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Medienmitteilung Solifonds: Skandalöses Urteil gegen Landlose von Curuguaty/Paraguay

Sonntag, 17. Juli 2016



In einem äusserst fragwürdigen Prozess wurden 11 Landlose in Paraguay – 8 Männer und 3
Frauen – zu langjährigen Haftstrafen zwischen 4 und 30 Jahren verurteilt. Ohne dass
stichhaltige Beweise gegen sie vorlagen, wurden sie für den Tod von sechs Polizisten
verantwortlich gemacht. Ausser diesen waren beim Massaker von Curuguaty im Jahr 2012
auch elf Kleinbauern erschossen worden. Über deren Ermordung gibt es bis heute keine
Untersuchung. Der SOLIFONDS, der die Organisation der Familienangehörigen von Curuguaty
in den letzten vier Jahren begleitet und unterstützt hat, kritisiert das Urteil und fordert dessen
unverzügliche Aufhebung.

Vor vier Jahren, am 15. Juni 2012, machten sich 324 Polizisten verschiedener Einheiten in
Kampfmontur und mit Helikopterunterstützung daran, den Weiler „Marina Kue“, ein von 50 landlosen
Männern, Frauen und Kindern besetztes Stück Staatsland zu räumen. Obwohl das besetzte Land
Staatseigentum ist, reklamierte der Grossgrundbesitzer und dem ehemaligen Militärdiktator
Streossner nahestehende Politiker Blas Riquelme das Land für sich und erreichte, dass die
Polizeikräfte für seine Interessen mobilisiert wurden. Gleich zu Beginn der Räumung kam es zu einer
Schiesserei, die 11 Landlosen und 6 Polizisten das Leben kostete. In der Folge gab es keine offizielle
Untersuchung, und obwohl Videoaufnahmen und die Resultate einer unabhängigen
Untersuchungskommission klare Beweise vorlegten, dass die Schüsse nicht von den Landlosen
kamen, wurde gegen 11 von ihnen Anklage wegen Ermordung der 6 Polizisten erhoben. Die
Erschiessung von 11 Landlosen – 7 von ihnen wurden hingerichtet, nachdem sie sich ergeben hatten
– wurde hingegen nie gerichtlich verfolgt.

Am 11. Juli nun hat ein Gericht in Asunción die elf Angeklagten für schuldig gesprochen und zu
Freiheitsstrafen zwischen 4 und 30 Jahren verurteilt. «In Verletzung seiner Pflichten hat das Gericht
die grundlegendsten Rechte der Angeklagten missachtet, indem es sie verurteilt hat, ohne dass eine
begründete Anklage vorlag. Die Angeklagten hätten bei einer so fragwürdigen Sachlage
freigesprochen werden müssen», hält die paraguayische Menschenrechtskoordination CODEHUPY
fest. Die ehemalige Sonderberichterstatterin der Interamerikanischen Menschenrechtskommission
Rosa María Ortiz stellt fest, dass die Justiz die Mächtigen schütze und die arme Bevölkerung nicht wie
Menschen, sondern wie Kakerlaken behandle.

Das Urteil zeigt einmal mehr die Instrumentalisierung der Justiz in Paraguay für politische Zwecke. Mit
dem Urteil soll offenbar ein Schlussstrich unter den kalten Putsch im Nachgang des Massakers von
Curuguaty gezogen werden. Nur wenige Tag nach dem Massaker im Juni 2012 setzte das Parlament
den gewählten Präsidenten Fernando Lugo im Eilverfahren ab, um der Agraroligarchie erneut die
Übernahme der Macht zu ermöglichen.

Das unhaltbare Urteil hat heftige Reaktionen ausgelöst. Familienangehörige haben den Gerichtssaal
besetzt und auf den Strassen kam es zu grossen Demonstrationen. Zahlreiche Organisationen
verlangen eine umgehende Revision und die Aufhebung des Urteils. Der SOLIFONDS schliesst sich
dieser Forderung an und solidarisiert sich mit den verurteilten landlosen Frauen und Männern und
ihren Angehörigen.

Zürich, 14. Juli 2016-07-14

Für weitere Auskünfte:
SOLIFONDS, Urs Sekinger, 044 272 60 37 / 078 852 92 25 / mail@solifonds.ch

Paraguay: Mehr Militarisierung

Donnerstag, 14. Mai 2015



 (zas, 14.5.15) Vorgestern berichtete die bolivianische Zeitung El País in einem kleinen Artikel über eine weitere Facette in der permanenten Militarisierung grosser Teil Lateinamarikas und der Karibik durch die USA. Der paraguayische Senat hat die Ankunft von National-Guard-Ausbildner aus North Carolina gutgeheissen. Die Sondereinheiten haben ihre Ausrüstung gleich mitgebracht, die während des ganzen Monats Juni in gemeinsamen Übungen mit paraguayischen Militärs gebraucht werden soll.
Im Rahmen der Abkommen zwischen den Armeen von Kolumbien und Paraguay werden handkehrum 80 paraguayische Militärs in Kolumbien während drei Monaten für den Kampf gegen „narkoterroristische Strukturen“ ausgebildet. 
Quelle:elpaisonlin.com
 ___
Zur Erinnerung: Den „Parlamentsputsch“ gegen den Präsidenten Lugo von 2012 rechtfertigte die Rechte mit einer angeblichen Verstrickung Lugos in das Massaker von Curuguaty, bei dem 17 Menschen – Campesinos und Polizisten – umgebracht worden sind und für das die Verantwortung der Gruppe EPP in die Schuhe geschoben wurde, einer von den meisten paraguayischen Linken als infiltriert kritisierten bewaffneten Gruppe. Reale oder angebliche Aktionen des EPP sind jeweils Anlass für weitere Militarisierungsrunden, die Verhängung von Ausnahmezuständen in grossen Gebieten mit Landkonflikten u. a.

Ein schmuckes Paar

Sonntag, 7. April 2013



(zas, 7.4.13) Paraguays De-facto-Präsident Federico Franco traf sich dieser Tage mit Spaniens Mariano Rajoy.  Den spanischen Caballero freute das Treffen so sehr, dass er gleich ein Foto mit seinem Amtskollegen auf seinen Twitteraccount auflud.
Dos amigos. Quelle: Rajoy-Twitter.

Ok, einige mündeln, sein Amiguito aus Südamerika sei dank eines kalten Putsches gegen den legitimen Präsidenten Lugo vom 22. Juni letzten Jahres Präsident geworden. Lugo war in einem Expressverfahren vom Parlament abgesetzt worden, „schuldig“ eines Massakers bei einer Landbesetzung in Curuguaty. Das das soll Rajoy stören? Oder etwa, dass die Mehrheit der lateinamerikanischen Staaten das Franco-Regime trotz Drängen der USA nicht anerkennt? Wie wenn nicht mehrere dieser Länder im Feindeslager wären. Während er in Spanien eine solide Wirtschaftspolitik betreibt, locken diese ALBA-Länder mit verwerflichem Tun: Sie setzen die Ressourcen der Nation tendenziell zum Wohl der Bevölkerung ein. Man stelle sich vor, solches würde sich in Spanien herumsprechen!
Und Federico ist ein feiner Typ, er findet die richtigen Worte. Er lud die spanischen Unternehmer zur Investition in Paraguay ein, von wo sie nämlich “das Geld in Schubkarren heimbringen“ könnten (eleconomista.es, 3.4.13).  Also! Am Wirtschaftsforum in Madrid betonte er ja auch, dass sein Land „nie ausländische Unternehmen verstaatlicht hat, und schon gar nicht solche der madre patria, eine Äusserung, die von dem hauptsächlich aus Unternehmern bestehendem Publikum mit Applaus aufgenommen wurde“ (id). Wie gesagt, ein feiner Kerl, der weiss, wo er hingehört und was sich gehört. Nicht wie diese Cristina in Argentinien, um nicht von den diábolos in ALBA zu sprechen. Eine Aufgabe, die der Amiguito aus Paraguay übernommen hat: „…es ist ein Wunder, dass der Herr Chávez vom Antlitz der Erde verschwunden ist“, denn Chávez hat nämlich der Guerillagruppe des EPP „Schutz“ gewährt, weshalb „Paraguay eine drastische Massnahme … für die Regierungsänderung“ ergreifen musste (Europa Press, 4.4.13). Bueno, in Paraguay gilt die Phantom-Gruppe EPP, von Franco und den Seinen für das Massaker von Curuguaty verantwortlich gemacht, schon lange als geheimdienstlicher Provokationstrupp, und der venezolanische Aussenminister Elías Jaua reagierte auf die eleganten Äusserungen des Herrn aus Asunción auf gewohnt populistische Weise, als er ihn dafür als „menschlichen und politischen Abschaum“ titulierte (id.). Wie wenn das am Schubkarren etwas ändern würde!
Blöd der Menschenrechtsauschuss der UNO, der Ende März in Genf die offiziellen „Untersuchungen“ zum Massaker von Curuguaty, bei dem 6 Polizisten von Scharfschützen und anschliessend 11 Campesinos von der Polizei ermordet wurden, kritisiert hat. Gutmenschen wohl, Weicheier! Anders die USA und ihre OAS: Unter Leitung des OAS-Generalsekretärs Insulza fand dieser Tage eine Ratssitzung zu Ehren von Franco statt. Leider waren nicht alle dabei: Nur 13 der 34 Mitgliedsländer waren vertreten: USA, Kanada, Honduras, Guatemala, Mexiko, Belice, Barbados, Trinidad y Tobago und Paraguay. Die andern blieben aus Protest fern, sogar Peru, Kolumbien und Chile. Wegen denen kann sich das Franco-Regime weder in der Unasur noch im Mercosur blicken lassen.
Das wird sich hoffentlich mit den Wahlen Ende dieses Monats ändern. Mutmasslicher Sieger dabei wird Horacio Cartes von der alten Diktaturpartei der Colorados werden. Auch er ein feiner Herr, ein Geschäftsmann. So sehr Geschäftsmann, dass ihn mehrere US-Geheimdienste in einem Kabel vom 5. Januar 2010 aus Buenos Aires als wichtigen Drogenhändler charakterisierten. Immer kann man es halt nicht allen recht machen, fragt die Infantin! Guter Mann, auch dieser Cartes. Gilt als treibende Kraft beim Wegräumen von Lugo. Ob nun er gewinnt oder der Kandidat der Allianz von Federico, für den spanischen Schubkarren ist gesorgt. Dies umso mehr, als erfreulicherweise die zentristischen Kräfte aus der linken Allianz des Frente Guasu um diesen Lugo die Schönheit des Schubkarrens entdeckten und mit einer eigenen Kandidatur der geschwächten Linke noch weiter zusetze

Paraguay: Wenn Rechte sich als Linke gebärden...

Dienstag, 22. Januar 2013


16. Jan 2013

Präsidentschaftswahlkampf in Paraguay beginnt

Anibal Carrillo Iramain als Präsidentschaftskandidat der Frente Guasú bestätigt. Linke in Paraguay weiter gespalten

Asunción. Drei Monate vor der entscheidenden Präsidentschaftswahl in Paraguay scheint die Spaltung der links- und mitte-linksgerichteten Kräfte unumkehrbar. Am vergangenen Sonntag wurde Anibal Carrillo Iramain als Präsidentschaftskandidat der Frente Guasú, einem Zusammenschluß aus linksgerichteten Parteien und sozialen Organisationen, bei internen Wahlen bestätigt. Sein unmittelbarer Gegenspieler ist Mario Ferreiro, ehemaliger Radiomoderator und bis zum Putsch gegen Ex-Präsident Fernando Lugo aussichtsreichster Präsidentschaftskandidat der Frente Guasú.
Nachdem Lugo mittels eines parlamentarischen Staatsstreichs im Juni vergangenen Jahres seines Amtes enthoben wurde, bestand die Notwendigkeit einer Neuorganisierung der linksgerichteten Kräfte, um bei den bevorstehenden Wahlen eine größtmögliche Anzahl an Senatssitzen zu erreichen. Die Regierung unter Fernando Lugo war in wesentlichen Bereichen handlungsunfähig gewesen, da sie weder im Parlament noch im Senat über die erforderliche Mehrheit verfügte. Ferreiro, jetzt Präsidentschaftskandidat der Partei Avanza Pais, war mit der internen Umstrukturierung nicht einverstanden und spaltete sich mit seinen Anhängern ab.
Anibal Carrillo, Kinderarzt und seit seiner Jugendzeit politisch aktiv, ist Vorsitzender der Volkspartei Tekojoja, der überwiegend Menschen der ärmeren Bevölkerungsschichten und Indigene angehören. Große Bedeutung hat für Carrillo die Unabhängigkeit der Länder Lateinamerikas und der Karibik vom US-amerikanischen Einfluss auf dem Kontinent. Mit Blick auf den CELAC-EU-Gipfel Ende Januar in Chile betonte er die Bedeutung der politischen und ökonomischen Souveränität der Länder dieser Region. Ausdrücklich begrüßte er die kommende Übernahme der CELAC-Präsidentschaft in diesem Jahr durch Kuba und kritisierte den früheren Ausschluß Kubas aus der Organisation Amerikanischer Staaten auf Betreiben der USA.

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Entgegen der Aussage des Präsidentschaftskandidaten der Radikal-Liberalen Partei (PLRA), Efraín Alegre, und im Gegensatz zu Ferreiro distanziert sich Carrillo eindeutig von den Putschisten und schließt jegliche Koalition mit ihnen aus.
Deutliche Kritik übt Carrillo an den Geheimverhandlungen der De-facto Regierung von Federico Franco mit dem multinationalen Konzern Rio Tinto Alcan. Diese Verhandlungen wurden unter Ex-Präsident Lugo unterbrochen, da keine Einigung über den Strompreis und die Einhaltung von Umweltmaßnahmen erzielt wurde. Carrillo fordert die Offenlegung aller bisherigen Absprachen und eine Einbeziehung des paraguayischen Volkes bei Entscheidungen über einen eventuellen Standort des Konzerns.

Paraguay: Große Beteiligung an Sozialforum

Samstag, 25. August 2012

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21. Aug 2012

Diskussionen über Strategien des Widerstands gegen den Putsch. De-facto-Präsident Federico Franco flüchtet vor Demonstranten

Von
Asunción. Am 14. und 15.August hat zeitgleich zum Nationalfeiertag Paraguays das erste Sozialforum in der Hauptstadt Asunción stattgefunden. Organisiert wurde es von der linksgerichteten Frente Guasú. Die zahlreichen Teilnehmer tauschten sich in 12 offenen Arbeitsgruppen mit dem Ziel aus, Strategien für den Widerstand gegen den parlamentarischen Putsch vom vergangenen 22. Juni zu entwickeln. Die Versammlungen fanden in Zelten statt, die auf dem Plaza de Armas gegenüber dem Parlament aufgebaut waren. Die Diskussionen gingen unter anderem um die Themenbereiche Souveränität und Landreform, Menschenrechte sowie soziale Sicherheit und Einbeziehung.
Höhepunkt des Forums war eine Demonstration durch die Innnenstadt von Asunción, an der sich tausende Menschen aller Altersgruppen, gesellschaftlicher und politischer Herkunft und aus allen Teilen des Landes beteiligten. Viele Demonstrationsteilnehmer meldeten sich zu Wort. "Ich bin eine von denen, die diese Situation jetzt im Land sehr empört", sagte Maria del Rosario Corbalan, eine Bäuerin aus Capiatá. "Der Marsch heute macht mir große Hoffnung, dass unser Kampf weitergehen wird und wir die Demokratie bei der Wahl 2013 wiederherstellen werden". Viktor Florentin, Mitglied einer Vereinigung von bäuerlichen Kleinproduzenten, zeigte sich besorgt über die Agrarpolitik der de-facto-Regierung. Die dringend notwendige Bodenreform werde verschleppt und den transnationalen Gen-Saatgutherstellern Tür und Tor geöffnet. Der Indigene Joselino Fleitas verwies darauf, dass während der Regierungszeit von Fernando Lugo viele Verbesserungen für die Menschen indigener Abstammung begonnen haben. "Zum ersten Mal hatten wir Zugang zu medizinischer Versorgung", so Fleitas.
Die Demonstration zog unter anderem zum Landwirtschaftsministerium, um gegen Minister Enzo Cardoso zu protestieren, der diesen Posten bereits unter der Regierung Lugo innehatte und nach dem parlamentarischen Putsch im Amt blieb. Ein weiteres Ziel war der Sitz der größten Tageszeitung ABC, die wegen ihrer offenen Unterstützung für Franco als "Putschisten-Zeitung" bezeichnet wurde.
In der Abschlußerklärung verurteilten die Teilnehmer die undemokratische Amtsenthebung des vom Volk gewählten Präsidenten Lugo. Dieser Putsch durch die etablierten Parteien sei ein schwerer Bruch des demokratischen Prozeßes im Land. Erneut würden jetzt die "drei Prozent der reichsten Bevölkerungsschicht von Paraguay, denen  85 Prozent von Grund und Boden, 90 Prozent der Medien, 70 Prozent der Supermarktketten und 80 Prozent der Importfirmen von Nahrungs- und Wirtschaftsgütern sowie gentechnisch verändertem Saatgut gehören", begünstigt, während eine Entwicklung für die Kleinbauern und Indigenen verhindert würde. Der De-facto-Regierung wird vorgeworfen, "den Kampf der sozialen Bewegungen für eine Agrarreform, bessere Bildung, umfassenden Schutz für Kinder, Jugendliche und Frauen, für Integrierung der indigenen Bevölkerung in die Gesellschaft, gegen Ausbeutung und Umweltverschmutzung durch transnationale Konzerne und viele weitere Maßnahmen zu kriminalisieren und den Willen des Volkes zu mißachten."

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Am 15. August gab Fernando Lugo anläßlich des Nationalfeiertages eine Pressekonferenz und betonte in einer Botschaft an das Volk den "historischen Moment dieses Tages". Lugo bedankte sich bei allen, die seine Regierung in den letzten vier Jahren bei ihrer Arbeit unterstützt haben und die auch jetzt mit ihm kämpfen, um ein "Paraguay für Alle" zu schaffen. Wörtlich sagte er: "Sie können uns aus dem Regierungspalast entfernen, aber nicht aus den Herzen der Menschen".
Als De-facto-Präsident Franco am Morgen des 15.August nach einer Kranzniederlegung das "Pantheon der Helden" im Zentrum der Stadt verließ, traf er auf Hunderte Demonstranten, die ihn auspfiffen und "Putschist" nannten. Daraufhin flüchtete er, begleitet von seinen Leibwächtern, in eine nahegelegene Bar.

Paraguay: Putschresultate und Widerstand

Sonntag, 15. Juli 2012



(zas, 15.7.12) Der Titel des Artikels vom 12.7.12 im erzreaktionären paraguayischen Blatts „ABC Color“ bringt es auf den Punkt: „Washington sieht keinen Grund für Suspendierung Paraguays“ von der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). Der Mercosur und die Unasur (Verband der südamerikanischen Staaten) haben die Mitgliedschaft Paraguays suspendiert. Nicht so die OAS. Ihr Generalsekretär José Insulza war gerade von einer Fact-finding-Tour in Paraguay zurückgekehrt. Begleitet hatten ihn die OAS-BotschafterInnen der USA, von Kanada, Haiti, Mexiko und … ja, von Honduras. Zwar behauptet Insulza, seine Mission habe bei der Visite mit allen Sektoren gesprochen – eine Lüge, wie ein offener Brief an ihn von paraguayischen Menschenrechts- und kirchlichen Organisationen vom 4. Juli zeigt. Darin steht: „Der Entscheid, sich mit agroindustriellen Sektoren, Besitzern von kommerziellen Medien und der Bischofskonferenz zu treffen, alles Gruppen für den Staatsstreich, ohne einen Raum für die demokratische Zivilgesellschaft zu reservieren, beunruhigt uns ausserordentlich. Denn damit hat es keine Gelegenheit gegeben, in ihre Mission Elemente zu integrieren, die die Unzufriedenheit der BürgerInnen mit diesem parlamentarischen Staatsstreich unterstreichen“.
Entsprechend die „Empfehlung“ Insulzas an den OAS-Rat: keine Suspendierung der OAS-Mitgliedschaft Paraguays, dafür eine Mission nach Paraguay, um die Wahlen vom nächsten April zu „unterstützen“. Damit, fand Roberta Jacobson, Lateinamerikaverantwortliche im State Department, habe Insulza „ein Gleichgewicht gefunden in einem Prozess, der als zu schnell hat erscheinen können“ (ABC, 12.7.12). Gemeint: der „politische Prozess“ im Senat, der keine 24 Stunden brauchte, um Präsident Lugo wegen Mithilfe bei Mordstrategien als Präsident abzusetzen. Selbst ein Senator der Putschistenpartei der Colorados, Hugo Estigarribia, musste zugeben, dass die in der „Anklageschrift“ erfolgte „Erwähnung von Tatsachen, die, da öffentlich bekannt, nicht bewiesen werden müssen, barbarisch“ war (E’a, 13.7.12). „Das Wichtigste jetzt ist“ aber für Jacobson, „konstruktive Formen der Beziehungen mit den Paraguayern zu finden, einschliesslich der Regierung Franco, um auf die Wahlen vom kommenden Jahr zu blicken“. Es gehe darum, „Paraguay die Hilfe zu geben, die es für den Dialog in den Dingen braucht, die immer noch Spannungen erzeugen“ (ABC, 12.7.12).
Das honduranische Putschdrehbuch also. Erst werden faits accomplis geschaffen, danach orchestriert die „internationale Gemeinschaft“ Wahlen mit dem richtigen Ergebnis. Der Verweis Jacobsons auf die „Dialoghilfe in Spannungsangelegenheiten“ ist zynisch sowieso, könnte evl. aber auch ein Wink an die Rechte in Paraguay sein, ihre Leidenschaft für das Ausmerzen aller Oppositionellen zu zügeln. Die USA favorisieren eine Strategie von „nur so viel Repression wie nötig“, möglichst ohne offenes Blutbad – auch das eine honduranische Lektion. Der Eindruck, dass der Widerstand in Honduras stärker war als heute in Paraguay, ist vielleicht voreilig, findet aber auch seinen Widerhall im Fact, dass die OAS sich genötigt sah, Honduras bis zu den demokratischen Wunderwahlen im Zeichen der Armee-MGs von Ende 2009 zu suspendieren; im Fall von Paraguay wird diese politische Konzession an die Stärke des Widerstandes offenbar als unnötig erachtet.
Strassenblockade in San Juan Nepomuceno. Qulle: Última Hora, 26.6.12
 
Putschgewinne
Die imperiale Position ist logisch. Gleich zu Beginn: Die sechs Parteien, die das Absetzverfahren gegen Lugo durchgeputscht haben, sind allesamt Klientinnen der USAID, wie dies Orlando Castillo Caballero in La Patria Sojera y USAID detrás del Golpe de Estado vom 30. Juni 2012 festhält. Am 7. Mai 2012 hatte „ABC Color“ gemeldet, wie der lokale Arm der USAID diese Parteien schult, damit sie „gemeinsam interagieren“ können. Eine lohnenswerte Investition, ganz offensichtlich.
Zudem betreibt De-facto-Präsident Federico Franco genau die Art von Politik, die Washington und Brüssel erfreut. Am 26. Juni, drei Tage nach dem Putsch, traf er sich mit einer Abordnung von Agroexporteuren und Grossgrundbesitzern. Befriedigt hatte ein Mitglied der Delegation die Ergebnisse so zusammengefasst: „Der neue Präsident versprach uns, den Agroindustriesektor zu unterstützen, das Privateigentum zu schützen und Landbesetzungen zu verhindern“ (E’a, 4.7.12).
Putschpräsident Franco. Bild: E'a
 Tags darauf zeigte sich Richard González, Vertreter der Landesfiliale des US-Multis Crescent Global Oil nach einem Treffen mit dem Putschpräsidenten erfreut: Franco „gab uns seine Unterstützung bei der Ölexploration und bat uns um ein schnelles Vorgehen“ (id.). Unter Lugo war die Bude Objekt einer Untersuchung wegen illegaler Machenschaften und konnte deshalb keine Förderverträge abschliessen. E’a, die progressive Zeitung im Land, erwähnt weiter, dass Franco seinen Handelsminister angewiesen habe, die Verhandlungen mit dem Minenmulti Río Tinto für die Errichtung einer grossen Aluminiumfabrik zu beginnen. Hintergrund: Ricardo Canese, Leiter des nach dem Putsch gegründeten Linkszusammenschluss Frente Nacional por la Defensa de la Democracia (FDD) und anerkannter Spezialist für Energiefragen, meinte in der E’a vom 3. Juli 2012 zur Alufabrik der Río Tinto, sie werde binnen 7 oder 8 Jahren zu Strommangel in Paraguay führen. Die Fabrik werde 9.6 MWh pro Jahr konsumieren, während die gesamte paraguayische Industrie 1.6 Mio. MWh pro Jahr verbrauche. Sie werde 1250 Arbeitsplätze schaffen, im Gegensatz zu 322'000 der paraguayischen Industrie. Zudem müsse der Staat Vorleistungen im Wert von $ 700 Mio. für die Strom- und Verkehrsinfrastruktur leisten. Im zuvor zitierten E’a-Artikel vom 4. Juli erfahren wir auch, dass Franco seinen Agrarminister angewiesen hat, die Resolution für den Einsatz des gentechnisch veränderten Monsanto-Saatguts Bollgard BT für Baumwolle beschleunigt umzusetzen. Die Beschränkung von Gentech-Soja und -baumwolle unter Lugo war einer der Hauptgründe für den Putsch. Im für die Zulassung von Saatgut zuständigen Regierungsinstitut sitzt jetzt ein Vertreter des Agrobusiness in Paraguay. Am 5. Juli betont E’a ferner den Willen der Franco-Regierung, sich international zu verschulden, um die Strassen- und Wasserweginfrastruktur für den Agroexport zu stärken, und das Investitionsfördergesetz zu modifizieren, so dass für neue Investitionen im Land künftig nicht mehr 5, sondern 15 Jahre Steuerfreiheit herrsche.
 Zu diesem Bild einer „offenen“ Wirtschaftspolitik passen auch die Meldungen von explodierender Vetternwirtschaft (allein 40 Verwandte von Franco sind neu im Staatsdienst, teils in finanziell zentralen Kaderpositionen) und der altbewährten Schmiere: Die putschtreibende Vereinigung der Grossgrundbesitzer Asociación Rural del Paraguay (ARP) erhielt vom Franco einen Kredit von 50 Mrd. Guaraní (etwa $ 11 Mio.) für die Land- und Viehwirtschaft (E’a, 7.7.12). Die ARP-Mitglieder haben die Unterstützung dringend nötig. Sie haben laut E’a 2010 Waren im Wert von $ 2.5 Mrd. exportiert und bezahlen nach offiziellen Angaben, so das Blatt, 1 Prozent der nationalen Steuereinnahmen. 2 Prozent der Bevölkerung besitzen laut Jeremy Hobbs von Oxfam International rund 80 Prozent des Landwirtschaftsbodens. Das kleine Paraguay ist weltweit der viertgrösste Sojaexporteur.
Das geht weit über das Thema Korruption hinaus. Es bedeutet eine verschärfte Vertreibung der Bäuerinnen und Bauern vom Land zugunsten der Export-orientierten Grossgrundbesitzer und Multis. Laut Tomás Zaya, einem Anführer der Central Nacional de Organizaciones Indígenas y Populares (Cenocip), auf den sich Raúl Zibechi im Artikel Paraguay: plataforma para la hegemonia continental vom 1. August 2006  bezieht, plant die Weltbank, „dass im Jahr 2015 der Anteil der Landbevölkerung an der Gesamtbevölkerung noch zwischen 12 und 15 Prozent betrage, um Soja und Zuckerrohr als Erdölersatz zu produzieren’“. Die carperos, so benannt nach den Zeltlagern, in den sie leben müssen, landvertriebene Bäuerinnen und Bauern, gehören zu den erklärten FeindInnen der neuen Obrigkeit und der von ihr vertretenen Oligarchie.
Und auch dies entspannt Washington: José López Chávez, Vorsitzender des Verteidigungsausschuss in der Abgeordnetenkammer, führte mit US-Militärchefs einen „Dialog“ über die Errichtung einer US-Militärbase im Departement Chaco an der bolivianischen Grenze (Andes, Alba TV, 2.7.12). Begründung: das bolivianische „Wettrüsten“. Real scheint es sich um die von Lugo gestoppte US-Luftwaffenbasis Marsical Estigarribia zu handeln, in ummittelbarer Nachbarschaft zu den bolivianischen Gasfeldern.
Kein Wunder also, schützt Washington den Coup und damit genau die Politik, die unter Lugo, trotz aller immensen subjektiven und objektiven Schwächen seiner Regierung, behindert war.
Und der Widerstand?
Nach wie vor kommt es zu erklärtermassen friedlichen Aktionen des Frente Nacional por la Defensa de la Democracia (FDD). Während Tagen haben carperos, Landorganisationen und urbane Protestkontingente immer wieder wichtige Strassen und internationale Brücken besetzt (letzteres in Zusammenarbeit mit antifaschistischen Kräften aus Argentinien und Brasilien). Mit Dauerkundgebungen wurde die Sendung „Offenes Mikrofon“ des seither mit einer proputschistischen Leitung versehenen Senders „TV Pública“ unterstützt. Es kommt zu escraches, gezielten Protestaktionen gegen ExponentInnen des Putschlagers.
Protestaktion. Qulle: E'a, 2.7.12
 Der frisch gegründete FDD selber scheint sich in einer intensiven Konsolidierungsphase mit departementalen Vollversammlungen u. ä. zu befinden. Insgesamt kommt es heute noch zu weniger Repression als in einer vergleichbaren Phase in Honduras. Aber die Weichen werden gestellt: Zehn von Lugo ernannte Armeegeneräle sind in den Ruhestand versetzt worden; die Fernsehstationen bringen tagelang „Informationen“ zu einem Schulungskurs im Jahr 2004, an dem wichtige ExponentInnen der Landbewegungen und des Pro-Lugo-Lagers teilgenommen haben, darunter auch einige Campesinos, die seither wegen einer Entführungsaktion der sehr umstrittenen angeblichen Guerrillaorganisation EPP verurteilt sind. Die Tendenz ist klar: Die Betroffenen, darunter auch Jorge Galeano vom Movimiento Agrario Popular (MAP), mit dem wir zusammenarbeiten, werden für eine kommende Repressionsrunde als „Terrordrahtzieher“ aufbereitet. Vom MAP haben wir auch vor wenigen Tagen erfahren, dass eine seiner Comunidades  im Grenzgebiet zu Brasilien von der Polizei vertrieben und ihre Ernte zerstört wird. Das MAP sieht die Zukunft bezüglich Repression mit grosser Sorge.
Über die reale Stärke des Widerstandes wagen wir uns kein Urteil anzumassen. Einerseits sind Einschätzungen zu hören, dass die Linke bei den kommenden Aprilwahlen reale Siegeschancen habe, andererseits scheint es nicht nur an der brutal durchgesetzten Linie der paraguayischen Medienmogule - das Land befinde sich in bester Ordnung und seine Hauptsorgen seien Fussball, Mode und Wetter – zu liegen, dass viele den Eindruck haben, eine relative Demobilisierung der sozialen Organisationen unter Präsident Lugo erschwere nun die notwendige Mobilisierung.

Paraguay: Vor dem Mercosur-Treffen

Mittwoch, 27. Juni 2012




 (zas, 27.6.12) Jorge Galeano ist ein Kader des Movimiento Agrario y Popular (MAP), das Teil des Frente por la Defensa de la Democracia ist. Wir hatten vor einigen Jahren das Glück, ihn in Zürich kennen zu lernen. Die Gespräche mit ihm waren sehr eindrücklich.
Er hat heute früh (hier Mittagszeit) die Lage als „sehr delikat“ eingeschätzt. Er berichtete von zahlreichen Strassensperren nur schon von seiner Organisation in verschiedenen Departementen, die heute weitergeführt werden sollen. Auf die Frage der Repression meinte er, im Moment würden sie wohl bedroht, aber nicht angegriffen. Das Putschregime wolle die Mercosur-Sitzung von morgen und übermorgen abwarten. Danach aber werde es sehr „schwierig“. Er sagte: „Wenn es nicht gelingt, den Putsch scheitern zu lassen, werden sie die ganze Volksbewegung enthaupten. Die Grossgrundbesitzer und Multis haben dafür viele Mittel, etwa die Justiz, die ihnen willfährig ist“.

Paraguay: Die Interessen hinter dem Sturz von Lugo

Dienstag, 26. Juni 2012


Ein wichtiger Beitrag eines paraguayischen Journalisten zur Analyse des parlamentarischen Putsches, der insbesondere auch ein Licht auf die Rolle vor allem von Monsanto, aber auch der Schweizer Syngenta wirft. Dazu noch eine Einschätzung von Atilio Borón zu den Gründen für den Putsch und gravierenden Fehlern in der Politik Lugos und einige Kurzinformationen zum anrollenden Widerstand gegen die rechte Regierungsusurpation.
A
Asunción, 25.6.12: Protest gegen Putsch

 Die Interessen hinter dem Sturz von Lugo

Idilio Méndez Grimaldi*

Das Interessengemenge beim Sturz von Fernando Lugo spies sich aus drei Quellen: den Multis des Agrobusiness und des Finanzsektors, der landbesitzenden, mit dem transnationalen Kapital verbündeten Oligarchie, und der Rechtsparteien. Alle mit US-Patronage.
Die strategischen Ziele sind: Wiedererrichtung einer ausschliesslich von der Rechten gestellten Demokratur, mit Unterstützung der USA und einiger europäischer Staaten wie zu Zeiten des Kalten Krieges; Einkesselung und Kriminalisierung der Linken und der Sozialbewegungen; Weiterführung der ausschliesslich primären Agrarproduktion für den Export mit unbeschränkter Verzögerung der Industrialisierung; gewalttätige Konsolidierung der „Entbäuerung“ des Landes.
Geostrategisch wird Paraguay rasch ein jedes Mal schwerwiegenderes Problem für Brasilien und das Potenzial der Unión de Naciones Sudamericanas (Unasur). Es tendiert dazu, sich als strategische Operationsbase der USA im Kampf um die Kontrolle von Südamerika zu konsolidieren.
Die Unión de Gremios de Producción, UGT, die die mechanisierten Produzenten des Landes organisiert, aber in der Praxis als Refugium für Grossgrundbesitzer, Spekulanten und Landrentiers dient, war Dreh- und Angelpunkt für dieses ganze Komplott gegen Lugo. Als der Multi Monsanto wegen Nichterfüllung gesetzlicher Auflagen Unannehmlichkeiten hatte, sein Gentechsaatgut für Baumwolle und Mais durchzusetzen, begann der Druck der UGP zu steigen. Monsanto stellte nur im Jahr 2011 für ihre Gentech-Soja $30 Mio. für Lizenzgebühren in Rechnung, ohne dafür Steuern zu bezahlen. Die Lizenzen für Saatgut sind dabei nicht inbegriffen. Ein Teil dieses Betrages wird jährlich unter den Technokraten der UGP verteilt.
Dieses Gremium drängte zuerst auf die Absetzung von Miguel Lovera, einen Techniker, der das für die Zulassung und Kontrolle von Saatgut zuständige nationale Institut leitet. Danach drohte sie einen nationalen Protest an, den sogenannten tractorazo (Traktoren-Coup), der die Verkehrswege landesweit mit Agrarmaschinen blockieren sollte, und zuletzt übte sie Druck für einen politischen Prozess gegen Lugo aus.
Die UGT wird von Héctor Cristaldo geleitet, einem eng mit der Unternehmensgruppe der Zuccolillo verbundenen Unternehmer. Diese Gruppe ist Partnerin von Cargill, einem anderem Agribusiness-Multi. Die Gruppe Zuccolillo besitzt auch das von Aldo Zuccolillo geleitete Blatt ABC Color. Dessen politische Linie ist seit Beginn der Amtszeit Lugos mit Aufrufen und Provokationen der Streitkräfte und der Parteien zum Sturz Lugos durchzogen.
Im Januar dieses Jahres hat sich Aldo Zuccolillo mit Horacio Cartes, Politiker der Colorado-Partei und ebenfalls Agrounternehmer, getroffen. Der Colorado-Senator Juan Carlos Galaverna hatte gesagt, dass Cartes nach dem Treffen wie verblendet war. Nach Wikileaks-Kabeln, die Zuccolillo letztes Jahr veröffentlicht hatte, wurde Cartes von der US-Drogenbehörde DEA mit Drogenhandel und Geldwäscherei in Verbindung gebracht. Das State Department hat ihn weissgewaschen.

Bezeichnenderweise war Cartes in der letzten Regierungsperiode von Lugo die treibende Kraft in seiner Partei für den politischen Prozess gegen Lugo, darin unterstützt von Zuccolillos ABC. Schliesslich konnte Cartes seine Partei - von Lugo 2008 besiegt, nach 60 Jahren an der Macht - davon überzeugen, die Absetzung des Präsidenten zu betreiben. Dies geschah nach den blutigen Ereignissen von Curuguaty vom vergangenen 15. Juni, wo bei einer Räumung eines Latifundiums im Besitz von Blas Riquelme, dem ehemaligen Präsident der Colorado-Partei, sechs Polizisten und elf Campesinos starben. Diese Toten dienten als Hauptargument für einen beschleunigten Sturz von Lugo.
Der Partido Liberal Radical Auténtico (PLRA) verliess nach einem abrupten Seitenwechsel die Regierung mit Lugo und schloss sich unter der Leitung seines Präsidenten Blas Llano  dem vom Partido Colorado, der Tageszeitung ABC Color und der UGP betriebenen politischen Prozess an.
Heute, nach 70 Jahren, ist der PLRA mit Federico Franco als Präsident von Paraguay an der macht, wo ihm bis zur nächsten Regierung noch etwas mehr als 13 Monate bleiben. Ihm wird die Dreckarbeit obliegen, die Unterdrückung seiner Ex-Verbündeten in der Regierung: der Linken und der Sozialbewegungen, die einen systematischen Widerstand gegen die liberale Regierung beginnen werden. Er wird so jede Möglichkeit, die Wahlen nächstes Jahr zu gewinnen, zunichte machen. Horacio Cartes, Vorkandidat der Colorados, lächelt und sieht seine Chancen steigen, mit Unterstützung von ABC Color, der US-Botschaft und der UGP.
Schliesslich müssen Lugo und seiner Berater zugeben, dass sie einen schweren Fehler begangen haben. Sie dachten, sie könnten mit dem Imperialismus, der Feudaloligarchie und den den faktischen und vaterlandsverräterischen  Mächten verpflichteten Rechtsparteien mitregieren. Wie Atilio Borón sagt, es ist ein Fehler zu glauben, dass sich eine schüchtern progressive Regierung wie die von Lugo taktisch auf die oligarchischen und imperialen Interessen einlassen könne, ohne die sozialen Bewegungen und linken Parteien zu stärken.

* La Jornada, 25.6.12: Los intereses convergentes que derrocaron a Lugo. Der Autor ist Journalist, Verfasser des Buches Los Herederos de Stroessner, und Mitglied in der Sociedad de Economía Política de Paraguay, SEPPY.
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18.6.12: Campesin@s protestieren nach Massaker in Curuguaty vom 15. Juni und gegen den anlaufenden "Express-Putsch". Quelle: La Voz del Sandinismo.

 Der vorliegende Artikel stellt eine gekürzte Version dar von “Monsanto golpea en Paraguay: Los muertos de Curuguaty y el juicio político a Lugo”, den auch das Portal der linken paraguayischen Zeitung E’A veröffentlicht hat. Darin detailliert Méndez Grimaldi wichtige Elemente. So etwa berichtet er im Zusammenhang mit der Monsanto-Kampagne gegen Lugo:


„Die Schlussphase [vor dem „parlamentarischen Putsch“] scheint mit der Anzeige einer Pseudogewerkschafterin des SENAVE [Institut für Saatgutkontrolle] namens Silvia Martínez eingeleitet worden zu sein. Die Frau bezichtigte in ABC Color [den Institutsleiter] Lovera der Vetternwirtschaft und der Korruption in der von ihm geleiteten Institution. Martínez ist Ehefrau von Roberto Cáceres, Vertreter mehrerer Agrarunternehmen, darunter Agrosán, kürzlich von Syngenta, einem weiteren Multi, erworben – alle Mitglieder der UGP.“
 Wie gut es Monsanto, Syngenta etc. in Paraguay geht, macht folgende Passage aus dem gleichen Artikel deutlich:
„Die Agromultis zahlen in Paraguay praktisch keine Steuern, dank der eisernen Protektion, die sie in dem rechts beherrschten Kongress geniessen. Die Steuern machen in Paraguay nur 13 Prozent des BIP aus. 60 Prozent seiner Steuereinnahmen erhebt der paraguayische Staat über die Mehrwertsteuer. Die Grossgrundbesitzer zahlen keine Steuern. Die Grundstücksteuer macht nach einer Untersuchung der Weltbank kaum 0.04 Prozent der Gesamtsteuereinnahmen aus, $5 Mio., während das Agrobusiness Einnahmen in der Höhe von 30 Prozent des BIP generiert, $6 Mrd. pro Jahr.“ 
Warum also ein Putsch bei solchen „Traumzuständen“? Und auch: Was für eine Politik betrieb Lugo eigentlich?
Der argentinische Intellektuelle Atilio Borón macht uns dazu in „Lugo y la conexión del agronegocios“ Angaben:
„In einem Kapitalismus mit solchen Eigenschaften [wie Méndez Grimaldi sie beschreibt], wo Pfründe und Bestechung der Motor für die Kapitalakkumulation sind,  war es wenig wahrscheinlich, dass sich Lugo an der Macht stabilisieren konnte, ohne starke soziale Unterstützungsbasis zu schaffen. Doch trotz der Warnungen zahlreicher Verbündeter in- und ausserhalb Paraguays widmete sich der gestürzte Präsident nicht der Aufgabe, die massenhafte, aber heterogene soziale Kraft zu konsolidieren, die ihn im August 2008 mit viel Enthusiasmus in die Präsidentschaft getragen hat […] Nur eine auf der Strasse unter Beweis gestellte Mobilisierungskraft hätte ihm Stabilität beim Regieren und geben und seine erbitterten Feinde abschrecken können. Aber er verweigerte dies hartnäckig, trotz der Bereitschaft breiter Sektoren in Paraguay dazu und einer sehr günstigen internationalen Lage mit befreundeten Regierenden in der Region, die bereit waren, ihm beizustehen. Aber er sah dies nicht so und im Verlauf seines Mandats löste eine Konzession an die Rechte die andere ab. Er ignorierte, dass die Rechte, auch wenn er sie noch so sehr begünstigte, seine Präsidentschaft nie als legitim akzeptieren würde. Zugeständnisse an die korrupte paraguayische Oligarchie  erreichten bloss, dass diese Mut schöpfte, aber keine Besänftigung ihrer heftigen Opposition. Trotz dieser Defekte betrachtete sie Lugo stets als unangenehmen Eindringling, so sehr er auch Antiterrorgesetze verkündete, statt sie mit einem Veto zu belegen – Gesetze, welche die den Kongress beherrschende Bande auf Verlangen „der Botschaft“ absegnete.“
Warum also der Putsch? Dazu Borón:
„ […Die] Rechte wartete seit dem Amtsantritt Lugos auf den geeigneten Moment, um mit einem Regime aufzuräumen, das, obwohl es ihre Interessen nie tangiert hatte, einen Raum für den sozialen Protest und die Volksorganisierung öffnete, beide inkompatibel mit ihrer Klassenherrschaft“.

Die Organisationen und Parteien gegen den Putsch in Paraguay haben sich im Frente por la Defensa de la Democracia zusammengeschlossen. Über dessen reale Stärke zirkulieren widersprüchliche Angaben. Schon seit drei Tagen und Nächten gibt es in Asunción vor dem Gebäude von „TV Pública“ eine Dauerkundgebung – der Sender bringt, zum zunehmenden Ärger der Rechten und trotz diverser Sabotageaktionen mit seinem „offenen Mikrofon“  wichtige Stimmen und Orientierungen für den Widerstand. Die kommerziellen Medien, denen zufolge im Land eine gemütliche Ruhe herrscht, haben heute scharf gegen „TV Pública“ polemisiert – nach einem Treffen mit dem De-facto-Präsidenten Franco.
Dauerkundgebung vor "TV Pública", Quelle: E'A, 26.6.12

Ab heute Dienstag will der Frente por la Defensa de la Democracia landesweit Blockadeaktionen durchführen. Wie sein Präsident, Ricardo Canese, heute Telesur sagte, „wird sich das mit der Zeit entwickeln, [aber] wir wollen vom Lokalen ausgehen, vielleicht zum Departementalen gelangen und dann vielleicht eine grosse Demonstration in Asunción machen“. EA zitiert heute Candido Aguilera vom Movimiento Popular Campesino, der sagte, “alle sozialen und bäuerischen Sektoren sind in Alarmbereitschaft. Ab Freitag, Samstag, Sonntag, werden wir an verschiedenen Orten in unserem Department die Strassen sperren. Wo es eine Brücke gibt, werden wir sperren. [...] Wir werden landesweit Land besetzen und wir werden Asunción belagern.”
Über die reale Stärke der Widerstandsbewegung gehen die Meinungen innerhalb der Linken scheinbar auseinander. Die nächsten Tage werden uns darüber viel Auskunft geben. Usurpator Franco sagte heute: “Ich bin dafür verantwortlich zu garantieren, dass es zu keinem Bürgerkrieg kommt”. Für Mittwoch hat der Frente eine Mobilisierung in Asunción angekündigt, worauf der Chef der jetzt regierenden liberalen Partei, Blas Llano, erst eine Gegenmobilisierung zur gleichen Zeit bekannt gab, die dann aber wieder abblies.
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Zum führenden Putschdrahtzieher und mutmasslichen Präsidentschaftskandidaten der Colorados, Horacio Cartes, ist das von Wikileaks veröffentlichte Kabel der US-Botschaft in Argentinien vom 5. Januar 2010 lesenswert. Für die US-Dienste besteht darin kein Zweifel, dass Cartes einer der führenden Köpfe im Drogenhandel- und Geldwäschebusiness in der sogenannten Triple Frontera ist, dem Grenzgebiet von Paraguay, Argentinien und Brasilien. (En passant sei bemerkt, dass die USA offiziell in Sachen Subversion, Drogenhandel etc. in der Triple Frontera stets von Al Kaida oder Hisbollah reden. Und nicht zu vergessen, dass hier eine der weltweit grössten Süsswasserreserve liegt). Cartes als Präsident entspräche demnach dem Wunschprofil Washingtons: korrupt, ehrgeizig, absolut erpressbar.