[Südmexiko-Soli-Newsletter] November 2021

Samstag, 27. November 2021

 

CHIAPAS

Autonome Schule der EZLN in Brand gesteckt

Im südlichsten Bundesstaat Mexikos hat die zapatistische Bewegung am 21. November erneut schwere Übergriffe auf ein Dorf namens Moisés Gandhi registriert. Die zapatistischen Bewohner:innen wurden mit Schusswaffen angegriffen. Dieselben Täter verübten einen Brandanschlag auf die dortige autonome Sekundarschule. Sie sind laut lokaler Berichte Mitglieder der Regionalen Organisation der Kaffeebauern von Ocosingo (Orcao), die sich seit über 20 Jahren im Konflikt mit der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) befindet.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2021/11/255657/mexiko-chiapas-zapatisten-brand

 

Anklage und Erklärung des Soli-Netzwerkes anlässlich der Gira Zapatista von diesem Jahr:

https://viajezapatista.eu/de/wir-prangern-den-bewaffneten-angriff-durch-die-paramilitaers-der-orcao-regionale-organisation-der-kaffeebauern-von-ocosingo-auf-der-unterstuetzungsbasis-der-ezln-baezln-aus-dem-caracol-10-moises/

 

Bitte unterschreibt die Urgent Action vom Red TDT (Todos los derechos para todas y todos/ Alle Rechte für alle), auf Spanisch:

https://redtdt.org.mx/ataques-a-comunidad-autonoma-en-chiapas/

 

Foto der abgebrannten Schule: https://chiapas.ch/

 

Guatemala: Vertreibungen im Schatten des Ausnahmezustands

Donnerstag, 25. November 2021

 

 

Behörden verweigern Klärung strittiger Besitzverhältnisse. Amtsgericht ordnet Räumung zugunsten einer Palmölfirma an. Proteste in der Hauptstadt und landesweite Straßensperren
Zivilpersonen setzten die Häuser in Brand, Bulldozer und Bagger kamen zum Einsatz
Zivilpersonen setzten die Häuser in Brand, Bulldozer und Bagger kamen zum Einsatz

Chinebal, El Estor. 96 Familien der Gemeinde Palestina auf der Finca Chabiland sind von ihrem Land vertrieben worden. In der Region, auch im betroffenen Landkreis El Estor im Departamento Izabal, herrscht seit Ende Oktober der Ausnahmezustand.

Am 16. November gegen Mittag erschien ein Großaufgebot der Polizei mit einem vom Richter Anibal Arteaga vom Amtsgericht Izabal unterschriebenen Räumungsbefehl.

Die etwa 500 Einwohner weigerten sich, ihre Häuser zu verlassen und verwiesen auf die seit Jahren ausstehende Klärung der strittigen Eigentumsverhältnisse durch das Sekretariat für Landfragen beim Staatspräsidenten. Mitarbeiter dieser Behörde seien aber nie vor Ort erschienen. Versuche der Einwohner, über die Staatsanwaltschaft und den zuständigen Richter die Räumung zu verhindern, scheiterten.

Die Polizei setzte Tränengas ein und räumte gewaltsam die Gemeinde. Die Mehrheit der Einwohner floh in die Berge. Zivilpersonen setzten daraufhin in Anwesenheit der Polizei die Häuser in Brand, auch kamen Bulldozer und Bagger zum Einsatz. Laut Prensa Comunitaria handelt es sich bei den zivil gekleideten Personen um Mitarbeiter des Palmölproduzenten Naturaceites. Nach einem im Internet veröffentlichten Video soll auch ein Ingenieur der besagten Firma vor Ort gewesen sein. Dem Unternehmen gehören die Palmölplantagen, die die Gemeinde Palestina umgeben und die große Teile des Landes südlich und westlich des Izabal-Sees und El Estor einnehmen.

Die Räumung war der bisherige Höhepunkt eines Konfliktes, der sich schon seit zwei Jahren hinzieht. Elf versuchte Räumungen jeweils durch mehrere 100 Polizisten waren vorangegangen, die letzte am 6. Oktober dieses Jahres.

Am 31. Oktober 2020 war bei einer versuchten Räumung der Anwohner José Chamán von der Polizei erschossen worden. Laut Polizei soll er bewaffnet gewesen sein, Einwohner bestreiten dies.

Zugute gekommen ist der Polizei jetzt vermutlich, das im Landkreis El Estor seit Ende Oktober ein Ausnahmezustand herrscht, der der Polizei umfangreiche Befugnisse erteilt, die Zusammenarbeit zwischen Militär und Polizei ermöglicht und Versammlungen und Demonstrationen stark einschränkt.

Den Ausnahmezustand hatte die Regierung von Präsident Alejandro Giammattei ausgerufen, nachdem es um den Weiterbetrieb einer von der Solway Investment Group in dem Landkreis betriebenen Nickelmine Ende Oktober zu massiven Protesten gekommen war.

An der Räumung vom Dienstag waren laut Astrid Franco, Mitarbeiterin des Menschenrechtsobmannes Jordan Rodas in Izabal, über 100 Einsatzfahrzeuge, zwölf Polizeibusse und 931 Polizisten beteiligt. Ein Polizeisprecher sprach von 500 Einsatzkräften.

Die Polizeimaßnahme betraf indes nur einen Teil der vor Ort lebenden Menschen. Etwa Zweidrittel der Einwohner der Ortschaft San Pablo I, zu der die Gemeinde Palestina gehört, durften in ihren Häusern bleiben. Sie konnten unterschriebene Landtitel vom "Nationalen Institut für Agrartransformation" (INTA) vorweisen. Sie sollen allerdings unter Vermittlung der Departamento-Regierung in einen Dialog mit Naturaceites treten, um den bestehenden Konflikt zu lösen.

Aktuell fühlen sich die verbliebenen Menschen durch den massiven Polizeieinsatz und die fortbestehende Polizei- und Armeepräsenz bedroht. Für Erschrecken hat die Festnahme des Aktivisten Oswaldo Rey Chub Caal gesorgt. Er war am 10. November während der Arbeit in seiner Fischzucht unter dem Vorwurf des Widerstandes und der schweren Landbesetzung verhaftet worden. Beteiligt an seiner Festnahme waren auch Soldaten der "Kaibiles", einer aus Zeiten des Bürgerkrieges berüchtigten Spezialeinheit der Armee.

Bei den heutigen Bewohnern handelt es sich um Nachkommen von Menschen die in den 1960er Jahren von Alta Verapaz nach Izabal migrierten. Nach dem Massaker von Panzós 1978, bei dem 54 Maya-Q’eqchi durch Soldaten der Streitkräfte Guatemalas getötet und mindestens 40 weitere verletzt wurden, flohen sie in die Berge. Sie konnten erst nach dem Friedensabkommen 1996 zurückkehren.

Aus Dokumenten, die die Landarbeiterorganisation "Komitee für Bauerneinheit" (CUC) in sozialen Netzwerken veröffentlichte, geht hervor, dass ein Tomas Moreno das ehemalige Gemeindeland mit dem Namen "Chineval" am 22. Dezember 1899 direkt beim damaligen Staatspräsidenten Manuel Estrada Cabrera kaufte, für 411 Pesos und 90 Centavos. Seitdem hatte es verschiedene Aufspaltungen und Weiterverkäufe gegeben, auch die erwähnten vom INTA ausgestellten Landtitel an einen Teil der aktuellen Bewohner. Eine endgültige Klärung der Besitzverhältnisse wird von den Behörden bisher verzögert.

Das Unternehmen Naturaceites schreibt auf seiner Homepage von ersten Anpflanzungen der Palma Africana im Landkreis El Estor im Jahre 1997 und möchte seine Tätigkeit dort weiter ausbauen. Guatemala ist mittlerweile der zweitgrößte Palmölproduzent Lateinamerikas und der sechstgrößte weltweit.

Die Räumung, die anhaltende Repression und der Ausnahmezustand rufen indes weiterhin Proteste und Solidarität hervor.

Für vergangenen Samstag war in der Hauptstadt zu Demonstrationen aufgerufen worden. Das CUC sammelt seit einigen Tagen Sachspenden für die von Vertreibung betroffenen Menschen. Vergangene Woche besuchte eine Delegation linker Abgeordnete der Parteien Winaq, URNG-Maíz und Semilla den Landkreis. Am 15. und 16. November blockierten Mitglieder der Landarbeiterorganisation "Komitee für bäuerliche Entwicklung", Codeca, an rund 30 Punkten im Land wichtige Straßen und Verkehrsknotenpunkte, solidarisierten sich mit den Menschen in El Estor und protestierten gegen massive Preiserhöhungen bei Grundnahrungsmitteln und Gas.

[rojavaagenda] Newsletter Nr. 32: Einsatz von Chemiewaffen, Solidarität ist unsere Waffe, Sieg der Gerîla in den Avaşîn Bergen

Mittwoch, 24. November 2021

 

Liebe Freund_innen und Genoss_innen

Einsatz von Chemiewaffen
Seit dem 23. Juni 2021 führt die türkische Armee eine
grenzüberschreitende militärische Operation gegen Stellungen der
Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in Südkurdistan (Nordirak) durch. Im
Zuge der Offensive, ist es seither zu zahlreichen Opfern auf beiden
Seiten gekommen. Durch breitflächige Luftangriffe der türkischen Armee
mussten zudem dutzende zivile Siedlungsgebiete geräumt werden. Neben der
breitflächigen Bombardierung setzt die türkische Armee auch chemische
Waffen ein. Die chemischen Kampfstoffe (Giftgas) werden in den Höhlen-
und Tunnelkomplexen der «Volksverteidigungskräfte» (HPG) eingesetzt. Das
Giftgas wird eingesetzt, um die Bunker und Höhlen der Guerilla zu
treffen, die mit den konventionellen Bombardements nicht zerstört werden
können.

Nach Angaben der Pressestelle der HPG hat die türkische Armee in den
letzten fünf Monaten insgesamt 138 Angriffe mit chemischen Waffen
durchgeführt, bei denen mehrere Kämpfer*innen ihr Leben verloren. Die
HPG ist alarmiert und ruft zur sofortigen Unterstützung auf. Darum
wollen wir noch einmal auf die Kampagne «Gasmasken für die Guerilla»
aufmerksam machen. Bereits über 700 Gasmasken konnten geliefert werden.
Doch es braucht noch viele mehr. Den vor allem die Filter für die
Gasmasken müssen häufig ausgetauscht werden. Spendenkonto: Rote Hilfe
Schweiz, 8036 Zürich (Schweiz), CH82 0900 0000 8555 9939 2,
Zahlungszweck: «Gasmasken» (Zusätzliche Bankinformationen für
Überweisungen ausserhalb der Schweiz: PostFinance, Mingerstrasse 20,
3030 Bern, Schweiz, BIC (SWIFT-Code): POFICHBEXXX).
Solidarität ist unsere Waffe!
Am 18. November 2021 hätte unsere Genossin Andi (Mitglied des
Revolutionären Aufbau Schweiz) vor dem Bundesstrafgericht (Bellinzona)
erscheinen sollen, u.a. in Zusammenhang mit einem Angriff in Solidarität
mit Rojava gegen das türkische Generalkonsulat in Zürich im Winter 2017.
Der Prozess findet auf Druck des türkischen Staats statt und der Richter
folgte dem Antrag des Staatsanwaltes und verurteilte Andi zu 14 Monate
unbedingt. Der Prozess wurde boykottiert und dafür dort Präsenz
markiert, wo es richtig ist. Neben vielen Soliaktionen gab es am Tag des
Prozesses eine Demonstration zum türkischen Konsulat in Zürich.
Video und Prozesserklärung: https://widerstandsvernetzung.org/?p=1529
Interview mit Andi im Radio Lora:
https://www.lora.ch/aktuell/895-wieso-soll-ich-vor-dem-gericht-sein-andrea-andi-stauffacher-im-interview-mit-infolora

Sieg der Gerîla in den Avaşîn Bergen
Der türkische faschistische Staat musste sich zurückziehen dank des
historischen und beispielhaften Widerstands und Kampfes der Gerila in
Werxelê und Tabûra Ereban in den Avaşîn Bergen. Das teilt die
Pressestelle der Volksverteidigungskräfte (HPG) in einer aktuellen
Stellungnahme mit. Das zeigt, dass sich kämpfen auch gegen eine
vermeintlich übermächtige Armee lohnt! Bijî Berxwedana Gerîla!

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen
Anlässlich zum 25. November finden weltweit Demonstrationen,
Kundgebungen und Veranstaltungen statt. Die Koordination der
Gemeinschaft der Frauen Kurdistans (Komalên Jinên Kurdistan, KJK) betont
in ihrer Erklärung: «Wir müssen einen neuen Prozess beginnen, in dem wir
unsere Erfahrungen, unser Bewusstsein, unseren Geist, unsere
Perspektiven, die Formen des Kampfes, die Dynamik, unsere Träume und
unsere Ziele vereinen. Dieser Aufbruch sollte die Organisation des
Kampfes der Frauen gegen Patriarchat, Kolonialismus, Faschismus,
Rassismus und Kapitalismus weltweit sowohl auf Bewusstseinsebene als
auch im aktionistischen Bereich stärken. (…) Unser Ziel ist es nicht,
das patriarchale System zu schwächen. Es ist Zeit, es zu beenden.»
(https://anfdeutsch.com/frauen/kjk-es-geht-um-das-ende-des-patriarchats-29449)

Veranstaltungen
• Mittwoch, 24.11.21, 19:30 Uhr, Filmabend: «Nû Jîn - New Life (2017)»,
Musikzentrum Sedel, Sedelhof 2, 6020 Emmenbrücke
• Samstag, 11.12.21, ab 13:00 Uhr, Vortrag zu Rojava and Soliessen im
Restaurant Schwarzen Engel, Engelgasse 22, 9000 St. Gallen. Der Vortrag
beginnt um 19:30 Uhr.

Und zum Schluss noch drei Lesetipp:
• Wasserkonflikt: «Die Türkei will uns austrocknen» - Artikel in der
WOZ: https://www.woz.ch/-bf22
• Interview mit der YPJ-Kommandantin Heval Sozdar am 6. August 2021 zum
Download auf Deutsch, Französisch und Englisch:
https://widerstandsvernetzung.org/?p=1495
• Die Kampagne Tatort Kurdistan hat zwei neue Broschüre herausgegeben:
«Die Geschichte und Politik der PKK» (Gespräch mit Duran Kalkan,
Mitbegründer der PKK und Mitglied Zentralkomitees der PKK,
https://civaka-azad.org/wp-content/uploads/2021/11/TK_GeschichteundPolitik.pdf)
und «Unser Ziel ist ein freies, demokratisches und unabhängiges
Kurdistan» (Gespräch mit Besê Hozat und Cemil Bayik, KCK,
https://civaka-azad.org/wp-content/uploads/2021/11/TK_unserZiel.pdf)

Mit solidarischen und kämpferischen Grüssen
Rojava Komitee Zürich

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Afredo: Wir werden dir mit Kämpfen gerecht!

Montag, 15. November 2021

 

Mouvement politique Résistons, Genève

Unser Freund und Genosse Alfredo Camelo wurde letzten Sonntag tot aufgefunden. Das lässt uns sprachlos. Wir werden Zeit brauchen, uns seine Abwesenheit bewusst zu machen, und vermutlich werden wir uns nie daran gewöhnen.

Seit Donnerstag, dem 26. August, wusste man nichts mehr von ihm, einen Tag danach klingelte sein Telefon nicht mehr. Aber er sollte an diesem Tag umziehen und hatte nichts verlauten lassen, dass er plane, zu verreisen, wegzugehen oder sich zurückzuziehen. Deshalb suchten ihn viele Leute im ganzen Kanton Genf. Ihnen allen sei von Herzen gedankt.

Die genauen Umstände seines Todes müssen erhellt werden. Die Polizei kann im Moment nichts über die Todesursache sagen, weshalb es einer umfassenden Untersuchung bedarf, die Wochen dauern kann.

Selbst wenn sich die Hypothese eines Selbstmordes bestätigen sollte, wofür zurzeit nichts spricht, trügen seine Folterer und Häscher der Vergangenheit dafür eine grosse Mitverantwortung. Alfredo war brutal gefoltert worden und hatte neun Jahre in kolumbianischen Gefängnissen verbracht. Er wusste genau, wie ein solches Trauma das Leben jener martert, die entkommen. Deshalb entschied er sich, sein berufliches Wissen in den Dienst jener Migranten zu stellen, die diese Verletzungen erlebt haben.

Alfredo war seinen Prinzipien treu. Mehrmals Kandidat bei Gemeinde- und Kantonswahlen für Ensemble à Gauche, sparte er keine Anstrengung, um für soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Sozialismus zu kämpfen. Er reagierte allergisch auf jede Form von Ausbeutung und Unterdrückung, auf Sexismus und Rassismus, die er täglich bekämpfte und dabei nie zögerte, sich persönlich zu exponieren. In der Schweiz beteiligte er sich an der Bewegung Solidarités und engagierte sich nachher in der Bildung der Gruppe Résistons. Er war auch sehr aktiv in der Solidarität mit den Völkern Lateinamerikas, speziell mit dem kolumbianischen Volk.

Er stand treu zu seiner Familie und seinen Freunden und war ein Mann mit grosser Menschlichkeit und tiefer Sensibilität, einer Sensibilität, die seine Erscheinung als «harter Typ» nicht verbergen konnte. Wer das Glück hatte, ihm nahe zu stehen, bemerkte bald, wie sein Herz voller Sensibilität vibrierte, die sich im Reichtum und in der Subtilität seiner Bilder zeigte, die er nur sehr selten ausstellte. Er hatte ein unbegrenztes Interesse am Menschen, über den er mit dem Studium der Ethnologie und Psychologie mehr lernen wollte.

Wir haben einen Bruder verloren, einen Freund und Genossen, einen von denen, die dir den Mut geben, trotz aller Widerwärtigkeiten weiterzukämpfen, die nie aufhörten, an die Millionen von Entrechteten zu denken, auch an jene, die hier bei uns leiden.

Alfredo, du wirst für uns immer eine Quelle der Hoffnung und des Mutes sein. Danke, Genosse!

Die Comunidad suchte Alfredo.

 

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(Red.) Nationalrätin Stéfanie Prezioso (Ensemble à Gauche) fragte im Zusammenhang mit dem bisher ungeklärten Tod von Alfredo Camelo: «Kann der Bundesrat versichern, dass heute keine den kolumbianischen Paramilitärs nahestehende Person oder Gruppe in der Schweiz agiert»? Das Verteidigungsdepartment verwies in seiner Antwort vom 27. September auf die laufenden Ermittlungen der Genfer Behörden. Sollten sich allfällige, den Paramilitärs nahestehende Personen in der Schweiz einer illegalen Handlung schuldig machen, würden die Strafverfolgungsbehörden eingreifen. Die Hypothese eines gezielten Politmordes an dem in kolumbianischen Regierungskreisen verhassten Alfredo Camelo ist nur eine Möglichkeit. Auch andere Hypothesen stehen im Raum, z. B. die eines Racheaktes wegen des beruflichen Engagements Alfredos für von Gewalt bedrohte Frauen. Die These eines Selbstmordes wird vom engeren Kreis von Alfredo als unwahrscheinlich eingestuft. Bis Redaktionsschluss (Anfang November) hat die Genfer Polizei noch keine Untersuchungsergebnisse mitgeteilt. Die Westschweizer Linkszeitung Le Courrier hat in den letzten Tagen zwei Mal Angaben verbreitet, die einen Mord suggerieren. Das Problem dabei ist die Quellenlage. Ein Polizist habe einem Bekannten von einer Schussverletzung Alfredos am Bauch berichtet, so Le Courrier; eine vertrauenswürdige Quelle habe Uribe als Auftraggeber des Mordes genannt, so ein linker kolumbianischer Youtuber … Der Familien- und Freundeskreis von Alfredo Camelo, der über Umtriebe des kolumbianischen Regimes gegen geflüchtete Oppositionelle Bescheid weiss, schliesst die Mordthese nicht aus, erwartet aber gesicherte Informationen, auch von den Schweizer Sicherheitskräften. Ungesicherte Angaben können leicht der Angstmache in Exilkreisen dienen.

Nachdem Alfredo Camelo verschwunden blieb, kam es zu einer breit gestreuten Suchaktion der kolumbianischen Comunidad in Genf und anderswo. Bei der Beerdigung des Genossen kamen 2-300 Menschen aus linken Schweizer und kolumbianischen Spektren zusammen. An der Gedenkfeier am Rhône-Ufer, wo der Leichnam gefunden wurde, und danach in der Maison des Associations in Genf Ende Oktober wurde eine tiefe Betroffenheit und Verbundenheit manifest. «Menschliches» und «Politisches» kamen zusammen, Solidarität ist Gemeinsamkeit.

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Nachtrag 14.11.21 zu dem im aktuellen Correos-Heft 201 publizierten Beitrag oben: Noch immer keine Informationen seitens der Genfer Polizei. Die laut RTS vom 3. November von der Brigade Criminelle favorisierte These des Selbstmordes wird damit sehr unwahrscheinlich. Die kolumbianische Revista Semana veröffentlichte am 3. November den Bericht ¿Por qué mataron al exguerrillero Alfredo Camelo de un tiro en Suiza? (Warum töteten sie den Ex-Guerillero Alfredo Camelo mit einem Schuss in der Schweiz?). Ansonsten gestützt auf den Bericht von RTS, suggeriert  der Titel einen Zusammenhang zwischen dem Tod (Mord) und dem im Artikel thematisierten Mordanschlag von 1978 auf den kolumbianischen Agrarkapitalisten und Innenminister Pardo Buelvas durch die später in die FARC integrierte Gruppe Autodefensa Obrera (ADO). Alfredo Camelo war dafür mitverurteilt worden. Le Courrier und RTS berichten auch von Drohungen nach dem Tod von Afredo Camelo gegen linke KolumbianerInnen in der Schweiz und von einer Sabotage an einem Rad des Wagens eines Aktivisten.

Südmexiko-Newsletter Oktober / November 2021

Montag, 8. November 2021

 

CHIAPAS

 

Urgent Action: Über 3000 Vertriebene in Aldama

Die Situation in der Region Aldama spitzt sich weiter zu. Allein vom 1. bis 4. November fanden 47 bewaffnete Angriffe auf 10 Gemeinden des Landkreises Aldama, im Hochland von Chiapas, statt. Die Angreifer sind eine Gruppe Bewaffneter, die von Santa Martha aus im Landkreis Chenalhó operieren. Nach 72 Stunden haben die bewaffneten Angriffe immer noch nicht geendet und die Bewohner*innen werden weiterhin belagert.

Ca. 3.000 Menschen, vorwiegend Frauen, Kinder und Ältere, aus verschiedenen Gemeinden haben ihre Häuser verlassen und sind in die Berge geflohen. Dort sind sie Kälte, Hunger und unhygienischer Verhältnisse ausgesetzt.

Das Menschenrechtszentrum Frayba fordert die Regierung von Chiapas und Mexiko auf, dieser Gewalt endlich ein Ende zu setzen statt weiterhin tatenlos zuzusehen.

Stopp der Gewalt in Aldama!

Stopp der Straflosigkeit für schwerbewaffnete Gruppierungen!

Bitte unterschreibt die Eilaktion des Menschenrechtszentrums (UA auf Spanisch): https://frayba.org.mx/19872-2/

 

Unruhen in Chiapas anlässlich Regierungswechsel

Aufstand indigener Gemeinden gegen lokale Machthaber. Herrschaft der seit Jahrzehnten regierenden Familien von Großgrundbesitzern wird in Frage gestellt

Mehrere Gemeinden in Chiapas befinden sich in Aufruhr, nachdem die langjährigen Machthaber in Lokalwahlen angeblich bestätigt wurden. Die Empörung über die Resultate der Wahlen vom 6. Junidrückt sich vielerorts auf der Straße aus. Am 1. Oktober traten die neuen lokalen Behörden ihr Amt an.Weiterlesen: https://amerika21.de/2021/10/254638/mexiko-unruhen-chiapas-regierungswechsel

 

 

OAXACA

Zunehmende Konflikte um Bergbauprojekt in Oaxaca (25. Oktober)

In Oaxaca demonstrieren zapotekische Gemeinden gegen die Bergbaufirma Fortuna Silver Mines, welche nach zehn Jahren Betrieb auf zunehmenden Widerstand stößt. Das mexikanische Umweltministerium lehnte das Bewilligungsgesuch für weitere 10 Jahre Ausbeutung von Silber und Gold schon zweimal ab, ein drittes Gesuch wird noch verhandelt.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2021/10/255170/oaxaca-konflikte-nehmen-zu

 

Dorfbevölkerung vertreibt Bauarbeiter eines umstrittenen Bahnprojekts

In verschiedenen Dörfern des mexikanischen Bundesstaats Oaxaca haben die Einwohner*innen Bauarbeiter*innen der Firma La Peninsular vertrieben. Die Mitarbeitenden der Firma hatten den Auftrag, die Bauarbeiten an den Bahngleisen im Rahmen der Modernisierung der Transisthmischen Eisenbahn fortzusetzen. Die vor allem indigene Bevölkerung der Region kritisiert, dass der Bau auf ihrem Land stattfinde und plädiert für ihre Rechte. 

Weiterlesen: https://amerika21.de/2021/10/255061/mexiko-dorfbewohner-bauarbeiter

 

 

 

MEDIEN UNTER BESCHUSS

Mexiko: Lage weiter besorgniserregend nach Tötung von zwei Journalisten in Chiapas

Die Gewalt gegen Medienschaffende hat im Süden von Mexiko zwei neue Opfer gefordert. Innerhalb von zwei Tagen wurden in den Bundesstaaten Chiapas und Guerrero zwei Journalisten getötet.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2021/11/255317/mexiko-ermordung-journalisten-chiapas

 

Alle 13 Stunden ein Angriff auf Medienschaffende

Anlässlich des Internationalen Tags gegen die Straflosigkeit für Verbrechen an Journalist*innen am 2. November zog die Organisation für Pressefreiheit Artículo 19 ein trauriges Resumée: 145 Medienschaffende wurden in Mexiko seit dem Jahr 2000 wegen ihrer Arbeit ermordet. Allein in diesem Jahr seien es bereits sieben gewesen, informierte Artículo 19. Zuletzt traf es den Fotoreporter Alfredo Cardoso Echeverría. Er wurde am 29. Oktober in der Pazifikstadt Acapulco verschleppt und später mit Schusswunden aufgefunden. Am 31. Oktober erlag er in einem Krankenhaus seinen Verletzungen. Am 28. Oktober erschossen Unbekannte den Journalisten Fredy López in San Cristóbal de las Casas im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas.

https://www.npla.de/thema/kultur-medien/alle-13-stunden-ein-angriff-auf-medienschaffende/

 

 Neuigkeiten zu Chiapas und Oaxaca (news@chiapas.ch)

MEXIKO

Migrant*innen-Karawane auf dem Weg in die Haupstadt (30. Oktober)

Eine Gruppe Geflüchteter im Süden Mexikos setzt ihren Weg Richtung Mexiko-Stadt fort. Inzwischen sollen 6.000 Menschen mit der sogenannten Karawane unterwegs sein, die größte seit Beginn der Covid-19-Pandemie. In der mexikanischen Hauptstadt wollen sie vor dem Nationalen Institut für Migration (Instituto Nacional de Migración, INM) gegen die Verzögerung bei Asylanträgen protestieren. Danach wollen die Menschen weiter zur Grenze zu den USA.

Weiterlesen: https://amerika21.de/2021/10/255239/karawane-mexiko

 

Denkmal für „kämpfende Frauen“ statt Kolumbus (25. September)

Mehrere Frauenkollektive haben den Kreisel auf der Verkehrsachse Paseo de la Reforma in Mexiko-Stadt in „Rondell der kämpfenden Frauen“ umbenannt. Auf dem Kreisel befindet sich ein Denkmalssockel, auf dem bis vor Kurzem noch eine Kolumbusstatue stand. Dutzende Aktivist*innen haben dort nun eine Holzfigur mit der Silhouette einer Frau mit erhobener Faust aufgestellt. Auf den Sockel selbst schrieben sie die Namen von sozialen Kämpferinnen.
https://www.npla.de/thema/feminismus-queer/denkmal-fuer-kaempfende-frauen-statt-kolumbus/

 

 

HINWEIS

Sa, 13. Nov., Internationalistische Demo gegen Landraub und Unterdrückung.
Glencore zerstört das Land – Nestlé raubt das Wassser, 13.30 Uhr Ni una menos-Platz (ehemals Helvetiaplatz), Zürich.
Mehr Infos: https://barrikade.info/article/4799

 

 

Nicaragua – worum es geht

Sonntag, 7. November 2021

 

Sonia Burrati*

(2.11.21) Von Freitag, dem 29., auf Samstag, den 30. Oktober, hat Twitter plötzlich hunderte von Accounts von nicaraguanischen AktivistInnen, die mit der seit 14 Jahren das Land regierenden sandinistischen Partei verbunden sind, geschlossen. Tags darauf haben zwei weitere Kolosse der Sozialen Medien made in USA, Facebook und Instagram, die Operation wiederholt. Soviel zur gepriesenen Meinungsfreiheit.

Der Versuch, die sandinistischen Netze zum Verstummen zu bringen und dafür jene der Opposition, die vor allem ausländische Call Centers, Informatikplattformen, falsche Accounts und Fake News gebrauchen, die Hass anstacheln und zur Wahlabstinenz aufrufen, wuchern zu lassen, gliedert sich in eine lange Reihe von Angriffen auf das sandinistische Projekt ein.

Themen wie Menschenrechte, politische Gefangene, Meinungsfreiheit, diktatorischer Autoritarismus oder mangelnde Rechtsstaatlichkeit dienen dabei den verschiedenen Oppositionskräften, ihren internationalen Verbündeten und gewissen Sektoren einer konfusen europäischen und lateinamerikanischen Linken als Hebel, um die Glaubwürdigkeit der sandinistischen Regierung sowohl im Ausland wie auch in ihrer eigenen Basis zu unterminieren.

Ist das globale Szenarium erst geschaffen, sind Zweifel gesät und der richtige Ton angeschlagen, um zunehmend Erstarrung, Ungläubigkeit, Enttäuschung und Wut zu generieren, werden diese Schritte erfolgen: internationale Isolierung, Nicht-Anerkennung der Wahlresultate und fortlaufend neue Wirtschaftssanktionen. Damit soll die Unzufriedenheit in der Bevölkerung geschürt und das Land unregierbar gemacht werden.

Am 7. November sind rund 4.4 Millionen NicaraguanerInnen zur Wahl von Präsident, Vize und Parlament aufgerufen. Zur Wahl treten neben der sandinistischen Regierungspartei FSLN mehrere Gruppierungen aus dem pulverisierten liberalen Spektrum, darunter der Partido Liberal Constitucionalista (PLC) des Ex-Präsidenten Arnoldo Alemán (1997-2001), der evangelische Camino Cristiano (CC) und die indigene Partei Yatama an. Ausgeschlossen sind wegen einer Reihe von Unregelmässigkeiten der Partido Conservador (PC), im letzten Jahrhundert das Alter Ego des PLC, die Ciudadanos por la Libertad (CxL) des früheren Banquiers und mehrfachen Präsidentschaftskandidaten Eduardo Montealegre und der kaum bekannte Partido de Restauración Democrática (PRD).

Nach dem misslungenen Umsturzversuch von 2018 haben CxL und PRD ihren Parteistatus den beiden Hauptkräften der Opposition angedient: der Alianza Ciudadana (Unternehmer, traditionelle liberale PolitikerInnen, katholische Kirchenhierarchie, Ex-Contras, studentische Zirkel) und der UNAB (NGOs, ex-sandinistische Dissdenz, Ex-Contras und bäuerische und studentische Zirkel). Ausgeschlossen wurden auch mehrere mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten aus dem nationalen politischen und wirtschaftlichen Spektrum. Sie hatten ihre Absicht zu kandidieren schon angekündigt und sind jetzt im Gefängnis. Sie werden verschiedener Delikte beschuldigt, von Triangulierung von Finanzmittel über Geldwäsche bis zu Verbrechen gegen die Gesellschaft und die nationale Sicherheit und Integrität.

Worum geht es jetzt also? Nicht nur um Wahlen, wo aller Voraussicht nach Daniel Ortega wieder die Präsidentschaft und der FSLN die parlamentarische Mehrheit gewinnen werden, sondern um einen Konflikt zwischen einem Modell, das in weniger als 15 Jahren die Armut gemindert und den Reichtum verteilt hat, und der Rückkehr in die Nacht des Neoliberalismus.

Laut dem Wahlrat CNE sind 49.4 % der Wahlberechtigten zwischen 16 und 35 Jahr alt, davon sind 9.2 % zum ersten Mal zur Wahlbeteiligung aufgerufen. Insgesamt mehr als 2.1 Millionen potentielle WählerInnen, die weder den Krieg und den Aufstand gegen die Diktatur der Somozas, noch die 10 Jahre der Revolutionsregierung von 1979-1989 und die blutige US-Aggression erlebt haben, und von denen nur ein kleiner Teil vage Erinnerungen an die neoliberale Epoche hat. Weitere 19.2 % haben jene tragischen Jahre (1990-2006) weitgehend miterlebt. M. a. W. haben 70 % der am 7. November zur Wahl Aufgerufenen wenig oder keine eigenen Erfahrungen, um die beiden Modelle zu vergleichen.

Schauen wir uns also die Fakten an. Vor dem Umsturzversuch und der folgenden Covid-19-Pandemie und den beiden verheerenden Wirbelstürmen von Ende 2020 ist die allgemeine Armut von 48.3 % auf 24.9 % reduziert worden und die der extremen Armut von 17.6 % auf 6.9%.

Seit dem erneuten sandinistischen Regierungsantritt 2007 sind 21 neue Spitäler gebaut und weitere 46 restrukturiert worden. Errichtet wurden auch 1’259 Gesundheitsposten, 192 Gesundheitszentren und 178 Gebärhäuser. Zudem wurden 66 bei Antidrogenoperationen beschlagnahmte Camions zu mobilen Kliniken umgebaut, die letztes Jahr fast 2 Millionen Besuche absolviert und Medikamente gratis ausgegeben haben.

Landesweit erhalten mindestens 1.2 Millionen Kinder in allen Mensen der Primarschulen täglich ein warmes Essen. Das hat zur Reduktion der Mangelernährung um 46 % bei den Unter-Fünfjährigen und um 66 % bei den 6-12-Jährigen beigetragen. Die Kindersterblichkeit wurde um 61 %, die Müttersterblichkeit um 70 % reduziert.

2003 ging die Hälfte der Nicas nicht mehr als 3.5 Jahre zur Schule. Nur 30 % schlossen die Grundschule ab. Heute ist der verfrühte Schulabgang von 24 % auf 4 % zurückgegangen.

Die Wohnungsfrage ist ein altes Problem in Nicaragua. Seit 2007 sind 158'000 Häuser neu- oder umgebaut worden. 235'000 Männer und 193'000 Frauen erhielten einen Haustitel. In den 16 Jahren der neoliberalen Regierungen waren es weniger als 10'000. Ein Gebiet von mehr als 40'000 km2 (31 % des nationalen Territoriums) wurde 314 indigenen Gemeinschaften in Form von nicht-übertragbaren Eigentumstiteln überschrieben.

2007 stammten 80 % des Stroms in Nicaragua aus fossilen Brennstoffen. Heute werden 80 % aus erneuerbaren Energien gewonnen. Das Stromnetz deckt nicht mehr nur 54 %, sondern 99 % des nationalen Territoriums ab. 2006 war der Zugang zu Trinkwasser in den städtischen Gebieten zu nur 65 % gesichert, heute zu 92 %. Das Ziel bis 2026 sind 98 %. Auf dem Land betrug der Zugang 28 %, heute sind es 55 %, Ziel bis 2026 sind 85 %.

Kalkuliert haben mindestens 25'700 LandwirtInnen Kredite in der Gesamthöhe von $ 548 Millionen erhalten. In diesen 14 Jahren sind rund 6’000 Kooperativen mit 318'000 Mitgliedern entstanden.  Das Ergebnis ist, dass Nicaragua heute 90 % des im Land verzehrten Essens selber herstellt.

Die rund 24'000 Kleinunternehmen schaffen 70 % der Arbeitsplätze. Mehr als 800'000 haben Darlehen von pro Jahr insgesamt $ 18 Millionen zu einem Jahreszins von 5 % für wirtschaftliche Aktivitäten erhalten.

Fortschritte gibt es auch bei gleichen Chancen und Gendergleichheit. Laut dem Global Gender Gap Report von 2020 ist Nicaragua in 13 Jahren von Position 62 von 153 Ländern auf Position 5 vorgerückt.[1] Danach hat Nicaragua die Geschlechterkluft um 80 % reduziert und belegt Rang 1 bei Gesundheit und Überleben, Erziehung und Frauenvertretung in den Ministerien und Rang 3 in Sachen politisches Empowerment.

Auf der anderen Seite herrscht «mehr vom Gleichen», also bei den Sektoren, die 16 Jahre lang regiert und enorme Mengen von Familien verarmt, Basisdienstleistungen privatisiert und sich dem Diktat der multilateralen Finanzinstitutionen unterworfen hatten.

So gesehen, sollten wenig Zweifel bezüglich der Lage aufkommen. Dennoch wird es angesichts eines internationalen, zur Delegitimierung der Wahlresultate bereiten und als Echokammer von Washington und Bruxelles fungierenden Medienapparates für die sandinistische Regierung und Ortega selber wichtig sein, die Nicas von der Wichtigkeit der Wahlbeteiligung zu überzeugen. So sollen sie ihre Unterstützung für eine bald 15-jährige Erfahrung und das vorgeschlagene Modell ratifizieren.

·        altrenotizie.org, 2.11.21: Nicaragua, la posta in gioco

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Managua: Eröffnung eines Wahllokals heute früh. Bild: Nicoletta.

 (zas) Natürlich sind Angaben zu Sozialmassnahmen nicht alles. Aber ohne sie stimmt nichts. Natürlich sind WEF und andere transnationale Quellen zu Themen wie Geschlechtergerechtigkeit alles andere als massgebliche Instanzen. Aber wer (im Mainstream und auch in seinem «linken» Begleitchor) nur den sexuellen Missbrauch Daniel Ortegas an seiner Stieftochter oder das reaktionäre Abtreibungsverbot erwähnt, ohne die eindeutige Tendenz zu einem wirtschaftlichen Empowerment der Frauen aus den Unterklassen mit zu reflektieren, lügt. Bei einem erwarteten sandinistischen Sieg werden ab morgen Montag jene, die in «opportunen» Putschen gegen gewählte Regierungen routiniert eine Reformchance sehen, händeringend von Wahlbetrug sprechen. Vielleicht brauchen wir etwas länger, um einschätzen zu können, ob es dem FSLN gelungen ist, aus den Wahlen ein Plebiszit für sein Modell zu machen, oder ob Missmut und «Apathie» ein unübersehbares Warnsignal ausgesendet haben.

 



[1] Anm. d. Ü.: Quelle: WEF. In dessen Report von 2021 liegt Nicaragua auf Platz 12.