Venezuela: Washington eskaliert, die Sozialistische Internationale spielt mit

Dienstag, 16. Dezember 2014



(zas, 16.12.14) Die Sozialistische Internationale (SI) at its best! Am 13. Dezember 2014 nahm sie die venezolanische Partei Voluntad Popular als Vollmitglied auf. Die radikal rechte VP war  eine führende Kraft beim Umsturzversuch („la salida“) in den ersten Monaten dieses Jahres gewesen. VP-Chef Leopoldo López sitzt dafür im Gefängnis. An ihrer Tagung letztes Wochenende in Genf blieb die SI damit ihrer Tradition treu, sich mit so reaktionären Parteien wie dem mexikanischen PRI oder der langjährigen türkischen Regimepartei CHP zu schmücken. In Lateinamerika wissen sich die europäischen sozialdemokratischen Parteien und damit die SI der Mission verpflichtet, den „chavistischen Populismus“ zu bekämpfen – wie die SI jetzt eben bestätigt, auch mithilfe faschistoider Militanz.
Die SI erfüllt ihre Pflicht. Ganz offensichtlich werden gegen die Regierung von Venezuela, aber etwa auch gegen jene von Ecuador, neue Destabilisierungsoffensiven lanciert. Das US-RepräsentantInnenhaus hatte schon im Frühjahr Sanktionen gegen Venezuela durch gewunken. Im Senat aber hatte die Senatorin für Louisiana, Mary Landrieu, die Massnahmen mit der Begründung blockiert, sie gefährdeten die Arbeitsplätze in der grossen, dem venezolanischen  Staat gehörenden Citgo-Raffinerie in Louisiana. Im Sommer verfügte das State Department Reisesanktionen gegen venezolanische, der Repression beschuldigte RegierungsvertreterInnen. Jetzt nahm der Senat am 8. Dezember 2014 ein von den beiden CIA-kubanischen Senatoren Marco Rubio (Florida) und Robert Menendez (New Jersey) eingereichtes Sanktionenpaket an. Das RepräsentantInnenhaus stimmte anschliessend dafür, Obama will es in Kraft setzen. Die Sanktionen betreffen venezolanische RegierungsvertreterInnen, die, so zitierte ein Papier des Council on Hemispheric  Affairs (COHA),  „an der Planung, Ermöglichung oder Durchsetzung von groben Menschenrechtsverletzungen gegen friedliche DemonstrantInnen, Medienschaffende und andere Mitglieder der Zivilgesellschaft in Venezuela“ beteiligt sind (Regimeslang für die destabilisierenden Kräfte). Es sieht Reisesperren und – gefährlich – die Beschlagnahmung des Vermögens solcher „Schurken“ vor.  Das Weisse Haus unterstützt die Sanktionen, laut COHA, auch um sich bei den ab Januar den Kongress dominierenden Reps anzubiedern. Strategischer ist die andere vom COHA angetippte Motivation: Gerade haben die Regierungen des südamerikanischen Staatenbundes Unasur eine beschleunigte wirtschaftliche Kooperation, ein gemeinsames Arbeitsrecht und eine gemeinsame Staatsbürgerschaft beschlossen. Auch wenn die Umsetzung dieser Beschlüsse, auch wegen der westlichen Opposition, mit Bestimmtheit harzig und nur partiell erfolgen wird, ist am Treffen in Quito, Ecuador, dennoch eine Dringlichkeit manifestiert worden, angesichts der sich verschärfenden Konterroffensive des „Nordens“ die Integration zu beschleunigen.
U.S. Sanctions Against Venezuela: A wrong turn for regional diplomacy
Solche Unasur-Zusammenkünfte will Washington möglichst nicht mehr sehen.
Schon die bisherigen Entwicklungen sind besorgniserregend. Mit der Kongress-Dominanz der Ultras steht eine weitere Verschärfung an.  Am erwähnten Unasur-Gipfel sollte der venezolanische Präsident Nicolás Maduro offenbar ermordet werden, wie heute einer EFE-Meldung im  Nuevo Herald (Miami Herald auf Spanisch) zu entnehmen ist. Das Blatt zitiert Maduro so: „Zum Unasur-Treffen erhielten wir eine Information mit Namen, Bankverbindung, dem an den aus Zentralamerika geschickten Auftragskiller ausbezahlten Betrag“, der von expatriierten ehemaligen Polizeichefs des Landes angeheuert worden sei. In Caracas gab es gestern eine Demo gegen die Sanktionspolitik der USA. Maduro forderte dabei Washington auf, „sich die Sanktionen in die Ohren oder sonst einen passenden Ort zu stecken“, wie die Washington Post heute berichtet.

Ebola und der ewige Kalte Krieg

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Aus journal21.ch ein treffender Kommentar zur andauernden Kuba-Hetze in den Medien:
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Journalistischer Mehrwert
10. Dezember 2014Helmut Scheben's picture

Ebola und der ewige Kalte Krieg

Von Helmut Scheben, 07.12.2014
Kuba leistet seit Jahrzehnten Hilfseinsätze in den ärmsten Ländern - und wird dafür diffamiert.
Felix Báez Sarría ist also heil nach Kuba zurückgekehrt. Der kubanische Arzt, der sich bei seinem Einsatz in Sierra Leone mit dem Ebola-Virus infiziert hatte, wurde im Genfer Universitäts-Spital offenbar erfolgreich mit einem Medikament behandelt, welches noch in der Experimentalphase ist.
Die Nachricht wurde gestern allgemein vermeldet ohne weitere Kommentare. Verstummt sind momentan die hämischen Gerüchte und böswilligen Andeutungen, die die kubanische Mission in Afrika von Anfang an begleiteten.
Als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im August auf einer Krisensitzung einen geradezu verzweifelten Hilferuf an die Welt richtete, medizinisches Personal zur Bekämpfung der Seuche zu entsenden, war Kuba das erste Land, das dem Aufruf Folge leistete. Kuba schickte Ärzte und Ärztinnen, Pfleger und Pflegerinnen, - so wie es seit Jahrzehnten in den ärmsten afrikanischen Ländern medizinische Hilfe leistet. Seit Oktober sind 256 Kubaner und Kubanerinnen in Sierra Leone, Liberia und Guinea im Einsatz. Die WHO bedankte sich für die schnelle Hilfe des „grössten ausländischen Sanitäter-Teams“, und US-Aussenminister Kerry lobte das kubanische Engagement.
Diffamierung
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Brasilien: Siemens im Element

Montag, 8. Dezember 2014

https://amerika21.de/2014/12/109797/siemens-schliessen

06.12.2014 Brasilien / Wirtschaft

Ermittlungen gegen São Paulos U-Bahn-Kartell verschärft


Staatsanwaltschaft fordert Millionen-Entschädigungen wegen Kartellabsprachen und Auflösung von Firmen in Brasilien. Auch Siemens betroffen

U-Bahn in São Paulo
U-Bahn in São Paulo. Wieviel haben Siemens, Alstom und Bombardier durch Kartellabsprachen daran verdient?
Lizenz: CC BY 20
São Paulo. Die Staatsanwaltschaft des Bundesstaats von São Paulo hat wegen des sogenannten U-Bahn-Kartells Entschädigungen in Millionenhöhe sowie die Auflösung von zehn Firmen, darunter Siemens Brasilien, Alstom Brasilien und Bombardier Brasilien, gefordert. Dies geht aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft vom 4. Dezember 2014 hervor.

Den Firmen Siemens Ltda, Alstom Brasil Ltda, CAF Brasil Ltda, TTrans, Bombardier Ltda, MGE Ltda, Mitsu & CO (Brasil) S.A., Temoinsa do Brasil Ltda, Tejofran Ltda und MPE wirft die Behörde vor, im Untersuchungszeitraum von 2000 bis 2002 bei Ausschreibungsverfahren für die Wartung von U-Bahnzügen der Stadt von São Paulo Kartellabsprachen untereinander getroffen zu haben und bei Verträgen in Höhe von insgesamt 418.315.055,38 Reais (umgerechnet rund 130 Millionen Euro) einen Kartellaufschlag von 30 Prozent erhoben zu haben.
Laut Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft, die auch auf Aussagen von führenden Siemens-Mitarbeitern beruhen, hätten die Firmen Absprachen über die Höhe der jeweils zu stellenden Gebote getroffen, um so den durchschnittlichen Aufpreis von rund 30 Prozent erzielen zu können. Laut den Anklagevertretern hätten sich die Firmen im Rahmen des Bieterverfahrens auch vorab darüber verständigt, dass die jeweils als Verlierer aus dem Bieterverfahren hervorzugehenden Firmen mit Absicht Formfehler in die Bewerbungen eingebaut hätten, um so dem vorab beschlossenen Sieger der Ausschreibung den Zuschlag zu ermöglichen. Als drittes Kartellvergehen der Beschuldigten werden die vorab getroffenen Abmachungen aufgeführt, dass nach den Ausschreibungen keine Überprüfungseinsprüche der offiziell im Gebotsverfahren unterlegenen Bieter erfolgen.

Laut der Tageszeitung Globo fordert die Behörde 130 Millionen Euro Entschädigung für die Kartellabsprachen zwischen 2000 und 2002 sowie für die zehn mit Firmensitz in Brasilien tätigen Konzerne die richterliche Schließung, darunter befinden sich die Töchterkonzerne von Bombardier, Alstom und Siemens. Eine Schließung der Firmen sei "die einzig wirksame Maßnahme, die unerlaubten und schädlichen Aktivitäten [der Firmen] zu unterbinden", so die Staatsanwälte in ihrer Anklageschrift.

Siemens Ltda erzielte nach eigenen Angaben im Geschäftsjahr 2013 (1. Oktober 2012 – 30. September 2013) in Brasilien einen Umsatz in Höhe von 1,95 Milliarden Euro und beschäftigt derzeit rund 8.000 Mitarbeiter in Brasilien. Erst im August 2013 war Siemens Brasilien wegen Korruptionsvorwürfen bei Ausschreibungen der brasilianischen Post und Telekom von allen öffentlichen Ausschreibungen für fünf Jahre ausgeschlossen worden. Dieser Ausschluss war im Januar 2014 von einem brasilianischen Gericht bestätigt worden. Siemens ging damals in Berufung und bekam Recht. Das Handelsblatt zitierte aus dem Richterentscheid, der Siemens freisprach, "um Schaden vom öffentlichen Gesundheitswesen abzuwenden", so das Gericht damals. Offenbar ließ die Marktmacht von Siemens in einem anderen Wirtschaftssektor die Richter davor zurückschrecken, Siemens von öffentlichen Aufträgen abzuschneiden. Nach Angaben des Unternehmens stammen 30 Prozent aller Geräte für die medizinische digitale bildgebende Diagnostik in Brasilien von Siemens. Schon damals erfolgte also kein Freispruch von den Bestechungsvorwürfen an sich.

Bilder vom Leben in Kobanê:

Donnerstag, 4. Dezember 2014



http://en.firatajans.com/news/news/those-who-have-not-left-kobane.htm

Those who have not left Kobanê

Every day the epic resistance in Kobanê against ISIS attacks is growing. The remaining civilian population of the city is also continuing to refuse to leave, despite the war and the onset of winter. YPG/YPJ fighters also see the needs and security of the civilians before their own.


The Kobanê Municipality collects refuse every day. Apart from this, Municipality workers also take food and water provided by the YPG/YPJ for civilians. They also repair electric generators and transport diesel for heaters and generators.

There are shops that carry out repairs on YPG/YPJ vehicles and provide tyres. The workers in these shops expend lots of energy.

Yusuf Elî Etto and his wife Feride Ömer did not leave Kobanê even in the worst days of the fighting. They are continuing to feed their many sheep. Yusuf Etto says: “our homeland is sweet, we will not leave.” The elderly couple complain they do not have enough food for their sheep. Their 5 children are also with them. While we are speaking to them, a YPJ fighter notices that Feride does not have any socks and leaves, before coming back with a pair for her. Feride tries to refuse, saying to the YPJ fighter that she will need the socks. She adds: ''We have not left Kobanê because where the YPG are is safe.”

The first thing people mention is the attack by ISIS from Turkey on 29 November. The civilians of Kobanê are angry with Turkey for opening the gate to ISIS. They say the Turkish state attempted a massacre by means of ISIS.

The white stork statue and ''Qada Aşîti'' sign in Aşîti (Peace) Square are still upright, as if they are resisting the war.

And being a child in Kobanê now means going barefoot and playing between the shells. They make the victory sign in their thin clothes and with sandals on their feet. When we ask them whether they can play, they reply that they take a break when mortars are fired, then wait until the mortars stop before returning to their games.

On almost every street you can see unexploded mortar shells.

Bomb laden vehicles exploded by ISIS gangs and mortars have caused great damage in the city.

The main concern of civilians living in the western part of the city is security. Mortars fired by ISIS have damaged houses. Mothers say they are worried about their children. There are of course serious shortages of medicine, food and clothing. But the people of Kobanê talk of the self-sacrifice of the YPG/YPJ fighters, saying: “We cannot complain when we see the sacrifices they make and they do all they can for us. A woman by the name of Emine Şêxo said the YPG members distributed aid sent to them to civilians before looking after themselves. If there’s not enough for them they make do. So we don’t want to mention our shortages. Our only wish is that the ISIS gangs be cleansed from Kobanê and that there is an end to the mortar fire targeting us and our children.”

Brasilien: Streicht Dilma Rousseff die Segel?

Mittwoch, 3. Dezember 2014




(zas, 3.12.14)Viele in Lateinamerika beantworten die Frage schon mit einem klaren „Ja“. Besonders die wenige Tage zurückliegende Ernennung von Joaquim Levy zum Finanz- und damit faktischem Superminister ist für die Linke in Brasilien und in ganz Lateinamerika eine bittere Erfahrung. Der Mann war bisher ein Topshot beim Finanzgiganten Bradesco und hatte zuvor im IWF Karriere gemacht. Unter Lula und dessen erzreaktionärem Vorgänger Fernando Henrique Cardoso bekleidete er schon wichtige Posten im Finanzministerium.  Bei seiner Ernennungsrede liess er sich aus über Evergreens der konservativen Politik wie die Kürzung der Staatsausgaben, die Überprüfung der Einkommensumverteilungsprogramme, die Reduktion der Staatschulden oder das Ziel eines Budgetprimärüberschusses von 1.2 % des BIP (Überschuss vor Abzug des Schuldendienstes), dafür wurden Worte wie Arbeitsplätze, Umverteilung, Löhne oder Entwicklung „noch nicht einmal am Rande“ benutzt, wie Breno Altman im Portal Correio da Cidadania schrieb. Das radikal rechte Blatt O Globo bestätigte gestern, dass die Politik von Levy darauf zielt,  „die Einstufung Brasiliens durch die Ratingagenturen zu verbessern“.
Tatsächlich wurde nach dem knappen Wahlsieg von Dilma Rousseff die Ernennung eines neuen Finanzministers als Probe aufs Exempel gehandelt, ob die PT-Regierung auf ihrem Kurs der Wirtschaftsentwicklung bleibe, der im Kern auf eine Ankurbelung via verstärkte Kaufkraft der Unterklassen setzte, oder eben auf die Konterreform-Vorschläge der Rechten einschwenke. Die Ernennung von Levy, aber etwa auch des Planungsministers Nelson Barbosa, spricht in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache. Fehlt nur noch, dass die Präsidentin des Agrobusinesszusammenschlusses tatsächlich das Landwirtschaftsministerium übernimmt, wie die Gerüchteküche verkündet.

Die neue Linie
Um Levys Politik zu situieren, dienen einige Hinweise auf die angeblich untaugliche Wirtschaftspolitik des Partido dos Trabalhadores (PT) unter dem bisherigen Finanzminister Guido Mantega. In seinem erwähnten Artikel skizziert Altman sie wie folgt: Der Einschluss neuer kaufkräftiger Unterklassensegmente und Modernisierung der Infrastruktur sollen als Ergänzung zum staatlichen Wirtschaftsprotagonimsus die Privatinvestitionen fördern. Die internationale Wirtschaftskrise machte aber einen Strich durch diese Rechnung, so dass: „die Ausweitung des Konsumvermögens des  Volkes die Schaffung des Angebots übertraf, provoziert durch das relative Fehlen von Investitionen. Dies heizte die Inflation an. Die Antwort der von den Marktorakeln bedrängten Regierung bestand in einer langsamen Zinsanhebung zwecks Drosselung der Nachfrage. Von März 2013 bis Oktober 2014 stieg der Selic [Leitzins der Zentralbank] von 7.25 % auf 11.25 %. Das Finanzeinkommen der 20‘000 Familien, die 70 % der Inlandsschuldentitel kontrollieren, wuchs. Dafür verschlechterte sich die Lage des Fiskus: Ein Zinsanstieg von 4 % bedeute eine jährliche Mehrausgabe von ca. 130 Mrd. Reais [CHF 45 Mrd.]“.  Weiter belastete den Staatshaushalt eine Reihe von Steuergeschenken für die Unternehmer, die so zu Investitionen ermuntert werden sollten. Ein inflationsbereinigter Realzins bei staatlichen Schuldentiteln von 5 % bot dem Kapital aber keinen Anreiz, die lukrative Finanzsphäre zugunsten von Realinvestitionen zu verlassen, fügte Altman an. Das Finanzkommando des Gürtel-enger-Schnallens, für das Levy steht, ertöne zwecks Behebung der Fiskalprobleme statt eines „Primats des Wirtschaftswachstums“. Ein solches „sozial-entwicklungsorientiertes Projekt“ würde „mittelfristig auch eine Steuerentlastung für die Lohnabhängigen und eine Beitragserhöhung für die reichsten Schichten“ bedingen. Stattdessen stellen „das Schrumpfen der Staatsausgaben und die beibehaltenen hohen Zinsen in einer globalen Situation des kriselnden Handels eine Strategie zur Fortführung eines Wucherrezeptes der Reichsten auf Kosten der Beschäftigung zugunsten der Ärmsten“ dar. 
Levy: Fuck him!

Anzufügen wäre vielleicht noch: Ein wichtiger Teil der Staatsverschuldung entspringt dem Umstand, dass in den USA und Europa praktisch gratis aufgenommenes Kapital in die im internationalen Verhältnis lukrativen brasilianischen Staatsschulden floss. Diese wiederum können laut Gesetz nur von einem Dutzend Banken vom Staat erworben werden, den sogenannten dealers, die das nur beim gewünschten Zinsniveau überhaupt tun, was den staatlichen Schuldendienst in die Wucherhöhe schraubt. Derzeit verschlingt er 42 % des Budgets, weit mehr, als Erziehung und Gesundheit zusammen.
Entsprechend gross die Freude im Finanzsektor.

Die Kosten/Nutzen-Rechnung
Warum kuscht Dilma vor der Rechten, indem sie jenes Finanzprogramm übernimmt, das ihr unterlegener Gegenkandidat vertreten hatte? Viele Faktoren werden eine Rolle spielen, nicht zuletzt, dass wohl entscheidende PT-Sektoren von der laufenden Finanzspekulation profitieren, und sei es nur in Form von Korruptionsgeldern. Die Tatsache aber, dass sich die Rechte bei den Parlaments- und Regionalwahlen massiv stärken konnte, erklärt das Einschwenken nur scheinbar. Immerhin gewann der PT die Präsidentschaftswahlen auch dank eines grossen Einsatzes der Basisorganisationen und einer verbreiteten Ablehnung der rechten Sozialagenda. Im normalen Parlamentsbetrieb sind reale Reformen nicht mehr durchbringen. Es wäre zwingend, auf eine prononciert linke Politik und ihre massenhafte Unterstützung auf der Strasse zu setzen. Dass so etwas in Brasilien nicht einfach Wunschdenken sein müsste, zeigten die Sozialmobilisierungen letztes Jahr, bevor sie von der Rechten vereinnahmt werden konnten, nicht zuletzt wegen eines nur zaghaft präsenten PT.
Die aktuelle Politik dürfte einem Versuch entsprechen, einen Teil der Rechten und der Kapitalgruppen zu besänftigen. Teile der unterlegenen Rechtspartei PSDB wollten das Resultat der Präsidentschaftswahlen im Nachhinein nicht anerkennen und sprachen sich für eine „venezolanische“ Destabilisierungsstrategie aus. Der aktuelle Korruptionsskandal um den staatlich gelenkten Ölkonzern Petrobrás soll in diesem Zusammenhang für ein Impeachmentverfahren gegen die Präsidentin benutzt werden, dessen Realisierungschancen allerdings fraglich zu sein scheinen. Die jetzt noch kapitalfreundlichere PT-Politik soll solchen Tendenzen wohl etwas Wind aus den Segeln nehmen, zum Preis allerdings einer Stärkung der Kapitaldiktatur und eines Verrats an der eigenen Basis.

Warum „Petrobrás“ ein Skandal ist
Der Petrobrás-Skandal verdient eine besondere Berücksichtigung. Die laufende Desinformation besteht hauptsächlich in der Fokussierung auf Korruption als Phänomen des PT und dem Fakt der staatlichen Lenkung von Petrobrás. Einen Einblick in die reale Dimension der Petrobrás-Vorgänge gibt uns ein Interview mit dem Ingenieur Fernando Siqueiro, Exponent einer Gruppe kritischer Petrobrás-AktionärInnen, in Correio da Cidadania (‘Mais uma vez, o interesse de alguns é afastar a Petrobrás do pré-sal’, 1.12.14).
Darin sagt Siqueiro: „Was Besorgnis erregt, ist, dass obwohl die Korruption ein generalisierter, metastasierender Krebs ist, Petrobrás im Kreuzfeuer der Kritik steht, nicht als Opfer, was der Konzern ist, sondern als Herd der Korruption. Dies aus dem Interesse heraus, Petrobrás so zu schwächen, dass sie nicht die einzige Operateurin des pré-sal [riesige Ölvorkommen im Meeresboden] sei, was die zwei Hauptherde der in der globalen Erdölproduktion grassierenden Korruption beeinträchtigen würde: die Überdimensionierung der Produktionskosten, entschädigt mit Öl, und die betrügerische Messung der Produktion. Und man sieht, dass diese Kampagne in etwas Zentralem einen gewissen Erfolg hat: Mehrere naive Brasilianer befürworten schon die Privatisierung von Petrobrás als Lösung. Sie wissen nicht, dass die globalen Privatkonzerne, die einzigen, die Petrobrás kaufen könnten,  die korruptesten und die am meisten korrumpierenden Unternehmen der Welt sind.“
Wie der PT Petrobras versenkt. Quelle: Veja, eine Hetzzeitschrift.

 Die Rechte, führt Siqueiro weiter an, sieht nur dann einen Skandal, wenn er ihr nützt: „Bei der Versteigerung von Libra händigte die Regierung Dilma den Multis 60 % des grössten Ölfeldes der Welt aus. Sie brach dabei drei Gesetze, so Artikel 12 des Gesetzes  12351/10, wonach strategische Gebiete mit Petrobrás verhandelt werden müssen und nicht auktioniert werden dürfen. Der Rechnungshof akzeptierte unsere Anklagen nicht und validierte den Erlass.“ Der kritische Aktionär führt eine Reihe weiterer offener, an den AktionärInnenversammlungen abgesegneter Gesetzesbrüche auf, nennt eine Reihe korrupter Grossprivatisierungen unter den letzten Regierungen und hält fest: „Das [Korruptions-] Schema funktioniert seit den Militärregierungen, wie neue historische Veröffentlichungen zu diesen Unternehmen belegen. Es dauerte unter den Regierungen Sarney, Collor, Itamar und Fernándo Henrique Cardoso fort und auch unter den PT-Administrationen.“

Petrobrás – look who’s there!
Eine enorme Dimension der transnationalen Dimension der Korruption enthüllen die folgenden Aussagen von Siqueiro:
„Seit ca. 10 Jahren prüft die US-Revisionsgesellschaft PricewaterhouseCoopers die Bücher von Petrobrás. Sie hat dafür Zugang zu allen Unterlagen des Unternehmens. Seit 5 Jahren ist PwC auch zuständig für die strategische Planung von Petrobrás. Sie unterschrieb auch die Bilanz der ersten beiden Semester dieses Jahres. Wie sollen wir da akzeptieren, dass PwC sich jetzt weigert, die neue Bilanz zu unterschreiben, um sich von aller Schuld frei zu waschen?  … Das Unternehmen Boston Group ist verantwortlich die Taktische Operative Planung von Petrobrás und hat ebenfalls Zugang zu allen Daten. Wie soll es die Unregelmässigkeiten nicht entdeckt haben? Und was soll der Vorteil von Petrobrás sein, diese Funktion an ein ausländisches Unternehmen ausgehändigt zu haben? Für die USA ist es optimal: Zugang zum Innersten von Petrobrás. Im Integrierten Datenzentrum von Petrobrás arbeiten US-Unternehmen (die Hälfte von allen) und drei weitere besorgen die Datenverschlüsselung. Die Software für die Verarbeitung der Explorations- und Förderungsdaten gehört Halliburton. US-Unternehmen sind in allen Schlüsselpositionen von Petrobrás. So wird deren Verwaltung nicht nur privatisiert, sondern auch denationalisiert. Das kann Absicht sein, um das Unternehmen zu demontieren“.
PT-Wahlwerbung für die nationale Dilma von Petrobrás gegen ihren rechten Konkurrenten von Halliburton....

(Als in 2002/2003 die Bourgeoise in Venezuela nach dem gescheiterten Putsch die Chávez-Regierung vorallem mittels eines monatelangen Unternehmerstreiks stürzen wollte, in dessen Zentrum der staatliche Ölkonzern Pdvsa stand, waren die Regierung und die Belegschaft wochenlang nicht im Stand, die Produktion wieder aufzunehmen. Grund: Die ganze Pdvsa-Software gehörte dem outgesourcten CIA-/Pentagonunternehmen SAIC, das alle Vorgänge ferngesteuert blockieren konnte.)

Keine reale Südintegration, aber vielleicht eine Sozialrevolte?
Mag sein, dass Levy, wie die Rechte befürchtet, irgendwann mal von der dann „autoritären“ Präsidentin abgesetzt wird – nach einer Sozialrevolte, vor einer Wahl. Jedenfalls nach vollbrachtem Unheil. Wenig interessant. Wichtiger eine andere Botschaft: Brasilien wird sich unter der PT-Regierung keineswegs nach links bewegen. Es wird auch in Zukunft die lateinamerikanische Integration höchstens so weit fördern, wie es seine geopolitischen und wirtschaftlichen Machtaspirationen nützt. Es wird beispielsweise weiterhin die von den ALBA-Ländern angestrebte Bank des Südens blockieren, solange sich diese nicht dem Diktat der „Finanzmärkte“ unterwirft (was bei der kürzlich angekündigten BRICS-Bank wohl schon impliziert ist; zumindest legt sie als Gerichtsort für allfälligen Rechtsstreit schon mal New York fest). Haiti bleibt weiterhin Trainingsraum für die brasilianische Armee. Schlimmer wäre nur ein rechter Wahlsieg bei den Präsidentschaftswahlen gewesen: Ein Präsident Aécio Neves hätte sich gleich zur Speerspitze der reaktionären Konteroffensive im Südkontinent gemacht.
Bleibt die Hoffnung, dass die, die Dilma gegen das rechte Programm gewählt haben, sich nicht alles bieten lassen.

Mexiko/Permanentes Völkertribunal: der gelüftete Schleier

Sonntag, 30. November 2014




Silvia Ribeiro*


Daniel Feierstein, Mitarbeiter des argentinischen Centro de Estudios sobre Genocidio und der Jury der Schlussverhandlung des  Permanenten Völkertribunals, Kapitel Mexiko (Tribunal Permanente de los Pueblos,TPP), äusserte angesichts der dem Tribunal vorgelegten Tatsachen, dass sie in anderen Ländern schon Fälle von Folter, aussergerichtlichen Hinrichtungen, gewaltsamem Verschwindenlassen, Politmorden, Vergewaltigungen, Repression von Bewegungen und hohem Grad von Straflosigkeit analysieren mussten … aber stets bei Diktaturen. Mexiko, fügte er an, ist das einzige Land, wo all dies unter der Demokratie geschieht.
Das Massaker der Studierenden von Ayotzinapa und die von Empörung und Solidarität getragene Reaktion im ganzen Land und weltweit lüftet unwiderruflich den Schleier und wirft ein Schlaglicht auf eine harte Realität (s. Mexiko/Ayotzinapa: Die Schrift an der Wand und Mexiko: Das Massaker in Iguala). Alles, was das Tribunal während drei arbeitsintensiven Jahren dokumentiert hatte, kondensierte sich in ein paar Stunden der Barbarei in Iguala, schreibt die Jury in der Einleitung zu ihrem Urteil vom 15. November 2014. In diesem Reich der Straflosigkeit, das Mexiko heute ist, gibt es Morde ohne Mörder, Folter ohne Folterer, sexuelle Gewalt ohne Täter – ein permanentes Abwälzen von Verantwortung, bei dem anscheinend abertausende von Massakern, Morden und systematischen Verletzungen der Rechte der Völker stets isolierte Einzelfälle oder marginale Momente sind, und nicht reale Verbrechen, für die der Staat die Verantwortung trägt.
Drei Jahre Verfahrensdauer, über tausend beteiligte soziale Bewegungen und Organisationen, Dutzende von Foren und Vorbereitungsworkshops der Sessionen im ganzen Land erbrachten, systematisierten und dokumentierten über 500 Fälle von Verletzungen des Völkerrechts: Gewalt gegen MigrantInnen, ArbeiterInnen, Medienarbeitende, Junge, Feminizide und andere Formen der sexistischen Gewalt, Umweltzerstörung, Gewalt gegen die Völker des Mais und die Ernährungssouveränität, Angriffe auf das Erziehungswesen und die Lehrpersonen, schmutziger Krieg mit seinem Schatten auf das Heute, Enteignungen, Massaker und Kriege, die kein Ende haben und die sozialen Bewegungen mit Repression überziehen. Und über all dem ein Tuch der Legalität und Straflosigkeit.

*aus TPP: el velo rasgado La Jornada, 29.11.14
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(zas) Soviel aus dem Artikel von Silvia Ribeiro. Die Autorin ist Lateinamerika-Direktorin der vorallem in Lateinamerika, Asien und Afrika arbeitenden ETC Group, die sich als Ziel u. a. die „Erhaltung und nachhaltige Förderung von kultureller und ökologischer Diversität und Menschenrechten“ (etcgroup.org)  setzt. Ribeiro beschreibt im Artikel weiter die minutiöse Arbeit des TPP in Mexiko seit 2011, seine Unterstützung etwa durch Personal des Internationale Strafgerichtshofs und sein Urteil, das mexikanische Regierungen bis zur heutigen von Präsident Enrique Peña Nieto wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt.
Peña Nieto galt dem Medienmainstream gerade noch als ein Wunder an Reformkraft, als einer, der Mexiko von seinem „Reformstau“ befreie, während er heute wegen seiner offensichtlichen Versuche bzw. deren Scheitern, das Massaker von Ayotzinapa zu marginalisieren, als inkompetent abgehandelt wird. „Einen Präsidenten wie den mexikanischen wünschen sich viele Lateinamerikaner. Er ist jung, dynamisch und scheut sich nicht, Tabus zu brechen … Mäuschenstill war es im Saal, als der Rockstar der lateinamerikanischen Politszene, der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto, am World Economic Forum in Panama seine Reformagenda entblätterte“ (NZZ. 14.4.14: Mexiko setzt zum Sprung an,Autor: Richard Bauer).
Erinnern wir uns an die transnationalen Medienelogen zur Privatisierung des mexikanischen Öls oder zur neoliberalen Konterreform im Erziehungswesen, die als Aufräumen mit alteingesessenen Gewerkschaftskartellen präsentiert wurde. Im Visier standen dabei solche Dinge wie die Escuelas Normales Rurales, LehrerInnenseminare, zu denen die Schule von Ayotzinapa gehört: Eingeführt noch unter dem Einfluss der mexikanischen Revolution, stellten sie eine Möglichkeit für „marginalisierte“ Indígenas dar, im Erziehungsbereich aktiv zu werden. Seit ihrer Gründung sind sie Angriffsziele der Reaktion, gelten sie als Horte der Guerillas, der Subversion. Wegen solcher Dinge muss das TPP „Angriffe auf das Erziehungswesen und die Lehrpersonen“ untersuchen. „Ayotzinapa“ muss mitdenken, wer sich für die Konterreform im Unterrichtswesen begeistert.
Von alldem auch heute nicht der Hauch einer Ahnung beim Medienchor, der seine Lobeslitanei auf die „Reformen“ zwischendurch – wie jetzt angesichts des Widerstands gegen „Ayotzinapa“ - kurz aussetzen muss, damit ihr Zusammenhang mit der Logik des Massakers nicht zu offensichtlich werde oder gar ihm selbst dämmere.