Hier Teil I. Teil II folgt demnächst.
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(zas, 13.7.25) Nachdem US- und israelische Medien schon seit
Tagen über eine geplante «Umsiedlung» von hunderttausenden von Menschen in Gaza
in eine zu erbauende «humanitäre Stadt» dort, wo einst Rafah stand,
berichteten, machten Trump und Netanyahu die Absicht offiziell. Auch in Mainstreammedien
ist jetzt Erschrecken über dieses Vorhaben wahrnehmbar. Denn Vernichtungswillen
und Zynismus dabei sind enorm.
Trump hatte bekanntlich den Joker für geplante Verbrechen mit
der Spruch von der «Riviera von Gaza» schon früh signalisiert. Ein
Vernichtungswille, gestützt auch auf Pentagon-/Geheimdienst-Tentakel,
undurchsichtige Finanzunternehmen oder eines der global grössten
Beratungsunternehmen, die Boston Consulting Group. Das Wenige, was davon
öffentlich wird, reicht, um die Umrisse des Ungeheuers zu erahnen.
In der Strategie der «humanitären Stadt» findet auch die
sogenannte Gaza Humanitarian Foundation (GHF) ihren Platz. Am 11. Juli
berichtete das UN-Menschenrechtshochkommissariat von mindestens 798 Menschen,
die bei der US-israelischen GHF-Essenverteilung seit Ende Mai umgekommen sind.
Vor wenigen Tagen lag die Zahl noch bei 600, die Killstrategie geht weiter,
unbeirrt von Einwänden auch im Westen.
Teil I beschreibt Aspekte der Zerstörung von
Gesellschaftlichkeit in Gaza über eine Strategie von Morden, Aushungern und
Chaos. Teil II gibt Angaben zum darauf aufbauenden Plan der «humanitären
Stadt».
I
«Hunger Games»
Quelle: ‘The Hunger
Games’: Inside Israel’s aid death traps for starving Gazans, 20.6.25, auf
dem Portal 972.mag der jüdisch-palästinensischen Linksgruppe Local Call.
Die zwei Brüder Hatem (19) und Hamza (23) gesellten sich am
11. Juni um halb 2 nachts zu Dutzenden anderer Hungernder, die auf der
Küstenstrasse von Gaza auf die Lieferung von Nahrungsmittel warteten. «Sie hofften, einen Sack Weissmehl für die
5-köpfige Familie zu erlangen. Doch Hamza kehrte mit dem in ein weisses
Leichentuch gehüllten Körper seines jüngeren Bruders zurück.» Um halb 4
hatten sie «die Rufe gehört: Die Camions
kommen. Gefolgt sogleich vom Sound eines
israelischen Artilleriebeschusses. ‘Wir kümmerten uns nicht um den Beschuss.
Wir rannten einfach zu den Lichtern der Camions.’»
Stunden später – Hamza hatte einen Sack Mehl ergattert und
wartete am vereinbarten Treffpunkt auf seinen Bruder, den er beim Durcheinander
verloren hatte – kam ein Anruf eines Freundes der beiden: Er hatte die Leiche
Hamzas im Netz gesehen. Im Spital von Deir Al-Balah. Hamza eilte zum Spital, wo
ihm ein im gleichen Beschuss Verletzter das Geschehen berichtete. «Hatem und Andere versuchten sich im hohen
Gras zu verstecken. ‘Hatem hatte Splitterverletzungen am Bein’, sagte der Mann.
‘Stundenlang verlor er Blut. Hunde waren um ihn herum. Als dann mehr Hilfetransporte
ankamen, halfen Leute, die Körper auf einen zu laden. Insgesamt wurden an
diesem Morgen 25 auf Essen wartende Palästinenser auf der Küstenstrasse
getötet. Hamza brachte die Leiche von Hatem zurück nach Gaza-Stadt und
beerdigte ihn neben ihrer Mutter, die im August 2024 von einem Scharfschützen
erschossen worden war. Ihr älterer Bruder Khalid war ein paar Monate vorher
gestorben – bei einem Luftschlag, als er verletzte ZivilistInnen auf seinem
Pferdewagen evakuierte.»
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| Ein Verletzer wird auf der Küstenstrasse evakuiert. Bild: 972.mag |
…
Yousef Abu Jalila (38) hat eine 10-köpfige Familie. Früher
half ihnen des UN-Welternährungsprogramm mit Essenspaketen zu überleben. Doch
das ist seit zwei Monaten vorbei[i], «und der Preis von was immer noch auf dem
Markt ist, schnellte zum Himmel. ‘Meine Kinder weinen vor Hunger, und ich habe
nichts für sie zu essen.’ Abu Jalila hat keine andere Wahl, als bei den
Verteilzentren auf Hilfetransporte zu warten. ‘Ich weiss, dass ich sterben
kann, wenn ich versuche, Essen für meine Familie zu bekommen. Aber ich gehe,
denn meine Familie ist am Verhungern.»
…
Zahiya Al-Samsour (47). «Sie
ringt um Atem und sagte 972: ‘Mein Mann starb letztes Jahr an Krebs. Ich kann
nicht für meine Kinder sorgen. Kein Essen im Haus seit der Blockade und dem
Stopp der Hilfelieferungen, die uns im Krieg über die Runde halfen.’ Zusammen
mit tausenden Anderen kampierte sie in der Nacht vom 16. Juni auf der
Küstenstrasse mit der Hoffnung auf Hilfelastwagen. Aber am Morgen regnete es
Granaten auf die Menge und töteten mehr als 50 Menschen. ‘Ich sah Leute, die
ihre Glieder verloren, zerfetzte Körper. Drei meiner Nachbarn aus Al-Zaneh
[nördlich von Khan Younis] kamen um.»
…
Mohammad Al-Basyouni (22) liegt mit einer Schusswunde am
Rücken im Nasser-Spital. Er hatte sie am 25. Mai erhalten. «Ich verliess mein Zuhause (im Süden von Gaza) mit dem Ziel, Mehl für
meinen kranken Vater zu kriegen. Meine Mutter bat mich, nicht zu gehen, aber
wir hatten nichts zu essen und mein kranker Vater brauchte Hilfe. Ich brach um
6h auf und als ich ankam, begann das Schiessen. Ich wurde auf der Flucht
getroffen – ein Scharfschütze schoss mir in den Rücken. Ich habe überlebt, aber
andere nicht. Wir wussten, wir konnten sterben. Aber was für eine Wahl haben
wir? Hunger tötet. Wir wollen ein Ende des Kriegs und der Belagerung. Wir
wollen, dass dieser Albtraum vorbei ist. Ich kam verletzt und mit leeren Händen
zurück. Jetzt hat mein kranker Vater seinen einzigen Ernährer verloren.»
«Wir wurden Monster»
Quelle: ‘We’ve
turned into monsters’: Famine and genocide are changing society in Gaza,
19.6.25. Der Autor
Tariq S. Hajiaj ist Mitglied der Palestinian Writers Union.
«Ahmad Mosabih (16)
nahm auf die Reise, die nicht für jemanden seines Alters gedacht war, mit, was
ihm passend schien. Er nahm einen halben Meter langen eisernen Hammer, packte
ein Taschenmesser in den Hosensack, und brach um 3h früh mit einem Ziel auf:
einen Sack Mehl zu erlangen.» Ahmad, Verwandte und Nachbarn marschierten
eine Stunde an die Grenze zu Nordgaza, wo die Trucks durchkommen sollten.
«Er fand tausende von
Wartenden vor. Alle suchten Nahrung, aber waren sich auch über die Gefahren, im
Klaren: die Möglichkeit eines israelischen Beschusses – wie er täglich vorkommt
– und die Drohung, falls man einen Sack Mehl erlangt, von anderen Gazaern
ausgeraubt zu werden. Der Krieg hat Merkmale eines sozialen Lebens ausgelöscht
und nichts ausser Zerstörung und einer grauenvollen Tagesreise, um zu überleben
zu versuchen, gelassen. Das wurde Realität für Tausende von PalästinenserInnen,
die jeden Tag den entsetzlichen Aufbruch zu einem der Hilfeverteilzentren
machen, die von der von Israel unterstützen und von den USA geleiteten Gaza
Humanitarian Foundation gemanaged werden.»
«Seit Beginn des
Krieges lebt die Mehrheit in Gaza in Vertriebenenlagern und versucht, an das
für das Leben Unabdingbare zu kommen. Hunger kommt auf, nimmt leicht ab, kehrt
zurück, aber die ganze Zeit hört das Töten nie auf.»
«Ahmad fragt sich:
‘Was veranlasst mich zu einem mit Tod gefüllten Gang früh morgens? Eine
verirrte Kugel könnte mich treffen. Oder eine Rakete, wie sie die israelische
Armee auf Hungernde schiesst. Ich könnte die Armee überleben und es nachhause
schaffen, aber dabei auf einen Dieb stossen, der mir auflauert. Ich habe in
diesem Krieg gelernt, dass, wenn du nicht stark bist, dein Brot von Stärkeren
als du genommen werden kann.’»
‘Dier Krieg hat uns zu
Monstern gemacht. Das war nie unser Leben. Dafür sind wir nie jeden Tag aufgewacht.’
«Killing fields»
Die von der US-israelischen Propaganda als Alternative zur
UNRWA dargestellte GHF betreibt seit Ende Mai in Gaza vier
«Essensverteilungsstellen», drei davon im Süden. Täglich kommen tausende,
manchmal zehntausende Menschen zu jeder dieser Verteilstellen, um Essen für die
verhungernden Familien zu ergattern. Die IDF «sichern» die Umgebung der
Verteilstelle, US- und palästinensische Söldner werfen die Nahrungsmittel vom
Trailer auf den Boden und sind für die Sicherheit innerhalb der «Verteilzonen»
zuständig. Am 27. Juni bestätigte
die Haaretz, gestützt auf Aussagen von Offizieren und Soldaten der IDF: Die
«Verteilungszentren» sind «Mordzonen»
(killing fields). «IDF-Offiziere sagten
Haaretz, dass die Armee es der israelischen oder ausländischen Öffentlichkeit
nicht erlaubt, Aufnahmen der Vorfälle um die Nahrungsverteilungszentren zu
sehen. Ihnen zufolge ist die Armee zufrieden, dass die GHF-Operationen den
Totalkollaps der internationalen Legitimität für die Fortführung des Kriegs zu
verhindern (…) ‘Gaza interessiert niemand mehr’, sagte ein Reservist. ‘Es wurde
zu einem Ort mit eigenen Gesetzen. Der Verlust an Menschenleben bedeutet nichts.’»
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| Verteilzentrum am 16. Juni. |
Und weiter: Die Verteilzentren öffnen jeden Morgen meist nur
eine Stunde. «Die IDF schiessen auf
Leute, die schon vor der Eröffnung ankommen, oder nach der Schliessung, um sie
zu vertreiben.» Im Kernteil des Verteilzentrums operieren «amerikanische Arbeiter (…); im äusseren
Bereich sind es palästinensische Supervisoren, von denen einige bewaffnet und
bei der Abu Shabab-Miliz Mitglied sind.» (Zu dieser Miliz gleich mehr.) Die
«amerikanischen Arbeiter» sind laut einem früheren
Haaretz-Artikel primär gut bewaffnetes «früheres
Personal von CIA, Blackwater und US-Armee». Angeheuert wurden sie laut
Jack Poulson[ii] von
dem kürzlich in Wyoming eingetragenen und vom früheren CIA-Kader Philip Reilly
geleiteten Unternehmen SRS (Safe Reach Solutions) und dem Unternehmen USG, in dem
ein Ex-Special Forces den Chef abgibt. SRS ist ein Ableger des
Vermögensverwalters Two Ocean Trust. Ausgewählt
wurden SRS und USG offiziell vom «Vermittlertrio» USA, Ägypten und Katar.
Gesellschaft
zerstören
Avigdor Lieberman, ein weit rechts stehender Ex-Minister beschuldigte
Netanyahu, die angeblich mit dem IS verbandelte Shabab-Miliz gegen die Hamas
aufzurüsten. Netanyahus Büro antwortete
ihm so: «Israel geht auf mehrere und
verschiedene Weisen vor, um die Hamas zu besiegen.» Die Haaretz
ihrerseits befragte verschiedene PalästinenserInnen in Gaza und Israel zur
Shabab-Miliz. Eine Frau in einem Flüchtlingslager sagt: «Sie sagen, sie beschützen die Hilfsgüter, aber nichts davon erreicht
uns. Gleichzeitig kommen kommerzielle Güter und Container unter ihrer
Protektion sicher an und werden auf dem Markt verkauft. Es ist klar, wer davon
profitiert (…) Wir haben Angst vor Leuten mit Waffen. Wir können uns an
niemanden wenden. Wenn etwas passiert, wird uns niemand helfen. (…) Alle
machen, was sie wollen. Die Leute beginnen, aus Angst und Überlebenstrieb
heraus zu handeln.» Ein arbeitsloser Informatiker und Hamas-Kritiker in
Gaza-Stadt sagt: ‘Mit der Unterstützung
von Leuten wie Abu Shabab wird Gaza leichter kontrollierbar und unregierbar von
innen.’ «Er beschrieb diese Taktik als Teil einer grösseren israelischen
Strategie zur Destabilisierung von Gaza von innen. Sie benutzt kriminelle Netze,
‘verkleidet als lokale Sicherheitsakteure, um jede Einheitsfront zu
unterminieren. [Das] lässt das Gespenst eines Bürgerkriegs in Gaza hochkommen.
Vielleicht ist das das eigentliche Ziel: die palästinensische Gesellschaft von
innen zu zerstören.’»
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| Abu Shabab mit Komplizen. Foto: Facebook. |
Humanitäres Morden
Die in Genf angesiedelte NGO Euro-Med Human Rights Monitor erklärte
Ende Juni: «Mit der Gaza Humanitarian
Foundation führte Israel einen neuen Tötungsmechanismus mit humanitärer Fassade
ein, der den Genozid im Gaza-Streifen noch weiter eskaliert.» Médecins sans Frontières sagt:
Die GHF ist ein «als humanitäre Hilfe
getarntes Abschlachten». Der MSF-Nothilfekoordinator in Gaza erklärt: «Die vier
Verteilzentren liegen alle in einer Zone unter voller Kontrolle der
israelischen Kräfte (…sie) haben die Grössen eines Fussballfeldes und sind von
Wachposten, Erdhügeln und Stacheldraht umgeben. Der eingezäunte Eingang lässt
nur einen Zugang zu. Die Arbeiter lassen die Paletten und Kisten mit
Lebensmitteln fallen, öffnen die Zäune und lassen Tausende auf einmal hinein,
um bis zum letzten Reiskorn zu kämpfen. Kommen die Leute zu früh und nähern
sich den Checkpoints, werden sie beschossen. Kommen sie rechtzeitig, aber es
gibt einen Stau und sie springen über die Hügel und Stacheldrähte, werden sie
erschossen. Kommen sie zu spät [oder] sie sollten nicht dort sein, weil es sich
um eine 0evakuierte Zone’ handelt, werden sie erschossen.»
[i]
Trump und Netanyahu brachen Ende März den Waffenstillstand ab und verboten
jegliche internationale Hilfelieferung nach Gaza.
[ii]
Poulson arbeitete als Informatiker bei Google. Er kündete dort aus Protest
gegen die Komplizenschaft des Multis mit der Pekinger Zensurpolitik und
lancierte danach eine Non-profit-Einheit zur Erforschung der Verbindungen
zwischen Tech- und Rüstungsindustrie.