Es gab da einfach eine blanke
Weigerung, ökonomisch zu argumentieren. Man trägt ein Argument vor und es starren
einen einfach leere Blicke an. Es ist so, als ob man nicht gesprochen hätte.
Was sie sagen, ist unabhängig von dem, was man sagt. Man hätte ebenso gut die
schwedische Nationalhymne singen können – man hätte die gleiche Antwort
bekommen.
Zu Schäubles Beharren auf den „Spar“-Diktaten:
Seine Sicht war „Ich diskutiere nicht
über das Programm – es wurde von der letzten Regierung akzeptiert und wir
können unmöglich nach jeder Wahl alles ändern. Denn wir haben andauernd Wahlen,
wir sind 19.“An diesem Punkt musste ich aufstehen und sagen: „Nun, vielleicht
sollten wir in verschuldeten Ländern einfach keine Wahlen mehr abhalten“, und
es gab keine Antwort. Die einzige Interpretation [ihres Verhaltens], die mir
einfällt, ist: „Ja, das wäre ein gute Idee, aber leider schwer umzusetzen.“
Die evidente Führungsrolle Deutschlands in der Eurogruppe,
die subalterne Rolle des französischen Finanzministers und andere Punkte werden
ebenso plastisch beschrieben. Absolut zentral sind die Passagen, in den
Varoufakis Auskunft über die prekären Vorbereitungen einer kleinen Gruppe im Ministerium
für einen Grexit beschreibt, deren Vorschläge aber an Alexis Tsipras und an der
Kabinettsmehrheit scheiterten. Vorschläge, die um drei zentrale Themen kreisten
für den dann eingetreten Fall, dass die EZB die griechischen Banken schliesst:
eigene, in Euro dominierte Schuldscheine; Schuldenschnitt bei den griechischen
Bonds von 2012 im Besitz der EZB; Kontrolle der griechischen Zentralbank.
Das „Oxi“ des Referendums sollte diesen Massnahmen Schubkraft verliehen, aber
noch in der Nacht nach dem Referendum beschloss die Regierung im Verbund mit
den Führungspersonen der anderen politischen Kräfte, auf keinen Fall Schritte
zu unternehmen, welche die Massnahmen der Eurogruppe ablehnten.
 |
| Am 1. Juli 2015 beim Finanzministerium. Quelle: businessinsider.com |
___
Gestern veröffentlichte Varoufakis auf seiner Blogseite das von
ihm kommentierte „Abkommen“ mit der Eurogruppe:
The
Euro-Summit ‘Agreement’ on Greece – annotated by Yanis Varoufakis.
Dass das Protektoratsdiktat von seiner angeblichen ökonomischen Zielsetzung her
Schwachsinn ist, hat sich ja herumgesprochen. Varoufakis‘ Anmerkungen helfen, das
Fleisch am Knochen zu sehen, den Tsipras im EU-Auftrag gestern im Parlament durchgebracht
hat: den entfesselten Sozialangriff, die radikale Zerstörung einer Wirtschaft,
die sich in irgendeiner Form noch an Interessen der griechischen Bevölkerung
orientieren könnte. Der Zynismus der herrschaftlichen Sprache wird unerträglich
klar.
___
___
Ob es einem gefällt oder nicht,
auf absehbare Zeit wird Europa so bleiben, wie es ist. Hauptaufgabe wird sein,
diesen zunehmend demolierten Laden mit seinen 28 Möchtegernchefs
beisammenzuhalten. Nur einer von ihnen hat derzeit die Kraft dazu. Der Berliner
Politikwissenschaftler Herfried Münkler nennt ihn etwas großspurig die "Macht
in der Mitte" Europas. Macht setzt den Willen dazu voraus. Auch braucht
sie mehr als Wirtschaftskraft, doch Moderator und Lotse in der ersten Reihe
wird Berlin künftig sein und sich an Genörgel und Gemecker gewöhnen müssen. Die
europäischen Nachbarn müssen diese Rolle nicht fürchten.