Carlos Aznárez befragt Henry Boisrolin*
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(zas) Zur aktuellen Situation in Haiti s. auch "Die
Banden sind ein geplanter Terror, um den 'Status quo' aufrechtzuerhalten",
ein Interview ebenfalls mit dem in Argentinien lebendem Haitier Henry Boisrolin
und Haiti:
Bandenterror vor der Nase der Polizei.
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[Gefragt nach der gewalttätigen Gegenwehr von unten gegen den
Bandenterror in einigen Zonen der Hauptstadt und des Landes sagt Henry
Boisrolin:]
HB: Einige Leute haben sich entschieden zu reagieren. Und da
auch viele Polizisten Opfer dieser Banden wurden, gibt es welche, die nicht mit
der Korruption gehen, sagen wir im funktionalen Apparat, und die sich dem Volk
anschliessen, es begleiten und handeln. Es gab eine starke Antwort, bei der
mehrere Banditen das Leben verloren haben, mehr als hundert in vier bis fünf
Tagen. Deshalb haben der De-facto-Premier Ariel Henry und gewisse
internationale Sektoren zur Beendigung dieser Volksantwort aufgerufen. Sie üben
Druck auf die Polizisten aus, ihre Positionen zu verlassen, den Schutz, den sie
an einigen Kontrollpunkten in den Quartieren gaben. Dieses von einigen
Polizisten unterstütztes Vorgehen des Volkes konnte sogar einige Zonen ohne
Banden erzielen. Das war eine Wasserscheide, nicht nur bei der Sozialdemokratie
und den reaktionären Sektoren, sondern auch innerhalb der Linken. Da gibt es
einen Sektor, der sagt, das gehe nicht, denn wir könnten nicht gleich handeln
wie die Banditen. Sie beziehen sich dabei auf Dinge wie «enthaupten, Leichen
verbrennen» etc. Auch wenn alle die Reaktion verstehen, sagen sie, das geht
nicht, weisen andere linke Gruppen darauf, dass das alles noch schlimmer macht,
denn die Rache der Banditen wird schlimm sein, das, was wir jetzt schon
erleben, in den Schatten stellen. Sie sagen das, ohne eine Alternative
anzubieten. Dagegen sagt ein anderer Teil der Linken «ja», man müsse diese
Volksantwort unterstützen und sich in diese Bewegung einbringen, die ihr
eigenes Organisationsniveau hat, aber offensichtlich nicht von der Linken
geleitet wird. Die Linke kann versuchen, die Leitung dieser Art von Bewegungen
zu übernehmen, im Wissen, dass sie von irgendeinem Sektor der Gesellschaft
benutzt werden kann.
CA: Diese
unterschiedlichen Kriterien überraschen nicht, denn sie die, die sich in
vergleichbaren Situationen in jedem Land wiederholen, wenn Volkssektoren
reagieren und Gewalt gegen jene, die sie angreifen, ausüben.
HB: Die Linke, die sagt, sie mache da nicht mit, ist jene,
die stets auf Wahlen setzt. Sie glauben, in Haiti gebe es die Möglichkeit, das
von Chávez zu wiederholen, von Correa in Ecuador, von Evo in Bolivien: mit
Wahlen an die Macht gelangen. Ich glaube, in Haiti wird das nicht möglich sein.
Jede von dieser Regierung organisierte Wahl wird ein Betrug sein. Und da
mitmachen heisst, das zu legitimieren, schliesslich funktional dafür zu sein.
Und wenn man dann verliert, sagt man «Betrug», und alles beginnt wieder von
Neuem. Die Radikalisierung dieser extremen Gewalt im Klassenkampf in Haiti
trifft auf eine auf ein solches Szenarium nicht vorbereitete Linke.
CA: Das ist wichtig,
denn Haiti ist ein Land mit überbordender Gewalt.
HB: Das kommt daher, dass auch die Linke ein Produkt
eurozentrischer Bildung ist. Sie haben uns einige Dinge aufgezwungen, die wir
nicht sehen können, ohne dass wir es merkten. Deshalb sind einige gegen das
Kopf Abhauen, das Niederbrennen von Häusern, was Sektoren des Volkes gemacht
haben. Sie denken, dass einige Unschuldige zu Unrecht signalisiert wurden etc.
Das ist vielleicht nicht ausgeschlossen, aber es kann die Aktionen nicht
abwerten, sondern dazu dienen, zu schauen, wie man das verhindert. Plötzlich sind
in fünf oder sechs Quartieren Wachbrigaden entstanden, Junge, bewaffnet mit
Macheten, Gewehren usw., um das Quartier zu schützen. Und dagegen stellen sie
sich. Ein wichtiger Journalist sagte sogar, man müsse die Banditen festnehmen
und sie überstellen. Aber an wen? Wenn die Justiz nie etwas gemacht hat, sie
existiert nicht! Das Polizeikorps existiert nicht, es gab nie einen Entscheid,
Schluss zu machen. Das wiederholt sich: Die Banditen greifen ein Quartier an,
die Leute telefonieren, SOS, damit die Polizei kommt, um sie zu beschützen, und
niemand kommt. Und jetzt, wo die Leute sich verteidigen, kommt eine gewisse
Linke mit absurden Überlegungen, als ob wir in einer «normalen Gesellschaft»
lebten.
Das Thema ist ziemlich komplex und schwierig. Und in dem
Mass, wie es keine Einheit gibt, ist klar, dass die Möglichkeit zu reagieren
abnimmt. Es gibt Manöver, es heisst, die Regierung habe 17 Millionen Gourdes
ausgesetzt, damit die Polizisten das nicht mehr unterstützen. Die Leute der
Rache der Banditen ausliefern, die aufgrund der Volksreaktion ungefähr 146
Verluste einstecken mussten. Klar, wenn es da keine Änderung gibt, wird die
Bewegung scheitern und die Konsequenzen werden dramatisch sein, denn diese
Banden werden so barbarisch weiter machen wie vorher. Vor einigen Tagen haben
sie einen Volksmarkt niedergebrannt.
CA: Aus der Ferne
betrachtet ist klar, dass die Medien und diejenigen, die Haiti noch mehr
beherrschen wollen, ein Bild von einem unbewohnbaren Land erzeugen, in dem man
nicht "normal" leben kann.
HB: Betrachten wir die Dinge einmal anders die Presse. In
einem Land, in dem mehr als 70% der Bevölkerung arbeitslos sind; in einem Land,
in dem mehr als 5 Millionen von insgesamt 12 Millionen Einwohnern unter
schwerem Hunger leiden, in einem Land, in dem seit mehreren Jahren 12-jährige
Mädchen vergewaltigt werden; in dem Massaker stattfinden; in dem Stadtviertel
niedergebrannt werden; in dem 80 % der Hauptstadt praktisch unter der Kontrolle
von fast 200 bewaffneten Banden stehen; in dem praktisch nichts mehr
funktioniert. Wenn du deiner Familie Geld schicken, haben die Banken derzeit nichts
flüssig. Natürlich ist es ein unbewohnbares Land, und nicht wegen der Aktionen
der Menschen, die versuchen, Gerechtigkeit zu schaffen, die versuchen, den
Vormarsch der kriminellen Banden zu stoppen. Es ist ein unbewohnbares Land, aus
dem alle zu fliehen versuchen.
Wir müssen also herausfinden, wer die wahren Schuldigen
hinter dieser Art von allgemeinem Chaos sind, von dem sie sprechen, und die
Situation in den Griff bekommen. Und da hilft nur, dass die Menschen kämpfen.
Dass wir Organisationen haben, die in der Lage sind, den Kampf zu führen.
Niemand wird kommen und das haitische Volk befreien. Das ist eine Lüge. Und wie
oft haben sie seit 1993 bis heute internationale Missionen geschickt! Vor dreissig
Jahren schickten sie Missionen, und sie machten alles noch schlimmer. Sie haben
vergewaltigt, sie haben massakriert, sie haben Wahlen manipuliert, sie haben
uns die Cholera gebracht. Ehrlich
gesagt, was die internationale Gemeinschaft mir oder vielen Haitianern sagen
kann, ist uns egal. Denn für sie ist Haiti wirklich ein irrelevanter,
unbewohnbarer Ort. Sie wollen uns als unzivilisiert und unbedeutend hinstellen.
Dahinter steckt ein enormer Rassismus, und das nicht nur in Haiti. Wir haben es in Ruanda gesehen, wir sehen es
jetzt im Sudan. Es gibt verschiedene Fälle, die verdeutlichen, wie die Welt heute
aussieht. Die Welt, in der wir leben, wird vom Finanzkapital, den Monopolen,
dem Währungsfonds und so weiter beherrscht. Wo also Ungerechtigkeit herrscht,
ist die Reaktion des Volkes, die Rebellion, gerecht und ein Recht.
Ich glaube, dass unsere Vorfahren angesichts der Sklaverei
eine Gewalt entwickeln mussten, die der Gewalt der Sklavenhalter überlegen oder
ebenbürtig war. Und in solchen Momenten ist, Gewalt anzuwenden normal, um diese
grausame Gewalt, unter der vor allem das Volk leidet, zu beseitigen. Jetzt herrscht
Terror im Lager der Banditen, weil mehrere von ihnen hingerichtet worden
sind. Die Angst der internationalen
Gemeinschaft ist, dass diese Reaktion des Volkes wirklich alles umstürzen wird,
und dass sie also ihre Beherrschungsformen ändern müssen. Sie sehen eine reale
Gefahr in der Situation.
Wenn sich also eine Änderung bezüglich der Banditen aufdrängt,
wollen die eigentlichen Machtsektoren diese selber bestimmen. Und das, weil die
Banditen von ihnen abhängen und selber keine Waffen kaufen können, das besorgt die
haitische Führungsschicht - über die Amerikaner. Und es stellt sich heraus,
dass die Amerikaner zehn haitische Familien beschuldigten, für den Waffenhandel
verantwortlich zu sein. Es sind diese Familien, die die Waffen in den USA
kaufen, und deshalb haben sie formelle Sanktionen gegen sie verhängt. Nur, sie
nennen die Namen dieser zehn Familien, nicht aber die Namen derjenigen, die
verkaufen. Sie wissen also, wer einkauft, und behaupten, weder zu wissen, wer verkauft
noch wie es möglich war, tonnenweise Waffen und Munition ausser Landes zu bringen.
Wir reden hier von mehr als fünfhunderttausend Waffen. Als wäre unbekannt, dass
alle diese Waffen aus den USA kommen. Niemand glaubt das, denn eine einzige
Spritze kann zwar nicht nach Kuba gelangen, aber Tonnen von Munition können die
USA in Richtung Haiti verlassen. Wenn das nicht Mittäterschaft ist, so zumindest
eine Verantwortung für all das.

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resumenlatinoamericano.org,
7. 5. 23: Henry Boisrolin: “Una parte de la izquierda no está preparada ni
entiende la reacción popular frente a los paramilitares que matan impunemente”