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Diese Leichenhalle namens Ecuador

Samstag, 13. Juni 2026

 

Santiago Rosero*

(8.6.26) So viel in so kurzer Zeit. Es unterscheidet sich nicht einmal von gestern oder morgen, und doch kann sich jeder Tag noch schlimmer anfühlen. Ein 20-jähriger Supermarktangestellter wird von einer Gruppe von Kriminellen ermordet, die den Laden überfallen und 200 Dollar rauben.

Die Leichen von acht jungen Männern, die vor Tagen verschwunden waren, werden in Jutesäcken am Strassenrand gefunden. Sie hatten keine Vorstrafen. Ihre Angehörigen sagen, sie seien Bauern gewesen. Die Autopsien zeigen, dass sie Schüsse in den Kopf erhalten haben.

Die Gefängnisse Ecuadors sind Schauplatz eines Massakers. Das belegen die Zahlen und Fotos, die in der Reportage „Encerrados para morir“ (Eingesperrt, um zu sterben) der mutigen Journalistin Karol E. Noroña zusammengetragen wurden. Die Recherche berichtet, dass im Jahr 2025 1200 inhaftierte Menschen starben: drei pro Tag, einer alle sieben Stunden. Viele dieser Todesfälle wurden den Angehörigen nicht einmal gemeldet. Da sie keine Nachrichten mehr von den Inhaftierten erhielten, begannen sie, auf Friedhöfen nach ihnen zu suchen und taten alles in ihrer Macht Stehende, um die Leichen zu bergen und so zu verhindern, dass sie in Massengräbern landeten.

Das zu tun, was man kann, bedeutet immer, sehr wenig zu tun, denn es reicht ohnehin nicht aus. Es ist eine Mutter, die auf der Strasse um Geld betteln muss, um täglich 10, 30, 50 Dollar aufzubringen, damit die Banden, die die Verpflegung in den Gefängnissen kontrollieren, entscheiden, ob sie ihrem Sohn etwas zu essen geben – einem ausgemergelten, sterbenden Menschen, wie alle Häftlinge, die man auf den Fotos sieht. Nichts reicht aus, der Sohn stirbt unter anderem an chronischer Unterernährung. Hunger ist eine Waffe der Vernichtung. Ein ehemaliger Gefängnisdirektor glaubt zudem, dass es eine Strategie ist, damit diese fast leblosen Körper bei einem Ausbruch von Gewalt oder Krankheit keine Kraft mehr haben, sich zu verteidigen, und schliesslich sterben.

Tatsächlich breitet sich die Krankheit aus und verrichtet ihr Unwesen. Die Tuberkulosefälle haben sich in den letzten zwei Jahren, also seit der Ausrufung des internen bewaffneten Konflikts, vervierfacht. „Tuberkulose wird als ‚Krankheit der Armut‘ bezeichnet. Was den Bazillus – der in unserem Körper symptomfrei schlummern könnte – aktiviert, sind chronische Unterernährung, beengte Wohnverhältnisse und ein geschwächtes Immunsystem. Das heisst, das Fehlen sozialer Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben. In diesem Sinne sind Gefängnisse der denkbar schlechteste Kontext“, sagt eine Expertin des Gesundheitsministeriums.

Im Jahr 2021, dem bisher kritischsten Jahr in Bezug auf Gewalt in Haftanstalten – einem Jahr der Aufstände und Massaker, die in den sozialen Netzwerken verbreitet wurden –, gab es 497 Todesfälle. Heute fordern Hunger und Krankheit mehr Todesopfer. Alle Quellen der Untersuchung deuten darauf hin, dass der Hauptverantwortliche für den Anstieg der Todesfälle der SNAI[i] ist, also der Staat. Im Namen dieses Staates entschuldigt sich der Befehlshaber der Streitkräfte öffentlich für die Ermordung der vier Kinder aus den Malvinas durch Militärangehörige. Eineinhalb Jahre, nachdem Josué Arroyo, Ismael Arroyo, Steven Medina und Nehemías Arboleda gefoltert, ermordet, verbrannt und begraben wurden und nachdem Minister der Regierung von Daniel Noboa eine Verleumdungskampagne gestartet hatten, um die Kinder als Kriminelle darzustellen, blieb dem Staat nichts anderes übrig, als die Anordnung des Verfassungsgerichts zu befolgen und sich zu entschuldigen. Oder besser gesagt: um Vergebung zu bitten, denn in rechtlicher und politischer Hinsicht fungiert die Entschuldigung meist als institutionelle Anerkennung des verursachten Unrechts, während die Vergebung eine Schuld einräumt und öffentlich die Verantwortung für einen nachgewiesenen Schaden übernimmt. Wenn es nichts mehr zu bieten gibt, entscheidet sich die Möglichkeit der Wiedergutmachung in diesen Feinheiten der bürokratischen Sprache. Die Minister, die die Kinder, ihre Familien und ihr soziales Umfeld diffamiert und sogar Richter, Journalisten und AktivistInnen bedroht haben, die Gerechtigkeit in diesem Fall forderten, haben kein Wort gesagt. Noch weniger hat sich der Präsident der Republik geäussert. Trotzdem haben die Eltern der Kinder das Wenige akzeptiert, das der Staat ihnen geben wollte. „Ich vergebe ihnen von ganzem Herzen. Ich kann sie nicht verurteilen, denn der Einzige, der urteilen darf, heisst Gott“, sagte Ismael Arroyo, der Vater von Ismael und Josué. „Ich nehme die öffentliche Entschuldigung an, denn ich bin nicht Gott, um zu urteilen. Nur Gott kann diese Männer richten, die unseren Kindern das angetan haben“, sagte Silvana Lajones, Mutter von Steven.

Es ist offensichtlich, dass diese durch politische Normen festgelegte Konvention, dieser aus Pflichtgefühl vorgetragene dialektische Kunstgriff, unzureichend ist, aber es ist anzunehmen, dass die Väter und Mütter, gestützt auf ihren christlichen Glauben, es akzeptieren können, weil es der einzige Weg ist, ihr Herz zu heilen und das Leben zu ertragen. Ein implizites Konzept in einer Tragödie, die Vergebung braucht, ist das Gemeinschaftsgefühl.

Der ecuadorianische Staat hat den Eltern der Opfer nie etwas Derartiges gewährt, und dennoch ist es ihnen gelungen, dies den übrigen Angehörigen anzubieten, die weiterhin nach ihren Verschwundenen suchen. „Ich wünsche mir, dass sich so etwas bei keinem anderen Kind wiederholt. An die Mädchen, deren Angehörige verschwunden sind: Ich bin bei euch“, sagte Johana Arboleda, die Mutter von Nehemías. In dieser Situation fataler Unvollständigkeit warten sie weiterhin auf das Wichtigste: die Wahrheit.

Die französisch-iranische Künstlerin Marjane Satrapi ist gestorben. „Aus Traurigkeit“, sagten ihre Angehörigen. Trotz des Ansehens und der Bewunderung, die sie genoss, kämpfte die Autorin der monumentalen Graphic Novel „Persepolis“ mit einem inneren Feuer, das sie schliesslich verzehrte. In dieser Leichenhalle namens Ecuador, apathisch und erstickt von so viel gewaltsamem Tod, scheint ein Tod aus Traurigkeit eine literarische Freiheit zu sein. Doch das ist weit davon entfernt, ein fiktionales Mittel zu sein, denn vielleicht ist die Apathie, die wir empfinden, an sich schon ein Tod aus Traurigkeit. Wir leben mit einem inneren Feuer, das unseren Geist verzehrt. Vielleicht fehlt nur noch, dass der Körper stirbt.



[i] (A.d.Ü.) Betreuungsdienst für Gefangene, seit 2025 Teil des Innenministeriums.

Ecuador: Die Stiefel und die Stimmen

Mittwoch, 23. April 2025

https://amerika21.de/analyse/274883/ecuador-die-stiefel-und-die-stimmen

Marco Terruggi berichtet aus Quito über die Situation nach der Stichwahl
Umstrittener Wahlsieger: Daniel Noboa
Umstrittener Wahlsieger: Daniel Noboa

Aus Quito kommt die Chronik eines Wahlhangovers ohne Happy End. Das überraschende Ergebnis hat die Linke geschockt und einer Regierungspartei, die Donald Trump huldigt, die Wiederwahl beschert. Warum spricht die Opposition von Wahlbetrug? Und was erwartet ein von Gewalt gezeichnetes Ecuador nun?

"Hier stiegen sie ein und sagten mir: 'Schau mal, ich bin für Noboa'. Von etwa 20 Kunden waren fast alle für Noboa, etwa fünf oder sechs für Luisa", sagt Carlos, während er seinen Uber durch die steilen Straßen von Quito fährt, zufrieden mit dem Ergebnis der Wahlen vom Sonntag.

Er gehörte zu den wenigen, die von den Zahlen des Nationalen Wahlrats (CNE) nicht überrascht waren, als dieser den Sieg von Daniel Noboa mit mehr als elf Punkten Vorsprung vor Luisa González bekannt gab. Ein K.o.-Sieg, den keine Umfrage oder Wahlprognose vorhergesagt hatte.

Ebenso wenig hatte man erwartet, dass González am Sonntagabend auf die Bühne steigen und sagen würde: "Das ist eine Diktatur und der größte Wahlbetrug, den wir Ecuadorianer je erlebt haben." Die überraschten Gesichter der Führungskräfte an ihrer Seite zeigten die Wirkung der Anfechtung der Niederlage mit fast 1,2 Millionen Stimmen Unterschied und den Aufruf zu einem Kreuzzug für eine Neuauszählung und die Öffnung der Wahlurnen.

Seitdem sind 72 Stunden vergangen, und der Alltag in der Hauptstadt verlief wie jede Woche, ohne Demonstrationen oder Kundgebungen vor dem CNE, um den Betrug anzuprangern, und ohne Ankündigungen, dass es solche geben wird. Oberflächlich betrachtet ist alles wie zuvor, mit abwechselnd sonnigen und regnerischen Tagen, dem Blick der Jungfrau der Apokalypse auf dem Gipfel des Panecillo, den dunkelgrünen Bergen und dieser seltsamen Traurigkeit in Quito, die von weit her zu kommen scheint.

Eine Ruhe in einer Stadt, die unter der Bedrohung des am Tag vor den Wahlen erlassenen Präsidialdekrets steht, das die Bewegungs- und Versammlungsfreiheit einschränkt und die Unverletzlichkeit der Kommunikation und der Wohnung für 60 Tage aussetzt. Allerdings sind dies keine neuen Einschränkungen: Der Ausnahmezustand ist nicht außergewöhnlich, sondern seit mindestens sechs Jahren an der Tagesordnung in einem Land in der Krise, das an das tragische Narco-Kolumbien der 1980er Jahre erinnert

Die Frage ist nun, ob der Druck für eine Neuauszählung der Stimmen zunehmen wird oder ob die Betrugsvorwürfe in den sozialen Netzwerken verpuffen werden. Im Moment scheint es, als würde sich die zweite Option durchsetzen, während Noboa beginnt, seinen Plan für weitere vier lange Jahre vorzubereiten, in denen er Ecuador wie seine Bananenplantage regieren will.

Betrug leicht gemacht

Auf die entschiedenen Betrugsvorwürfe von González folgte eine Reihe von eigenen Führungskräften und Verbündeten, die sich distanzierten und den Sieg von Noboa anerkannten. Im Lager der Bürgerrevolution hallten die Namen von Pabel Muñoz, Bürgermeister von Quito, Paola Pabón, Präfektin von Pichincha, Aquiles Álvarez, Bürgermeister von Guayaquil, Marcela Aguiñaga, Präfektin von Guayas, oder Leonardo González, Präfekt von Manabí, wider.

Dass die Abgrenzung weitgehend von Akteuren mit institutionellen Ämtern ausging, lässt sich wohl durch die drohenden Gerichtsverfahren und möglichen Amtsenthebungen erklären, denen sie ausgesetzt sind (wie im Fall von Muñoz) sowie durch eigene Analysen des Wahlergebnisses vom Sonntag und durch politische Kalküle für die Zukunft. Jeder positioniert sich angesichts der bevorstehenden oder sogar bereits eingetretenen Verfolgung, mit Ausreisewarnungen für fast hundert Regierungsgegner.

Auch die Wahlverbündeten des Correismus distanzierten sich, wie Jan Topic, Unternehmer, Kandidat für 2023 und 2025 zugunsten von Noboa disqualifiziert, der die Niederlage von González anerkannte.

Und ebenso Pachakutik, der politische Arm der Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador (Conaie). Die Position der wichtigsten indigenen Organisation war in diesem Szenario entscheidend: Sie ist die einzige Bewegung, die in der Lage ist, eine Massenmobilisierung auf den Straßen zu organisieren, was die Bürgerrevolution, die sich auf die politische Superstruktur konzentriert, aus eigener Kraft nicht leisten kann.

Die zunehmende Zurückhaltung bei der Unterstützung der Betrugsvorwürfe von González und Rafael Correa spiegelte sich auch auf internationaler Ebene wider, wo Lula da Silva, Xiomara Castro, Yamandú Orsi, Gabriel Boric und die Wahlbeobachtermission der Europäischen Union das Ergebnis anerkannten.

Die Zweifel daran, dass es tatsächlich zu einem Wahlbetrug bei den Ergebnissen vom Sonntag gekommen ist, beruhen auf dem Fehlen öffentlich vorgelegter Beweise, die dies zum jetzigen Zeitpunkt in einem Ausmaß belegen, das den angekündigten Stimmenunterschied zwischen den beiden Kandidaten erklären würde.

Der ehemalige Präsident Correa erklärte, er sei dabei, solche Beweise zu sammeln.

Am Mittwochabend prangerte González an, dass es "mehrere Versionen der Wahlprotokolle gab, die vom CNE selbst geändert wurden, nachdem sie in das System eingegeben worden waren (...) und damit das Endergebnis verfälschten", "eine künstliche Verringerung der Wahlenthaltung, es gab mehr Stimmen als Wähler", und sie forderte vom CNE "die sofortige Veröffentlichung aller ordnungsgemäß unterzeichneten Wahlprotokolle". Sie versicherte außerdem, über "1.984 nicht gemeinsam unterzeichnete Protokolle und 1.526 Protokolle, deren Summe nicht mit der Anzahl der Wähler übereinstimmt" zu verfügen, die daher im Kontext eines Betrugs, bei dem "mehr als eine Million Stimmen gestohlen wurden", für ungültig erklärt werden müssten.

Es gibt durchaus ein logisches Argument, um die Zweifel am Ausgang zu erklären: "Das Ergebnis ist statistisch und wahltechnisch unmöglich", wiederholt Correa. Weil González zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang in mindestens sechs Provinzen Stimmen verloren hat; weil es nicht sein kann, dass die Bündnisse mit Topic oder Conaie keine Stimmen gebracht haben; weil González nur 159.000 Stimmen hinzugewonnen hat, während Noboa mehr als 1,3 Millionen Stimmen dazugewonnen hat; weil die Differenz zwischen den Exit Polls und dem Endergebnis mathematisch nicht zu erklären ist; weil keine Umfrage oder Nachverfolgung diese Differenz ergeben hat. Ein "sehr zweifelhafter Sieg", wie Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum erklärte.

Es gibt auch kontextbezogene Gründe: Der Wahlkampf fand von Anfang an in einem undemokratischen Rahmen statt. Angefangen bei der Ignoranz der Wahlbehörde CNE gegenüber den zahlreichen Unregelmäßigkeiten und Rechtsverstößen Noboas über die kurzfristige Verlegung von Wahllokalen in Gebieten mit starker sozialer Basis des Correismus bis hin zum Ausnahmezustand am Tag vor der Wahl.

Eine Wahl mit unfairen Spielregeln, einem Schiedsrichter, einer Fangemeinde und einer Polizei, die bereit waren, jeden zu disziplinieren, der sich gegen den Präsidenten-Kandidaten stellte.

Das Ende der Formalitäten

"Als der CNE am Sonntag die Ergebnisse bekannt gab, war es, als würden sie den Sieg ihrer Mannschaft feiern", berichtet eine erfahrene lateinamerikanische Politikerin, die die Bekanntgabe der Ergebnisse vor Ort beobachtete, wo die Rektoren von vermummten Soldaten mit Langwaffen umringt waren.

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Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro sagte am Dienstag: "Die Gebiete mit oppositioneller Mehrheit wurden zwei Tage vor den Wahlen unter Ausgangssperre gestellt und unter militärische Kontrolle gebracht. Die Wahlleitung stand unter direkter militärischer Überwachung durch bewaffnete Männer mit vermummten Gesichtern. An jedem Wahllokal war eine starke uniformierte und bewaffnete Militärpräsenz zu sehen. Wir mussten ausländische Beobachter schützen, weil sie Angst hatten, nicht mehr wegzukommen."

Der letzte Teil der Wahl zeigte, wie die Kampagne eines Präsidenten verlief, der sich rechtlich aus dem Amt zurückziehen musste, um kandidieren zu können, dies aber nicht tat; und der in den letzten Wochen mehr als 500 Millionen Dollar in Form von Anleihen verteilte; oder der ein Abkommen mit dem US-amerikanischen Söldner Erik Prince schloss, der in Ecuador landete, um eine Wahlkampfveranstaltung gegen die Bürgerrevolution abzuhalten. Prince, der neben dem Innen- und dem Verteidigungsminister interviewt wurde, beschuldigte Correa, Verbindungen zum Drogenhandel zu haben und Vater eines Kindes von Luisa González zu sein.

Die Wahl passte in eine Zeit, in der demokratische und diskursive Formen immer weniger Bedeutung haben, manchmal gar keine. Wer kann, der kann.

In Ecuador stimmen laut dem Bericht 2024 von Latinobarómetro 53 Prozent der Bevölkerung zu, dass ein Präsident "Gesetze, das Parlament und Institutionen übergehen darf, um Probleme zu lösen". Das ist der höchste Prozentsatz in der Region.

Noboa hat nun freie Bahn. Nachdem seine erste Amtszeit von einem Polizeieinsatz in der mexikanischen Botschaft und der Entsendung des US-Südkommandos ins Land geprägt war, stellt sich die Frage, was in den kommenden vier Jahren zu erwarten ist.

Innenminister José de la Gasca kündigte bereits am Tag nach der Wahl an, dass die nächste Regierung Noboa eine verfassungsgebende Versammlung vorantreiben werde, eine Strategie zur Abschaffung der Verfassung von Montecristi aus dem Jahr 2008, die unter der Präsidentschaft Correas per Volksabstimmung verabschiedet worden war.

Die neoliberale und neokoloniale Restauration erlebt derzeit ihren Höhepunkt. Der Präsident ist auch Teil eines Unternehmensimperiums mit rund 156 Firmen, das im Bananensektor eine Vormachtstellung innehat, und wird beschuldigt, über sein Familienunternehmen Noboa Trading in Drogengeschäfte verwickelt zu sein. Die Noboas kontrollieren großflächige Plantagen und Lastwagen bis hin zu den Lagern und private Häfen, von denen aus Schiffe mit Bananenstauden und Kokainpaketen nach Europa auslaufen. Die Expansion des Unternehmensimperiums ist in einem Land, das zu einem Drehkreuz des Drogenhandels geworden ist, in vollem Gange.

Die Mehrheit unter Schock

In den Cafés von Quito wird nach den Wahlen eine Frage immer wieder gestellt: Wenn der Wahlbetrug das Ergebnis der Stichwahl nicht erklären kann, warum hat die Bürgerrevolution dann in ihrer dritten Präsidentschaftswahl innerhalb von vier Jahren wieder verloren?

Einige weisen auf Fehler im Wahlkampf hin. Einer davon betrifft die offenen Flanken in Bezug auf die Dollarisierung, ein hochsensibles Thema in Ecuador, das den Slogan "Luisa, entdollarisiert uns" und die Verbreitung einer wirksamen Angstkampagne hervorgebracht hat.

Ein weiterer Faktor dürfte die Haltung gegenüber der Bolivarischen Revolution gewesen sein, vor dem Hintergrund einer starken Ablehnung der ecuadorianischen Bevölkerung gegenüber allem, was venezolanisch klingt.

"Ich mochte keinen der beiden, aber ich habe für Noboa gestimmt, weil mir dieser Teil des Sozialismus Angst macht, zumindest nach den letzten Äußerungen in der Debatte, dass sie Maduro als verfassungsmäßigen Präsidenten anerkannt hat, und auch die Friedensvermittler, von denen Luisa gesprochen hat, haben mir nicht gefallen", sagt María auf der Plaza Murillo in Quito, in der Nähe einer lebensgroßen Pappfigur von Noboa, die am Eingang eines Restaurants steht.

Andererseits hat sich eine radikale Anti-Correismus-Haltung in vielen Köpfen festgesetzt. Dies ist eine Folge der permanenten Korruptionsvorwürfe und angeblichen Verbindungen zum Drogenhandel, der Einleitung von Gerichtsverfahren und der täglichen Medienberichte, die so zahlreich sind wie die Kirchen im kolonialen Zentrum von Quito. Jeder Fehltritt wird hochgespielt, insbesondere bei einer Stichwahl, bei der es darum ging, die unbeständigsten und wechselhaftesten Wähler zu erreichen, um die Decke der Stichwahlen von 2021 und 2023 zu durchbrechen.

Es gibt noch eine andere mögliche Erklärung, die mit den Schwierigkeiten der alten progressiven Kräfte oder Linken in der Region zusammenhängt, die sich in den internen Streitigkeiten innerhalb des argentinischen Peronismus-Kirchnerismus, dem Scheitern des Wandlungsprozesses in Bolivien oder der Krise der venezolanischen Präsidentschaftswahlen zeigen.

Erschöpfung der Repertoires, der sprachlichen Mittel, das Ende von Zyklen, angekündigte, aber nicht vollzogene Führungswechsel, Fotos vergangener Erfolge, die sepiafarben werden, bis sie schließlich für die neuen Generationen, die von Subjektivitäten geprägt sind, die sich aus Prekarisierung und sozialem Aufstieg durch Apps, Wetten, Drogenhandel oder Migration entwickelt haben, verblassen.

Wenn eine andere Formel erforderlich ist, um ein anderes Ergebnis zu erzielen, stellt sich die Frage, wie die neue Arithmetik für eine Bürgerrevolution aussehen würde, die bei dieser Wahl im Gegensatz zu 2021 und 2023 sowohl mit dem indigenen Sektor als auch mit Akteuren der Rechten Bündnisse geschlossen hat.

Die Antwort darauf scheint dringend für eine geografisch zergliederte Bewegung, mit linken und konservativen oder unternehmerischen Strömungen in ihrem Inneren, wahrscheinlichen neuen Verrätereien und sich entwickelnden zentrifugalen Kräften, die in einem Land, das zu Lawfare und Blei verkommen ist, unter Bedrohungen (über)lebt.

Es bleibt schließlich eine Frage offen: Wie kann man in einem Umfeld, in dem demokratische Prozesse manipuliert werden und ein chronischer Schockzustand herrscht, eine Mehrheit aufbauen und Wahlen gewinnen? Alles deutet darauf hin, dass sich dieser Trend in einer Welt, in der Demokratie für diejenigen, die nach Gewinnmaximierung und Macht streben, obsolet wird, noch verschärfen wird.

Im Falle Ecuadors kommt hinzu, dass das Land unter der direkten Kontrolle seiner wirtschaftlichen Eigentümer steht, die offenbar vergessen haben, dass es sich um ein Land der Vulkane handelt.

16. April

 

US-Militärintervention in Ecuador

Montag, 17. März 2025

 

Jorge Sanchez*

(14.3.25) Die Regierung von Daniel Noboa und die lokalen Behörden suchen nach wirksamen Lösungen, um das Phänomen der organisierten Kriminalität und des Drogenhandels zu bekämpfen. In diesem Zusammenhang hat die ecuadorianische Führung die vorübergehende Einreise internationaler Spezialeinheiten in das Land vorgeschlagen. Ihr Aussenministerium hat betont, dass es strategische Verbündete einladen will, um einen entscheidenden Schlag gegen die Kriminalität zu führen.

US-Militär in Ecuador ist eine Realität

Im Dezember 2024 kündigte der ecuadorianische Präsident Daniel Noboa an, dass die Galápagos-Inseln zu einem US-Militärstützpunkt werden, und die ersten US-Schiffe und -Besatzungen sollen in den kommenden Tagen eintreffen. Die Regierung rechtfertigt diese Massnahme mit dem Argument, sie sei Teil des Kampfes gegen den Drogenhandel, die illegale Fischerei und andere illegale Aktivitäten in der Inselregion. Auf diese Weise hat das Pentagon seine Präsenz in Lateinamerika verstärkt und seine Intervention als „humanitäre Mission“ dargestellt.

Das von Noboa am 15. Februar 2024 mit Washington unterzeichnete Abkommen gewährt dem US-Militärpersonal ähnliche Privilegien und Ausnahmen wie den diplomatischen Vertretungen, einschliesslich rechtlicher Immunität.

Am 11. März traf sich der ecuadorianische Präsident mit Erik Prince, dem Gründer von Blackwater (jetzt Academi), um eine strategische Allianz zu schliessen. Diese Zusammenarbeit wird die Ankunft von US-Söldnern im Lande unter dem Vorwand der „Bekämpfung des Drogenhandels“ erleichtern. Offiziellen Angaben zufolge wurde die Zahl der in Ecuador eintreffenden Militärangehörigen nicht präzisiert.

In diesem Zusammenhang besteht die Gefahr, dass Ecuador zu einem Staat wird, der von ausländischen Mächten abhängig ist, was seine Fähigkeit, souveräne Entscheidungen zu treffen, in Zukunft beeinträchtigen könnte. Die zunehmende Militarisierung und die Zusammenarbeit mit privaten Akteuren bei der Bekämpfung des Drogenhandels unter dem Vorwand der Sicherheit könnten das Land in eine Arena für ausländische Interessen verwandeln und seine Autonomie und Kontrolle über sein eigenes Territorium schwächen.

 

US-Militär als Garantie für den Sieg bei den Präsidentschaftswahlen

Noboa hat sich dafür entschieden, die Präsenz von US-Söldnern in Ecuador zu erhöhen, und die Gründe für diese Entscheidung liegen auf der Hand. Je näher die Präsidentschaftswahlen am 13. April rücken, desto unsicherer fühlt sich Noboa in seiner Position. Seine Hauptkonkurrentin, Luisa González, geniesst grosse Unterstützung und hat gute Chancen, die Wahlen zu gewinnen. Angesichts dieser Ungewissheit versucht Noboa, einen überwältigenden Sieg zu erringen, und er scheint dafür zu extremen Massnahmen bereit zu sein.

Anonyme Quellen im ecuadorianischen Innenministerium haben offen gelegt, dass für den Fall, dass es als Reaktion auf die Wahlergebnisse zu Protesten kommen sollte, eine Koordinierung zwischen der nationalen Polizei und Blackwater-Söldnern geplant ist, die Berichten zufolge unter dem Deckmantel von Polizeibeamten operieren. Diese Strategie zielt nicht nur darauf ab, jede Welle der Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die nach den Wahlen aufkommen könnte, zu unterdrücken und niederzuschlagen, sondern auch darauf, radikalere Elemente der Opposition auf den Strassen zu unterdrücken.

Zivilorganisationen haben für den 15. März um 10:00 Uhr auf der Plaza de la Independencia in Quito zu einer friedlichen Demonstration aufgerufen. Die Mobilisierung soll die Ablehnung der Präsenz von US-Militär und Blackwater-Söldnern im Land zum Ausdruck bringen und die nationale Souveränität verteidigen. Die Ecuadorianer sind aufgerufen, sich zu vereinen und Autonomie zu fordern. Die nationale Souveränität, so die auf der Strasse verbreitete Meinung, sollte nicht zur Verhandlungssache werden.

 

Fazit ohne positive Tendenzen

Die Vereinigten Staaten betrachten Lateinamerika seit jeher als ihre Einflusszone, die reich an strategischen natürlichen Ressourcen ist. Vor dem Hintergrund des zunehmenden geopolitischen Wettbewerbs hat Washington damit begonnen, eine verstärkte militärische Präsenz in der Region zu planen und dies als Massnahme zur Gewährleistung von Sicherheit und Stabilität zu begründen. Mit dieser Expansion soll der Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen wie Erdöl, Mineralien und Agrarländereien gesichert und gleichzeitig dem Einfluss aufstrebender Mächte entgegengewirkt werden.

·        La intervención militar estadounidense en Ecuador. Zum Thema s. auch: Präsident von Ecuador kündigt "strategische Allianz" mit Söldnertruppe Blackwater an