Kuba/Schweiz: Kommuniqué mehrerer Organisationen

Donnerstag, 23. April 2020




Das Comuniqué von Meiccuba (schweiz und Europa), Vereinigung Schweiz-Kuba, AMCA, Albasuiza, Solifonds, CSS und Medico Interntional hier weiterlesen.

El Salvador: Angriff auf Mitarbeiter eines INKOTA-Projekts

Dienstag, 21. April 2020

https://www.inkota.de/aktuell/news/vom/20/apr/2020/el-salvador-angriff-auf-mitarbeiter-eines-inkota-projekts/
Montag 20.04.20

Foto: Víctor Peña; Auch wenn das in El Salvador manche anders sehen: Auf ein Virus kann man nicht schießen
El Salvadors Präsident Nayib Bukele regiert in Corona-Zeiten immer autoritärer. Vor einigen Tagen hat er erklärt, sich über ein Urteil des Obersten Gerichts hinwegzusetzen. Am Samstag wurden nun zwei Mitarbeiter eines von INKOTA unterstützten Wasserprojekts von Soldaten aufgehalten und misshandelt.

Wie jeden Morgen machten sich auch am Samstag, den 18. April, zwei Techniker des unabhängigen Wassersystems ASCOBAPCO auf den Weg zum lokalen Wassertank. Von dort aus werden mehr als 300 Familien in sieben Gemeinden des Landkreises Puerto La Libertad mit Wasser versorgt. Weil das Wasser nicht für alle Familien gleichzeitig reicht, werden die verschiedenen Gemeinden tageweise versorgt. Dafür müssen die Männer unter anderem einige Ventile verstellen. Doch diesmal kamen sie nicht weit. Soldaten stellten sich ihnen in den Weg und nach wenigen Augenblicken begannen sie auf die beiden Männer einzuschlagen. Ihr angebliches „Vergehen“: Verletzung der Ausgangssperre.

Ausgangssperre trifft ländliche Gemeinde

Am Tag zuvor hatte Präsident Nayib Bukele als Teil seiner Corona-Prävention ein absolutes Ausgehverbot für den Landkreis verhängt. Angeblich seien noch zu viele Menschen auf den Straßen der Kreisstadt unterwegs.  kleine Hafenstadt ist für gleich mehrere Landkreise der zentrale Ort für Einkäufe und der einzige weit und breit, wo es Banken und Apotheken gibt.
Die beiden Wassertechniker waren in einer ländlichen Gemeinde unterwegs, die viele Kilometer von der Kreisstadt entfernt ist. Außerdem führten sie ein Dokument mit sich, das die Wichtigkeit ihrer Arbeit erläuterte. Denn wie sollen die Menschen sich ohne Wasser regelmäßig die Hände waschen und so die notwendige Hygiene in Pandemiezeiten einhalten? Doch das interessierte die Soldaten nicht, die das Dokument einfach zerrissen.

Partnerorganisation kritisiert Übergriff

Unsere Partnerorganisation Acua unterstützt das Wassersystem ASCOBABCO seit vielen Jahren. Gemeinsam mit anderen Organisationen kritisiert sie das brutale Vorgehen der schwerbewaffneten Soldaten: „Dieser Zwischenfall verschärft die Situation der Unsicherheit in den Gemeinden, die bereits unter dem enormen psychischen Stress leiden, den das Eingesperrtsein in das eigene Haus bedeutet, der mit einem Mangel an Lebensmitteln und Wasser  ist. Ohne Wasserversorgung müssen die Menschen zu den Wasserquellen in der Umgebung gehen – wobei sie nicht nur ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, sondern auch noch Gefahr laufen, ebenfalls angegriffen zu werden“.
                                                 Bild: Acua; Ein Wassertank des unabhängigen Wassersystems ASCOBAPCO
Immerhin kamen am Sonntag Vertreter*innen der staatlichen, aber regierungsunabhängigen Menschenrechtsprokuratur, um die Zeugenaussagen der beiden Techniker aufzunehmen. Dass die Soldaten zur Rechenschaft gezogen werden, muss bezweifelt werden. Zumindest ist die totale Ausgangssperre in Puerto La Libertad Sonntagnacht wieder aufgehoben worden.

Präsident Bukele im Konflikt mit der Verfassung

El Salvadors Präsident Nayib Bukele geht zwar entschlossen gegen das Coronavirus vor. Doch er setzt auf Repression statt auf Überzeugung der Menschen. Auf Kritik an Fehlern und seiner autoritären Politik reagiert er äußerst dünnhäutig. Widerspruch verträgt er überhaupt nicht.
Wie sein Vorbild Donald Trump verkündet auch Nayib Bukele seine Politik am liebsten über Twitter. In seinen Tweets nimmt er es mit der Wahrheit oft nicht sehr genau, doch sie haben es oft in sich. Nun hat er sich mit der Verfassungskammer des Obersten Gerichtshofs angelegt. Diese hatte am vergangenen Donnerstag ein Dekret des Präsidenten für verfassungswidrig erklärt. Bei Verstößen gegen die weitgehende Ausgangssperre ermöglicht es Menschen für 30 Tage in speziellen Haftzentren einzusperren. So eine weitgehende Maßnahme könne nur durch ein Gesetz erlaubt werden, das vom Parlament verabschiedet wurde, urteilten die fünf Richter*innen.

Bukele poltert gegen Verfassungsgericht

Umgehend twitterte der cholerische Präsident, dass er sich nicht an dieses Urteil halten werde: „Fünf Personen werden nicht den Tod von Hunderttausenden Salvadorianern beschließen.“ Dabei ist es Bukele selbst, der mit seiner autoritären Politik Menschenleben gefährdet. Etwa durch die schlechten Haftbedingungen der inzwischen mehr als 2.000 Inhaftierten, die teils auf viel zu engem Raum untergebracht sind und vergeblich fordern, dass sie auf das Virus getestet werden. So war einer der ersten Covid-19-Toten in El Salvador ein Mann, der nach der Einreise aus dem Ausland festgesetzt wurde – und trotz Fieber tagelang nicht behandelt wurde.

Das Urteil von Saúl Baños, Direktor der INKOTA-Partnerorganisation Fespad, der wichtigsten Menschenrechtsorganisation des Landes, ist eindeutig: „Nayib Bukele setzt sich über die Verfassung hinweg und versucht die anderen Staatsorgane unter seine Kontrolle zu bringen. Die Lage ist eindeutig: Der Präsident muss die Urteile des Obersten Gerichtshofs befolgen. Mit seiner Ankündigung, dies nicht zu tun, bringt er den Rechtsstaat in Gefahr.“

El Salvador: Der IWF «hilft»


(zas, 21.4.20) Diese Tage bedrängen uns auch alte, aber frisch aufgepepperte Lügen. So etwa die von der Covid-19-Hilfe des IWF an die «armen Länder». Beispiel El Salvador: Am 14. April 2020 sprach der IWF $ 389 Millionen Schnellhilfe für das Land. Wow! Die Regierung des Landes hatte dem Fonds am 4. April 2020 in einem Letter of Intent eine dramatische Austeritätspolitik zugesichert. Kernpunkt: Bis Ende 2024 soll das Budget nach dem jetzt unvermeidlich massiv gesteigerten Defizit ein Plus vor Schuldenzahlungen von 3.5 % beinhalten. Also: «sparen, sparen», um Schulden zu bezahlen. Z. B. mit einer Verkleinerung der Zahl der öffentlichen Angestellten. Und mit neuen Steuern für Kleinbetriebe, vor allem aber eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Die Rede ist sogar von einer Erhöhung der Vermögenssteuer! Aber keine Bange, das wird die Richtigen treffen. Um ihr gelinktes Budget für 2020 durchzubringen, hatte die Regierung mit der Rechtspartei ARENA einen Schuldenerlass für reiche Steuerschuldige vereinbart (darunter viele Multi-Filialen) – rules of the game. Aber vielleicht dürfen etwa Bäuerinnen für ihr Land etwas hinblättern.
Schon erfolgen allererste Umsetzungsschrittchen, mit Corona begründet, claro. Der salvadorianische Finanzminister Nelson Fuentes hat so eben welche dem Parlament vorgelegt.  Es geht um Budgetänderungen. Für die Wasserwerke und die internationale Messe (CIFCO) will er $ 24 resp. $ 2.1 Millionen umleiten, für Löhne, sagt er, und für das Funktionieren. Nein, nicht Investitionen, etwa damit die Armutsgebiete in der Gegend von San Salvador wieder zu etwas geniessbarem Wasser kämen. Natürlich, in der aktuellen Situation ist eine Budgetumorientierung wohl nicht per se falsch. (Wobei die $2 Mrd. Covid-Neuschulden, die das Regime aufnehmen darf, nicht vergessen werden dürfen.) Aber: Wo will die Regierung die Kohle holen? Das Rechtsblatt El Mundo klärt auf: von «Programmen zur Armutsbekämpfung und für die Kriegsveteranen, vom Verteidigungsministerium, von der Verbesserung der Schulinfrastruktur, von der Katastrophenprävention und von Programmen für Naturschutzgebiete, von der Hilfe für Migranten, Kleinst- und Kleinunternehmen und dem Nationalen Sportinstitut».
 Also von Goodies für Wohlstandszeiten. (Beim Posten «Verteidigungsministerium» wäre interessant zu wissen, was gekürzt werden soll. Vielleicht so Ballast wie Kurse in Menschenrechten?)
Wie gesagt, das ist erst ein laues Lüftchen, das den geplanten IWF-Sturm ankündigt. In den Jahren der FMLN-Regierungen durfte der Fonds zwar noch im Rahmen seiner «Kapitel-4»-Berichte seine Evergreens (Rentenkürzung bei Rentenalterserhöhung, Reduktion des Staatsapparates auf das für Repression und Schuldendienstbarkeit Notwendige etc.) anmahnen, aber während Jahren hatten die FMLN-Equipen Verträge mit dem IWF verweigert. Mit der neuen neoliberalen Regierung, nicht erst mit dem Coronavirus, hat sich das geändert.
Und im News-Menü bekommen wir wieder den alten Frass von der IWF-Hilfe an die Armen weltweit serviert. Der IWF, wir wissen es, sind nicht einfach ferne TechnokratInnen in Washington; es sind die hiesigen Regierungen, Zentralbanken und «relevanten» Kapitalgruppen.

Argentinien: Gläubiger lehnen Angebot zur Schuldenrestrukturierung ab

Angebot sei besser als erwartet, aber noch weit unter Erwartungen. Zahlungsausfall steht kurz bevor. Corona-Pandemie verstärkt die Krise zunehmend

Am Donnerstag hatte die Regierung von Argentinien voller Hoffnung einen Vorschlag an die Gläubiger unterbreitet. Dieser wurde nun abgelehnt
Am Donnerstag hatte die Regierung von Argentinien voller Hoffnung einen Vorschlag an die Gläubiger unterbreitet. Dieser wurde nun abgelehnt
Buenos Aires. Der Ausschuss der privaten Gläubiger argentinischer Staatsschulden (ACC) hat den Vorschlag der Regierung von Präsident Alberto Fernández vom Donnerstag vergangener Woche zur Restrukturierung der Schulden des Landes abgelehnt. Der ACC kritisierte das Angebot als "weit unter den Erwartungen liegend" und bemängelte, dass die argentinische Regierung vor Abgabe des Angebots keinen Kontakt zu den Gläubigern aufgenommen habe. Man sei aber "guter Hoffnung", trotzdem in weiteren Verhandlungen eine Einigung erzielen zu können. Die Gläubiger, die größtenteils an der New Yorker Wall Street zu finden sind, hätten zunächst mit einem noch schlechteren Angebot gerechnet. Auch ein kompletter Zahlungsausfall war befürchtet worden.
Trotz der starken Kritik zeigt sich die Gläubigergruppierung also weiterhin bereit, Gespräche zur Umstrukturierung zu führen. Man erwarte aber von der argentinischen Regierung, politische Maßnahmen auf der Basis von transparent kommunizierten wirtschaftlichen Fakten in die Wege zu leiten. Der Internationale Währungsfonds (IWF), Argentiniens größter Gläubiger, unterstützt hingegen einen umfassenden Schuldenerlass durch private Gläubiger.
Vergangene Woche hatte die argentinische Regierung um Präsident Fernández und Wirtschaftsminister Martín Guzmán ein erstes Umschuldungsangebot für die ausländischen Gläubiger präsentiert. Das Ziel war, einen Zahlungsausfall zu verhindern, indem eine Umstrukturierung der Schulden der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation Argentiniens und unsicheren Zukunft des internationalen Finanzsystems angepasst werde.
Das Angebot an die privaten Gläubiger beinhaltete unter anderem die Senkung der Zinszahlungen um 62 Prozent oder 37,9 Milliarden US-Dollar. Zudem sollte die Schuldenlast selbst um 5,4 Prozent oder 3,6 Milliarden Dollar gekürzt werden. Weiterhin gab die Regierung an, dass Kredite in Höhe von 68 Milliarden US-Dollar restrukturiert würden, sodass Rück- und Zinszahlungen drei Jahre lang gestundet werden könnten. Ab 2023 plante die Regierung, die Zinszahlungen wieder aufzunehmen und diese jährlich stückweise zu erhöhen. Die für die kommenden Wochen vorgesehene Rückzahlung von 2,1 Milliarden US-Dollar sollte zudem auf Mai kommenden Jahres verschoben werden. "Heute kann Argentinien nichts bezahlen, auch nicht in den kommenden Jahren", so Guzmán. Das aktuelle Angebot sei die Grenze dessen, was man den Gläubigern anbieten könne, um der angeschlagenen Wirtschaft die Rückkehr zum Wachstum zu ermöglichen.
Augusto Salvatto, Forscher im Zentrum für Internationale Wissenschaften der Katholischen Universität Buenos Aires (UCA), erklärte gegenüber amerika21, dass sich "Argentinien zurzeit in einer heiklen Situation befindet, denn wenn es die Schulden nicht bezahlt, kann das Haushaltsdefizit nur durch die Ausgabe von Geld gedeckt werden. Dies wiederum schafft ein Risiko der Hyperinflation". Das liege daran, dass eine fiskalische Anpassung in diesem Kontext keine Option sei, noch weniger für eine Mitte-links-Regierung. Auf der anderen Seite sei der Steuerdruck bereits zu hoch, um die Steuern zu erhöhen und so zusätzliche Einnahmen zur Zahlung der Schulden zu generieren. Hinsichtlich des aktuellen wirtschaftlichen Kontextes bestehe also die einzige Möglichkeit in einer Schuldenrestrukturierung, so Salvatto weiter.
Ende Februar hatten die Direktorin des IWF, Kristalina Georgieva, und Guzmán am Rande des G-20-Gipfels in Saudi Arabien eine Neuverhandlung des Schuldenvertrags des südamerikanischen Landes vereinbart. Der IWF schätzte zuvor die Höhe der Schulden als "untragbar" ein.
Argentinien befindet sich in einer schweren Wirtschaftskrise. Das Land leidet unter einem aufgeblähten Staatsapparat, geringer Produktivität der Industrie und einer großen Schattenwirtschaft, die dem Staat viele Steuereinnahmen entzieht. Wegen der Corona-Pandemie verhängte die Regierung zuletzt zudem weitreichende Ausgangsbeschränkungen und legte die Wirtschaft für Wochen praktisch lahm. Der IWF rechnet für das laufende Jahr mit einem Rückgang der Wirtschaftskraft um 5,7 Prozent.

»Wir brauchen ein anderes Gesellschaftssystem«

Montag, 20. April 2020

https://www.jungewelt.de/artikel/376816.coronapandemie-wir-brauchen-ein-anderes-gesellschaftssystem.html
Aus: Ausgabe vom 18.04.2020, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Coronapandemie

Gespräch mit Franco Cavalli. Über die Notwendigkeit internationaler Solidarität angesichts der Coronapandemie und die Idee, für die Schweiz medizinische Hilfe aus Kuba anzufordern
Interview: Tobias Kriele
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Vor ihrem Abflug zu einer Corona-Hilfsmission in Italien: Kubanische Ärzte nehmen an einer Abschiedszeremonie in ­Havanna teil (21.3.2020)
Franco Cavalli …… war von 1978 bis 2007 Chefarzt für Onkologie am Spital Bellinzona. Seit 1986 ist er Honorarprofessor an der Universität Bern; seit 1993 außerordentlicher Professor an der Universität Varese. Zwischenzeitlich war er Fraktionschef der Sozialdemokratischen Partei (SP) im Schweizer Nationalrat. Er ist Präsident der Hilfsorganisation mediCuba und lebt in Ascona/Tessin, 2006 wurde er Präsident der Internationalen Vereinigung gegen Krebs (UICC). Er gilt als einer der renommiertesten Krebsforscher der Schweiz.
Was macht die durch das Coronavirus ausgelöste Pandemie so gefährlich? Das SARS-CoV-2-Virus ist problematisch, weil auch Infizierte ohne Symptome ansteckend sein können. Das erklärt die hohe Geschwindigkeit der Verbreitung der Krankheit zu Beginn, als noch sehr viele Leute ohne Schutz zusammengekommen sind. Bei uns in der italienischen Schweiz, im Tessin, hat man die Fastnachtsumzüge damals nicht verboten. Die Region um Bergamo in Norditalien ist sehr stark befallen, weil man dort, als das Virus schon herumging, ein Champions-League-Spiel mit 50.000 Leuten, eng gepackt, in einem kleinen Stadion hat stattfinden lassen. So erklärt sich die rasante Verbreitung in einer Situation, in der wir keinen Impfstoff und keine wirksame Therapie gegen das Virus haben.
Eine Frage, über die die ganze Welt diskutiert, ist, wieso Deutschland so wenige Tote hat. Dort wurde vermutlich mehr getestet als in anderen Ländern. Dennoch ist die niedrige Sterblichkeitsrate sehr auffällig. Vielleicht sind die Deutschen so diszipliniert, aber das ist vermutlich nicht die einzige Erklärung. Man sagt, dass das deutsche Gesundheitssystem sich im Vergleich zu Frankreich und Italien als widerstandsfähiger gezeigt und mehr Plätze auf den Intensivstationen bereitgehalten hat. Wir haben allerdings in der Schweiz ebenfalls genug Intensivplätze, und dennoch haben wir eine relativ hohe Sterblichkeit. Wir haben im Tessin bis heute (am 14.4.2020, d. Red.) etwa 250 Tote zu beklagen. Wenn ich das auf die Bevölkerung hochrechne, würden dem in Deutschland fast 60.000 Verstorbene entsprechen. Die Gründe dafür sind noch zu klären.
Wie ist denn aktuell die Situation im Tessin, wo Sie leben?
Wir haben die strengsten Regeln innerhalb der Schweiz, da wir die meisten Fälle haben. Es gibt keine absolute Ausgangssperre, denn es bleibt erlaubt, jeden Tag einen kleinen Spaziergang zu machen oder einkaufen zu gehen. Obwohl es aus rechtlichen Gründen nicht ganz verboten werden kann, wird es unterbunden, dass ältere Menschen über 65 Jahre einkaufen gehen. Es ist fast eine Ausgangssperre, und alles ist zu, Schulen usw. Auch alle Industrien, alle Bautätigkeiten wurden gestoppt, im Gegensatz zum Rest der Schweiz, wo die Bauarbeiten weitergehen. Wir haben etwa 70.000 bis 75.000 italienische Grenzgänger, die jeden Tag ins Tessin kommen. Viele von ihnen stammen aus der Lombardei, also der Region, die der erste Hotspot in Europa war. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb wir soviel mehr Fälle haben als die restliche Schweiz.
Die Lage in der Lombardei war und ist zum Teil immer noch sehr dramatisch. Es gab Momente, in denen das Gesundheitssystem unfähig war, alle schweren Fälle zu behandeln. In Italien sind auch relativ viele Ärzte und Krankenschwestern an Covid-19 gestorben.
Bei uns in der Schweiz weckt das bei einigen Menschen Schuldgefühle. Das Schweizer Gesundheitssystem wäre zusammengebrochen, wenn Frankreich, Deutschland und Italien ihre Ärzte und Krankenpfleger zurückgerufen hätten. Frankreich und Italien stehen unter Notrecht, und damit hätten beide Regierungen die Möglichkeit gehabt, ihre Krankenpfleger und Ärzte zurückzubeordern. In der Schweiz hatte man eine panische Angst davor. Bei uns im Tessin sind im Schnitt etwa 40 Prozent der Pflegekräfte Grenzgänger aus Italien. In der französischen Schweiz sind es noch mehr, über 50 Prozent. Zu Beginn der Krise wurden in der Schweiz 6.000 Ärzte und 20.000 Pfleger gesucht. Ohne die ausländischen Fachkräfte wäre unser Gesundheitssystem zusammengebrochen.
Wir »produzieren« weniger als die Hälfte der Ärzte, die wir in der Schweiz brauchen, und »importieren« den Rest. Wenn Deutschland, Frankreich und Italien ihre Ärzte ausbilden und wir sie dann zu uns rufen, sparen wir natürlich sehr viel Geld. Ähnlich ist es bei den Krankenschwestern.
Welche Rolle spielen die Interessen der großen Pharmakonzerne in der Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid-19?
Vor allem die relativ kleinen biopharmazeutischen Industrien und Forschungsinstitutionen arbeiten gerade intensiv an einem Impfstoff. Die großen Pharmamultis waren auch im Falle von Malaria und AIDS nie sehr daran interessiert, Impfstoffe zu entwickeln, da die Profitmarge zu gering ist. »Big Pharma« ist viel stärker daran interessiert, Medikamente zu entwickeln, an denen sich gut verdienen lässt, zum Beispiel gegen Krebs. Gegen die allgemeinen Pandemien sind die großen Konzerne deshalb nie sehr aktiv gewesen.
Derzeit befinden sich ein paar antivirale Medikamente in der Prüfungsphase, aber momentan erscheint keines als wirklich aussichtsreich. Ein spezieller Fall ist möglicherweise das in Kuba produzierte Interferon Alpha 2B, welches auch in China zum Einsatz kam. Nach dem, was ich von chinesischen Kolleginnen und Kollegen aus Wuhan weiß, ist dieses Medikament als Aerosol bei Patienten mit Lungenentzündungen mindestens zur Linderung der Symptome wirksam. Es wird deshalb aktuell auch in einer großen europäischen Vergleichsstudie an 2.000 Patienten getestet.
Wie lässt es sich erklären, dass die Epidemie in China dermaßen abweichend verlaufen ist?
Man muss sagen, dass man das gleiche, wenn auch mit anderen Mitteln, in Südkorea erreicht hat. In bezug auf China kann man die erste Phase etwas kritisch sehen, in der vor allem in Wuhan Zeit verloren wurde. Beijing wurde erst mit zwei Wochen Verzug benachrichtigt und hat dann sofort reagiert. Die dortige sehr kompetente Zentralstelle für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten hat sehr schnell und hart eingegriffen. Hätte China nicht mit einer absoluten Ausgangssperre und einer umfassenden Blockierung jeder menschlichen Tätigkeit agiert, hätte es dort sicher sehr viele mehr Sterbefälle gegeben. So hatten sie weniger Tote als Italien oder Spanien zu beklagen, von den USA ganz zu schweigen. Das ist der beste Beweis, dass in einer solchen Situation die Trennung der Leute das beste Mittel ist, damit die Krankheit sich nicht verbreitet. Über einen weiteren Unterschied wird jetzt viel diskutiert. Von Anfang galt in China, dass niemand das Haus verlässt, ohne eine Schutzmaske zu tragen. Diese Strategie beruht auf Erfahrungen, die in der Volksrepublik in den letzten 30 Jahren mit den verschiedensten Epidemien gemacht wurden, und ist auch wissenschaftlich reflektiert. Bei uns wird über den Nutzen der Schutzmasken immer noch diskutiert.
Dabei haben die westlichen Länder und auch die WHO nur deshalb nicht den Mut gehabt, das Tragen von Schutzmasken für alle zu fordern, weil es nicht genügend Masken gab. Das war der wahre Grund.
Was erwarten Sie für den weiteren Verlauf der Pandemie?
Solange es keinen Impfstoff und keine wirksame Therapie gibt, bleiben nur das Abstandhalten und die Trennung der Leute. Sobald man die Maßnahmen lockert, besteht die Gefahr, dass die Epidemie wieder zunimmt. Es scheint so zu sein, wir wissen es noch nicht mit Sicherheit, dass das Virus bei einer Temperatur von über 20 Grad und einer hohen Luftfeuchte nicht lange überlebt. Ich glaube, mit den Maßnahmen, die man jetzt getroffen hat, und der Hoffnung, dass es bald wieder recht heiß wird, sollten wir in den nächsten drei bis fünf Wochen die Lage vielleicht so stabilisieren können, wie es in China erreicht wurde. Aber im Herbst könnte eine erneute Welle auf uns zukommen, wenn die Herdenimmunität dann noch nicht besteht und es bis dahin noch keinen Impfstoff gibt.
Wenn man auf die heißen Länder wie Indonesien oder Süd­indien, aber auch Zentralamerika schaut, dann gibt es dort bis jetzt weniger Fälle. Und dies, obwohl die Lebensbedingungen es den Menschen dort fast unmöglich machen, Abstand zu halten, etwa wenn die Leute in überfüllten Bussen fahren müssen. Der Grund dafür könnte sein, dass das Virus unter den dortigen Umweltbedingungen schlechter überlebt. Es scheint so zu sein, dass die optimale Temperatur für das Virus irgendwo zwischen drei und 20 Grad liegt.
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Franco Cavalli
In Kuba gibt es offensichtlich ebenfalls einen sehr systematischen Umgang mit Corona. Ist die dortige Strategie mit der chinesischen zu vergleichen?
Kuba geht einen Mittelweg, der nicht vergleichbar ist mit dem von China. In Kuba wird derzeit viel getan, um die Bevölkerung dazu zu erziehen, die Abstandsmaßnahmen einzuhalten. Man versucht, soweit es möglich ist, Schutzmasken zu tragen. Andererseits wurden die Arbeitstätigkeiten nicht eingefroren, auch der Transport zunächst nicht. In Kuba gibt es zusätzliche Schwierigkeiten – etwa, dass die Leute vor den Läden Schlange stehen müssen. Man muss dabei bedenken, dass sich die allgemeinen Lebensbedingungen in Kuba in den letzten Monaten verschlechtert haben, weil die US-Blockade deutlich strikter geworden ist. US-Präsident Donald Trump hatte schon vor dem Ausbruch der Pandemie versucht, Kuba verhungern zu lassen. Diese Verschlechterung der Lebensbedingungen könnte dem Virus im Prinzip seine Verbreitung leichter machen. Das scheint im Moment allerdings noch nicht der Fall zu sein. Kuba versucht es, ohne die eiserne Faust zu benutzen, wie es die Chinesen gemacht haben, vor allem mit den bewährten Waffen. Die Allgemeinärzte, die einen sehr engen Kontakt mit der Bevölkerung haben, sprechen mit den Leuten und machen ihnen klar, was sie tun sollen, damit sie nicht vom Virus befallen werden.
Sie sind Präsident der Organisation Medicuba Europa, die zur Zeit eine Kampagne zur Stärkung und Weiterentwicklung der molekularen mikro­biologischen Diagnostik in Kuba durchführt. Welche Bedeutung hat diese Kampagne für das kubanische Gesundheitssystem und insbesondere für den Kampf gegen Corona?
Unser Projektpartner ist das Instituto Pedro Kourí, IPK, und somit die Einrichtung in Kuba, welche die Ausbreitung der Infektionskrankheiten kontrolliert und Ärzte ausbildet, insbesondere die Ärzte, welche bei den kubanischen Missionen weltweit eingesetzt werden. Bis zum Beginn unseres Projektes verfügte das IPK nur über ein Labor in Havanna. Wenn also jemand in Santiago de Cuba den Verdacht auf Denguefieber oder Typhus hatte, musste man, um den Erreger zu ermitteln, eine Probe unter den bekannten Transportschwierigkeiten nach Havanna schicken. Dort wurde im Labor beobachtet, ob dieser Erreger bei Zugabe von Ingredienzen wächst. Im Fall von Tuberkulose musste man fast eine Woche auf das Ergebnis warten. Das ist eine gute, aber veraltete Methode. Heutzutage verwendet man molekularbiologische Methoden, mit denen sich innerhalb von Stunden die genetische Struktur dieser Erreger nachweisen lässt. Für Kuba war diese Technologie allerdings nicht zugänglich.
Wir haben als Medicuba in den letzten Jahren drei Zentren mit einem Budget von fast 1,5 Millionen Euro aufgebaut, in denen alle Viren mit molekularbiologischen Mitteln nachgewiesen werden können. In Santiago und Villa Clara sind die Zentren fertig ausgebaut, in Havanna ist es noch nicht ganz fertig, weil dort durch das IPK die Notwendigkeit etwas weniger groß war. Wir haben die Grundstruktur, die Reagenzien und die Ausbildung der Spezialisten mit diesem Projekt bezahlen können, so dass Kuba heute in der Lage ist, jeden infektiösen Erreger spätestens innerhalb eines Tages nachzuweisen.
Dazu benötigen die Kubaner aber einige Reagenzien, die sie im Moment wegen der Blockade nicht frei kaufen können. Sie können sie ausschließlich gegen Bezahlung bei der WHO beziehen. Deswegen haben wir eine europaweite Notkampagne lanciert, um noch einmal für 200.000 Euro Reagenzien kaufen zu können, damit Kuba unter anderem Coronatests im großen Stil durchführen kann.
Welche Wirkung haben die internationalen Einsätze der in Italien aktiven kubanischen Ärztebrigade »Henry Reeve«?
Die kubanischen Ärzte sind vom genannten Instituto Pedro Kourí gut ausgebildet worden. Genau aus diesem Grund hat Donald Trump vor etwa einem Jahr mittels einer präsidialen Verfügung jedem US-Bürger die Zusammenarbeit mit diesem Institut verboten. Er weiß natürlich, dass das IPK für die Strategie Kubas, Ärzte und medizinisches Personal ins Ausland zu schicken, eine zentrale Rolle spielt.
Die kubanischen Ärzte haben einen guten Ruf weltweit, und die Ankunft der Brigade hat in Europa sehr viel Bewunderung hervorgerufen.
Am Anfang der Epidemie bestand im Tessin die Befürchtung, dass unser Gesundheitssystem Mühe haben würde, mit dem Ansturm an Patienten fertig zu werden. Vor allem hatte man, wie gesagt, Angst, die Italiener würden ihre Arbeitskräfte zurückziehen. In unserer Tessiner Regierung hat es sogar Leute gegeben, die der Schweizer Regierung vorgeschlagen haben, Kuba um die Entsendung von Ärzten zu bitten.
Was motiviert Sie, sich ausgerechnet für Kuba einzusetzen?
Ich würde sagen, es gibt mehrere Gründe, aber zwei Hauptgründe.
Diese Pandemie hat meiner Meinung nach schonungslos die Schwächen des internationalen kapitalistischen Systems aufgezeigt. Vor fünf Monaten hätte noch jeder gesagt, dass der Kapitalismus unerschütterlich ist. Und dann kam ein kleines Virus in China auf, und das ganze System ist zusammengebrochen. Allein in der Schweiz spricht man davon, dass unsere Produktion in den nächsten Monaten um 25 bis 30 Prozent abnehmen wird.
In Italien und später in Frankreich und Spanien hat sich gezeigt, dass man durch diese wahnsinnigen Sparmaßnahmen und die Tatsache, dass man den Staat so klein wie möglich halten wollte, die öffentlichen Spitäler kaputtgemacht hat. In der Hauptstadt des Imperialismus, in New York, sterben Leute auf den Straßen, weil nicht genug Platz in den Spitälern ist. Dabei werden wir der WHO zufolge in Zukunft mit erneuten Pandemien rechnen müssen. Wir brauchen aus verschiedenen Gründen für die Zukunft ein anderes Gesellschaftssystem. Trotz aller Schwierigkeiten, trotz einer fast 60jährigen Blockade, die jedes andere Land kaputtgemacht hätte, bleibt Kuba seinem Versuch treu, eine andere Gesellschaft aufzubauen. Trotz Schäden durch die Blockade in Milliardenhöhe haben die Kubaner immer noch die längste Lebenserwartung in Lateinamerika, die besten Schulen, die besten Spitäler.
Aber es gibt für mich noch einen zweiten, vielleicht unmittelbar wichtigeren Grund, Kuba zu unterstützen. Ich bin in verschiedenen Hilfsprojekten aktiv, vor allem in Zentralamerika, Lateinamerika, aber auch in Eurasien. Mich hat immer beeindruckt, welch unglaubliche Solidarität Kuba mit seinen medizinischen Missionen in der ganzen Welt entwickelt. Wenn man in einem Elendsquartier einen Arzt trifft, ist er wahrscheinlich Kubaner oder doch ein Mediziner, der in Kuba ausgebildet wurde. Wenn man am Ende des Urwalds auf einen Arzt stößt, ist das sicher ein kubanischer Arzt. Das ist für mich ein lebendiger Beweis menschlicher Solidarität. Ich glaube, das ist etwas, das wir jetzt gelernt haben: Auch wenn wir im Moment Abstand halten müssen, können wir nicht ohne die Solidarität leben. Jemand muss für die älteren Leute, die nicht außer Haus gehen dürfen, einkaufen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er ist auf Gesellschaft und auf Solidarität angewiesen, wenn er in dieser Welt überleben will. Und Kuba zeigt uns, wie man das verwirklichen kann.

El Salvador: Zwischen Delirium und Diktatur I

Sonntag, 19. April 2020


(zas, 19.4.20) In El Salvador kommt es zu immer diktatorischeren Vorkommnissen, jetzt im Zeichen der Covid-19-Epidemie. Im Folgenden Teil I eines Beitrags dazu. Darin geht es um Realitäten der «gesundheitspolitischen Bekämpfung» der Epidemie. Teil II geht dann ein auf eine entstehende schwere Staatskrise  und auf fast täglich gesteigerte Repression - aktuell etwa setzt die Armee im Städtchen Puerto La Libertad eine drakonische Ausgangsperre durch.
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Am 26. März veröffentlichte der Lateinamerika-Arm des US-Meinungsforschungsinstituts Mitofsky eine in 11 Ländern durchgeführte Umfrage, wonach 97 % der SalvadorianerInnen (!) das Vorgehen ihres Präsidenten Nayib Bukeles in Sachen Covid-19-Epidemie echt cool finden – 89 % wären es im zweitplatzierten Guatemala (cómo no) und ganze 14 % im Schlusslicht Ecuador, wo sich in der Wirtschaftsmetropole  Guayaquil Szenen mit Leichen auf der Strasse wie im Horrorfilm abspielten. Danach waren Medien wie BBC Mundo voll des Staunens ob des Tausendsassas im kleinen Land, der den Grossen vormacht, wie die Sache angepackt wird. Dass auch Linke für die Massnahmen Bukeles im Epidemiekontext schwärmen, belegt die Stärke der Propaganda und zeigt, wie auch unsereins anfällig für Manipulationen ist.

Der Doktor der Nation erklärt
Kommen wir zuerst auf das missionarische Sendungsbewusstsein hinter den Epidemiemassnahmen:
Bukele liebt die cadena nacional, also die Parallelschaltung sämtlicher Radio- und Fernsehsender zur Übertragung einer präsidialen Ansprache wie jene vom 6. April. Er betonte darin die Anweisung an Polizei und Armee, Leute, die das Ausgehverbot missachten, noch härter anzufassen. Und natürlich: Wenn es ein Land schafft, die Corona-Pandemie im Zaum zu halten, dann El Salvador. Drittens: SalvadorianerInnen im Ausland werden fortan nicht mehr ins Land gelassen. «Manche Länder sagen, sie hätten das tun müssen, was El Salvador tat», teilt der Presi mit. Dafür gab es «viel Applaus von der internationalen Gemeinschaft.» Und er zählte auf: Schon am 31. Januar hat El Salvador als erstes Land Einreisen aus China, danach aus Korea, Italien, Deutschland und Spanien verboten. Als zweites Land nach Italien hat es seine Grenzen generell dicht gemacht (aber, betont Bukele, Italien erst mitten in der Grossepidemie, nicht zu ihrer Verhinderung). Das war in der Phase 1, die Ansteckungen wurden importiert. Jetzt, in der Phase 2, erfolgen die Ansteckungen auch landesintern. El Salvador startet darin mit einem grossen Vorteil:  mit viel weniger Fällen als fast überall sonst, dank der bewunderten Massnahmen.
In der Phase 2 machen, weiss der Bescheidene, die anderen Regierungen nichts. Denn sie sagen: «Jetzt können wir das Virus nicht mehr stoppen, bloss seine Ausbreitungsgeschwindigkeit solange etwas reduzieren, bis 60-70 % der Bevölkerung immun sind.» Für El Salvador hiesse das, Hunderttausende von Tote in Kauf zu nehmen, «mehr als in den 12 Jahren Bürgerkrieg und den drei Jahrzehnten Bandenkriminalität zusammen» (für die Welt mehr Todesfälle als «in den beiden Weltkriegen zusammen».) Aber Bukele hat Besseres im Sinn: In jedem Einzelfall sämtliche Kontakte der kranken Person eruieren und in Quarantänelager zu stecken, bis der Test sinnvollerweise gemacht werden kann. Sind sie infiziert, gibt es bei ihnen wiederum das contact tracing und so weiter. Infizierte kommen in spezielle medizinische «Behandlungshäuser» und je nach Lage in gut vorbereitete Spitalpflege. Quarantäneeinrichtungen gibt es im Land rund 100 Stück – er erwähnt ehemalige oder leerstehende Hotels mit Einzelzimmer, Privatbad, TV, Internet etc.
Phase 3: Da gibt es nur noch eine generalisierte Ausgangssperre und medizinische Behandlung. «Darauf bereiten wir uns vor, sehr viel mehr als Länder mit vergleichbaren Gesundheitssystemen. Aber wir wollen etwas Neues machen und die Phase 2 stoppen, oder zumindest so sehr, wie wir es mit der Phase 1 gemacht haben.»
Er widerlegt en passant «berühmte Virologen und Epidemiologen» und «Think Tanks», die sagen, die Ansteckungskurve werde in einem bestimmten Moment flacher werden. Wie macht er das? «Mit gesundem Menschenverstand». Was sagt ihm der? Je weniger Infizierte, desto weniger Ansteckungen. Also betritt er mit social tracing Neuland für die Phase 2, um den Kollabs des Gesundheitswesens in der Phase 3 möglichst zu vermeiden. Mit den Kurven der internationalen Experten muss man ihm nicht kommen: Wenn 60'000 Infizierte rumlaufen, stecken sie weitere 60'000 an und diese wiederum 60’000, unabhängig davon, was die Kurven sagen. Jedenfalls: «Die einzige Möglichkeit, dass wir das einzige Land sein können, das die Phase 2 stoppt, ist mit der Kollaboration von Ihnen allen.»

Massnahmen
Die erwähnten Einreisesperren gehören, unabhängig von der Frage ihrer Effizienz, ins repressive Repertorium. Das Problem: Auch die medizinischen Massnahmen sind repressiv ausgerichtet, so was wie freiwilliges Verhalten auf informierter Basis kommt dem Regime nicht in die Tüte. Ab dem 11. März kamen alle auf dem Land- oder dem Luftweg Einreisenden (eh nur noch BürgerInnen und andere mit Niederlassungsbewilligung) für 30 Tage in Quarantänezentren (die sind laut Gesundheitsminister und Cousin des Präsidenten, Francisco Alabi, viel besser als anderswo). Und hier begann ein grosses Problem, das sich seither verschärft hat. Schon am 11. März zirkulierten Handyaufnahmen vom «Quarantänezentrum» beim Flughafen: fast kein Wasser, keine Seife, viele Betten auf engstem Raum, zu wenige, dafür verdreckte WCs etc.

Quarantänezentrum beim Flughafen. Quelle: EdH, 11.3.20
Nachdem Mitte März das Spital Saldaña in San Salvador zur Behandlungszentrale für mutmassliche oder reale Covid-19-Erkrankte gemacht wurde, werden immer mehr schockierende Berichte über Lagerhaltung und fehlende medizinische Betreuung bekannt.).
Massiv verschärft hatte sich die Lage mit der von Bukele betriebenen und von der rechten Parlamentsmehrheit (aber nicht vom FMLN) am 14. März angenommenen Ausrufung des Ausnahmezustands. Gestützt auf die darin enthaltenen Vollmachten zur Aushebelung von Grundrechten wie freie Wahl des Wohnorts oder Bewegungsfreiheit verhängte die Regierung ab Sonntag, den 22. März, eine landesweite Ausgangssperre für die immense Mehrheit der Bevölkerung. Ausgenommen sind nur gewisse Berufsgruppen im Gesundheitsbereich, den Supermärkten und anderen unabdingbaren Sparten wie der Landwirtschaft. Pro Haushalt darf eine Person einmal am Tag einkaufen gehen (mit Personalausweis, einer Eigenbewilligung mit Angabe des Zeitpunkts des Verlassen der Wohnstätte und einem Einkaufszettel). Auch Ärztin- oder Tierarztbesuche sind erlaubt. Bukele hatte dies am 21. März per Twitter angeordnet. Schon am ersten Tag des Ausgehverbots zirkulierte ein Video mit der Anweisung eines hohen Polizeioffiziers an das Korps: «Wir müssen bei diesen Leuten für Ordnung sorgen.» Polizei und Armee taten dies mit der Verhaftung gleichentags von 269 Leute, die das Ausgehverbot missachtet haben sollen.
Das Parlament hatte am Tag vor seinem Segen zum Ausnahmezustand einstimmig, also mit den Stimmen des FMLN, ein Regierungsdekret zum Notstand genehmigt.  Das gibt der Regierung weitreichende Vollmachten für den Kampf gegen die Virusausbreitung, etwa das Verbot öffentlicher Anlässe und Ansammlungen, zur Beschränkung der Bewegungsfreiheit möglicher Infizierter (aber unter Zuständigkeit einer zivilen Instanz, des Zivilschutzes, nicht von Polizei/Armee) oder zur Anordnung einer Quarantäne von Covid-19-Infizierten (aber unter Beachtung internationaler Gesundheitsstandards) u. a. Die juristische Berechtigung für gesundheitspolitische Massnahmen wäre also gegeben gewesen. Aber unter Kontrolle ziviler Instanzen – unerwünscht!

«Espejitos con brillo»
Für die Verhängung einer Ausgangssperre braucht es auch in El Salvador mit seiner Mehrheit der Bevölkerung, die von der Hand zum Mund lebt, gewisser lindernder Massnahmen. Hier dürfte einer der Gründe liegen, warum auch progressive Menschen wieder mal espejitos con brillo, glänzende Spiegelchen, für segensreich halten. Ein dem Parlament vorgelegtes Regierungsdekret beinhaltete nämlich u. a. die Suspendierung der Rechnungen für Strom, Wasser und Telefon (inkl. Kabel und Internet) während dreier Monate, die in den folgenden zwei Jahren zu begleichen wären. Viele Regierungen in Lateinamerika haben solche Massnahmen bei meist viel sanfteren Einsperrungen der Bevölkerung ergriffen, andere kamen erst spät zur Einsicht (sogar der honduranische De-facto-Präsident Juan Orlando Hernández verkündete kürzlich, niemandem werde während der Epidemie der Strom abgeschaltet). Zudem gab Bukele bekannt, während dreier Monate rund 1.5 Millionen Haushalten, also etwa drei Viertel der Bevölkerung, pro Monat $ 300 auszuzahlen, damit sie Nahrungsmittel und Medikamente kaufen können. Die für die Information, ob man bezugsberechtigt sei oder nicht, aufgeschaltete Homepage versagte ihre Dienste von Anfang an.  Also tweetete Bukele spät nachts am Sonntag, dem 29. März: Man wende sich an das nächste Cenade, eine spezielle Dépendance des Wirtschaftsministeriums, um sich über die allfällige Bezugsberechtigung zu informieren. Resultat: Vielleicht Zehntausende standen am folgenden Tag mitten in der Ausgangssperre landesweit vor den Cenades. Diese waren dem Ansturm natürlich nicht gewachsen, Bukele liess sie umgehend schliessen. 
Vor dem Cenade von San Salvador.
In vielen Haushalten hatte die weitgehende Stilllegung Existenznöte verursacht. $ 300 haben oder nicht haben war eine Schicksalsfrage. Es kam da und dort zu tumultartigen Szenen, die Sicherheitskräfte schafften «Remedur». Was wusste das Regime zu kommentieren? «Politische Drahtzieher» haben die Menschen für Chaosaktionen bezahlt. Beweis: Whatsapp-Einträge in Handys von Verhafteten (die alle von der Staatsanwaltschaft bald auf freien Fuss gesetzt worden waren), so Sicherheitsminister Rogelio Rivas. Rivas hat der ermittelnden Staatsanwaltschaft nicht einen solchen Eintrag vorgelegt. Aber dafür tweetete er gerade wieder: «Nach und nach werden die Agitatoren und möglichen Financiers» der Unruhen klar, «die mitten in einem Notstand das Leben der Personen gefährden. Man darf von diesen Feiglingen nichts anderes erwarten, denen es gleich ist, mit dem salvadorianischen Volk zu spielen.»

Politgerangel um die Beute
Nicht etwa Bukele also habe die Leute vor die Cenades bestellt und damit das Risiko von Massenansteckungen deutlich erhöht (was sich in diesen Tagen zu bewahrheiten scheint), nein, die Schuldigen sind die üblichen Ruchlosen. In dieser Frage weiss das Regime zu differenzieren. Gemeint sind sowieso die Leute des FMLN, aber je nach Lage auch jene Teile der traditionellen Rechtsparteien, die sich nicht einfach unterordnen. Dahinter steckt ein Konflikt zwischen einer alten, aber jetzt gespaltenen Oligarchie und einer auf Oligarchie-Status aspirierenden Fraktion der Bourgeoisie mit Bukele als Galionsfigur, die sich mit Staatsgeldern stark machen will. Das hatte schon früher ein Teil von ARENA und Financiers um den Ex-Präsidenten Tony Saca vorgemacht, jener Teil, der die Gründung der GANA-Partei betrieb, die letztes Jahr dann Bukele als Präsidentschaftskandidat portierte.
Jetzt geht es um eine $ 2 Milliarden-Beute. Bukele hatte parallel zur Verhängung der Ausgangssperre vom 22. März einen Covid-19-Notfonds in dieser Höhe angeregt (zwischendurch sollte der Betrag auf $ 5 Mrd. erhöht werden). Eine erkleckliche Summe angesichts eines Staatsbudgets von rund $ 6 Mrd. Um diese Schulden bei Internationalen Finanzinstituten oder Privatbanken aufzunehmen, bedurfte die Regierung einer 2/3-Mehrheit im Parlament, womit die Faktion der Rechtspartei ARENA matchentscheiden war.
Eine Mehrheit im Parlament wollte Kontrollmechanismen für den Notfonds anbringen (dies nach schamlosen Budgetbetrügereien, während gleichzeitig von 45 Sozialprogrammen ein Drittel gestrichen und weitere 5 gekürzt wurden, darunter im Bereich der Primärmedizin). Das mochte der Verhandlungsleiter der Regierungsequipe, Bukeles Privatsekretär Ernesto Castro, nicht leiden. Er meinte am 23. März, im Parlament wolle man «einen Bericht mit allen Details jede Woche, alle drei Tage … Mann, es reicht mit dieser Haltung!» Drei Tage später steig weisser Rauch auf: ARENA und die Regierung hatten sich auf einen Schlüssel für die Verteilung der Summe geeinigt (30 % für die Gemeinderegierungen, 70 &% für die Zentralregierung). Ein 11-köpfiges Verwaltungskomitee beschliesst und prüft die Verwendung der $ 2 Milliarden (die wegen der damit steigenden Verschuldung bei gleichzeitigem Wirtschaftseinbruch jetzt offenbar über teure kurzfristige Schuldscheine aufgenommen werden müssen). Das Komitee, geleitet von Castro, besteht aus einer entscheidungsbefugten Mehrheit von 6 RegierungsvertreterInnen, weiter 4 VertreterInnen des Kapitals (Unternehmerverband ANEP, Unternehmerthinktank Fusades, Handelskammer, neoliberale Businessuni ESEN) und zur Zierde einem Delegierten der Jesuitenuniversität UCA. Der FMLN-Vorschlag des Einbezugs der staatlichen Uni UES und der KMU-Vereinigungen hatte keine Chancen. Ob etwa die Gemeinden überhaupt Geld sehen vor dem «Ende» der Pandemie, scheint ebenso unklar wie wofür genauer das Geld ausgegeben werden soll, ausser den erwähnten Beiträgen an notleidende Haushalte (deren Auswahl nach dem Kriterium ihres Stromverbrauchs erwiesenermassen nur bedingt tauglich ist). Zusammengefasst: Die Beute wird zwischen eingesessener Oligarchie (ANEP etc.) und den am Staatsschoss hängenden «Nouveaux Riches» aufgeteilt. Als Bukele am 21. März die Ausgangsperre bekanntgab, sassen US-Botschafter Ronald Johnson und Oligarchieexponent Roberto Murray Meza, ein früherer ARENA-Parteichef, prominent an seiner Seite und ergriffen danach das Wort zur Unterstützung der Sache.
Bukele und Murray Meza bei Bekanntgabe der Ausgangssperre.

Ansteckungslager
Seit einiger Zeit sind die salvadorianischen Medien (nicht nur die «sozialen») voll von Geschichten über Willkür der Sicherheitskräfte und die erbärmlichen Zustände in den «Quarantäne- und Behandlungszentren». (Dass jetzt auch traditionelle Oligarchieblätter wie El Diario de Hoy darüber berichten, widerspiegelt den erwähnten Konflikt innerhalb des neoliberalen Lagers.) Da wäre die Geschichte von María und ihrer 10-jährigen Tochter. Zuerst im absolut überfüllten «Quarantäne»-Zentrum von Jiquilisco eingesperrt, kamen sie gegen Ende März in das Spital Saldaña bei der Hauptstadt, der offiziellen damaligen Covid-19-Zentrale. «Dort sahen die Mutter und das Kind, wie zwei junge Hospitalisierte halfen, ein mit Kaiserschnitt zur Welt gebrachtes Bebé  zu reinigen und wie ein Alter, der wegen einer Nicht-Covid-Diagnose hospitalisiert war, an sein Bett angebunden war ‘und sie kamen bloss, um ihm das Essen hinzustellen (…) Da, wo sie uns halten, gibt es nichts, kein WC-Papier, keine Seife, keinen Alkohol.’ Das WC hat keine Tür, die Dusche keinen Vorhang.» (Quelle: EdH, 29.3.20). 
"Quarantäne" in Jiquilisco. Quelle: EdH, 27.3.20
Da ist die Geschichte des 42-jährigen Kolumbianers Jhon Freddy Vasco, der in El Salvador lebt. Er wurde am 10. März nach einer Tagesreise nach Honduras in ein Quarantänezentrum gebracht; am 27. März wurde er auf Covid getestet – positiv.  Er kam mit vier anderen «Positiven» ins Spital Saldaña, wo sie mit anderen zusammengelegt wurden, die zwar auf Corona getestet wurden, aber nie ein Resultat bekamen (das gehört zu einem verbreiteten «Betreuungs»-Standard). Gemeinsam verlangten die Leute eine Trennung, was per Handy-Video eine grosse Öffentlichkeit erfuhr. Vasco war einer der Sprecher im Video. Das bukelistische Portal El Blog publizierte später, das Video stamme aus einem kolumbianischen Spital, was Bukele in seinem Twitter-Account aufnahm. Die Antwort Vascos: ein neues Video mit Aufnahmen von Behandlungsmaterial mit klaren Ortsbelegen. Im gleichen Bericht schreibt der Journalist: «Ich habe mit drei Ärzten und drei Krankenschwestern gesprochen, die zu dieser Pandemie arbeiten, um sie zu fragen, was im Saldaña vorgeht. Einer der Ärzte akzeptierte, zwei Minuten mit mir zu sprechen, unter der Bedingung der Anonymität. Unter der gleichen Bedingung akzeptierte das auch eine Krankenschwester. Sie erhielten vom Ministerium die Anweisung, mit niemandem zu reden. Den Krankenschwestern wurden frühere Veröffentlichungen in den Medien oder den Netzen vorgeworfen und mit Entlassung gedroht. Alle sagten: ‘Sprechen Sie mit den zuständigen Behörden.’» (Quelle: El Faro, 4.4.20).
Óscar Méndez war Handelsreisender für Arzneimittel gewesen. Am 13. März kehrte er von einem Businesstrip nach Panamá zurück und kam in die total überfüllte «Quarantäne»-Anlage Villa Olímpica und danach ins umfunktionierte Hotel Beverly Hills in einer noblen Gegend am Rand von San Salvador. In der Olímpica wurden Reisende aus vielen Ländern, darunter z. B. Italien, konzentriert. Hier bekam Méndez Fieber und starke Kopfschmerzen und wurde mit einem für leichte Infektionen tauglichen Antibiotikum gegen Blasenentzündung behandelt. Sein Zustand verschlimmerte sich auch im Hotel. Als er am 1. April keinen Anruf mehr beantwortete, begab sich seine Frau Dina zum Hotel, wo sie vergeblich Auskunft verlangte. Polizisten, die sich, als sie sich als Gattin von Óscar Méndez vorstellte, bloss ansahen, hinderten sie am Betreten des Hotels. Zur Stelle gelangte wegen des schon zirkulierenden Gerüchts eines Toten im Hotel auch Personal der staatlichen, aber regierungsunabhängigen Ombudsstelle für Menschenrechte (Procuradoría para la Defensa de los Derechos Humanos, PDDH). Ihnen versicherten Polizei und medizinisches Personal, es sei alles in Ordnung. Nachdem Dina Méndez drohte, die Medien einzuschalten, teilte ihr eine Funktionärin des Gesundheitsministeriums das Ableben ihres Gatten ohne Angabe von Ursachen mit. Die Familie erhielt die Habseligkeiten des Verstorbenen, darunter sein Handy, auf dem er einen erschütternden Anruf an den diensthabenden Offizier gespeichert hatte, den er anflehte, dafür zu sorgen, dass ein Arzt zu ihm komme. Einer kam anderthalb Stunden später und fand Méndez tot auf. Der Anruf ging viral. Nachträglich gab das Gesundheitsministerium einen Herz- und Atemstillstand als Todesursache bekannt. Dina Méndez gab später im Beisein des Menschenrechtsombudsman eine Pressekonferenz zum tragischen Geschehen. Sie versicherte u. a., ihr kerngesunder Mann sei in der Ólimpica angesteckt worden. Diese Öffentlichkeit verdross den Präsidenten: «Warum das Leiden einer Frau wegen des Verlusts ihres Gatten instrumentalisieren? Diese Familie leidet und wird jetzt von der Opposition instrumentalisiert.»
Dian de Méndez vor dem Saldaña.
Zwei nur mit Pseudonymen zitierte Frauen berichten über die Zustände im Saldaña. Denn, so Felipa: «Ich will weder das Leben noch meine Stelle verlieren. Hier kommen sie und sagen mir nichts, dir nichts: ‘XY, Sie gehen in LUCHA 1 [die Eintrittsstation für mögliche Covid-Infizierte] zurück, wo ich mich anstecken kann. Ich schwöre, dazu sind sie fähig.’» Eine andere Frau, Lana, berichtet über Verlegungen in andere Stationen des Saldaña, «alle ekelerregend»): «Sie machen alles in der Nacht. Sie stecken uns in fensterlose Krankenwagen. Wir wissen, dass wir noch im Saldaña sind, weil die Fahrten extrem kurz sind und wir von hier aus das andere Gebäude sehen können.» (Die permanente Desinformation der InsassInnen scheint nach vielen Berichten System zu sein. Es scheint willkürlich, ob du getestet wirst oder nicht. Und wenn, ob du das Resultat mitgeteilt bekommst oder nicht. Wie schlimm das sein kann, zeigt dieses Beispiel aus dem gleichen Artikel:) Zwei Söhne brachten ihren 86-jährigen, chronisch lungenkranken Vater ins Saldaña. Er wurde dort hospitalisiert, die Söhne kamen in einer anderen Abteilung in Quarantäne. Der Vater starb auf der Station LUCHA 1. Jemand von dort telefonierte in eine andere Abteilung und so erfuhren die Söhne vom Tod ihres Vaters. Eine Person, die weder Geschlecht noch Namen genannt haben will, berichtet: «Als wir davon erfuhren, standen wir auf und begannen zu schreien und die Zustände zu verfluchen. Dabei bekamen wir mit, dass die Haupttüre mit Schloss und Ketten gesichert war. So halten sie uns, eingesperrt mit Ketten und Schloss.» (Quelle: LPG, 28.3.20).
Rolando Cedillos, im Spital Rosales, dem grössten im Land, seit vielen Jahren zuständig für den Bereich Infektiologie, meinte: «Die Mehrheit der Ärzte kennt die Schutzkleidung nur aus den Tagesschauen (...) Das gilt auch für die Spezialisten.» Dass ein Bukele ihn nur als Kurvenzeichner wahrnehmen kann, zeigt er auch mit folgenden Aussagen im Zusammenhang mit Ratschlägen, wie im Alltag mit Covid-Kranken umgegangen werden soll: «Wir brauchen die Kooperation der Bevölkerung, nicht ihre Angst.» Und er fordert den Präsidenten auf, eine Conora-Strategie mit Fachleuten zusammen zu entwickeln. (Diese Forderung ist breit getragen, doch scheitert sie am «gesunden Menschenverstand» des Regimes.) (Quelle : El Faro, 8.4.20).
Seit Tagen berichten die Medien von Zwangsquarantänen für medizinisches Personal verschiedener Spitäler, das sich bei der Arbeit angesteckt hat. Und seit einigen Tagen protestieren InsassInnen von Quarantänezentren, die nach teilweise schon 39 Tagen ihre Freilassung erflehen oder fordern. Bekannt wurde etwa der Protest vom letzten Freitag im Hotel Beverly Hills, wo die Leute wie in anderen umfunktionierten Hotels 24 Stunden am Tag in ihren Zimmer eingeschlossen sind. In einem Video hört man sie rufen, dass sie Familie haben, gesund seien und ihre Freilassung fordern. Man sieht, wie sie Papiere mit handgeschriebenen Botschaften, eines als Papierflugzeug, zu den Fenstern rauswerfen. Und wie antwortete Bukele? So: «Glaubt jemand, wir wollen sie zum Plausch in 4-Sterne-Hotels zurückhalten? Nein, einige sind möglicherweise positiv. Andere hatten Kontakt mit Positiven. Sie rauszulassen hiesse, das Virus zu verbreiten. Zudem mache ich mir um die Leute Sorge, die dieses Video [ausgestrahlt auch im grössten Fernsehsender] editiert haben. Die Papiere und das «Flugzeug» waren sehr wahrscheinlich mit Covid-19 verseucht. Damit haben wir einen potentiell Infizierten, der weitere Leute anstecken könnte und diese ihre Familien.»
Papierflieger aus dem Beverly Hills.
4-Sterne-Hotel für privilegierte Unverantwortliche, die eventuell ihre Viren verbreiten – nicht das erste Mal ein Diskurs der «Aussätzigen», für die eine nicht enden wollende Quarantäne angesagt ist.