Brasilien: „Den Verlust der Rechte der ArbeiterInnen nicht friedlich hinnehmen“

Mittwoch, 20. April 2016





Fania Rodríguez und Vivian Virissimo interviewen Pedro João Stedile von der Landlosenbewegung MST.

Rio de Janeiro, 18.4.16

[Am letzten Sontag sprach sich die Mehrheit der Abgeordnetenkammer der Rechtsparteien PMDP, PSDP und Beigemüse mit 367 gegen 137 Stimmen für die Eröffnung des Absetzungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff von der ArbeiterInnenpartei PTaus. Nächste Station wird der Senat sein.]

Falls das Impeachment im Senat nicht durchkommt, was können wir von der Regierung Dilma erwarten?
Die Rechte kann andere Mechanismen erfinden oder auf das Verfahren vor dem Regionalen Wahlgericht setzen[1].  In diesem zweiten Fall käme es zu Neuwahlen. Aber ich schätze, dass die Rechte und die Wirtschaft das nicht riskieren wollen, denn dies würde dem Volk wieder die Möglichkeit der Entscheidung geben.

Was ist das Projekt der rechten Parteien wie PSDB und PMDB?
Das grosse Ziel der Rechten ist, die Präsidentin abzusetzen, um ihr neoliberales Programm umzusetzen. Also die Liquidierung sozialer Errungenschaften, von ArbeiterInnenrechten, und vorallem die Senkung der Mittel für Gesundheit und Erziehung. Und genau deshalb, weil die rechten KandidatInnen den Mut nicht haben und nicht die Argumente, um dieses Projekt zu verteidigen, wären allgemeine Wahlen für sie komplizierter.

Was wäre denkbar, wenn die Regierung diese Schlacht gewänne?
Die Regierung Dilma, die wir bisher hatten, ist zu Ende. Auch wenn die Pro-Absetzungssektoren im Senat geschlagen würden, hätten wir ab Mai eine neue Regierung. Dilma suchte letztes Jahr eine Versöhnung mit der Rechten und gab dem PMDB neun Ministerien. Das misslang. Das von Joaquim Levy und Nelson Barbosa geführte Finanzministerium steht dafür. Eine neue Regierung Dilma post-impeachment würde von Ex-Präsident Lula geleitet. Und die Ministerien würden von herausragenden Namen der Gesellschaft geleitet, nicht von Parteibündnissen. Dies würde die Regierung auf das Programm verpflichten, für das sie gewählt worden war.

Und das wäre möglich und nicht bloss ein Wunsch der Volksbewegungen?
Das ist möglich in dem Mass, als diese Änderung die einzige mögliche Lösung für die Regierung ist. Sonst würde sich Dilma noch mehr isolieren und der Rechten Tür und Tor für andere Absetzungsverfahren öffnen. Seit 2014 agieren die Volksbewegungen nur defensiv: gegen den Putsch oder etwa gegen die Privatisierung der Erdölvorkommen des pré-sal.  Eine Putschniederlage würde es den Bewegungen ermöglichen, im Kampf mit neuen Vorschlägen voranzukommen.

Mit was für Vorschlägen?
Nach diesem Impeachment-Prozess werden die Volksbewegungen einen „Brief des brasilianischen Volks“ präsentieren. Wir wollen die Logik des berühmten „Briefs an das brasilianische Volk“ des PT von 2002 umkehren. Wir werden einen Notplan präsentieren, um mindestens eine Verschärfung der Wirtschaftskrise zu verhindern. Das umfasst etwa den Vorschlag, dass die Regierung den Bau von Volkswohnungen priorisiere. Die Regierung vergab dieses Jahr Aufträge für den Bau von 70‘000 Häuser. Das ist nicht nichts. Aber wir brauchen eine Million neuer Wohnungen. Das ist nur einer unserer Vorschläge.

Und was, wenn das Impeachment im Senat durchkommt?
Kommt es durch und übernehmen Michel Temer (PMDB) und Eduardo Cunha (PMDB) die Regierung, gibt es politisch ein Chaos. Denn dieser ganze Diskurs, dass die Regierung wegen der Korruption des PT gestürzt werden müsse, würde hinfällig. Der PMDB ist die korrupteste Partei in der Geschichte Brasiliens. Die Korruption würde zunehmen. Doch mehr noch bestünde die Mission Temers darin, die Ausbeutung der ArbeiterInnen zugunsten von mehr Unternehmerprofiten zu verschärfen. In ihrer Vorstellung würde mit mehr Unternehmergewinn die Wirtschaft wachsen. Aber dem ist nicht so.

Brasilia, 16. April 2016: Draussen Aufmarsch gegen den Putsch vor der Abgeordnetenkammer.  Drinnen Stimmabgabe dafür.

 Wie wäre eine allfällige Regierung Temer?
Im Kongress stehen derzeit mehrere Vorlagen an, die die arbeitende Klasse schädigen. Mit einem Impeachment-Sieg würden diese Projekte beschleunigt umgesetzt. Kürzlich berichtete das Blatt Valor Económico über einen Unternehmer, der es absurd findet, dass ArbeiterInnen in Brasilien 30 Tage Ferien haben. Ihm zufolge sollte es Brasilien wie China handhaben, mit nur 13 Tagen Ferien, oder wie die USA, wo Ferien je nach Unternehmen geregelt sind. Sie wollen die in der Arbeitsgesetzgebung verankerten Rechte abschaffen.

Welche anderen Vorschläge Temers wären negativ für die ArbeiterInnen?
Heute ist die Regierung gesetzlich verpflichtet, 13 Prozent ihrer Einnahmen für Gesundheit und elf Prozent für Erziehung auszugeben. Sie wollen den obligatorischen Charakter dieser Sätze abschaffen, also nur noch dafür ausgeben, wie es der Regierung gerade gut scheint. Und warum? Weil sie Gesundheit und Erziehung privatisieren wollen. Das Geld ginge woanders hin. Das ist keine Hypothese, sondern steht genau so im Regierungsprogramm des PMDB.

Wie würde die Gesellschaft auf solche Veränderungen reagieren?
Der Klassenkampf, die Mobilisierungen, die Streiks und Zusammenstösse werden zweifellos zunehmen. Denn die organisierten Sektoren der arbeitenden Klasse würden den Verlust ihrer Rechte nicht friedlich hinnehmen. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass eine Regierung Temer nur kurz existieren würde. Wird er Präsident, kommt es sehr wahrscheinlich zu Demonstrationen gegen ihn, selbst von Seiten der Yuppies[2]. Denn ihre Linie ist gegen die Korruption. Und [Temers Partei] PMDB ist die korrupteste im Land. Wie immer das Impeachment-Verfahren ausgeht, wird das Thema der politischen Reform wieder zentral werden. Die Volksbewegungen setzen sich für die Einberufung einer Verfassungsgebenden Versammlung ein.

Und was wäre die Perspektive für das MST und den Kampf auf dem Land?
Für den Klassenkampf auf dem Land wäre ein Regierung Temer die schlechteste aller Welten. Nicht, dass sie den Mut hätte, die Repression zu organisieren – die Repression gegen die Volksbewegungen auf dem Land ist Sache der Polícia Militar, die den Regierungen der Gliedstaaten untersteht[3]. Aber die Konsolidierung einer putschistischen Rechtsregierung würde die konservativen Kräfte stärken, die in den Gliedstaaten agieren. Das wollen sie, aber das muss nicht notwendigerweise eintreten. Das hängt davon ab, ob sich die Unterklassenbewegungen organisieren und die Repression verunmöglichen. Mit anderen Worten, so oder so wird es Kämpfe geben.

·         Brasildefato.com. 18.4.16: “Até coxinhas farão ato contra Temer”, diz Stedile.



[1] Vor dem Obersten Gericht hat die Rechte ein Absetzungsverfahren angestrengt, da es bei der letzten Präsidentschaftswahl zu unkorrekten Spenden für das jetzige Regierungslager gekommen sei. Die Rechte um die Hardliner-Partei PSDB hat im Kongress mehrmals eineVerbot geheimer Unternehmensspenden für Parteien verhindert.
[2] Coxinhas, brasilianischer Begriff für eher reiche, auf ihr Äusseres bedachte Menschen mit Hang zum Bourgeois.
[3] Die PM ist heute keine Militärpolizei, sondern das Korps für Ruhe und Ordnung. 

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Der Putsch der Korrupten*

Rodrigo Vianna

Die Mehrheit der [die Absetzung von Dilma] befürwortenden Abgeordneten widmeten ihr „Ja“ ihren Familien oder Gott.
Nachdem ich der Putschsession in Brasilia beigewohnt habe, weiss ich, warum die TFP (Tradition, Familie, Eigentum – eine alte ultrarechte katholische Institution, die 1964 die Militärdiktatur begrüsste) verfällt.
Die TFP braucht es nicht mehr. Die Rede von der „Familie über alles“ hat das Rennen gewonnen.
„Für meine Familie, für meine Kinder, für meine Frau“, schrie ein Abgeordneter aus Goiás.
„Ich stimme im Namen des Volk Gottes“, sagte eine junge Anwärterin auf den Heiligenstatus.
Bolsonaro inszenierte die absurdeste Show, als er bei seiner Stimmabgabe an den Putsch von 1964 erinnerte: „Sie haben 1964 verloren, sie verlieren erneut 2016“. Danach pries er das Gedenken an den Folterer Brilhante Ustra[1]. Alles begleitet von zynischen Lachern und Applaus.
Die extreme Rechte, der vier Mal geschlagene PSDB, der PMDB des Verräters Temer und der untere Klerus, der Lava-Jato[2] fürchtet: Sie haben sich alle zum parlamentarischen Putsch zusammengeschlossen. Zum Putsch der Korrupten.

·         aus O golpe dos corruptos leva Brasil à beira do caos

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Oppositionelle Schlüsselfigur in Washington*

Glenn Greenwald, Andrew Fishman, David Miranda

Heute, am Tag nach der Impeachment-Abstimmung, wird Senator Aloysio Nunes vom PSDB für drei Tage in Washington weilen und mehrere US-Offizielle sowie Lobbyisten treffen, die Clinton und anderen Politfiguren nahestehen. Nunes wird den Vorsitzenden und hohe Mitglieder des Senate Foreign Relations Committee und den Unterstaatssekretär und früheren Botschafter in Brasilien, Thomas Shannon, treffen, sowie an einem vom Washingtoner Lobbyunternehmen Albright Stonebridge Group offerierten Essen teilnehmen. Dem Unternehmen stehen Madeleine Albright, Bill Clintons ehemalige Aussenministerin, und Carlos Gutierrez, Handelsminister von George w. Bush und heute CEO der Kellog Company, vor.
Nunes war 2014 Vizepräsidentschaftskandidat des PSDB. Er wird eine der entscheidenden Pro-Impeachment-Figuren im Senat sein. Als Präsident des Komitees für internationale Beziehungen des brasilianischen Senats hat er sich wiederholt für eine Allianz mit den USA und dem UK ausgesprochen. Und – sozusagen selbstverständlich – gibt es schwere Korruptionsanschuldigungen gegen ihn.




[1] Oberst, verantwortlich auch für die Folter von Dilma Rousseff.
[2] Korruptionsuntersuchungen rund um die Erdölfirma Petrobras.
 

How to hack an election

Donnerstag, 14. April 2016



(zas, 14.4.16) Er hat sich verrechnet und sitzt deshalb seit bald zwei Jahren in einem kolumbianischen Hochsicherheitsgefängnis. Jahrelang hatte Andrés Sepúlveda für den berüchtigten JJ Rendón gearbeitet, den Meister schmutziger Wahlkampagnen für rechte Hardliners quer durch Süd- und Zentralamerika. Bei der der letzten kolumbianischen Präsidentschaftskampagne 2014 roch Rendón richtig und arbeitete für den Sieger, Juan Manuel Santos. Sepúlveda hingegen hielt es mit Óscar Iván Zuluaga, den der frühere Präsident Uribe vorgeschickt hatte. Zuluaga  trat mit dem „Versprechen“ an, die Verhandlungen mit der FARC subito zu beenden und die „Terroristen“ ins Jenseits zu befördern. Santos hingegen, als Verteidigungsminister Uribes für viele Kriegsverbrechen verantwortlich, verkündete, er werde die Guerilla im Handumdrehen friedlich domestizieren können.
Doch was war Sepúlvedas Arbeit? Verhaftet und verurteilt wurde er, weil er – im Auftrag Zuluagas, was aber angeblich nicht gerichtsfähig bewiesen werden könne – die Kommunikation der Verhandlungsdelegationen, insbesondere, der FARC gehackt hat, um dem uribistischen Lager  mit Insiderinfos Munition zu liefern. Kürzlich hat er in einem langen Gesprächszyklus mit Journalisten von Bloomberg Businessweek über seine langjährige Arbeit für Rendón in Wahlprozessen in einer ganzen Reihe  lateinamerikanischer Länder ausgepackt (s. How to Hack an Election oder Cómo Hackear una Elección), mit Schwergewicht auf der Kampagne des jetzigen mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto.  

Einige Beispiele aus dem Artikel:


Rendón, sagt Sepúlveda,  erkannte, dass Hackers komplett in eine moderne politische Operation integriert werden können, indem sie offensive Anzeigen schalten, die Opposition untersuchen und Wege finden, um die Popularität von GegnerInnen zu mindern. Sepúlveda sah die Sache so, dass WählerInnen mehr dem glaubten, was sie für spontane Äusserungen realer Leute in den Social Media hielten, als dem, was ExpertInnen im Fernsehen und in den Zeitungen sagten. Er wusste, dass Accounts gefälscht und Trends in den Social Media fabriziert werden können – alles relativ billig. Er entwickelte ein Programm, das jetzt Social Media Predator heisst, dass eine virtuelle Armee von Twitter-Konten managen konnte. Die Software erlaubte ihm Namen, Profilfotos und Biographien rasch für den jeweiligen Zweck zu verändern. Er entdeckte dabei, dass er die öffentliche Debatte so einfach manipulieren konnte wie Schachfiguren auf dem Brett zu bewegen. Wie er sagte: ‚Als ich begriff, dass die Leute mehr dem glauben, was das Internet sagt, als der Realität, entdeckte ich, dass ich die Macht hatte, die Leute fast alles glauben zu machen.‘

Sepúlveda managte tausende solcher gefakter Profile und benutzte diese Accounts, um die Diskussion über Themen wie Peña Nietos Plan zur Beendigung der Drogengewalt zu manipulieren, indem er die Social Media-Pumpe mit Ansichten formte, die reale NutzerInnen übernehmen würden. Für weniger nuancierte Arbeit hatte er eine grössere Armee von 30‘000 Twitter bots, automatische Posters, die solche Trends kreieren konnten.

So gut wie alles, was die dunklen digitalen Künste Peña Nieto oder wichtigen lokalen Verbündeten offerieren konnten, wurden von Sepúlveda und seinem Team geliefert. In der Wahlnacht liess er Computer zehntausende von WählerInnen um 3h früh anrufen. Die Anrufe schienen von der Kampagne des populären linksgerichteten Gouverneurkandidaten Enrique Alfaro Ramírez zu kommen. Das ärgerte die WählerInnen – und darum ging es- und Alfaro verlor knapp. In einer anderen Gouverneurswahl in Tabasco, kreierte Sepúlveda gefakte Facebook Accounts von Schwulen, die angeblich den konservativen katholischen Kandidaten des PAN [Konkurrenzpartei des siegreichen PRI] unterstützen, ein Schachzug, um dessen Basis aufzubringen.

Interessant die Info, dass Sepúlveda nach eigenen Angaben im Knast online geht:

Sepúlveda sagt, dass [das] Teil einer Vereinbarung mit der Generalstaatsanwaltschaft sei, um mit einer Version seinen Social Media Predators Drogenkartelle zu knacken. Die Regierung bestätigt [dies] weder noch dementiert sie es. [Sepúlveda] sagt, er habe sein Programm eingesetzt, um 700‘000 Tweets von Pro-IS-Quellen zu scannen, um zu lernen, was einen guten terroristischen Organisator ausmacht.

Rendón, in ganz Lateinamerika berüchtigt und vor allem in den USA wohnhaft, bestreitet, dass Sepúlveda in seinem Auftrag krumme Dinger wie das im Artikel beschriebene Hacken der Kommunikation der Kampagne von López Obrador, dem linken Konkurrenten von Peña Nieto,  gemacht habe.
Bloomberg Businnessweek schliesst ihren Artikel so:

Drei Wochen vor der Verhaftung von Sepúlveda musste Rendón aufgrund von Pressebeschuldigungen, dass er $ 12 Millionen von Drogendealern erhalten und einen Teil an den Kandidaten weitergegeben habe, aus der Santos-Kampagne aussteigen. Er bestreitet diese Vorwürfe.

Streit um Bergbau in El Salvador

Dienstag, 12. April 2016

auf einem Graffiti zeigt ein Sensenmann mit einem Baggerarm auf eine Schrift

Goldene Zukunft? Streit um Bergbau in El Salvador

SWR2 Wissen. Von Charlotte Grieser

El Salvador hat reiche Goldvorkommen, die Bergbaukonzerne ausbeuten wollen. Doch Kleinbauern befürchten, dass ihre Dörfer Tagebauen weichen müssen und der Goldabbau ihr Wasser mit Schwermetallen belastet. Erfahrungen aus anderen Abbauregionen geben ihnen Recht. 98 Prozent der Gewinne würden ohnehin an die - in der Regel ausländischen - Konzerne gehen. Die Proteste gehen weiter, obwohl Aktivisten mit dem Tode bedroht und einige bereits ermordet wurden. Die Regierung will nun ein Gesetz verabschieden, das allen Metallbergbau verbietet. Damit könnte El Salvador zum Vorbild für ganz Mittelamerika werden.

weiterlesen:  http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/bergbau-in-el-salvador/-/id=660374/did=17067302/nid=660374/sdpgid=1238150/bkbos7/index.html

Südmexiko-Newsletter März/April 2016

Montag, 11. April 2016

www.chiapas.ch

MEXIKO

Mexikanischer Zeuge der Ermordung von Aktivistin Berta Cáceres zurück aus Honduras
Gustavo Castro Soto, Umweltaktivist und einziger Zeuge der Ermordung der Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Berta Cáceres, ist nach Mexiko zurück gekehrt. Cáceres war in der Nacht vom 2. auf den 3. März in ihrem Haus in Honduras getötet worden. Beim Mordanschlag wurde auch der mexikanische Aktivist verletzt und anschliessend von der Polizei festgehalten und massiv unter Druck gesetzt. Die ermordete Berta Cacéres hat sich seit 2006 gegen den Bau des Wasserkraftwerks Agua Zarca eingesetzt und deshalb wiederholt Morddrohungen erhalten. Einige der internationalen Investoren haben sich nach der Ermordung der Aktivistin aus dem Projekt zurück gezogen. Die deutschen Firmen Siemens und Voith hingegen halten trotz zahlreicher dokumentierter Menschenrechtsverletzungen am Bau des Wasserkraftwerks fest.
Weiterlesen: https://amerika21.de/2016/04/149382/erfolge-protesten-caceres

Gustavo Castro Solo hat einen Brief an das honduranische Volk geschrieben. Er beginnt mit den Worten „Ich weiss nicht, ob euch diese Worte eines Tages erreichen werden...“
Brief auf Englisch und Spanisch: http://www.chiapas.eu/news.php?id=8734

Geheimer Freispruch im Massaker von Tlatlaya
Das Massaker von Tlatlaya, bei dem im Juni 2014 fünfzehn Personen von Armeeangehörigen hingerichtet wurden, warf hohe Wellen in Mexiko. Nur einer der sieben Soldaten ist aufgrund der Missachtung von Befehlen zu einem Jahr Haft verurteilt worden. Die anderen sechs Soldaten, die an der Hinrichtung beteiligt waren, müssen keine strafrechtlichen Konsequenzen befürchten. Sie wurden bereits letzten November 2015 von einem Militärgericht, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, freigesprochen. Dieser Gerichtsentscheid hingegen wurde erst jetzt dank Menschenrechtsorganisationen publik.
Infos unter: http://www.nzz.ch/international/amerika/mexiko-soldaten-nach-massaker-freigesprochen-ld.10688

Verschwundene Studenten: Regierung stoppt die Ermittlungen der Expertengruppe
Der mexikanische Innenminister liess verlauten, dass das Mandat der unabhängigen Expertenkommission (GIEI) zur Aufklärung der gewaltsam verschwundenen Studenten von Ayotzinapa nicht verlängert werde. Die Angehörigen und Eltern sind empört, denn die Regierung unterzeichnete letzten November ein Abkommen, welches die Verlängerung des Mandats der Expertengruppe solange vorsah, bis das Verbrechen geklärt sei. Die Angehörigen der verschwundenen Studenten wollen sich nun an den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte wenden, welcher die Expertengruppe beauftragt hatte.
Infos unter: https://amerika21.de/2016/03/149077/giei-ermittlungen-beenden

48-seitiger Bericht von Amnesty International zur Praxis des Gewaltsamen Verschwindenlassens in Mexiko
Bericht auf Deutsch: http://www.casa-amnesty.de/laender/mex/verschwindenlassen_2016/eine-gleichgueltige-behandlung-maerz-2016.pdf


GUERRERO

Kommandantin der Gemeindepolizei, Nestora Salgado, ist frei!
Nach fast drei Jahren Haft, davon 20 Monate in Isolationshaft im Hochsicherheitsgefängnis, ist Nestora Salgado entlassen worden. Ihre Verteidigung konnte die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, darunter Entführung in 50 Fällen, widerlegen. Das Gericht anerkannte, dass Nestora als Autoritätsperson einer indigenen Behörde in legitimer Weise gehandelt habe. Gemäss einer UN-Arbeitsgruppe geschah ihre Verhaftung durch Armeeangehörige widerrechtlich. Nach ihrer Freilassung liess Nestora verlauten, dass sie für die Freiheit aller politischen Gefangenen in Mexiko kämpfen werde!
Weiterlesen: https://amerika21.de/2016/03/148255/nestora-salgado-frei


OAXACA

Polizeikommandant nach Journalistenmord verhaftet
Im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca ist am 25. Februar ein Polizeikommandant verhaftet und des Mordes an dem Journalisten und Aktivisten Marcos Hernández Bautista angeklagt worden. Hernández journalistische Tätigkeit wie auch sein lokalpolitisches Engagement hätten Anlass für den Auftragsmord gegeben. Weiterlesen: https://amerika21.de/2016/02/145788/mord-journalist-oaxaca


CHIAPAS

EZLN: Perspektiven aus dem Dschungel
In den vergangenen zwei Monaten haben die Zapatistas mehrere Communiqués veröffentlicht. Darin weisen sie auf die wachsenden sozialen und politischen Spannungen in Chiapas hin. Indigene Landtitel würden illegal erworben und für touristische, landwirtschaftliche Nutzung sowie für Megaprojekte verkauft. Statt dass die Regierung versuche Probleme zu lösen, werden diese vergrössert und in andere Gegenden verfrachtet, konstatieren die Zapatistas kritisch.

Alle Communiqués der Zapatistas sind auf Deutsch hier zu lesen:
http://www.chiapas.eu/kommuniques.php


VERANSTALTUNGEN

1. Mai 2016
1.Mai-Kundgebung in Zürich zu „Wir alle sind Flüchtlinge“
Versammlung, 09:30 Uhr Helvetiaplatz
Wir sind wie jedes Jahr mit dem Kafiwägeli dabei
Das Polit-und Kulturprogramm findet vom 29. April bis 1. Mai 2016 statt
Infos: www.1mai.ch

Sa, 30. April
Zürich, 14 Uhr im Zeughaus 5
Die Kraft der kurdischen Basis

So, 1.Mai
Zürich, 14 Uhr im Zeughaus 5
Waghalsig und utopisch – Frauenbefreiung in Rojava
Infos: medicointernational.ch

15.-24. Juli
Thessaloniki No Border Camp
http://noborder2016.espivblogs.net/

17.-30. Juli
CompArte: Festival der Zapatistas für Compas und Nicht-Compas
Die Zapatistas laden die Menschheit nach Chiapas ein.
Wenige Fragen, wenige Antworten: http://www.chiapas.eu/news.php?id=8730
 

Brasilien: Landkämpfe, Landmorde

Sonntag, 10. April 2016



(zas, 10.4.16) Tausende von Haushalten von landlosen. Organisiert im MST (Movimento de Trabalhadores Rurais Sem Terra) haben den Monat April mit neuen Landbesetzungen eingeläutet. Die Regierung von Dilma Rousseff, vom MST gegen den kalten Putsch von Medien, Justiz und Parlamentsseilschaften unterstützt, soll so gezwungen werden, endlich die Agrarreform wieder umzusetzen. Mit einem gewissen Erfolg: Am 1. April dekretierte die Präsidentin die Enteignung von rund 33‘5000 Ha in 14 Bundesstaaten zwecks Weitergabe an Landlose und regularisierte gleichzeitig weitere 21‘000 Ha zugunsten von 799 Familien von Quilombola-, also afrobrasilianischen Familien. Aber die MST-Mitglieder bezahlen für ihre langjährige Praxis der Landbesetzungen auch einen hohen Preis. Einen Preis, der das Wesen des laufenden kalten Kapitalputschs demaskiert und der durch ihn noch in die Höhe getrieben werden soll.

Polizei und Sicherheitsagenturen morden
Am 7. April wurden im MST-Camp in der Gemeinde Quedas do Iguazu im Gliedstaat Paraná die beiden MST-Aktivisten Leomar Bhorbak (25) und Vilmar Bordim (44) erschossen und sieben weitere verletzt. Die Täter: die Polícia Militar (PM) und der private Sicherheitsdienst des Holzunternehmens Araupel. Offizielle Version: Die PM wurde vom MST in einem Hinterhalt angegriffen. Die Polizei berichtet von keinen Toten oder Verletzten auf ihrer Seite…
 Joaquín Piñero von der nationalen MST-Leitung erklärte Brasil de Fato am letzten Freitag, dass das MST letztes Jahr ein brachliegendes Gelände besetzte, das angeblich dem Unternehmen Araupel gehörte.

„Ich sage ‚angeblich‘, weil die Regierung über INCRA, das für die Agrarreform zuständige Institut, gegen dieses Unternehmen Anklage wegen illegaler Aneignung erhob. Dieses Land ist juristisch noch umstritten. Deswegen machten wir vom MST letztes Jahr eine Landbesetzung.“

Letzte Woche gab es ein Treffen zwischen dem für Sicherheit zuständigen Sekretär der Regierung von Paraná, dem Kommandanten der Policía Militar und anderen Behörden mit Vertretern von Araupel, um angeblich Sicherheitsprobleme in der Region zu erörtern. Piñero führt weiter aus:

„Es ist wichtig zu betonen, dass die Gouverneure der Gliedstaaten die Befehlsgewalt über die Polizei ausüben [Anm. zas: Die PM ist trotz ihres Namens keine Armeepolizei, sondern das Korps für den Ordnungsdienst]. Der Gouverneur von Paraná gehört dem Partido da Social Democracia Brasileira (PSDB) an, dem historischen Feind des MST und der Linken. An dieser Sitzung ging es real um die Vorbereitung des Angriffs auf unser Lager. Es wurde in der Region ein Klima der Angst geschaffen.“
„Diesen Monat beginnen wir einen landesweiten Kampfzyklus für Gerechtigkeit [in einer Reihe von im Zusammenhang mit Landkämpfen begangenen] Verbrechen, für ein Ende der Straflosigkeit. Diese Verbrechen in Paraná, in Paraíba, in Bahía etc. stehen im Zusammenhang mit einem Klima der Verfolgung durch rechte, rassistische, putschistische Sektoren. Dies bewirkt eine grosse Verunsicherung unter den sozialen AktivistInnen in unserem Land. Aber das MST setzt den Kampf fort. Morgen (Samstag, 9. April) werden wir in Quedas do Iguaçu eine Grosskundgebung bei der Beerdigung unserer Genossen machen. Wir stehen in Kontakt mit der Bundesregierung, damit die Polícia Federal einen Trupp zur Untersuchung dieses Verbrechens schickt.“


An der Beerdigung. Das MST versprach dabei, Araupel zu bekämpfen.

Natürlich darf das Nachhaltigkeitszertifikat der Rainforest Alliance für Araupel, Unternehmen mit "Sozialer Verantwortung", nicht fehlen. Quelle: Homepage Araupel.

Am 8. April veröffentlichte Brasil de Fato ein Zitat des Kommandanten der PM in der Gegend, Oberstleutnant Lee Abe, bezüglich des Angriffs auf das MST:

„Wir bitten die Unschuldigen, dass sie sich von dieser Bewegung, die sich soziale Bewegungen nennt, fern halten (…). Wir bitten die Unschuldigen, die Desinformierten, sich von diesen Bewegungen fern zu halten. Sie sehen, dass sie sich nicht an das Gesetz halten, die Polícia Militar wird das nicht tolerieren.“


PT-Bürgermeister ermordet
Ivanildo Francisco da Silva (46) war Präsident der lokalen PT-Sektion in der Gemeinde Mogeiro in Paraíba, die im Rahmen der Agrarreform entstand. Am 6. April wurde er um 10 h nachts in seinem Haus niedergeschossen. Der PT-Abgeordnete für Paraíba, Frei Anastácio, sagte:

„Er wurde in Anwesenheit seiner einjährigen Tochter ermordet (…). Heute früh, als die Mutter zurückkehrte, fand sie ihren toten Mann und ihre Tochter, die, blutüberströmt, neben der Leiche ihres Vaters weinte. Wir haben keinen Zweifel, dass es sich um einen Auftragsmord handelt (…). Letzten Oktober wurden er und fünf weitere Bauern des Hofes Salgadinho von Leibwächtern im Sold von Grossgrundbesitzern mit Pistolen—und Gewehrschüssen verletzt, als sie eine kollektive Feldarbeit verrichteten. Ivanildo war im Kampf der Landlosen engagiert und unterstützte stets die Aktionen der Landpastorale (CPT).“

Die Schützen kamen auf Kaution frei. Den Mord jetzt steht nach dem Parlamentarier damit im Zusammenhang:

„Während des Angriffs der Sicherheitsleute wurde Ivanildo mit zwei Schüssen aus nächster Nähe verletzt, er konnte aber entkommen“.


Ivanildo Francisco da Silva

Cacique verhaftet, Flüsse am Austrocknen
Die Polícia Militar verhaftete am 7. April den Cacique Babau und einen seiner Brüder, José Aelson. Sie wurden der Polícia Federal in Ilheus, Bahía, übergeben. Angegebener Grund: illegaler Waffenbesitz. Realer Grund: Kampf um Land. Aufgrund zahlreicher Morddrohungen wurde Babau 2010 in ein Schutzprogramm für gefährdete MenschenrechtskämpferInnen aufgenommen. Maria Glória de Jesus, Mutter des Cacique, sagt in Brasil de Fato vom 7. April:  

„Die Leute leben bedroht, es ist nicht einfach. Wir haben Angst. Wir erleiden viele Gewalt von Grossgrundbesitzern, Pistoleiros und auch der Polizei.“

Die Anthropologin Daniela Alarcon, die in unweit gelegenen Gemeinde arbeitet, sagt:

„Auch wenn er theoretisch unter Schutz steht, gibt es praktisch keinen. Ich wundere mich nicht, dass diese Führungsleute an der Front Waffen tragen, nicht um anzugreifen, sondern um sich zu verteidigen.“
Bedroht: Der Cacique Babau. Foto: Daniela Alarcon

 
Im Gebiet Rabo da Gata, 47‘000 Ha, in dem schätzungsweise 4‘600 Indigene leben, wird Sand für die Bauindustrie abgetragen. Die Gegend ist von der brasilianischen Behörde zum Schutz der Indigenen (FUNAI) schon abgegrenzt worden, braucht aber, um als indigenes Land zu gelten, noch die Unterschrift des Justizministers. Ein in der Meinung der Anthropologin ohne Begründung verzögerter Akt. (Es geht um den Ende Februar zurückgetreten José Eduardo Cardoso, den PT-Mann, den hiesige Medien wegen seiner Rolle im sog. Petrobras-Skandal über den grünen Klee lobten.) Die Frau erwähnt schwere Umweltprobleme in der Gegen, unter anderem, wie Fato de Brasil schreibt:

„In der Gegend von Jairi hatten indigene Familien wegen der Ablagerungen in den Flüssen kein Wasser mehr. Deshalb beschlossen sie, das Gebiet zurückzuholen, um weiteren Kahlschlag der beiden Quellen infolge des Abbaus zu verhindern.“

 Daniela Alarcon sagt:

„Der Küstenstreifen wird touristisch stark genutzt, er hat sehr schöne Strände, aber es werden zum Beispiel viele Ferienhäuser gebaut.“

Maria Glória de Jesus, die Mutter des Cacique erläutert, dass der Abbau sich schon täglich auf die AnwohnerInnen nahe der Strände auswirkt:

„Sie wollen die Gegend auf jeden Fall für den Abbau haben. Täglich werden mehr als 200 Lastwagen mit Sand oder Holz gefüllt. Die Indios in dieser Gegend verlangen Hilfe, denn dies macht dem Fluss den Garaus. Ich bin besorgt um das Leben. Werden meine Enkel und Urenkelinnen kein Wasser zum Trinken mehr haben, weil das Personal nur ans Abholzen denkt? Oder was wird dann noch bleiben? Du seihst da einen schönen Baum … Wann werden wir wieder so einen sehen? Sie werden mit allem Reichtum des Landes Schluss machen. Das Land ist kein Kommerzartikel, sondern es ist da zum Leben.“