Posts mit dem Label Ökonomie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ökonomie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Ein Beispiel von strukturellem Mord (und Faschismus)

Dienstag, 31. März 2026

 

(zas, 31.3.26)  The United States, The IMF and Special Drawing Rights – so der trockene Titel eines erschreckenden Papiers von sechs ÖkonomInnen des linken Washingtoner Center for Economic and Policy Research (CEPR) von letztem Oktober. Sie beleuchten darin, wie 2020 mehr als anderthalb Millionen Menschen unbemerkt von der veröffentlichten Öffentlichkeit ermordet wurden.

Ökonomen der in Basel domizilierten BIZ (Bank für internationalen Zahlungsausgleich) hatten im Dezember 2020 eine Arbeit über den Zusammenhang von Rezessionen und Sterberaten in sog. Entwicklungsländern veröffentlicht. Ihr Befund: Auf 2000 Menschen bewirkt eine Rezession einen Todesfall. Vor allem sind Kinder unter 5 Jahren Opfer, da eine Rezession normalerweise die Ernährung einschränkt und so die Kinder anfälliger auf sonst nicht-tödliche Kinderkrankheiten macht).

Auf der BIZ-Forschung aufbauend beleuchten die CEPR-Leute die Folgen eines verhinderten Versuchs des IWF während der Covid-19-Pandemie 2020, die letztlich globale Wirtschaft mit der Ausgabe von sog. Sonderziehungsrechten (SZR) gegen die schwere Rezession zu stärken. Die vor bald 60 Jahren vom Fonds lancierten SZR sind eine Art Notfall-Währung des IWF, die ausschliesslich für Zentralbanken der IWF-Mitglieder und einige multilaterale Finanzorganisationen bestimmt ist. SZR dienen der Budgetstabilität der verarmten Mitgliedsländer, da eine Regierung damit etwa von anderen IWF-Mitgliedern ausländische Devisen für Importe erwerben oder Schulden an den Fonds oder andere Mitgliedsregierungen bezahlen kann. Damit wird das Budget etwa für dringende Sozialausgaben weniger reduziert. Die SZR (berechnet nach dem Wert eines kleinen Korbs von führenden globalen Währungen) sind keine Kredite, müssen also nicht zurückgezahlt werden.

Bis zur Covid-Pandemie 2020 kam es zu drei Ausschüttungen von SZR, die letzte im Kontext der Finanzkrise der Nuller-Jahre. Im März 2020 rief der Fonds zu einer vierten Ausschüttung von $ 2.5 Billionen für die Länder des globalen Südens (ohne China) auf, die sog. EMDE-Länder (emerging markets and developing economies). «Doch», so das CEPR-Papier, «das US-Finanzministerium schoss [das Vorhaben] ab». Denn dafür hätte es eine Zustimmung von 85 % der Mitglieder im IWF-Direktorium (bzw. ihrer nach Fondbeiträgen berechneten Stimmkraft) gebraucht. Die USA nutzten mit ihrem 16.5-Prozent-Anteil also ihre Sperrminorität.

Im Juli 2020 segnete der US-Kongress unter Druck zahlreicher zivilgesellschaftlicher Organisationen ein Gesetz ab, wonach Washington im IWF eine SZR-Ausschüttung von $ 2.8 Millionen beantragen sollte. Schliesslich setzte das Finanzministerium ein Jahr später, im Juli 2021 – Trump war nicht mehr Präsident – eine Ausschüttung von $ 650 Millionen durch, davon $ 209 Millionen für die EMDE-Länder. Nota bene: Die reichen Länder sind vom SZR-Bezug ausgeschlossen.[1]

In den EMDE-Länder lebten 2020 rund 3.88 Milliarden. Aufgrund der erwähnten BIZ-Berechnungen (0.5 Todesfall auf 1000 Menschen) starben in der Rezession von 2020, der schwersten seit 70 Jahren, 1.94 Millionen Menschen an deren Folgen (also nicht am Ciôvid-Virus). Wir lesen im CEPR-Papier:

«Wie viele Menschenleben wären bei einem globalen Konjunkturabschwung von der Grössenordnung desjenigen, der sich im Jahr 2020 ereignete, gerettet worden, wenn im März desselben Jahres Sonderziehungsrechte (SZR) ausgegeben worden wären? Damals forderte die geschäftsführende Direktorin des IWF, unterstützt vom Fonds und fast allen Mitgliedsländern, eine sehr umfangreiche Ausgabe. Zunächst betrachten wir den Prozentsatz der neuen SZR, den die Schwellen- und Entwicklungsländer für fiskalische Zwecke ausgeben, der auf 40 Prozent geschätzt wird. Wir können abschätzen, um wie viel dies das BIP voraussichtlich erhöhen würde. Daraus lässt sich eine grobe Schätzung der daraus resultierenden Verringerung der Sterblichkeit berechnen. Wenn wir von einem linearen Zusammenhang zwischen dem durch die Rezession verlorenen BIP und dem daraus resultierenden Anstieg der Sterblichkeit ausgehen, dann hätten 283’000 der geschätzten 1.94 Millionen Todesfälle, die den Auswirkungen der Rezession von 2020 zugeschrieben werden, vermieden werden können, hätte das US-Finanzministerium eine Emission im Jahr 2020 (…) unterstützt.»

«Diese Schätzung von 283’000 Menschenleben, die im Jahr 2020 durch eine SDR-Ausgabe hätten gerettet werden können, ist sehr hoch, berücksichtigt jedoch nicht alle Wege, über die diese Erhöhung der internationalen Reserven voraussichtlich Leben retten würde. Ausserdem betrachten wir nur die unmittelbaren Auswirkungen einer solchen Aufstockung der Reserven im darauffolgenden Jahr. In Wirklichkeit hätte diese Massnahme Auswirkungen, die bis ins nächste Jahr und darüber hinaus reichen würden. Beispielsweise würde ein Land die Sterblichkeit senken, wenn es in der Lage ist, den Zugang zu sauberem Wasser zu verbessern oder andere gesundheitsbezogene Infrastruktur zu verbessern.»

«Hätten sich die geschäftsführende IWF-Direktorin und das US-Repräsentantenhaus durchgesetzt und das erreicht, was sie angestrebt hatten – der vom US-Repräsentantenhaus verabschiedete Gesetzentwurf sah nämlich vor, dass das US-Finanzministerium eine Zuweisung in Höhe des mehr als Vierfachen dessen unterstützen sollte, was der IWF im folgenden Jahr genehmigt hatte –, wären wahrscheinlich ein Vielfaches der hier betrachteten 283’000 Menschenleben gerettet worden.»

Leider geht das weiter:

«Die weltweite Gesundheitslage, insbesondere in den Ländern des Globalen Südens, hat sich durch die drastischen Kürzungen der Entwicklungshilfe durch die Trump-Regierung erheblich verschärft, da fast 50 Prozent des USAID-Budgets gestrichen wurden. Jüngste Forschungsergebnisse in The Lancet schätzen, dass bis 2030 14 Millionen Menschenleben verloren gehen könnten, weil die Mittel für Gesundheitsprogramme gekürzt wurden, insbesondere für solche zur Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und vernachlässigte Tropenkrankheiten wie Dengue-Fieber und Chikungunya.»

Die geschilderte Realität ist grauenhaft, ungefähr bezifferbar, aber nicht vorstellbar. Sie ist ein Moment des globalen Kapitalismus, der ohne das, was wir als strukturellen Massenmord kennen, nicht existieren würde. Andere reden von regelbasierter Ordnung.

Das Finanzministerium unter Biden wollte weniger Menschen sterben lassen als jenes von Trump – «nur» ein Vielfaches derer, die es gerettet hatte. Deshalb meint der Begriff Faschismus nicht einfach eine Zeit vor 90 oder 100 Jahren, sondern die Intensivierung der eh grundlegenden Dynamik von Raub und Mord. Wir können – auch gepeitscht von den sich jagenden Kriegen – verzweifeln. Oder nach Möglichkeiten des Widerstands suchen.

 



[1] Selbstverständlich profitieren die imperialen Metropolen von den SZR. CEPR hält fest, dass die USA 2024 Exporte in die EMDE-Länder im Wert von $ 1.1 Billionen getätigt haben. Laut dem US-Handelsministerium hängen 4.5 Millionen Jobs an diesen Exporten. Ein wesentlicher Teil der SZR ist in den EMDE-Haushalten für Importe disponibel.

Trumpsche Zölle - wer sie bezahlt

Mittwoch, 9. April 2025

(zas, 9,4,25) Democracy Now interviewte letzten Monat die bekannte US-indische Ökonomin Jayathi Ghosh zu den Auswirkungen der Trumpschen Zollpolitik im Trikont. Wie immer die Bande im Weissen Haus die Zölle umsetzten wird, die Sache ist düster. Hier ein Ausschnitt aus dem Interview:

Jayati Ghosh:
Nehmen wir Bangladesch, Laos, Kambodscha und Sri Lanka. Sie exportieren vor allem Kleidungsstücke. Dabei handelt es sich um eine arbeitsintensive Tätigkeit, die typischerweise von Entwicklungsländern in der Anfangsphase ihrer Entwicklung aufgenommen wird. Sie wird nicht in die USA verlagert, und die USA wollen diese Arbeitsplätze auch gar nicht. Der Gedanke, dass man diese Länder für das Bisschen an sehr arbeitsintensiven Exporten, die sie erwirtschaften müssen, irgendwie angreifen will, ist wirklich seltsam. Denn sie alle sind mit anderen sehr schweren konfrontiert.

Die Bekleidungsindustrie ist nicht nur eine wichtige Export- und Devisenquelle, sie ist auch ein wichtiger Arbeitgeber, insbesondere für Frauen. Was wir also jetzt erleben werden, sind erhebliche Entlassungen. In Sri Lanka und in Unternehmen in Bangladesch beklagen sich die Menschen bereits darüber, dass sie keine Aufträge mehr erhalten, noch bevor die Zölle in Kraft treten, und dass sie Hunderttausende, in einigen Fällen möglicherweise Millionen von ArbeitnehmerInnen entlassen müssen. Und was das für Volkswirtschaften bedeuten wird, die bereits taumeln und unter schweren Krisen leiden … in Bangladesch gibt es bereits politische Unruhen. In Sri Lanka gibt es eine neue Regierung nach erheblichen politischen Umwälzungen. Was das für all diese Länder bedeuten wird, ist wirklich erschreckend.

 

Argentinien (und Schweiz): Die Strategie der Kanaillen

Donnerstag, 2. Januar 2025

 

(zas, 2.1.25) Es ist verdienstvoll, dass Medien auch Wundersames mitteilen. Wie weihnachtlich der NZZ-Korrespondent Alexander Busch zu Argentinien: «Die Armutsrate ist in den vergangenen drei Monaten gesunken. Ende des Jahres könnte sie sogar unter dem Niveau liegen, auf dem sie sich vor einem Jahr befand, als Javier Milei die Regierung übernahm (...) Unabhängige Wissenschaftler bestätigen inzwischen die Verbesserung der Armutssituation. So hat nach Einschätzung des Observatoriums für soziale Schuld der Katholischen Universität (UCA) die rückläufige Inflation die Lebensmittelpreise gesenkt. Gleichzeitig (…) Für Milei sind das überraschend gute Nachrichten. Denn sein radikales Sparprogramm, mit dem er das Haushaltsdefizit des Staates in einen Überschuss verwandelte und damit die Inflation stark senkte, wird heftig kritisiert. Viele machten die Kürzungen für wachsende Armut und die zeitweise schwere Rezession verantwortlich.»

Kein «überraschendes» Wunder, sondern Lüge.

Ihre unmittelbare Quelle ist das erwähnte Ministerium für Humankapital (nur schon der Begriff transportiert den Angriff auf die unten).  Die zum Ministerium gehörende Statistikbehörde verwendet bewusst einen falschen KonsumentInnenspreisindex und damit eine verlogene Inflationsberechnung. Der Index basiert zum Beispiel auf Ergebnissen der Haushaltserhebung von 2004-05. «Ein mehr als veraltetes Foto, das nicht auch nur annähernd zeigt, wie die Familien ihr Geld ausgeben», kommentierte am 8. Dezember Leandro Renou in der Zeitung Página/12. Ein neuer Preisindex ist zwar erarbeitet, bleibt aber ungenutzt. Wir erfahren: «Technisches Personal des IWF war im September in Argentinien (…) untersuchte den neuen Index und verlangte dessen Veröffentlichung so schnell als möglich.» Der Fonds will für seine Raubzüge eine einheitliche Methodologie.

"Der Lohn ist tot". An einer Demo gegen die Politik der Verarmung.

 Falscher Zahlenzauber

«So schnell als möglich» heisst für Milei und seinen Wirtschaftsminister Luis Caputo: wohl in den ersten Monaten des neuen Jahres. Denn der neue Index würde ein weniger geschöntes Bild von Armut und Inflation ergeben. Dem jetzt gebrauchten Index zufolge machen auf der Basis der Haushaltsbefragung 2004 die Essenskosten 26.9 % der Haushaltsausgaben aus, diejenigen für Wohnen und staatlich regulierte Dienstleistungen 9.44 %. Der neue Index beziffert die gleichen Ausgaben auf der Basis neuerer Erhebungen anders: 22.7 % für Nahrung, 14.5 % für Dienstleistungen (Strom, Wasser, Gas, Transport, Internet). Detail: Milei kürzte die Subventionen bei den staatlichen Tarifen in seinem Regierungsjahr dramatisch. Nochmals Renou: «Heute verschlingen die Dienstleistungen bis zur Hälfte des Haushaltsausgaben; deshalb sagen die Leute auf der Strasse weiterhin, dass das Geld nicht reicht, auch nicht bei einem sich entschleunigenden Index.» Gleichzeitig nahmen die Nahrungspreise in den letzten Monaten ab, weil sie so teuer wurden, dass sie «niemand mehr kaufen konnte».

Renou weiter: «Mit der Verschiebung des neuen Warenkorbes spielte man statistisch mit dem geringeren Anstieg der Nahrungsmittel, um die grösseren von der Regierung autorisierten Erhöhungen bei Tarifen, privaten Krankenkassen, Privatschulen, Mauten, Strom, Gas, Transport und Wasser zu kompensieren. Im Wirtschaftsministerium verbergen sie nicht, was sich in den Zahlen zeigt. Jedes Mal, wenn die Regierung sah, dass die Nahrung – die Rubrik, die heute einen Gutteil des Konsumentenpreisindex ausmacht – tief war, wurden Tariferhöhungen bewilligt.»

Warum benutzt das Regime den realistischeren Index erst nächstes Jahr? Dann stehen Parlamentswahlen an. Die Preisindexangaben des ersten Semesters werden erst danach veröffentlicht.  Sie werden die Inflationszunahme nicht von den jetzt gehandelten Daten aus berechnen, sondern «logisch» ab 1. Januar mit seinen dann upgedateten Startangaben. So wird der Kaufkraftverlust deutlich geringer ausfallen. 


 «Wissenschaftliches», Geheucheltes und ein relevanter Hinweis

Es kommen weitere Elemente des Lügenkonstrukts hinzu (nochmals Busch): «Gleichzeitig erhöhte die Regierung die Sozialausgaben für die Ärmsten und für Kinder und schaltete vor allem Mittler wie Kooperativen, Suppenküchen und politische Organisationen aus. Statt dass wie zuvor 50 Prozent der Hilfe über Vermittler verteilt würden, erreichten nun 93,5 Prozent der Sozialhilfe direkt die Bedürftigen, erklärte» das Ministerium für Humankapital. Diese «Erhöhung der Sozialausgaben», von der es auch die «unabhängigen Wissenschaftler» der Katholischen Universität haben, bezieht sich auf das Programm AUH (Kindergeldzulagen für arme Haushalte) und der damit verbundenen Tarjeta Alimentar (Essenskarte). Letztere verlor 2024 zwar 14.3 % an Wert, die AUH aber stieg um 43 %, wie das Angaben der OPC, der Parlamentarischen Budgetstelle, wiedergebende Rechtsblatt La Nación schreibt. Nur: Die AUH machte laut OPC 7 % der Gesamtausgaben für Sozialprogramme aus. Und diese fielen im gleichen Zeitraum insgesamt um 45.6 %. Diese massiven Kürzungen bezeichnet die OPC zusammen mit den Mileis Rentenreduktion als Hauptdrivers für den gepriesenen Budgetüberschuss. Dieser geht in die Schuldenzahlung an IWF und private Raubritter.

Die Katholische Universität UCA gilt je nachdem, wer von ihr sich gerade äussert, mal als progressiv, mal als reaktionär. Ihre Armutsstudie stand unter Leitung von Agustín Salvia, der bislang offenbar nicht als gekauft taxiert werden musste. Nebenbei äusserte Salvia denn auch Distanz zu seiner Hauptbotschaft. Dazu das schwer rechte Medium Infobae: Salvia erklärte zu seiner «Lageverbesserung», «dass man diese wegen der neuen Zusammensetzung der fixen Ausgaben der Haushalte, die sich aus der Teuerung von Dienstleistungen in den Sektoren Kommunikation, Transport, Kochgas und Strom ergibt, möglicherweise weder am Geldbeutel spürt noch an einer Zunahme des Konsums ersieht.» Er meinte, «dass die Dimension der wirtschaftlichen Veränderung eine gravierendere soziale Situation hätte erzeugen können, aber dass die Kapitalreserven oder früheren Ressourcen dämpfend gewirkt haben». Ein Hinweis etwa darauf, dass das Regime auch die letzten Dollarreserven unter der Matratze in Richtung Schuldenrückzahlungskonti der Zentralbank «lockt», z. B. über die von Milei ermöglichte Wohnungsmiete in Dollars[1]. Als wäre damit die Armutsbedrohung zurückgegangen. Natürlich wusste Salvia, dass die Hauptbotschaft der Studie, nicht seine Relativierungen, das mediale Rennen in Argentinien machen würde. Und dies trotz seines Befundes von massiv wachsender Kinderarmut (wo es doch sonst eigentlich aufwärts geht…). Klassische Heuchelei. 


Relevanter ein Hinweis des wie gewohnt kritischen Ökonomen und Journalisten Alfredo Zaiat in Las fake económicas del 2024. Er schreibt: «Die am schlechtesten gestellten sozialen Gruppen (…) hatten Einbussen bei Essen in Suppenküchen, Medikamenten und bei der Transportsubvention. Letzteres stellte einen schweren Schlag im Budget der Leute dar (…) Für Nutzer des [staatlich regulierten] Verbundtickets von U-Bahnen, Bussen und Zügen kostet ein Kurzstreckenticket von bisher 52.96 Pesos neu 370 Pesos. Mit anderen Worten, die indirekten monetären Einkünfte stürzten ab, was eine rigorosere Bewertung der monetären Bemessungslinie von Armut und extremer Armut erfordert. Eine Lohnerholung, die einem Sektor erlaubt, die Armutsgrenze zu übertreffen, registriert den Verlust indirekter Einkommen (Nahrung, Medikamente, Subventionen) nicht. Das stellt ein Stadium generalisierter Verarmung unabhängig von dem, was Statistiken sagen, dar.»

Erstaunlicherweise hält Zaiat dennoch einen Rückgang der Armut für möglich, bloss nicht in dem vom Regime propagierten Ausmass. Dies besonders wegen des Sozialprogramms AUH, trotz der harten, auf offiziellen Zahlen beruhenden parlamentarischen Widerlegung dieser These.

«Das soziale Geflecht zerstören»

Eine Bemerkung noch zu dieser perversen NZZ-Schreibe: Die Regierung «erhöhte die Regierung die Sozialausgaben für die Ärmsten und für Kinder und schaltete vor allem Mittler wie Kooperativen, Suppenküchen und politische Organisationen aus. Statt dass wie zuvor 50 Prozent der Hilfe über Vermittler verteilt würden, erreichten nun 93,5 Prozent der Sozialhilfe direkt die Bedürftigen, erklärte [das] Ministerium für Humankapital.» Die Angabe 93,5 Prozent bezieht sich auf das oben erwähnte AUH-Programm und wird allein durch die vom Regime in Aussicht gestellte Jahresinflation von 120 oder 130 Prozent mehr als halbiert. Doch zentraler ist die Essensverweigerung für Hungrige als Waffe im Sozialkampf.

Die «Mittler» sind primär Barrio- und Piquetero-Organisationen mit ihren Volksküchen, comedores comunitarios, entstanden um die Jahrhundertwende aus den Kämpfen gegen die neoliberale Verheerung. Staatlich registriert waren landesweit 41'000 Suppenküchen, von denen etwas mehr als die Hälfte von der Regierung unterstützt wurde. Eine vor wenigen Tagen in Página/12 zusammengefasste Untersuchung der Universität von Buenos Aires und der wichtigen Unterklassenorganisation UTEP (Unión de Trabajadores y Trabajadoras de la Economá Popular) zeigt, dass von den Comedores-Mitarbeiterinnen rund 80 Prozent Frauen und 70 Prozent der Essenden Kinder und Jugendliche sind. Johanna Duarte von der UNEP wird so zitiert: «Die Gemeinschaftsnetze retten uns vor so viel Entmenschlichung, es sind die kommunitären Sozioarbeiterinnen, die unserem Volk zu essen geben, die im schulischen Bereich helfen, die unsere Kids vor den Klauen des Drogenhandels retten und die unsere Betagten pflegen.» Jetzt sind diese comedores für 72'000 Menschen da. Milei strich ihre Unterstützung, 40 Prozent ihrer Ressourcen erhalten sie aus der lokalen Solidarität – Kleinhandel, Familien, Volksorganisationen -, 34 Prozent aus eigenen ökonomischen Aktivitäten wie Bäckereien und je 13 % von Gemeinde- und Provinzregierungen. Seit letztem Februar kommen auffallend mehr Erwachsene, auch viele, die wegen Arbeitsunfällen oder Krankheiten nicht mehr lohnarbeiten können und deren Renten unter Milei absackten.

 

Quelle: Página/12

Letzten Mai publizierte das Medium eldestape.web eine Auswertung von dank Informationsfreiheitgesetz erlangten Dokumenten des Ministeriums für Humankapital über dort gelagerte Trink- und Essensvorräte, mindestens 5000 Tonnen. Der Skandal war perfekt. Der Regierungssprecher sprach mal von Notvorräten für Katastrophenfälle, mal von betrügerischer Geschäftsführung der comedores. Kabinettschef Nicolás Posse sah im Mai «ein System der modernen Sklaverei», die «Humankapital»-Ministerin Sandra Petrovello «Kartelle» am Werk. Gegen VertreterInnen der in den comedores engagierten Organisationen strengte das Regime Strafuntersuchungen an. Nachdem ein Gericht der Regierung befohlen hatte, die 5000 Tonnen schnellstens auszuliefern, rekurrierte diese mit der Begründung, die Justiz habe sich nicht in die öffentliche Politik einzumischen. Das sah vor zwei Monaten auch ein Bundesrichter in der Provinz Córdoba so. 

Lorena Corral, die eine hauptstädtische Volksküche leitet, sagt: «Bei uns reicht es, weil wir von der Stadt Nahrungsmittel erhalten, neben vielen Schenkungen. Aber im Quartier schliessen comedores, weil sie nichts ausgeben können. Die Lage wird jeden Tag schlimmer.» Alejandro Gramamajo von der UTEP erklärte damals: «Wir erleben Gewalttaten in den comedores, was wir nie gesehen haben und was uns sehr besorgt. Die Leute streiten sich buchstäblich wegen eines Tellers Essen (…) Wir haben eine unglaubliche, nicht tolerierbare Situation. Es ist unerhört, dass all dieses Essen eingelagert ist, während sich in den Quartieren jeden Tag mehr Leute um einen Teller Essen drängen. Was Milei will und was erneut klar wird, ist, das soziale Geflecht zu zerstören. Es gibt keine andere Erklärung dafür.»

Das Milei’sche Labor, das in El Salvador und nacheifernden Ländern des Südkontinents seine Entsprechung findet, soll auch in den USA Einzug halten – offen. An einer solchen Strategie der Kanaille erlaben sich Herrschaftsgruppen, wie sie etwa in der NZZ den Ton angeben, solange sie nicht befürchten, am Widerstand aufzulaufen.  Und vergessen wir nicht: Milei kam nicht aus dem Nichts. Seine Vorgängerregierung unter Alberto Fernández öffnete ihm die Tür mit der Verarmung infolge Befolgung der via IMF transportierten «Sparkommandos» der globalen Oligarchie. Wer «links» antritt und eine rechte Politik betreibt, öffnet heute dem Faschismus die Tore.



[1] Der Direktor von Avenir Suisse begrüsste vor zwei Monaten eine «Entspannung am Wohnungsmarkt» dank Mileis Abschaffung von Mieterhöhungsbeschränkungen. Er berief sich dabei auf den ausgewiesenen Experten Busch, der die wohltuende Wirkung der von Milei erlaubten Mieten-Dollarisierung beschrieb. Die Meisten haben keine Dollars, werden dafür herausgeschmissen, weil Dollarmieten lukrativer sind. Und manche opfern ihre Dollars, um in der Wohnung bleiben zu können. Hoch der Wohnungsmarkt! Der werde noch bestehende Probleme lösen. Gewinne auf der einen, casas de cartón auf der anderen Seite. Diesen gilt das bekannte, ursprünglich mexikanische gleichnamige Lied.