Honduras: Delegation im Bajo Aguán

Samstag, 11. Dezember 2010

Eine deutsch-österreichische Solidelegation hält sich zurzeit in Honduras auf. Aus ihrer Homepage

http://hondurasdelegation.blogspot.com/

 

Freitag, 10. Dezember 2010

4. Tag - Räumungen und Straßenblockade in Bajo Aguán

Panamá – Räumung einer Landbesetzung

„Wir schliefen noch, als wir plötzlich Lärm hörten und 200 Polizisten, Militärs und private Sicherheits­kräfte auftauchten, um uns zu vertreiben!“ Die junge Mutter Reina steht zusammen mit ihren vier Kindern neben dem, was vor drei Stunden noch ihre Hütte war, und erzählt uns von der Räumung ihrer Gemeinde. Um uns herum dutzende, aus Ästen und Palmblättern zusammen­geschnürte Häuserskelette unter dem schattenspendenen Ölpalmendach. Die Planen, die die Hütten bedeckten, sind aufgeschlitzt oder brennen langsam vor sich hin. Ein beißender Geruch nach Plastik liegt in der Luft. Fünf Meter weiter halten die schwer bewaff­neten Polizisten und Militärs Stellung. 


Die Räumung der Siedlung auf dem besetzten Land bei der Gemeinde Panamá in Bajo Aguán ist kein Einzelfall. Eine halbe Stunde davon entfernt passiert zur gleichen Zeit dasselbe, und die nächsten Tage sollen weitere besetzte Gebiete geräumt werden. Die Ländereien gehören Miguel Facussé, dem einflussreichsten Unternehmer und Großgrundbesitzer in Honduras, der nicht nur die Bäuerinnen und Bauern in der Hand hat, sondern ebenso die (illegitime) Regierung Porfirio Lobos und die Gerichte. Und so sind die Forderungen auf das Recht auf eigenes Land fast vergebens. 

Während der Regierung Zelayas waren einige Fortschritte gemacht worden in Richtung einer gerechteren Landverteilung in Bajo Aguán. Durch den Putsch wurden diese jedoch unter­brochen, wodurch die BäuerInnen-Bewegung MUCA (Movimiento Unificado Campesino del Aguán) wieder einige Gebiete Facussés besetzte. Im April 2010 schlossen die MUCA, die Regierung Lobo und Facussé sowie zwei andere Großgrundbesitzer einen Vertrag ab. Die versprochenen Ländereien haben die Bäuerinnen und Bauern jedoch bis jetzt noch nicht erhalten.


„Und jetzt?“, fragen wir Reina. Sie hat keine Antwort. Um eine gewaltsamere Aktion der Militärs zu vermeiden, wartet die Gruppe von Angehörigen der honduranischen Menschen­rechts­plattform und nationalen und internationalen JournalistInnen, bis die BäuerInnen mit dem wenigen Sack und Pack in zwei Busse steigen. Gemeinsam fahren wir zu der Gemeinde Guadalupe Carney, wo sie provisorisch in der Schule unterkommen. 

Guadalupe Carney – eine organisierte Gemeinde besetzt die Landstrasse

Benannt nach einem befreiungstheologischen Pfarrer, der Anfang der 80er Jahre von Militärs erschossen wurde, stellt das Dorf mit rund 700 EinwohnerInnen heute eine der bestorganisier­testen Gemeinden im nördlichen Honduras dar. Die Landreform hatte den in Anbau- und Ve­rarbeitungskooperativen organisierten Familien Land zugeteilt, doch als die Titel dafür aus­blieben, besetzten die BäuerInnen eine Reihe von Fincas, die vormals als Ausbildungszentrum im Contrakrieg in der Region gedient hatten. Facussé konnte diese Anfang der 90er Jahre illegal von der Bezirksregierung erwerben und fordert horrende Entschädigungssummen vom Landwirtschaftsministerium.


Fünf Tote und zahlreiche Verletzte ist die Bilanz der letzte Angriff der privaten Sicherheitskräfte des Magnaten Facussé. Vor acht Tagen wurde darüber hinaus ein junger Mann beim Angeln am Fluss erschossen; ein Junge, der ihn begleitete liegt mit Schussverletzungen im Kranken­haus. Es ist ein Krieg niederer Intensität der hier gegen die Angehörige der BäuerInnengewerk­schaft MCA geführt wird, der in zunehmendem Maße an den Konflikt in Kolumbien erinnert. Dies ist kein Zufall, hat Facussé doch auch dort Land. Augenzeugen berichten, dass seine Privatarmee dort ausgebildet wurde.

Seit zwei Tagen halten die BewohnerInnen Guadalupe Carneys eine Blockade auf der  Land­strasse zwischen Trujillo und Tocóa. Diese drohte schon am Mittwoch geräumt zu werden. Doch aufgrund der Anwesenheit der aus Tegucigalpa angereisten 50-köpfigen Delegation versuchen Militär und Polizei sich bedeckt zu halten und die Militarisierung der Zone nicht ganz so öffentlich werden zu lassen. Während dessen geht die Hetzkampagne in den putschloyalen Medien weiter, die die BäuerInnengewerkschaften als schwerbewaffneten Gruppen darstellen.