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"Horrorfund": Mahnwachen in ganz Mexiko für die gewaltsam Verschwundenen

Mittwoch, 19. März 2025

 https://amerika21.de/2025/03/274345/mahnwachen-mexiko-wegen-teuchitlan

 


Bisher vier Krematorien und menschliche Überreste entdeckt. Überlebende berichten von Zwangsarbeit, Folter und Morden. Wussten die Behörden davon?
Protest vor dem Regierungspalast in Mexiko-Stadt: Schuhe und Kerzen symbolisieren die Verschwundenen
Protest vor dem Regierungspalast in Mexiko-Stadt: Schuhe und Kerzen symbolisieren die Verschwundenen

Mexiko-Stadt. Unter dem Motto "Nie wieder Teuchitlán!" haben Tausende von Menschen in mehr als zwanzig mexikanischen Städten an Mahnwachen für die Verschwundenen teilgenommen. "Mexiko ist kein Land, sondern ein Massengrab," stand auf Plakaten. Am 15. März stellten Demonstranten mit Schuhen und Kerzen vor dem Regierungspalast in Mexiko-Stadt den grausigen Fund auf der Izaguirre Ranch im Bundesstaat Jalisco symbolisch dar. Dort hatten in der vorangegangenen Woche Angehörige hunderte Paare Schuhe, Kleidungsstücke, Abschiedsbriefe und menschliche Überreste in unterirdischen Verbrennungsöfen gefunden.

Laut Indira Navarro vom Kollektiv Guerreros Buscadores de Jalisco haben sie die Suche auf der Ranch am 5. März nach einem anonymen Hinweis aufgenommen. Das 5.000 Quadratmeter große Grundstück, das nur 50 Kilometer von Jaliscos Hauptstadt Guadalajara entfernt liegt, wurde eigentlich schon im September 2024 von den bundesstaatlichen Behörden in Zusammenarbeit mit der Nationalgarde konfisziert. Doch offenbar wurden alle Hinweise auf Verschwundene ignoriert. Die Ranch blieb verweist und ohne Bewachung. Den Angehörigen zufolge war nicht mal das Tor verschlossen.

Laut Zeugenaussagen von Überlebenden diente dieser Ort dem Jalisco-Kartell Neue Generation als Trainingscamp für zwangsrekrutierte Männer und Frauen. Diese wurden mit fingierten lukrativen Jobanzeigen in die Falle gelockt. Zahlreiche Personen, die der brutalen paramilitärischen Ausbildung nicht standhielten wurden auf dem Anwesen getötet. Das Angehörigenkollektiv stieß am ersten Tag der Suche gleich auf drei in der Erde eingelassene Verbrennungsöfen mit verkohlten menschlichen Überresten. Ein viertes mit Erde zugeschüttetes Loch entdeckten sie am 14. März in Zusammenarbeit mit den föderalen Behörden.

Ana Enamorado, die Mutter von Oscar Antonio López Enamorado, der vor fünfzehn Jahren in Jalisco verschwand, ist eine der Organisatorinnen der Mahnwache gegen das Grauen und für das Leben. In ihrer Rede in Mexiko-Stadt forderte sie Präsidentin Claudia Sheinbaum auf, die Familien der Verschwundenen endlich wahrzunehmen und anzuhören. "Sie wissen, dass das Vernichtungslager in Teuchitlán kein Einzelfall ist", sagte Enamorado in ihrer Rede.

Das gewaltsame Verschwindenlassen von Menschen sei ein "Horror", der auf den Schmutzigen Krieg der 1970er zurückgehe. Damals wandten mexikanische Militärs schwerste Menschenrechtsverletzung an, um oppositionelle Gruppen zu unterdrücken. Die Situation habe sich verschärft als Präsident Felipe Calderón 2007 der Drogenmafia den Krieg erklärte. "Der Horror begann sicherlich nicht in Ihrer Regierung und auch nicht in der Ihres Vorgängers, aber er wurde damals nicht eingedämmt und wird auch heute nicht eingedämmt", so Enamorado in ihrer an Sheinbaum gerichteten Rede.

Das landesweite Register der verschwundenen und vermissten Personen zählt 124.000 Namen. Allein in den ersten 100 Tagen von Sheinbaums Regierung wurden weitere 4.000 Verschwundene dort verzeichnet. Auf Anordnung von Sheinbaum werden die Ermittlungen jetzt von der Generalstaatsanwaltschaft geführt. Die Unwissenheit der örtlichen Behörden und der Staatsanwaltschaft von Jalisco über die Aktivitäten auf der Ranch sei nicht glaubhaft, so die Begründung.

Die Staatsanwaltschaft von Jalisco hatte noch am 13. März behauptet, es gebe keine Hinweise auf die Krematorien oder andere Verbrechen. Sie hätten das Gelände selbst untersucht, hiess es in einem Kommuniqué der Behörde. Opferorganisationen reagierten mit Wut und Entrüstung auf diesen Skandal. Sheinbaum ordnete weitere Untersuchungen an.

Kolumbien: Multis und Paramilitärs in kapitalistischer Harmonie

Mittwoch, 17. Juli 2024

 

Neben Chiquita soll auch Coca-Cola Paramilitärs in Kolumbien finanziert haben

Inhaftierter Paramilitär spricht von Killerarmeen im Dienste der Unternehmen in Urabá. Ziel sei die Vernichtung der Gewerkschaften gewesen

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Der Anführer des Bananenblocks "HH" sei mit dem Befehl nach Urabá gekommen, die Gewerkschaften und die Linkspartei Unión Patriótica (UP) zu vernichten
Der Anführer des Bananenblocks "HH" sei mit dem Befehl nach Urabá gekommen, die Gewerkschaften und die Linkspartei Unión Patriótica (UP) zu vernichten

Bogotá. Nach dem Urteil gegen den Bananenkonzern Chiquita wegen der Finanzierung der ehemaligen paramilitärischen Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens (AUC) (amerika21 berichtete) hat ein Ex-Kommandant der AUC weitere Großunternehmen des gleichen Verbrechens beschuldigt. Darunter auch Coca-Cola.

Es handelt sich um den Ex-Chef des Bananenblocks der AUC, Éverth Veloza, auch bekannt als "HH". In einem Interview mit dem Radiosender La W sagte der inhaftierte Ex-Paramilitär, die AUC seien vor allem gegründet worden, um die Geschäfte legaler Großunternehmen zu fördern. Dies widerspricht der in Kolumbien verbreiteten Darstellung, die AUC seien in erster Linie zur Guerillabekämpfung entstanden.

Im Fall von Coca-Cola hatte die Gewerkschaft der Lebensmittelindustrie (Sinaltrainal) bereits in den Nullerjahren angedeutet, dass die AUC den Interessen des Getränkekonzerns dienten, indem sie Gewerkschafter der Coca-Cola-Abfüllanlage verfolgten und ermordeten. Diese "mörderische Gewalt" habe es Coca-Cola ermöglicht, "die Löhne in ihren kolumbianischen Betrieben auf ein Drittel zu senken und die Arbeitsverhältnisse insgesamt zu prekarisieren", hieß es in einer Solidaritätskampagne mit Sinaltrainal in Deutschland.

"Ich wurde zu Gunsten einiger weniger benutzt", sagte "HH" gegenüber La W. Zudem sei es ein Fehler der "journalistischen Perspektive" darzustellen, dass Gruppen wie die AUC nur auf der Ebene der illegalen Wirtschaft aufgebaut seien. Die meisten von ihnen hätten "ein legales Ziel in der legalen Wirtschaft", betonte Veloza. Er ist für tausende Morde in Urabá und Cauca verantwortlich.

Im Interview nannte er mehrere Beispiele. Im Auftrag der AUC-Bosse habe er den Calima-Block im Departemento Cauca eingesetzt, um "die lokalen Gemeinschaften auszulöschen". Es ging darum, "die Zone für die Unternehmer zu säubern". Diese hätten ein besonderes Interesse daran gehabt, sich das Land für ihre Unternehmen anzueignen, um von dem dort geltenden Sondergesetz mit der Steuerbefreiung zu profitieren.

Veloza erwähnte auch den Landraub in Urabá durch die AUC für Unternehmer:innen, für die die gewaltsam angeeigneten Ländereien in der Zone von Chigorodó ein gutes Geschäft im Hinblick auf den damals geplanten Bau einer Autobahn darstellten.

Der Ex-Paramilitär erzählte auch, wie die Bananenfirmen der Region wirtschaftlich von den Morden der AUC profitierten. Darunter auch Chiquita. Veloza widersprach der Behauptung des Unternehmens, die AUC habe es zur Zahlung von Schutzgeldern gezwungen. Dies hat die US-Justiz mit ihrem Urteil inzwischen auch widerlegt.

Laut "HH" haben die Bananenunternehmen von Urabá den paramilitärischen Bananenblock gerufen, um "die Gewerkschaften am Streiken zu hindern". Der Anführer des Bananenblocks sei mit dem Befehl gekommen, die Gewerkschaften und die linke Partei Unión Patriótica (UP) zu vernichten.

Laut dem Urteil der US-Justiz gegen Chiquita habe der Bananenkonzern die AUC zwischen 1997 und 2004 mitfinanziert. Dies sei nicht richtig, sagt Veloza. Der Bananenblock startete 1995 die Verfolgung gegen die Gewerkschaften in Urabá im Auftrag der Bananenunternehmen der Region. Bis 1997 habe die Finanzierung auf illegalen Wegen funktioniert. Danach benutzten die AUC die Strukturen der legalen ländlichen Bürgerwehren Convivir, um die Finanzierung "zu legalisieren".

"Ich ging in allen Gemeinden von Finca zu Finca, um die Arbeiter zu versammeln und ihnen mitzuteilen, dass von nun an Streiks in der Region verboten seien und dass jeder, der streike, ein militärisches Ziel sei", gestand Veloza.

Das Ziel war es, den Produktionsstillstand zu verhindern, wenn die Schiffe im Hafen auf ihre Bananenladung warteten, denn das kostete die Unternehmen viel Geld. Eben deshalb streikten die Arbeiter:innen gerade dann, wenn die Schiffe vor Anker lagen. "All diese Probleme haben wir gelöst. Zu wessen Gunsten? Zu Gunsten der Bananenunternehmen", so Veloza.

Bevor der Bananenblock in Urabá aktiv wurde, hatten die Bananenunternehmen ihre eigenen "Sicherheitsstrukturen" mit Vorarbeitern auf den Fincas aufgebaut. Später gehörten sie zur AUC, wurden aber weiter von den Unternehmen bezahlt, erklärte "HH".

Die AUC funktionierten eng mit den Streitkräften zusammen. "Ohne die Unterstützung der Streitkräfte und der Polizei wäre alles für uns unmöglich gewesen", äußerte Veloza.

Weitere Unternehmen, die mit diesem Gewaltmodell in Urabá arbeiteten und die "HH" im Interview namentlich nennt, sind der kolumbianische Getränkekonzern Postobón und der US-Bananenkonzern Dole.

Es sei wichtig, dass Leute wie er die Wahrheit über die Finanzierung der Paramilitärs sagten, damit sich die Geschichte nicht wiederhole, betonte er. Sonst werden die Friedensprozesse einige Gruppen verschwinden lassen, aber andere werden weiter bestehen, solange diejenigen, die sie finanzieren, unangetastet bleiben.

Haiti: Die Gewaltfrage und die Linke

Freitag, 12. Mai 2023

Carlos Aznárez befragt Henry Boisrolin*

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(zas) Zur aktuellen Situation in Haiti s. auch "Die Banden sind ein geplanter Terror, um den 'Status quo' aufrechtzuerhalten", ein Interview ebenfalls mit dem in Argentinien lebendem Haitier Henry Boisrolin und Haiti: Bandenterror vor der Nase der Polizei.

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[Gefragt nach der gewalttätigen Gegenwehr von unten gegen den Bandenterror in einigen Zonen der Hauptstadt und des Landes sagt Henry Boisrolin:]

HB: Einige Leute haben sich entschieden zu reagieren. Und da auch viele Polizisten Opfer dieser Banden wurden, gibt es welche, die nicht mit der Korruption gehen, sagen wir im funktionalen Apparat, und die sich dem Volk anschliessen, es begleiten und handeln. Es gab eine starke Antwort, bei der mehrere Banditen das Leben verloren haben, mehr als hundert in vier bis fünf Tagen. Deshalb haben der De-facto-Premier Ariel Henry und gewisse internationale Sektoren zur Beendigung dieser Volksantwort aufgerufen. Sie üben Druck auf die Polizisten aus, ihre Positionen zu verlassen, den Schutz, den sie an einigen Kontrollpunkten in den Quartieren gaben. Dieses von einigen Polizisten unterstütztes Vorgehen des Volkes konnte sogar einige Zonen ohne Banden erzielen. Das war eine Wasserscheide, nicht nur bei der Sozialdemokratie und den reaktionären Sektoren, sondern auch innerhalb der Linken. Da gibt es einen Sektor, der sagt, das gehe nicht, denn wir könnten nicht gleich handeln wie die Banditen. Sie beziehen sich dabei auf Dinge wie «enthaupten, Leichen verbrennen» etc. Auch wenn alle die Reaktion verstehen, sagen sie, das geht nicht, weisen andere linke Gruppen darauf, dass das alles noch schlimmer macht, denn die Rache der Banditen wird schlimm sein, das, was wir jetzt schon erleben, in den Schatten stellen. Sie sagen das, ohne eine Alternative anzubieten. Dagegen sagt ein anderer Teil der Linken «ja», man müsse diese Volksantwort unterstützen und sich in diese Bewegung einbringen, die ihr eigenes Organisationsniveau hat, aber offensichtlich nicht von der Linken geleitet wird. Die Linke kann versuchen, die Leitung dieser Art von Bewegungen zu übernehmen, im Wissen, dass sie von irgendeinem Sektor der Gesellschaft benutzt werden kann.

 

CA: Diese unterschiedlichen Kriterien überraschen nicht, denn sie die, die sich in vergleichbaren Situationen in jedem Land wiederholen, wenn Volkssektoren reagieren und Gewalt gegen jene, die sie angreifen, ausüben.

HB: Die Linke, die sagt, sie mache da nicht mit, ist jene, die stets auf Wahlen setzt. Sie glauben, in Haiti gebe es die Möglichkeit, das von Chávez zu wiederholen, von Correa in Ecuador, von Evo in Bolivien: mit Wahlen an die Macht gelangen. Ich glaube, in Haiti wird das nicht möglich sein. Jede von dieser Regierung organisierte Wahl wird ein Betrug sein. Und da mitmachen heisst, das zu legitimieren, schliesslich funktional dafür zu sein. Und wenn man dann verliert, sagt man «Betrug», und alles beginnt wieder von Neuem. Die Radikalisierung dieser extremen Gewalt im Klassenkampf in Haiti trifft auf eine auf ein solches Szenarium nicht vorbereitete Linke.

 

CA: Das ist wichtig, denn Haiti ist ein Land mit überbordender Gewalt.

HB: Das kommt daher, dass auch die Linke ein Produkt eurozentrischer Bildung ist. Sie haben uns einige Dinge aufgezwungen, die wir nicht sehen können, ohne dass wir es merkten. Deshalb sind einige gegen das Kopf Abhauen, das Niederbrennen von Häusern, was Sektoren des Volkes gemacht haben. Sie denken, dass einige Unschuldige zu Unrecht signalisiert wurden etc. Das ist vielleicht nicht ausgeschlossen, aber es kann die Aktionen nicht abwerten, sondern dazu dienen, zu schauen, wie man das verhindert. Plötzlich sind in fünf oder sechs Quartieren Wachbrigaden entstanden, Junge, bewaffnet mit Macheten, Gewehren usw., um das Quartier zu schützen. Und dagegen stellen sie sich. Ein wichtiger Journalist sagte sogar, man müsse die Banditen festnehmen und sie überstellen. Aber an wen? Wenn die Justiz nie etwas gemacht hat, sie existiert nicht! Das Polizeikorps existiert nicht, es gab nie einen Entscheid, Schluss zu machen. Das wiederholt sich: Die Banditen greifen ein Quartier an, die Leute telefonieren, SOS, damit die Polizei kommt, um sie zu beschützen, und niemand kommt. Und jetzt, wo die Leute sich verteidigen, kommt eine gewisse Linke mit absurden Überlegungen, als ob wir in einer «normalen Gesellschaft» lebten.

Das Thema ist ziemlich komplex und schwierig. Und in dem Mass, wie es keine Einheit gibt, ist klar, dass die Möglichkeit zu reagieren abnimmt. Es gibt Manöver, es heisst, die Regierung habe 17 Millionen Gourdes ausgesetzt, damit die Polizisten das nicht mehr unterstützen. Die Leute der Rache der Banditen ausliefern, die aufgrund der Volksreaktion ungefähr 146 Verluste einstecken mussten. Klar, wenn es da keine Änderung gibt, wird die Bewegung scheitern und die Konsequenzen werden dramatisch sein, denn diese Banden werden so barbarisch weiter machen wie vorher. Vor einigen Tagen haben sie einen Volksmarkt niedergebrannt.

CA: Aus der Ferne betrachtet ist klar, dass die Medien und diejenigen, die Haiti noch mehr beherrschen wollen, ein Bild von einem unbewohnbaren Land erzeugen, in dem man nicht "normal" leben kann.

HB: Betrachten wir die Dinge einmal anders die Presse. In einem Land, in dem mehr als 70% der Bevölkerung arbeitslos sind; in einem Land, in dem mehr als 5 Millionen von insgesamt 12 Millionen Einwohnern unter schwerem Hunger leiden, in einem Land, in dem seit mehreren Jahren 12-jährige Mädchen vergewaltigt werden; in dem Massaker stattfinden; in dem Stadtviertel niedergebrannt werden; in dem 80 % der Hauptstadt praktisch unter der Kontrolle von fast 200 bewaffneten Banden stehen; in dem praktisch nichts mehr funktioniert. Wenn du deiner Familie Geld schicken, haben die Banken derzeit nichts flüssig. Natürlich ist es ein unbewohnbares Land, und nicht wegen der Aktionen der Menschen, die versuchen, Gerechtigkeit zu schaffen, die versuchen, den Vormarsch der kriminellen Banden zu stoppen. Es ist ein unbewohnbares Land, aus dem alle zu fliehen versuchen.

Wir müssen also herausfinden, wer die wahren Schuldigen hinter dieser Art von allgemeinem Chaos sind, von dem sie sprechen, und die Situation in den Griff bekommen. Und da hilft nur, dass die Menschen kämpfen. Dass wir Organisationen haben, die in der Lage sind, den Kampf zu führen. Niemand wird kommen und das haitische Volk befreien. Das ist eine Lüge. Und wie oft haben sie seit 1993 bis heute internationale Missionen geschickt! Vor dreissig Jahren schickten sie Missionen, und sie machten alles noch schlimmer. Sie haben vergewaltigt, sie haben massakriert, sie haben Wahlen manipuliert, sie haben uns die Cholera gebracht.  Ehrlich gesagt, was die internationale Gemeinschaft mir oder vielen Haitianern sagen kann, ist uns egal. Denn für sie ist Haiti wirklich ein irrelevanter, unbewohnbarer Ort. Sie wollen uns als unzivilisiert und unbedeutend hinstellen. Dahinter steckt ein enormer Rassismus, und das nicht nur in Haiti.  Wir haben es in Ruanda gesehen, wir sehen es jetzt im Sudan. Es gibt verschiedene Fälle, die verdeutlichen, wie die Welt heute aussieht. Die Welt, in der wir leben, wird vom Finanzkapital, den Monopolen, dem Währungsfonds und so weiter beherrscht. Wo also Ungerechtigkeit herrscht, ist die Reaktion des Volkes, die Rebellion, gerecht und ein Recht.

Ich glaube, dass unsere Vorfahren angesichts der Sklaverei eine Gewalt entwickeln mussten, die der Gewalt der Sklavenhalter überlegen oder ebenbürtig war. Und in solchen Momenten ist, Gewalt anzuwenden normal, um diese grausame Gewalt, unter der vor allem das Volk leidet, zu beseitigen. Jetzt herrscht Terror im Lager der Banditen, weil mehrere von ihnen hingerichtet worden sind.  Die Angst der internationalen Gemeinschaft ist, dass diese Reaktion des Volkes wirklich alles umstürzen wird, und dass sie also ihre Beherrschungsformen ändern müssen. Sie sehen eine reale Gefahr in der Situation.

Wenn sich also eine Änderung bezüglich der Banditen aufdrängt, wollen die eigentlichen Machtsektoren diese selber bestimmen. Und das, weil die Banditen von ihnen abhängen und selber keine Waffen kaufen können, das besorgt die haitische Führungsschicht - über die Amerikaner. Und es stellt sich heraus, dass die Amerikaner zehn haitische Familien beschuldigten, für den Waffenhandel verantwortlich zu sein. Es sind diese Familien, die die Waffen in den USA kaufen, und deshalb haben sie formelle Sanktionen gegen sie verhängt. Nur, sie nennen die Namen dieser zehn Familien, nicht aber die Namen derjenigen, die verkaufen. Sie wissen also, wer einkauft, und behaupten, weder zu wissen, wer verkauft noch wie es möglich war, tonnenweise Waffen und Munition ausser Landes zu bringen. Wir reden hier von mehr als fünfhunderttausend Waffen. Als wäre unbekannt, dass alle diese Waffen aus den USA kommen. Niemand glaubt das, denn eine einzige Spritze kann zwar nicht nach Kuba gelangen, aber Tonnen von Munition können die USA in Richtung Haiti verlassen. Wenn das nicht Mittäterschaft ist, so zumindest eine Verantwortung für all das.

 ·       resumenlatinoamericano.org, 7. 5. 23: Henry Boisrolin: “Una parte de la izquierda no está preparada ni entiende la reacción popular frente a los paramilitares que matan impunemente”

Haiti: Bandenterror vor der Nase der Polizei

Montag, 8. Mai 2023

(zas, 8. 5. 23) Das Portal AlterPresse veröffentlichte vorgestern den Artikel Haïti : Les activités de gangs armés s’intensifient aux portes de l’Académie nationale de police. Er beleuchtet Aspekte, die von Henry Boisrolin in "Die Banden sind ein geplanter Terror, um den 'Status quo' aufrechtzuerhalten" genannt worden sind.

In AlterPresse lesen wir:

«Die Aktivitäten der bewaffneten Banden, die die Bevölkerung terrorisieren, haben sich in den letzten Wochen im Osten der Hauptstadt intensiviert und finden jetzt vor den Toren der Académie Nacionale de la Police in Pernier/Frères (Ortsteile von Pétion-Ville im östlichen Rand statt. AnwohnerInnen beklagen gegenüber AlterPresse die anhaltende Absenz der Polizei in diesen ihnen zufolge komplett den Banditen überlassenen Zonen.»

«Die Akademie sei von einem Gürtel der Banden eingeschlossen, deren Mitglieder schwer bewaffnet auf den Strassen zirkulieren und die Bevölkerung erpressen, die nicht weiss, bei welchem Heiligen Schutz zu suchen. Laut übereinstimmenden Aussagen geraten Pernier, Chateaublond und Torcelle seit Monaten immer mehr unter die völlige Kontrolle der Banditen, die sich dort jederzeit unmaskiert bewegen, ohne dass die Polizei sichtbar werde.»

«Banditen haben das Subkommissariat der Polizei in Pernier am letzten 28 Januar zerstört. Seit kurzem sind diese, berichtet ein erzürnter Handwerker, in Zonen eingedrungen, die vorher ausserhalb ihrer Hochburg lagen. Er versichert, dass die Übeltäter nicht weit von der Nationalen Polizeiakademie entfernt Punkte eingerichtet haben, an denen sie alle PassantInnen erpressen. ‘Das geschieht unmittelbar vor der Polizei, zwei Minuten von der Akademie entfernt’».

«In den Social Media kann man auch Posts von Personen lesen, die wegen der Bedrohung aus Pernier geflüchtet sind. ‘Es gibt Tage, an denen ich einfach nach Pernier zurück will’, schreibt eine Frau und fragt sich, ob sie einzig die Alternative habe, das Land zu verlassen. Sie begleitet ihre Sätze mit Fotos von Fruchtbäumen und anderen Pflanzen, die sie in ihrem ‘Hof’ gepflanzt hatte.»

«Vor ungefähr sechs Monaten wurde am Nachmittag von Freitag, dem 25. November 2022, der Direktor der Nationalen Polizeiakademie, Divisionär Harington Rigaud, auf der Route des Frères, wenige Meter vom Ausbildungszentrum entfernt, ermordet. Die nationale haitische Polizeigewerkschaft Synapoha hatte damals die Passivität des Zentralstaates und des Polizeigeneralstabs denunziert, die ‘kein Sicherheitsdispositiv für die Kontrolle der Zone’ ausgearbeitet haben.»

«Der Verkehr und die meisten Handelstätigkeiten bleiben gelähmt und der Zugang zu Grundbedarfsartikeln in den wörtlich belagerten Quartieren wird von Mal zu Mal schwieriger.»

«Seit der Nacht auf den 24. April ist infolge des Versuchs von Gangs, mehrere Quartiere der Hauptstadt wie Debussy, Turgeau, Pacot und Canapé-Vert unter Kontrolle zu kriegen, eine grosse Wut explodiert, die in einigen Quartieren der Hauptstadt und anderer Städte zu einer wichtigen Antigang-Mobilisierung geführt hat. Erbitterte EinwohnerInnen von Canapé-Vert haben am Morgen des 24. Aprils mehr als zehn von der Polizei festgenommene Bewaffnete ermordet und ihre Leichen verbrannt. Mehrere andere Banditen, deren Zahl nicht feststeht, sind in Debussy und anderen Quartieren getötet worden.»

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Das UNODC (UN Office on Drugs and Crime) hielt letzten März in einem Bericht fest, dass die meisten Waffen der Gangs, darunter zahlreiche schwere, aus den USA stammen. Ein weiteres Element, das eine verbreitete Annahme bestätigt; nämlich dass dem paramilitärischen Bandenterror freien Lauf gewährt wird, um als Argument für eine erneute, von Washington gewünschte militärische Besetzung der Insel zu dienen. Begleitet von einem humanitär-medialen Chor, der in solchen Momenten Tränen für das arme Haiti vergisst. Ziel des Terrors und seiner möglichen internationalen Folge: die haitische Revolte gegen das internationale Diktat der zunehmenden Verelendung zu brechen.

Quelle: AlterPresse