«Wenn jemand den Holocaust überlebt hat, ist Corona nichts dagegen.»

Dienstag, 8. Dezember 2020

 

(zas, 7.12.20) Noch rund 450 Überlebende der Shoa leben heute in der Schweiz. Ein einfühlsamer Artikel in der NZZ von heute («Sind die Nazis zurück?» – Der Lockdown ruft bei manchen Holocaust-Überlebenden traumatische Erinnerungen wach. Andere reagieren erstaunlich resilient) beleuchtet die Arbeit der Gamaraal-Stiftung, einer engagierten Familienstiftung, die jüdische Überlebende des Holocausts und andere überlebende Nazi-Verfolgte begleitet. Als die Pandemie begann, organisierten diese Leute eine Corona-Hotline. Sie haben viele Gespräche geführt, Wissen, Erfahrungen, Haltungen protokolliert. 

                    Anita Winter und Tochter Alisa engagieren sich in der Gamaraal Foundation für Überlebende des Holocaust. Bild: NZZ.

 Die Frage ist, wie gehen NS-Verfolgte mit der Pandemie um? Da ist die Geschichte der 88-jährigen Frau, die beim Lockdown immer fragte: „Warum dürfen wir nicht rausgehen?  Sind die Nazis zurück? Müssen wir weggehen? Müssen wir uns verstecken?“ Wir erahnen auch anhand einiger Episoden aus dem Leben dieser Frau, was sie durchgemacht hat und wie das in dieser unverständlichen faktischen Ausgangsperre wieder hochkommt in ihr. Mich hat diese Fragestellung bewegt, ich hatte mir das nicht überlegt. Dramatisch natürlich, wer die NS-Verfolgung erdulden musste. Aber bestimmt auch dramatisch für Verwirrte, Menschen mit psychischen Problemen, MigrantInnen mit oft traumatisierenden Erfahrungen in einer fremden, verschlossenen Welt …  

Aber da ist auch die Stärke vieler Überlebender, ihre Resilienz, Widerstandsfähigkeit. Man weiss davon seit langem. Wer das KZ überlebt hat, ist oft stark. Stellvertretend diese Aussage: «Wenn jemand den Holocaust überlebt hat, ist Corona nichts dagegen.»

Aber es gibt Parallelen zu heute. Pauline Voss, die den Artikel verfasste, schrieb:

«Dennoch weckt gerade die Todesgefahr durch das Virus alte Erinnerungen. Der potenzielle Mangel an Intensivkapazitäten und die damit verbundene Triage beschäftigt einige jener Überlebenden, die in Konzentrationslagern Selektion erlebt haben oder Abwägungsentscheidungen über Leben und Tod treffen mussten – etwa, wenn auf der Flucht nicht jeder mitgenommen werden konnte. Ein Überlebender aus dem Tessin erzählt der NZZ am Telefon von seinen Erfahrungen in Arbeitslagern, in denen er im Alter von siebzehn bis einundzwanzig Jahren inhaftiert war. Direkte Selektion, so betont er, habe er dort nicht erlebt. Doch wer krank geworden und länger als sieben Tage arbeitsunfähig gewesen sei, sei ins KZ Gross-Rosen deportiert und vergast worden. Umso empörter ist er, dass nun alte Menschen im Falle einer Überlastung des Gesundheitssystems keine Intensivbehandlung mehr bekommen sollen. ‘Ärzte sind da, um zu heilen. Man darf ihnen nicht die Entscheidung über Leben und Tod überlassen.’ Im Sommer hätte man die Zahl der Intensivbetten aufstocken müssen, findet er. ‘Alte Menschen werden nur noch als Bürde der Gesellschaft gesehen.’»

Wer den Faschismus erlebt hat, erkennt ihn auch im neuen Kleid. (Eine Bekannte, die in Pflegeheimen arbeitet, hat kürzlich den Begriff Eugenik zur Bezeichnung des offiziellen Umgangs mit den zu Pflegenden gebraucht.)

Shoah-Überlebende konnten oft Schulklassen von ihren Erfahrungen berichten. Jetzt leider nicht mehr:

«Während Bildungsveranstaltungen zum Holocaust abgesagt werden müssen, dringen antisemitische Verschwörungstheorien immer weiter in den Mainstream vor. In den Gesprächsmitschriften der Gamaraal-Stiftung kommt auch die Angst vor den gesellschaftlichen Folgen der Pandemie zum Ausdruck: ‘An der Spanischen Grippe sind so viele Leute gestorben, und dann kam eine wirtschaftliche Krise. Danach kam der Hitler, das war irgendwie eine Spätfolge. Hoffentlich kommt jetzt nicht so etwas.’»

Linke in Venezuela gewinnt Mehrheit im Parlament bei nur 31 Prozent Wahlbeteiligung

Montag, 7. Dezember 2020

https://amerika21.de/2020/12/246005/wahlen-venezuela-geringe-beteiligung

 

Venezuela / Politik

20,7 Millionen Wählerinnen und Wähler waren zur Abstimmung aufgerufen
20,7 Millionen Wählerinnen und Wähler waren zur Abstimmung aufgerufen

Caracas. Mit einem störungsfreien Verlauf aber sehr geringer Beteiligung hat Venezuela am Sonntag seine Parlamentswahlen abgehalten. Gegen zwei Uhr morgens veröffentlichte die Wahlbehörde CNE nach Auszählung von etwa 82 Prozent der abgegebenen Stimmen erste Ergebnisse.

Bei einer Wahlbeteiligung von 31 Prozent entfielen auf das Bündnis der regierenden Vereinten Sozialistischen Partei (PSUV), Großer Patriotischer Pol, 67,6 Prozent und über dreieinhalb Millionen Stimmen. Verschiedene Wahlbündnisse der Opposition vereinigten 22,14 Prozent und damit mehr als eine Millionen Stimmen auf sich. Das neue, erstmals unabhängig vom Regierungsblock angetretene Linksbündnis "Revolutionäre Volksalternative" auf der Liste der Kommunistischen Partei Venezuelas erzielte 2,73 Prozent und 143.917 Stimmen. Weitere Parteien und Listen erhielten 6,79 Prozent. Das Endergebnis der Auszählung ist im Laufe des Tages zu erwarten.

Rund 200 internationale Beobachter aus 34 Ländern aus fünf Kontinenten begleiteten den umstrittenen Wahlprozess. Die Europäische Union, die von der venezolanischen Regierung ebenfalls zur Wahlbeobachtung eingeladen war, lehnte mit der Begründung ab, dass nach ihrer Ansicht die Bedingungen für eine demokratische Abstimmung nicht gegeben seien. Damit stützte sie im Vorfeld die Haltung der US-Regierung und den Aufruf der radikalen Rechtsopposition in Venezuela zum Wahlboykott, der mit der sehr geringen Wahlbeteiligung einen Erfolg beanspruchen kann.

Die US-Sanktionen gegen Venezuela sind tödlich ‒ und stoßen auf massenhaften Widerstand

Freitag, 4. Dezember 2020

 https://amerika21.de/analyse/245760/us-sanktionen-venezuela-widerstand

Venezuela / Politik

Die US-Sanktionen gegen Venezuela sind tödlich ‒ und stoßen auf massenhaften Widerstand

Das Entstehen eines Blocks von Oppositionsparteien, die die Legitimität des politischen Systems anerkennen, könnte den Weg für eine neue Ära in der Politik des Landes ebnen
Demonstration in Caracas gegen US-Sanktionen: "Trump - Hände weg von Venezuela"
Demonstration in Caracas gegen US-Sanktionen: "Trump - Hände weg von Venezuela"

Seit Jahren versuchen die Rechten, Venezuela zu destabilisieren und haben sogar ihren eigenen "Präsidenten" Juan Guaidó ernannt. Aber die Durchschnittsvenezolaner verstehen, dass die US-Sanktionen ihnen schaden und dass sie dagegen Widerstand leisten müssen.

Der venezolanische Zentrumspolitiker Claudio Fermín war Anfang der 1990er Jahre ein Schützling des neoliberalen Präsidenten Carlos Andrés Pérez und zunächst ein entschiedener Gegner von Hugo Chávez. Aber wie einige andere im selben politischen Spektrum hat er in den letzten Jahren seinen Kurs geändert. Insbesondere seit Donald Trump Sanktionen gegen Venezuela verhängte, hat Fermín sich offen und vehement gegen den US-Interventionismus und die radikale Rechte seiner eigenen Nation ausgesprochen.

Ein solcher Wandel zeigt, wie sehr sich die venezolanische Politik in der jüngsten Vergangenheit gewandelt hat. Seit dem versuchten Staatsstreich im April 2002 sind die linken Regierungen des Landes mit einer vereinten Opposition konfrontiert gewesen, die entschlossen war, mit allen Mitteln einen Regierungswechsel herbeizuführen. Aber jetzt scheint solch extreme Polarisierung schwächer zu werden.

Fermín, ehemaliger Bürgermeister von Caracas und Präsidentschaftskandidat, ist nicht der einzige Politiker der Mitte, der sich dem Beharren der Trump-Regierung widersetzt, die Wahlen zur Nationalversammlung am 6. Dezember zu boykottieren, um damit Präsident Nicolás Maduro weiter zu isolieren.

Fermíns nationalistische Rhetorik zeigte sich in einem Interview im vergangenen Monat, als er gegen die Rechte Venezuelas, die Trump-Administration und die anderen Regierungen, die ihrem Beispiel gefolgt sind, wetterte: "Die Supermächte haben sich der antivenezolanischen politischen Elite der Nation angeschlossen, die Venezuela wirklich nicht im Herzen haben und die Ankunft von Tankern mit dem so dringend benötigtem Benzin verhindern. [...] Die Sanktionen sind eine Negierung der nationalen Souveränität." Die Auferlegung internationaler Sanktionen durch Washington, mit der Gegnerschaft der Dissidenten in den Reihen der Opposition, hat wesentlich zu dieser Erschütterung der venezolanischen Politik beigetragen.

In den letzten Jahren war die Opposition geeint. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung 2015 erreichte sie eine umfassende Einheit indem sie eine gegen die Regierung gerichtete Abstimmung unterstützte, die siegreich ausging. Dann, im Januar 2019, unterstützte die gesamte Opposition die Selbsternennung von Juan Guaidó zum Interimspräsidenten. Aber jetzt stellen sich die Zentristen, die mehrheitlich die Legitimität des politischen Systems der Nation anerkennen, rechten Politikern entgegen, die bei den für den 6. Dezember angesetzten Wahlen zur Nationalversammlung zur Wahlenthaltung aufrufen.

Die Annäherung zwischen Zentristen und Linken ist nicht nur das Ergebnis der Politik Washingtons und des unsagbaren Leids, das sie dem venezolanischen Volk zugefügt hat. Sie ist auch das Ergebnis von Präsident Nicolás Maduros kluger Strategie, einige der Forderungen der Zentristen zu akzeptieren und gleichzeitig weiterhin eine harte Linie gegen die aufständische Opposition zu verfolgen. Carlos Ron, stellvertretender Minister für Nordamerika, sagte mir: "Maduro sollte dafür anerkannt werden, dass er etwas erreicht hat, was unmöglich schien: einen großen Teil der Opposition vom Auftsand zum Frieden hin zu bewegen."

Diese Strategie hat aber auch ihre Nachteile. Zugeständnisse an Unternehmerinteressen, die mit Maduros Versöhnungsstrategie einhergehen, sind von einer linken Fraktion der regierenden Vereinten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) kritisiert worden. Darüber hinaus haben die Kommunistische Partei und mehrere andere Parteien und Gruppen, die dem Regierungsbündnis Patriotischer Pol (Polo Patriótico) angehören, mit Maduro gebrochen und eine rivalisierende Liste für die bevorstehenden Wahlen aufgestellt.

Und trotz ihrer jüngsten Positionen ist es klar, dass die Zentristen weit davon entfernt sind, stabile Verbündete für Maduro zu sein. Einige warten einfach den richtigen Moment ab, sie warten auf den passenden Augenblick, um zu versuchen, ihn durch eine Abberufungswahl aus dem Amt zu bringen.

Verschärfung der Sanktionen

In dem Maße, wie die Trump-Administration die Sanktionen und militärischen Drohungen verstärkt, lehnen die Venezolaner sie immer mehr ab. Das Meinungsforschungsinstitut Hinterlaces veröffentlichte im November 2017 eine Umfrage, aus der hervorgeht, dass 72 Prozent der Venezolaner gegen die Sanktionen sind. Eine weitere Umfrage von August 2020 zeigt, dass die Zahl auf 81 Prozent gestiegen ist. Laut dieser letzten Umfrage sagen 80 Prozent der Venezolaner, dass die "Rolle der USA negativ gewesen ist".

Trumps Verschärfung der Sanktionen in Zeiten von Covid-19 ist ein hervorragendes Beispiel für das, was Naomi Klein die "Schockdoktrin" nennt: Krisen- und Leidenssituationen bieten den Mächtigen einzigartige Gelegenheiten, dramatische Veränderungen durchzusetzen.

Inmitten der Coronakrise wies die Trump-Administration vier Ölgesellschaften an, den Betrieb in Venezuela einzustellen. Sie widerruft auch ähnliche Sonder-"Genehmigungen", die der spanischen Repsol, der italienischen Eni und der indischen Reliance Industries erteilt worden waren, um sich an Swap-Vereinbarungen mit Öl zu beteiligen, sofern kein Bargeld im Spiel war. Das Ende dieser Tauschgeschäfte wird Venezuela den Dieselkraftstoff entziehen, der für den Transport von Lebensmitteln und die Stromerzeugung genutzt wird.

Auch die Sanktionen gegen einzelne Venezolaner haben in den letzten Monaten eine beunruhigende Wendung genommen. Anfangs waren venezolanische Politiker, Bürokraten und andere mit der Regierung verbundene Personen, die der Beteiligung an illegalen Handlungen wie Korruption, Repression und Drogenhandel beschuldigt wurden, Ziele der Strafmaßnahmen. Aber jetzt, im Jahr 2020, werden sogar Politiker der Mitte von der Trump-Administration wegen ihrer unzureichenden Begeisterung für Guaidó ins Visier genommen.

Im Januar sanktionierte das Finanzministerium sieben Dissidenten der wichtigsten Oppositionsparteien Acción Democrática (AD), Copei, Primero Justicia und Voluntad Popular, die begonnen hatten, die bedingungslose Unterstützung ihrer Organisationen für Guaidó und den Widerstand gegen die Wahlbeteiligung in Frage zu stellen. Die Trump-Administration glaubte den Pro-Guaidó-Führern aufs Wort, dass die Dissidenten in korrupte Geschäfte im Zusammenhang mit einem Nahrungsmittelverteilungsprogramm der Regierung verwickelt waren.

Tatsächlich waren die Sanktionen politisch motiviert, wie dies James B. Story, "US-Botschafter" für Venezuela, offenbarte, als er davor warnte, dass "diejenigen, die die venezolanische Demokratie untergraben, sanktioniert werden".

Im September stellten Finanzminister Steven Mnuchin und sein Ministerium noch deutlicher heraus, dass die Sanktionen mit der Politik zu tun haben. Die Chefs von fünf abtrünnigen Parteien, darunter Bernabe Gutierrez von AD, ein seit langem respektierter Parteiführer, wurden auf die Sanktionsliste gesetzt. Dabei warf das Ministerium diesen "Schlüsselfiguren" vor, einen Plan zu verfolgen, "um die Oppositionsparteien in den Schoß von Politikern zu legen, die mit dem Regime von Nicolás Maduro verbunden sind".

Indem sie Strafmaßnahmen ergreift, bezieht die Trump-Administration Position in einer Frage der parteiinternen Taktik. Tatsächlich reicht der Streit über Wahlbeteiligung oder Boykott innerhalb verschiedener Oppositionsparteien, insbesondere AD und Primera Justicia, viele Jahre zurück. Gutiérrez stellte die Weigerung seiner Partei in Frage, bei den Wahlen zur Nationalversammlung 2.005 Kandidaten aufzustellen und Claudio Fermín wurde von der AD ausgeschlossen, weil er sich für eine Teilnahme ausgesprochen hatte.

Wie marginal sind die Zentristen?

Die Parteien auf beiden Seiten des politischen Spektrums haben sich im Vorfeld der Wahlen im Dezember gespalten. Im Fall von AD, Copei, Primero Justicia und Voluntad Popular hat der von der PSUV dominierte Oberste Gerichtshof die Rechtmäßigkeit der an den Wahlen teilnehmenden Parteien anerkannt und nicht die der Boykotteure.

Die Trump-Administration hat die Befürworter der Teilnahme an den Wahlen als "marginale Politiker" bezeichnet. Sollte die Präsidentschaftswahl 2018 ein Anzeichen dafür sein, wird die Wahlenthaltung knapp über 50 Prozent liegen. Das bedeutet natürlich nicht, dass alle, die nicht wählen, Guaidó und seine Verbündeten unterstützen.

In dem Kampf zwischen den Nichtwählern und den Wählern steht viel auf dem Spiel. Das Entstehen eines Blocks von nichtlinken Parteien, die explizit oder stillschweigend die Legitimität des politischen Systems Venezuelas anerkennen, könnte den Weg für eine neue Ära in der Politik des Landes ohne den internen Krieg der Vergangenheit ebnen. Außerdem ist es ein klarer Beweis für den Bankrott der Bemühungen der Trump-Administration in Bezug auf einen "regime change", und es widerlegt die Behauptung der Führer der Demokraten und Republikaner, Maduro sei ein Diktator.

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Fermín sagt, dass die Mitglieder der Oppositionspartei gegen ihre Anführer sind. "Tausenden von Aktivisten wurde die Möglichkeit verwehrt, für den Stadtrat oder das Bürgermeisteramt zu kandidieren. Die Wahlenthaltung hat seit 2005 eine ganze Generation von Aktivisten kastriert."

Und Gutíerrez betont, dass die AD-Generalsekretäre auf Bundestaaten-Ebene im Januar Basisversammlungen auf lokaler Ebene abhielten und dass "alle ihre Unterstützung für die Wahlbeteiligung zum Ausdruck brachten. In der Folge hat der nationale Generalsekretär Henry Ramos Allup der Partei jedoch seinen Willen zugunsten des Boykotts aufgezwungen."

Fermín und Gutiérrez sind vielleicht zu optimistisch, was ihre Prognosen für die Teilnahme am 6. Dezember betrifft. Die harten wirtschaftlichen Bedingungen des Landes, im Gegensatz zu ihrem früheren Status als privilegierte Nation und Produzentin von Erdöl, veranlassen viele Venezolaner dazu, die Legitimität des bestehenden Systems anzuzweifeln. Darüber hinaus kann der Einfluss der Oppositionsparteien, die die Wahlenthaltung befürworten, nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Nicht nur AD, sondern auch der zweimalige Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles von Primero Justicia waren Anfang des Jahres offen für eine Wahlbeteiligung gewesen, wechselten dann aber in das Lager der Boykotteure über. Zweifellos erklärt der Druck aus dem Ausland, einschließlich der Furcht vor den US-Sanktionen, einen Großteil ihres Umdenkens.

Tatsächlich ist das internationale Umfeld eine Schlüsselgröße. Die meisten Regierungen in Amerika und Europa sind in der Hand konservativer und rechter Parteien und haben eine aktive Rolle zugunsten eines "regime change" in Venezuela übernommen.

Die venezolanischen Zentristen erwarteten Unterstützung aus Europa, insbesondere von der gemäßigten Regierung Spaniens, die zu einem bestimmten Zeitpunkt widersprüchliche Signale aussandte. Doch zur großen Enttäuschung der Zentristen lehnte die Europäische Union im September die Einladung Maduros ab, im Dezember Wahlbeobachter zu entsenden.

Das Gambit Maduros

Die Regierung Maduro und die Zentristen haben sich gegenseitig auf konkrete Weise unterstützt. Im Januar beantragten und erhielten die Zentristen die rechtliche Anerkennung des Obersten Gerichtshofes der von ihnen kontrollierten Nationalversammlung, im Gegensatz zu einem von den Guaidó-Anhängern kontrollierten Parallelgremium. Später erkannte dasselbe Gericht die vom Zentrum kontrollierten Parteien an, die sich von denjenigen Parteien abgespalten hatten, die von den traditionellen Oppositionsführern geführt wurden. Die Zentristen wiederum haben explizit oder stillschweigend die Charakterisierung der Regierung Maduro als „narko-terroristische Diktatur“ seitens der Rechten abgelehnt.

Tatsächlich beruht die Bereitschaft der Zentristen, dem internationalen und nationalen Druck zu trotzen, auf drei Feststellungen: Erstens ist die Regierung Maduro kein Narkostaat, zweitens ist sie keine Diktatur, und drittens hat sie in der jüngsten Vergangenheit eine unternehmensfreundliche Politik betrieben.

Sollten überzeugende Beweise eine dieser Aussagen widerlegen, wäre die von den Zentristen verfolgte Strategie unhaltbar.

Maduros unternehmerfreundliche Reformen wurden von der Mitte begrüßt, lösten jedoch bei einigen Linken, darunter auch bei engen Anhängern, Kritik aus. Das jüngste Beispiel für die Öffnung der Regierung für den Privatsektor ist das kürzlich verabschiedete "Anti-Blockade-Gesetz", das es der Regierung erlauben würde, mit Privatkapital geheime Abkommen über neue Eigentumsregelungen zu treffen, die möglicherweise "Klauseln für den Investitionsschutz zur Schaffung von Vertrauen und Stabilität" enthalten.

Die Kommunistische Partei kritisierte die Vereinbarung als Umkehrung der Politik von Hugo Chávez zu Gunsten der nationalen Unabhängigkeit und als Versuch, eine "Politik der Unterordnung unter die Interessen des Kapitals" zu verrechtlichen.

Fermín zeigte sich dem Vorschlag gegenüber aufgeschlossener und lobte Maduro dafür, dass er kein einziges Unternehmen enteignet habe, was seiner Meinung nach einer "Selbstkritik" an der Politik seines Vorgängers gleichkäme.

Die zweite Behauptung, die die These vom Narkostaat infrage stellt, bestreitet die Existenz des Drogenkartells "de los Soles", von dem Washington behauptet, dass es seit der Wahl von Chávez 1998 vom venezolanischen Staatschefs betrieben und nun von Maduro geführt wird. Rein zufällig wartete das US-Justizministerium bis März, um vor einem Bundesgericht von Manhattan eine Klageschrift vorzulegen ‒ am selben Tag setzte die Trump-Administration auf Maduro ein Kopfgeld in Höhe von 15 Millionen Dollar aus.

Fulton Armstrong, der jahrzehntelang für den US-Geheimdienst gearbeitet hat, sagte: "Kein seriöser Analyst, den ich außerhalb der Regierung kenne, würde behaupten, dass es ein Cartel de los Soles gibt".

Die dritte Aussage, die der „diktatorischen Regierung“, ist ebensowenig plausibel, aber sie stellt die harte Linie Maduros gegenüber seinen Gegnern infrage. Beispielsweise scheint die Entscheidung, vom Zentrum geführte Parteien statt traditioneller Oppositionsführer anzuerkennen, ungeschickt zu sein. Maduros Anhänger könnten darauf antworten, dass diese Führer sich, indem sie aktiv ausländische Interventionen und derart viele gewaltsame Aktionen zum Sturz der Regierung unterstützten, so weit vom Gesetz abgewendet haben, dass sie zumindest vorübergehend ihre demokratischen Rechte verloren haben.

Aber dieses Argument lässt sich nicht auf linke Parteien wie Patria Para Todos (PPT) und Tupamaros anwenden, die nach ihrem Austritt (zusammen mit der Kommunistischen Partei) aus dem Regierungsbündnis Patriotischer Pol ihre rechtliche Anerkennung verloren, womit versucht wurde, interne Spaltungen dieser Parteien zu erzeugen. Gleichzeitig erhob der PSUV-Gouverneur von Caracas falsche Anschuldigungen bezüglich des moralischen Verhaltens von PPT-Generalsekretär José Albornoz.

Die Kritiker der Regierung weisen auf Unregelmäßigkeiten und Verstöße gegen die demokratischen Normen hin, wie die Anerkennung einiger politischer Parteien und anderer nicht durch den Obersten Gerichtshof.

Die meisten Kritiker legen jedoch nur selten konkrete und plausible Beweise dafür vor, dass die Stimmen nicht richtig gezählt werden, was zweifellos wesentlich ist, um die Regierung als eine Diktatur zu bezeichnen. Der Wahlbetrug geht oft mit Unregelmäßigkeiten einher, wie es bei den beiden vorangegangenen Präsidentschaftswahlen 2013 und 2018 der Fall war. Maduro als "Usurpator" zu bezeichnen, wie es die Opposition immer wieder tut, basiert auf der Mutmaßung, dass es bei beiden Wahlen Betrug gegeben hätte.

Luis Vicente León, ein hochangesehener Meinungsforscher und Anhänger der Opposition, argumentierte, das Wesen der Demokratie sei ein Staat, der "für alle Akteure die gleichen Bedingungen bietet, wobei der Schiedsrichter unparteiisch sein muss [...] und öffentliche Mittel nicht zu Gunsten von irgendjemandem verwendet." Leon hat Recht, wenn er sagt, dass diese goldene Regel verletzt wird, obwohl sie in gewisser Weise schon immer, seit Beginn der venezolanischen Demokratie, verletzt wurde.

Carlos Ron weist darauf hin, dass sich das Spielfeld in mindestens einer Hinsicht zu Gunsten der Opposition neigt. "Der Wähler weiß sehr wohl, dass die Sanktionen bestehen bleiben, wenn er die PSUV wiederwählt. In dem Moment, in dem die Opposition an die Macht zurückkehrt, werden sie aufgehoben." Dieser eine Faktor allein wird wahrscheinlich viele Stimmen im Dezember beeinflussen.