Kalter-Krieg-Pakt gegen Venezuela sorgt für Streit in Lateinamerika

Samstag, 21. September 2019

https://amerika21.de/2019/09/231836/tiar-venezuela-oas-streit-lateinamerika

Interamerikanischer Vertrag über gegenseitigen Beistand der OAS ebnet den Weg für eine Militärintervention in Venezuela

Vor einem Interventionskrieg? Soldaten der venezolanischen Armee
Vor einem Interventionskrieg? Soldaten der venezolanischen Armee
Washington/Caracas. Die USA und alliierte Regierungen haben nach dem einseitigen Abbruch politischer Gespräche zwischen dem selbsternannten Interimspräsidenten Juan Guaidó und der Regierung von Präsident Nicolás Maduro "kollektive Maßnahmen" gegen das südamerikanische Land angekündigt. Eine entsprechende Erklärung des US-Außenministeriums bezieht sich auf die Aktivierung des Interamerikanischen Vertrages über gegenseitigen Beistand (Tiar), der zu Beginn des Kalten Krieges 1948 unterzeichnet worden war.
Die USA und ihre regionalen Partner hätten den Tiar-Vertrag in Kraft gesetzt, "um gemeinsame Maßnahmen zur Bekämpfung der Bedrohung des venezolanischen Volkes und der Region durch das ehemalige Regime von Nicolás Maduro zu ermöglichen", heißt es in der Erklärung des US-Außenministeriums vom 17. September. Man wolle nun mit den regionalen Partnern zusammenkommen, um die multilateralen wirtschaftlichen und politischen Optionen zu diskutieren, "die wir angesichts der Bedrohung für die Sicherheit der Region, für die Maduro steht, wahrnehmen können".
Auslöser für diese Entscheidung sei der Abbruch der Gespräche mit Guaidó und ein von Präsident Maduro initiierter Dialogprozess mit einem kleinen Teil der venezolanischen Opposition. Das Weiße Haus bezeichnet diese Oppositionsgruppen als "kleine Randgruppe von Politikern".
Am vergangenen Montag – kurz nach dem Rückzug Guaidós von den politischen Gesprächen in Barbados – hatten die Regierung und Vertreter der gemäßigten Opposition ein Abkommen unterzeichnet, das eine Reihe zentraler Forderungen des regierungskritischen Lagers umsetzt. Das Abkommen enthält sechs Punkte, die als Ausgangspunkt für weitere Gespräche dienen sollen. Bisher erzielte Teilabkommen sehen die Rückkehr der regierenden Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (Psuv) und alliierter Fraktionen in die oppositionell dominierte Nationalversammlung vor. Zugleich habe man sich darauf geeinigt, den Wahlrat neu zu besetzen. Die Justiz wurde aufgefordert, die Strafen "einiger inhaftierter Bürger" zu erleichtern, hieß es auf der Internetseite des Fernsehsenders Telesur, der in Caracas ansässig ist und eine regierungsnahe Position einnimmt. In Folge wurden mehrere Dutzend inhaftierte Regierungsgegner friegelassen.
Nach Ansicht der US-Regierung haben die oppositionellen Unterzeichner des Abkommens mit der Regierung Maduro der "demokratischen Opposition" jedoch geschadet. Diese wird für das Weiße Haus alleine durch Guaidó vertreten, der sich Ende Januar selbst zum "Interimspräsidenten" ausgerufen hatte.
"Die Vereinigten Staaten unterstützen weiterhin Juan Guaidó, den Präsidenten der Nationalversammlung und den legitimen Interimspräsidenten Venezuelas. Jede ernsthafte Verhandlung muss zwischen dem alten Regime und dem Interimspräsidenten Guaidó stattfinden", hieß es nun in der Erklärung aus Washington. Sie wurde nur wenige Stunden veröffentlicht, nachdem die US-Regierung neue Sanktionen gegen 16 Unternehmen und drei Personen, die angeblich mit der venezolanischen Regierung verbunden sind, verhängt hatte.
Das Tiar-Abkommen sieht den Abbruch der diplomatischen Beziehungen vor, die teilweise oder vollständige Unterbrechung der wirtschaftlichen Beziehungen sowie einen möglichen Einsatz von Waffengewalt. Für die Aktivierung dieses Mechanismus hatten zwölf Regierungen gestimmt. Der nächste Schritt ist nach dem vertraglichen Reglement eine "unverzügliche" Zusammenkunft des Beratungsgremiums. Dies ist für die zweite Septemberhälfte geplant.
Venezuela weist die Aktivierung des Tiar-Mechanismus zurück, da das Land den Vertrag 2013 aufgekündigt hat. Vor Monaten stimmte die von Guiadó kontrollierte Nationalversammlung für den Wiedereintritt Venezuelas zu dem Pakt. Zugleich sprach sich das Parlament für Zwangsmaßnahmen der in Washington ansässigen Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gegen Venezuela aus. Der regierungstreue Oberste Gerichtshof erklärte die Parlamentsentscheide für nichtig.
Vor der Abstimmung nun lehnten die Vertreter Uruguays, Mexikos, Boliviens und Barbados im Ständigen Rat der OAS den Antrag auf Maßnahmen nach dem Tiar-Vertrag ab. Uruguay bezeichnete die Forderung als "juristisch unwirksam" und kritisierte den Rückgriff auf den Vertrag zur "Lösung innenpolitischer Fragen". Für Montevideo würde die Anwendung dieses Paktes "den Weg für Interventionen ebenen".
Mexiko bezeichnete die Aktivierung des Tiar-Paktes, den die Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador als "veraltet" bezeichnet, als "Rückschlag". Es gebe keine "überzeugende Erklärung", weshalb er nun aktiviert worden sei. Die Vertreter Boliviens bei der OAS äußerten ihre Ablehnung und verließen die Sitzung danach aus Protest. Die Diplomaten aus Barbados erklärten, eine militärische Intervention sei "das Schlimmste, was der Region passieren kann".
Auch die venezolanische Bolivarische Nationalarmee (FANB) lehnte die Aktivierung des Tiar-Vertrages gegen Venezuela durch die OAS entschieden ab. "Der Tiar ist ein anachronistisches und trügerisches Instrument, ein Vorwand, der vom nordamerikanischen Imperium genutzt wird, um seine eigenen hegemonialen Interessen zu wahren", heißt es in einem FANB-Kommuniqué, das vom Verteidigungsminister Vladimir Padrino López veröffentlicht wurde.

Kuba/Venezuela: Bei jeder Schweinerei ist die Schweiz mit dabei

Donnerstag, 19. September 2019

https://www.nzz.ch/schweiz/zahlungsstopp-venezuelas-botschaft-in-bern-geht-das-geld-aus-ld.1509586

Wegen Zahlungsstopp von Schweizer Banken: Venezuelas Botschaft in Bern geht das Geld aus

Weil UBS, CS und Postfinance wegen Trumps Sanktionen den Zahlungsverkehr einstellen, geraten die Botschaften von Kuba und Venezuela in Bern in finanzielle Schwierigkeiten. Der Zahlungsstopp bringt aber auch Aussenminister Cassis in die Bredouille.
David Vonplon
Vor wenigen Wochen hat mit der Postfinance die letzte Bank den Zahlungsverkehr mit Kuba gestoppt. Die Staatsbank beugt sich dem Druck des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Eine Verschärfung des Wirtschaftsembargos zwingt Schweizer Banken, Transaktionen mit dem kommunistischen Staat zu unterbinden, auch wenn sie nicht direkt amerikanischem Recht unterstellt sind. Widersetzen sie sich, riskieren sie den Ausschluss vom Zahlungsmarkt der USA.
Viele der 300 Schweizer vor Ort bringt das in existenzielle Schwierigkeiten: Nach Kuba ausgewanderte Pensionäre klagen, dass sie ihre AHV-Rente nicht mehr erhalten. Wohltätige Hilfsorganisationen können auf der Karibikinsel ihre Projekte nicht weiter verfolgen. Und die 50 Schweizer KMU mit Geschäftsbeziehungen nach Kuba sind nicht in der Lage, bereits abgeschlossene Verträge zu erfüllen.
Venezuela intervenierte beim Bundesrat

Postfinance knickt vor Trumps Sanktionen ein und bringt Schweizer in existenzielle Nöte

Auf Druck der USA stellt der Finanzdienstleister den Zahlungsverkehr nach Kuba ein. Betroffene Firmen und Auslandschweizer hoffen nun auf Postministerin Simonetta Sommaruga.
David Vonplon
Der Bannstrahl Trumps reicht bis in die Schweiz. Bei der Postfinance sind seit dem 1. September keine Geldüberweisungen nach Kuba mehr möglich. «Der Zahlungskanal nach Kuba ist bis auf wenige Ausnahmen geschlossen», bestätigt der Postfinance-Sprecher Rinaldo Tibolla. Grund seien die US-Sanktionen. Das Finanzinstitut prüft deswegen sogar eine generelle Aufhebung der Geschäftsbeziehungen mit Kunden, die in Kuba wohnhaft sind.
Das hat einschneidende Konsequenzen für die gut 300 Schweizerinnen und Schweizer, die auf Kuba leben, wie auch für Schweizer Firmen und Nichtregierungsorganisationen. Die Post-Tochter war für Schweizer in Kuba die letzte Bank, die Überweisungen in den karibischen Inselstaat noch zuliess. In den Jahren davor hatten auf Drängen der USA hin bereits die Credit Suisse, die UBS und die Zürcher Kantonalbank (ZKB) den Zahlungsverkehr mit Kuba eingestellt. Den Betroffenen bleibt in Zukunft nichts anderes übrig, als das Geld physisch über die Grenze zu bringen – was allerdings nur bis zu einem Betrag von 5000 Franken erlaubt ist.
NGO kann Löhne nicht bezahlen
«Wir geraten in existenzielle Probleme, wenn die Postfinance weiterhin Geldtransfers nach Kuba verunmöglicht», sagt Roland Wüest, Koordinator von Medicuba. Die Nichtregierungsorganisation, die vor über 25 Jahren von einer Gruppe von Schweizer Ärzten gegründet wurde, betreibt auf Kuba medizinische Aufbauhilfe – etwa in der HIV-Prävention, der Behandlung autistischer Kinder oder der Früherkennung altersbedingter Demenz.
 

Nicaragua: OAS-Mission als Hilfe oder Einmischung?

Mittwoch, 18. September 2019

https://amerika21.de/2019/09/231632/nicaragua-oas-mission
 
Die 49. Generalversammlung der OAS beschloss eine hochrangige Kommission für Nicaragua einzurichten
Die 49. Generalversammlung der OAS beschloss eine hochrangige Kommission für Nicaragua einzurichten
Managua. Der 15. September, Tag der Unabhängigkeit von Spanien, ist in ganz Mittelamerika ein wichtiger Feiertag. Allein in Nicaragua fanden in diesem Jahr über 9.000 Veranstaltungen, Umzüge, Gedenkveranstaltungen und Lesungen statt.
Die Frage der Unabhängigkeit des Landes steht auch im Zentrum der tagesaktuellen politischen Auseinandersetzungen im Land. Ende Juni hatte die Generalversammlung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Medellin, Kolumbien, beschlossen, eine hochrangige Kommission für Nicaragua einzurichten. Diese aus Vertretern der USA, Kanadas, Argentiniens, Paraguays und Jamaikas bestehende Gruppe soll sich mit der Lösung des politischen Konflikts zwischen der Regierung und der außerparlamentarischen Opposition beschäftigen und der OAS weitere Maßnahmen empfehlen.
Im August hatte die Regierung von Präsident Daniel Ortega die Verhandlungen mit dem Oppositionsbündnis für beendet erklärt, nachdem deren Vertreter schon seit Mai nicht mehr an den Gesprächen teilgenommen hatten. Ein wesentlicher Grund waren die immer wieder neuen Forderungen des Oppositionsbündnisses, die vor einer Fortsetzung von Gesprächen erfüllt werden müssten. Außerdem hatte es verlangt, dass es als einziger Gesprächspartner mit der Regierung über eine Änderung der Wahlgesetze verhandeln darf.
Seitens der Regierung Ortega wurde die OAS-Kommission schon gleich nach ihrer Einsetzung als nicht hilfreich für die Lösung des Konflikts abgelehnt und als Eingriff in die inneren Angelegenheiten des Landes bezeichnet. Mit der Entscheidung, ihr die für den 16. September geplante Einreise zu verweigern, bekräftigte die Regierung am vergangenen Samstag ihre bisherige Haltung.
Als Vertreter des Oppositionsbündnisses erklärte Carlos Tünnermann, dies zeige, dass Ortega nicht bereit sei, die "guten Dienste dieser Kommission" anzunehmen. Stattdessen solle die Regierung kein schlechtes Image vermitteln und die Möglichkeit einer Verhandlungslösung nutzen, so Tünnermann. Mario Arana bekräftigte für die Bürgerallianz, man werde sich mit den OAS-Vertretern auch außerhalb des Landes treffen, wenn Ortega seine Entscheidung nicht überdenke.
Inzwischen scheint das Oppositionsbündnis die lange vorgetragene Forderung nach einer Vorverlegung der regulär für 2021 terminierten Präsidentschaftswahlen aufzugeben. Wie der Direktor des aus den USA finanzierten und der Opposition nahestehenden Instituts Ethica y Transparencia, Roberto Courthney, erklärte, liegt der Schwerpunkt der Forderungen nun auf stark überwachten Wahlen. Die Opposition dürfe nicht durch inhaltliche Differenzen und Diskussionen auf sich aufmerksam machen, sondern müsse durch ein starkes einheitliches Programm glänzen. Nur so sieht er die Chance auf einen Wahlsieg. Auch Fabio Gadea, einst selbst Gegenkandidat von Ortega, hält vorgezogene Wahlen für einen fatalen Fehler.
Wie stark der Rückhalt für die regierende Sandinistische Nationale Befreiungsfront (FSLN) aktuell erscheint, zeigten jüngst die Umfragen der Institute Borges & Asosiados und M&R. Demnach würden jetzt 36,9 Prozent uneingeschränkt für die FSLN stimmen, weitere 16,5 Prozent neigen in diese Richtung. 6,8 Prozent sagen, dass sie für die Opposition votieren würden und 9,1 Prozent tendieren dazu. Ganz deutlich sagen 71 Prozent der Befragten, wirtschaftliche Probleme bereiteten die größten Sorgen. Aber auch hier glaubt eine Mehrheit, dass die Perspektiven für sie ihre Kinder mit einer sandinistischen Regierung besser sind.

El Salvador: Faschistische Show

Dienstag, 17. September 2019


(zas, 17.9.19) «In einem gestern vom Pressesekretariat der Präsidentschaft verbreiteten Bild sieht man einige Soldaten mit ihren auf eine Gruppe von Personen gerichteten Gewehren, die vor der Präsidentenbühne knieen, von der aus Nayib Bukele und seine Gattin die Szene beobachten. Die umstrittene Dramatisierung war Teil des Armeedefilees an der Feier der Unabhängigkeit.» Das schrieb gestern der Leiter der Vereinigung der (mehr oder weniger unabhängigen) Basisradios ARPAS in seinem Editorial.  

Das Bild zeigt die Tendenz zu Faschismus, die der Präsident nicht verheimlichen mag. Es dockt an die von den Sicherheitskräften und dem Medienapparat Bukeles massenhaft verbreiteten Videos von gefesselten gefangenen Mareros, stets nur in Unterhosen, die vor Knüppel schwingenden Bullen rennen müssen (beim Transport in ein anderes Gefängnis). Dehumanisierung ist das Leitmotiv. Es entstammt einem kleinen «Theaterstück», in dem Bukele vorführen lässt, wie er – el hombre – mit Kriminellen (und politischen GegnerInnen) umzugehen gedenkt. 

Und es passt zur vorgestern in extremem Ausmass militaristisch geprägten sog. Unabhängigkeitsfeier. Die Armee marschierte am Umzug nicht einfach mit, sie dominierte ihn, war an der Spitze und die Studis und SchülerInnen waren folgerichtig in die hinteren Ränge verdrängt. Auch das ist Programm.
Die Jesuitenuni UCA veröffentlichte eine Kritik an der militaristischen Show, mit der dummen Begründung, die Unabhängigkeit von der spanischen Krone sei das Werk aufrechter pazifistischer Patrioten gewesen – kaum vorstellbar, dass ihre Intellektuellen diese Geschichtsfälschung glauben.
Aber es gab auch Manifestationen von realem Dissens:
"Armee - Nie Wieder!"

PS: Ich habe mich versichert, dass die Sache mit dem «Theater» stimmt. Es gibt die ungute Tendenz, gegen die Dauerlügen der Bukele-Propaganda (inklusive des weitgehend gleichgeschalteten Medienapparates) mit eigenen Fake News anzutreten – nach dem Motto, wer besser lügt, gewinnt. Oder nach dem alten Motto: «der Wolf, der Wolf…».