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USA/Israel: Das Ghetto in Gaza

Mittwoch, 23. Juli 2025

 

(zas, 22.7.25) In USA-Israel in Gaza: Morden, aushungern, zerstören sind einige der unter dem Begriff der «humanitären Hilfe» in Gaza umgesetzten US-israelischen Kill-Strategien beschrieben – und die Verzweiflung ihrer Opfer. Schon bisher hatten die Essensverteilzentren auch die Funktion, die verhungernde Bevölkerung an wenigen Orten in Gaza zu konzentrieren. Den Charakter als Todeszonen haben auch Wasserverteilstellen. So droht durstleidende Menschen, die an Wasserverteilungsstellen auf etwas Trinkwasser hoffen, der Tod. Wie am 13. Juli, als 12 Menschen, 8 von ihnen Kinder, starben und 20 andere verletzt wurden. Sha’da Abu Jabal (36) war mit ihrem sechsjährigen Sohn dort. Sie haben überlebt. Sie sagt: «Wir wissen nicht genau, mit was wir uns in diesem Krieg konfrontieren müssen. Haben wir’s mit Flugzeugen und Tod zu tun? Oder Hunger und Verhungern? Oder Durst und Mangel am Wasser? Israel hat uns jeden möglichen Weg in den Tod gegeben. Wir ertragen das nicht mehr. Und wenn wir Erwachsenen es aushalten können, wie können wir unsere Kinder anschauen, sehen, wie sie vor Durst weinen, und wir können ihnen nicht einmal einen Schluck geben?» Die von israelischen AkademikerInnen getragene Organisation Gisha beschreibt in ihrem Gaza-Update vom 15. Juli 2025 den IDF-Befehl, auf alle zu schiessen, die entlang der Meeresküste ins Wasser gehen. Ob du baden und dich waschen, ob du einen Fisch fangen willst – du bist zu töten. Auch das steht im Gisha-Update: «Nach Angaben des UN-OCHA vom 9. Juli machen die Gebiete, die entweder von der israelischen Armee als Sperrgebiet eingestuft wurden (effektive Tötungszonen), für die ein Vertreibungsbefehl gilt oder für deren Betreten eine Koordinierung erforderlich ist, etwa 86 % des Streifens aus.»

 

21.6.25, Tel Aviv: Antikriegsdemo von Standing Together. Bild: Haaretz.

Der Ghetto-Plan

Am letzten 5. Mai fasste Le Monde die Aussagen eines Funktionärs über einen eben beschlossenen israelischen Regierungsplan so zusammen: «’Der Plan beinhaltet unter anderem die [bleibende] Eroberung des Gaza-Streifens; die Bevölkerung von Gaza wird zu ihrem Schutz in den Süden verlegt’, sagte der Funktionär Agence France Presse». Später im Mai berichtete die Haaretz, die Bevölkerung von Gaza solle in drei Schutzzonen konzentriert werden.

Am 7. Juli 2025 gingen Trump und Netanyahu in Washington auf die publik gemachte Planung eines auf den Ruinen von Rafah im Süden von Gaza geplanten Ghettos («humanitäre Stadt») ein. Netanyahu: „Wenn Menschen [dort] bleiben wollen, können sie bleiben, aber wenn sie gehen wollen, sollten sie auch gehen können. Wir arbeiten sehr eng mit den Vereinigten Staaten zusammen, um Länder zu finden, die sich bemühen, das zu verwirklichen, was sie immer sagen, dass sie den Palästinensern eine bessere Zukunft geben wollen. Ich denke, wir sind kurz davor, mehrere Länder zu finden." Trump: "Wir hatten eine grossartige Zusammenarbeit mit den umliegenden Ländern, eine grossartige Zusammenarbeit mit jedem einzelnen von ihnen. Es wird also etwas Gutes passieren". Gleichentags äusserte sich der israelische Kriegsminister Israel Katz zum Thema. Laut CNN sagte er, «die Zone werde zu Beginn [nach Sicherheitschecks] rund 600'000 vertriebene Palästinenser aufnehmen, die zur Evakuierung der Muwasi-Gegend entlang der Küste von Südgaza gezwungen wurden (…) Sie dürfen nicht weggehen, sagte Katz laut israelischen Medien. Schliesslich werde die ganze Bevölkerung – mehr als 2 Millionen – in der Zone zurückgehalten werden. Katz sagte, die IDF würden die Sicherheit aus Distanz garantieren» - also so wie bei den killing fields der Gaza Humanitarian Foundation. Diese propagiert laut Haaretz «humanitäre Transitzonen sowohl innerhalb wie ausserhalb des Gazastreifens vor, um vertriebene PalästinenserInnen aufzunehmen».  

 

Gideon Levy schreibt in The Guernica of Israel's War of Extermination in Gaza: «Würde Mordechai Anielewicz heute noch leben, würde er sterben. Der Anführer der Jüdischen Kampforganisation im Warschauer Ghettoaufstand wäre vor Scham und Schande gestorben, als er von den Plänen des Verteidigungsministers hörte, im südlichen Gazastreifen eine "humanitäre Stadt" zu errichten. Anielewicz hätte niemals geglaubt, dass es jemand wagen würde, 80 Jahre nach dem Holocaust einen solch teuflischen Plan auszuhecken (…) Hätte Anielewicz von der Gleichgültigkeit und Untätigkeit erfahren, die der Plan in Israel und in gewissem Masse in der Welt, auch in Europa, sogar in Deutschland, hervorrief, wäre er ein zweites Mal gestorben, diesmal an gebrochenem Herzen.»

Natürlich ist, wer hier von Freiwilligkeit redet, ein Schwein. Vergegenwärtigen wir uns bloss die Aussage der französischen UNO-Delegation: «Laut UNICEF sind in Gaza seit Beginn des Kriegs mehr als 14'500 Kinder umgebracht worden. Das sind mehr als die Zahl von umgebrachten Kindern in vier Jahren Krieg weltweit. 25'000 Kinder wurden verletzt: Gaza hat die höchste Pro-Kopf-Rate an Kindern mit Amputationen.» Oder nehmen wir diese Haaretz-Meldung vom 18. Juli: «Angestellte des Al-Shifa-Spitals sagten letzten Freitag, dass ‘hunderte von PatientInnen mit schweren Hungersymptomen ankommen, auch Kinder und Babys in kritischem Zustand.’ Dr. Suhaib Al-Hams, Direktor des Feldspitals in der humanitären Zone Al Musawi, warnte vor einer bevorstehenden ‘Todeswelle’ wegen Organversagen unter Vertriebenen. ‘Die Fälle, die uns erreichen, betreffen Leute, die auf der Strasse aus Mangel an Nahrung zusammenbrechen. Sie alle brauchen Nahrung noch vor Medikamenten.’»

 

Die US-Spur

Über US-Connections zum Ghettovorhaben berichteten mehrere westliche Medien seit Mai. Am genausten die Financial Times am 4. Juli in BCG modelled plan to ‘relocate’ Palestinians from Gaza[i]. Darin geht es zentral um die Rolle eines global führenden  Strategieberatungsunternehmens, der Boston Consulting Group (BCG). Sie war sowohl beim Aufbau der US-Söldnerstruktur Gaza Humanitarian Foundation (GHZ) wie auch bei der Ghettoplanung wichtig. Die BCG hatte auch die Kosten für die «Umsiedlung» einer halben Million PalästinenserInnen aus Gaza ins Ausland berechnet. Die FT schreibt: “Die modell-berechnete Umsiedlung ausserhalb Gazas käme pro Kopf $ 23'000 billiger als ihre Unterstützung in Gaza während des Wiederaufbaus.» Nämlich nur $9000/Kopf.

Wie aber kommt dieses «renommierte» Unternehmen dazu, Vertreibungskosten pro Kopf auszurechen? Die Financial Times erklärt, die BCG sei erst von Orbis, einem «Washington-area defense contractor» für eine Studie zuhanden des als Thinktank vorgestellten israelischen Tachlit Institute zwecks Lancierung der Gaza Humanitarian Foundation angeheuert worden. Dies dank der «langjährigen [BCG-] Beziehung mit Phil Reilly», dem Söldnerchef der «humanitären» Stiftung. Reilly war 29 Jahre lang bei der CIA, aktiv etwa in Lateinamerika, dem Irak oder als Stationschef in Kabul. Er war bis Ende 2024 als leitender Berater der Kriegsabteilung (defense practice) der BCG tätig. Im November 2024 hatte er das Söldnerunternehmen SRS (Teil der Gaza Humanitarian Foundation) registriert. Der Rüstungskonsultant Orbis gehört der im Private-Equity-Business tätigen McNally Capital. Seit Anfang 2025 bezahle McNally Capital, so die FT, die Kosten der «humanitären» Söldner in Gaza. McNally brilliert mit Intransparenz auf ihrer Homepage. Zwecklos, darin nach Konkreterem zur Tätigkeit des Unternehmens oder gar nach Rechnungsabschlüssen zu suchen. In früheren Internetmeldungen wird McNally als Unternehmen der Mittelklasse in Chicago erwähnt.

Letzten April begann laut FT die Kriegsabteilung der BCG mit den Berechnungen rund um die «humanitäre Stadt». Ihr «Modell enthielt Annahmen zu den Kosten für die freiwillige Umsiedlung der GazanerInnen, den Wiederaufbau von Zivilwohnungen und den Einsatz innovativer Finanzierungsmodelle wie die Immobilien-„Tokenisierung“ über die Blockchain-Technologie. Es ermöglichte auch die Berechnung möglicher BIP-Ergebnisse aus dem Wiederaufbau.»

Die BCG gibt an, dieser Teil ihrer «humanitären Kooperation» sei zwei Kadern der Kriegsabteilung gegen ausdrückliche Weisungen von oben verantwortet worden, von denen man sich getrennt habe. Das ist so eine Art Witz.

 

Bedrohliche Unklarheit 

Die Realisierungschancen für Vorhaben wie das Riesenghetto scheinen ungewiss. Bisher sollen alle angefragten Staaten – eine Ausnahme soll Libyen sein - die Aufnahme von Massen von deportierten Menschen aus Gaza abgelehnt haben. So wie die Dinge liegen, dürfte kaum ein Regime in der nahöstlichen Umgebung zustimmen – nur schon aus Sorge um die Antwort der eigenen Bevölkerung. Als weiteres Problem gilt der seit Wochen angekündigte, bisher aber fehlende Waffenstillstand. Unbekannt ist, wie binnen halbwegs nützlicher Frist der Schutt der zerstörten Stadt weggeräumt, Zelte und Container hergebracht und aufgestellt oder Wasserleitungen gelegt werden könnten. Oder braucht es da gar nicht so viel Aufwand? In It's Clear – Israel Now Has a Plan for the Ethnic Cleansing of Palestinians From Gaza sagt Gideon Levy, «Vorbereitungen für das erste israelische Konzentrationslager sind voll im Gang».  Ein ehemaliger Militärgeheimdienstler und heute Chef für palästinensische Studien an der Universität von Tel Aviv sagt, er kenne die für das Ghetto auserkorene Region gut, sie könne überhaupt keine 6-700'000 Leute fassen.

Aus einem KI-Video von Gila Gamliel, Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Technologie. Bild: Haaretz.
 

Wir werden sehen. Auch, ob und wie das Ghetto-Projekt und eine im April veröffentlichte Studie für den Langzeitwiederaufbau in Gaza, der Westbank und Ostjerusalem zusammenpassen (veröffentlicht vom Pentagon-liierten Think Tank Rand Corporation).

Auf jeden Fall zeigen die aktuellen Diskussionen, in welche Richtung der Horror gehen soll.

Einmal mehr sehen wir: Die USA sind federführend im Prozess der langsamen Vernichtung der PalästinenserInnen, ob unter Biden oder Trump. Ohne sie wäre Israel bald am Ende seiner Kapazitäten. So sehr Israel seine Verbrechen ausweitet, so sehr es an faschistische Praktiken anknüpft, so wichtig seine internationale Lobby-Organisation (AIPAC in den USA) auch ist, der Zionismus und USA sind zwar eng verbunden, aber Israel hängt deutlich mehr von den USA ab als umgekehrt.

Anders gesagt: Der Schwanz wedelt nicht mit dem Hund. Es ist nicht die zionistische Agenda, die Washington manipuliert. Sie entfaltet ihre Stärke in westlichen Ländern primär, weil sie der Herrschaft zupass kommt.

USA-Israel in Gaza: Morden, aushungern, zerstören

Sonntag, 13. Juli 2025

Hier Teil I. Teil II folgt demnächst.

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 (zas, 13.7.25) Nachdem US- und israelische Medien schon seit Tagen über eine geplante «Umsiedlung» von hunderttausenden von Menschen in Gaza in eine zu erbauende «humanitäre Stadt» dort, wo einst Rafah stand, berichteten, machten Trump und Netanyahu die Absicht offiziell. Auch in Mainstreammedien ist jetzt Erschrecken über dieses Vorhaben wahrnehmbar. Denn Vernichtungswillen und Zynismus dabei sind enorm.

Trump hatte bekanntlich den Joker für geplante Verbrechen mit der Spruch von der «Riviera von Gaza» schon früh signalisiert. Ein Vernichtungswille, gestützt auch auf Pentagon-/Geheimdienst-Tentakel, undurchsichtige Finanzunternehmen oder eines der global grössten Beratungsunternehmen, die Boston Consulting Group. Das Wenige, was davon öffentlich wird, reicht, um die Umrisse des Ungeheuers zu erahnen.

In der Strategie der «humanitären Stadt» findet auch die sogenannte Gaza Humanitarian Foundation (GHF) ihren Platz. Am 11. Juli berichtete das UN-Menschenrechtshochkommissariat von mindestens 798 Menschen, die bei der US-israelischen GHF-Essenverteilung seit Ende Mai umgekommen sind. Vor wenigen Tagen lag die Zahl noch bei 600, die Killstrategie geht weiter, unbeirrt von Einwänden auch im Westen.

Teil I beschreibt Aspekte der Zerstörung von Gesellschaftlichkeit in Gaza über eine Strategie von Morden, Aushungern und Chaos. Teil II gibt Angaben zum darauf aufbauenden Plan der «humanitären Stadt».

 

I

«Hunger Games»

Quelle: ‘The Hunger Games’: Inside Israel’s aid death traps for starving Gazans, 20.6.25, auf dem Portal 972.mag der jüdisch-palästinensischen Linksgruppe Local Call.

Die zwei Brüder Hatem (19) und Hamza (23) gesellten sich am 11. Juni um halb 2 nachts zu Dutzenden anderer Hungernder, die auf der Küstenstrasse von Gaza auf die Lieferung von Nahrungsmittel warteten. «Sie hofften, einen Sack Weissmehl für die 5-köpfige Familie zu erlangen. Doch Hamza kehrte mit dem in ein weisses Leichentuch gehüllten Körper seines jüngeren Bruders zurück.» Um halb 4 hatten sie «die Rufe gehört: Die Camions kommen. Gefolgt sogleich vom Sound  eines israelischen Artilleriebeschusses. ‘Wir kümmerten uns nicht um den Beschuss. Wir rannten einfach zu den Lichtern der Camions.’»

Stunden später – Hamza hatte einen Sack Mehl ergattert und wartete am vereinbarten Treffpunkt auf seinen Bruder, den er beim Durcheinander verloren hatte – kam ein Anruf eines Freundes der beiden: Er hatte die Leiche Hamzas im Netz gesehen. Im Spital von Deir Al-Balah. Hamza eilte zum Spital, wo ihm ein im gleichen Beschuss Verletzter das Geschehen berichtete. «Hatem und Andere versuchten sich im hohen Gras zu verstecken. ‘Hatem hatte Splitterverletzungen am Bein’, sagte der Mann. ‘Stundenlang verlor er Blut. Hunde waren um ihn herum. Als dann mehr Hilfetransporte ankamen, halfen Leute, die Körper auf einen zu laden. Insgesamt wurden an diesem Morgen 25 auf Essen wartende Palästinenser auf der Küstenstrasse getötet. Hamza brachte die Leiche von Hatem zurück nach Gaza-Stadt und beerdigte ihn neben ihrer Mutter, die im August 2024 von einem Scharfschützen erschossen worden war. Ihr älterer Bruder Khalid war ein paar Monate vorher gestorben – bei einem Luftschlag, als er verletzte ZivilistInnen auf seinem Pferdewagen evakuierte.»

Ein Verletzer wird auf der Küstenstrasse evakuiert. Bild: 972.mag

 

 

Yousef Abu Jalila (38) hat eine 10-köpfige Familie. Früher half ihnen des UN-Welternährungsprogramm mit Essenspaketen zu überleben. Doch das ist seit zwei Monaten vorbei[i], «und der Preis von was immer noch auf dem Markt ist, schnellte zum Himmel. ‘Meine Kinder weinen vor Hunger, und ich habe nichts für sie zu essen.’ Abu Jalila hat keine andere Wahl, als bei den Verteilzentren auf Hilfetransporte zu warten. ‘Ich weiss, dass ich sterben kann, wenn ich versuche, Essen für meine Familie zu bekommen. Aber ich gehe, denn meine Familie ist am Verhungern.»

Zahiya Al-Samsour (47). «Sie ringt um Atem und sagte 972: ‘Mein Mann starb letztes Jahr an Krebs. Ich kann nicht für meine Kinder sorgen. Kein Essen im Haus seit der Blockade und dem Stopp der Hilfelieferungen, die uns im Krieg über die Runde halfen.’ Zusammen mit tausenden Anderen kampierte sie in der Nacht vom 16. Juni auf der Küstenstrasse mit der Hoffnung auf Hilfelastwagen. Aber am Morgen regnete es Granaten auf die Menge und töteten mehr als 50 Menschen. ‘Ich sah Leute, die ihre Glieder verloren, zerfetzte Körper. Drei meiner Nachbarn aus Al-Zaneh [nördlich von Khan Younis] kamen um.»    

Mohammad Al-Basyouni (22) liegt mit einer Schusswunde am Rücken im Nasser-Spital. Er hatte sie am 25. Mai erhalten. «Ich verliess mein Zuhause (im Süden von Gaza) mit dem Ziel, Mehl für meinen kranken Vater zu kriegen. Meine Mutter bat mich, nicht zu gehen, aber wir hatten nichts zu essen und mein kranker Vater brauchte Hilfe. Ich brach um 6h auf und als ich ankam, begann das Schiessen. Ich wurde auf der Flucht getroffen – ein Scharfschütze schoss mir in den Rücken. Ich habe überlebt, aber andere nicht. Wir wussten, wir konnten sterben. Aber was für eine Wahl haben wir? Hunger tötet. Wir wollen ein Ende des Kriegs und der Belagerung. Wir wollen, dass dieser Albtraum vorbei ist. Ich kam verletzt und mit leeren Händen zurück. Jetzt hat mein kranker Vater seinen einzigen Ernährer verloren.»

 

«Wir wurden Monster»

Quelle: ‘We’ve turned into monsters’: Famine and genocide are changing society in Gaza, 19.6.25. Der Autor Tariq S. Hajiaj ist Mitglied der Palestinian Writers Union.

«Ahmad Mosabih (16) nahm auf die Reise, die nicht für jemanden seines Alters gedacht war, mit, was ihm passend schien. Er nahm einen halben Meter langen eisernen Hammer, packte ein Taschenmesser in den Hosensack, und brach um 3h früh mit einem Ziel auf: einen Sack Mehl zu erlangen.» Ahmad, Verwandte und Nachbarn marschierten eine Stunde an die Grenze zu Nordgaza, wo die Trucks durchkommen sollten.

«Er fand tausende von Wartenden vor. Alle suchten Nahrung, aber waren sich auch über die Gefahren, im Klaren: die Möglichkeit eines israelischen Beschusses – wie er täglich vorkommt – und die Drohung, falls man einen Sack Mehl erlangt, von anderen Gazaern ausgeraubt zu werden. Der Krieg hat Merkmale eines sozialen Lebens ausgelöscht und nichts ausser Zerstörung und einer grauenvollen Tagesreise, um zu überleben zu versuchen, gelassen. Das wurde Realität für Tausende von PalästinenserInnen, die jeden Tag den entsetzlichen Aufbruch zu einem der Hilfeverteilzentren machen, die von der von Israel unterstützen und von den USA geleiteten Gaza Humanitarian Foundation gemanaged werden.»

«Seit Beginn des Krieges lebt die Mehrheit in Gaza in Vertriebenenlagern und versucht, an das für das Leben Unabdingbare zu kommen. Hunger kommt auf, nimmt leicht ab, kehrt zurück, aber die ganze Zeit hört das Töten nie auf.»

«Ahmad fragt sich: ‘Was veranlasst mich zu einem mit Tod gefüllten Gang früh morgens? Eine verirrte Kugel könnte mich treffen. Oder eine Rakete, wie sie die israelische Armee auf Hungernde schiesst. Ich könnte die Armee überleben und es nachhause schaffen, aber dabei auf einen Dieb stossen, der mir auflauert. Ich habe in diesem Krieg gelernt, dass, wenn du nicht stark bist, dein Brot von Stärkeren als du genommen werden kann.’»

‘Dier Krieg hat uns zu Monstern gemacht. Das war nie unser Leben. Dafür sind wir nie jeden Tag aufgewacht.’

 

«Killing fields»

Die von der US-israelischen Propaganda als Alternative zur UNRWA dargestellte GHF betreibt seit Ende Mai in Gaza vier «Essensverteilungsstellen», drei davon im Süden. Täglich kommen tausende, manchmal zehntausende Menschen zu jeder dieser Verteilstellen, um Essen für die verhungernden Familien zu ergattern. Die IDF «sichern» die Umgebung der Verteilstelle, US- und palästinensische Söldner werfen die Nahrungsmittel vom Trailer auf den Boden und sind für die Sicherheit innerhalb der «Verteilzonen» zuständig. Am 27. Juni bestätigte die Haaretz, gestützt auf Aussagen von Offizieren und Soldaten der IDF: Die «Verteilungszentren» sind «Mordzonen» (killing fields). «IDF-Offiziere sagten Haaretz, dass die Armee es der israelischen oder ausländischen Öffentlichkeit nicht erlaubt, Aufnahmen der Vorfälle um die Nahrungsverteilungszentren zu sehen. Ihnen zufolge ist die Armee zufrieden, dass die GHF-Operationen den Totalkollaps der internationalen Legitimität für die Fortführung des Kriegs zu verhindern (…) ‘Gaza interessiert niemand mehr’, sagte ein Reservist. ‘Es wurde zu einem Ort mit eigenen Gesetzen. Der Verlust an Menschenleben bedeutet nichts.’»

Verteilzentrum am 16. Juni.

 

Und weiter: Die Verteilzentren öffnen jeden Morgen meist nur eine Stunde. «Die IDF schiessen auf Leute, die schon vor der Eröffnung ankommen, oder nach der Schliessung, um sie zu vertreiben.» Im Kernteil des Verteilzentrums operieren «amerikanische Arbeiter (…); im äusseren Bereich sind es palästinensische Supervisoren, von denen einige bewaffnet und bei der Abu Shabab-Miliz Mitglied sind.» (Zu dieser Miliz gleich mehr.) Die «amerikanischen Arbeiter» sind laut einem früheren Haaretz-Artikel primär gut bewaffnetes «früheres Personal von CIA, Blackwater und US-Armee». Angeheuert wurden sie laut Jack Poulson[ii] von dem kürzlich in Wyoming eingetragenen und vom früheren CIA-Kader Philip Reilly geleiteten Unternehmen SRS (Safe Reach Solutions) und dem Unternehmen USG, in dem ein Ex-Special Forces den Chef abgibt. SRS ist ein Ableger des Vermögensverwalters Two Ocean Trust. Ausgewählt wurden SRS und USG offiziell vom «Vermittlertrio» USA, Ägypten und Katar.

 

Gesellschaft zerstören

Avigdor Lieberman, ein weit rechts stehender Ex-Minister beschuldigte Netanyahu, die angeblich mit dem IS verbandelte Shabab-Miliz gegen die Hamas aufzurüsten. Netanyahus Büro antwortete ihm so: «Israel geht auf mehrere und verschiedene Weisen vor, um die Hamas zu besiegen.» Die Haaretz ihrerseits befragte verschiedene PalästinenserInnen in Gaza und Israel zur Shabab-Miliz. Eine Frau in einem Flüchtlingslager sagt: «Sie sagen, sie beschützen die Hilfsgüter, aber nichts davon erreicht uns. Gleichzeitig kommen kommerzielle Güter und Container unter ihrer Protektion sicher an und werden auf dem Markt verkauft. Es ist klar, wer davon profitiert (…) Wir haben Angst vor Leuten mit Waffen. Wir können uns an niemanden wenden. Wenn etwas passiert, wird uns niemand helfen. (…) Alle machen, was sie wollen. Die Leute beginnen, aus Angst und Überlebenstrieb heraus zu handeln.» Ein arbeitsloser Informatiker und Hamas-Kritiker in Gaza-Stadt sagt: ‘Mit der Unterstützung von Leuten wie Abu Shabab wird Gaza leichter kontrollierbar und unregierbar von innen.’ «Er beschrieb diese Taktik als Teil einer grösseren israelischen Strategie zur Destabilisierung von Gaza von innen. Sie benutzt kriminelle Netze, ‘verkleidet als lokale Sicherheitsakteure, um jede Einheitsfront zu unterminieren. [Das] lässt das Gespenst eines Bürgerkriegs in Gaza hochkommen. Vielleicht ist das das eigentliche Ziel: die palästinensische Gesellschaft von innen zu zerstören.’»  

Abu Shabab mit Komplizen. Foto: Facebook.

 

 

Humanitäres Morden

Die in Genf angesiedelte NGO Euro-Med Human Rights Monitor erklärte Ende Juni: «Mit der Gaza Humanitarian Foundation führte Israel einen neuen Tötungsmechanismus mit humanitärer Fassade ein, der den Genozid im Gaza-Streifen noch weiter eskaliert.»  Médecins sans Frontières sagt: Die GHF ist ein «als humanitäre Hilfe getarntes Abschlachten». Der MSF-Nothilfekoordinator in Gaza erklärt: «Die vier Verteilzentren liegen alle in einer Zone unter voller Kontrolle der israelischen Kräfte (…sie) haben die Grössen eines Fussballfeldes und sind von Wachposten, Erdhügeln und Stacheldraht umgeben. Der eingezäunte Eingang lässt nur einen Zugang zu. Die Arbeiter lassen die Paletten und Kisten mit Lebensmitteln fallen, öffnen die Zäune und lassen Tausende auf einmal hinein, um bis zum letzten Reiskorn zu kämpfen. Kommen die Leute zu früh und nähern sich den Checkpoints, werden sie beschossen. Kommen sie rechtzeitig, aber es gibt einen Stau und sie springen über die Hügel und Stacheldrähte, werden sie erschossen. Kommen sie zu spät [oder] sie sollten nicht dort sein, weil es sich um eine 0evakuierte Zone’ handelt, werden sie erschossen.»

 



[i] Trump und Netanyahu brachen Ende März den Waffenstillstand ab und verboten jegliche internationale Hilfelieferung nach Gaza.

[ii] Poulson arbeitete als Informatiker bei Google. Er kündete dort aus Protest gegen die Komplizenschaft des Multis mit der Pekinger Zensurpolitik und lancierte danach eine Non-profit-Einheit zur Erforschung der Verbindungen zwischen Tech- und Rüstungsindustrie.

 

Massaker in Gaza ignorieren, für Demokratie in Tel Aviv protestieren

Dienstag, 25. März 2025

 

Hanin Majadli*

Israel verübte kürzlich das grösste Massaker an Kindern seiner Geschichte. An einem Tag wurden 200 Kinder und 100 Frauen getötet. Insgesamt wurden rund 400 Zivilpersonen getötet. Diese Zahlen werden in den israelischen Medien nicht genannt – und wenn doch, auf haarsträubende Weise.

So berichtete Chanell 12 News, der israelische Mainstreamsender, die 400 Tote seien «operatives», «Agenten», gewesen. Wie kann man behaupten, alle seinen «operatives» gewesen, wenn vollkommen klar ist, dass die ganze Welt die entsetzlichen Bilder von zu Tode gebombten Babys und Kindern sieht? (…)

Die Mehrheit der israelischen Öffentlichkeit, die gegen den Krieg ist, ist der Meinung, dass der Krieg das Leben der Geiseln gefährdet und dass die Kämpfe aus politischen Gründen wieder aufgenommen wurden. Ich konnte die israelische Reaktion zu Beginn des Krieges, nach dem 7. Oktober 2023, irgendwie verstehen, auch wenn sie sich nicht direkt auf die palästinensischen Opfer bezog. Damals sollte die Reaktion davor schützen, als „Verräter“ abgestempelt zu werden. Aber nach 18 Monaten des Massenmords, der als ewige Schande in die Geschichtsbücher eingehen wird, kann dieser Mechanismus nicht mehr funktionieren.

Die Wiederaufnahme des Krieges wird zwar die Geiseln töten, aber vor allem Massen von palästinensischen Männern, Frauen, Kindern und älteren Menschen. Wann werden die israelischen Kriegsgegner laut aussprechen, was gesagt werden sollte, und aufhören, euphemistisch zu sein? Wie ich höre, haben sich einige damit abgefunden, als „Kindermörder“ abgestempelt zu werden. Ist es möglich, einen tieferen moralischen Tiefpunkt zu erreichen? Erschreckt es sie nicht, als solche bezeichnet zu werden?

In Israel ist es bereits unmöglich, zwischen den Dingen zu unterscheiden. Es ist unmöglich, zwischen den Medien und der Öffentlichkeit zu unterscheiden. Denn selbst diejenigen, die den Krieg ablehnen, haben Angst zu sagen, dass auch die Menschen im Gazastreifen Menschen sind. Denn es ist unmöglich, den Piloten von der Bombe zu trennen. Man sagt ihm, er soll den Knopf drücken, und er drückt ihn. Die Mehrheit der Bevölkerung duldet nicht nur die Massenabschlachtung, sondern fordert sie sogar, entweder ausdrücklich oder stillschweigend.

Das ist nicht ein Problem, das von den Medien vertuscht oder manipuliert wird. Es ist die Frucht einer militaristischen rassistischen Indoktrination, die im Kindergarten beginnt und bis zum Tod andauert. Eine Indoktrination, die zerstört werden muss, um die Existenz des Zionismus zu rechtfertigen.

Das Narrativ, das derzeit von der liberalen jüdischen Öffentlichkeit in Israel als Kampf zur Rettung der israelischen Demokratie dargestellt wird, hat etwas Verdrehtes an sich. Dieser Kampf besteht darin, dass die tödlichen Folgen des Krieges für den Gazastreifen und die Menschen im Gazastreifen fast überhaupt nicht erwähnt werden.

Wie ist es möglich, die Verteidigung demokratischer Werte mit einer Situation in Einklang zu bringen, in der auf der anderen Seite Zehntausende von Menschenleben mit einem einzigen Schlag ausgelöscht werden? Es klingt unglaublich.

·       Haaretz, 21.3.25: Ignoring Massacres in Gaza City While Protesting for Democracy in Tel Aviv

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(zas) Soweit der Schrei der Autorin. Was sie für Israel beschreibt, reflektiert sich hier im Grossteil der medialen «Vermittlung». Kritik an Israel? Ähm, respektiert Netanyahu die israelische Demokratie? Wenn es um drohenden Tod geht, dann meistens und fast «automatisch» um jenen israelischer Geiseln und solcher aus anderen Ländern in den Händen der Hamas. Ja, es gibt Ausnahmen der Ehrlichkeit. Aber sie sind das: Ausnahmen. Das ist nicht so, weil den Israelis einfach nachgeschwatzt würde. Sondern weil die Medien nicht anders können, als die eigenen, westlichen Kriege zu unterstützen. Und für linke Sensibilitäten gibt es einen Mechanismus, um nichts gegen den Genozid zu machen: «Kampf gegen Antisemitismus». Dieser «Kampf» neutralisiert – wer wüsste das nicht? – den Völkermord. Denn wie ginge das zusammen, den Völkermord in Palästina zu verurteilen, ohne antisemitisch zu sein?