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El Salvador: Die Diktatur lädt zu Wahlen ein

Mittwoch, 5. August 2026

 

(zas, 5.8.26) Rund 110'000 Menschen sind nach offiziellen Angaben im Rahmen des seit über vier Jahren andauernden und zentrale Grundrechte negierenden «Ausnahmezustands» im schwarzen Loch der Foltergefängnisse. Von Manchen wissen die Angehörigen nicht, ob sie noch leben. Die meisten sitzen wegen realer oder angedichteter Mitgliedschaft in den einstigen Strassenbanden der Maras im Gefängnis; andere – von ExponentInnen der früheren FMLN-Regierung (und vereinzelt der rechten Partei ARENA) über GewerkschafterInnen zu MenschenrechtlerInnen und SozialaktivistInnen – wegen krimineller oder terroristischer Vereinigung. Massenprozesse (geplant einige mit ein- bis zweitausend Angeschuldigten) werden von anonymen, vom Bukele-Clan ernannten RichterInnen auf der Basis von Polizeiakten und anonymen Aussagen in Rekordzeit mit Schuldsprüchen zu oft jahrzehntelangen Gefängnisstrafen durchgezogen.

 

Zustimmung. Angst. Präventive Konterrevolution

Das «Ausnahmeregime» hat den Terror der Maras in den Unterklassenzonen weitgehend unterbunden. Du kannst heute problemlos deine Verwandten und Bekannten im Nachbarquartier besuchen, in dem jene Mara das Sagen hatte, die zu der in deinem Quartier dominierenden im permanenten Konkurrenzkrieg stand und die dich, da von dort stammend, umlegen konnte. Die Lage jetzt stellt dem gegenüber eine enorme Erleichterung dar.

Das andere Gesicht des Ausnahmeregimes: die präventive Konterrevolution. El Salvador scheint in Sachen Einsperrrate weltweit die Spitzenposition zu beziehen. Die überwiegende Mehrheit der Gefangenen lebte in Armutszonen. Und klar wissen die Menschen dort, dass viele unschuldig hocken, also nicht bei den Maras waren. Der Joaquín von der Ecke vorne, die María von drüben – no, no, die waren nicht dabei. Oder der Nachbarjunge war «poste», hatte die oft erpresste Aufgabe, Ortsfremde den Maras zu melden. Viele nehmen das halt als «Preis der Freiheit» hin. Aber da ist die Angst im Hintergrund – «Was, wenn die anonyme Denunziation mich oder die Familie betrifft?» Putative Prävention: Bukele-Begeisterung vorweisen.

Eine diffuse, wirksame Angst – in den Zonen der Unterklassen daheim, geht sie auch im Mittelstand um. Gut so, weiss man im Regime. Denn die Sozialangriffe der Bukele-Regierung haben sich unter Anleitung des IWF verschärft. Allein in den vergangenen zwölf Monaten bewirkten drastische Budgetkürzungen die Entlassung von 8000 staatlichen Angestellten (primär aus dem Gesundheitssektor) und die Schliessung von über 70 Schulen (an den anderen soll unter dem Kommando einer als Erziehungsministerin fungierenden Armeeoffizierin militärische Zucht und Ordnung herrschen). 70 Prozent der einbezahlten Rentengelder haben die Regierungen von den beiden privaten Rentenkassen als Schulden aufgenommen. Mit der Rentenprivatisierung in den 90er Jahren und ihrer Zwangsklausel zum Übertritt aller nicht-alten Generationen ins private System verlor der Staat bis heute praktisch sämtliche Renteneinzahlungen, nicht aber die Pflicht, Renten auszurichten. Bukele hat diese Verschuldung auf $ 11.6 Milliarden massiv beschleunigt – zur Hälfte eindeutig für andere Zwecke als die Rentenauzahlung. Die aktuelle Gesamtverschuldung des Landes stieg unter Bukele um 77 % auf $ 35 Milliarden (80 Prozent des BIP). Der informelle Arbeitsmarkt (keine Sozialversicherung) wächst auf Kosten des formellen.

 

Drama in der Landwirtschaft

Die FMLN-Regierungen hatten die Agrarhaushalte und Kooperativen mit zahlreichen Sozial- und Produktivprogrammen unterstützt, mit dem Resultat, dass die Grundnahrungsmittel Bohnen, Mais und Reis fast vollständig im Land produziert wurden. Das Saatgut war gentech-frei, immer weniger auf Pestizide angewiesen und nicht hybrid. Damit war ein Schritt zur Anpassung an den bedrohlichen Klimawandel gemacht. Tempi passati. Unter Bukele wurden zentrale Agrarreformen gestrichen und die Produktion zugunsten des bukelistisch dominierten Importsektors laufend reduziert. Ein illustratives Beispiel für den Gang der Dinge: Vor wenigen Wochen hatte der Vizeagrarminister betont, dass dank weiser Leitung und Programmen der Regierung die Landesversorgung mit Grundnahrungsmitteln garantiert sei. Es mangelt heute an Mais, der im Vergleich zu den Vorjahren zwischen 12 und 35 Prozent teurer. Ein Produktionseinbruch verursacht durch Regierungszerstörung, Klimawandel und internationale Inflation der Produktionsmittel. Anders bei den roten Bohnen, die reichen aus. Dank Importen aus Argentinien und – Äthiopien.  Irgendwer im Bukele-Lager hat da offenbar einen guten Draht.

 

«Aussergewöhnlicher Fortschritt in El Salvador»

Im Land geht es den meisten Leuten deutlich schlechter als früher, die Schuldenspirale schiesst nach oben, der Bukeleclan hat sein Vermögen vervielfacht, die Oligarchie sahnt mehr denn je ab, internationale Kryptogangster und ähnliche Kreise sind hochwillkommene «Investoren» zum Beispiel in der Bauwirtschaf. Zwar gibt es keine Wohnungen fürs Volk, dafür kurbelt der Bau von 30-stöckigen Wolkenkratzern mit Luxusappartements, steuerbefreit für 15 Jahre, die Bauwirtschaft an.

All das und vieles mehr traf bisher auf vergleichsweise wenig Widerstand. Kein Wunder: Aufbegehrende Staatsangestellte, um ihr Land kämpfende bäuerische Gemeinschaften oder die aus den städtischen Zentren verjagten ambulanten VerkäuferInnen wissen, was ihnen droht: das «Regime». Deshalb der Begriff der präventiven Konterrevolution. Da passt, dass der Vizechef des IFW, Dan Katz, im vergangenen Juli einen «aussergewöhnlichen Fortschritt» in El Salvador erblickte. Vor seinem IWF-Posten war Katz Stabschef in Trumps Finanzministerium und unterstützte dort die Oberherrschaft von Elon Musks DOGE-Trupp in Sachen Zertrümmerung des Sozialstaates. Er war auch Mitglied des 19-köpfigen Signalchats von Pete Hegseth, in dem die Schar letztes Jahr freudig Infos und Kommentare über die US-Bombenangriffe auf die Hutis austauschte. Zusammen mit dem Finanzminister waren sie die einzigen Chatmitglieder ohne formelle Führungsposition im Sicherheitsapparat. Ein Erfolg in El Salvador trifft auf die Qual in Somalia.

 

Gestern war es falsch …

2024 trat der Diktator zu seiner ersten verfassungswidrigen Wiederwahl an. Er gewann haushoch. Ein massiver Wahlbetrug diente primär dem Herrschaftsausbau in Parlament und Gemeinden. Im Wahlfieber hatten das viele nicht sehen wollen. NGOs, soziale Organisationen, Universitäten, liberale Kreise wetteiferten miteinander, welcher oppositionelle Kandidat die besten Siegeschancen habe. Der FMLN trat siegesgewiss in den Kampf und erhielt nicht einen Sitz im Parlament. Die Strassenprotest-Organisation Alianza Nacional El Salvador en Paz war aufgrund interner Differenzen in der Frage, welcher Kandidat zu unterstützen sei, geschwächt. Ihre Leitung wurde in der Nacht vor Bukeles zweitem Amtsantritt unter der absurden Beschuldigung, für den kommenden Tag Anschläge auf Tankstellen u. a. geplant zu haben, gefangen genommen (ihr Prozess soll in wenigen Tagen beginnen). Einzig der Bloque de Resistencia Popular, ein Zusammenschluss sozialer Organisationen, liess sich nicht auf spekulative Wahlbündnisse ein. Er hatte zuvor vergebens ein breites Wahlbündnis vorgeschlagen, dessen Strategie und Kandidaturen überhaupt erst gemeinsam auszuarbeiten gewesen wären. Der FMLN, selbsternannter «Hoffnungsträger der Klasse», hatte die Idee mit einer Schnellkandidatur seines offiziellen Chefs sofort beerdigt. Das Bündnis sollte von links her aufgebaut werden. Zwar tickten viele im FMLN links, doch für die Leitung war die Diktatur neben der «Klassenfrage» nebensächlich, teilweise sogar «antiimperialistisch», da gegen Biden.  Nun, das Resultat sprach Bände ... Zwei andere Oppositionsparteien holten drei Sitze im 60-köpfigen Parlament. Es kam genau das raus, wovor der Bloque und andere kritische Stimmen gewarnt hatten: Eine Wahlbeteiligung unter den Bedingungen des Ausnahmeterrors legitimierte den Wahlsieg der Diktatur.

 

… und wird heute repetiert

Halbwegs verlässliche Umfragen wie die der Jesuitenuni UCA bestätigen den Trend, dass Bukele bei den auf für April 2027 geplanten Wahlen klar die Präsidentschaft gewinnt. (Die Betrugsmechanismen dienen der Propaganda der Unbesiegbarkeit und der eisernen Kontrolle des Parlaments und der Gemeinden.) Die sogenannten Oppositionsparteien (FMLN, ARENA, Vamos) würden laut der UCA zusammen nur 3.2 Prozent der Stimmen machen. Andere Umfragen sehen das ein wenig gnädiger. Natürlich sind Umfragen in einem Land wie in El Salvador mit spezieller Vorsicht zu geniessen. So ermittelt die UCA mal 60 Prozent, mal 50 Prozent, die ihre politische Meinung aus Angst vor Repression nur im engsten Kreis kundtun (also kaum in Umfragen). Aber die Geringschätzung in der Bevölkerung für die sogenannten Oppositionsparteien wird von vielen Stimmen bestätigt.

Der FMLN suchte deshalb eine Imageaufwertung. Am letzten 1. Mai gab es zwei Mobilisierungsaufrufe, einen vom Bloque de Resistencia und einen vom FMLN. In den Wochen zuvor hatte sich eine Bewegung im Personal der staatlichen Spitäler gegen laufende Massenentlassungen und Missstände formiert. Keine grosse Bewegung, aber mit moralischer Unterstützung in breiteren Kreisen. Medizinische Personal in den öffentlichen Spitälern, der Bloque und das MDCT (Movimiento para ala defensa de la Clase Trabajadora), eine Gruppierung von GewerkschafterInnen und anderen SozialaktivistInnen, gründeten die Allianz Conadesa. Der FMLN versuchte vergebens, Conadesa-Teile für seinen Aufmarsch zu gewinnen. Er mobilisierte am 1. Mai vielleicht 1000 Leute, die Allianz Bloque/Conadesa anscheinend etwa 6000, hauptsächlich vom Bloque, aber die Beteiligung von mehreren hundert Spitalangestellten um die Führungsfigur Rafael Aguirre war als Botschaft an die Bevölkerung wichtig. Im Land der Angst sind dies zwar geringe, aber signifikante Zahlen.

Die FMLN-Leitung erkannte die Gefahr einer von ihr unabhängigen Bewegung. Gefahr, weil zwar in der Basis der Druck für eine reale Opposition da ist, aber nicht in der Leitung. Diese bearbeitete Aguirre, bis er sich Anfang Juli bereit erklärte, als ihr Präsidentschaftskandidat ins Rennen zu gehen. Er tue das, so Aguirre seither, auf Verlangen der grossen Sozialbewegung Movimiento de Poder Ciudadano (Bewegung der BürgerInnenmacht), von deren Existenz kaum jemand wusste. Es geht um AktivistInnen um die zentrale FMLN-Führungsfigur Ramiro Vázquez, der das von Hugo Chávez und Schafik Handal angestossene Projekt Alba Petróleos – sehr billiges Öl aus Venezuela, der Erlös daraus für umfassende fortschrittliche Projekte – zur privatisierten politischen Manipulationsmaschinerie pervertiert hatte. Vázquez machte Nayib Bukele im FMLN salonfähig, protegierte ihn, erteilte Kredite für Bukele-Unternehmen u. a.

Die Kandidatur Aguirres sollte also das Gespenst einer autonomen Sozialbewegung bannen und dem FMLN Zugang zu Stimmen geben. Doch Aguirre, kaum offizieller Präsidentschaftskandidat, schaffte es erst mal, einen Teil der realen sozialen Bewegungen massiv zu enttäuschen und einen Teil der Frente-Basis, der Vázquez und die Intrigenpolitik der von ihm geleiteten «KP» im FMLN eh ablehnte, gegen sich aufzubringen. Er verwickelte sich in Interviews in Widersprüche, mochte nicht sagen, ob er das Ausnahmeregime beizubehalten gedenke, verkündete, beim ersten Anzeichen von Wahlbetrug werde die von der salvadorianischen Emigration in den USA informierte internationale Gemeinschaft aktiv werden, der FMLN werde jede Stimme verteidigen usw. Ob die Rechnung auf Stimmengewinn für das Vehikel FMLN aufgeht, ist wohl offen.

In El Salvador sind Stimmen zu hören, die Aguirre in Schutz nehmen: Angesichts der verbreiteten Zustimmung zum Ausnahmeregime könne er sich nicht einfach dagegen aussprechen. Deshalb fordere er neue Untersuchungen, nicht nur «menschenrechtlich-politische», wie er eine Reihe von UNO-Berichten bezeichnete. Bald viereinhalb Jahre Terror – und noch keine Haltung? Wofür denn kandidieren?

 

«Anzeichen» eines Betrugs

Warum transferierte Bukele die laut Wahlkalender Februar 2029 anstehenden allgemeinen Wahlen um fast zwei Jahre? Ein wichtiger Grund ist, dass bis dann seine IWF-Politik manche Illusionen zerstört haben wird, umso mehr, als nächstes Jahr das von ihm 2023 durchgesetzte Zins- und Rückzahlungsmoratorium an die privaten Rentenkassen enden soll. Woher soll das nötige Geld kommen, wenn nicht aus dem üblichen IWF-Gemisch von Mehrwerterhöhung, Rentenzwangsabgaben für die untersten Einkommensklassen im informellen Sektor, Streichung aller «unnötigen» Sozialleistungen u. ä.? Suboptimal für Popularitätswettbewerbe.

Das künftige Wahlgericht wird nicht mehr nach Stimmenstärke der Parteien zusammengesetzt, sondern vom Bukele-hörigen Parlament ernannt. Kürzliche Express-Verfassungsänderungen erlauben Bukele die unbeschränkte Wiederwahl ebenso wie etwa die Schaffung einer neuen kleinen Fraktion der der im Ausland Wählenden. Dafür wird in nicht ganz auf die Linie gebrachten Departementen die Zahl der ParlamentarierInnen entsprechend reduziert. Die Probe zur Übertragung der Resultate aus dem Stimmlokal in San Salvador in den Zentralrechner des Wahlgerichts ging kürzlich über die Bühne – nur ohne die rechtlich zwingend vorgeschriebene Kontrolle durch den Rat der Parteidelegierten (JVE). Die absolut notwendigen Zeitmargen für die technische Vorbereitung des Wahlprozesses sind praktisch alle überschritten worden, teilweise massiv. Nach wie vor ist noch nicht mal die Ausschreibung für die Unternehmen, die die elektronische Stimmabgabe von der Stimmberechtigten in den USA garantieren, auszählen und übermitteln sollen, erfolgt – viel später als laut Wahlgesetz erforderlich. Dafür melden die Bukele-Konsulate viele neue Berechtigte für die elektronische Stimmabgabe an. 2024 war für deren Übermittlung das spanische Unternehmen Indra zuständig. Es soll ein Audit über seine Arbeit existieren, von Bukele zur Verschlusssache deklariert. Bei den letzten Wahlen in Peru und Kolumbien ist es zu einem entscheidenden Betrug jeweils über die elektronische Stimmabgabe aus den USA gekommen. Im Fall Kolumbien haben nach Angaben der jetzt abtretenden Präsidentschaft enorm viele kolumbianische MigrantInnen in den USA, andauernde Nicht-WählerInnen, sich dieses Mal ihrer Patria erinnert und freudig den MAGA-Kandidaten gewählt.

 

Worum es wirklich geht

Die Äusserungen Aguirres sind Augenwischerei. Real geht es jenen im FMLN, die sein Vorgehen «beraten», um eine erneute Legitimierung des Bukelismus. Der Bloque de Resistencia meinte am 11. Juli: «Das System der Parteien befindet sich im Zerfall, denn in ihnen gedeihen einzig interne Konflikte und Manipulationen, während die Bevölkerung unter der Verschlechterung der Lebensbedingungen leidet. Doch die Regierungspartei verfügt über die nötige Kraft, alle anderen zu zermalmen (…) Unter diesen Bedingungen der absoluten Kontrolle des Wahlapparates durch den regierenden Clan und angesichts des Fehlens einer realen Alternative, die wirklich das Regime bekämpft, unterstützt der Bloque de Resistencia keine Wahlvorschläge der Parteien und wird weiter an der Seite des Volkes gegen die es bedrängende Politik kämpfen. Im Kontext der Wahlfarce von 2027, die einzig dazu dient, das Regime zu stärken, bleibt dem Volk nur, seine eigene Organisierung zu stärken.»

Wahlergebnisse in Kolumbien: Ultrarechter Kandidat liegt nach Schnellauszählung knapp vorn

Montag, 22. Juni 2026

Weniger als ein Prozentpunkt Unterschied. Der linke Bewerber wartet auf die Endauszählung

Zu den Wahlen In Kolumbien

Dienstag, 9. Juni 2026

 

(zas, 9.6.26) In der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen vom 31. Mai lag der ultrarechte Abelardo de la Espriella nach der elektronischen Schnellauszählung von praktisch 100 % der Stimmen mit 43.74 % (10'361'413 Stimmen) vor Iván Cepeda vom linken Pacto Histórico (40.9 % oder 9'688'245 Stimmen). Paloma Valencia erhielt weniger als 7 %. De la Esperiella mimte den «Aussenseiter» à la Bukele oder Milei, Valencia ist eine traditionelle Rechtsextremistin aus dem Lager des Ex-Präsidenten Uribe. Andere KandidatInnen blieben abgehängt. Am 21. Juni kommt es zur Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten.

Schon bei der letzten Präsidentschaftswahl, die Gustavo Petro gewann, trat das Netz von Grosskapital, Medienmacht und Paramilitarismus nach demselben Schema wie jetzt an: mit einem offiziellen Kandidaten der uribistischen Strömung (wie heute Valencia) und einem tobenden «Aussenseiter», der die Stimmen machte. Allgemein kommentierten internationale Medien das starke Abschneiden von de la Espriella als «Überraschung», lag doch der Menschenrechtler Cepeda laut dem Gros der Umfragen während Monaten gleichauf mit Valencia und de la Espriella zusammen. Die mexikanische Journalistin Daniela Pastrana schrieb am 29. Mai dazu: «Cepeda lag während des ganzen Prozesses an der Spitze der WählerInnenpräferenzen.  Am letzten Wochende tauchten überraschend eine Reihe in den Social Media verbreiteter Umfragen auf, die ihm ein ‘technisches Patt’ mit dem Uribista Abelardo de la Espriella gaben.»  

Pastrana zitiert dazu die Journalistin Diana Carolina Alfonso: “Diese Veränderung kann nicht als einzelnes Phänomen betrachtet  werden; sie ist Teil einer Operation, um künstlich einen Konsens über eine knappe Wahl herzustellen und von vornherein das Vertrauen in einen möglichen progressiven Sieg zu untergraben. Die Sorge gilt nicht nur den Messwerten selbst, sondern auch dem Netzwerk, das dahintersteht: Bot-Kampagnen, Social-Media-Krieg und Medien, die über genügend politische und unternehmerische Rückendeckung verfügen, um Narrative zu legitimieren, die die Demokratie untergraben.» Pastrana betont: «Die digitalen Kampagnen sind nicht einfach Übertreibungen in den Social Media, sondern Dispositive für eine politische Intervention … Am meisten schaden nicht die zirkulierenden Lügen an sich, sondern die Zustimmung, auf die sie treffen, wenn Medien mit unternehmerischer Macht sie in homogene Editorials umwandeln. Diese Aufwertung verwandelt eine Social-media-Operation in gesunden Menschenverstand.» In den rechten Primärwahlen hinkte de la Espriella weit hinter Valencia her. Aber die Social Media positionierten ihn als einzige «Chance» gegen Cepeda – und damit als Nummer 1 der Rechten.

 

Operation Jupiter

Pastrana geht auch auf den am 26. Mai von Señal Investigativa, einer Allianz des kolumbianschen Rechercheteams der Revista Raya und des Investigativorgans der öffentlichen Senderanstalten, veröffentlichten Bericht Proyecto Júpiter: una estrategia de manipulación electoral ein. Im Lead schreiben die AutorInnen: «Das Projekt Jupiter hat die emotionale Manipulation der Wähler nicht erfunden: Es hat sie für den kolumbianischen Wahlkampf 2026 modernisiert. Die Señal Investigativa vorliegenden Folien und Audioaufnahmen zeigen eine Strategie, die auf Angst, Empörung und Unsicherheit basiert, mit Zielgruppensegmentierung, undurchsichtigen Unternehmenspraktiken und möglichen digitalen Ausweitungen. Die Methode erinnert an die Taktiken von Cambridge Analytica».

Das Projekt Jupiter hat zwei Achsen, eine digitale und eine traditionelle, die unternehmerische Erpressung. Es ist den Unterlagen zufolge eine Jaime Bermúdez, dem früheren Kommunikationsberater von Álvaro Uribe, zugeschriebene Politik der Wahlbeeinflussung. Wir lesen etwa: «Was in Kolumbien geschieht, ist nichts Neues; es handelt sich um eine lokale und aktualisierte Version der Taktiken der emotionalen Manipulation, der Mikrosegmentierung und der digitalen Undurchsichtigkeit, die mit dem Fall Cambridge Analytica in Verbindung stehen.»

Cambridge Analytica - das US-britische Unternehmen, finanziert vom rechtsradikalen Hedgefund-Boss Robert Mercer, mitgegründet von dessen Propagandisten Steve Bannon, hatte relevanten Anteil u.a. an Trumps Wahlsieg 2016 und an der Brexitabstimmung. Vor allem nach dem Brexit wurde die Vorgehensweise des Unternehmens berüchtigt, das sogenannte Microtargeting, also die möglichst genau an beliebig diverse, aber intern möglichst homogene EmpfängerInnenkreise angepasste Propaganda. Damals noch illegal, wurden die primär über Facebook und andere Social Media erfassten Daten, Vorlieben, Ängste, Emotionen usw. von Millionen von Wahlberechtigten gesammelt und für eine möglichst gezielte Wahlpropaganda verwendet. Du erhältst dann das gleiche SMS oder den gleichen Instagram-Video wie alle anderen Erfassten mit ähnlichen Persönlichkeitsstrukturen wie du. Sagen wir, du und ich sind Feiglinge und hassen für unser andauerndes Verarschtwerden nicht die Mächtigen, sondern die MigrantInnen. Dann bekommen wir und viele gleich Geartete, ohne voneinander zu wissen, Warnungen zur drohenden migrantischen Machtübernahme im Fall einer Niederlage der rechten Kandidatur. Sind wir aber, wie etwa unsere Likes nahelegen, auf solche Hetzte kaum ansprechbar, erhalten wir keinen Aufruf zur Wahl des nächsten rechtsradikalen Politikers, sondern den Tipp, dass dessen Konkurrenz halt auch Dreck am Stecken hat, somit unwählbar ist. Das war, sehr vereinfacht, die Methodik der damaligen Cambridge Analytica. Mit der mittlerweile enormen Handy-Durchdringung in Nord und Süd und der u. a. dank KI zu «chirurgischer Präzision» (Pastrana) verschärften Mikrosegmentierung steht finanzstarken Mächten hier ein enorm wirksames Manipulationsinstrument zur Verfügung.

Microtargeting beinhaltet, nur die Zielpersonen bekommen die Werbung. Deshalb zitiert der Bericht Bermúdez mit der an einem Treffen in der Infrastruktur-Handelskammer in Cali gemachten Aussage: «Sie können sagen, ‘ich habe nichts gesehen’, und das ist möglich, denn es gibt keine Anzeigetafel, oder Sie sind vielleicht nicht unter den privilegierten Sektoren.» Er meinte deswegen: «Jupiter existiert nicht.»

Neu ist das Prinzip Microtargeting in Kolumbien keineswegs. So sagte laut dem Bericht von Señal Investigativa die ehemalige Leiterin von Cambridge Analytica, Britanny Kaiser, bei drei Wahlkampagnen im Jahr 2015 mitgemischt zu haben.

Jupiter passt genau zur digitalen Kampfoption gegen die progressiven Regierungen von Kolumbien, Mexiko und Brasilien, welche mitauszuführen Trump Juan Orlando Hernández, die alte Liaison zwischen kolumbianischen und mexikanischen Kartellen, beauftragt hatte (s. Hondurasgate: Fake News und Krieg).

 

Traditionelle Erpressung (Glencore): Am erwähnten Treffen in Cali führte Bermúdez aus, , dass für fast 2 Milliarden USD 17 Millionen KolumbianerInnen «privilegiert», also emotional bearbeitet wurden (und es bis zur Stichwahl weitere $ 260'000 brauche). Das Geld kommt weitgehend aus dem Privatsektor, so der Bericht, begleitet von einer strikten Vorgabe: «Es werden keine Namen von Unternehmen erwähnt.»

Zur digitalen Achse (inklusive Influencers auf Youtube etc.) kommt auch die vom Kapital betriebene mit den Arbeitsplätzen. Die Revista Raya bringt etwa folgendes Beispiel: In einer Klage vor dem Arbeitsministerium  berichteten Gewerkschaften der weltgrössten Kohlenmine im Tagbau, El Cerrejón, die Minenbesitzerin Glencore habe die Belegschaft gezwungen, an einer betriebsinternen Wahlveranstaltung zugunsten von de la Espriella  teilzunehmen. In Abteilungen trugen Arbeiter T-Shirts zugunsten des Ultrakandidaten mit Sprüchen wie «no patees la lonchera» (sinngemäss: schlag deinen Broterwerb nicht kaputt). Revista Raya berichtete von weiteren Beispielen für diesen Aspekt des Projekts Jupiter. Diese Praxis gehört nicht zufällig zum Set der Wahldemokratie, hier und dort.

 

Profis des technische Betrugs

Wahlbetrug, jahrzehnntelang von paramilitärischem Terror begleitet, gehört in Kolumbien zum Geschäft der Mächtigen. Eine wichtige Achse dabei ist die elektronische Auszählung der Stimmen. Seit den Jahren der Herrschaft Uribes wird dies von einem privaten, vom Unternehmen Greg & Sons der Gebrüder Bautista geleiteten Konsortium gemacht. Und seit etlichen Jahren ergibt die von RichterInnen nach der elektronischen Auszählung durchgeführte Wahlzettelauszählung jeweils beträchtliche Stimmenverlagerung von den rechten Kandidaturen auf progressivere. Mitglieder des Konsortiums wurden wegen Wahlfälschung schon mehrfach gebüsst, der Consejo de Estado, das oberste Verwaltungsgericht des Landes, befahl Greg & Sons 2018, den Programmcode seiner Auszählungssoftware offenzulegen. Das Unternehmen foutierte sich darum. Ebenso der Chef der mit der Durchführung der Wahlen beauftragte Registradura Nacional, berüchtigt als ultrareaktionär und bis auf die Knochen korrupt, ebenso. Er erteilte dem Konsortium erneut den Auftrag zur elektronischen Auszählung. Was konnten da die Warnungen eines Petro vor Wahlbetrug angesichts des Umstandes, dass rechte Ex-Präsidenten wie Pastrana oder Santos an Greg & Sons beteiligt sind? (Ein Mitglied des «bewährten» Konsortiums, ADS Grupo, besorgte letzten November in Honduras den «Wahlsieg» der Pro-Trump-Partei um Juan Olrando Hernández.)

 

Merkwürdiges im progressiven Lager

Schon am 1. Juni gab Gustavo Petro bekannt, das Resultat der elektronischen Auszählung nicht zu akzeptieren und auf die manuelle Auszählung der Stimmen zu warten. Am 2. Juni präzisierte er in den Social Media: die Software von Greg & Sons sei am 26. Mai, also nach gesetzlichem Schluss der Wahlvorbereitung, zweimal verändert worden; zum einen sei die Zahl der Wahlberechtigten um fast 900'000 auf über 42.3 Millionen und jene der Wahllokale um 696 auf 14'438 gestiegen. Er veröffentlichte dazu eine Liste mit genauen Angaben. Die rechten Medien in Kolumbien spotten über die Sache: Petro habe vergessen, dass Wahlberechtigte und Wahllokale auch in den USA existierten. . Natürlich weiss Petro um die Wahlbeteiligung im Ausland. Doch gleichentags versicherte der linke Kandidat und gestandene Menschenrechtskämpfer Iván Cepeda, laut seinen Unterlagen sei es zu keiner Mauschelei gekommen. Er nahm das einen Tag später zurück, doch das Signal scheint eindeutig: Von seiner Seite werden keine Einwände kommen, wenn die richterliche Auszählung der Stimmen mehr oder weniger zum gleichen Ergebnis wie das Betrugskonsortium kommen sollte. Wollte Cepeda so «nicht-konfliktiv» zentristische WählerInnen (~1.5 Millionen) um ihre Stimme bei der Stichwahl angehen?

 

Iván Cepeda sah keinen Wahlbetrug. Links die Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, die popluläre indigene Senatrin Aída Cuilcué.

Ein Faschist

De la Espriella ist der typische Politgangster aus dem Film. In Miami – er ist auch US-Bürger – hatte er jahrelang als Anwalt Drogencapos/Paramilitärs z. B. in Auslieferungsverfahren verteidigt; vor 14 Jahren liess er die Unterschriften des damaligen ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa und anderer Regierungsmitglieder unter einer Erklärung, dass sie angeblich auf die Auslieferung eines in Kolumbien sitzenden Drogenhändlers verzichteten, fälschen. Die Staatsanwaltschaft liess den Mann freudig frei, Das Oberste Gericht ordnete zwar  eine Untersuchung von de la Espriella an, aber das animierte die rechte Generalstaatsanwaltschaft bis heute nicht zur Tat. In Kolumbien verteidigte er während Jahren die paramiliärische Organisation AUC usw. usf. Und betörend, er will das Staatsbudget um 40 % senken – «Aussenseiter mit Kettensäge». Eben wurde ein Aufruf Carlos Lehders zur Wahl des Para-Kandidaten öffentlich. Lehder hatte mit Pablo Escobar zusammen das Kartell von Medellín gegründet und sass deswegen lange Jahre in den USA. Nun …, Ronald Reagan, den Trump als tollen Präsidenten lobt, hatte während des Kriegs gegen die sandinistische Revolution die Contrasöldner mit Geld des Medellín-Kartells finanziert.

 

Der Testfall

Natürlich beeilte sich Trump, seine Unterstützung des Kartellanwalts gegen den «linksradikalen Marxisten» rum zu posaunen. Roger Stone, von Trump 1.0 begnadigt, seit langem ein rechtsradikales Schwergewicht in den US-Machtzirkeln, teilte mit, was Sache ist: «Diese Wahl geht weit über Kolumbien hinaus. Sie ist eine Hemisphärentest, ob sich Lateinamerika weiter zu ideologischen Experimenten treiben lässt (…) oder einen Führer mit der persönlichen Kraft, das im Ansatz zu stoppen, wählt.»  

Weshalb wohl hat das mexikanische Parlament vor wenigen Tagen gegen die Stimmen der Rechten ein Gesetz verabschiedet, wonach Wahlen mit massiver Einmischung aus dem Ausland für ungültig erklärt werden können? Ein Versuch einer Antwort. In Brasilien, wo Trump vor kurzem zwei kriminelle Organisationen zu «Ausländischen Terroristischen Organisationen» erklärt, wo Washington sich also das «Recht» gibt, massiv einzugreifen, wird im Oktober zu einer ähnlichen Schicksalswahl zwischen Fortbestand von etwas sozialer Menschlichkeit oder drohender faschistischer Vernichtung kommen.

 

Schlussbemerkung

Mit den Möglichkeiten der Erpressung von Bevölkerungen, der Psychotisierung grosser Segmente durch enorm gefährliche Manipulationstechniken  (auch in Sachen Wahlen), mit wo nötig offener Terrorisierung durch para/staatliche Repressionskommandos, mit der auch hier wütenden Propagierung jeden Drekcs, jeder Lüge als gottgegebene Selbstverständlichkeit, lässt sich klassischer oder modernisierter Wahlbetrug als Teil des Ganzen situieren. Das Microtargeting u. ä. Techniken der Beherrschung sind tatsächlich enorm bedrohend.

Eppur si muove.

Seit Wochen eskalieren in Bolivien Bewegungen auf den Strassen gegen die Kahlschlagpolitik des Pro-MAGA-Präsidenten. Der strebt deshalb Armeemassaker an. In Chile sinkt die Popularität des Nazi-Freundes im Präsidentenpalast, die Kämpfe nehmen zu. In Uruguay sind kürzlich enorm viele Menschen für die Weiterführung des gesellschaftlichen Kampfs der während der Militärdiktatur zum Verschwinden Gebrachten auf die Strasse gegangen. In Cuba stehen so viele Menschen trotz unmenschlicher Blockadenot für eine selbstbestimmte Zukunft ein. Klar, es gibt auch viele andere Beispiele. Aber das Siegesnarrativ der Herrschenden, wonach in Lateinamerika der Volkstrend nach rechts geht, ist so sicher falsch. Eher sieht es wie gerade in Peru oder eben Kolumbien nach einer grossen Spaltung in den Bevölkerungen aus, trotz offiziellen Siegen, Terror und kybernetischer Einflüsterung. In Kolumbien mobilisieren jetzt die alten Verfolgten, die Schwarzen, Indigenen, BäuerInnen, die Feministinnen, Homosexuellen für Cepeda.

La lucha sigue.