus. Statt dass wie zuvor 50 Prozent der Hilfe über Vermittler verteilt würden, erreichten nun 93,5 Prozent der Sozialhilfe direkt die Bedürftigen, erklärte [das] Ministerium für Humankapital.» Die Angabe 93,5 Prozent bezieht sich auf das oben erwähnte AUH-Programm und wird allein durch die vom Regime in Aussicht gestellte Jahresinflation von 120 oder 130 Prozent mehr als halbiert. Doch zentraler ist die Essensverweigerung für Hungrige als Waffe im Sozialkampf.

Die «Mittler» sind primär Barrio- und Piquetero-Organisationen mit ihren Volksküchen, comedores comunitarios, entstanden um die Jahrhundertwende aus den Kämpfen gegen die neoliberale Verheerung. Staatlich registriert waren landesweit 41'000 Suppenküchen, von denen etwas mehr als die Hälfte von der Regierung unterstützt wurde. Eine vor wenigen Tagen in Página/12 zusammengefasste Untersuchung der Universität von Buenos Aires und der wichtigen Unterklassenorganisation UTEP (Unión de Trabajadores y Trabajadoras de la Economá Popular) zeigt, dass von den Comedores-Mitarbeiterinnen rund 80 Prozent Frauen und 70 Prozent der Essenden Kinder und Jugendliche sind. Johanna Duarte von der UNEP wird so zitiert: «Die Gemeinschaftsnetze retten uns vor so viel Entmenschlichung, es sind die kommunitären Sozioarbeiterinnen, die unserem Volk zu essen geben, die im schulischen Bereich helfen, die unsere Kids vor den Klauen des Drogenhandels retten und die unsere Betagten pflegen.» Jetzt sind diese comedores für 72'000 Menschen da. Milei strich ihre Unterstützung, 40 Prozent ihrer Ressourcen erhalten sie aus der lokalen Solidarität – Kleinhandel, Familien, Volksorganisationen -, 34 Prozent aus eigenen ökonomischen Aktivitäten wie Bäckereien und je 13 % von Gemeinde- und Provinzregierungen. Seit letztem Februar kommen auffallend mehr Erwachsene, auch viele, die wegen Arbeitsunfällen oder Krankheiten nicht mehr lohnarbeiten können und deren Renten unter Milei absackten.

 

Quelle: Página/12

Letzten Mai publizierte das Medium eldestape.web eine Auswertung von dank Informationsfreiheitgesetz erlangten Dokumenten des Ministeriums für Humankapital über dort gelagerte Trink- und Essensvorräte, mindestens 5000 Tonnen. Der Skandal war perfekt. Der Regierungssprecher sprach mal von Notvorräten für Katastrophenfälle, mal von betrügerischer Geschäftsführung der comedores. Kabinettschef Nicolás Posse sah im Mai «ein System der modernen Sklaverei», die «Humankapital»-Ministerin Sandra Petrovello «Kartelle» am Werk. Gegen VertreterInnen der in den comedores engagierten Organisationen strengte das Regime Strafuntersuchungen an. Nachdem ein Gericht der Regierung befohlen hatte, die 5000 Tonnen schnellstens auszuliefern, rekurrierte diese mit der Begründung, die Justiz habe sich nicht in die öffentliche Politik einzumischen. Das sah vor zwei Monaten auch ein Bundesrichter in der Provinz Córdoba so. 

Lorena Corral, die eine hauptstädtische Volksküche leitet, sagt: «Bei uns reicht es, weil wir von der Stadt Nahrungsmittel erhalten, neben vielen Schenkungen. Aber im Quartier schliessen comedores, weil sie nichts ausgeben können. Die Lage wird jeden Tag schlimmer.» Alejandro Gramamajo von der UTEP erklärte damals: «Wir erleben Gewalttaten in den comedores, was wir nie gesehen haben und was uns sehr besorgt. Die Leute streiten sich buchstäblich wegen eines Tellers Essen (…) Wir haben eine unglaubliche, nicht tolerierbare Situation. Es ist unerhört, dass all dieses Essen eingelagert ist, während sich in den Quartieren jeden Tag mehr Leute um einen Teller Essen drängen. Was Milei will und was erneut klar wird, ist, das soziale Geflecht zu zerstören. Es gibt keine andere Erklärung dafür.»

Das Milei’sche Labor, das in El Salvador und nacheifernden Ländern des Südkontinents seine Entsprechung findet, soll auch in den USA Einzug halten – offen. An einer solchen Strategie der Kanaille erlaben sich Herrschaftsgruppen, wie sie etwa in der NZZ den Ton angeben, solange sie nicht befürchten, am Widerstand aufzulaufen.  Und vergessen wir nicht: Milei kam nicht aus dem Nichts. Seine Vorgängerregierung unter Alberto Fernández öffnete ihm die Tür mit der Verarmung infolge Befolgung der via IMF transportierten «Sparkommandos» der globalen Oligarchie. Wer «links» antritt und eine rechte Politik betreibt, öffnet heute dem Faschismus die Tore.



[1] Der Direktor von Avenir Suisse begrüsste vor zwei Monaten eine «Entspannung am Wohnungsmarkt» dank Mileis Abschaffung von Mieterhöhungsbeschränkungen. Er berief sich dabei auf den ausgewiesenen Experten Busch, der die wohltuende Wirkung der von Milei erlaubten Mieten-Dollarisierung beschrieb. Die Meisten haben keine Dollars, werden dafür herausgeschmissen, weil Dollarmieten lukrativer sind. Und manche opfern ihre Dollars, um in der Wohnung bleiben zu können. Hoch der Wohnungsmarkt! Der werde noch bestehende Probleme lösen. Gewinne auf der einen, casas de cartón auf der anderen Seite. Diesen gilt das bekannte, ursprünglich mexikanische gleichnamige Lied.

Von ZAS / Correos . 16:25
Tags: Argentinien, Medien, Ökonomie, Wi

Brief einer Internationalistin an Annalena Baerbock

Montag, 30. Dezember 2024

 https://anfdeutsch.com/Oekologie/brief-einer-internationalistin-an-annalena-baerbock-44767

 „Wir denken nicht einmal im Traum daran, unsere Waffen niederzulegen!“, schreibt eine Internationalistin, die die Frauenrevolution in Nord- und Ostsyrien verteidigt, an die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock.

„Wir lieben das freie Leben“
  • ANF
  • REDAKTION
  • Dienstag, 24 Dezember 2024, 07:05

Wir schreiben das Jahr 2024. Weihnachten naht. In Syrien wurde der diktatorischen Ära des Assad-Clans endlich ein Ende gesetzt und das „neue Syrien“ ist in aller Munde. Doch während sich im Globalen Norden nun alle die Hände reiben, weil der neoliberale Islamismus à la al-Jolani auch mit westlichen Interessen kompatibel zu sein scheint, und sich auf den hart verdienten Festtagsschmaus und endlich ein paar Tage ohne Bilder von Bomben auf Wohngebiete, Flüchtlingslager, Krankenhäuser freuen, erleben Menschen in Syrien nach einem kurzen Freudentaumel über Assads Ende die harte Realität des Dritten Weltkrieges.

Und während in einem Teil Syriens Menschen fassungslos und unvorbereitet diversen bewaffneten islamistischen Söldnergruppen gegenüber stehen, die ungebremst und erbarmungslos Vergeltung für die Gräueltaten des Regimes suchen, greifen in einem anderen Teil immer mehr Frauen zur Waffe, schließen sich den Frauenverteidigungsstrukturen an, organisieren den Schutz ihrer Stadtteile oder machen sich auf den Weg, um Kobanê zu verteidigen. Denn während der Rest der Welt bislang kaum eine direkte Begegnung mit dem islamistischen Faschismus machen musste, da er auf seinem Höhepunkt durch den Widerstand der Kämpfer:innen der YPJ und der YPG in Kobanê gestoppt werden konnte, wissen die Frauen im nordöstlichen Teil Syriens sehr wohl, welcher Feind ihnen (nun wieder) gegenüber steht: radikal-islamistische Söldnergruppen, bekannt für Kriegsverbrechen und sexualisierte Gewalt – zwar Perwoll gewaschen, Bart gestutzt, sowohl militärisch als auch politisch-rhetorisch geschult, doch im Kern noch immer islamistisch, fundamentalistisch, faschistisch und zutiefst frauenfeindlich in ihren Zielen und Methoden.

Deutlich wurde dies einmal mehr in einem Interview von Obaida Arnaout, dem Sprecher der HTS-geführten Übergangsregierung, beim libanesischen TV-Sender bei AlJadeed. Auf die Nachfrage, wie sich Frauen an der neuen Regierung beteiligen werden, sagte er, dass vieles nicht der Natur der Frau entspreche. Demnach haben Frauen in Politik, Judikative und Verteidigung nichts zu suchen. Insbesondere eine Waffe zu nutzen, entspräche nicht der Natur der Frau.

Und während HTS ihre Ideologie nun auch in offizielle Regierungspolitik gießen will und die Anführer der HTS und SNA-Söldner neue Ministerposten in Damaskus beziehen, greifen sie weiterhin, gestützt durch Luftangriffe der Türkei, die Gebiete der Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens (DAANES) an. Und während al-Jolani mit den ersten Gästen aus der Türkei, den USA und Frankreich Hände schüttelt, sind es die Milizen der SNA, die in den besetzten Gebieten von Efrîn und Şehba Frauen entführen, einsperren und foltern, weil sie „mit der DAANES zusammenarbeiten“. Und während eine ganze Reihe von SNA- und HTS-Söldnern mit IS-Aufnähern an ihrer Uniform herumlaufen, überfällt der wiedererstarkte IS ergänzend dazu in alter Manier die wohlgemerkt nicht nur kurdischen Gebiete der DAANES. Es muss klar gesagt werden, dass es hierbei NICHT um Sicherheitsbedenken der Türkei geht, sondern um die Auslöschung der Idee und Praxis eines demokratischen, multiethnischen und multireligiösen Syriens unter Vorreiterinnenschaft von Frauen. Dies zeigt sich einerseits physisch mit der gezielten Ermordung von drei Zenobiya-Aktivistinnen in Minbic (Zenobyia ist der Dachverband arabischer Frauen), der Kriegsberichterstatter:nnen Cihan und Nazım, die neben der Kriegsrealität eben genau diese Kraft des Widerstands sichtbar machen wollten, und des Ko-Sprechers des Jugendrats der Syrischen Zukunftspartei in Deir ez-Zor, Muhammed Hesen El Samir. Parallel dazu wird dieser Versuch der Auslöschung der DAANES über einen Informationskrieg ohnegleichen geführt. Bilder von willkürlichen Hinrichtungen, Misshandlungen und Ermordungen von Kriegsgefangenen, die Entführung, Misshandlung und Beleidigung von weiblichen Kriegsgefangenen, die Brutalität und Widerlichkeit mordender, plündernder, islamistischer Banden sollen Angst und Schrecken verbreiten und die Moral der widerstandleistenden Kämpfer:innen brechen.

Ganz unbeeinflusst von alledem steht nun die deutsche Außenministerin an der Seite ihres türkischen Amtskollegen Hakan Fidan und fordert in Anbetracht der weiter eskalierenden Angriffe seitens der von der Türkei gesteuerten SNA-Söldner dazu auf, die Waffen niederzulegen.

Sie fordert dies jedoch nicht von den SNA-Söldnern, die bekannt sind für ihre Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen. Sie fordert dies auch nicht von der türkischen Armee, wenn sie die Bevölkerung der DAANES völkerrechtswidrig auf syrischem Territorium angreift. Nein, sie fordert kurdische Frauen und deren mit ihnen auf dem gleichen Land lebende verbündete arabische, armenische, assyrische und chaldäische Frauen auf!

Es ist keine zwei Jahre her, da hielt Annalena Baerbock noch Schilder mit der Aufschrift „Jin, Jiyan, Azadî“ in die Höhe. Nun können wir nur spekulieren, was sie dazu veranlasst hat, nicht weiter an der Seite der kurdischen Frauen zu stehen, sondern sich an die Seite von Erdogan und Fidan zu stellen.

Gerne möchte ich unsere Außenministerin einladen, selbst nach Syrien zu kommen und unsere Situation am eigenen Leib zu erleben. Frau Baerbock, würden sie sich hier sicher fühlen ohne bewaffneten Schutz? Sie sind hier immer herzlich willkommen. Und Sie können sich gewiss sein, so wie wir jede Frau in der DAANES schützen, so werden wir auch Sie hier mit unseren Waffen schützen, wenn sie in die DAANES kommen.

Ich als Internationalistin in der DAANES, die sich entschieden hat, an der Seite von Kurdinnen, Araberinnen, Armenierinnen, Assyrerinnen, Chaldäerinnen gegen den islamistischen Faschismus zu kämpfen und nicht nur große Worte zu spucken, kann jedenfalls sagen: „Nicht einmal im Traum werden wir unsere Waffen niederlegen!“ Denn wir lieben unser Leben und wir lieben das freie Leben, das wir hier Schritt für Schritt aufbauen. Wir werden uns nicht von islamistischen Söldnern überrennen, vergewaltigen, ermorden und schänden lassen. Wir haben uns bewaffnet, weil es notwendig ist. Wir verteidigen uns mit der Waffe in der Hand, weil wir die Rolle des Kriegsopfers nicht länger akzeptieren. Wenn uns schon Krieg aufgezwungen wird, dann verteidigen wir uns. Wir sind in dieser Situation, weil hegemoniale Kräfte wie Deutschland auf dem Rücken der Gesellschaften des Mittleren Ostens hier den Dritten Weltkrieg führen. Niemals werden wir unsere Waffen niederlegen, denn wir brauchen sie für unsere legitime Selbstverteidigung.

Was wir NICHT brauchen, ist Ihre patriarchale Außenpolitik in weiblichem Gewand, Frau Baerbock! Ich fordere Sie einfach nur dazu auf, still zu sein und uns in Ruhe zu lassen. Daraus folgt dann natürlich auch, keine Waffen an die Türkei mehr zu verkaufen, die diese Waffen entweder selbst gegen uns einsetzt oder sie an ihre islamistischen Söldner-Banden verteilt. Und es bedeutet auch, dem türkischen Staat keine Milliarden mehr im Rahmen des EU-Türkei-Flüchtlingsdeals hinterherzuwerfen, die für ethnische Säuberung der kurdischen Gebiete in Form von Zwangsmigration und Neuansiedlung von Söldner-Familien verwendet werden.

Liebe Frau Baerbock – ob Sie kommen oder nicht, wir werden weiter mit der Waffe in der Hand unsere Revolution verteidigen, die eine Frauenrevolution ist, bis WIR es nicht mehr für notwendig halten. Die Natur der Frau ist nicht Unterordnung, sondern Kampf und Widerstand. Wenn SIE dazu beitragen wollen, dann stoppen Sie sofort die Waffenverkäufe an die Türkei und andere islamistische Gruppen und setzen Sie sich ein für eine Anerkennung der DAANES!

Von ZAS / Correos . 09:51
Tags: Deutschland, Kurdistan

Südmexiko-Newsletter November / Dezember 2024

Dienstag, 24. Dezember 2024

news@chiapas.ch  

Es sind folgende weitere COMMUNIQUÉS DER EZLN erschienen:

 

03.12.24 PROGRAMA DE LA PRIMERA SESIÓN DE LOS ENCUENTROS INTERNACIONALES DE RESISTENCIAS Y REBELDÍAS. Mesas y Ponentes

30.11.24 Encuentros Internacionales de Rebeldías y Resistencias 2024-2025. FECHAS Y SEDES DE LA PRIMERA SESIÓN DICIEMBRE 2024 a ENERO 2025

30.11.24 Sobre el tema: La Tormenta y el Día Después. Undécima parte: ¿Otroas en el día después?

29.11.24 Sobre el tema: La Tormenta y el Día Después. Décima parte: LA SALUD SEGÚN LA DOÑA JUANITA

28.11.24 Sobre el tema: La Tormenta y el Día Después. Novena parte: Primeros Auxilios para el Día Después

27.11.24 Sobre el tema: La Tormenta y el Día Después. Octava Parte: Otro día después

26.11.24 Sobre el tema: La Tormenta y el Día Después. Séptima Parte: Hasta encontrarnos.

 

Die Communiqués findet ihr auf Spanisch oder übersetzt unter: http://enlacezapatista.ezln.org.mx/

 

 

CHIAPAS

 

 

Interamerikanischer Gerichtshof verurteilt Mexiko wegen verschwundenem Zapatisten (20.12.24)

Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte (Corte IDH) hat den mexikanischen Staat für das gewaltsame Verschwinden von Antonio González Méndez verurteilt. Der Sympathisant der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) wurde letztmals am 18. Januar 1999 in Sabanilla, im Norden von Chiapas lebend gesehen. Die Region wurde seinerzeit von paramilitärischen Gruppen kontrolliert.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/12/272992/corte-idh-verurteilt-mexiko

 

Mit Chiapas legalisiert der 16. Bundesstaat den Schwangerschaftsabbruch (04.12.24)

Der Schwangerschaftsabbruch ist nun auch im südlichsten mexikanischen Bundesstaat Chiapas erlaubt. Der Kongress votierte mit 33 zu einer Stimme dafür, die Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch zu entfernen. Damit ist sie nun in der Hälfte der mexikanischen Bundesstaaten legal.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/12/272720/mexiko-chiapas-abort

 

Soziale Bewegungen aus Mesoamerika stärken Vernetzung (13.11.24)

Mehr als 160 Delegierte tauschen sich über Alternativen und Strategien zur kapitalistischen Krise aus

Am 7. und 8. November hat in Acteal das zweite mesoamerikanische Treffen sozialer Bewegungen stattgefunden. Unter dem Motto "Wiederbegegnung im Widerstand und in den Alternativen" versammelten sich Vertreter von 40 sozialen Organisationen aus Mexiko und Mittelamerika, um sich über ihre Kämpfe auszutauschen, Gemeinsamkeiten und Alternativen aufzuzeigen und die Vernetzung zwischen den beteiligten Organisationen weiter auszubauen.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/11/272382/soziale-bewegungen-vernetzung

 

Chiapas im Schockzustand (05.11.24)

Padre Marcelo, der mutigste Friedensprediger, ist ermordet worden

Am frühen Sonntagmorgen des 20. Oktober erschossen Unbekannte den Priester Marcelo Pérez, nachdem er eine Messe abgehalten hatte. Der Mord an einem Priester, mitten in der Stadt San Cristóbal, erinnert an das Attentat auf Bischof Oscar Romero, der in El Salvador während des Bürgerkriegs ermordet wurde. Marcelo, immer mit einer Che-Guevara-Mütze auf dem Schopf, trug oft ein T-Shirt des verehrten »San Romero«. Nun teilt er dessen Schicksal.

Weiterlesen: https://www.ila-web.de/ausgaben/480/chiapas-im-schockzustand

 

Kriminelle erschießen den Priester Marcelo Pérez (22.10.24)

Am 20. Oktober haben Unbekannte den Priester jTatik Marcelo Pérez Pérez erschossen, nachdem er eine Messe in der Stadt San Cristóbal de Las Casas in Chiapas gefeiert hatte. Im Stadtviertel Cuxtitali näherten sich zwei Männer auf einem Motorrad dem Auto des beliebten Geistlichen und gaben aus kurzer Distanz acht Schüsse auf ihn ab.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/10/272047/chiapas-marcelo-perez-ermordet

 

EZLN prangert Angriff bewaffneter Gruppe auf zapatistische Gemeinde an (20.10.24)

Bewaffnete in der Gemeinde Nueva Palestina haben nach Angaben der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) das zapatistische Dorf "6 de Octubre" angegriffen. Sie drohen seit Wochen mit der gewaltsamen Vertreibung des seit über 30 Jahren bestehenden Dorfes im Lakandonischen Urwald.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/10/271996/ezln-warnt-vor-angriff-auf-gemeinde

 

 

OAXACA

 

Protest gegen Femizide in Oaxaca (26.11.24)

Am 25. November, dem Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen, haben Aktivistinnen eine Barrikade im Zentrum von Oaxaca-Stadt in Südmexiko errichtet. Mitglieder der Frauengruppe Red de Mujeres Tejiendo Comunidad verlangten damit Gerechtigkeit für die Opfer von Feminiziden und Verschwindenlassen.

Weiterlesen: https://www.npla.de/thema/feminismus-queer/protest-gegen-femizide-in-oaxaca/

 

Internationaler Gegengipfel zur Klima- und Biodiversitätskrise (18.11.24)

Im Vorfeld der 29. Weltklimakonferenz in Baku in Aserbaidschan haben Bewegungen für Umwelt- und Klimagerechtigkeit auf Einladung indigener Organisationen im mexikanischen Oaxaca einen Gegengipfel veranstaltet. Menschen aus 45 Nationen aller fünf Kontinente nahmen daran teil.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/11/272495/mexiko-anti-cop-2024-gegengipfel

 

 

SINALOA

 

Tote bei Militäreinsatz gegen Sinaloa–Kartell (29.10.24)

Im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa hält die Gewaltwelle nach der Verhaftung des Drogenbosses Ismael "El Mayo" Zambada im Juli an. Vergangene Woche wurden 19 Menschen am Stadtrand von Culiacán bei einem Militäreinsatz der Nationalgarde getötet, wie das mexikanische Verteidigungsministerium bestätigte. Die mexikanische Generalstaatsanwaltschaft prüft den Einsatz nun auf Militärverbrechen.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/10/272135/mexiko-sinaloa-militaereinsatz

 

 

YUCATAN

 

Mayas fordern sozio-ökologischen Notstand auf Yucatán (10.10.24)

Vertreter:innen der Maya-Völker haben bei den Bundesbehörden einen Antrag auf Ausrufung des sozio-ökologischen Notstands auf der Halbinsel Yucatan gestellt. Damit könnten dringende Maßnahmen ergriffen werden, um „die schwerwiegenden Schäden zu stoppen, die durch ein Entwicklungsmodell verursacht werden, das durch Megaprojekte wie den Tren Maya [ein Infrastrukturprojekt zweier Eisenbahnstrecken im Süden Mexikos], die Agrarindustrie und die Ausweitung des Immobilienmarktes zu erheblichen Verlusten an Land und Ökosystemen in der Region geführt hat“.

Weiterlesen: https://www.npla.de/thema/umwelt-wirtschaft/mayas-fordern-sozio-oekologischen-notstand-auf-yucatan/

 

 

MEXIKO

 

Reform gegen den Verkauf und Konsum synthetischer Drogen in Mexiko (07.12.24)

Die mexikanische Abgeordnetenkammer hat am Dienstag mit 327 gegen 118 Stimmen für die Änderung der Verfassungsartikel 4 und 5 gestimmt. Durch die Reform soll die Produktion, Verteilung und der Verkauf von giftigen Substanzen und chemischen Ausgangsstoffen sowie der illegale Gebrauch von Fentanyl und anderen nicht zugelassenen synthetischen Drogen bestraft werden. Zudem soll der Verkauf von elektronischen Zigaretten und Vaporizern in Mexiko verboten werden.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/12/272803/reform-drogen-mexiko

 

Mexiko erklärt Wasser und Nachhaltigkeit zum nationalen Menschenrecht (30.11.24)

In Mexiko ist das Nationale Abkommen für das Menschenrecht auf Wasser und Nachhaltigkeit unterzeichnet worden. Es bildet die Grundlage für den Nationalen Wasserplan der Regierung, der die nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen und deren verantwortungsvolle Bewirtschaftung fördern soll.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/11/272678/mexiko-wasser-nationales-menschenrecht

 

Präsidentin von Mexiko zu Trump: Drohungen und Zölle sind keine Lösung (29.11.24)

Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum hat am Mittwoch mit dem designierten US-Präsidenten Donald Trump gesprochen. Am Dienstag hatte sie bereits einen Brief an ihn geschrieben.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/12/272683/mexiko-sheinbaum-trump-drohungen-zoelle

 

Donald Trumps geplante Migrationspolitik in den USA: Unsicherheit für Millionen (20.11.24)

Sorge vor Abschiebungen und Grenzschließungen. Menschenhandel und kriminelle Banden könnten profitieren

Die erneute Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA hat Millionen von Migrant:innen weltweit in Unruhe versetzt. Wie wird die Zukunft unter einer Regierung aussehen, die verspricht, Migration radikal einzudämmen und Millionen von Menschen abzuschieben?

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/11/272484/trump-unsicherheit-migration

 

Staatsanwaltschaften für mehr als 40 Prozent der Folterfälle verantwortlich (16.11.24)

Die Beobachtungsstelle gegen Folter (Observatorio Contra la Tortura) stellte in ihrem jüngsten Bericht 2023, der am 14. November im Menschenrechtszentrum Miguel Agustín Pro Juárez (Centro Prodh) vorgestellt wurde, fest, dass die mexikanischen Staatsanwaltschaften in 44 Prozent der Folterfälle in Mexiko selbst zu den beteiligten Behörden gehören.

Weiterlesen: https://www.npla.de/thema/memoria-justicia/staatsanwaltschaften-fuer-mehr-als-40-prozent-der-folterfaelle-verantwortlich/

 

Oberster Gerichtshof bestätigt umstrittene Justizreform (07.11.24)

In einer knappen Entscheidung haben die Richter:innen des Obersten Gerichtshofs der Nation (SCJN) in Mexiko am Dienstag die Klagen gegen die Justizreform als unzulässig erklärt. Mit diesem Urteil könnte ein monatelanger Konflikt zwischen der Regierungspartei und der Justiz beigelegt werden.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/11/272315/mexiko-oberster-gerichtshof-justizreform

 news@chiapas.ch 

Regierung überführt Öl- und Energieunternehmen in Staatseigentum (11.11.24)

Linke Regierungspartei Morena setzt mit der Verstaatlichung im Energiesektor Ziele ihrer Energiepolitik um

Die Bevölkerung in Mexiko erhält das Energieunternehmen Petróleos Mexicanos (Pemex) und die Föderale Elektrizitätskommission (CFE) zurück. Am 30. Oktober unterschrieb Präsidentin Claudia Sheinbaum ein Dekret für eine Verfassungsreform zur Wiederverstaatlichung der Unternehmen.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2024/11/272373/mexiko-erdoel-ernergie-staatseigentum

 

HINWEISE

 

9. - 12. Jan. 25: NO WEF Winterquartier Bern

Genaues Programm: https://nowef-winterquartier.info/?page_id=177

 

SAVE THE DATE: 5. April 2025: Wohndemo Zürich

Von ZAS / Correos . 21:21
Tags: Mexiko

Brasilien: Landlosenbewegung kritisiert Stillstand der Agrarreform unter Lula

Dienstag, 17. Dezember 2024

 https://amerika21.de/2024/12/272925/brasilien-landlosenbewegung-mst-kritik

 

16.12.2024 

Von Maria Luziara Hatje

Veranstaltung der MST zum Jahresende
Veranstaltung der MST zum Jahresende
Quelle: MST

São Paulo. Zum Jahresende sind die Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST), ihre Unterstützer:innen und Minister:innen der brasilianischen Regierung zusammengekommen. Beim diesjährigen "Treffen der Freundinnen und Freunde" wurde für 2024 eine Bilanz des politischen Kampfes gezogen und Prognosen für das nächste Jahr vorgestellt.

Scharfe Kritik wurde am Stand der Agrarreform geübt, die trotz Politikwechsel seit zwei Jahren mit dem linksgerichteten Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva ins Stocken geraten sei.

Für João Pedro Stedile, Mitglied der nationalen Führung der Bewegung, ist die Zwischenbilanz für die Landreform negativ. Zwar sei politischer Wille unter Lula da, dennoch habe die Regierung Schwierigkeiten, reale Maßnahmen umzusetzen. "Wir brauchen die Regierung, um die strukturellen Probleme anzugehen, denn Propaganda allein funktioniert nicht", so Stedile.

"Wir müssen viele Dinge in der Regierung Lula in Ordnung bringen, sonst werden wir viele bittere Früchte ernten", warnte Stedile. Er fordert mehr Tatendrang seitens Lula zugunsten der Landarbeiter:innen. "Wir wollen mehr als Produktionsanreize, wir wollen eine Agrarreform! Und die ist nur mit der Enteignung der Latifundien möglich, was sich auf die produktive Struktur auswirkt."

Auch João Paulo Rodrigues, ebenfalls von der nationalen Führung der Bewegung, bemängelte die aktuelle Lage und den fehlenden Dialog zwischen der MST und Lula, auf den die Bewegung seit drei Monaten warte. Es brauche konkrete Maßnahmen für die Landarbeiter:innen, wie die Neuregelung von Krediten und Schulden, aber auch Wohnraum, Bildung sowie eine generelle Verbesserung der Lebensbedingungen.

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Paulo Teixeira, Minister für landwirtschaftliche Entwicklung und Familienlandwirtschaft, verteidigte die Führung Lulas und die aktuelle Agrarreform. Ihm zufolge sind für das Jahr 2025 fünf Enteignungen von Landgütern für die Ansiedlung von Familien im Rahmen der Agrarreform geplant. Dazu zählt auch Campo do Meio im Bundesstaat Minas Gerais, wo Familien seit mehr als 20 Jahren auf eine endgültige Regelung warten. Auch die finanziellen Förderungen und Schulden der Landarbeiter:innen sollen neu verhandelt und reguliert werden.

Nicht nur Teixeira, auch der Leiter des Generalsekretariats Márcio Macedo hob die Bedeutung der MST für die Demokratie und für die Agrarreform hervor – insbesondere, wenn es darum gehe, Druck auf die Entscheidungsträger:innen des Staates auszuüben. Er appelliert an die Zusammenarbeit zwischen der Bewegung und dem Staat. Für ihn sei es "von grundlegender Bedeutung, im Kampf gegen die Ultrarechte Seite an Seite zu stehen, aber mit allem gebührenden Respekt und unter Gewährleistung der Autonomie der Bewegungen".

Die MST wurde 1984 gegründet und setzt sich seitdem für eine gerechte Landreform, den Zugang zu Land für landlose Arbeiter:innen und eine nachhaltige Agrarwirtschaft ein. Neuesten Erhebungen des Nationalen Instituts für Kolonisierung und Agrarreform (INCRA) zeigen auf, dass es landesweit rund 101.000 landlose Familien gibt.

Vergangene begann die MST ihre Kampagne "Weihnachten mit Land", um Druck auf die Regierung Lula auszuüben, die Agrarreform voranzutreiben. Am 3. Dezember besetzten 170 Familien zwei Farmen in Pedras Altas, in Rio Grande do Sul. Andere Familien protestierten vor dem Sitz des INCRA in Porto Alegre. In Pará blockierten mit der MST verbundene Familien die Carajás-Eisenbahnlinie, die dem Bergbauunternehmen Vale gehört, und prangerten die Auswirkungen großer Bauprojekte und die Untätigkeit der Behörden an.

brasildefato
mst
resumenlatinoamericano
Von ZAS / Correos . 14:17
Tags: agrar, Brasilien

EDA-Politik: Zynismus und Komplizenschaft

Dienstag, 10. Dezember 2024

 Ein aktueller Bericht direkt aus Kuba von René und Suzanne

Erste Tage im Dezember 2024. Kuba im Auge von mehreren Hurrikanen, natur- und menschgemachten. Und dazwischen eine Bevölkerung, die sich mit viel Bereitschaft zur Improvisation ihr Leben organisiert. Der Paternalismus des Sozialismus der früheren Jahre hat seine Spuren hinterlassen: Die einen schimpfen gegen «die da oben», andere verharren abwartend, und wiederum andere packen die Chancen, die ihnen vor etwa zehn Jahren durch die Freigabe diverser privatwirtschaftlicher Bereiche eröffnet worden sind, insbesondere im Tourismus (Casa particular, Taxi, Gastronomie) oder auch in der Kultur. Zur Zeit sichtbar durch die Biennal in öffentlichen Bereichen und Galerien in ganz Havanna, oder auch in Matanzas zum Beispiel.

Eindrücklich ist erneut die hohe Arbeitsmoral, zu erleben in den Institutionen die von der Vereinigung Schweiz-Cuba Zürich seit Jahren unterstützt werden – dies unabhängig davon, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter denselben, oft schwierigen Lebensumständen (Rationierung von Strom, Wasser und Gas, Transport, Knappheit von Milch, Fleisch, Reis, Zucker usw.) unterworfen sind. Hauptproblem bleibt seit der Währungsreform vor bald drei Jahren die Schere, die zwischen den Löhnen und den ständig steigenden Preisen aufgeht. Es ist praktisch alles erhältlich für diejenigen, welche die entsprechende Kaufkraft haben – während die hoch subventionierten Produkte, die durch die Libreta erhältlich wären, oft fehlen und nur verknappt vorhanden sind.

Die Entwicklung im Land hat sich trotz aller Anstrengungen der Regierung im laufenden Jahr nicht verbessert, insbesondere aufgrund der beiden verheerenden Hurrikane Oscar und Rafael sowie dem starken Erdbeben (6,7 auf der Richter-Skala). Zur Zeit ist es sehr windig, kühl, regnerisch, der Malecon von Havanna von den Wellen überspült … Im Tourismus wurde vom Januar bis Ende Oktober lediglich die Zahl von 2,7 statt der angestrebten 3 Mio. Besucher erreicht.

Was tut die Schweiz?

In diese Situation platzen zwei negative Ereignisse. Zwar hat die Schweizerische Eidgenossenschaft im November – zusammen mit 187 Nationen – in der Vollversammlung der UNO für ein sofortiges Ende der umfassenden und kriminellen US-Blockade gestimmt. Dies bereits zum x-ten Mal, doch erneut bleibt diese fast einstimmige Entscheidung ohne irgendwelche konkreten Folgen.

Schlimmer noch: Wenige Wochen danach erlässt das EDA eine geharnischte «Reisewarnung» gegen Kuba. Sie wird durch das Portal Travelnews verbreitet und hat letztlich zum Ziel, Reisende von einem Besuch auf der Karibikinsel abzuhalten. Nicht einmal Hotels seien von Stromausfällen und dem Treibstoffmangel verschont … Während vor unseren Augen die alten 58er-Chevrolets, Taxis und auch viele Privatautos zirkulieren.

Und die Gründe, welche das EDA ins Feld führt, könnten praktisch auf ganz Zentral- und Südamerika angewendet werden.

Wenn das EDA mit der Aufzählung der Naturkatastrophen, Versorgungsengpässen und weiteren Schwierigkeiten im Land nicht unrecht hat, dann ist und bleibt es zynisch, wenn im selben Moment in der Schweizer Botschaft in Havanna die DEZA (hier: COSUDE) am Kofferpacken ist, respektive an der definitiven Schliessung des kleinen, aber für Kuba wichtigen Büros der Entwicklungszusammenarbeit. Dies geht auf die Politik von Bundesrat Cassis zurück, gemäss der sich die Schweiz, unabhängig von der jeweiligen Lage in den einzelnen Ländern, vollständig aus Lateinamerika zurückzieht. Gerade auch aus dem einzigen Land, das sich weder dem Diktat der USA noch des IWF unterworfen hat.

Völlig unverständlich und schlimm ist dabei, dass im Ukas des EDA unerwähnt bleibt, welch grosse Anstrengungen die Regierung und der Zivilschutz auch in diesem Jahr unternommen haben, um angesichts der Naturereignisse (die auch in der Karibik immer heftiger werden) Leben zu schützen und darnach in möglichst kürzester Zeit, mit den knapp vorhandenen Ressourcen die Schäden zu beheben, insbesondere die Stromversorgung wieder herzustellen, Schulen und Häuser zu reparieren.

Hierzu bleibt das EDA stumm und die offizielle Schweiz steht total abseits. Genauso verhält es sich, wenn es darum ginge, den extraterritorialen Auswirkungen der US-Blockade etwas Konkretes entgegenzustellen. Insbesondere die Schweizer Banken, inklusive Postfinance, praktizieren eine minutiös durchgezogene Kuba-Finanzblockade. Selbst humanitäre Hilfe wie sie z. B. mediCuba Suisse betreibt, ist auf vielfältige Weise von der Blockade betroffen.

Durch all dieses Abseitsstehen und nun mit dieser «Warnung an Reisende» macht sich die Schweiz letztlich zur Komplizin der US-Aussenpolitik, der bisherigen und auch der neuen. Der Miami-Hardliner Marco Rubio ist designierter Aussenminister.

Was bei dieser im Westen vereinheitlichten Sichtweise völlig untergeht, sind zwei essentielle Erfahrungen die wir in wiederholten Besuchen auf Kuba immer wieder machen können:

Erstens. Angesichts der unzweifelhaft gewaltigen Probleme in diesem kleinen, unabhängigen Land – seien sie verursacht durch die US-Blockade, durch Naturkatastrophen oder eine Anhäufung eigener Fehler – ist es nicht das Unvermögen der Regierung und schon gar nicht deren Ziel, eine Austeritätspolitik gegen die Interessen der Bevölkerung zu betreiben. Das heisst, es werden keine neoliberalen Abbaumassnahmen in den Bereichen Bildung, Gesundheit oder Kultur vorangetrieben, wie sie der IWF allenthalben an seine Kreditvergabe knüpft.

Was geschieht, geschieht der Not gehorchend – und dabei wird Kuba trotz all seiner Errungenschaften, seiner friedlichen Politik und der bewundernswerten Bevölkerung von (fast) der ganzen Welt der Rücken zugedreht. Die Karibikinsel mit ihren 10 Mio. Einwohnern wird kaltherzig ihrem weitgehend von äusseren Umständen aufoktruierten Schicksal überlassen – um dann mit aller Häme auf die Unzulänglichkeiten hinzuweisen.

Demgegenüber stellen sich zweitens die Menschen auf der Insel (diejenigen, die hier geblieben sind), mit relativer Ruhe, Würde und erfinderischen Massnahmen der schwierigen Situation. Manchmal auch mit einer Faust im Sack – doch im Bewusstsein, dass ihre Alternative so etwas wie Guatemala oder gar Haiti bedeuten würde.

VSC Zürich

René Lechleiter

Suzanne Schreiber Lechleiter

Havana, 4. Dezember 2024

 

Von ZAS / Correos . 14:25
Tags: Kuba, schweiz

Nicaragua unterwegs. Wohin?

Donnerstag, 5. Dezember 2024

 

(zas, 5.12.24) Vergangenen November nahm das Parlament in einer erster Lesung den von Präsident Daniel Ortega angestossenen Vorschlag einer neuen Verfassung an. Deren Schwerpunkt: die Abschaffung der traditionellen staatlichen Gewaltenteilung. Wer die Regierung leitet, soll den ganzen Staat befehligen. Also etwa auch die Justiz. (Die Idee hatte Ortega wohl nicht von Trump, dessen Lager in den USA das Gleiche anstrebt.) Parlamentspräsident Gustavo Porras drückte das so aus:  “Wir überwinden das Konzept der legislativen, exekutiven und rechtlichen Gewalten». Denn souverän sei einzig das Volk, das via die presidencia (ein Co-Präsident und eine Co-Präsidentin) und den Frente Sandinista regiere. «Wichtig ist klar zu machen, dass die Presidencia der Republik die Regierung leitet und alle diversen Staatsorgane koordiniert, auch jene der Kontrolle und der Verwaltung.» Das Recht auf umfassende kostenlose Gesundheitsversorgung (inklusive das «kommunitäre und Familiengesundheitsmodell») und Erziehung auf allen Stufen bleibe weiter in der Verfassung verankert. Natürlich werde, so Porras, die Presidencia auch in Zukunft demokratisch in einem Mehrparteiensystem gewählt. Er betont auch eine gender-bewusste Sprache im gesamten Verfassungstext.

Ortega hatte schon vor Monaten seine Gattin, Rosario Murillo, bis dahin «nur» Vizepräsidentin, als faktische Ko-Präsidentin bezeichnet. Dies wird nun offizialisiert, zum Leidwesen auch eines Teils der sandinistischen Basis. Denn die Frau hat einen herrischen Ruf, und ihre offizielle Stellungsnahmen durchfliessende Vorliebe für eso-religiöse Weichenstellungen stösst nicht auf Begeisterung. Auch dass ein Sohn des Paares schon länger an inoffiziellen, aber wichtigen Schalthebeln der Macht sitzt, kommt nicht gut an. An Familiendynastischem haben die Nicas wenig Freude.

Ein Frente-Kader argumentiert auf Kritik von unserer Seite so: Die Revolution in Nicaragua habe sich auf sozioökonomischem Gebiet vertieft und müsse gleichzeitig vor brutalen Angriffen des Imperialismus geschützt werden. Hinter der allseits gepriesenen Gewaltenteilung steckten in Wirklichkeit stets nur die herrschenden kapitalistischen Klassen, während in Nicaragua das Volk presidente sei.  Die neue Verfassung «reflektiert ein neues Kräfteverhältnis, nachdem die Oligarchie und die Yankees [2018] das bis dahin geltende Modell zerstört haben. Es reflektiert die Vorgehensweise, von der Basis auszugehen. Das heisst, die internen feindlichen Kräfte und ihr Pate werden keine Möglichkeit mehr haben, [illegal] um die Macht zu kämpfen.»

Wie sich dieses «von der Basis aus arbeiten» ausdrücke?

«Da fehlt es noch an Vertiefungen. Aber es gibt wichtige Fortschritte. So werden die Gemeindebudgets auf der Basis der Forderungen der Comunidades erstellt. Das neue Erziehungsgesetz beruht auf breiten Absprachen mit dem gesamten Erziehungssektor (vom Kindergarten bis zum akademischen oder technischen Studium); die Gesundheitsversorgung ausserhalb der Gesundheitszentren und Spitäler basiert auf den Bedürfnissen und Forderungen der  Comunidades und ihrer aktiven Beteiligung an seiner Ausarbeitung; die mit der Produktion befassten Institutionen, die wir das Nationale Produktionssystem nennen, arbeiten in Übereinstimmung mit den entsprechenden Sektoren.»

Zu diesem Produktionssystem hatten wir Fragen. Daran seien, so die Antwort, zahlreiche Ministerien, Behörden, Finanzinstitutionen, akademische Gremien, aber etwa auch die beiden Regierungen der karibischen Autonomieregionen beteiligt. «Vor Ort gibt es Versammlungen von ProduzentInnen eines spezifischen Produkts wie Bohnen oder Reis oder Gemüse oder Kaffee oder Vieh. Dabei werden Produktionsziele pro Ernte oder Jahr beschlossen, es werden Massnahmen etwa für Plagen, Dürre oder Preiszerfall inklusive technische Beratung und Weiterbildung festgelegt. Auch Probleme wie die Verteilung (Lagerung, Transport, Gross- und Kleinhandel etc.) und anderes werden diskutiert.» Wir erhielten dazu ein umfangreiches offizielles Dokument mit genauen Zielvorgaben für 2024/25 und einem Fokus etwa auf die bäuerische Agrarproduktion oder Anpassungen an den Klimawandel. Zum Prozessen seiner Erarbeitung scheint nichts explizit formuliert zu sein.

Zur Verfassungsreform, so eine weitere Antwort, gelte es zu verstehen, dass «nichts, was wir machen oder sagen, gemacht oder gesagt werden kann, ohne die Konfrontation mit den Yankees und ihren Satelliten in Rechnung zu stellen. Absolut alles hängt damit zusammen. Ihre Massnahmen und Aggressionen sind total, ausser im Militärischen als offener Krieg. Aber ihre Bestrebungen, Polizei und Armee zu spalten, erfolgen täglich.  In diesem Zusammenhang mussten wir fundamentale Entscheidungen treffen, um zu verhindern, dass uns das Gleiche wie in Georgien oder Venezuela passiert (mit als Präsidenten verkauften Usurpatoren). Dies ist das Herz der Reform: Institutionell kann der Imperialismus die Macht des Volkes nicht mehr brechen.» Dazu komme, dass wichtige strukturelle Veränderungen in den letzten 18 Jahren sich in der Verfassung niederschlagen müssen. Veränderungen, «die von Rechten des Individuums («Trinkwasser ist ein Menschenrecht»), der Gleichheit der Geschlechter, dem partizipativen Entwicklungsmodell bis zur Definition der Staates und der Macht («die Republik Nicaragua ist ein revolutionärer Staat», «das Volk übt die revolutionäre Macht direkt aus») einschliesslich der Organisation der Instrumente des Rechts und der Wahlen». Auch der Einbezug von vier Sprachen der indigenen Völker, jener der Garífunas und das afro-nicaraguanische Creole als zweite Amtssprache an der Karibikküste gehöre dazu.

Auf den Einwand, dass es gerade im Kontext dieser zentralen Reform keine breite Debatte gab, antwortete der Freund: «Klar wäre eine umfassende und nationale Diskussion ideal gewesen. Aber dafür sind objektiv die Bedingungen nicht gegeben. Denn die Feinde konspirieren alle Tage und auf alle Weisen. Sie sind unter Kontrolle … aber wir dürfen keine Schwäche zeigen.»

_____________

Kommentar: Unter den Brücken schlafen…

Natürlich ist die viel zelebrierte Gewaltenteilung primär ein Mythos. Sie folgt der gleichen Logik, die Anatole France so auf den Punkt brach: «Die majestätische Gleichheit der Gesetze verbietet es Reichen wie Armen, unter den Brücken zu schlafen, auf der Strasse zu betteln oder Brot zu klauen» (La majestueuse égalité des lois interdit aux riches comme aux pauvres de coucher sous les ponts, de mendier dans la rue et de voler du pain.) Dennoch sehen wir dort, wo diese klar relative Gewaltenteilung abgeschafft wird, wie die unten dem Terror von denen oben noch mehr ausgesetzt werden. Sie abzuschaffen, bedingt wohl eine sozialrevolutionäre Grundbewegung und Kraft, von der wir in Nicaragua kaum was sehen. Das negiert nicht, dass ein relevanter Bevölkerungsteil der sandinistischen Regierung wohl gesonnen ist, trotz grosser Probleme, wie sie sie sich in der Emigration niederschlagen. Aber viel wird offenbar von «oben» erwartet oder hingenommen – nicht gerade el pueblo presidente. Und gravierend: Genau diese neue Verfassung, die doch epochale Entwicklungen verarbeite, wurde nicht aktiv von unten bestimmt. Kommt sie dort also je an?

Kein Zweifel, die imperialistische Bedrohung Nicaraguas ist keine Erfindung, die Notwehr kein Diktat der Paranoia. Gerade hat Washington Nicaragua für ein weiteres Jahr zur «ausserordentlichen Bedrohung» der Sicherheit der USA erklärt. Als «legale» Voraussetzung für völkerrechtswidrige Sanktionen. Wirtschaftsterror gegen ein Land der Armen. Das beeinflusst das westliche Entsetzen ob der «Diktatur» in Nicaragua natürlich kein bisschen.[i]

So viel zum Demokratiegezeter von rechts bis progressiv-liberal.

Nun, die neue Verfassung dürfte nach Inkrafttreten zwar das Regieren erleichtern, aber nicht wirklich das Los der Leute. Bei allen guten Ansätzen im Sandinismus: Solange im Frente ein gewisses Duckmäusertum gefördert wird, solange undurchsichtige Seilschaften um das Präsidialpaar zirkulieren, ist eine weitere Machtkonzentration genau dort ohnehin ungut. Wir werden sehen, ob die angebliche partizipative Macht von unten sich manifestiert oder auf mehr oder weniger freiwilliges Abnicken hinausläuft.



[i] Gestern am Radio die Nachricht vom neuen Stromzusammenbruch in Kuba. Die Kraftwerke bräuchten Öl, doch Venezuela liefere dieses nicht mehr. Und die Installationen seien nicht instandgehalten. Kein Wort zur Ursache dafür: die extremen westlichen Sanktionen gegen Kuba. Dafür Kopfschütteln im Hintergrund wegen der Misswirtschaft auf der Insel. Kein Einzelfall: Wo immer die Sanktionsgewalt zuschlägt, sind die Angegriffenen die Schuldigen, und die Gewalt beleibt unsichtbar.  

Von ZAS / Correos . 12:14
Tags: Nicaragua
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