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Venezuela/USA: Ein Konsens für America first

Mittwoch, 17. Dezember 2025

(zas, 17.12.25) Es gäbe viel zu sagen zu Trumps neuem Erguss gegen Venezuela. Faktisch verschärft Washington die Seeblockade, die mit dem Piratenstück gegen den venezolanischen Öltanker eh schon an Geschwindigkeit gewann.  Hier nur zwei Dinge: Zum einen schwafelt der Typ von Öl und Land, das Venezuela den USA gestohlen habe: eben die Ölfelder in Venezuela. Das wiederholt er gerne. Deswegen verhänge das Weisse Haus eine Totalblockade aller Öllieferungen und blaba. Absurdität als Waffe zum Einpeitschen der richtigen Stimmung an der Basis, für das Aushungern der venezolanischen Unterklassen mit oder ohne Bombardierungsterror.

Und andererseits ist das die Fortsetzung einer jahrelangen US-Politik. Die New York Times, führendes Medium im «besonnenen» Teil der US-Politik, erörtert heute einmal mehr die Frage, ob die Kaperung eines Schiffes, das Waren eines anderen Landes in ein weiteres unabhängiges Land transportiert, wirklich legal sei. Wir lernen: Nur, wenn ein US-Bundesrichter dies anordnet.

America first ist Konsens.

 

 

https://truthsocial.com/@realDonaldTrump/posts/115731908387416458

@realDonaldTrump

Venezuela is completely surrounded by the largest Armada ever assembled in the History of South America. It will only get bigger, and the shock to them will be like nothing they have ever seen before — Until such time as they return to the United States of America all of the Oil, Land, and other Assets that they previously stole from us. The illegitimate Maduro Regime is using Oil from these stolen Oil Fields to finance themselves, Drug Terrorism, Human Trafficking, Murder, and Kidnapping. For the theft of our Assets, and many other reasons, including Terrorism, Drug Smuggling, and Human Trafficking, the Venezuelan Regime has been designated a FOREIGN TERRORIST ORGANIZATION. Therefore, today, I am ordering A TOTAL AND COMPLETE BLOCKADE OF ALL SANCTIONED OIL TANKERS going into, and out of, Venezuela. The Illegal Aliens and Criminals that the Maduro Regime has sent into the United States during the weak and inept Biden Administration, are being returned to Venezuela at a rapid pace. America will not allow Criminals, Terrorists, or other Countries, to rob, threaten, or harm our Nation and, likewise, will not allow a Hostile Regime to take our Oil, Land, or any other Assets, all of which must be returned to the United States, IMMEDIATELY. Thank you for your attention to this matter!

DONALD J. TRUMP
PRESIDENT OF THE UNITED STATES OF AMERICA

USA-Israel in Gaza: Morden, aushungern, zerstören

Sonntag, 13. Juli 2025

Hier Teil I. Teil II folgt demnächst.

 ___________

 (zas, 13.7.25) Nachdem US- und israelische Medien schon seit Tagen über eine geplante «Umsiedlung» von hunderttausenden von Menschen in Gaza in eine zu erbauende «humanitäre Stadt» dort, wo einst Rafah stand, berichteten, machten Trump und Netanyahu die Absicht offiziell. Auch in Mainstreammedien ist jetzt Erschrecken über dieses Vorhaben wahrnehmbar. Denn Vernichtungswillen und Zynismus dabei sind enorm.

Trump hatte bekanntlich den Joker für geplante Verbrechen mit der Spruch von der «Riviera von Gaza» schon früh signalisiert. Ein Vernichtungswille, gestützt auch auf Pentagon-/Geheimdienst-Tentakel, undurchsichtige Finanzunternehmen oder eines der global grössten Beratungsunternehmen, die Boston Consulting Group. Das Wenige, was davon öffentlich wird, reicht, um die Umrisse des Ungeheuers zu erahnen.

In der Strategie der «humanitären Stadt» findet auch die sogenannte Gaza Humanitarian Foundation (GHF) ihren Platz. Am 11. Juli berichtete das UN-Menschenrechtshochkommissariat von mindestens 798 Menschen, die bei der US-israelischen GHF-Essenverteilung seit Ende Mai umgekommen sind. Vor wenigen Tagen lag die Zahl noch bei 600, die Killstrategie geht weiter, unbeirrt von Einwänden auch im Westen.

Teil I beschreibt Aspekte der Zerstörung von Gesellschaftlichkeit in Gaza über eine Strategie von Morden, Aushungern und Chaos. Teil II gibt Angaben zum darauf aufbauenden Plan der «humanitären Stadt».

 

I

«Hunger Games»

Quelle: ‘The Hunger Games’: Inside Israel’s aid death traps for starving Gazans, 20.6.25, auf dem Portal 972.mag der jüdisch-palästinensischen Linksgruppe Local Call.

Die zwei Brüder Hatem (19) und Hamza (23) gesellten sich am 11. Juni um halb 2 nachts zu Dutzenden anderer Hungernder, die auf der Küstenstrasse von Gaza auf die Lieferung von Nahrungsmittel warteten. «Sie hofften, einen Sack Weissmehl für die 5-köpfige Familie zu erlangen. Doch Hamza kehrte mit dem in ein weisses Leichentuch gehüllten Körper seines jüngeren Bruders zurück.» Um halb 4 hatten sie «die Rufe gehört: Die Camions kommen. Gefolgt sogleich vom Sound  eines israelischen Artilleriebeschusses. ‘Wir kümmerten uns nicht um den Beschuss. Wir rannten einfach zu den Lichtern der Camions.’»

Stunden später – Hamza hatte einen Sack Mehl ergattert und wartete am vereinbarten Treffpunkt auf seinen Bruder, den er beim Durcheinander verloren hatte – kam ein Anruf eines Freundes der beiden: Er hatte die Leiche Hamzas im Netz gesehen. Im Spital von Deir Al-Balah. Hamza eilte zum Spital, wo ihm ein im gleichen Beschuss Verletzter das Geschehen berichtete. «Hatem und Andere versuchten sich im hohen Gras zu verstecken. ‘Hatem hatte Splitterverletzungen am Bein’, sagte der Mann. ‘Stundenlang verlor er Blut. Hunde waren um ihn herum. Als dann mehr Hilfetransporte ankamen, halfen Leute, die Körper auf einen zu laden. Insgesamt wurden an diesem Morgen 25 auf Essen wartende Palästinenser auf der Küstenstrasse getötet. Hamza brachte die Leiche von Hatem zurück nach Gaza-Stadt und beerdigte ihn neben ihrer Mutter, die im August 2024 von einem Scharfschützen erschossen worden war. Ihr älterer Bruder Khalid war ein paar Monate vorher gestorben – bei einem Luftschlag, als er verletzte ZivilistInnen auf seinem Pferdewagen evakuierte.»

Ein Verletzer wird auf der Küstenstrasse evakuiert. Bild: 972.mag

 

 

Yousef Abu Jalila (38) hat eine 10-köpfige Familie. Früher half ihnen des UN-Welternährungsprogramm mit Essenspaketen zu überleben. Doch das ist seit zwei Monaten vorbei[i], «und der Preis von was immer noch auf dem Markt ist, schnellte zum Himmel. ‘Meine Kinder weinen vor Hunger, und ich habe nichts für sie zu essen.’ Abu Jalila hat keine andere Wahl, als bei den Verteilzentren auf Hilfetransporte zu warten. ‘Ich weiss, dass ich sterben kann, wenn ich versuche, Essen für meine Familie zu bekommen. Aber ich gehe, denn meine Familie ist am Verhungern.»

Zahiya Al-Samsour (47). «Sie ringt um Atem und sagte 972: ‘Mein Mann starb letztes Jahr an Krebs. Ich kann nicht für meine Kinder sorgen. Kein Essen im Haus seit der Blockade und dem Stopp der Hilfelieferungen, die uns im Krieg über die Runde halfen.’ Zusammen mit tausenden Anderen kampierte sie in der Nacht vom 16. Juni auf der Küstenstrasse mit der Hoffnung auf Hilfelastwagen. Aber am Morgen regnete es Granaten auf die Menge und töteten mehr als 50 Menschen. ‘Ich sah Leute, die ihre Glieder verloren, zerfetzte Körper. Drei meiner Nachbarn aus Al-Zaneh [nördlich von Khan Younis] kamen um.»    

Mohammad Al-Basyouni (22) liegt mit einer Schusswunde am Rücken im Nasser-Spital. Er hatte sie am 25. Mai erhalten. «Ich verliess mein Zuhause (im Süden von Gaza) mit dem Ziel, Mehl für meinen kranken Vater zu kriegen. Meine Mutter bat mich, nicht zu gehen, aber wir hatten nichts zu essen und mein kranker Vater brauchte Hilfe. Ich brach um 6h auf und als ich ankam, begann das Schiessen. Ich wurde auf der Flucht getroffen – ein Scharfschütze schoss mir in den Rücken. Ich habe überlebt, aber andere nicht. Wir wussten, wir konnten sterben. Aber was für eine Wahl haben wir? Hunger tötet. Wir wollen ein Ende des Kriegs und der Belagerung. Wir wollen, dass dieser Albtraum vorbei ist. Ich kam verletzt und mit leeren Händen zurück. Jetzt hat mein kranker Vater seinen einzigen Ernährer verloren.»

 

«Wir wurden Monster»

Quelle: ‘We’ve turned into monsters’: Famine and genocide are changing society in Gaza, 19.6.25. Der Autor Tariq S. Hajiaj ist Mitglied der Palestinian Writers Union.

«Ahmad Mosabih (16) nahm auf die Reise, die nicht für jemanden seines Alters gedacht war, mit, was ihm passend schien. Er nahm einen halben Meter langen eisernen Hammer, packte ein Taschenmesser in den Hosensack, und brach um 3h früh mit einem Ziel auf: einen Sack Mehl zu erlangen.» Ahmad, Verwandte und Nachbarn marschierten eine Stunde an die Grenze zu Nordgaza, wo die Trucks durchkommen sollten.

«Er fand tausende von Wartenden vor. Alle suchten Nahrung, aber waren sich auch über die Gefahren, im Klaren: die Möglichkeit eines israelischen Beschusses – wie er täglich vorkommt – und die Drohung, falls man einen Sack Mehl erlangt, von anderen Gazaern ausgeraubt zu werden. Der Krieg hat Merkmale eines sozialen Lebens ausgelöscht und nichts ausser Zerstörung und einer grauenvollen Tagesreise, um zu überleben zu versuchen, gelassen. Das wurde Realität für Tausende von PalästinenserInnen, die jeden Tag den entsetzlichen Aufbruch zu einem der Hilfeverteilzentren machen, die von der von Israel unterstützen und von den USA geleiteten Gaza Humanitarian Foundation gemanaged werden.»

«Seit Beginn des Krieges lebt die Mehrheit in Gaza in Vertriebenenlagern und versucht, an das für das Leben Unabdingbare zu kommen. Hunger kommt auf, nimmt leicht ab, kehrt zurück, aber die ganze Zeit hört das Töten nie auf.»

«Ahmad fragt sich: ‘Was veranlasst mich zu einem mit Tod gefüllten Gang früh morgens? Eine verirrte Kugel könnte mich treffen. Oder eine Rakete, wie sie die israelische Armee auf Hungernde schiesst. Ich könnte die Armee überleben und es nachhause schaffen, aber dabei auf einen Dieb stossen, der mir auflauert. Ich habe in diesem Krieg gelernt, dass, wenn du nicht stark bist, dein Brot von Stärkeren als du genommen werden kann.’»

‘Dier Krieg hat uns zu Monstern gemacht. Das war nie unser Leben. Dafür sind wir nie jeden Tag aufgewacht.’

 

«Killing fields»

Die von der US-israelischen Propaganda als Alternative zur UNRWA dargestellte GHF betreibt seit Ende Mai in Gaza vier «Essensverteilungsstellen», drei davon im Süden. Täglich kommen tausende, manchmal zehntausende Menschen zu jeder dieser Verteilstellen, um Essen für die verhungernden Familien zu ergattern. Die IDF «sichern» die Umgebung der Verteilstelle, US- und palästinensische Söldner werfen die Nahrungsmittel vom Trailer auf den Boden und sind für die Sicherheit innerhalb der «Verteilzonen» zuständig. Am 27. Juni bestätigte die Haaretz, gestützt auf Aussagen von Offizieren und Soldaten der IDF: Die «Verteilungszentren» sind «Mordzonen» (killing fields). «IDF-Offiziere sagten Haaretz, dass die Armee es der israelischen oder ausländischen Öffentlichkeit nicht erlaubt, Aufnahmen der Vorfälle um die Nahrungsverteilungszentren zu sehen. Ihnen zufolge ist die Armee zufrieden, dass die GHF-Operationen den Totalkollaps der internationalen Legitimität für die Fortführung des Kriegs zu verhindern (…) ‘Gaza interessiert niemand mehr’, sagte ein Reservist. ‘Es wurde zu einem Ort mit eigenen Gesetzen. Der Verlust an Menschenleben bedeutet nichts.’»

Verteilzentrum am 16. Juni.

 

Und weiter: Die Verteilzentren öffnen jeden Morgen meist nur eine Stunde. «Die IDF schiessen auf Leute, die schon vor der Eröffnung ankommen, oder nach der Schliessung, um sie zu vertreiben.» Im Kernteil des Verteilzentrums operieren «amerikanische Arbeiter (…); im äusseren Bereich sind es palästinensische Supervisoren, von denen einige bewaffnet und bei der Abu Shabab-Miliz Mitglied sind.» (Zu dieser Miliz gleich mehr.) Die «amerikanischen Arbeiter» sind laut einem früheren Haaretz-Artikel primär gut bewaffnetes «früheres Personal von CIA, Blackwater und US-Armee». Angeheuert wurden sie laut Jack Poulson[ii] von dem kürzlich in Wyoming eingetragenen und vom früheren CIA-Kader Philip Reilly geleiteten Unternehmen SRS (Safe Reach Solutions) und dem Unternehmen USG, in dem ein Ex-Special Forces den Chef abgibt. SRS ist ein Ableger des Vermögensverwalters Two Ocean Trust. Ausgewählt wurden SRS und USG offiziell vom «Vermittlertrio» USA, Ägypten und Katar.

 

Gesellschaft zerstören

Avigdor Lieberman, ein weit rechts stehender Ex-Minister beschuldigte Netanyahu, die angeblich mit dem IS verbandelte Shabab-Miliz gegen die Hamas aufzurüsten. Netanyahus Büro antwortete ihm so: «Israel geht auf mehrere und verschiedene Weisen vor, um die Hamas zu besiegen.» Die Haaretz ihrerseits befragte verschiedene PalästinenserInnen in Gaza und Israel zur Shabab-Miliz. Eine Frau in einem Flüchtlingslager sagt: «Sie sagen, sie beschützen die Hilfsgüter, aber nichts davon erreicht uns. Gleichzeitig kommen kommerzielle Güter und Container unter ihrer Protektion sicher an und werden auf dem Markt verkauft. Es ist klar, wer davon profitiert (…) Wir haben Angst vor Leuten mit Waffen. Wir können uns an niemanden wenden. Wenn etwas passiert, wird uns niemand helfen. (…) Alle machen, was sie wollen. Die Leute beginnen, aus Angst und Überlebenstrieb heraus zu handeln.» Ein arbeitsloser Informatiker und Hamas-Kritiker in Gaza-Stadt sagt: ‘Mit der Unterstützung von Leuten wie Abu Shabab wird Gaza leichter kontrollierbar und unregierbar von innen.’ «Er beschrieb diese Taktik als Teil einer grösseren israelischen Strategie zur Destabilisierung von Gaza von innen. Sie benutzt kriminelle Netze, ‘verkleidet als lokale Sicherheitsakteure, um jede Einheitsfront zu unterminieren. [Das] lässt das Gespenst eines Bürgerkriegs in Gaza hochkommen. Vielleicht ist das das eigentliche Ziel: die palästinensische Gesellschaft von innen zu zerstören.’»  

Abu Shabab mit Komplizen. Foto: Facebook.

 

 

Humanitäres Morden

Die in Genf angesiedelte NGO Euro-Med Human Rights Monitor erklärte Ende Juni: «Mit der Gaza Humanitarian Foundation führte Israel einen neuen Tötungsmechanismus mit humanitärer Fassade ein, der den Genozid im Gaza-Streifen noch weiter eskaliert.»  Médecins sans Frontières sagt: Die GHF ist ein «als humanitäre Hilfe getarntes Abschlachten». Der MSF-Nothilfekoordinator in Gaza erklärt: «Die vier Verteilzentren liegen alle in einer Zone unter voller Kontrolle der israelischen Kräfte (…sie) haben die Grössen eines Fussballfeldes und sind von Wachposten, Erdhügeln und Stacheldraht umgeben. Der eingezäunte Eingang lässt nur einen Zugang zu. Die Arbeiter lassen die Paletten und Kisten mit Lebensmitteln fallen, öffnen die Zäune und lassen Tausende auf einmal hinein, um bis zum letzten Reiskorn zu kämpfen. Kommen die Leute zu früh und nähern sich den Checkpoints, werden sie beschossen. Kommen sie rechtzeitig, aber es gibt einen Stau und sie springen über die Hügel und Stacheldrähte, werden sie erschossen. Kommen sie zu spät [oder] sie sollten nicht dort sein, weil es sich um eine 0evakuierte Zone’ handelt, werden sie erschossen.»

 



[i] Trump und Netanyahu brachen Ende März den Waffenstillstand ab und verboten jegliche internationale Hilfelieferung nach Gaza.

[ii] Poulson arbeitete als Informatiker bei Google. Er kündete dort aus Protest gegen die Komplizenschaft des Multis mit der Pekinger Zensurpolitik und lancierte danach eine Non-profit-Einheit zur Erforschung der Verbindungen zwischen Tech- und Rüstungsindustrie.

 

Gaza: Stratgie des Aushungerns

Montag, 28. April 2025

 

(zas, 28.4.25) Vor wenigen Tagen im Magazin ein Gespräch mit einem Vertreter des Welternährungsprogramms über das Hungern in Gaza. Fassungslosigkeit klang durch seine ruhigen Worte.  Vor wenigen Tagen ein Nachrichtensprecher im gleichen Medium: Die israelische Armee plane, ihre Operationen in Gaza auszuweiten. Denn noch drohe die Hamas. Im Folgenden zu einigen dieser «Operationen».

Am 25. April 2025 publiziert die Haaretz den Artikel «We’ll Die Whether From Hunger or the Bombing» von Sheren Falah Saab. Sie zitiert den Gaza-Journalisten H.:

Ich fühl mich schwach. Ich esse eine Dattel um 1 pm und eine andere um 6. So geht das nun seit drei Wochen (…) Das Einzige, was ich denke, ist, wie ich meine Kinder in den nächsten Tagen ernähre.

Die Autorin weiter:

Vor drei Wochen schloss die das UN-Ernährungsprogramm wegen Mangel an Mehl und Kochgas die subventionierten Bäckereien, die in Gaza eine Schlüsselrolle innehatten. Seit dann stützen sich die Leute weitgehend auf die rund 1 Million warmen Mahlzeiten, zubereitet von den 175 taqiya  genannten Suppenküchen, die von Freiwilligen organisiert werden und schon vor dem Krieg existierten. Die Mahlzeit besteht meist aus Linsensuppe, Hummus oder Bohnen und manchmal Reis. Das reicht der UNO zufolge keineswegs zur Deckung der Ernährungsbedarfs.  Fischfleisch, Milchprodukte, Eier, Früchte und Gemüse sind nur viel schwerer erhältlich.

Sheren Falah Saab sprach auch mit Amjad, 37-jähriger Vater zweier 4-jähriger Zwillinge aus Beit Lahia in Nordgaza, der ebenfalls im Nuseirat-Flüchtlingslager ist. Er sagt:

Wir lebten schon vor dem Krieg mit Ausfällen. Bei einem Stromausfall kann man mindestens eine Solarpanel während zwei Stunden benutzen. Aber woher kannst du was zu essen kriegen, wenn alles ringsum zerstört ist?

 

Kein Garten mehr

Die Haaretz-Autorin schreibt:

Amjad nennt die die im Krieg zerstörte landwirtschaftliche Infrastruktur. Seit Wiederaufnahme der Kämpfe vor über einem Monat hat die israelische Armee für verschiedene Gebiete über 20 Evakuierungsbefehle erlassen. Quellen in humanitären Organisationen sagen, dass diese Befehle kein Auslaufdatum enthalten und niemand weiss, ob man nach Ende der Armeeoperative zurückkehren kann. Ein UN-Bericht sagte letzte Woche, dass 69 Prozent von Gaza für PalästinenserInnen gesperrt sind, sei es als Puffer- oder Evakuierungszonen. Scheinbar haben Evakuierungsbefehle nichts mit dem Hungerproblem zu tun, aber in Wirklichkeit berauben sie die Menschen in Gaza einer letzten verzweifelten Taktik: das eigene Essen anbauen. Amjad sagt: «Wir können nicht mal auf unser eigenes Land gehen.»

Rabia, ein 39-jähriger Agrartechniker aus Dier-al-Balah in Zentralgaza sprach mit Haaretz im Oktober über den Überlebenskampf mittels kleiner Gemüsegärten. Jetzt, sagt er, können die Leute nichts mehr anbauen, denn sie müssen andauernd den Ort wechseln, wo sie leben. Er sagt: «Zu Beginn des Monats sagte die Armee, wir müssten Deir-al-Balah verlassen. Also gingen wir nach Rafah, Alles ging verloren und anderen Familien ging es genau gleich – sie hatten Gemüse gepflanzt und mussten es dann zurücklassen.»

Amos Harel ist Militäranalytiker bei der Haaretz. Gestern veröffentlichte das Blatt seinen Artikel «As Israeli Soldiers Die in Gaza Again, the IDF Faces a Sobering Reality About Hamas». Wir lesen:

[Seit Wiederaufnahme der Kämpfe] wurden 2000 PalästinenserInnen getötet, mehr als die Hälfte davon ZivilistInnen. Aber das hat in Israel nicht für grosse Aufmerksamkeit gesorgt, da es keine israelische Verluste gegeben hat.

Die Hamas foutiere sich um die Bevölkerung, sagt er, trotz deren «wachsender Sorge bezüglich Nahrungsmangel zusätzlich zur Angst vor weiteren Verlusten.» Er diagnostiziert einen Konflikt zwischen den für eine Kriegsintensivierung eintretenden rechtsextremen Kabinettmitgliedern und der Armeeführung, die angesichts schon spürbarer Rekrutierungsschwierigkeiten von ReservistInnen erst recht bei einer Kriegsintensivierung in Schwierigkeiten geriete. Und dann ein schlagendes Argument:

«Zudem kann Israel die Bevölkerung von Gaza nicht unbeschränkt aushungern. Je mehr sich die humanitäre Lage in Gaza verschlimmert, desto mehr wird es zu internationalem Druck für die Wiederaufnahme der Hilfskonvois kommen.»

Monströse Logik, Andocken an eine vorherrschende Kosten/Nutzen-Mentalität, beides?

 

In nur 5 Wochen

Viel relevanter Nora Barrow-Friedman in Israel imposes starvation “by design” in Gaza vom 25. April:

Zwischen dem 18. März, als Israel den sogenannte Waffenstillstand brach und das Massenschlachten in Gaza wiederaufnahm, und dieser Woche sind fast 1900 PalästinenserInnen getötet und 5000 verletzt worden. Diese Zahlen schliessen 600 getötete und 1600 verwundete Kinder in nur 5 Wochen ein. Am Dienstag, den 22. April, beschoss die israelische Armee inmitten eines Raketenhagels auf die al-Tuffah-Nachbarschaft das Kinderspital in Gaza City. (…) Eine Woche vorher tötete ein israelischer Angriff auf al-Masawi [eine südliche Evakuierungszone]  mindestens 10 PalästinenserInnen, einschliesslich Kinder, davon eine Person im Rollstuhl. Die Exekutivsekretärin des UNO-Kinderhilfswerks Unicef, Catherine Russel, erklärte, dass «Bilder von brennenden Kindern in selbstgemachten Zelten uns alle aufrütteln sollten».  

Mondoweiss veröffentlichte am 24. April den Artikel Rafah no longer exists. This is part of Israel’s plan to permanently occupy Gaza von Tareq S. Hajjaj von der Palestinian Writers Union. Die 200'000-Seelen-Stadt an der Grenze des Gazastreifens mit Ägypten existiere nicht mehr. Hajjaj schreibt:

Im letzten Monat hat die israelische Armee Rafah systematisch entleert und, was an Gebäuden noch stand, dem Erdboden gleichgemacht. Die Stadt Rafah und ihre umgebenden Ortschaften sind praktisch passé, die meisten BewohnerInnen unter andauerndem Artilleriefeuer und dem näherkommenden Lärm von Panzern und Bulldozern nördlich nach Khan Yunis und in den Masawi-Küstenstreifen evakuiert.

Bilder und Berichte aus Rafah zeigen eine total ausgelöscht Stadt und BewohnerInnen bestätigen, dass sie für menschliche Bewohnung nicht mehr geeignet ist. Khaled al-Dahaliz, 36, lud seine Habseligkeiten auf eine Karre und flüchtete nach mehreren Wochen erneuerter israelischer Bombardierungen in Richtung Masawi. Er hatte eine Weile versucht auszuhalten, indem er von einem Ort in Rafah zum anderen wechselte, aber er sagte in einer Mondoweiss zugänglichen Aufnahme, er habe den andauernden Beschuss und die Bombardierungen nicht mehr ausgehalten. «Wir haben Rafah für immer verlassen. Wir glauben nicht, dass eine Rückkehr möglich ist, nichts mehr bleibt von der Stadt. Sogar die Zelte, die wir aufgestellt haben, wurden zum Ziel der israelischen Armee. Wo immer man hingeht, sieht man keine Häuser oder Menschen mehr – nur Vernichtungslager. Es ist so, dass niemand mehr weiss, wo das eigene Heim gestanden hat.»

 

Privatunternehmen und «Waffenruhen»

Das Wall Street Journal beschreibt heute, wie eventuelle Essenslieferungen aus westlicher Sicht aussehen könnten. Gegen eine Essensverteilung durch die IDF spreche auch der Umstand, dass dies als Indiz für eine effektive Kontrolle der Lage (und damit eine grössere israelische Verpflichtung auf Rechtsnormen) interpretiert werden könne. Mehrere Optionen würden diskutiert. Eine beschreibt das Blatt so: «Ein in Diskussion befindlicher Pilotplan würde unter Beteiligung privater amerikanischer Unternehmen an den Hilfeoperationen im südlichen Gaza lanciert werden. Die Idee ist, eine neue humanitäre Zone zu eröffnen, in die Gaza-Einwohner bewegt werden können und wo die Hilfe nicht in die Hände der Hamas gelangen würde, sagten mit der Materie befasste Leute», aber einige Details seien noch unklar.

Solche Gedankenspiele sind im Zusammenhang mit den Verhandlungen zwischen den USA, Israel, arabischen Staaten, der Türkei und der Hamas zu sehen. Dabei soll es um den Vorschlag einer langen Waffenruhe und einem grossen Geiselaustausch gehen. Den letzten Waffenstillstand beendeten die USA und Israel, wie vom rechtsextremen Flügel der israelischen Regierung um Smotrich (und Netanyahu) von Beginn weg verheissen. Viele freudige Medienberichte über (massiv unterdotierte) Hilfstransporte während des Waffenstillstands sollten das angerichtete unheilvolle Leiden vergessen machen.

 

Der Albtraum eines Holocaustforschers

Gideon Levy schrieb am 23. April anlässlich des Gedenkens der «Sirenen» an die Shoah in My Thoughts during the Siren:

Wie kann man [dabei] nicht an den mutigen und schockierenden Artikel von Orit Kamir (hebräische Haaretz-Ausgabe, 22. April) über die Israelis denken, die vom Seitenrand her dem Krieg zuschauen, was, sagt sie, ihr Recht, sich über die Deutschen zu beschweren, die das gemacht haben, negiert, und nicht mit jedem Wort einverstanden sein? Oder an den nicht weniger schockierenden Artikel von Daniel Blatman über die Kinder von Gaza und die Kinder des Holocausts (hebräische Haaretz-Ausgabe, 23. April). Blatman schreibt: «Ich habe den Holocaust während 40 Jahren studiert. Ich habe unzählige Zeugnisse über den schrecklichsten aller Genozide gelesen, am jüdischen Volk und anderen Opfern. Aber die Wirklichkeit, in der ich Berichte über einen vom jüdischen Staat begangenen Massenmord lese, die mich in erschreckend Zeugnisse im Yad Vashem-Archiv erinnern – das konnte ich nicht in meinen schlimmsten Alpträumen vorhersehen.»

 

A World Food Program warehouse stood empty on Saturday in Nuseirat, Foto: WSJ.

 

Correos 204

Donnerstag, 22. Dezember 2022

 

Correos 204

Dezember 2022

 

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Haiti: Wiedergeburt?

Ein Beitrag aus Haiti gegen «gutgesinnten» Imperialismus und zur Frage eines neuen politischen Subjekts

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Zu Banden und Eliten

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Solidarität haitischer BäuerInnen mit Lula

Stimmen von Tet Kole ti peyizan (KleinbäuerInnenorganisation)

Jackson Jean

 

Wieder «humanitär» intervenieren

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