Dana Frank*
Lasst uns zuerst feiern. (…) Xiomara Castro wird die erste Präsidentin
in der Geschichte von Honduras sein, und das mit der historisch höchsten Stimmenzahl.
Ihr Erdrutschsieg ist das Ergebnis von zwölf Jahren schwieriger Organisierung
gegen das mit dem Putsch von 2009 installierte Regime. Aber auch im Moment des
Sieges bleiben die HonduranerInnen nach zwölf Jahren Repression und Leiden
verletzt. Die Herausforderungen für Castro sind schlimmer als schlimm. Dahinter
wird das US-Imperium sichtbatr, dem der mögliche Verlust einer ihrer folgsamsten
Nationen droht.
(…..)
Castro identifiziert sich öffentlich als demokratische
Sozialistin. Ihr Programm verspricht, die Armut anzugehen, die Polizei mit
einer Community-Orientierung zu verändern und die Gewalt gegen Frauen und die
LGBT-Community zu beenden. Aber vieles in ihrer Agenda ist Mainstream. Sie will
die Auswüchse des Neoliberalismus eindämmen und stellt einen funktionierenden
Staat in Aussicht, der Grunddienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Strom
und Erziehung liefert. Nachdem mehrere Regierungen internationale
Kreditinstitutionen als private Geldautomaten benutzt haben, ist die
Verschuldung des Landes astronomisch. Xiomara Castro hat schon ihren Wunsch
nach einer Neuverhandlung der Rückzahlungsbedingungen ausgedrückt. Sie heisst offenbar ausländische
Investitionen willkommen und hat sich schon mit der Handelskammer getroffen. Auf
ihrer Linken ist sie aber den Basisbewegungen, die ihren Sieg ermöglicht haben
und eine grundlegendere Umwälzung der honduranischen Gesellschaft anstreben, zu
Rechenschaft verpflichtet. Bis anhin unterstützt sie deren Forderung nach einer
Konstituante, die einer Neugründung des Landes von unten dienen kann.
Aussenpolitisch macht sie deutlich, dass sie eine breite Reihe globaler
Bündnisse ihrer eigenen Wahl eingehen will inklusive Anerkennung von Venezuela,
Cuba und China.
Was immer ihre Ziele sind, Castro wird versuchen müssen,
ohne parlamentarische Mehrheit zu regieren. Sogar in Koalition mit dem
gewählten Vize-Präsidenten Salvador Nasralla und seinen Verbündeten wird es für
Castro schwierig werden, viele Gesetze aus der Zeit nach dem Putsch, die
Staatsgeheimnisse absichern, die Überwachung ausdehnen, Dissens unterdrücken
und Drogenhändlern und Regierungsfunktionären Straffreiheit gewähren,
aufzuheben. Andere Schlüsselreformen werden es noch schwerer haben. Castro will
die ZEDE – Sonderwirtschaftszonen, in denen die Verfassung nicht gilt –
abschaffen, aber dies wird mindestens bis zur nächsten Wahl des Obersten
Gerichts durch das Parlament 2023 gehen. Jede Antikorruptionsagenda wird vom
Generalstaatsanwalt abhängen, der auch bis 2023 im Amt bleiben wird.
Sie wird auch mit Machenschaften konfrontiert sein, die
Präsident Hernández zu seinem Schutz in Gang setzen kann. Im Oktober 2019 war
sein Bruder Tony im Southern District of New York (SDNY) wegen Geldwäsche,
Waffendeals, Drogenhandel und anderen Delikten zu einer lebenslänglichen Strafe
verurteilt worden. Dieses und folgende Verfahren sind voll von Hinweisen auf
den Präsidenten, der eine Million Dollar Bestechungsgelder vom Chapo Guzmán,
dem berühmten mexikanischen Kartellchef, erhalten haben soll. Er hat einen
bekannten Todesschwadronführer als nationalen Polizeichef eingesetzt und ihm
Mordanweisungen gegeben. Man nimmt an, dass die New Yorker Staatsanwaltschaft
Hernández anklagen wird, sobald er nicht mehr im Amt ist. Aber der jetzige
Generalstaatsanwalt Óscar Chinchilla, der in New Yorker Prozessen Kollaborateur
der Drogenhändler bezeichnet wird und sowohl mit Hernández wie mit
US-Offiziellen eng liiert ist, könnte seine Auslieferung blockieren.
Armee und Polizei stellen für Castro die ernsthafteste, möglichweise
tödliche inländische Gefahr dar. Sie bleiben loyal zu Hernández, der seine Kumpane
in Spitzenpositionen platziert hat. Der jetzige Sicherheitsminister, Julian
Pacheco Tinoco, ist im SDNY viermal als Beteiligter im Drogenhandel genannt
worden, und die beiden höchsten Polizeioffiziere haben Narkos protegiert.
Unterlagen in den New Yorker Prozessen enthüllen, dass mit dem Präsidenten
liierte Narkos staatliche Militärbasen, Flugzeuge und Helikopter benutzt und
Dutzende von Soldaten zur Überwachung von internationalen Lieferungen
eingesetzt haben. Die Sicherheitskräfte haben eine lange Tradition der
Repression friedlicher Demonstrationen und der Ermordung von AktivistInnen. Sie
haben unter dem Vorwand der Covid-Massnahmen das ganze Land noch mehr besetzt.
Sie sind an enorme Macht gewöhnt und könnten jederzeit die Macht übernehmen
oder Chaos provozieren.
Aber die grösste Drohung für die Kapazität der Präsidentin,
das Land nach eigenen Vorstellungen zu regieren, kommt von den USA. Nicht nur
haben die USA den Sturz ihres Gatten unterstützt, sondern sie haben während
zwölf Jahren die honduranischen Sicherheitskräfte trainiert, ausgerüstet,
finanziert und beim Drogenhandel der Führung weggeschaut. Während zwölf Jahren
haben sie eine Regierung unterstützt, die Indigene, Afro-Indigene und
bäuerische AktivistInnen kriminalisiert und umgebracht hat. Leoparden ändern
ihr Muster nicht; sie finden neue Strategien, um ihre Beute zu fangen.
Am 30. November beeilte sich Blinken, Castro anzuerkennen
und die honduranischen WählerInnen für ihr «Engagement
für den demokratischen Prozess» zu loben. Es ist wichtig, den historischen
Moment festzuhalten, in dem die USA ihre Unterstützung des Nachputsch-Regimes
beendete. Eine Woche vor den Wahlen hatte Brian Nichols, Assistant Secretary of
State for Western Hemispheric Affairs, in Honduras führende Regierungs- und
Armeekader getroffen. Er scheint ihnen das Aufruhrgesetz über die Manipulation
von Wahlresultaten vorgelesen und sie instruiert zu haben, Castro gewinnen zu
lassen. Aber es ist ungewiss, wie weit darüber hinaus das State Department
einen Kontrollverlust der Eliten und Sicherheitskräfte akzeptiert und welche
Zugeständnisse es von Castro möglicherweise erhalten hat, um ihre Wahl zu
gestatten.
Wie ist das vorläufige Akzeptieren Castros durch das State
Department zu erklären? Erstens kann ihr
grosser Vorsprung in den Umfragen es den USA schwer gemacht haben, eine weitere
von der Nationalpartei gestohlene Wahl zu legitimieren – insbesonders, wenn eine
Gruppe von Kongressmitgliedern um Jan Schakowsky, Hank Johnson, Patrick Leahy und
Jeff Merkley stetig Druck auf die US-Regierung ausgeübt hat, ihre Unterstützung
der honduranischen Sicherheitskräfte zu beenden. Zweitens sind die Demokraten
zurecht besorgt, dass die Republikaner die Migrationsfrage benutzen werden, um
2022 und 2024 die Wahlen zu gewinnen. Sie wissen, dass eine weitere
Präsidentschaft des Partido Nacional die Migrationsursachen nicht beenden würde.
Die Vergangenheit lehrt uns, dass die USA jetzt Druck auf Castro ausüben
werden, um Verbündeten die Zuständigkeit für eine Reihe entscheidender Fragen
zu überlassen, während sie Castros eigene Regierungsfähigkeit subtil in Frage
stellen. Nasralla, der während vieler Jahre den USA nahegestanden ist, hat
schon angefangen, die Autorität der gewählten Präsidentin zu unterminieren, mit
seiner Erklärung, dass sie China, Venezuela und Kuba nicht anerkennen und keine
Konstituante einberufen werde.
Der Versuch der Biden-Administration, Castro zu managen,
gilt dem Ziel, die Operationen der US-basierten Multis in der Region zu
schützen und auszuweiten, ob im Bereich Textilien, Agroexport oder
Extraktivismus. Über die Interessen eines spezifischen Unternehmens hinaus will
sie regionale Bedingungen für das Gedeihen aller Unternehmen schaffen. Das
machte ein im Mai 2021 lanciertes Programm, der «Call to Action to the Private
Sector to Deepen Investment in the Northern Triangle”, deutlich – angeblich im Dienste
eines Migrationsstopps. Die Administration kündete damals an, mit PepsiCo,
MasterCard, Nespresso und anderen Mammutmultis für deren Investitions in der
Region zu arbeiten.
Die wirtschaftlichen Ziele der Administration werden vom
Südkommando der US-Armee (Southcom) durchgesetzt, das enge Beziehungen zu den
von den USA finanzierten, ausgebildeten und ausgerüsteten honduranischen
Truppen unterhält, mit ihnen geheimdienstlich im Austausch steht und öffentlich
deren Führungskader lobt. Selbst wenn das State Department zurzeit keine
Alternative zu Castro sieht, bleibt das Southcom eine Maschine mit eigenem
Motor, geölt mit Milliarden von den Rüstungsunternehmen. Es hat mehrmals seine
Bereitschaft demonstriert, vor «Feinden» zu warnen, um mehr Macbenutzen wird,
um mehr Macht und Geld vom Kongress zu erlangen, und es hat sich begeistert in
den Neuen Kalten Krieg mit China gestürzt. Wir wissen noch nicht, wie die
Southcom-Führung auf Castros Sieg reagiert und welche Signale es in die
honduranische Armee sendet.
In seiner neuen Haltung der Unterstützung von Castro hat das
State Department öffentlich ihre Bereitschaft zu Korruptionsbekämpfung
begrüsst. Aber seine Definition von «Korruption» ist höchst selektiv. Als 2015
hunderttausende HonduranerInnen gegen den Hernández-Diebstahl von Millionen im
Gesundheitssystem protestierten, blockierten die USA die Forderung nach einer
UNO-Kommission. Sie organisierten dagegen eine viel schwächere Institution
unter OAS-Ägide, um die Kontrolle zu behalten, das Regime weisszuwaschen und
gleichzeitig zu disziplinieren. Die jüngst vom State Department auf Geheiss des
Kongresses publizierte Liste korrupter Individuen hat Hernández, seinen
Chefberater, den Parlamentsvorsitzenden, den Generalstaatsanwalt und den
Sicherheitsminister fleissig ausgelassen. Wir können davon ausgehen, dass die
USA weiter «Antikorruptions»-Initiativen nutzen werden, um zu bestimmen, welche
Figuren bestraft und welche protegiert werden sollen, und so zu versuchen, die
honduranische Regierung nach ihren Interessen auszurichten.
In der Zwischenzeit wird die Administration Biden das Land weiterhin
mit unkontrollierten Milliarden «humanitärer» und «Entwicklungshilfe» fluten. Uns fehlen Analysen der ganzen Ziele und des
Impacts dieser «soft power»-Programme, in denen gutmeinende FunktionärInnen zwischen
der USAID, Thinktanks, Universitäten, State Department, Kongressbüros, NGOs und
privaten Vertragspartnern zirkulieren – alle mit demselben Werkzeugkasten aus
den Master-Programmen und deren Mentoren. Woraus genau bestehen ihre «Governance»-Programme?
In Honduras bedeutete «Demokratieförderung» zum Teil, Führungskader aufzubauen,
die US-Interessen dienen, Aufbau von Institutionen beinhaltete auch korruptes
Personal aus Justiz, Staatsanwaltschaft und Polizei mit technischen Fähigkeiten
aufbessern, «Kriminalitätsprävention» eine repressive Polizei mit krimineller Befehlskette
bei gleichzeitiger Marginalisierung von in ihren Comunidades schon wirkenden
AktivistInnen. Soft Power – ein scheinbar gütiger Imperialismus – ist
geschichtlich gut dokumentiert rassistisch und basiert auf der in die Zeit der
Expansion des US-Imperiums in die Philippinen und die Karibik zurückgehenden Grundvorstellung,
dass «kleine braune Völker sich nicht selber regieren können» und der
Bevormundung durch die überlegenen Weissen bedürfen.
Seit der Wahl Bidens widmen sich die USA zunehmend der «Unterstützung
der Zivilgesellschaft», was heisst, dass Dutzende von Millionen Dollar in Marionettenorganisationen
wie die evangelikale Asociación para una Sociedad más Justa (Vereinigung für
eine gerechtere Gesellschaft) fliessen; diese Gruppe marschiert im Takt der
US-Politik und gilt als Hernández-nah. Auch private Fonds spielen mit, wie die
Seattle International Foundation, deren DirektorInnen eng mit dem State
Department zusammengearbeitet haben. Sie lobbyiert im Kongress und stellt zunehmend
honduranische und US-Medienleute und andere AkteurInnen der Zivilgesellschaft
zur Schau, mit dem Ziel, sogenannte unabhängige JournalistInnen und SolidaritätsaktivistInnen
in die Agenda der Administration zu integrieren. Führungskader dieser beiden
Organisationen werden in den US-Mainstreammedien routinemässig als
Honduras-ExpertInnen zitiert.
Tatsächlich riesige Herausforderungen! Nach Castros unglaublichem
Sieg müssen wir einmal mehr die harte Arbeit der Solidarität wieder aufnehmen,
die sozialen Bewegungen unterstützen, die von ihrer neuen presidenta die Erfüllung ihrer Träume für die Zukunft von Honduras fordern
werden, und die Profitphantasien der USA zurückweisen.
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Dana Frank in einem honduranischen Lokalsender zum Thema der Frauenbewegungen.
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* Newleftreview.org, 14.12.21: Honduran Dreams.
Die Autorin ist eine seit vielen Jahren in der Solidarität mit den Kämpfen in
Honduras engagierte US-Historikerin. Einige Einführungsabschnitte zur
Geschichte der US-Unterstützung – unabhängig von der Parteifarbe des jeweiligen
Präsidenten - für den Putsch 2009, die folgenden Wahlbetrüge und die enorme
Korruption fehlen in dieser Übersetzung.