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ReArm Europe und «emanzipatorische» Verkleidung

Freitag, 4. April 2025

 

Der Ökonom Alejandro Marcó del Pont ging kürzlich auf das € 800-Mrd.-Aufrüstungsvorhaben der EU ein. Er sprach von der «Rentabilität der Angst», der zwar absurden, aber pausenlos geschürten Angst, dass die Hunnen (Putin) das demokratische Europa besetzen wollen. Eine gewinnbringende Angst. 

Del Pont schreibt, die «Verschiebung der Prioritäten spiegelt sich auch auf den Finanzmärkten wider. Europa hat aufgehört, in die so genannten ‘Magnificent Seven’ (Apple, Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla) zu investieren, die 2025 einen Rückgang von 8 % hinnehmen mussten. Stattdessen haben die europäischen Rüstungsaktien einen Boom erlebt. Rheinmetall beispielsweise hat im Jahr 2025 um 80% und in den letzten drei Jahren um fast 1’350% an Wert gewonnen. Dasselbe gilt für andere grosse Unternehmen des Sektors.»

«Was der Öffentlichkeit jedoch eher verborgen bleibt, ist dass das Narrativ der europäischen Rüstungsausgaben letztlich den Vereinigten Staaten zugutekommt. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts (SIPRI) haben die europäischen NATO-Staaten - darunter Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und 26 weitere - ihre Waffeneinfuhren seit 2020 verdoppelt. Die USA sind der Hauptlieferant: 64 Prozent der von diesen Ländern beschafften Waffen stammen von US-Unternehmen. Und mit den anstehenden Verkäufen wird diese Abhängigkeit weiter zunehmen. Von den 326 Milliarden Euro an Militärausgaben fliessen rund 250 Milliarden in den militärisch-industriellen Komplex der USA. Ein rundes Geschäft.»

«Geschäft ist Geschäft. Auch wenn es blutig ist. Das geht so weit, dass eines der zentralen Dogmen der neoliberalen Orthodoxie - das Haushaltsgleichgewicht - gelockert wird, wenn es um Militärausgaben geht. (…) Am selben Tag, an dem der ReArm Europe-Plan angekündigt wurde, stimmte der Deutsche Bundestag einer Verfassungsänderung zu, mit der die 2009 eingeführte Schuldenbremse ausgesetzt wird. Das neue 500-Milliarden-Euro-Paket soll für Infrastruktur, Klimainitiativen und natürlich für die Verteidigung ausgegeben werden.»

«Kurzum, es scheint, dass bestimmte wirtschaftliche Grundsätze - wie das Haushaltsdefizit - relativiert werden können, wenn das Geschäft mörderisch ist. Was wirst du denken, wenn dir gesagt wird, dass die Ausgaben für Gesundheit oder Bildungdie öffentlichen Finanzen belasten? Oder deine Rente für das Haushaltsdefizit verantwortlich gemacht wird?»

Auf die von Trump weiter angeheizte EU-Angstmache in Sachen «Putin ante portas» geht auch der britische Ökonom Michael Roberts auf seinem Blog ein (From welfare to warfare: military Keyensianism) Der «UK-Premier Keir Starmer und ein früherer Chef des MI 5 behaupten beide», nach einem russischen Sieg in der Ukraine gehe es nicht lang, bis russische Truppen «auf britischen Strassen» seien.  «Bronwen Maddox, die Leiterin von «Chatham House, dem aussenpolitischen ‘Think Tank’, der hauptsächlich die Standpunkte der britischen Militärstaates vertritt, startete die Sache mit der Behauptung, dass Verteidigungsausgaben ‘den grössten Nutzen’ im Kampf Demokratie versus Autoritarismus bringen.» Das koste allerdings etwas, sagte die Denkerin: «Im nächsten Jahr und darüber hinaus müssen sich die Politiker darauf einstellen, das Geld mit Kürzungen von Krankengeld, Renten und Gesundheitswesen» hereinzuholen.

Roberts zitiert den Kolumnisten der Financial Times, Janan Ganesh so: «Europa muss den Welfare-Staat kürzen, um den Warfare-Staat aufzubauen (…) Wie, wenn nicht mit einem kleineren Wohlfahrtsstaat soll ein besser gerüsteter Kontinent finanziert werden?» Und: «Wer immer unter 80 ist und das Leben in Europa verbracht hat, kann dafür entschuldigt werden, einen gigantischen Wohlfahrtsstaat als natürliche Sache anzusehen. Tatsächlich war er das Produkt eigenartiger historischer Umstände, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorgeherrscht haben und das nicht mehr tun.» Roberts Kommentar: «Ja, genau, die Errungenschaften für arbeitende Menschen im goldenen Zeitalter waren die Ausnahme von der kapitalistischen Norm (‘eigenartige Umstände’).»

Die EU-Aussenkommissarin Kaja Kallas hat das Globale im Blick: «Wenn wir gemeinsam nicht fähig sind, Druck auf Moskau auszuüben, wie sollen wir dann behaupten, China besiegen zu können?» Auch der ehemalige EU-Chef und heutige polnische Ministerpräsident Donald Tusk ist auf der Höhe der Zeit: Polen «muss die modernsten Möglichkeiten wahrnehmen, auch bezogen auf Atomwaffen und andere nicht-konventionelle Waffen.»

 

Mitmarschieren, aber fest alternativ

Soweit Roberts. Diese EU- Propagandaszenarien werden medial unablässig wiedergekäut: Reicht der französisch-britische Atomschild oder braucht Deutschland eigene Atombomben, wer sonst noch? Vorbei die Frage, wie ein Atomkrieg oder ein anderer ABC-Krieg (s. Tusks «nicht-konventionelle Waffen») zu vermeiden sei, dafür erkennbar das Grübeln, wie ihn gewinnen?

Und die «Linke»? Ähm, ja, man diskutiert mit. Zum Beispiel Cédric Wermuth, Co-Präsident der SP. Auch er weiss genau: «In der Ukraine wird um die Sicherheit Europas gekämpft.» Also muss die Schweiz mitmachen dabei, mit Geld. Woher das nehmen? Von den eingefrorenen Geldern der russischen Zentralbank. Das war vor zwei Jahren noch tabu, aber hey, gehen wir mit der Zeit! (Einzig unklar, warum nicht Gelder von US- oder EU-Oligarchen wegen Krieg und Völkermord enteignet werden.) Aber zurück zum Thema: «Die Ukraine muss auch militärisch mit allem unterstützt werden, was sie braucht.» Die NZZ sagt Wermut, ein Parteikollege habe gesagt, «die Schweiz müsse sich verteidigen können, wenn sie angegriffen werde.» Die klare Antwort des SP-Co-Chefs: «Wer sieht das nicht so?» 

Ok, Cédric will nicht planlos aufrüsten: «Zuerst muss klar sein, welchen Teil wir zur europäischen Sicherheitsarchitektur beitragen und was es überhaupt braucht (…) Aber ohne zusätzliches Geld für die Armee werden wir nicht sicherer.» Es geht nicht nur um Geld. «Vielleicht können wir uns dereinst an Friedenstruppen wie in Kosovo beteiligen.» Jetzt nämlich, mit Putin dem Drohenden, «müssen wir endlich unseren Beitrag leisten zur Verteidigung des demokratischen, sozialstaatlichen Europas.»

Oh je!!! Sozialstaat verteidigen? Getrieben von den «Zwängen» des Mitmachens in der Gesellschaftsverwaltung bleibt Menschen wie Cédric Wermuth, denen linke Anliegen nicht fremd sind, jetzt, wo sich die politische Lage dramatisch zuspitzt, nur noch Phantasieren. Vaterländische Heimatverteidigung? Scheisse! Aber «im europäischen Rahmen nachvollziehbar, wenn die Aufrüstung klar auf Verteidigung ausgerichtet ist.» Vaterland ist pfui, Vaterkontinent ist hurra. 1914 ist passé.

 

Das «Immerhin» der WoZ

Er ist nicht allein. Nennen wir für andere Aufrechte die WoZ. Auch hier brach wie im Mainstream nach dem Kolonialauftritt von Trump und Vance gegen Selenski das grosse Jammern über Trumps «Verrat an der Ukraine» aus. Und schlimm: «Während man in Warschau, Berlin und Brüssel die Zäsur der Ereignisse rasch begriffen hatte, blieb es in Bern auffallend still», schrieben Anna Jihkareva und Jan Jirát in der Woz vom 7. März. In der Schweiz, kritisieren sie, hat man die letzten Jahre mit neutralitätspolitischer Blödelei verbracht. «Immerhin» aber habe es zwei situationelle Updateversuche gegeben. Bundesrat Cassis habe die Idee einer «kooperativen Neutralität» (gemeint Anbindung an die NATO) aufgebracht, aber so ungeschickt, dass nichts draus wurde. Profilierungszoff zwischen Viola Amherd und Karin Keller-Sutter habe den nächsten Anlauf zum Rohrkrepierer gemacht. Nämlich Amherds Studienkommission zur «’Verteidigungskooperation’ mit NATO und EU» (Zitat des eidgenössisch zertifizierten Friedensexperten Laurent Götschel, Mitglied der Kommission. Aber «immerhin, etwas Klarheit kommt derzeit aus dem Parlament. Dessen Sicherheitskommission forderte vom Bundesrat intensivere Bemühungen zur Sicherung der Stabilität Europas.» Tolle Sache, lanciert von SP-Fabio Molina. SP-Nationalrat Jon Pult hatte auch spitzgekriegt, dass mit Trump «für Europa erstmals die Möglichkeit besteht, sich von den USA unabhängig zu machen und als eigenständiger Akteur zu behaupten.» Wonach, wenn nicht danach dürstet es die Welt? 

WoZ-Redakteur Kaspar Surber: «Die vielgerühmte ‘transatlantische Partnerschaft’ diente den reichen Staaten stets auch zur Durchsetzung ihrer Interessen im Globalen Süden», aber auch «als Fixpunkt der Ordnung seit 1945, dass der Schwächere vor dem Stärkeren geschützt werden soll». Wie könnte die globale Wahrnehmung des transatlantischen Wütens dialektisch besser gefasst werden? Dafür kein Begriff, dass diese «Partnerschaft» heute einer neuen Art der Durchsetzung besagter «Interessen» (nicht «nur» im globalen Süden) weichen soll. Aber Europa lockt mit der in Aussicht gestellten «Zusammenarbeit von demokratischen Staaten».

Eine Woche später etwas Erleichterung in der WoZ. USA und Ukraine beschliessen die Wiederaufnahme der von Trump kurz sistierten Waffenlieferung. Die Schreiberin weiss: «Immerhin ein Hoffnungsschimmer für die Menschen im kriegsversehrten Land.» Das gegenseitige Abschlachten vor allem junger Männer – jeweils für die Freiheit – geht weiter. In der gleichen Nummer feiert auch Hanna Perekhoda, Mitglied in Sozialniy Ruck, dem ukrainischen Ableger der sog. 4. Internationalen, Europa. Auch sie bekennt sich zu linken Forderungen: gegen die «Kürzung von Sozialausgaben», für «Gerechtigkeit und Sicherheit». Ihr Vorschlag: «Statt dass jede Nation ihr eigenes Militärbudget aufstockt, könnte Europa auch seine kollektiven Sicherheitsmechanismen stärken. Zwingend muss dabei die Energiesicherheit als Teil der Militärstrategie betrachtet werden: Indem wir die Abhängigkeit von russischen fossilen Brennstoffen verringern, verhindern wir auch künftige wirtschaftliche Erpressungen durch Russland.» Freier Markt statt Erpressung.

Damit die Europa-Lektion sitzt, interviewen Anna Jikhareva und Jan Jirát eine EU-Parlamentarierin der finnischen Linksallianz (WoZ 12, 20.3.25). Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine sei die Anti-NATO-Stimmung im Land und auch in ihrer Partei gekippt. Aber sie sei immer noch für ein Atomwaffenverbot, beim NATO-Eintritt habe niemand deren Atomkriegsdoktrin ernst genommen. Die Wehrpflicht würden jetzt auch die Jüngeren akzeptieren, die murren aus Gleichstellungsgründen, dass sie nur für Männer gelte. Trumps Kumpanei mit Putin sieht sie als «historische Chance, um die Abhängigkeiten von den USA zu verringern.» Europa sei auf gutem Weg; was früher als linksradikal gegolten hätte, werde jetzt oft gesagt. Beispiel: das EU-Parlament fordere die Möglichkeit für Europa, «innerhalb der NATO ohne die USA autonom zu handeln.» Die radikale Linke setzt sich durch! «Für uns als Linke ist wichtig, dass sich die NATO auf ihre Ursprungsmission fokussiert: die Verteidigung.» Good old NATO.

Dass die WoZ solche Absurditäten weiter verbreitet, spricht Bände von einer rasanten Abwärtsfahrt. Es geht um eine Art eigene Gehirnwäsche bei nicht wenigen Progressiven. Sie funktioniert prinzipiell so: Verniedliche Machtverhältnisse, bis sie vergessen werden. Europa ist nämlich nicht der Ort, an dem staatliche Sozialleistungen reduziert und abgeschafft werden; nicht eine weiter funktionierende Kolonialzentrale. Du füllst die Leerstelle mit Phantasien und Versprechen auf Schönes und Menschenwürdiges. Später kommt die Anpassung an nicht beeinflussbare «Fakten», du lässt dich dann mit einem Butterbrot kaufen.

Die Unfähigkeit zu begreifen, dass «Stellvertreter»-Kriege wie in der Ukraine allen Vertretenen angelastet werden müssen, ist verheerend. Sicher, einmarschiert sind russischen Soldaten. Keine Entschuldigung dafür. Nur ist auch gut dokumentiert, dass führende Kräfte des Westens den kommenden Krieg diskutiert hatten. Das alles zu ignorieren und ihre Aussagen als Geschwätz abzutun, verrät Duckmäusertum vor den Kriegstreibern im «eigenen» Lager. Sag NATO-Osterweiterung, und die BellizistInnen antworten, im Wissen um die stockreaktionären Mechanismen im Kreml: Krieg? Also los! Doch WoZ und ähnliche Kreise haben es nie geschafft, auch nur für flüchtende Kriegsverweigerer beider Seiten einzustehen.

Die russische Kriegsführung in der Ukraine zeugt von Barbarei. Kein Wunder, versuchen viele Menschen in der Ukraine, sich dagegen zu wehren. Andere, nicht nur im Donbas, wollen ein Ende des Selensky-Regimes. In der Ukraine will kaum wer einen Endloskrieg. Doch wovon zeugen die Daueraufrufe zur Fortsetzung des Kriegs bis zum Sieg? Von weniger Barbarei?

Es stimmt, wir scheinen machtlos gegenüber dem Treiben der Herrschenden in der Ukraine. Aber mitmachen ist das Gegenteil einer Option. Was jetzt «eingeübt» wird, soll gigantisch werden. Die Richtung ist klar. In Palästina wollen USA/Israel offen die Gesellschaft vernichten, im Kongo geht das Massenmorden für den Rohstoffhandel über Genf oder die Emirate weiter. Dagegen hilft kein «Europa», im Gegenteil, dagegen kann nur eine Tendenz zur globalen Gemeinsamkeit eine Perspektive bieten. Etwas anderes als «Europa» hochhalten.

Deshalb nach wie vor:

Brick by brick, wall by wall

Make the Fortress Europe fall.

Correos 206

Mittwoch, 7. Februar 2024

 (sorry, um ein paar Monate zu spät hochgeladen)




Correos 206

24 August 2023

 

Inhaltsverzeichnis

 

Das ganze Heft

 

Edito

 

El Salvador

"Es gibt genügend Anhaltspunkte, um El Salvador wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit strafrechtlich zu verfolgen"

Die Menschenrechtsorganisation Cristosal veröffentlichte einen erschütternden Bericht des von Zaira Navas geleiteten Untersuchungsteams zu schweren Regimeverbrechen im ersten Jahr des seit März 2022 andauernden «Ausnahme»-Zustands. Der Bericht konzentriert sich auf die Zustände in den Gefängnissen.

Julia Gavarrete befragt Zaira Navas

 

Wahlen, Irrlichter und üble Games

Dieter Drüssel

 

Brasilien

«Sukzessive Annäherungen» des Oberkommandos

Jeferson Miola

 

 

Kolumbien

Folgt Kolumbien auf die Ukraine?

Ein wichtiger Blick auf die Mechanik der US-Bedrohung in Lateinamerika, wenn auch in Bezug auf den nur gestreiften Krieg in der Ukraine ausschliesslich auf den Westen fixiert.

Aram Aharonian

 

Argentinien / IWF

IWF-Rezepte für Inflation und Rezession

Wer sucht, findet – die Dollarreserven der Zentralbank bei den Grossunternehmen

Claudio della Croce

 

Südamerika / EU

Fragiles neokoloniales Abkommen

Kritik am Strategischen Assoziierungsabkommen Mecosur- EU

Sergio Ferrari

 

Haiti

"Die Banden sind ein geplanter Terror, um den 'Status quo' aufrechtzuerhalten".

Mario Hernández interviewt Henry Boisrolin vom Comité Démocratique Haïtien

 

Fort Jacques gegen den Bandenterror

Alterpresse

 

Die Rache

 

 

Ukraine

Landraub «nebenbei»

Russische Agrarunternehmen eignen sich ukrainische Güter an. Das ist geläufig. Kaum thematisiert wird hingegen die westliche Grossoffensive zur fortschreitenden Unterwerfung der ukrainischen Landwirtschaft. Das erfordert Bauernopfer - findet auch die Schweiz.

Dieter Drüssel

 

USA, Pakistan, Ukraine: Eine wahre Geschichte

Donnerstag, 21. September 2023

 

(zas, 21. 9. 23) Im August 2022 stand ein Drittel der Fläche Pakistans unter Wasser. Klimaereignisse (extreme Hitze, schmelzende Gletscher im Norden, Regenfluten wegen La Niña) waren auf sozioökonomische Verbrechen (extreme Entwaldung, desolate Infrastruktur u. a.) gestossen. Mensch, Tier und Agrarland wurden überschwemmt. Die Dämme brachen, weil das Geld für ihren Unterhalt fehlte. Denn letztes Jahr waren 40 bis 50 % aller Staatsausgaben für den internationalen Schuldendienst veranschlagt. Regelbasierte Ordnung.

Die Wirtschaft steht diversen Berichten zufolge knapp vor dem Zusammenbruch. Premier Imran Khan wollte der sozial eh schon geplagten Bevölkerung keine weiteren «Hilfe»-Bedingungen des Fonds zumuten. Im April letztes Jahr setzten ihn Armee und die traditionelle Politelite ab. Das Land stand noch unter Wasser, als der IWF erneut harte Bedingungen für eine «Finanzhilfe» diktierte. Unter der wieder etablierten Elitenregierung sorgte der Fonds in den letzten Monaten für ein Emporschnellen des Preises für Flüssiggas (benutzt von der Bevölkerung fürs Heizen in der Kälte) um fast 50 %.

 

Dystopische Tendenz

Gestern brachte die pakistanische Zeitung Dawn den Lagekommentar «The deaths to come» der Anwältin und Dozentin Rafia Zakaria. Sie beschreibt die IWF-Zustände so:

 


«Um den mehr als doppelt gestiegenen üblichen Preis für Grundbedarfsartikel auszugleichen, rationieren [die Pakistanis] jeden Tropfen Benzin mit der Suche nach alternativen Transportoptionen, sie kaufen weniger Essen, billigeres Essen, das billigste Essen – aber nichts scheint zu funktionieren … Mehr scheint noch bevorzustehen. Die regelmässigen Benzinpreiserhöhungen, das Durchsetzen hoher Strompreise und die Erhöhung der Mehrwertsteuer haben schon dazu beigetragen, eine eh untragbare Situation in eine potentielle Katastrophe zu verwandeln.»

«An so vielen Enden muss gekürzt werden, etwas Wasser der Milch, Sägemehl dem Mehl und Kieselsteine den Linsen beigemengt. Aber mit der Zeit gibt es nur Wasser und keine Milch, nur Sägemehl und kein Mehl und nur Kieselsteine und keine Linsen. Die letzte Preiserhöhung, anscheinend nötig, um den IWF-Deal zu behalten, deutet in diese Richtung. Für WissenschaftlerInnen, die zu politischen Entscheidungsprozessen forschen, entwickeln sich die Dinge gemäss dem, was die Leute als ihrem Eigeninteresse entsprechend werten.»

«Aber diese Kalküle brechen zusammen, wenn die Leute nichts mehr zu verlieren haben. In Pakistan wird es bald Millionen von Menschen geben, deren Leben durch unkontrollierte Inflation und Unbezahlbarkeit selbst der Basisgüter dermassen zertrümmert wird, dass ihre Antworten auf Hunger, Obdachlosigkeit und Hoffnungslosigkeit absolut unvorhersehbar sind.»

«Die, deren Leben nicht unmittelbar wegen Nichtverfügbarkeit von Essen und Obdach bedroht sind, werden möglicherweise wegen anderem sterben.»

Etwa, erläutert Rafia Zakaria, weil die IWF-gesteuerte Abwertung der Rupie die Banken wegen Devisenmangel die Kreditanträge der Pharmaindustrie ablehnen lässt und diese Industrie damit vom Import lebenserhaltener Medikamente oder ihrer Substanzen abzuschneiden droht. Sie kommt zum Schluss:

«Diese neuste Wirtschaftskrise wird die Klassendemographie unwiederbringlich verändern. Wer zur unteren Mittelschicht gehört, wird vermutlich verarmen, und die Armen werden verzweifelt arm werden. Nur die in der Mittelschicht oder oberen Mittelschicht, die dank Überweisungen überleben, werden sich eine Weile halten können. Aber ihre Investments in Eigentum oder andere pakistanische Vermögenswerte werden parallel zur Währungsabwertung mehr und mehr Wert verlieren. All das wird Abhängigkeit vom Schwarzmarkt für Medikamente und alle nicht in Pakistan mit pakistanischem Material hergestellten Güter bringen.»

«Die einzige Klasse von Pakistanis, die von der Hölle, die auf Leute einbricht, nicht betroffen sind und es auch nicht sein werden, sind die Reichen und Ultrareichen. Mit all ihren Vermögenswerten sicher in  Dubai oder einem ähnlichen Finanzhafen in Sicherheit gelagert, können sie sich über die aktuelle Lage als Sujet für After-Dinner-Konversationen unterhalten. Diese Leute werden, wenn sich die Lage immer mehr verschlechtert, in ihre Offshore-Häfen reisen, so dass die Armen, die nichts mehr zu verlieren haben, nicht hinter ihnen her sein können.»

 

Ein Memo und ein Umsturz

Für die Wiederaufnahme eines früher wegen Reformmangels sistierten IWF-Programms bedurfte es einer Rückzahlungsperspektive, für die aber trotz weiterer Kreditoptionen $ 2 Mrd. fehlten. Noch im März dieses Jahres verneinte der Fonds öffentlich eine diese Bedingung abstreitende Aussage des pakistanischen Finanzministers. Doch im Juni zeigte er sich plötzlich kulant und zahlte $ 1.1 Mrd. aus.

Woher kam diese Kulanz? Des Rätsels Lösung hat offensichtlich mit einem Geheimmemo des pakistanischen Botschafters in den USA an die Regierung von Imran Khan zu tun, das im Land bis heute für hitzige Debatten und Repressionen der jetzigen Diktatur sorgt. Anlass war die Reise Khans nach Moskau, zufällig am Tag des russischen Einfalls in die Ukraine. Im Westen genoss der auf Neutralität zwischen USA, EU, China und Russland beharrende und mangelnde IWF-Freude aufweisende Khan wenig Sympathien. Anfang März, wenige Tage nach der Reise, lud der im State Department für Süd- und Zentralasien zuständige Assistenzaussenminister Donald Lu den damaligen pakistanischen Botschafter in Washington zu einem «diskreten» Gespräch ein.

Der Botschafter verfasste danach ein das Gespräch zusammenfassendes Memo. The Intercept veröffentlichte es am vergangenen 9. August, erhalten anscheinend von dissidenten pakistanischen Militärs. Donald Lu betonte demnach im Gespräch, Washington erblicke in der «aggressiv neutralen Position» Pakistans zum Krieg in der Ukraine «ziemlich eindeutig die Politik des Premiers» (also nicht der pakistanischen Eliten); einen Missstand also, der mit einer parlamentarischen Vertrauensabstimmung korrigiert werden könne. Lu:

«Ich denke, wenn eine Vertrauensabstimmung gegen den Premier siegt, wird in Washington alles vergeben werden, denn der Russland-Besuch wird als Entscheid des Premiers angesehen. Wenn nicht, denke ich, wird es schwierig werden, voranzukommen. Ehrlich, ich glaube, die Isolation des Premiers durch Europa und die USA wird sehr stark werden.»

Am Tag vor Lus Drohung hatte Imran Khan an einer Kundgebung auf die Forderung der EU-BotschafterInnen nach einer Integration Pakistans in die Anti-Russland-Front so reagiert: «Was denkt ihr von uns? Dass wir eure Sklaven sind? Wir sind mit Russland befreundet und auch mit den USA. Wir sind mit China und mit Europa befreundet. Wir sind kein Teil einer Allianz.» Am 1. April – das von Lu geforderte Absetzungsverfahren gegen Kahn war schon am Laufen – äusserte der pakistanische Armeechef mit patriotischem Verweis auf den Konflikt mit Indien, die russische «Aggression gegen ein kleineres Land ist nicht hinnehmbar». Er signalisierte damit den pakistanischen Eliten: Bahn frei für die Absetzung. Diese erfolgte wenige Tage später.

Natürlich dementierten Washington und Islamabad erst die Echtheit des Memos. Eine State-Department-Sprecherin fand die Vorstellung belustigend, die USA könnten je versuchen, in Pakistan oder sonst wo auf der Welt Einfluss auf innere Angelegenheiten anderer Länder zu nehmen. Mittlerweile richtet das Department aus, im Memo stehe nicht, dass die USA Khan weghaben wollten. In Pakistan eröffneten die Behörden unterdessen gegen Khan ein Verfahren wegen Geheimnisverrats (Leaken des Memos).

 

Waffenbruderschaft

Zurück zum IWF-Deal, gegen den es in den letzten Wochen offenbar viele Streiks und Demonstrationen gab. Das Portal The Intercept verfügt über gute Kontakte nach Pakistan und stellte am 17. September eine Verbindung zwischen Khan-Absetzung, IWF-Deal und Waffenlieferungen an die Ukraine her. Letztere sind seit Monaten als «offenes Geheimnis» Gegenstand pakistanischer und internationaler Presseberichte und pakistanischer oder ukrainischer Regimedementis. Wir lesen: «Pakistan ist bekannt als Produktionshub für in einem Abnützungskrieg benötigte Typen von Basismunition.» Vor einigen Monaten dem Portal zugespielte Dokumente, darunter Verträge, Lizenzdokumente, öffentlich zugängliche pakistanische Dokumente über Waffenverkäufe u. a., beschreiben, so das Medium, Munitionsverkäufe zwischen den USA und Pakistan ab Sommer 2022 bis Frühling 2023. Es sei ihm gelungen, einige Dokumente zu verifizieren, so stimmten die Unterschrift eines US-Brigadiers mit der auf von ihm gezeichneten Hypothekenverträgen und pakistanische Dokumente mit solchen der USA überein. 

Das Portal habe weiter ein Treffen des (neuen) pakistanischen Botschafters Masood Khan mit Donald Lu vom State Department vom 23. Mai d. J. recherchiert. Das Treffen habe als Vorbereitung auf eines des US-Botschafter Blome in Islamabad mit dem damalige Finanzminister Dar, ebenfalls zum Thema Waffenlieferungen/IWF, gedient. Dabei sagte Lu «Khan, dass die USA die Zahlungen für die pakistanische Munitionsproduktion geklärt hätten und den IWF im Vertrauen über das Programm informieren würden.» Die Zahl von $ 900 Millionen könne so vom Fonds als Zahlungsgarantie genommen werden. Denn der IWF verlangte von Pakistan, «gewissen, mit seiner Verschuldung und den Investitionen aus dem Ausland zusammenhängenden Finanzierungs- und Refinanzierungszielen nachzukommen», was für Pakistan schwierig war. «Die Waffenverkäufe waren die Rettung; die Erlöse aus dem Munitionsverkauf zuhanden der Ukraine deckten einen Grossteil der Lücke».

Ein «Detail» dieser Geschichte: Der Fonds hat offensichtlich entgegen seinem ganzen Geschwätz von transparenter Buchhaltung als Basis aller Dinge einen Hinterzimmerdeal des Weissen Hauses zur Grundlage seiner Kreditvergabe genommen.

Ein weiteres «Detail»: Auch The Intercept nennt das Unternehmen Global Ordnance als wichtige Kraft im US/Pakistan-Waffendeal zuhanden der Ukraine. Am 9. September hatte die New York Times einen längeren Artikel über die Umtriebe von Global Ordnance in der Ukraine und seinen Besitzer, den vom Pentagon mit einem $ 1 Mrd.-Vertrag favorisierten Waffenhändler Marc Morales aus Florida und Figuren aus dem ukrainischen Regierungsapparat in seinem Businessumfeld veröffentlicht. Die geschilderte Scene passt zu einem Unterwelt-Krimi der 1930-er Jahre.

Auf einer Party in Florida: In der Mitte der US-Dealer, links ein ukrainischer Funktionär und rechts ein ehemaliger Berater des ukrainischen Verteidigungsministeriums. Bild: NYT.

 «Und dann muss dieses braune asiatische Land den Preis zahlen»

Nun, der IWF-Kredit hat, so The Intercept, «den wirtschaftlichen Druck gemildert und der Militärregierung gestattet, die Wahlen zu verschieben und die Verfolgung von Khans UnterstützerInnen und anderen DissidentInnen zu verschärfen».

Das Portal zitiert anschliessend den US-Spezialisten für Pakistan Arif Rafiq, sonst eher in prominenten US-Thinktanks und Medien zuhause, mit Worten wie ein kleines Echo des Aufschreis von Rafia Zakaria:

«Die Prämisse ist, wir müssen die Ukraine retten, wir müssen diese Grenze der Demokratie am Ostrand Europas retten. Und dann muss dieses braune asiatische Land den Preis zahlen. Da kann es eine Diktatur geben, seinem Volk können die Freiheit verweigert werden, deretwegen jede beliebige Berühmtheit in diesem Land sagt, wir müssen die Ukraine unterstützen – die Möglichkeit, unsere Führung zu wählen, der Zugang zu zivilen Freiheiten, die Herrschaft des Rechts, all diese Sorte Dinge, die europäische Länder und konsolidierte Demokratien von Russland unterscheiden».